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Full text of "Robert Schumann Tagebücher Bd2"

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ROBERT SCHUMANN 
Tagebucher 

Band II 
1836-1854 

HERAUSGEGEBEN VON GERD NAUHAUS 



Stroemfeld/Roter Stern 



Stroemfeld/Roter Stern, Basel und Frankfurt am Main 

Lizenzausgabe mit Genehmigung des Originalverlages 

VEB Deutscher Verlag fur Musik Leipzig 

© VEB Deutscher Verlag fur Musik 1987 

Printed in the German Democratic Republic 

ISBN 3-87877-298-X 



Inhaltsverzeichnis 



Vorwort 9 

Zur Edition 19 

Tagebuch8:28.7. 1836-28. 10. 1837 21 

Tagebuch 9, l.Teil: 29. 10. 1837-21.9. 1838 .... 43 

Tagebuch 10 — Reisenotizen IV: Reise nach Wien, 

27.9.-4.10.1838 67 

Tagebuch 9, 2. Teil: Aufenthalt in Wien, 3. 10. 1838 

bis 1. 1. 1839 . 72 

Tagebuch 11: 20. 3. 1839-4. 9. 1840 86 

20.3.-26.10.1839 87 

Resumee 18. 12. 1839-4. 9. 1840 96 

Tagebuch 12 — Ehetagebuch I (Robert und Clara 

Schumann): 12. 9. 1840-8.7. 1841 . 98 

Tagebuch 13 — Ehetagebuch II (Robert und Clara 

Schumann), 1. Teil: 9. 7. 1841-18.2. 1842 .... 174 

Tagebuch 14 — Reisenotizen V: Hamburg, 

18.2.-12.3.1842 201 

Tagebuch 13 (Robert und Clara Schumann), 2. Teil: 

18.2.-19.9.1842 206 

Reise nach Danemark, 10. 3.-26. 4. 1842 209 

Reise nach Bohmen, 10.-19. 8. 1842 235 

Tagebuch 15 — Ehetagebuch III (Robert und Clara 

Schumann), 1. Teil: 20. 9. 1842-24. 1. 1844 .... 248 

Tagebuch 16 — Reisenotizen VI, 1. Teil: Rufiland, 

25. 1.-31.5. 1844 . 277 



6 Inbaltsverzeichnis 

Tagebuch 15, 2. Teil (Clara Schumann): Rufiland, 

25. 1.-31.5. 1844 316 

Gedichte Robert Schumanns aus Moskau 374 

Tagebuch 16, 2. Teil: Harz, 10.-18. 9. 1844 .... 387 

Tagebuch 17 — Reisenotizen VII: Bonn/Thuringen, 

31.7.-12.8.1845 392 

Tagebuch 18, 1. Teil: 9. 3.-1.6. 1846 397 

Anhang (undatiert) 402 

Tagebuch 19 — Reisenotizen VIII: Norderney, 6.— 15. 7. 

und 21.-25. 8:1846 403 

Reisen 1818-1851 405 

Tagebuch 20 — Reisenotizen IX, 1. Teil: Wien, 

24.-26.11.1846 409 

Tagebuch 18, 2. Teil: Wienjanuar 1847 . 411 

Tagebuch 20, 2. Teil: Ruckreise von Wien, 

21. 1.-4.2. 1847 412 

Reisenach Berlin, 10. 2.-25. 3. 1847 414 

Tagebuch 18, 3. Teil: Sommer 1847/Fruhling 1850 . . 421 

Tagebuch 21 — Reisenotizen X: Juli/August 1851 . . . 422 

Reise in die Schweiz, 19. 7.-5. 8. 1851 423 

Reise nach Antwerpen, 16.— 21. 8. 1851 428 

Tagebuch 22 — Reisenotizen XI: Marz, Juni/Juli und 

August/September 1852 430 

Reise nach Leipzig, 5.— 22. 3. 1852 431 

Reise an den Rhein, 26. 6.-7. 7. 1852 433 

Reise nach Scheveningen, 12. 8.-16. 9. 1852 .... 434 

Tagebuch 23 — Reisenotizen XII: November/Dezember 

1853 und Januar 1854 440 

Reise nach Holland, 24. 11.-22. 12. 1853 441 

Reise nach Hannover, 19.-30. 1. 1854 447 

Anmerkungen 451 

Verzeichnis der Abkiirzungen und Siglen 45 1 

Verzeichnis der erwahnten Kompositionen, Komposi- 

tionsplane und literarischen Arbeiten Schumanns . . . 563 



Inhaltsverzeichnis 7 



Personenregister .... 

Ortsregister 

Verzeichnis der Abbildungen 



Vorwort 



Der ungeheuren Fiille und Reichhakigkeit Schumannscher Auf- 
zeichnungen aus den Jugend- und Studienjahren 1827 bis 1833, 
die im ersten Band unserer Ausgabe nahezu vierhundert Druck- 
seiten einnehmen, tritt nun im zweiten Band ein nicht weniger 
vielfaltiges autobiographisches Material an die Seite. Die hier 
dargebotenen 16 Tagebiicher und Reisenotizhefte umspannen — 
unter Einschlufi einiger, mit fortschreitenden Jahren immer gro- 
fier werdender Liicken, die jedoch mit Hilfe der bereits im 
Druck vorliegenden Haushaltbucher auszufullen sind — den 
Zeitraum von Ende Juli 1836 bis Ende Januar 1854, also den 
wohl wesentlichsten Teil von Schumanns menschlicher und 
kiinstlerischer Existenz. 

Der Beginn dieser Spanne, von Schumann als seine »reichste 
und bewegteste 2eit« hezeichnet, also die reichlich drei Jahre 
vom Fruhjahr 1833 bis zum »triiben Sommer 1836« 1 , konnen 
wir, aufier im Spiegel brieflicher Aufierungen 2 , nur in Form 
eines knappen Resumees an uns voruberziehen lassen, das im 
November 1838 in Wien niedergeschrieben wurde und bis zum 
August 1837 reicht. (Insofern »iiberlappen« sich scheinbar erster 
und zweiter Band unserer Tagebuchreihe.) Ein gleiches gilt fur 
die »schwere Zeit« 3 vom Dezember 1839 an, die sich freilich bis 
zum Tag der Eheschliefiung am 12. September 1840 ins Gliick- 
liche wendet, wovon der im Februar dieses Jahres einsetzende 
»reiche Liedersegen«, der einem neuen Aufbruch in Schumanns 
Schaffen gleichkommt, Zeugnis ablegt: auch sie wird im Tage- 
buch nur resumierend behandelt. 

Um so bedeutungsvoller erscheint die detaillierte Selbstdarstel- 
lung Schumanns aus dem Zeitraum von 1836 bis 1839, die in der 

1 Dieses und das vorhergehende Zitat aus Tb I (siehe das Verzeichnis 
der Abkurzungen und Siglen, S. 452), S. 419 und 422. 

2 Vgl. aufier den Briefausgaben von Erler, Jansen und Clara Schumann 
neuerdings: Clara und Robert Schumann, Brierwechsel. Kritische Ge- 
samtausgabe, hg. von Eva Weissweiler, Bd. I (1832—1838), Basel/ 
Frankfurt am Main 1984, Bd. II (1839), ebd. 1987, Bd. Ill (1840 ff.) in 
Vorbereitung. 

3 Dieses und alle folgenden, nicht naher gekennzeichneten Zitate aus 
dem vorliegenden Band. 



10 Vorwort 

Dokumentation des einerseits so schmerzlich-enttauschenden, 
andererseits fiir die Klarung seiner Lebensplane so immens 
wichtigen halbjahrigen Aufenthalts in Wien gipfelt. Dem voran 
gehen, zu Beginn unseres Bandes, die Schilderungen der unruhi- 
gen Monate der Entfremdung und Trennung von Clara Wieck 
— musikalisch charakterisiert etwa durch die leidenschaftlich- 
gespannte C-Dur-Fantasie, aufgehellt durch nur wenige Licht- 
punkte wie den Besuch Chopins in Leipzig, die ersten Begeg- 
nungen Schumanns mit Mendelssohn — , und die mit den »selig- 
sten und reinsten Tagen« vom August 1837 beginnende Zeit 
erneuerten Gllickes und intensiven musikalischen Schaffens, der 
die Davidsbiindlertanze und Fantasiestucke, die Kreisleriana 
und Novelletten entstammen. Das am Ende in volliger Entzwei- 
ung mundende Verhaltnis zu Friedrich Wieck bildet die dunkle 
Folie dazu, wenngleich es zunachst noch hoffnungsvolle Mo- 
mente kennt, deren einer Schumann zu dem Satz hinreifk: »Hab 
ich den alten Kerl doch lieb wie meinen Vater!«, woran er sich 
fiir den Rest seines Lebens nur ungern erinnert haben wird. 
Dem oft abrupten Wechsel der Stimmungen und des Lebensge- 
ftihls scheint die Abreise nach Wien im Herbst 1838, die Schu- 
mann seinen »erste(n) mannliche(n) Schritt« nennt, ein Ende 
machen zu wollen, doch auch diese Epoche bringt — wie, in er- 
hohtem Mafie, die nachfolgende mit dem aufreibenden Prozefi 
gegen Wieck — noch der Ungewiftheiten und Zweifel genug. 
Erst die Verheiratung und das nahezu ungetrubte Zusammenle- 
ben mit Clara ermoglichen so etwas wie ruhiges Behagen, das 
dann gelegentlich sogar das Schumann einst so verhafite Phili- 
stertum streift, etwa wenn er (unter Zustimmung Claras) es als 
die schlimmste Crux im Menschenleben bezeichnet, nicht — es- 
sen zu konnen. 

Die drei von September 1840 bis Anfang 1844 gemeinsam bzw. 
im Wechsel gefuhrten Tagebiicher stellen jedenfalls einen ganz 
eigentlimlichen Komplex im Gefiige von Schumanns autobio- 
graphischen Aufzeichnungen dar, in dem — freilich meist in lite- 
rarisch geglatteter, harmonisierter Form — uns »Szenen einer 
Ehe« von hochstem Interesse vorgeftihrt werden. Die in neueren 
Veroffentlichungen 4 oft uberspitzt dargestellte Problematik die- 
ser Verbindung, die ihre Wurzeln in Anpassung an und vorsich- 
tiger Auflehnung gegen iiberliefertes »RolIenverhalten« hat, wird 
dabei hinreichend deutlich. Die drei groEen Konzertreisen nach 
Danemark (1842), Rufiland (1844) und Holland (1853) vermo- 

4 Vgl. insbesondere Borchard, B.: Robert Schumann und Clara Wieck, 
Bedingungen kiinstlerischer Arbeit in der ersten Halfte des 19. Jahr- 
hunderts, Weinheim 1985. 



Vorwort 11 

gen paradigm a tisch auf je eigene Weise diese Problematik, so- 
weit sie aus der Bindung Clara Schumanns an ihren Beruf als 
Pianistin resultiert, zu erhellen: Die Danemark-Reise unter- 
nimmt sie allein und wird prompt — trotz erfreulicher kiinstleri- 
scher Ergebnisse — von Sehnsucht und Gewissensbissen gequalt, 
wahrend der daheimgebliebene Schumann geradezu Anfalle von 
Haltlosigkeit erleidet, zu spielen und zu trinken beginnt, am 
Ende Mafinahmen zur Selbstdisziplinierung ergreifen mufi. Auf 
der Rufiland-Reise fungiert Schumann als Reisebegleiter, der 
beim Versuch, auch Impresariogeschafte zu iibernehmen, sofort 
scheitert, ja regelrecht erkrankt, dann durch die wenig zahlrei- 
chen Auffiihrungen eigener Werke kaum Genugtuung erfahrt 
und nur durch die bunte Vielfalt des Gesehenen und Erlebten 
einigermafien entschadigt wird. Erst die Holland-Reise bringt 
beiden Partnern (trotz der tragikomischen Episode bei Hofe, da 
Schumann gefragt wird, ob er »auch musikalisch« sei) voile Be- 
friedigung, denn Schumann erfahrt hier als Komponist und Diri- 
gent mindestens ebenso groEe Ehrungen wie seine Frau. 
Freilich wird das »normale«, alltagliche Eheleben eher von ge- 
genteiligen Mechanismen bewegt worden sein, so daE Clara 
haufigj und zwar subjektiv durchaus mit Uberzeugung, ihre 
eigenen Wiinsche und Bedlirfnisse zurtickstellt. Wir diirfen uns 
fragen, ob eine wirkliche, alien Teilen (auch den Kindern!) ge- 
recht werdende Losung der hier nur angedeuteten Probleme 
und Diskrepanzen iiberhaupt moglich oder denkbar ist, und 
werden wahrscheinlich die Antwort offenlassen. Keinem Zweifel 
sollte es allerdings unterliegen, dafi Clara und Robert Schumann 
aus ihrem gemeinsamen Schicksal alien Schwierigkeiten zum 
Trotz das Bestmogliche gemacht haben, was unter den gegebe- 
nen Bedingungen — historisch-gesellschaftlichen, kiinstlerischen 
wie personlichen — nichts Geringes war. 

Aus den Texten der gemeinsamen Tagebucher wird der Leser 
ein zutreffendes Bild ihres Zusammenlebens in den ersten Ehe- 
jahren, zugleich aber auch ein Bild ihrer nach Temperament, 
Bildung, Interessen und sonstigen Eigenschaften sehr verschie- 
denen Personlichkeiten gewinnen konnen. Insofern ist hier ein 
unschatzbares, menschlich anrtihrendes Material zum erstenmal 
vollstandig ausgebreitet, das seinesgleichen sucht. Dariiber hin- 
aus werden wir konfrontiert mit dem Niederschlag einer impo- 
nierenden Fiille gemeinsamer Erlebnisse und Eindriicke der 
Ehegatten, bilden die zahlreichen Berichte iiber Theater-, Kon- 
zert- und Ausstellungsbesuche, Bekanntschaften, Lekture und 
natiirlich nicht zuletzt die Entstehung, Auffiihrung und Publika- 
tion eigener Kompositionen Robert und Clara Schumanns einen 
reichen Fundus biographischer wie zeitgeschichtlich relevanter 



12 Vorwort 

Erkenntnisse, zu deren weiterer Vertiefung der Anmerkungsteil 
beitragen will. 

Daft uns in den Blattern der Ehetagebiicher auch Befremdliches, 
ja Abstofiendes begegnet, schmalert nicht ihren Zeugniswert, be- 
triibt aber gerade den Freund und Verehrer des Kiinstlerehe- 
paars Schumann. So konnen die Aufierungen einer beinahe un- 
terwurfigen Verehrung der Person Metternichs im Zusammen- 
hang mit dem Besuch bei diesem im August 1842, mogen sie sich 
selbst auf Goethe berufen, kaum entschuldigt, sondern nur er- 
klart werden mit einer unkritischen Hingabe an die Faszination 
der »groften Manner«, wie sic Schumann — gewifi unserem Ver- 
standnis greifbarer — auch fiir Napoleon hegte. Ganz abseitig 
muten uns allerdings die bei beiden Ehegatten gelegentlich an- 
zutreffenden und im Zeitzusammenhang nicht iiberzubewerten- 
den antisemitischen Aufierungen an, wenn sie — wie in einem 
Falle geschehen — sich gegen den sonst stets mit Bewunderung 
und Liebe genannten Mendelssohn kehren. Das Faktum er- 
scheint uns als eine Entgleisung schlimmer Art, fiir deren gleich- 
sam ungewollt-extremen Charakter ihre Einmaligkeit spricht. 
Wenn wir im Zusammenhang der Ehetagebiicher noch einmal 
auf die grofie Rufiland-Reise zuruckkommen, die deren Ab- 
schlufi bildet, so bemerken wir, daft ihre Schilderung nach 
Quantitat und Qualitat einen besonderen Schwerpunkt des vor- 
liegenden Bandes darstellt, ja gewissermaften in dessen Zentrum 
stent. Wir erleben hier den seltenen Fall einer Darstellung aus 
doppelter Perspektive, genauer gesagt: die Ausarbeitung, Berei- 
cherung (gelegentlich aber auch Miftdeutung!) und »Literarisie- 
rung« eines lakonischen Textes von Schumanns Hand durch 
Clara Schumann. Der Vergleich beider Schilderungen nach In- 
halt und Stil ist aufterst aufschluftreich, wird auch am Ende das 
stoffliche Interesse uberwiegen, da derartige Reiseberichte aus 
der ersten Halfte des vorigen Jahrhunderts nicht eben zahlreich 
greifbar sind. Gewifi — Franz Liszt reist vor dem Ehepaar Schu- 
mann nach Rufiland, Adolph Henselt wie eine Reihe anderer 
deutscher Kiinstler leben gar jahrelang dort. Dennoch erfahren 
wir aus Robert und Clara Schumanns Notizen viele unbekannte 
und neuartige Details, die unsere Kenntnis russischen Lebens 
und russischer Kultur wesentlich bereichern 5 . Was auf die Rei- 
senden selbst zuweilen wie ein exotisches Abenteuer gewirkt hat, 

5 Wahrend Eugenie Schumann in ihrer auszugweisen Veroffentlichung 
der Ehetagebiicher ihrer Ekern (Schumann, E.: Robert Schumann. 
Ein Lebensbild meines Vaters, Leipzig 1931) den Bericht von der 
Ruftlandreise vollig ausspart, erschien dieser in russischer Uberset- 
zung (gekurzt) in: Zitomirskij, D.: Robert i Klara Suman v Rossii, 
Moskau 1962, S. 94-176. 



Vorwort 13 

fasziniert auch uns und lafit die Lekture zum hohen Genufi wer- 
den. 

Unter den ubrigen in diesem Band enthaltenen Tagebuchern 
diirfen noch einige weitere die erhohte Aufmerksamkeit des Le- 
sers beanspruchen. Es sind die Aufzeichnungen von jenen Rei- 
sen des Ehepaars Schumann, die kunstlerischen Zwecken die- 
nen, also aufier den zuvor genannten die (allerdings eher enttau- 
schende) nach Wien (1846/47), die sich fast unmktelbar an- 
schliefiende nach Berlin, die Fahrt nach Antwerpen (1851) und 
die Reisen nach Leipzig (1852) und nach Hannover (Januar 
1854), welch letztere den Band und Schumanns Tagebuchnoti- 
zen uberhaupt abschhefit. 

Doch auch die restlichen Reiseschilderungen, in denen uns Ro- 
bert und Clara Schumann als Erholungsuchende oder lediglich 
als »Touristen« begegnen — die Notizen von den Reisen nach 
dem Harz (Herbst 1844), nach Thiiringen (Sommer 1845), der 
Insel Norderney (Sommer 1846), in die Schweiz (Sommer 
1851), an den Rhein und ins Seebad Scheveningen (Sommer 
1852) — sind reizvoll und anregend durch die Vielfalt der Beob- 
achtungen wie manches historische oder kulturhistorische Streif- 
licht 6 . 

Hervorgehoben sei schlieElich noch jenes Notizheft der Jahre 
1846 bis 1850, das im Geftige unseres Bandes eine Sonderstel- 
lung (auch infolge der notwendigen Aufspahung in mehrere 
Teile) einnimmt. Es enthalt in lockerer Folge verschiedene von 
Marz 1846 an datierte Eintragungen, die sich von fruheren Auf- 
zeichnungen Schumanns abheben und eher wie Materialien zu 
einer Autobiographic wirken, wie er sie tatsachlich zu diesem 
Zeitpunkt plante 7 . Vergleichen liefien sich die Notizen, in denen 
u. a. Begegnungen mit Mendelssohn, Fnedrich Hebbel, Jenny 
Lind und anderen Kunstlern festgehalten sind, am ehesten mit 
den bruchsttickhaften Erinnerungen Schumanns an den Erstge- 
nannten 8 , die ebenfalls zu spaterer Ausarbeitung bestimmt wa- 
ren. Von groEtem Interesse sind die vier undatierten Abschnitte 
in diesem Heft 9 , in denen sich Schumann, wie sonst kaum je- 
mals, gleichsam objektivierend zu seinen Kompositionen und 

6 Fiir die Beurteilung der materiellen Situation des Ehepaars Schumann 
ist der aus dem Text nicht ohne weiteres ersichtliche Umstand erwah- 
nenswert, dafi die Reisenden fast ausnahmslos in den »ersten Hausern 
am Platz« Iogieren. 

7 Vgl.TbIII,S.416. 

8 Erinnerungen an Felix Mendelssohn Bartholdy. Nachgelassene Auf- 
zeichnungen von Robert Schumann, hg. von Georg Eismann (Faksi- 
mile, Ubertragung und Kommentar), Zwickau 2 1948. 

9 VgL das Faksimile der Handschrift, Abb. 11 in diesem Band. 



14 Vorwort 

seiner Schaffensweise aufiert. Gerade sie legen, abgesehen von 
ihrem besonderen inhaltlichen Wert, die Vermutung nahe, der 
Komponist habe die Notizen dieses »Kurztagebuchs« (wie es 
von Georg Eismann bezeichnet wurde) einem autobiographi- 
schen Bericht zuordnen wollen. 

Was in den Vorbemerkungen zur Edition von Schumanns Haus- 
haltbuchern iiber die »psychologische Bedenklichkeit« seines ge- 
legentlich zur Manie werdenden Hanges zur Selbstbeobachtung 
und zu deren schriftlicher Fixierung gesagt wurde, kann auf die 
in diesem Band dargebotenen Tagebiicher kaum angewandt 
werden. In keinem wesentlichen Punkt, ausgenommen die un- 
verwechselbare Charakteristik des Schreibers und seinen eigen- 
willig-pragnanten Stil, diirften sie sich von Niederschriften an- 
derer Personlichkeken des 19. Jahrhunderts mit kunstlerischem 
Ambiente unterscheiden, und ganz gewifi nicht durften aus ih- 
nen Ruckschltisse auf pathogene Komponenten von Schumanns 
Personlichkeit gezogen werden. Nur an verhaltnismafiig weni- 
gen Stellen bemerken wir iiberhaupt, dafi wir es mit einem nicht 
lediglich ubersensiblen, auch zeitweise hypochondrischen, son- 
dern tatsachlich kranken Mann zu tun haben — und da ist es 
stets korperliches Leiden, keine »Geistesverwirrtheit«, was sein 
Befinden beeintrachtigt. (Wie klar und »gesund« — auch im 
Schriftbild 10 — wirken beispielsweise die Notizen aus Hannover, 
knapp vier Wochen vor dem Selbstmordversuch niedergeschrie- 
ben!) 

Wir stellen fest, daG besonders die Ehetagebucher, aber auch 
viele Aufzeichnungen aus der davor- und die meisten der da- 
nachliegenden Zeit ein gefestigtes Selbstgefuhl des Komponisten 
offenbaren, dem, nach einem Wort Ferdinand Hillers 11 , »ein 
schaffender Kiinstler zu sein, sei es in Worten oder Tonen, . . . 
das Hochste« bedeutete. Und wenn er dennoch nicht immer frei 
ist von »jener letzten Kiinstlerskepsis, die sich gegen Kunst und 
Kunstlertum selber richtet« (Thomas Mann 12 ), so ehrt ihn das 
mehr, als es robuste Unanfechtbarkek tate, ist dies doch eine 
Skepsis, »von der man sagen kann, dafi alle Kunstleranstandig- 
keit in ihr beruht« . . . 

Hiermit konnten wir es der Entdeckungslust des Lesers iiberias- 
sen, sich in die Texte und Erlauterungen dieses Bandes zu ver- 
tiefen. Doch mogen einige weitere Bemerkungen zu unserer 

10 Vgl. das Faksimile, Abb. 15 in diesem Band. 

1 1 In: Hiller. F.: Briefe an eine Ungenannte, Koln 1877. S. 87. 

12 Vgl. den Aufsatz »Der alte Fontane«, in: Mann, Th.: Aufsatze, Re- 
den, Essays, Bd. I (1893-1913), Leipzig 1983, S. 192. 



Vorwort 15 

Ausgabe nicht iiberfliissig erscheinen. Sie betreffen zum einen 
die Uberlieferung der Tagebiicher und Reisenotizen Schumanns 
sowie der Ehetageblicher Robert und Clara Schumanns. Die 
letztgenannten wurden bekanntlich bereits durch Berthold Litz- 
mann in seiner Clara-Schumann-Biographie 13 , einige Jahrzehnte 
spater durch Eugenie Schumann in dem »Lebensbild« ihres Va- 
ters 14 in kiirzeren und langeren Ausziigen zitiert bzw. veroffent- 
licht. Obwohl anscheinend Abschriften der Ehetagebucher in 
Familienbesitz waren 15 , bestand Marie Schumann in ihrem 1925 
mit dem Rat der Stadt Zwickau geschlossenen Vertrag, betref- 
fend die Uberlassung von Teilen des elterlichen Nachlasses (die 
1926 erfolgte), darauf, die Autographen versiegelt zu iiberge- 
ben, und kniipfte daran obendrein die Klausel, dafi die Siegel 
erst 10 Jahre nach dem Tod der zuletzt verstorbenen der Schwe- 
stern Marie und Eugenie gelost werden durften. Das geschah, 
nachdem Eugenie am 25. September 1938 verstorben war, laut 
vorhandenem Protokoll am 8. November 1948 16 . Die iibrigen 
Tagebiicher und Reisenotizhefte waren bereits 1921 mit dem 
riesigen Konvolut des sogenannten schriftstellerischen Nachlas- 
ses in das Zwickauer Schumann-Museum gelangt und wurden in 
der Folgezeit, wie bekannt, von mehreren Forschern, darunter 
vor-allem von W. Boetticher 17 , zu Publikationen herangezogen. 
Ebenso wie die im ersten und dritten Band unserer Ausgabe pu- 
blizierten Dokumente werden sie hier erstmals in chronologi- 
schem Zusammenhang, ungekiirzt und wissenschaftlich kom- 
mentiert dargeboten. 

Es sei weiterhin ein Wort zu dem spaten Erscheinen des zweiten 
Bandes der Tagebuchreihe, mehr als anderthalb Jahrzehnte nach 
dem von Georg Eismann vorgelegten ersten, erlaubt. Die Ver- 
spatung hangt zusammen mit dem durch Eismanns Tod (1968) 



13 Siehe Verzeichnis der Abkurzungen und Siglen, S. 452. 

14 Vgl. Anmerkung 5. 

15 Vgl. den — dort allerdings fehlenden — Vermerk »Copirt« auf den 
Titelseiten mehrerer Tagebiicher. Einer solchen Abschrift folgt 
wahrscheinlich Eugenie Schumann (siehe Anmerkung 5). 

16 Das Protokoll ist den Autographen beigelegt. Vgl. auch: Eismann, 
G.: Robert Schumanns Ehetagebucher entsiegelt, in: Musik und Ge- 
sellschaft 1, 1951, S. 279, und 2, 1957, S. 7ff. 

17 Boetticher, W.: Robert Schumann. Einfuhrung in Personlichkeit und 
Werk, Berlin 1941; ders., Robert Schumann in seinen Schriften und 
Briefen, Berlin 1942; ders., Robert Schumanns Klavierwerke. Neue 
biographische und textkritische Untersuchungen, Tl. I (op. 1—6), 
Wilhelmshaven 1976, Tl. II (op. 7-13), Wilhelmshaven 1982 
(= Quellenkataloge zur Musikgeschichte, hg. von Richard Schaal, 
Bd. 9 und 10 A). 



16 Vorwort 

notwendig gewordenen Wechsel der Herausgeberschaft und, in 
zweiter Linie, damk, dafi der gegenwartige Herausgeber bis 
zum Herbst 1982 mit den Arbeiten fur die Edition der Haushalt- 
biicher befafit war und sich erst danach dem umfangreichen Ma- 
terial fur diesen Band widmen konnte. 

Wahrscheinlich ware trotzdem eine noch langere Vorberei- 
tungsfrist notig gewesen, hatte ich (d. Hrsg.) nicht auf ausge- 
zeichneten Vorarbeiten zu den Anmerkungen und Registern 
(namentlich aus Recherchen in Leipziger Bibliotheksbestanden 
gewonnen) fufien konnen, die Renate Hofmann im Auftrag des 
Verlages zu der Edition beisteuerte. Ihr gilt daher mein beson- 
ders herzlicher Dank. 

Von Georg Eismann, der in den fiinfziger und sechziger Jahren, 
aufbauend auf Forschungsergebnissen Martin Kreisigs, die Ge- 
samtausgabe der Schumann-Tagebucher vorbereitete, lagen mir 
— teilweise durch Martin Schoppe und Renate Hofmann durch- 
gesehene und iiberarbeitete — Rohiibertragungen nahezu aller 
Dokumente vor, die im vorliegenden Band vereinigt sind. Auch 
diese Arbeiten habe ich dankbar benutzt, allerdings nur zu Ver- 
gleichszwecken, da ich mich von Anfang an fur eine vollstandige 
Neuiibertragung entschieden hatte. Die Verantwortung flir die 
jetzt vorliegende Textgestalt und -anordnung trage ich also al- 
lein. Zu letzterer ist zu bemerken, dafi ich, nach reiflicher Uber- 
legung und abweichend von dem im Falle der Haushaltbucher 
gewahlten Verfahren, eine strikt chronologische Ordnung der 
Texte hergestellt und gelegentlich kleinere Umgruppierungen 
von TextstUcken (die jeweils in Fufinoten referiert werden 18 ) 
vorgenommen habe. Das geschah einzig im Interesse eines bes- 
seren Leseflusses und brachte keine grofieren Unzutraglichkei- 
ten mit sich als die gelegentliche Aufspaltung eines Tagebuchs in 
zwei oder (in einem Fall) drei Teile, deren Zusammengehorig- 
keit an der Numerierung ersichtlich ist. Gleichfalls zum Vorteil 
des Lesers ist die Angabe von Monat und Jahr der jeweiligen 
Aufzeichnung in einer Kopfleiste gedacht 19 . 

Herausgeber und Verlag danken dem Eigentiimer der Tage- 
buch-Handschriften, dem Robert-Schumann-Haus Zwickau, 
fur die Erlaubnis zur Veroffentlichung. Der Herausgeber weifi 
sich zahlreichen Personen und Institutionen fiir ihre Unterstiit- 
zung bei der Vorbereitung dieser Ausgabe sowie bei der Zusam- 

18 Vgi. »Zur Edition«, S. 19f., Nr. 8. 

19 Dabei bedeutet der Zusatz »(R)« (fur »Rekapitulation«), dafi es sich 
um einen wiederholenden Bericht handelt und die gleichen Daten 
bereits zuvor auftauchen. 



Vorwort 1 7 

menstellung der Corrigenda- und Addendaverzeichnisse zu den 
beiden anderen Banden der Edition zu Dank verpflichtet, so den 
Damen und Herren Prof. Dr. Bernd Baselt (Halle [Saale]), Prof. 
Dr. Lars Clausen (Kiel), Dan Fog (Hellerup), P. Hampton Fro- 
sell (Kopenhagen), Dr. Renate Grumach (Berlin- West), Eva- 
Maria Hirschfeld (Offenbach), Susanne Hoy (Berlin), Dr. Ce- 
cile Lowenthal-Hensel (Berlin-West), Dr. Reinhard Kapp 
(Miinchen), Janina Klassen (Hamburg), Barbara, Kilian und 
Walter Nauhaus (Halle [Saale]), Janis Osolm (Basel) Michael 
Schnucke (Baden-Baden), Prof. Dr. Daniel W. Shitomirski 
(Moskau) und Dr. Eva Weissweiler (Koln); weiterhin dem Ar- 
chiv der Ernst- Moritz-Arndt-Universitat Greifswald, der Nie- 
dersachsischen Staatsarchiv Biickeburg und den Stadtarchiven in 
Diisseldorf, Frankfurt/Oder, Freiberg, Grimma, Halle/Saale, 
Karl-Marx-Stadt, Schneeberg und Weimar; der Ratsbibliothek 
Berlin, der Staatsbibliothek Preufiischer Kulturbesitz Berlin- 
West, der Staats- und Universitatsbibliothek Bremen, der Sachsi- 
schen Landesbibliothek Dresden (Musikabteilung), der Biblio- 
thek des Museums fiir Geschichte der Stadt und der Universitats- 
bibliothek der Karl-Marx-Universitat in Leipzig, der Stadt und 
Bezirksbibliothek Magdeburg, der Bayerischen Staatsbibliothek 
Miinchen, der Stadtbibliothek Niirnberg, der Bodleian Library 
Oxford und der Ratsschulbibliothek Zwickau; den Staatlichen 
Museen zu Berlin (Kupferstichkabinett und Nationalgalerie), 
den Staatlichen Museen Preufiischer Kulturbesitz Berlin-West 
(Nationalgalerie), den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden 
(Miinzkabinett) und dem Museum der bildenden Kiinste Leip- 
zig; dem Verlag Stroemfeld/Roter Stern in Basel und Frank- 
furt/Main, dem Heinrich-Heine-Institut und der Robert-Schu- 
mann-Forschungsstelle in Diisseldorf, dem Kirchenbuchamt 
Leipzig, der Kreisorganisation Saalfeld des Kulturbundes der 
DDR und der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. 

Ich danke meinen Kollegen und Freunden Dr. Bernhard R. Ap- 
pel (Diisseldorf), Bodo Bischoff (Berlin- West), Joan Chissell 
(London), Dr. Joachim Draheim (Karlsruhe), Dr. Hans Joachim 
Kohler (Leipzig) und Dr. Michael Struck (Loptin) fur Rat und 
Hilfe sowie Dr. Martin Schoppe fiir die groKziigige Gewahrung 
von Arbeitszeit und -moglichkeiten. 

Dieses Buch widme ich meiner Frau Ursula (auch eingedenk ih- 
rer treuen Hilfe bei der Manusknptdurchsicht) und unseren 
Kindern Martin und Julia. 

Zwickau, im April 1986 Gerd Nauhaus 



Zur Edition 



Die Editionsprinzipien entsprechen im wesentlichen den in 
Band I (1971) und Band III (1982) dieser Ausgabe angewand- 
ten, mk Ausnahme dessen, dafi eine streng chronologische Ord- 
nung der einzelnen Tagebiicher bzw. Tagebuchteile hergestellt 
wurde. Im ubrigen erfolgt die Wiedergabe des Textes buchsta- 
bengetreu nach den Autographen. Die Gestaltung der Anmer- 
kungen und Register wurde ebenso wie in Band III der Ausgabe 
vorgenommen. Bei Erwahnung musikalischer, literarischer und 
bildkunstlerischer Werke, die keiner besonderen Erlauterung be- 
durften, sind im Text die Namen der Verfasser bzw. Urheber er- 
ganzt. 
Im einzelnen gelten folgende Richtlinien: 

1. Die originale Seitenzahlung wird durch aus dem Satz her- 
ausgestellte Zahlen angegeben. 

2. Seiten- bzw. heftverkehrt geschriebene Notizen werden am 
Anfang und Ende durch einen Pfeil (f ) gekennzeichnet. 

3. Notizen, die nicht von Schumanns Hand stammen, sind 
durch den Namen des Schreibers bzw. die Bezeichnung 
»Unbekannter« zu Beginn der Eintragung (in Vers alien) ge- 
kennzeichnet. Der Wiederbeginn von Schumanns Schrift ist 
ebenso angegeben. 

4. Die von Schumann in der Regel benutzte deutsche Schreib- 
schrift ist in Antiqua, die lateinische in Kursive wiedergege- 
ben. 

5. Unterstreichungen in der Handschrift erscheinen im Druck 
als Sperrung, unterstrichene Ziffern sind kursiv wiedergege- 
ben. Hochgestellte Endsilben von Ordnungszahlen werden 
auf Zeilengrund gesetzt. 

6. Erganzungen und Zusatze des Herausgebers stehen in ecki- 
gen Klammern ([]). Ist eine Lesart nicht gesichert, so wird 
ein Fragezeichen in eckigen Klammern dahintergesetzt. 

7. Von Schumann, Clara Schumann bzw. von fremder Hand 
gestrichene oder radierte, aber dennoch lesbare Stellen wer- 
den in spitzen Klammern (()) stehend wiedergegeben. 

8. Uber nicht lesbare oder durch Streichung bzw. Rasur un- 
kenntlich gemachte Textstellen, Verschreibungen und ahn- 



20 Zur Edition 

liche Besonderheiten der Handschrift sowie iiber vom Her- 
ausgeber vorgenommene Textumstellungen wird in Fufino- 
ten referiert. Sie sind im Text durch einen hochgestellten 
Rhombus (O) und fiir jedes Tagebuch bzw. jeden Tage- 
buchteil gesonderte Numerierung angezeigt. 
9. Alle inhaltlichen Erlauterungen sind in den Anmerkungen 
am Schlufi des Bandes gegeben, die im Text durch hochge- 
stellte Zahlen angezeigt werden. Diese Zahlen sind in Klam- 
mern gesetzt, wenn bei rekapitulierenden Texten auf bereits 
fruher gegebene Erlauterungen verwiesen werden soil. 
10. Die sogenannten Faulheitsstriche (m, n) und eine Reihe all- 
gemeinverstandlicher Abkiirzungen wurden beibehalten. 
Abgekiirzte Vornamen wurden nicht erganzt, wenn der Fa- 
milienname folgt. 



Tagebuch 8 

28.7.1836-28.10.1837 



Robert-Schumann-Haus Zwickau, Signatur 4871 /VII A/a 5 

Das Heft (in ursprunglicher Zahlung Tagebuch 5) hat einen ori- 
ginalen Kartonumschlag mit dunkelblauer Auflenseite und um- 
fafit 17 Blatter im Format 13,4 X 8,6 cm. Von Schumann sind 
alle 34 Seiten sowie die 1., 2. und 3. Umschlagseite mitTinte be- 
schrieben. 

Die Paginierung wurde mit Bleistift von fremder Hand vorge- 
nommen. In der gleichen Handschrift ist die Signatur auf der als 
Seite 35 gezahlten 3. Umschlagseite unten eingetragen. 
Das Tagebuch ist fadengeheftet und wurde nach Archivierung 
zusammen mit den Tagebtichern 9 und 1 1 (ursprungliche Zah- 
lung: 6 und 7) in einem schwarzen Kalikoeinband, Format 
23,5 x 14,4 cm, vereinigt. Dessen Titelschild tragt aufier der Si- 
gnatur folgende Aufschrift: 

Robert Schumann 

Tagebuch 5: 28.7.1836-28.10.1837 

Tagebuch 6: 29.10.1837-18.9.1838 

Wiener Aufenthalt 9. 1838-1. 1839, 

Tagebuch 7: IIL-X. 1839 und 

XII. 1839-IX. 1840 



22 1836/37 -Juli 1836 

[1. Umschlagseite] 

Vom 28sten Juli 1836 
bis 28 October 1837. 



[2. Umschlagseite] 

Menschenverzeichnifi vom 

von Breitenbauch ^ 

Taubert. 

Rochlitz. 

Fuchs a. Petersburg. 

David. 

Dr. Keferstein. 

C. F. Miiller. 

Ortlepp. 

Pdgner. 

Franz Otto. 

Kahlert. 

Laube. 

Ernst Schunke a. Stuttgart. 

Banck. 

Chopin. 

Nowakowsky a. Warschau. 

Hering a. Dresden. 

Stamaty. 

Dr. Frank a. Breslau. 

Lipinski. 

Stegmayer. 

Mendelssohn. 

Mosewius a. Breslau. 

E. Franck a. Breslau. 

Frau von Goethe. 

Mad. Fischer-Maraffa. 



August 1836-October 1837. 
Zimmermann a. Berlin 
Bock a. Berlin. 
J. B. Grofi. 
Walthervon Gothe. 
Th. Dohler. 
Henriette Carl. 
Ludwig Berger. 
W. St. Bennett. 
A. Pott. 

Brzowski a. Warschau. 
van Geldern a. d. Haag. 
Tedesco. 
Reissiger. 
Molique. 
Nanette Oswald. 
Henriette Grabau. 
Gebriider Ganz. 
Moritz Schlesinger. 
Ghys. 
Hummel. 
Genast. 

Lobe. Eberwein. 
Robena Laidlaw. 
Graf Reufi. 
Dr. Kiihne. 
Max Bohrer. 



u.A. 



2 Am 28sten July 1836. Tag Beatrix. 

Friih H[au]ptmann v. Breitenbach 1 , der zum Concert still 
schwieg, wenigstens zum lsten Satz. Nachmittag iiber Trio's 
von Dobrzzynsky pp. geschrieben mit Unlust 2 . Abends bei 
Voigt, wo Taubert a. Berlin, auch Rochlitz zugegen. Spielte sein 
Quartett mit Ulrich [J Miiller u. Grenser. Alles frisch, aber von 
einer gewissen Prosa; Scherzo ausgenommen, worin er iiber- 
haupt glucklich [.] Aufierdem iiber Minnelieder phantasirt. Viel 



01 Recte: Breitenbach. 

02 Notiz Clara Schumanns am Kopf der Seite: »Copirt.« 



Juli/Augmt 1836 23 

gesungen: ein Judenlied sticht vor, wie alles Komische von s.[ei- 
ner] Hand. Anektoden v. Ole Bull, die er erzahlt. Wir wollen die 
Sonate nicht sinken lassen. Die Voigt spielte mit U.[hlrich] eine 
v. Bach, die wie gewohnlich auf mich wirkte. Vergniigt. R.[och- 
litz] war bei C.[lara Wieck] gewesen, die ihm die Sonate 3 vorge- 
spielt. Privates mit Eleonoren. — Am 29sten Abschied v. Tau- 
bert. — Abend mit Voigt's auf d. See.^ 3 
Am 30sten Juli. — 

Ein junger Fuchs a. Petersburg. Erz&hlt wie Knecht. — Abends 
mit David spatzieren. Erzahlungen aus den Kinderjahren. 
Sonntags, 31 July -36. 

Friih Quartett bei David. B=Dur quart.[ett] v. Beethoven [op.] 
130 zum lstenmal gehort. Endziel. Dann die empfohlenen 
Quartett und Quintett von Fuchs 4 . Erfreulich. Frtih im Kaffee- 
baum eine Mad. d'Alnancourt, die viel Aehnlichkeit mit d. Mut- 
ter. Abends Mad. D.[evrient] zuruck. — 
Mittwochs, 3 August. 
Dr. Keferstein aus Jena besucht mich. 
Donnerstags. 4. Aug.[ust] 

Ebenfalls. Ihm vorphantasirt. Er den Kopf geschiittelt. 
Freitag. 5. Aug.[ust] 
Wenig gearbeitet iiberhaupt 
Sonnabend. 6 Aug.[ust] 

Friih C. F. Miiller mit Quartetten. Spater Pogner. Rezension 
iiber Hiller mit grofiem Widerwillen gearbeitet 5 , 
Ortlepp ist mit s[einem] Trauerspiel fertig. 
Sonntag, 7. Aug.[ust] 

Friih Quartett bei mir. David, Klengel, Hunger, Grenser. Aufier- 
dem Miiller, Reuter (u), Schleinitz u. Breitenbach. 

B dur von Beethoven 

Quintett v. Fuchs 

A Moll v. Mendelssohn. 
David sp.[ielt] noch eine Fuge f. Violini vom Alten v. Berg 6 . Gar 
grofies Vergniigen daran. Mit David vierhandig. Etwas wiister 
Tag u. Stimung. Freudiger entzuckender Himmel seit einiger Zeit. 
Montag, 8^ Aug.[ust] 

Friih Burgunder 05 . Bei Kitzing Breitenbach. Ich sinne auf ein 
Quintett fiir Streichinstrumente u. P[iano]f[or]te zu 4 
H[an]den. 
Abends mit dem Dr. [Reuter] einen^ 6 Spaziergang nach dem al- 

03 Die Bemerkungen ab »Am 29sten« nachtraglich mit kleinerer Schrift 
eingefiigt. 

04 Urspriinglich »9«, durch »8« iiberschrieben. 

05 Das folgende Wort nicht lesbar. 

06 Danach ein gestrichener, nicht lesbarer Wortanfang. 



24 August /September 1836 

ten Rittergute an einem idealischen Sommerabend. Erzahlung 

iiber Walt's Vorhaben. 

Dienstag, 9 Aug.[ust] 

Nach Tisch Fuchs a. Petersburg, ein etwas eiliger Geselle, aber 

fein. 

Mittwoch, 10 Aug.[ust] 

Berlioz schikt mir seine Ouverture 7 . Abends bei Poppe 

Ortlfejpp^ 7 ; fort sollte: auch David. 

Donnerstag; 11 Aug.[ust] 

Ueber Klein's u. Reissiger's Trios 8 . Briefe 9 . Rahel angefangen 10 . 

Freitag, 12 Aug.[ust] 

Claratag. Mit dem Dr. [Reuter] bei Burgunder, dann Franz 

Otto. 

Abends die Hauser York u. Lancaster 11 bei Poppe, (nach David) 

Sonnabend, 13 Aug.[ust] 

Auroratag. Wenig tibereinstimmend. Gebaren^ 8 

Sonntag, 14 Aug.[ust] 

Fast nur Rahel. Abends weifte u. rothe Rose. 

Montag, 15 Aug.[ust] 

Rahel. Gewitterhaft Alles. Abends desgl. 

Dienstag bis Freitag. 16—19 Aug.[ust] 

Nichts. Rahel am meisten. Die Rosen fangen zu stechen an 

Sonnabend, 20 Aug.fust] 

Friih Kahlert a. Breslau. Im St.[adt] Berlin mit ihm, David u. 

dem Dr. [Reuter.] Abends bei mir bis 1 1 Uhr. 

Sonntag, 21 Aug.[ust] 

Bei Voigts mit Kahlert zu Tisch; mit ihm nach Zweinaundorf. 

Abends im Hotel de Baviere. 

Montag^ 9 (Dienstag), 22. Aug.[ust] 

Ideen zum Trio. 

Dienstag, 23<> 10 Aug:[ust] 

Mit Ortlepp, Kahlert im Hotel zu Tisch. Laube. Abends I G Blitz 

von Halevy 12 . 

Mittwoch, 24 Aug.fust] 

Rahel. Triophantasien. Abschied v. Kahlert. Starker Abend. 

Vom 25sten August bis 7 September Dienstag^ 11 . 

Schunkens Bruder, Ernst. Mit ihm am 4ten (Constitution[s- 



07 Die folgenden (2 oder 3) Worte nicht lesbar. 

08 Das auf der folgenden Zeile stehende abgetrennte Wortende nicht 
lesbar. 

09 »Montag« liber der Zeile eingefiigt. 

OlO Urspriinglich »22«, die zweite »2« durch »3« iiberschrieben. 
Oil »Dienstag« unter der Zeile eingefiigt. 



September 1836 25 

fest] 13 ) bei Primavesi. Folgen. Du. Abends Boule (David, 
Bank^ 12 — ) Rakemann a. Bremen, still u. bescheiden. 
Brief v. Keferstein 14 . 

Am 6ten frlih schlimm im Kopf u. Herz. Herumgeirrt. Abends 
in St. Thecla. Gottesacker. Alteste Erinnerungen mit dem Dr. 
[Reuter] durchgesprochen. Herbstabend. 
Am Isten im Hotel de Baviere zu Tisch gegessen. 
Am 9ten mit dem kl. Giinz in Connewitz zu Mittag. Schlafen 
auf d. Wiese im Regen. Dann fiirchterl. Gieften u.^ 13 Idee zu 
Beitrag f. Beethoven 15 . 
Am 8 ten. 

Verstimung. Zum Arbeiten angestrengt. Abend Concert der Ra- 
kemanns in Pologne 16 . Clara [Wieck] von Weitem. 
9. 10. 11. Bose Tage. Am llten Abends im Don Juan [von Mo- 
zart]. Wahrhaftes Schwelgen u. Gesunden. 
Am 12 fruh Chopin 17 , Nowakowsky, Raimund Hartel. »Seine 
Ballade ware mir das liebste« das ist mir sehr lieb; das ist mir 
sehr lieb 17 A . 

Hon nicht gern uber seine Werke sprechen. Durchwarmung[?] 
durch u. durch. Mit ihm zum Taylor Heise »der Rock ist gut, 
aber der Preis ist schlecht«. Nach W[ieck]*s Haus gebracht 18 . 
Nach Tisch zu Eleonoren. Die Begegnung Tags vorher bestatigt 
sich.O 14 _ - 

Zu Dr. Hartel. Sein Spielen fur Mendelssohn. Ruhrend anzu- 
schauen am Clavier war er. Neue^ 15 Etiiden in C-Moll, in As- 
dur — in F-mo\\ — alte Masurka in B — zwei Neue — neue Bal- 
lade 19 — Notturno in Des. Ueber Liszt berichtet er Aufierordent- 
liches. Er (Chopin) corrigire nie; konne keine Druckfehler se- 
hen; Liszt auKerordentlich viel, konne auf jedem Klimperkasten 
zum Entzucken spielen. Zu Raimund 'H. [artel] Sein Schuler 
Gutmann a. d. Konig v. Portugal in Heidelberg. Wundervolles 
Spiel auf einem neuen nach franzosch. Art gebauten 
P[iano]f[or]te. Etude in E-Moll irr ich nicht, und zwei der obi- 
gen. — Bring ihm Sonate u. Etuden von mir, gibt mir Ballade — 
Einpacken. Post. Kiinstlich zu Eleonoren gebracht. Neu Not- 
turno gespielt, Etude in C Moll, in F Moll, in As Dur (wie oben 
u. eine reizende in reinen Harpeggien in C-Dur. Abschied. 
Fort. Fort. 
Aril 16ten Freitag. Theodor von Tilly, guter Junge mit Talent 

012 »Bank« in der folgenden Zeile rechts neben »Rakemann a.« ste- 
hend; durch geschwungene Trennungslinie hierher verwiesen. 

013 Das folgende Wort nicht lesbar. 

014 Das folgende Wort nicht eindeutig lesbar; evtl. »Erfahrnisse«. 

015 »Neue« uber der Zeile eingefiigt. 



26 September 1836 

zur Liederlichkeh. Concert v. Haslinger angekommen 20 . Nach- 
mittag Pohle mit Dank f. d. Rezension 21 . Eduard [Schumann] 
aus Zwickau. 

Am 17ten. Sonnabend. Friih Nowakowski, der schon viel u. 
recht gespielt: dann zu David gebracht. Emilie [Uhlmann] aus 
Schneeberg. 

Am 18 ten. Etuden componirt mit grofier Lust u. Aufregung 22 . 
Den ganzen Tag am Clavier. Bei Poppe Abends Hering a. Dres- 
den, Oratoriencomponist. 

Am 19ten Montag. Friih Stamaty. Zur Voigt mit ihm. Dann 
Nowakowsky. Unerhortes Aprilwetter seit einigen Tagen, 
schone Morgen, wechselnde Tage, regnerische Abende. Mit d. 
Italianer u. Polen zu David, wo Dr. Frank aus Breslau. Abends 
im Baviere viel Champagner. 

Am 20sten Dienstag friih fiirchterlich krank. Nach Tisch Mu- 
sik bei mir — Nowakowsky, David, Stamaty, Dr. Frank u. Reu- 
ter, Wenzel. David spielt unvergleichlich Sonaten v. Bach, die 
Ciaccona u. eine in E-Dur. Abends im Hotel, die Cholera riickt 
naher. 

Am 21sten. Mittwoch. Friih Hering, Pendant zu Lyser, der 
ihm den Tod geschworen. Nach Tisch um 4 Uhr mit Stamaty 
Duets [?] von Bach u. Marsche v. Schubert gespielt. Liebenswiir- 
diger Mensch; kdmmt wie gerufen. Abends mit ihm zu Eleono- 
ren; ich in gut moquanter phantastischer Laune. St.[amaty] 
spielt passabel schlecht vor. Komische Stimmung auf einmal; eb- 
net sich wieder. Eduard [Schumann] abreisend. 
Am 22s ten Donnerstag. Bei Tisch Lipinski mit Nowakowsky, 
bringt Griifie v. Thomson, Moscheles, Mainzer. Ueber Ole Bull, 
dafi er kein Musiker ware. Haumann war ein guter Variation- 
spieler, konne sich aber in irgend Tiefercombinirtes niemals fin- 
den, wie in einem Spohr'schen Quintett, das er in Frankfurt von 
ihm gehort. Ueber Baillot, da8 er der gebildetste unter den Aus- 
landern, aber dennoch einem deutschen Musiker nicht zu ver- 
gleichen ware. So hatte er Thalberg'en, nach dem dieser ge- 
spielt, gefragt, er miisse viel Mozart u. die Classiker studirt ha- 
ben u. dgl. — . 

Lobte Moscheles sehr, auch Bennet, der nach Leipzig komen 
wolle 23 , Broadwood gabe das Geld dazu. Ueber Habeneck, die 
Pariser Conservatoirconcerte. Das Scheue, mit den Augen Un- 
ruhig fragende hat Lipinski noch immer; sonst sehr liebevoll, be- 
scheiden. — Gegen Abend mit Ortlepp aus dem Globe iiber- 
setzt 24 . — Nach dem Theater 25 im Hotel mit Stegmayer, Lipinski 
zusammen. Zu viel Champagner. Stegmayer iiber Gomis u. Ha- 
levy; meine Wuth u. seine Ahnlichkeit mit Hering. 
Am 23sten. Freitag. Friih krank wie imer. Giinz jun. Bei 



September /Oktober 1836 27 

Tische Mendelssohn u. herzliches Wiedersehen »er ware Brauti- 
gam«. 1st glticklich; glaubte »er ware behext v. 

9 d. Madchen u. ich sollte sie nur erst sehen« 25A . Ueber Vieles 
aber fliichtig. Zur Rechten Lipinski u. Nowakowsky, die wenig 
mit der Linken sprachen. Mendelssohn aufgeraumt, rothbakig. 
Ganzliche Unlust zur Arbeit u. kiinstliche angreifende Anstren- 
gung. Abends einen Augenblick zu Voigt's, die sehr hausbacken. 
Dann im Hotel David u. Dr. Frank. Mendelssohns Schwester 
war angekornen, ebenso Mosewius aus Breslau, mit dem ich 
noch nicht gesprochen. Frank viel iiber Hesse in Breslau u. dafi 
er ein stummer Hering ware. 

Am 24sten. Sonnabend. Bekanntschaft mit Mosewius. Ueber 
Hesse, Kahlert. 

Am 25sten. Sonntag. Mit Mosewius spatzieren um die Stadt. 
Ihm vorgespielt. Er bescheiden geschwiegen u. gelobt, obwohl 
mit Kopfschutteln. Im Hotel mit ihm, Lipinsky, David. Viel ge- 
sprochen. 

Am 26sten. Montag. Schones Wetter. Zusamenkunft bei mir, 
Lipinski, Mendelssohn, David, Mosewius, Ortlepp, Nowa- 
kowski, Reuter. Aus dem Quartett wird nichts; dann Mendels- 
sohn mit David u. Grenser burschikos genug d. B Dur Trio v. 
Schubert prima vista u. aufierordentlich. 

Am 27sten, Dienstag fruh. Stamaty von Dresden zuriick. Gu- 
ter Junge, die ganze 

10 Woche iiber angenehme Tischgesellschaft im Hotel v. Lipinski, 
David, Nowakowski, Stamati, Mendelssohn mit Schwester, leb- 
hafte feurige Jiidinn. Dr Frank, dessen Bruder angekornen ist, 
kleiner Mann, aus dem viel werden kann. — Abends im Hotel 
ziemlich schrag Mendelssohn aus Rahel vorerzahlt. Die Schwe- 
ster sah mit stillem Auge zu. 

Am 28sten. Mittwoch. Die ganzen Tage zerstreut u. nicht ge- 
arbeitet. Viel mit Stamaty. 

Am 29sten. Donnerstag. Clara [Wieck] v. Jena zuriik 26 . 
Am 30sten. Freitag. Das Franzosische fleckt 27 . Abends in Ma- 
rie, Max u. Michel [von Blum] 28 mit Stamaty in d. Fremdenloge. 
Von Eleonoren u. C.[lara Wieck] nichts gesehen. 
Am lsten October. Sonnabend. Bei Tische mit Frank iib. 
Breslauer Musikleben. Abends bei Voigts, Lipinski mit Frau u. 
Kind, Rochlitz, Stamaty, Nowakowsky, Dr. Lippert. Hochst 
amusante Laune. Lipinski m. d. Voigt: Sonaten v. Bach: jener 
gut u. schon gespielt, zu theatralisch fast, sie sehr trocken u. 
ohne eigentlich Verstandnifi. Stamaty mit d. Voigt Divertisse- 
ment v. Schubert, zuletzt Amoll Sonate v. Beethoven. Aufieror- 
dentlich gespielt bis auf d. Theatralische. 

11 Ich so munter, wie ein Kind. Lipinski iiber sein Verhaltnifi zu 



28 Oktober 1836 

Paganini in Italien. Ueber neue Violinen. Frohlich Abendessen. 
Die Polin. Lipinski bringt m.[eine] Gesundheit aus. Die Voigt 
mit Stamaty. Zuletzt phant.[asiere] ich im Finsteren Cis Moll- 
Etude u. Notturno von Chopin mit viel Inwendigkeit. In gliik- 
iicher Stimmung auseinander gegangen um 12 Uhr. — 
Am 2ten October. Sonntag. Istes Abonnementconcert (neue 
Ouv. [entire] zu Leonore, Mercadante d. Grabau, Concert v. 
David, Wassertragerfinale, B-dursymphonie) 29 Mit Voigts, Sta- 
maty, der kl.[einen] Lipinska in Aekerleins Keller Champagner 
u. gut unterhalten. Dann im Hotel die ganze Qlique. Kahlert 
war mtide angekomen. 

Am 3ten October. Montags. Abends bei Raimund Hartel Soi- 
ree. Sammtliche Nobili. Bdur Trio v. Beethoven v. Mendelssohn, 
Lipinski u. Grabau gespielt, dann Es dur Quartett, dann Lipin- 
skis Solo. Mendelssohns Gesichter schneiden u. Ungezogenheit. 
Dann um 1/212 Uhr verhungert gesessen u. viel getrunken u. 
beinahe angestofien mit Knif vor Frohlichkeit. Stamaty. Nowa- 
kowsky. 2um Schluft 4stimmige Lieder u. mit Lipinski u. Miiller 
gezecht. Gegen 2 Uhr zu Hause. 

Am 4ten. Dienstags. Fiirchterlich Befinden. Nachricht v. d. 
Tod der Malibran 30 . Brief von 

12 Eleonoren mit Hoffnungen, von denen ich nichts wissen mag. 
Le Petit Meissner. Abends mit Flavio einen Spaziergang. Ueber 
Mendelssohns Despotismus 31 ; begegnet uns. Stark getrunken. 

Am 5ten M i 1 1 w o c h . Angst wegen d. Quartetts bei mir . Plotzli- 
cher Entschlufi. Gute Stimmung. Lipinski, David, Miiller u. 
Grenser Quartett aus F-Moli, u. A moll v. Beethoven u. zuletzt 
d. lste aus dem kl. [einen] in Es Dur; unvergleichlich spielt Li- 
pinsky. Uebrigens waren da auch die Francks, Stegmayer, Sta- 
maty, Kahlert, Voigt, Wenzel, Reuter, u. Zimmermann u. Bock 
a. Berlin, die spater kamen, auch Kammermusikus Drechsel aus 
Dessau. In bester Laune zusammen ins Hotel. Dohler feiner 
Junge u. sehr scheu. Abends bei Mendelssohn Soiree. Die ver- 
lorne Geige. Der kleine Gothe. Die anfeuchtende Lipinska im 
Hotel de Baviere. Trio in D-Dur v. Beethoven, Sonaten v. Bach. 
Die ganze Zeit iiber viel mit Stamaty verkehrt. 
Am 6ten. Dorierstag. Friih Probe von Lipinski. (Abends Con- 
cert. Dann samtliche in's Hotel.) Bei Tisch J. B. Grofi. 
Am 7ten. Freitags. Abends Concert von Lipinski 32 . Ungemei- 
ner Beifall. Dann ins Hotel. 

13 Am 8ten. Sonnabend. Die ganze Zeit uber ohne Gedanken u. 
Arbeitslust, Dennoch heute etwas iiber Phantasien (Bd. 5.29.) 33 
zusammen gebracht. Abends Charitas aufgesucht. Spater mit 
Vetter Pfund viel im Dusel gesprochen bis 12 Uhr. 



Oktober 1836 29 

Am 9ten. Sonntag. Frlih bei Zeiten Stamaty, dann Ortlepp. 
Diesem viel aus dem Carnaval gespielt. Katzenjamer. Die Mor- 
gen iibrigens herrlich blau. Dann zu Voigts. Mendelssohn mit 
Lipinsky u. Grofi Bdur Trio von Beethoven. — Rochlitz. — Doh- 
ler sp.[ielt] Variationen hochst fertig u. vollkomen. — David. — 
Stamaty mit Eleonore ungar. Divertissement [von Schubert]. 
Der stampfende Mendelssohn: machts zu toll 34 . Dann guter 
Tisch u. Wein. Neben Lipinski u. Stamaty. Uebrigens schwach 
u. traurig im Kopf. Die Gesellschaft im Anfang ohne Leben: 
beim Champagner ging's besser. Dann in's Rosenthal. Eleono- 
ren gefiihrt. Zu Hause Brief v. Moscheles 35 . Abends zweites 
Concert 36 . Ganzlich taub gegen Musik. A la sortie les yeux de 
C.[lara Wieck] 37 — Von weitem B. Zu Poppe dann. 
Am lOten Montag. Friih Kahlert u. Franck fort. Von 9 an Li- 
pinski bei mir. Der Carnaval u. seine Freude 38 . Abends mit Ort- 
lepp bis 12 Uhr gebrtitet. Der Schullehrer Hering. 
Am 11 ten Dienstag. Im Feuer Balladen v. B. Klein gespielt. 
Aerger daran. Dann mit Stamati u. Freisleben spazieren. 
Nach Tisch 

14 mit Mendelssohn, David, Lipinski, Stamaty u. dem kl.[einen] 
Frank spazieren. Mendelssohn viel u. lebhaft v. der Malibran er- 
zahlt. Lipinski schone Idee, ihr ein Requiem zu machen, was 
schwerlich zu bewerkstelligen ist. Mendelssohn Feuer u. 
Flamme dafiir. Abends mit Stamaty viel gesprochen. Brindacci 
f?]^ 16 , doch versah ichs tiber Regierungsrath Funkhahnel aus 
Glauchau. Friih nach Hause u. gut geschlafen. 

Vom 12ten bis letzten. Nichts ganz Wichtiges, hochst Interes- 
santes dennoch. Rezension v, Moscheles 39 . La Faneuse 4Q . Con- 
cert von Dohler 41 . Lipinsky nach Dessau 42 . Viel Bayerisch. 
Schein v. Naherung. 

Am 26sten friih d. kleine Gothe. Nachmittag bei der Carl. 
Abends im Theater 43 mit ihr u. Stamaty. Am 27sten Preissym- 
phonie 44 u. Grobheit M[endelssohn]'s in der Probe. Nach dem 
Concert Abschied Essen bei Lipinski. Bis zwolf zusammen. 
Beschaftigung mit Gesang. Composition ganz todt. Abschied v. 
Rakemann. 

Am 30sten friih Ludwig Berger bei mir. Kiinstlerruine. Wehmu- 
thiger Anblick. Bei Tische Bennett zum R Mendelssohn liebens- 
wiirdig. Abends miserabel u. nach 5. Glasern Bier vor Berger ge- 
spielt. Dann in's Hotel, wo Kapellm.feister] Pott a. Oldenburg 
gegenwartig. 

15 Am 31sten. Nothgedrungen gearbeitet. 



30 November/ Dezember 1836 

Am lsten November. Dienstag. Friih bei der Carl. Ihr accom- 
pagnirt. 

Am 2. Mittwoch. Abends Concert der Carl 45 . Nachmittag bei 
Stamati Comp.[ositionen] v. Bennett gespielt. Nach d. Concert 
Champagnerorgie mit Franck. Bennet u. Grofi. Dann Grofi bei 
mir bis 2 Uhr. Viel Champagner. 

Am 3ten. Donnerstag. Todt. Nach Tische mit Mendelssohn 
pp in die Paulinerkirche. Mit Stamati spazieren u. viel gespro- 
chen. S.[eine] Todesideen. Abends 5tes Concert 46 . C.[lara] sehr 
leidend u. schon. Mendelssohn spielt das G-dur Concert v. Beet- 
hoven. 
Im November. 

Brzowski, aus Warschau, von Lipinski empfohlen. 

van Gelder, a. d. Haag, unbedeutend. 

Stamati's Krankhek. 

Seine Fortreise. 

Bund mit Bennett. 
Den 25sten Nov. [ember] Nach dem Concert 47 mit — . Dann mit 
Mendelssohn u. Stamaty bei Voigts. Mein »Nein«. Spater Ball 
bei V.[oigt] 

»Und nun noch eine Bitte« 
16 December. 

Abendspaziergange . 

Schlechtes Wetter, anhaltend 6 Wochen lang. 

Freudiger Brief v. Ernst. 

Arbeit: Sonate fur Beethoven. Bis auf Kleinigkeiten Anf. De- 
zember geendet. 

Reissiger bei mir am 29 November. 

Tedesco aus Prag. 

Todv.Weisse 48 . 

Viel mit Bennett. 

Mendelssohn's Abreise nach Frankfurt 49 . 

Englische Stunde u. Mifi Hadley. 

Erster Satz e.[iner] Sonate in F-Moll 50 . 

»Ueber die Scheu des Musikers, zu denken u. zu schreiben« 

Abendspaziergange . 

Mendelssohn's Abschiedsphantasie im Gewandhause. 

Dem jungen Anger einige Stunden. 

Plane. Thranen. Traume, Arbeiten, Zusamensinken. Aufwa- 

chen. 

Viel Liebes von Unbekannteren. 

Weihnachtabend bei V.[oigt] 

Molique bei mir am 22sten. 



Januar/Februar 1837 31 

17 Januar. 1837. 

Am lsten friih David, als Ehemann. 

Tedesco Abends durchfallend im Concert 51 . Reissiger war da, 

schlangengleich. 

Am 4ten Mendelssohn mit e.[inem] Brief v. Hiller 52 zu mir. 

Ein Magdlein. (a. 5ten, glaub 5 ich) 53 

Am letzten Satz d. F-Moll Sonate geschr.[ieben] 

Aufsatze: der alte Hauptmann, Bennett 54 . 

Bennett im Gewandhause ausgezeichnet 55 . Er gliicklich. Ver- 

dacht^ 17 u. Entdekung. 

Am 18ten Maskenball im Tunnel 56 . — 

Vorsatze. Krankheit. 

Am 20. Molique Abschied. 

Vorher ein Frl. Oswald a. Miinchen. 

Am 22. Mendelssohn bei mir. Spielt seine neuen Fugen 57 . 

Wenig aus d. Hause gekomen. 

Iwanhoe [von Scott]. Ruckert. King John. Der lustige Teufel v. 

Edmonton. Der [Londoner] Verschwender 58 . Macbeth [von 

Shakespeare]. 

Antrag v. Friese 59 . Seitenweg zu Brockhaus 60 . Plane. Besser 

Werden u. Segen. 

Am 30s ten. Der kl.[eine] Gctthe bei mir. Brief von Berlioz 61 . 

Br.[ief] v. Moscheles vorher 62 . 

18 Februar. 1837. 

Im Ganzen wohl gelebt. Am Schlufi des Monats an der »Kunst 
der Fuge« v. Bach abgeschrieben 63 , viel mit alterer Musik (ge- 
schrieben) verkehrt; componirt wenig. Die Sonate in F Moll 
noch iiberlegt. Am 28sten Idee zu e.[iner] Symphonie in Es, u. 
dafi ich sie nie in L[ei]pz.[ig] spielen lasse. Viel gelesen: Heiden- 
reich, Seume, Collin pp zu Motto's fur die Zeitung 64 . Alte Ge- 
danken an Faneuse ganz bei seite geworfen. Mit Friese noch 
nicht ganz abgeschlossen. Viel mit Bennett, Goethe, Franks; mit 
Mendelssohn wenig zusamengekomen, mit David gar nicht. — 
Einiges mit den Gebr. Gunz. — Unangenehmer Vorfall bei Miil- 
lers. — Ohne grofie Casse. — Anger aus Clausthal, u. der 
kl.[eine] Schmidt fangen an regelmafiig in Stunden zu komen; 
spielen m.feine] Compos. [itionen] — Clara [Wieck] nach Ber- 
lin 65 . Zum letztenmal im Concert d. Oswald 66 gesehen. — Hy- 
drooxygenglas 67 . — Schrecklich Wetter imerfort. — Schone Blu- 
men gekauft u. die Stube wie ein Palast reinlich. Das Regal. — 
Brief v. Berlioz in der Gazette vom 19ten Febr.[uar] 68 — Idee 
wegen einer Vereinigung mit Friese. — Die Oswald bei mir. Oft 
bei Voigts. Allda zum P mit Rochlitz 2 Worte gesprochen, mehr 

Ol7 UrsprCinglich »Ent«, durch »Ver« iiberschrieben. 



32 Marz— September 1837 

mit der Grabau. Die kl.feine] Constantin. — Mehr bei Karsten, 

als bei Poppe. Wichtig genug. Mit Lorenz entrirt wegen der Lie- 

derkritik. — 

Briefe v. Beethoven 69 u. Probsts Bruder. 

Nach d. Auffuhrung des Faust [von Spohr] 70 mit Bennett, Frank 

u. Gothe in Auerbachs Keller. Mendelssohn stellt 

19 mir seine Braut vor; Eine bluhende hohe auslandische Rose.— 

Marz. 1837. 

Im Ganzen wenig vollbracht. Unordentlich durcheinander ge- 
lebt. Unbeschreiblich schlechtes Wetter fortwahrend. Fruhlings- 
drangen inwendig. Fortgeschrieben an der »Kunst der Fuge« bis 
Nro. 12 — die Sonate in G-Moll geordnet bis auf die zwei letz- 
ten Seiten, mit denen ich nicht fertig werden kann 71 . 
Von Fremden: Fischhof s Bruder aus Wien bei mir. Manches ge- 
sprochen. 

Am Schlufi des Monats bei Voigts die Gebrtider Ganz aus Ber- 
lin, gute Kerle, mit einer schwarzen feurigen Schwester. Wir 
verliebten uns in wenig Stunden. Dann Moritz Schlesinger aus 
Paris: ich im Katzenjamer etwas. Sein Vorschlag wegen der Zei- 
tung, 

zuletzt Ghys aus Brussei mit Brief von Mainzer 72 , sehr zerstreut 
u. still u. gewohnlich in der Unterhaltung, aber interessanter 
Spieler. 

Die Schroder Devrient sah ich Ende Marz als Fidelio, Romeo u. 
Emmeline 73 . 

20 Drei der erhabensten Kunstgenusse. Fidelio iiber Alles. — Anger 
u. d. kl.[eine] Schmidt komen regelmafiig. 

Am 16ten Marz Paulus v. Mendelssohn 74 . Tags vorher bei ihm 
u. viel mit ihm durchgesprochen, namentlich iiber die 9te Sym- 
phonic v. B.[eethoven] 75 . Keinen Abschied von ihm genomen. 
Am Charfreitag mich am Requiem von Cherubini herrlich erho- 
ben 76 . Die Osterfeiertage waren kalt u. still. 
Mit Bennett viel: einmal mit ihm u. d. kl.[einen] Schmidt nach 
Liitzschena 

Fur die Zeitung fast Nichts geschrieben. Zerstreuung durch die 
Antrage Schlesingers u. Friesens. 



Von da an bis 1. October 1837. 
Wichtigstes. 

Die seligsten u. reinsten Tage meines Lebens vom 12ten August 
bis 13ten September. — Becker, der Schutzgeist 77 . 



Mai- Oktober 1837 33 

Sonnabend Grufi — Sonntag (13 Aug.fust]) Concert 78 , Abends 
Hugenotten [von Meyerbeer] — Montag Erwarten — Diens- 
tag erster BrieP 9 — mit B.[ecker] nach Knauth.[ain] — himm- 
lische Tage nun — am 16 — 18ten Ringe — Am 9ten September 

erstes Sehen in R.[udolph]'s Garten 80 — Am 13ten 81 das Ge- 

witter — Abends — Sonnabend darauf 

21 mit der Familie v. Gerke in's Hotel eingeladen 81A — Dienstag 
darauf in den Kuchengarten — Schwachheit u. Kraft in Minuten 
wechselnd — aufierste Beruhigung durch den Brief v. 25sten 
Sept. [ember] 82 — Aufierste Vorsicht — Nun gilt's. 

Von Anderem. 

Reise mit Bennett u. Gothe nach Zwickau 83 — mit Theresen 
[Schumann] zurtick — (im Mai) — der Abend bei Schlegel — 
Furchterlich Wetter — 

Im Juni Reise nach Weimar zu Gothe 84 — schlecht Wetter — 
Gothe's Haus — Ulrike v. Pogwisch — Frau v. Pogwisch — Ge- 
nast — Lobe — Biirk — Montag — Hummel — Eberwein gesehen 
u. gesprochen — Voigt's gerade da — Gothe's Haus — Grab — 
Im Theater Faust (Kunst) — Gretchen, die Lortzing — Mit Wal- 
ther v. G.[oethe] zuriickgereist — 

Im Juli Reise mit David u. Frau u. Friedrich Kistner nach Zwik- 
kau zum Paulus [von Mendelsson] 85 (Am 12ten) — Veranderung 
von da an in m.[einem] Wesen u. wahrhafte Sehnsucht nach ei- 
ner Frau — Vorher die gute Laidlaw 86 u. schnelles Einverstand- 
nifi — von ihr mit Trauer Abschied genommen — Clara [Wieck] 
in Dresden 87 — 

22 Banck fort [s.[iehe] Zeitung bei Knapp]^ 18/88 — Annaherung des 
Alten [Friedrich Wieck] — Es drangt sich so viel durcheinander, 
dafi ich kaum Alles weifi — 

Im Augenblick wo ich schreibe am 2 ten October friih brauchen 

nur noch zwei diinne Faden mit dem Alten [Wieck] zu reifien, 

dafi Alles aus ware, — wahrend wir nie enger verknupft waren. 

Gestern sah ich sie im Concert 89 — den Heiligenkopf — eine 

stilie Verzweiflung, so eingeschntirt zu sein durch d. A. [ken] — 

Auch Mendelssohn sprach ich zum erstenmal nach seiner Reise 

n. England 90 gestern Abend^ 19 , seine erste Frage »wie ist es 

wahr«? — 

Stegmayer's Untergehen — seine Frau fort — W[ieck]'s rappel- 

kopfisches Wesen — 

Bticher voll hab ich gedacht u. gelitten. 

Der eine Gedanke der Treue tiberwiegt aber Alles — deshalb 

018 Eckige Klammer von Schumann. 

019 Ursprunglich Anfuhrungsstriche, durch das Komma uberschrieben. 



34 Marz-Oktober 1837 

sonderbare Mischung in m.[einer] Erscheinung v. Hohn, 

Spott und wieder Herzlichkeit — 

Dr. R.[euter], treuer Freund — 

St.[egmayer] falsch benomen — 

Nannf, Clara's Gesellschafterin, listig gut, verschwiegen — 

Clara, durchgangig hochst wiirdig — die Voigt's aufier 

a. [Hem] Spiel gelafien — die Mutter [Clementine Wieck] 

iiberlegt u. gut — 
23 Noch Eines — am 4ten — 6ten August Ernestine [von Fricken] 91 
— ihr Brief — unser Sehen — Abschied auf ewig — Vorher boses 
Verhaltnifi zu der Faneuse — u. die Entdeckung im Keller — 



Bennett fortgereist am 12ten Juny — 



Graf Reufi bei mir — Frau v. Goethe — 



Im Juli (Anfang) Composition der seligen Phantasiestucke 
— Im August (20 — letzte) Composition der Davidsbiindler- 
tanze — In dieser Zeit erschienen Carnaval u. Etudes sympboni- 
ques — 



Von Juli die 2[ei]tschr.[ift] bei Friese 



Anger immer lieber gewonnen — d. kl.[eine] Schmidt u. der Tod 
seines Vater's. — 



Dr. Kiihne sehr freundlich den Carnaval angezeigt 92 . 



Sonstiges Kunstverwandtes von Mitte M&rz bis lsten 
October: 

Kunst d. Fuge v. Bach vollendet — Bach's Choralbuch 93 nach u. 
nach durchgespielt — Mit einer Seligkeit componirt wie nie — 
Alles gelingt mir in der Form — 
24 J. B. Grofi im Flug wiederbegegnet u. kurze Unterhaltung bei 
Poppe. — 

Mein Aufsatz iiber die Hugenotten [von Meyerbeer] 94 . — 
Mad.[ame] Fischer-Maraffa. — 



April- Oktober 1837 35 

Mit Max Bohrer schone Stunden verlebt. Der Abend bei Voigts 
mit Rochlkz u. Finks zusammen. — 
Bennetts Geburtstag am 13ten April. — 

Truhn's Bekanntschaft; nach u. nach zurtickgezogen; zu sehr 
Berliner. — 

Briefliche Bekanntschaft mit Henselt, durch Becker eingelei- 
tet 95 . - 

Die Fafimann gesehen. — 
Organist Kohler aus Breslau. — 

Viel mit Anton Gerke verkehrt. Kam aber in das verwickelte 
Verhaltnifi, dafi ich ihn nicht so rein geniefien konnte. 
Ernemann aus Warschau ging rasch durch. — 
Mit Hammermeister einigemal zusamen. Interessanter Mensch. 
— Davids Frau liebgewonnen. — 
Der kleine Willmers viel bei mir. 

Am 4ten August Feuer hier, durch Blitz 96 . Tags darauf kam 
Clara [Wieck] zuriick 97 . Ernestine [von Fricken] war gerade 
da 98 . - 
25 Drobisch aus Miinchen vor seiner Anstellung in Augsburg ein- 
mal bei mir. Zu derselben Stunde auch Dr. Franck aus Bres- 
lau. — 



Auffuhrung des Weltgerichts [von Friedrich Schneider] 99 . — 



v. Rittersberg aus Prag. Endlich etwas zum Ueberdrufi. — 



So weit mit Gott. Neues Streben, neue Verhaltnifie, neue Ban- 
den, alte Liebe, altes Herz, wilde Phantasieen, Glaube an ihre 
Festigkeit — 
WiewirdAllesenden! 200 



Sei bescheiden, fleifiig u. nuchtern. Glaube an deinen guten 
Gott! 



Am 4ten October. 
Gestern Abend seliges Beisammensein mit Clara, vielleicht letz- 
tes. Der Alte [Wieck] nach H.falle] verreist 100 . Letztes u. h&ch- 
stes Geschenk. 



O20 Urspriinglich »E«, durch »e« uberschrieben. 



36 Oktober 1837 

Mendelssohn traf ich gestern auf der Strafie u. begleitete ihn ein 
Stiick. Welcher erfrischende Mensch. Alles strotzt an ihm von 
Reichthum. »Er meine es nicht aufrichtig mit mir« meinte Clara 
am Abends. 



Nachmittag Mendelssohn an der Hand, Abends Clara am Her- 
zen — verdienst du das? 



26 am 5ten October. 

Gestern hingetraumt eine Stunde nach der andern. Raffe dich 
auf! 

Nachmittag Hugenottenberichte aus Hamburg 101 . Herrlich war- 
mer Tag — nach Connewitz — bei Poppe waren Dr. Gotte u. 
Gunther. Manches durchgesprochen. Der Alte [Wieck] kommt 
unerwartet. Bis spat gesessen — leider. Zu Hause Brief von 
Clara, die ihn selber gebracht hatte 102 — himlische Worte. 



Am 6ten. 
Welch furchterlicher Tag gestern wieder. Bis zur Pein mich 
selbst gequalt mit fiirchteriichen Gedanken. Spater that sich der 
Himel auf, da ward's etwas ruhiger. 
Der Hornist Schunke aus Berlin war des Morgens da. 
Nachmittag vergebens zum Arbeiten angestrengt — dann nach 
Mockern, wo es besser wurde. Bei Poppe der Alte [Wieck] mit 
ekelhafter Hoflichkeit — ich ziemlich stark getrunken — der 
Aufsatz liber die Hugenotten geht um. Dr. Kuhne, Marggraf, 
Dr. Willkomm, Stegmayer. 



Das kann nicht so fort gehen; nimm dich zusammen u. packe 
eine Arbeit mit aller Kraft an! Das darf nicht so fort gehen. Wie 
wiirdest du erbarmlich erscheinen, wie iiberaus erbarmlich. 



27 Am 7ten. 

Gestern wieder fiirchterliche Gemiithszustande. So zerstreut u. 
zerstort. Warum denn das? Des Alten [Wieck] rohes Beneh- 
men^ 21 wurmt so. Nichts ordentliches gearbeitet. Bei Poppe der 
Alte — spater Schunke a* Berlin. Bose, bose Nacht mit blutigen 
Gedanken. Heute Morgen ist's wieder gut. 

021 Danach ein gestrichener, nicht lesbarer Wortanfang. 



Oktober 1837 37 

Eben spielt Clara in der Probe zum morgenden Concert 103 . Ich 
mochte hin u. kann nicht vom Stuhl auf. 



Am 8ten. 
Im Ganzen ruhiger gestern. Doch unfahig zur Arbeit. Viel gele- 
sen in Knabens Wunderhorn von Treue u. Untreue. Abends bei 
Poppe Nauenburg mit dem Alten [Wieck], der freundlicher. 
Auch Kolzy, der Violinspieler aus Braunschweig. Im Ganzen 
dumpf und stumpf. 



Am 9ten. 
In der Frilhe nahm gestern Schunke Abschied. Dann David; bei 
ihm zu Tisch mit Schleinitz u Frl. Gerard a. Berlin. Herausgeri- 
Een u. siehe da heiter geworden. — Nichts arbeiten konnen — 
Abends Concert, an der Thtire Clara mit einem Auge, wie nur 
eine selige Braut — ein Blick, der dich Schwachen auf Jahre hin 
starken konnte — 
28 Sonderbar sah's in mir aus, als sie spielte. Ihr Concert u. Mifibe- 
hagen daran 104 . — Zum Schlufi in Anwesenheit der Eltern [Frie- 
drich u. Clementine Wieck] einige Worte mit ihr. Unerhorter 
Beifall, den sie nach Henselts Variationen hatte. Reuter sagt 
zum Alten »Leipzig habe ihn blamirt«. Der Alte iibrigens passa- 
bel selig bei Poppe u. freier als sonst. Bald zu Hause. 
Im Ganzen krankhafter Zustand — kein gesunder Schlaf — bose 
Traume — Erkaltung des Armes — das Alles ist aber nichts gegen 
deinen Blick gestern Abend. — 



Am 10 ten. 
Gestern friih bei Schleinitz zu Quartett. Carussens aus Zwickau, 
Hofrath Brumer. Quartett v. Schubert in D-Moll — Nachmittag 
zum Arbeiten angestrengt — Wie ich in das Tagebuch flir 
Clara 105 schrieb, kam N.[anni] mit Bestellung. Ich gab ihr Blu- 
men u. Grufi u. Kufi mit. Eine Engelsnachricht war's. Heute soil 
ich sie zum letztenmal denn sehen. Nach Poppe mit Hermann 
auch in den Keller am Markt gegangen u. bis tief in die Nacht 
gesessen traumend u. briitend. 

Dein Untergang ist nahe oder der Anfang eines andren Lebens. 
Im Augenblick bin ich heiter, da ich sie sehen soil. 
29 Am llten. 

Was soil ich von gestern Abend sagen? So heftig, so innig, so 
streng, so gut u. so gar liebend, was sie mir da Alles sagte. — 



38 Oktober 1837 

Im Augenblick bin ich in fiirchterlicher Angst — mir ist genau, 

als hatte mich die Mutter gesehen u. als ware Alles heraus. Wa- 

ren nur <ja) Mittag oder Abend da. 

Mir ist genau so, als wiirde ich armer von Sinnen kommen — 

»Ich vertraue dir — lebe wohl, lebe wohl« 

Das waren deine letzten Worte, Clara; dein Engel schiitze dich 

— u. mich. 

Aber es geschieht heute etwas, dem ich nicht gewachsen bin. 



Am 12ten. 
Es ist ruhig vorbeigegangen. Grtibeln gestern den ganzen Tag 
liber Vieles, was mir Clara vorgestern Abend sagte. »Wenn sie 
bei mir nicht so glucklich wiirde, als es dies iiber Alles herrliche 
Wesen verdient« — »sie bereut schon jetzt, schwankt schon 
jetzt?« 

Und dann wieder diese ganze Hingebung, dies Vertrauen, wie 
sie Abschied nahm. 

Ach; es ist ein Mifiton nach jenen Abschied iibriggeblieben; ich 
kann nicht von Dir los und 
30 es geht auch nicht — aber dafi du schon j[e]tzt gezweifelt, dafi 
du nicht ganz glucklich schienst, ach dafi du mir dies fiihlen lie- 
fiest, dafi ich anfangen mufi, an meinem Herzen selbst zu zwei- 
feln — das Furchterlichste, das geschehen kann. 
Am llten^ 22 — alter Zustand — friih bei Mad.[ame] Devrient — 
dann mit Walther von Goethe — 

Am 12ten friih Mendelssohn bei mir — sehr lieb — sagt^ 23 nichts 
Unbedeutendes — »wir liefien nicht von einander« Ueber den 
V.[ater] — Nachmittag zum Arbeiten angestrengt — Abends 
hochst wundersamer Abendhimel u. unsagliche Melancholie, zu 
Boden gedriickt. — Einsamer Spaziergang — heller Mond — Bei 
Poppe der Alte [Wieck], freundlicher u. natiirlicher — Spater 
kommt Eduard [Schumann] aus Zwickau — den ganzen Tag 
iiber nichts von Clara [Wieck] gesehen u. gehort — heute ist 
mir's heiterer. 

Am 13ten heiter — friih schnell gearbeitet — Urn 11 Dr. Giinz 
mit Erzahlung iib. s.feine] Reise — Spaziergang nach Tisch al- 
lein weit in's Feld — Cl.[aras] Worte beunruhigen mich noch 
imer manchmal — Zu Hause an den Davidsbiindlertanzen corri- 
girt — Abends bei P.[oppe] sehr mafiig — des Alten sonderbare 
Worte einmal — u. mein rollendes Auge. Von Clara nichts gese- 
hen u. gehort. Was ist das? 

022 Ursprunglich »12«, die »2« durch »1« uberschrieben. 

023 »sagt« iiber einen nicht lesbaren Wortanfang geschrieben. 



Oktoberl837 39 

3 1 Am 1 4ten (Sonnabend) heiter aufgestanden — den ganzen Mor- 
gen an den Davidsbiindlertanzen corrigirt — sie dann an Clara 
geschikt mit offenen Briefe 106 — Sehnliches Warten auf Nanni 
Abends, die ihre Schwester schickt — 

Vorher ein sehr netter Russe Modest Reswoy aus Petersburg bei 
mir — 

Dann mit Nanni gesprochen — gibt mir den letzten herrlichen 
Brief 107 — von Poppe fruhzeitig weg — der Alte [Wieck] nicht 
da, der sich immer erbarmlicher bezeigt. Er soil's bufien noch 
einmal — Wie hat mich Claras Brief himmlisch erhoben zur 
Kraft u. Arbeit. 
Das neue Leben geht an. 



Am 15ten frisch aufgestanden — noch ein Paar Zeilen von Clara 
zum Abschied 108 . Antwort: Was sind Worte noch — glaube denn 
— Zweifeln ist schon Untreue, Glauben aber halber Besitz, 

Mein, mein, mein bist du. Lebe wohl, Clara S 

Frommer u. glaubiger immer, den ganzen Tag. 

Nachmittag Anger — 

Um 9 [Uhr] zu Hause u. unter Thranen, den seligsten, an sie ge- 

dacht. 



32 Am 16ten frisch gearbeitet Rez.[ension] ub. Variat.[ionen] 109 — 
Nachmittag Bildergallerie 110 — die Landschaft von Lessing u. die 
Zeichnung Friedrich Barbarossa, von grofiten Eindruck — ferner 
Aschenbrodel, ein italianisches Madchen, betende Romerin — 
Siebenkas [von Jean Paul] zu lesen angefangen — Nach Conne- 
witz bei triiben Himmel — an Clara gedacht imer — Um 9 nach 
Hause — ein guter Tag warst du. — 



Am 17. Frisch u. voll Hoffnung. — Friih bei David, der mir Va- 
riationen vorspielt — Nachmittag ein Cantor Kirchner mit Sohn, 
der noch nicht viel kann; angenehmer Mann sonst. — Ein Frem- 
der mit Orden b. mir — wer? — Kurzer Spatziergang mit 
R[eu]ter. — Friih zu Hause, um 9. — An Marpurg angefangen 111 



Am 18. Tag voller einiger Ereignifie. Friih Notiz in der Ham- 
burger Zeitung 112 , dann in der Probe des kl.[einen] Schafer a. 
Petersburg 113 , Beethoven's Cantate u. Mendelssohns neues (et- 
was gewohnliches) Concert. Am Aufsatz uber Mendelssohns Fu- 



40 Oktober 1837 

gen gearbeitet 114 — Nachmittag neue Etuden v. Chopin 115 u. 
•Brief a. Weimar mit Nachricht uber Hummel's Tod 116 . Friih zu 
Hause, um 9. — 



Am 19. Ruhiger Tag. Friih Brief vom Alten [Wieck] von Dres- 
den aus, der nicht im Geringsten riihrt. Abends Concert — Carl 
[Schumann] a. Zwickau — sonst wenig — 



33 Am 20. Stiller Tag — hell im Kopf — Schemer Herbsttag — 
Nachmittag componirt — nach Mockern: Stegmayer da mit Ge- 
liebten — Warum schreibst du nicht, Clara? — 



Am 21. Manches componirt, aber in unschoner wilder Stim- 

mung — An Marpurg's Fugenbuch u. Bach's Choralbuch fortstu- 

dirt — 

Von Clara Alles still. Ich hatt 5 es nicht geglaubt, dafi du so lange 

schweigen konntest. 

Um 9 zu Hause, wie jetzt immer. 



Am 22s ten (Sonntag) Lust zu Arbeit — Sonst einf6rmig 



Am 23sten. Friih gearbeitet — die kl.[einen] Schafer aus Peters- 
burg — Polonaisencompositionslaune — Abends erste Euterpe 
(Ouv.[ertiire] v. Berlioz) 117 — David schien's mehr zu gefallen, 
als er's gestand. 



Clara. Clara! 



Am 24s ten. Nichts. Abends an Fugen vergebens gearbeitet 
nach Connewitz bei triiben HimmeL 



Am 25sten. Friih getraumt hin u. her an einer Auswahl m.[ei- 
ner] Aufsatze zu einem Ganzen 118 — dann Schubert mt. neuen 
Compositionen von Chopin — Nachmittag Musiklehrer (Sta) 
Weber aus Stargard — Manches gesprochen — Abends einen 



35 



Oktober 1837 41 

Zug nach Liederlichkeit — etwas viel getrunken — aber bald 
nach Hause. 



34 Am 26sten. Schoner blauer Tag, aber Kopfschmerzen — mit 
kl.feinem] Schmidt nach Lindenau zu Tisch — guter Humor, da 
ich einen Brief von Cl.[ara] zu finden hoffte — Nachmittag das 
Choralbuch von Bach beendigt — sonst wenig — Abends im 
Concert 119 mit Mendelssohn Einiges — Clara Novello zum Er- 
stenmal gesehen — Nur eine Clara giebt es, u. die will mir auch 
gar nicht schreiben! Abends war ich traurig. 



Am 27sten. Schon Wetter — Allotria u. nichts Ordentliches — 
Weber' n aus Stargard Manches vorgespielt — dann Friese'n — 
spater Schafer aus Petersburg — dann Anger u. Schmidt — Im 
Ganzen imer mifimuthig oder ausgelafien — Abends allein nach 
Lindenau u. Rellstabs Aufsatz iiber Musik in Deutschland in 
e.[inem] Taschenbuch vorgelesen 120 . — Wie immer friih zu 
Hause. 



Am 28sten. Hintraumen — aber nicht traurig — friih Taubert aus 
Berlin — Gegen Abend bei Voigt's, wo Taubert excellente Etu- 
den u. Variationen ganz vortrefflich spielte — bei guter Laune 
ich — Abends Concert der kl. [einen] Schafer a. Petersburg 121 — 
danach mit Lorenz bis gegen zehn bei Karsten, wo Wenzel. — 
Schoner Schlaf u. Traume von Clara die blafi [aus]sah aber 
himmlisch kufite. — ° 24 







Opera. 


1. 

2. 
3. 
4. 
5. 
6. 
7. 


Var. [iationen] Abegg. 

Papillons. 

Etuden nach Paganini. 

Intermezzi. 

Improm[p]tus. 




Toccata. 





024 Danach sind mehrere Seiten herausgeschnkten, und zwar, wie eine 
Bleistiftnotiz Georg Eismanns am Fuft der Seiten 34/35 besagt, vor 
Eingliederung des Heftes in die Bestande des Robert-Schumann- 
Hauses. 



42 Oktober 1837 

8 . Allegro. 

9. Carnaval. 

10. Etuden nach Paganmi. 

11. Sonate in Fis moll. 

12. Sonate in G-Moll. 

13. Etudes symphonistiques. 

14. Concert ohne Orchester. 

15. Sonate f. Beethoven. 

16. Sonate in F-Moll 



Tagebuch 9 

l.Teil: 
29. 10. 1837-21.9. 1838 



Robert- Schumann- Haus Zwickau, Signatur 4871/VII A/ a 6 

Das Heft (in urspriinglicher Zahlung Tagebuch 6) hat keinen 
originalen Einband, sondern befindet sich seit der Archivierung 
zusammen mit den Tagebiichern 8 und 1 1 (urspriingliche Zah- 
lung: 5 und 7) in einem schwarzen Kalikoeinband mit Titel- 
schild (vgl. S. 21). 

Es besteht aus insgesamt 30 Blattern unterschiedhchen Formats, 
die z. T. vor der Fadenheftung mit Papierstreifen zusammenge- 
klebt wurden. Dazu gehoren: Titelblatt (Format 19,0 X 
12,8 cm, lose inliegend, ohne Paginierung), 7 Blatter mit Gold- 
schnitt (davon 4 — Seite 1 bis 8 — im Format 20,6 X 12,4 cm, die 
iibrigen 3 — Seite 9 bis 14 — im Format 20,6 X 13,4 cm) und 22 
Blatter im gleichen Format (22,0 X 13,5 cm) wie Tagebuch 11 
(vgl. S. 86). 

Die Numerierung der Seiten 1 bis 58 erfolgte mit Bleistift von 
fremder Hand. Von Schumann sind samtliche Seiten mit Tinte 
beschrieben, ausgenommen die Rtickseite des Titelblatts, die 
ebenso wie Seite 58 unten rechts mit Bleistift die Signatur tragt, 
und die freigebliebenen Seiten 33, 34, 52 und 53. 



44 Oktober/ November 1837 

[Titelblatt] 

Tagebiichlein 
vom 29sten October 1837 
bis — wer weifi es. 

R. Schumann 

1 Zum Leben 1837. 

29sten October. — Friih ein junger Limbach aus Coin mit Brief 
von Mendelssohn, ein rothbackiger, etwas phlegmatischer, viel- 
leicht hypochondrischer guter Mensch, scheint es. Dann Schafer 
mit s.[einen] Kleinen aus Petersburg; dann Weber aus Stargard, 
d. kl. Schmidt u. Kirchner. Ich bei gutem Humor. Immer in 
Hoffnung auf einen Brief — oder sollte er gar ausbleiben. Fleifiig 
in der Fuge gearbeitet. Abends etwas langer mit Lorenz als ge- 
wohnlich auf. Bose Gedanken. 

30sten October Montag. Noch kein Brief. Friih Fuge, auch 
Nachmittag. Abends bei Poppe Hofmeister mit Kummer u. 
Kotte aus Dresden. Kotte erzahlte eine hiibsche Anektode v^ 1 
der Schroder Devrient (Gevatterstehen bei einem armen Mann) 
u. von ihrer groEen Milde, sonst einige gemeine Geschichtchen. 
Euterpe 122 . Ouverture (Op 124) v. Beethoven hat mich ganz ent- 
ziickt in ihrem feierlichen Humor. Noch spacer bei Poppe, wo 
Miiller, Kummer, Kotte u. M. [agister] Pohle. Friih nach Haus, 
wie immer. Nur so fort, liebster Robert u. Bruder! — 
Am 4sten November. Mittwoch. Mit wahrer Wuth Fugenan- 
fange gemacht 122A u. im ledernen Marpurg weiter gelesen. Friih 
ein Musikdirektor Diirrner aus Ansbach, hierauf der Cellist 
Fritz Kummer aus Dresden, letzterem a. d. Phantasiestiicken 
vorgespielt. Nachmittag Abermals Fugen. Abends melancho- 
lisch. Noch kein Brief. Um 9 Uhr zu Hause mit Stegmayer, 
der auffallend leblos und zu bemitleiden ist. Vergleichung u. 
Aehnlichkeit s.[einer] u. m.feiner] Lage. Zum Fenster hinaus in 
die Sterne gesehen noch bei wilden Sturm, der die Baume zu 
brechen drohte. — 

Am 2ten November. Fugenpassion. Compositionen von Alkan. 
Etuden von Henselt 123 . Nachmittag dumpf Stieren u. Sehnsucht 
nach C.[lara Wieck]. Abends Concert 124 — die F dursymphonie 

— Clara Novello, herrlich — 

Meine Zweifel — Was ist das? was geht vor? 

2 Am 4 ten November, Sonnabend, — Fugenwuth, nichts 
Gutes zu Stande gebracht — Bose Laune — eben so des Abends 

— so trocken u. todt wie selten — Abends lstes Quartett bey Da- 
vid? 25 — F moll v Beethoven u. D Molly. Schubert — dicht hinter 

Ol »v« mit einem kleinen Schragstrich iiber der Zeile eingefiigt. 



November 1837 45 

Clara Novello — dann mit Lorenz zu Karsten — von Kummer a. 
Dresden erfahre ich, dafi W.[ieck] wirklich vorigen Sonntag a. 
D.[resden] fort ist 126 . Nun wirds zu toll. Aber fester Glaube im- 
mer. 

Am 6 ten November. Gustav-Adolph Tag. Kopfschmerzen 
u. viel Musik im Kopf. Phantasiestiicke durchgesehen zum 
Druck — Abends Concert von Kummer u. Kotte, auch Vieux- 
temps (vorziiglich) 127 . Ich traurig u. todt. 

Am 7ten November. Abends Brief 128 

Am 8 ten November. Friih Antwort, hiibsch lang 129 . Nach- 
mittag bose Gedanken — weifi nicht, was mit mir vorgegangen 
war — Abends Soiree bei David, wo Kotte, Kummer, Vieux- 
temps spielten. Die Novello sang auch aus Don Juan [von Mo- 
zart] Mendelssohn begleitete wie ein Gott, spielte dann sein 
Concert mit Quartett. Im Ganzen gelangweilt. Um zwolf nach 
Hause u. die Briefe noch einmal studirt. 

Nachmittag Gedanken zu einer Polonaise 

Am 9tcn November. Donnerstag. Friih Capellmeister Tag- 
lichsbeck aus Hechingen — niichterner gemiithlicher Bayer — zu 
Tisch bei Voigt mit Vieuxtemps u. Vater, Kummer u. Kotte — 
Still aber nicht mifivergniigt — friih bei Mendelssohn zu Besuch 
— s.[eine] Frau sehr lieb — wie^ 2 Frau von — und mein »Ich 
mufi« lacherlich genug, — Nachmittag mit grofien selten scho- 
nen Ton gespielt — Abends Concert 130 — Symphonie von Tag- 
lichsbek »man merkt jede Prise Schnupftaback darin« — dann 
bei Poppe lange gesessen mit Taglichsbek, Kumer, Kotte u. 
C. G. Miiller — Viel getrunken, leider — dann selig an Clara ge- 

dacht 

Am 11 ten November Sonnabend friih Quartett bei mir — 
Vieuxtemps, David, Taglichsbeck, Kummer u. Miiller — aufier- 
dem Lorenz, Voigt, der Dr. [Reuter] u. Kotte — Cis moll 
quartett v. Beethoven zum erstenmal gehort — im Uebrigen 
nur wenig Musik in der Stimmung, ich krank u. melancholisch 
u. Katzenjamervoll — dann im Hotel d.[e] B.[aviere] mit den 
Fremden zusamengesessen — Vieuxtemps, sehr anspruchslos, 
Kiinstlernatur, spricht wenig, lappscht viel — Eduard [Schu- 
mann] aus Zwickau — Brief u. Fuge von Moscheles 131 , von Sta- 
maty auch — Mit dem Dr. [Reuter] nach Connewitz zu gegen 
Abend — Novemberhirnel — sonderbar phantastische Stimmung 
u. unbeschreibliche Sehnsucht nach Clara — Abends Concert der 
Schlegel sehr schulerhaft 132 — Friih zu Hause gegangen. Es rifi 
ein etwas dissoluter Ton ein. In die Hone wieder! Um Himels 
Willen — Clara's wegen — eines hohen Herzens. 

02 UrsprungHch » W«, durch »w« uberschrieben. 



46 November 1837 

Am 13 ten November. Montag. Drang zu Componiren — 
wenig zusamengebracht — Verzweiflung oft an mir ^ 3 u. Besser- 
werden — Gegen Abend der junge Anders aus Konigsberg — hat 
was Chopin'sches — dann mit ihm in's Concert von Vieux- 
temps 133 — Friih nach Haus — 

Am /^ten November. Abends Messias [von Handel] in der 
Paulinerkirche 134 . Sonst wenig in diesen Tagen, tiefe Schmerzen 

— iiber mich ausgenommen. 

Am 1 7 ten. Friih der langweilige Organist Seiffert aus Naum- 
burg; dann Limbach aus Coin, d. kl. Schmidt u. Kirchner. Auf- 
satz von Liszt iiber mich in der Gazette 135 , was mich mit grofier 
Freude erfullt. Abends mit dem jungen Anders bei Poppe. Unter 
seligen Gedanken an Clara eingeschlafen. Clara — Clara — 
Am 1 8 ten. Gut gearbeitet — Im (Museum) Quartett wider Er- 
warten noch Vieuxtemps; mit ihm u. Mendelssohn Einiges ge- 
sprochen; neues Quartett v. M[endelssohn] sehr fein, klar u. 
geistreich bis auf den langsamen Satz; Neues nichts darin 136 — 
dann mit Lorenz zu V.[ieuxtemps] auf Bayer'schen Keller — 
Am 20sten. Montag. Vieuxtemps nahm Abschied heute. Sonst 

gebriitet u. schlecht gelebt. 

Abends Gerichtsdirector Graichen u. sonderbares Vertrauen u.^ 4 
21. 22. 23. Ungliickliche Tage - 
24.25. - - - - 

Am 26 ten Sonntag. Hoffnungen auf e.[inen] Brief — still u. 
traurig — Abends bei Voigts — Viel da von guten Kiinstlern — 
Taubert, steifer Peter — Mendelssohn hatte viel schone Gedan- 
ken — David — Novello's — ein »Tonkiinstler« Lenz a. Coblenz 

— Violoncellist Sack aus Hamburg — u. A. — Halbfroh gewesen 

— die Novello sang schottische Lieder — Schleinitz, fataler Hy- 
pochonder mit einigen noblen Seiten — Schlei [?] sollte Pipe hei- 
fien — 

Am 2 7sten Montag. Correctur der Davidsbiindlertanze. 
Nachmittag Brief, seltsamer, v. Prag 137 — langes Nachdenken — 
Concert v. Taubert 138 — wenig davon gehort — fort nach Haus — 

Am 2#sten Dienstag. Briiten iiber An twort an C.flara] — 
Friih Taubert bei mir, dem ich ziemlich dumm vorgespielt — 
Bach's wohltemperirtes Clavier wieder vollendet — Abschied v. 
Taubert — ein Brief von Spohr 139 — Alte Geschichte bei Poppe, 
die ich recht uberdrussig bekomme — 

Am 29sten Mittwoch. Nachwehen vom April in einem Brief 
v. Dr. H. [artel] — Brief an C.[lara] den ganzen Tag 140 — Abends 

03 Urspriinglich »mich«, das Wortende verbessert (uberschrieben) . 

04 Das folgende Wort nicht lesbar. 



November/ Dezember 1837 47 

Lorenz u Stegmayer bei mir bis spat u. stark getrunken u. ge- 

spielt — Mit dem kl. Gothe einen Spaziergang nach Connewitz 

— Bin ich unverbefierlich am Ende — 

Donnerstag — Sonnabend. Trauriges Leben — was soil ich von 

mir denken! — Mit Dr. H. [artel] abgeschlossen. — »also noch 

einmal, Robert, ich beschwore dich; das Eine thue es nicht 

mehr«. 141 Dies hast du gesagt — u ich thu es dennoch. 

Mit welcher Inbrunst dacht ich heute friih an sie. 

Montag am 4 ten.Gesiinder gelebt u. aufgestanden — Mehres 

abgemacht — Abends herrliches Concert fiir das Orchester 142 — 

Zum Schlufi Egmont-Musik [von Beethoven] HGchste Se- 

ligkeit u. Schmerz, den ich je durch Musik gehabt — 

Freudvoll u. leidvoll 

Gedankenvoll sein 

Langen u. bangen 

In schwebender Pein 

Himmelaufjauchzend 

Zum Tode betriibt 

Gliiklich allein ist 

Die Seele die liebt. 
Spat noch im Egmont [von Goethe] gelesen unter heifien Tra- 
nen<> 5 

Von Dienstag bis Sonnabend leidlich gelebt u. gearbeitet, 
ob gleich es gar nicht fort will. Sonnabend Brief v. Becker u. 
Henselt u. Diplom der Niederlandischen Gesellsch.[aft] als Mit- 
glied 143 . Viel Freude dariiber gehabt. 

Sonntag am 70 ten. Ein Brief von Ernestinen [von Fricken], 
der mich innig geriihrt hat 144 — Abends mit Dr. R.feuter] nach 
Mockern; sogar Billard gespielt — tiefe Melancholie, warum 
weifi ich nicht — Konntest der Gliiklichste sein ! Mit dem guten 
Lorenz noch um die Stadt — ihm Einiges offenbart, aber ohne 
Namen zu nennen. — 
Von da bis 21 sten. 

Manches Gearbeitet — zwei Tage fiirchterliche Ruckfalle — da 
wie ein Engel friih Mittwoch am 20sten Weber a. Triest — 
Abends dann Henselt — manche Gedanken iiber ihn — spielte 
den Abend bei mir — Weber da — dann im Regengufi herumge- 
irrt — ziemlich lacherlich — Immermann's Charakteristik Grab- 
bes gelesen 145 — Brief v. Fischhof 146 — vorher ein junger Plaidy — 
Busch aus Copenhagen — mit Lenz aus Coblenz einmal bei 
Tisch bei ^ 6 Voigts. 



05 Das Wortende in einem Strich nach links auslaufend. 

06 Urspriinglich »zu«, durch »bei« iiberschrieben. 



48 Dezember 1837 

Donnerstag am 21 sten. Mit Henselt u. Weber im Hotel. 

Herzlicher Mensch, der viel zu denken gibt, dieser Henselt — 

hat alles auf der Zunge — Abends von Poppe mit Wenzel u. ihm 

zu mir — spielte ermiidet u. nicht wie gewohnlich — 

Zum erstenmal wieder in Wieks Haus die Stube brante 

ringsum U7 — ich nichts geliehen — sie musterhaft. Abends einige 

Zeilen an Clara^ 7/H8 

Freitag am 22sten. Friih mit Henselt bei Mendelssohn, wo er 

wahrhaft herrlich gespielt auf dem Englischen — dann zu David, 

dessen Frau in die Wochen gekomen — Zusammen im [Griinen] 

Schild — Ich selbst in grofier Zerstreuung, Unruhe u. in vielen 

Geschaften der Zeitung, auch Spannung auf einen Brief aus 

Wien — Abends schreklich viel Bier hinunter getrunken — was 

ist das schwach u. erbarmlich! Dann mit Lorenz zu Henselt, der 

wunderschon gespielt u. lieb wie immer war. 

Sonnabend am 23 sten — zu Mendelssohn, wo Henselt — 

mein »Abend« u. das B — zur Grabau — im Schild — Zu Hause 

miide u. faul -Urn 8 zu Henselt — Briefe seiner Frau — Etuden, 

neue, von ihm bezeichnet — treuherzig — Gestandnisse, auch 

von mir, die mich beinahe argern — Du — wie ein Bruder kommt 

er mir vor — noch bei Poppe — Epigonen v. Imermann angefan- 

gen - 

Sonntag, am 24sten. Heilger Abend — mit Weber u. Henselt 

viel zusammen — Nachmittag ein Paar Zeilen von Clara, die 

mich ganz beseligt 149 — Abends bei Henselt selig-traurig — 

Briefe seiner Frau — das erste »Du« mit ihm — dann gluklicher 

Abend bis 1 Uhr bei mir — Henselt wie ein Gott am Clavier — 

der Stegmayer — ziemlich viel [?]^ 8 getrunken — Zum Ehrenmit- 

glied d. Euterpe ernant 150 . 

Montag am 25sten — Zu Tisch bei Voigts mit Henselt, Weber 

u. Lenz aus Coblenz 

sonderbar lustige Stimmung — Henselt spielte, doch nicht mit 

der grojSen Kraft — ungeheure Abspannung von der ich mich bei 

Poppe heilen wollte — mit Lenz — unendlich herunter gestiirzt 

- Oh - Oh - 

Dienstag, am 26sten, Viel gearbeitet — aber furchterlich ange- 

griffen — Bei Henselt Abend gespielt — sehr schlecht — die sich 

meldende Fink mit Lottchen — Mit Anger manches gesprochen — 

Donnerstag am 28sten, Abends^ 9 de Knapp — hochster Wi- 
derwille — friih Probe — dann mit Henselt zu David u. Graf 

07 Diese Notiz ab »Zum erstenmak in sehr kleiner Schrift auf dem Sei- 
tenrand hinzugefiigt. 

08 Lesart nicht gesichert wegen Tintenfleck. 

09 »Abends« iiber der Zeile eingefugt. 



Dezember 1837/Januar 1838 49 

Reufi — Nachmittag alle mus.[ikalischen] Correcturen fertig ge- 
macht — Abends nahe de Knapp — spater Major Serre bei Hen- 
selt — dieser schmachtende Hund v. Knapp — mit Vetter Pfund 
u. Wenzel noch eine Minute im Kaffeebaum — 
Freitag — mit Henselt, Serre, Bank, Hartel u. Friese in Stadt 
Berlin gegessen — Abends Concert v. Henselt 151 — grofier En- 
thusiasmus — um 1 Uhr auseinander gegangen — 
Sonnabend, den 30sten — friih Dr. Kiihne bei mir u. Weber — 
dann dem Tisch bei Hartel nicht beikommen konnen — Unmuth 
u. grofies auch korperliches Unwohlsein — der treibende Serre 

— bei Mendelssohn — bei Gr.[af) Reufi noch gespielt — Ab- 
schied von ihm — mit Weber spatzieren gegangen — innige 
Sehnsucht nach Clara — sehr melancholisch — bald nach Haus 

— u. Anfang eines Briefes an Clara. 

Sonntag am 31sten. Himmlisch blauer Tag — und nun nach 
Tisch ein Brief aus Wien u. welcher 152 — dazwischen gegen 
Abend de Knapp u. dessen wollustige kreischende Phantasieen 

— im Uebrigen plus aimable, also sonst — um 10 Uhr mit Dr. 
R.[euter] zu mir — allein u. niichtern im Gedenken an Clara die 
12 schlagen horen. 

beten konnte ich aber nicht aus so vollem Herzen wie sonst 
wohl — warum? bin ich denn ein so grofier Sunder? — 

Was wirst du bringen, Jahr 1838? 
Vom ersten bis dritten schone nuchterne Tage — herrliches Wet- 
ter — langer Brief an Clara 153 — selig gewesen — 
Von da bis 8ten, schone arbeitsame Tage — Immermann's Epi- 
gonen nebenbei gelesen — Graf Reufi bei mir, dem ich die Da- 
vids[biindler]tanze vorgespielt — 

Am 8 ten Abschiedsconcert der Novello 154 — Ungeheure Winter- 
kalte — In schonster Zufriedenheit gelebt — 
Am 9ten Einige Walzer gemacht — 
Am 13ten. Immer schon gelebt — die Epigonen zu Ende gelesen 

— Blagrove aus London u. Graf Reufi bei mir — 

(d) Sonntag, am 14ten. Friih David bei mir, dem ich recht 
hiibsch aus den Tanzen vorgespielt — Piickler's Semilasso in 
Africa angefangen mit gr.[ofiem] Vergntigen gelesen — oft 
(nicht zu) mit Weber aus Triest zusamen, der mir sehr zugethan. 
Dienstag, am 16ten. Abends bei Blagrove mit einigen Englan- 
dern u. Gr.[af] Reufi — Er spielte sehr holzern. 
Mittwoch am 17ten. Abends bei Graf Reufi — die Ftirstin v. 
Schonburg — Staatsrath von Kiel — die sehr himmlische Grafin 
Zech u. sonstige Comtessen — sonst ziemlich hiibsch — Weber — 
Blagrove — Mohnicke — Anger u. die Henselt'sche Variation — 
Mein Spielen — he, he — mich fortgedriickt — 
Donnerstag am 18 ten. Gelesen viel — Etude in Fis Dur com- 



50 Januar/Februar 1838 

ponirt — Brief von Fischhof u. schemes Gedicht von Grillpar- 
zer 155 — Abends im Concert 156 Symphonie von Burgmtiller — 
Genast — Blagrove u. unbegreiflicher Beifall — bis 10 dann bei 
Poppe, dann mit Wenzel das neue Clara dedicirte Duo von 
Schubert 157 bis 1 1 Uhr — fiirchterliche Kalte seit 14 Tagen bis zu 
20 Grad - 

Freitag am 19ten. Friih Genast u. ein Kamermusiker Taylor a. 
Coburgj der von Henselt grufit. Beiden recht gut u. schon aus 
den D[avids]b[iindl]ertanzen vorgespielt — 
Sonnabend am 20sten. Componirt — Abschied von Blagrove. 
— Ungeheurer Schneefall. — 

Von da bis Mittwoch componirt a. Novelletten — Mittwoch 
Abends — Hofmeisters Geburtstag mit gefeiert — Don Quixotte- 
parthie — Um 1 Uhr zu Hause — Oper v. Pely [?] — David, 
Stegmayer, Herlofisohn — Archidiakon Fischer — Professor We- 
ber, der Anatom — 

Von da bis Sonnabend d. 27sten imer fleiftig u. herrlich u. im 
Entziicken iiber mein Madchen gelebt u. componirt — auch die 
alten Phantasiestiicke wieder vorgesucht u. geordnet — Sonn- 
abend ein Cellist Schapler aus Magdeburg bei mir — die Davids- 
biindlertanze fertig — 
10 Montag am 29sten. An dem Ecossaissending mich gemartert; 
Nachmittag Schneeballen am Fenster u Mendelssohn komt her- 
auf — liebenswiirdig — dann seit vielen Wochen zum erstenmals 
in's Freie nach Connewitz zu — schoner Wintertag — Abends 
Concert im Theater von Stegmayer 158 schlecht genug — Nach u. 
nach hoffe ich mir Poppe ganz abzugewohnen — Meiner wahr- 
haftig nicht wiirdig. In acht Tagen erwarte ich einen Brief aus 
Wien — [von Clara] an die ich mit grofier Liebe imer gedacht. 

Bis Freitag am 2ten Februar. Unaufhorlich Novelletten. Mit 
wahrer Wuth. 

Sonnabend am 3ten ein Brief 159 u. wie schon. — Abends ein 
sehr erfreulicher Brief aus Dinant von Simonin de Sire 160 . — 
Macbeth-Novellette 161 gemacht. — 

Bis Freitag, unter Traumen, Arbeiten Gliicklichsein, u. Com- 
poniren verlebt. Freitag friih Hubert Ries aus Berlin mit unbe- 
greiflicher Karte v. Rellstab — dann Graf Reufi u. seine wichtige 
Mittheilung 162 — 

Bis Montag am 12ten Febr.[uar] Brief an Clara 163 , so selig ge- 
schwarmt dabei. Das Madchen macht mich iiberglucklich. Der 
Brief wichtig iiber mein friiheres Leben. u. Verhaltnifi zu Erne- 
stine [von Fricken]. — Einiges Kleine hiibsch componirt. — 
Phantasiestiicke heraus. — An Breitkopfs meine Comp.[ositio- 
nen] 164 verkauft. — Sonntag friih H. Ries mit David bei mir. — 



Februar/Mdrz 1838 51 

Bis Sonnabend am 17. Kinderscenen componirt — Im Don- 
nerstag Concert 165 ein Hollander Verhulst, u. Graf Schafgotsch, 
der Griifie von Henselt bringt — young Goethe oft bei mir — 

11 Sonnabend d. 7 7ten. Friih der Hollander Verhulst bei mir, 
macht einen sehr hiibschen Eindruck, der Mensch — Abends ein 
Paar klein liebliche Kinderszenen — Abends Ball bei Voigts, 
wahrendem bei Clara imer — faul, selig, egoistisch war ich — 
tanzte nicht — Nichts von Bedeutung iibrigens, als Elise List. 

Montag d. 19ten. Friih Constantin Decker aus Berlin — Candi- 
datenmusik — Nicht viel — Abends Concert in der Euterpe v. C. 
G. Miiller 166 — Mit David manches — friih Verhulst u. Baser- 
mans, gute Hollander — 

Dienstag d. 20sten. Abends bei Otto Bohme, wo Decker das 
Trio von Schubert 167 spielte, gut, obwohl wie ein Dilettant. Es 
scheint Berlin mache alles Fein-Klinstlerische zu Schanden. 
{Schon aufierlich.) Im Goethe-Zelter gelesen, die Tage iiber — 
Ein Julius Becker, Liedercomponist, bei Otto, aufierdem Uhlrich 
pp. — Knorr u. Intermezzi — hu — graulich — Spieler u. Compo- 
sition. — 

Donnerstag den 22 Kaufmann Hilfers aus Bremen, dem ich 
hubsch vorgespielt aus den Kinderscenen — Gelesen — gespielt 

— doch ohne grofie Productivity componirt — 
Sonnabend, d. 24. Friih e.[in] Musiklehrer Helmbold a. 
Eisenach mit Grabau — das kleine Ding »Traumerei« componirt 

— Brief von Fischhof 168 — Goethe Zelter — Brief von Spohr 169 a. 
Donnerstag — 

Sonntag, d. 2 5sten. Friih David u. Decker bei mir — 
Abends wieder »Kinderscene« in F Dur, die mir sehr hubsch vor- 
kommt — Mein Madchen macht mich tibrigens so selig, daE 
ich[*]s gar nicht mehr herzuschreiben brauche, dafi ich alle Tage 
schon um 9 Uhr zu Hause bin — 

12 Sonntag d. 25. bis Montag d. 5ten Marz 38. 

Immer schon componirt u. gelebt — Quartettbegeisterung 170 — 

bei David zur Cis Moll Probe 171 — Hoffnung auf Brief — Anger 

wenig gesehen, auf den sein Spiel einen schlimmen Eindruck ge- 

habt hat — 

Goethe u. Zelter — Bd. IV. 

Gedichte von Anastasius Griin — 

Montag friih e.[in] Julius Becker, interessanter Mann, Robert 

Volkmann, junger Musiker, Walther Goethe u. kl. Schmidt friih 

bei mir — Abends zum erstenmal nach Connewitz — Friihlings- 

regung - 

Dienstag u. Mittwoch d. 6ten u. 7ten einen Brief erwartet, 



52 Mdrz 1838 

der nicht gekomen — traurig — Mittwoch unangenehme Nach- 

richt — Zelter u. Goethe — 

Mit Graf Reufi zu ihm u. ihm Macbeth gespielt — Mit Verhulst 

von Bach Mehres gespielt — angenehmer Mensch — gegen 

Abend bei Goethe, u. hiibsch vorgespielt — etwas dumpf u. bose 

Gedanken — u. auch Schmerz liber C.[lara], dafi sie nicht 

schreibt — 

Bis Sonntag, d. 11 ten. Noch keinen Brief erhalten 

Ach — hin u. her componirt u. manches Artige »Gliickes genug« 

u. Polonaise zu den Novelletten — Sonntag fruh Violinspieler 

Eichler u. Contrabafispieler Alscher bei mir — Abends Friese bei 

P.[oppe] der meldet dafi sein Vater gestorben — Wie immer um 

9 Uhr nach Hause — . 

13 Montag d. /2ten an der Polonaise zu d Novelletten compo- 
nirt — 

Dienstag d. 13ten ein Brief von meiner Clara 172 u. welcher 
wieder — darin es viel zu iiberlegen gibt u. Wichtiges fur das 
ganze Leben — 

Bis Dienstag d. 20sten — Nur zwei Worte will ich dir anver- 
trauen: (gest) heute kam die Nachricht, dafi meine Clara Kam- 
mervirtuosin geworden 173 — eine Nachricht die ich erwartete u. 
die mir doch auch wieder keine rechte Freude gab. Warum 
denn? Weil ich gar so wenig bin dem Engel [gejgenuber. Nun 
giebts aber zu thun — u. das Leben leuchtet wie nie — Ware der 
Alte [Wieck] ein braver Kerl wirklich, so will ich ihm das Leben 
verschonen, daE er's sehen soil. — Sonst schrieb ich an die Brii- 
der [Eduard und Carl Schumann] 174 u. bat um Abtragung der 
Schuld noch gemach — Im Uebrigen wie immer fleifiig — u. 
einen langen Brief von 9 Bogen an Clara geschrieben u. abge- 
schickt 175 — Sonst? Briefe von der Cavalcabo, Mozart 176 , der 
Gesellschaft zur Beforderung d. Tonkunst pp. 
Componiren mufi jetzt bei Seite — die Novelletten sind noch zu 
ordnen — die Phantasien u. Kinderscenen ganz ins Reine u. 
marschiren in einigen Tagen^ 10 zum Druck 177 — 
Donnerstag d. 22 — fruh ein Flotist Botgorscheck aus Wien 
— mehr getraumt als gearbeitet — Nachmittag trauriger Brief v. 
Theresen [Schumann] 178 — iiber Henselts sehr lange u. tief nach- 
gedacht, ohne da£ mir moglich, etwas dariiber aufzuschreiben — 

am 22sten, an Goethes Sterbetag, den Briefwechsel zwischen 
Zelter u. Goethe, zufallig zu Ende gelesen — seit gestern u. 
heute schon um 9 Uhr zu Bett — 

14 Freitag, den 23sten Marz J.Pauls u. Bachs GeburtsTag. 

010 Urspriinglich »S«, durch »T« uberschrieben. 



Mdrz/April 1838 53 

Heute nahm ein guter Mensch, Limbach aus Coin, Abschied von 
mir; kein grofies Talent tibrigens, der Arzt schickte ihn als 
schwindstichtig in seine Heimath, die er nur mit Noth erreichen 
wird. 

1st schon im Mai gestorben.^ 11 

Sonnabend d. 24sten. Aufsatz tiber Henselt vollendet 179 — 
Kinderscenen verkauft an Hartels 180 — bei schonen einzigen 
Abendhimmel nach Lindenau zu gegangen — vergnugt u. meiner 
Clara nachdenkend — Mit Wien ist es fest beschlossen, will es 
der Himmel, zu unserem Gliick — Abends gliiklicher Fund eini- 
ger Briefe von Clara, d, Alten [Wieck], Wiedebein, Humel, a. d. 
J.[ahren] 1828-31 181 . 

Sonntag d. 2 5 s t e n . Viele Briefe geschrieben 1 82 — Bei Voigts 
zu Tisch — spielt mir Phantasiestticke u. Davidsbundlertanze 
vor — nicht libel — sehr demtithig die Leute — von Clara beinahe 
stillgeschwiegen — auch viel gespielt — Gegen Abend Anger, der 
mir hubsch vorgespielt — Mit ihm nach Connewitz bei sonder- 
bar schdnen Abendhimel — wie immer um 9 Uhr zu Hause u. 
gegen ftinf Uhr aus dem Bene. 

Bis Sonnabend, den 3/sten. Gar nichts Aufierordentliches 
in diesen Tagen — immer fleifiig gearbeitet — die »Dichtun- 
gen« 183 durchgesehen — 

Einmal mit Verhulst, der ein hubscher bescheidener Mensch, 
nach Lindenau — Bachs temperirtes Clavier u. Choralbuch wur- 
den wieder durchstudirt — Fall mit Friese — Gliick im Herzen — 
letztes Abonnementconcert 184 u. einige Worte mit Mendels- 
sohn — 
15 1838. 

Vom lsten bis lOten April — wie im Himmel gelebt u. ein Seliger 
herumgewandelt — am 9ten ein Br.[ief] v. m. [einerri] Madel 185 — 
sonderbare Novelletten componirt in B Dur u. in Z)Dur — Ge- 
schwarmt — warme Friihlingstage — ihr Bild — 
Fugen u. canonischer Geist in all meinem Phantasiren — sonst 
aber Sehnsuchtiges genug — 

Am 9ten fruh ein Clavierspieler mit ab u. ausgelebten Gesicht u. 
Gedanken, N. Evers aus riannover — sonst nichts von Besuchen 
— kleiner Goethe ist fort nach Weimar — David einmal recht 
hubsch vorgespielt Kinderscenen u. Novelletten — 
Am 11 ten April. Ein Himmelstag — hiinlischster Morgen — 
Himmelleben [?] — nach Mockern gewandelt mit seligen Her- 
zen — Nachmittag manches Liebe componirt »komm meine 
Clara komm, komm, gib mir einen Schmatz«. 
Am 12 ten. Bennetts Geburtstag. — Louis Huth aus Berlin fruh 

Oil Spater auf dem Seitenrand hinzugefiigt. 



54 April 1838 

— Nachmittag nach Liitzschena zu bei Friihlingssturm u. gliick- 
lichem Herzen — Abends mit Verhulst, der viel schwatzt iiber 
Musikj was mir kein gutes Zeichen gr.[ofier] Productivity 
scheint — 

Am 13 ten. Charfreitag. Nachmittag der alte Wilmers aus Co- 
penhagen u. Zwiesprach wegen s.feines] Rudolphs »er mochte 
nur kommen pp« — dann in die Paulinerkirche, wo Vaterunser 
v. Naumann u. Requiem v. Mozart — Huth u. Verhulst — das 
Requiem nicht angehort — lieber in's Freie hinaus — weit weit 
bei Friihlingssturm — mit reichem Herzen — u. zuriick — bald 
nach Haus, wie immer u. viel v. Clara getraumt — 
Am 14ten. Ostersonnabend. Brief an Clara angefangen 186 — 
Componirt Nichts — nach Rosenthal bei Wind u. Wetter spazie- 
ren gegangen — sehr heiter inwendig — 
16 Am 15 ten bis 18 ten. Osterfeiertage. Still im Schreiben an 
meine Clara verlebt. Sonst Nichts vorgef alien. Wetter sonderbar 
schlecht kalt u. wieder (noch) wie Friihling — am 17ten Brief 
von Fischhof, dafi Liszt in W.[ien] sei 187 — Ziemlich dummer 
Tag, an dem ich melancholisch war — Schon gelebt iibrigens. 

Am 18ten. Ein Dr. Nimbs, Red.[akteur] der politischen 
Zeit[un]g. a. Breslau — schrecklich uppige Gedanken den gan- 

zen Tag — Frtihlingsabend sehr aufgeregter Heute 

spielte Liszt in Wien 188 . — 

Bis 22sten, Sonntag. Uhlemann aus Schneeberg, der iiber 
uns wufite durch (Klara) Carl [Schumann] — Manches mit ihm 
gesprochen — Heftige Erkaltung, die mich ganz zum Arbeiten 
unfahig macht Sonntag — Sonnabend Abend im Schleusiger 
Holz David u. sein Sehen des Ringes — An Liszt »den Saraze- 
nen« geschikt 189 — Vergebens auf einen Brief von Clara ge- 
hofft 190 , die ich nie schoner und fester geliebt. — Gestern zum 
erstenmal etwas v. Georges Sand gelesen — ein sauberes Weib, 
die man mit Ruthen aus der Welt peitschen solltej schrieb ich an 
Clara daruber 191 . — 

Bis 25sten Mittwoch, gestern hone ich von Pf.[undt], dafi 
Cl.[ara] nach Gratz ware 192 , nachdem ich zwei miserable Tage 
zugebracht im Warten — Nichts Grofies gearbeitet, doch viel 
fragmentarisches Gute — Paul de Kok's Zizine gelesen — ein 
aufgeweckter Kopf — sein Buch ist nichts als Zwirn aber in die 
feinsten niedlichsten Netze verarbeitet — Gestern Huth bei mir. 

Bis 27sten Freitag. Ein Presto fur die Majorin Serre in Dres- 
den gemacht in's Stammbuch 193 — viele Gedanken immer — 
allzu grofie Sehnsucht nach Clara — mit Huth im Kuchengarten 

— Donnerstag bei der Voigt, die vorspielt mit bestem Willen — 
Brief e von Bennett, Kragen u. Kaskel, angenehme. — 



Mai 1838 55 

Bachs Choralbuch beendigt — 

17 Bis 3 ten Mai. Drei wundervolle Friihlingstage — in Erwar- 
tung auf einen Brief zugebracht — u. dann die Kreisleriana 
gemacht in vier Tagen — ganz neue Welten thun sich mir auf — 
(dazu) [?] Eduard [Schumann] aus Zwickau — Einsame Spazier- 
gange — Artikel v. Ortlepp im Universallexikon 194 — hiibscher 
Brief von der Major Serre 195 — 

Abends — Banck, wie Banko mit Strauchbart [?] — Kreislerstuck 
in GMoll im 6/8[-Takt] mit Trio in D Moll im Feuer compo- 
nirt — 

Bis 6 ten Mai. Noch kein Brief — Wundervolle Friihlings- 
bluth[e] seit 6 Tagen mit Nachtigallen — Das »wohltemperirte 
Clavier« wieder einmal beendigt — am 5ten Brief von Liszt 196 . 
Abends Therese [Schumann] aus Zwickau — mit ihr spatzieren 

— die Schroder Devrient gibt heute den Fidelio [von Beetho- 
ven] — 

Bis mit 9ten. Melancholische Tage — ohne Arbeiten zu ko- 
nen — 

Endlich am 9ten Brief von Clara 197 — nun gilt es ein Mann zu 
sein u. kein Haar zu weichen — 

Am Wten friih Lyser a. Dresden — Huth a. Berlin, dem ich 
die Wahrheit sagte — Anger — aufierst kalter Tag, aber iibrigens 
wolkenlos u. blau — Nachmittag an Haslinger geschrieben 198 ; 
Gott segne es. Abends bei eisiger Kalte nach Mockern zu; die 
Bliithe dauerte mich — Von Poppe bleibe ich ganz weg seit eini- 
ger Zeit u. fiir imer — diesen Juden von Vater [Friedrich Wieck] 
will ich wohl bezwingen — 

Am 13ten Sonntag. Auf d. Museum m. Prinz Emil viel ge- 
sprochen — dann Mozart Concert 199 , wo Walther v. Goethe u. 
Frau v. Pogwisch — mit diesen, Frau v. Goethe, u. Carussens im 
Hotel — dann zu Hause — Abends spatzieren — Melancholie — 
u. der + ritt mich, dafi ich Niemanden findend am Abend, iiber 
eine Flasche Wein trinken mufi und einen Tag vor C.[laras] 
A{k)nkunft den diimmsten Streich thun mufi. Montag grofier 
Katzenjamer — 

18 doch zusamengerafft — W. v. Goethe mit Dessauer bei mir, ich 
nicht zu Hause — Nachmittag Lyser der Geld braucht — Truhn 
aus Berlin — dann Brief v. Clara 200 — dann Gerichts Dir.[ektor] 
Klemm a Freiberg v. Beckern empfohlen — Abends Verhulst, 
dem ich sehr excentrisch vorgespielt — sogar Banck, ganz unver- 
hofft — Tag voller Ereignisse — ich hore sie sind da — Gott leite 
Alles - * 

Dienstag am 75ten. C.[lara] ist noch nicht da — wird 
Abends gekomen sein 201 — Aufgeregt u. krank den ganzen Tag 

— Viel phantasirt — Nachmittag Dessauer u. C[onzert] M.[ci- 



56 Mai 1838 

ster] Schubert a. Dresden — Ersterer wie blasiert u. abgelebt — 
letzterer schien gewohnlich, sonst artig u. gut — auch Truhn — 
mit den Briidern [Eduard und Carl] u. Theresen [Schumann], 
die heute (Mittwoch) abreist, noch im Hotel de Baviere ohne 
grofie Lustigkeit — 

Bis Freitag den 18 ten. SchmerzensTage — Sehnsucht zur 
Qual — sonst keine Spur von ihnen, die ich allerdings absichtlich 
vermieden — Grofie Freude iiber Dedication der letzten Werke 
von Schubert, die mir der Diabellische Geschaftsfiihrer feierlich 
liberreicht gestern 202 — Therese [Schumann] ist fort — Clara hier 

— ihr gestriges Treffen mit Eduard [Schumann], der ganz begei- 
stert von ihr — weder schlafen, noch essen, noch arbeiten — es 
fangt schlimm an — ich glaubte mich mannlicher — nun gieb 
Kraft, mein Stolz! — 

Bis Montag d. 22sten <:)12 . Sonderbarste Verzweiflung — Am 
Montag im Concert v Schubert 203 Clara zum erstenmal gesehen 

— ists moglich? — bin ich am Leben? — mit dem Alten [Wieck] 
gesprochen, was mich beruhigt — 

19 Dienstag d. 22sten. — Der Himmel klart sich auf. Der Alte 
[Wieck] war bei mir. Zum erstenmal. Hab ich den alten Kerl 
doch lieb wie meinen Vater! — Banck storte; der geht ganz fort. 
Der Himmel klart sich auf. Gesehen hab ich sie noch nicht. 
Sonst still gearbeitet an den Kreisleriana's zum Fortschicken. 

Truhn a. Berlin oft storend — 

Vetter Pfund gut — 
Auf Nanni vergebens gewartet — R.[euter] treuer Vertrauter — 
Des Abends schon nach 8 zu Hause — die Briider verdrieftlich, 
was mich traurig macht — 

Donnerstag am 24sten. Himmelfarth. Guter Tag. Friih 
Nanni mit seligem Briefe 204 — 

Ein langweiliger Kaufmann (v.) Moller a. Bremen — 
Nachmittag n. Stotteritz spatzieren — Bei Martens der Alte 
[Wieck], der sehr freundlich, woriiber ich ganz glucklich. Auch 
Verhulst u. Banck; letzterer geht heute (Freitag) — 
Sonnabend am 26sten Abends in Glafibreners Soiree 205 Clara 
v. Weitem — mich uberwunden — bei Martens der A. [he Wieck] 
freundlich — 

Sonntag a. 27sten. schoner Tag d. Wiedersehens Nachmittags 
durch Zufall — meine Clara war's — 

Montag a. 28sten — nach Liitzschena — leb ich — traum 1 ich — 
diese Menschen — ich — Clara — ? 

Dienstag am 29sten. Schoner Zufall Abends, Clara zu sehen, 
sprechen u. kiissen — wie innig — doch schien sie mir zuriickhal- 

Ol2 Recte:21. 



Mai/Juni 1838 57 

tend — vielleicht auch nicht — Etwas blieb zurtik — der Abschied 
himlisch — schoner Tag, des Lebens werth — 
Bis Montag d. 4ten Juni^ 13 Nichts von Clara gesehen — son- 
derbar Gemisch v. Seligkeit u. Ingrimm — den A.[lten Wieck] 
kalt ziirnend [?] behandelt — endlich Abends durch N.[anni] 
Brief e 206 u. Sehen u. Sprechen u. Spaziergehen — himlisch war 
sie, so schon so gliiklich, so ganz mein — 
20 Am #ten Juni, Freitag, mein 28ster Geburtstag; nie einen seli- 
geren ruhigeren gehabt; Abends zuvor Nachtstandchen v. Ver- 
balist, Ulrich, Wittmann u. A, das mich sehr gefreut — Freitag 
fruh N.[anni] mit Blumen u. Brief 207 — Gliiklich bin ich — dann 
Verhulst. u. Dr. Reuter, der befier geworden — Abends in Auer- 
bachs Keller m. Verhulst u. Chambertin getrunken — Und dann, 
und dann traf ich mein Madchen u. nahm sie mit zu mir — wie 
die Kinder spielten wir — ein zu grofi Gliick — dies Madchen — 
die Thranen treten mir vor Liebe in die Augen — das Du zum 
erstenmal oft und aus ganzem Herzen — Vergifi nie, was 
Clara um Dich geduldet 208 . 



Von Fremden Leser's Vater, ein Justitzrath, sehr unterrichteter 
u. bescheidener hiibscher Mann. Dr. Petschke. Fatales Gesicht. — 



Am 9ten — C.[lara] ware es fast libel ergangen wegen gestern, 
wie mir R.[euter] sagt — die Alten [Friedrich und Clementine 
Wieck] sind aber zu dumm u. bornirt — sie mufi los von der ge- 
meinen Bagage. 



Am 10 ten Sonntag. Fruh Quartett bei mir. Schon Wetter. 
Dann David von Coin zuruckkommend, bringt Grufie von 
Spohr. Nachmittag allein spatzieren. In Connewitz Lorenz. Die 
Lorgnette verloren. Auf dem Rtickweg Anger. Mit beiden noch 
zu Kitzing. Von den Alten [Wieckj nichts. Heute schreibe ich 
an Mechetti 209 — Gott segne es. 

Am 7Jten Juni (Monta) Mittwoch. Nichts Bedeutendes. Clara 
seit Freitag nicht gesehen; einmal Abends gehort meine Sonate 
spielen. Gestern mit Verhulst, Schmidt u. Kirchner nach Knaut- 
hayn. Letzterer scheint ein bedeutendes Talent u. guter Kopf; 
iiber Ersteren 
21 fangt meine gute Meinung zu schwanken an; es stekt weniger in 
ihm als ich glaubte; wird sich schwerlich erheben konnen iiber 
den guten Musiker hiniiber zum Dichter. Ueberdies ungezogen, 

1 3 »d. 4ten Juoi« iiber der Zeile eingefiigt. 



58 Juni 1838 

fad, jungenhaft; sonst aber wieder gutmiithig, dabei lebhaft; in 
der Lange glaub' ich langweilig. 
Der Brief an Mechetti ist fort. 



Die Phantasie wenig ergiebig; ich denke wohl zu viel. 



Die Lorgnette auf unbegreifliche Weise wieder gefunden. 



Am 15 ten Juni Freitag. Donnerstag Abends lange gesessen u. 
viel getrunken — Freitag morgen Claren zufallig mit Nanni ge- 
troffen — spater auch Reuter — sie begleitet bis in die Petersvor- 
stadt — recht blafi sieht sie [aus] — aber gar reizend — der Graf 
Reufi begegnet uns gerade — voller Liebe sie. Nichts componirt 
die Zeit liber — zum Quartett angesezt — fur die Zeitung flei- 
fiig 210 - 

Bis 24s ten Juni Sonntag. Etwas unordentlich gelebt, u. melan- 
cholisch manchmal — Viel im Freyen — Erwartung der Nach- 
richten aus Wien — Abends an den Fenstern vorbey — den Alten 
[Wieck] vermieden u. nicht gesprochen — Clara' n Donnerstag in 
Behr's Hause gesprochen; wie schon wie hold sie war — Freitag 
in Seligkeit u. etwas krank nach Knauthain mit dem kl.[einen] 
Schmidt u. Kirchner — »Gute Nacht« vom Fenster herunter — 
Nanni brachte mir das Diplom — d. Oesterr. Musik- 
freunde^ 147211 — Mittwoch im Kuchengarten von Weitem gese- 
hen die Alten [Wieck], aber nicht hingegangen — Noch im Au- 
genblick ist mir's so schwach zu Muth u. krank — ich weift nicht 
was mir in Leib u. Seele gefahren ist — gestern Sonnabend einige 
Zeilen von ihr u. Band zu Lorgnette 212 — Abends mit Verhulst 
nach Connewitz — Nachmittag Quartett — an Componiren 
nicht zu denken — O kommt bald, Briefe aus Wien — ich mufi 
fort, ich mufi sie nun bald haben — Beriot u. die Garcia sind hier 
— Geschenk an Diabelli's — Voigts sind zunick. 
22 Am 25sten Juni Montag. 

Seit einigen Tagen trinke ich viel Bier wieder — schame dich. 

Im Uebrigen gewifi krank — der schonste Himmel seit einigen 
Tagen — innerlich bis zum Niedersinken betriibt oft — gestern 
dachte ich »Kaum, kaum ertriig ichs noch« — den ganzen Tag 
Correctur — Nachmittag etwas von Goethe gelesen »Novelle«, 

Ol4 »d. Oesterr. Musikfreunde« auf dem Seitenrand hinzugefiigt und 
durch Digammazeichen hierherverwiesen. 



Juni/Juli 1838 59 

die mich im Innersten ergriffen — Abends Concert von Beriot u. 
Pauline Garcia 213 — ich todt wie ein Stein — in den ersten Minu- 
ten ihres Gesanges brachen aber die Thranen stromweise heraus 

— Clara von Weitem — am Schlufi einige Worte mit ihr — den 
Alten [Wieck] mit morderischer Kalte gegriifit — 

Bis 30sten Juni Sonnabend. 

Hochst aufgeregte unordentliche kranke und selige Woche u. 
Lebensart — 

Dienstag sprach ich Clara auf dem Weg nach der Stunde. Marie 
[Wieck] begegnet uns u. sagt es zu Haus wieder — Heftige Er- 
kaltung, dafi ich Mittwoch den ganzen Tag liegen mufite — 
Donnerstag friih Clara auf einige Augenblicke im alten Haus — 
von Herzen hatten wir uns lieb; sie war aufgeregt u. ganz rei- 
zend — Nachmittag bei De Beriot, der sehr still, ubrigens feiner 
Mann. Pauline [Garcia] sehr vertraut, zuthulich, kiinstlerisch, 
lebhaft — die Mutter Garcia, auch Mutter der Malibran — feine 
Frau mit schonem Organ — Abends ihr zweites Concert 214 — 
Clara mit Nanni drinen — viel gesprochen aus der Weite — 
Freitag friih auf dem Weg zu Beriot — Clara, die auch dahin will 

— wir trafen uns da — ich verlegen u. auffallig mit meinem Fran- 
zosisch — 

23 Die Garcia spielt sehr gut Clavier — dann Abschied von Clara im 
Museumshause; sie will Dienstag nach Dresden. Ihr »Du« klingt 
gar hirnlisch. »Der Alte [Wieck] ware sehr bose auf mich, well 
ich ihm tiberall auswiche« — 

Nachmittag aufgerafft u. nach Lutzschena — doch ist etwas 
kranker Stoff in mir; ich fiihl es. Nun lebe noch befier; denke 
doch an die Zukunft. Auch daft noch keine Antwort von Me- 
chetti da ist, macht mich miftmuthig. — 



Bis Jten Juli Dienstag. 

Gestern ging Clara nach Dresden — sie schikte mir noch ein 

Paar Hebe Zeilen durch R.[euter] dann sah ich sie liber den Ku- 

chengarten draufien im Postwagen, wohin ich deshalb gegangen 

war — sie winkte mir lange noch — der Wagen rollte fort unauf- 

haltsam — 

Noch bin ich sehr krank — Bitterwasser getrunken — heute friih 

sah ich die Alten [Wieck] im Rosenthal zufallig — er sah mich an 

wie eine gespannte Pistole; ich mufite lachen — 

Dann gehen mir neue Ideen durch den Kopf, ob nicht Friese am 

besten die Z[ei]t[un]g behielte — 

Heute friih war Hauptmann aus Cassel, u. der junge Evers aus 

Hannover bei mir. Ersterer gefiel mir gut u. scheint bescheiden; 

letzterer <k) scheint nichts mehr lernen zu wollen. 



60 Juli 1838 

Bis 6ten Juli Freitag. 

Ich werde wohler — Mittwoch schon e. Brief v. m.[einem] Mad- 

chen durch R.[euter] 215 — 

Friih Capellmeister Miiller aus Rudolstadt mit einen Bier und 

Tabakgesicht. 

Donnerstag Expectoration des Alten [Wieck] gegen Dr. R.[eu- 

ter], u. dafi er s.[ein] Ehrenwort gabe, »bei s. [einen] Lebzeiten 

durfe nicht geheirathet werden« — nun sattle dich — 

24 Donnerstag Nachmittag Lemke aus Dantzig, ein alter Heidel- 
berger Bekannter, der noch vollkommen der alte Schlaps — 

Bis Donnerstag den 12ten Juli — Ungeheuer angegriffen vom 
vielen Denken — Auch nicht ordentlich gelebt — Bis heute kein 
Brief von C.flara], was mich auch elend macht — 
»Mocht kein Hund so langer leben« 216 

Am Montag Hirschbach^ 15 aus Berlin 217 — auffallend schon 
aufierlich — gestern spielten wie Quartetten von ihm — sie ver- 
folgen mich noch — haben mich gepackt — bedeutenste Erschei- 
nung unter d. jungen Kiinstlern — verwandte Tendenz — 
Am Dienstag mit Friese u. Gunz verhandelt wegen Wien. Gute 
Menschen, mit denen (es) umzugehen Freude macht. Doch bin 
ich auf einmal zum Arbeiten unfahig. Raffe dich auf, mache 
dich auf, werde Licht! 218 — Auch viel besorgt. 

Bis Montag den 23 s ten Juli. Die vorige Woche eine sehr 
schlimme — grofie Zerstorung u. innerste Zerstreuung, dazwi- 
schen ihr liebes gutes Antlitz u. ein paar schone Briefe aus Dres- 
den 219 — Plotzliche Abreise des Alten heute vor 8 Tagen 220 — 
Rakemann war auch da — seit 8 Tagen konnt ich nicht schrei- 
ben wegen Mangels an Addresse — N.fanni] nicht gesehen — 

Briefe an Diabelli u. Vesque fortgeschikt 221 — Ofters mit 
Hirschbach, der vorigen Mittwoch fortging — 
Der junge R. Willmers ist u. bleibt da 

Ueberraschung durch Topken, der Dienstag angekomen: Don- 
nerstag mit Champagner 

25 mit ihm im Hotel de Russie, der mir sehr schlecht bekommen — 
Tags darauf furchterlich gedacht u. gelebt — 

Nun aber gilts — es ist mein fester Wille, bis November von hier 
weg zu reisen — Viel giebts aufzuraumen — 
Friese u. Gunz haben sich als treffliche Menschen gezeigt — 
Therese [Schumann], meine liebe, ist seit Sonnabend vor 8 Ta- 
gen hier; ich besuche sie taglich. Correctur der Kreisleriana, u. 
ein hubscher Brief von Moscheles 222 — 

Ol5 Im Autograph doppelt unterstrichen. 



Juli/August 1838 61 

Sonst Ueberlaufenwerden von Menschen — 

Bis Mittwoch den ersten August. 

Vorigen Sonnabend das Logis aufgesagt. 223 — Vorher Manches 
in Ordnung gebracht — Sonnabend Abends tractirte ich mein 
Quartett in Auerbachs Keller; dabei waren noch Lorenz, Ver- 
hulst, Dr. Reuter u. Dr. Giinz — Schrecklich viel getrunken — 

Sonntags Morgen kommt zu mir Spohr; so ubernachtig war ich, 
dafi ich kaum reden konnte. Doch spielte ich ihm Einiges vor bei 
Voigts, wo auch seine Frau, und ein junger Sanger Wolff, auch 
Af[usik] Z).[irektor] Muller a. Altenburg, wo er hingehort. 
Sein Angesicht hat mich gelabt. 

Mittags bei Dr. Hacker zu Tisch, wo ebenfalls so viel Wein, dafi 
mir's Abends unmoglich war zu Voigts zu gehen, wohin ich ein- 
geladen — Montags frtih natiirlich zu Verhulst, mit dem der 
ganze Tag im Freien verschwarmt — ich war in einer Art hellse- 
hendem Zustand — mir schiens als wufite ich Alles Voraus — 
26 Dienstag den ganzen Tag u. die Nacht darauf, die furchterlich- 
ste meines Lebens; ich dachte, ich muftte verbrennen vor Un- 
ruhe, vor schreklicher — Nachmittag kam ein guter Brief v. 
Clara 224 , seit 14 Tagen der erste wieder — doch half es nicht — 
Alles kam zusamen — die baldige Trennung, die Angst, ob ich's 
(bald) durchfu'hren wurde, das Alleinsein dort in der gr. [often] 
Stadt — ein Moment u. ich hatte es in der Nacht nicht mehr er- 
tragen^ 16 konnen — kein Auge zugethan unter dem schreklich- 
sten Sinnen u. ewiger peinigender qualender Musik — Gott be- 
hiite mich, daft ich noch einmal so sterbe — 

Heute ist mir's wieder leichter — die Welt strahlt wieder — u. 
dazu noch ein Brief von meinem guten Madchen bekomen ge- 
stern Abend 225 — der begliikte mich im Inersten — Freitag 
kommt sie nun — 

Therese [Schumann] ist sehr melancholisch — ich kann ihr so 
wenig bieten; sie halt mich fur egoistisch — Wie kann ich anders, 
wo ich ja eben flir meine Person genug durchzusetzen hatte — 
Nun weiter mit Gott, u. guten Gedanken u. frohlichem Muth! 
Zum 2ten October will ich weg! 

Bis 4ten August Sonnabend. 

Donnerstag frtih zwei arme Teufel bei mir, Bdhm u. Hilf 226 a. d. 

Voigtland, die Musiker werden wollen. 

Volliges Gesunden in der Zeit. 

016 Am Wortanfang urspriinglich »v«, durch »e« iiberschrieben. 



62 August 1838 

27 Gestern Abend mit der Voigt gespielt von Schubert (das Duo f 
Clara) — dann bei Poppe Theodor Mundt kennen gelernt durch 
Dr. Kiihne — friih fort, da Nanni auf mich wartete, 'einen Brief 
fiir Clara 227 mitzunehmen. 



Probst aus Paris ist seit einiger Zeit da. 



Bis 7ten August friih Dienstag. 

Fleifiig u. ordentlich — Ueber Hirschbach 228 — Clara' n alle Tage 
erwartet — Rakemann ist hier — gestern Brief von ihr aus Dres- 
den, wahrscheinlich letzter, mit Aufschliissen iiber R.[ake- 
mann] 229 Gestern friih bei mir der junge Lemke, talentvoller et- 
was blasirter Mann scheint mir. — 

Diabellis haben abgeschrieben — dagegen Fischhof freundlich 230 
— dem ich wieder geantwortet u. mein Hinziehen vertraut — 



Bis 11 ten August Sonnabend. 

Mittwoch friih ist Clara zuruckgekomen 231 — Donnerstag Mit- 
tag treff ich sie bei Theresen [Schumann] — zu gliicklich waren 
wir, seit vielen Jahren so lange nicht allein u. so sicher — 
Beriot u. Pauline Garcia reisten durch, die ich denselben Tag 
friih, wie auch Probst a. Paris, besucht hatte. Pauline war sehr 
liebenswiirdig »wir haben viel v. Ihnen gesprochen« — sie reisen 
nach Briissel zuriick. 

Emil Flechsig, alter Stubenbursche, besuchte mich. Aufthauen 
alter Zeiten — eine gute Haut — aber sehr hypochondrisch — 
Gestern ging Therese [Schumann] fort — so wehmutig war es 
uns — sie sehr lieb, wie nie vorher — grauer regnerischer Tag — 
u. Abends, wie ich an den Fenstern vorbeigehe, lausche, ruft 
mich N.[anni] — Ich folge. — Zwei Augenblicke — sie liegt an 

meinem Herzen 

28 Sonnabends Abend, als ich zufallig zum Thor hinaus gehe, 
im Postwagen Becker aus Freiberg, unser alter Schutzgeist. Das 
nahm ich als ein gutes Zeichen. Abends kam er mit dem Alten 
[Wieck] noch zu Poppe ; mit dem letzteren sprach ich kein 
Wort j grufite auch keineswegs. 
Gemein u. roh hab' ich ihn befunden. 

Sonntag friih (Clara's Namenstag) Becker; sprachen wenig 
zusamen, da bald das Quartett kam; auch bei Wieck war Mu- 
sik 233 ; Cl.[ara] spielte auch von mir, was ihr wohl Kampf geko- 
stet hat; 
Nachmittag Melancholisch, doch thatig die Zeit uber, nament- 



August 1838 63 

lich f. d. Z[ei]t[un]g. Gegen Abend nach Connewitz zu gewan- 
dert. In der Stadt zufallig Cl.[ara] mit d. Mutter [Clementine 
Wieck] getroffen; sie sah reizend leidend [aus] im schwarzen 
Kleid; die Mutter sehr artig; das Herz wollte mir bersten. 
Montag (Aurora) d. 13ten August^ 17 — friih David b. mir, 
dann Becker, dem ich viel vorgespielt; es gefallt mir etwas an 
B.[ecker] nicht, wenn ich ihn auch entschuldige u. er die Gast- 
freundschaft zu achten hat. Auch Graf Reufi bei mir, den ich 
nicht gesprochen, ein Opernsanger Schmidt — der Furst [Schon- 
burg], mein Nebenbuhler 234 , ist auch da — ihr nehmt mir mein 
Madchen alle nicht — Abends Manches mit Becker — * 
Heute ist Dienstag, d. 14. August, Eusebiustag, den wir als 
unsern Verlobungstag angenomen. Auch nab' ich den Ring 
heute an. Fromm u. thatig will ich Dich feiern — 
Lieber Eusebius u. Verlobungstag, wie du schon warst! 
Mit Beckern viel, der ganz ftir uns ist — die Novelletten ganz in 
Ordnung gebracht — Abends die Lowe als Amine 235 — u. dann 
Abends Clara meine innige Braut am Herzen gehabt — 
Mittwoch friih den 15 ten. Clara'n begegnet, als ich mit Bek- 
kern ging; sie war verlegen reizend, konnte mich kaum ansehen. 
Mit dem Graf Reufi einige Worte — Abends in Norma [von Bel- 
lini] - 

Donnerstag friih the little Frank aus Breslau — der Alte 
[Wieck] wird wiithender u. unverschamter taglich, wie ich hore — 

Freitag — den 17 — die Wiener Geschichte geht mir im Kopf 
um, u. Angst, dafi die Z[ei]t[un]g. bis 1 /arc.[uar] nicht dort er- 
scheinen konne — Friese zuriick von Dresden, der Eroffnungen 
wegen Levy macht (die ich vor der Hand ablehnen mufi) — 
Nachmittag Seminarlehrer Ernst Richter aus Breslau — Unwohl- 
sein, als fiihlte ich was im W[ieck]'schen Hause vorging — Wuth 
des Alten [Wieck] iiber Alles, mein Componiren pp — Gegen 
Abend Becker, der mir sagt wegen d.^ 18 Alten [Wieck] Aeufie- 
rung (wegen) iiber die Dedication der Kreisleriana 236 , was mir 
wieder Krafte gibt, diesem gemeinen Kerl zu trotzen — Im 
Theater sah ich sie im Postilion [von Lonjumeau, von Adam] — 
wir sahen uns — 

Irr' ich mich nicht, so mufi driiben ein Sturm losgehen 
Dienstag — den 21sten — Es scheint driiben ruhig vorbeige- 
gangen zu sein — ewige Angegriffenheit — doch fleifiig u. or- 
dentlich immer — Sonntag mit Reuter u. Constantin in Zwei- 



0\7 Ursprtinglich »J«, durch »A« iiberschrieben. 
Ol8 Urspriinglich »s«, durch »d« iiberschrieben. 



64 August/ September 1838 

Naundorf — ohne alle Musik inwendig, dafi ich Becker* n nichts 

vorspielen nichts horen konnte — 

Der kleine Meifiner aus Zwickau=Glauchau. Gestern friih ein 

Justizrath Malinski aus Konigsberg — Nachmittag mit Beckern 

allein nach Mockern, der mir aber auch Alles Niedertrachtige 

des Alten [Wieck] erzahlt, was mich wieder wurmte. 

Dann tragisches Zusamentreffen, sonderbarstes meines ganzen 

Lebens 237 - 

Der Hund verleidet mir meine Liebe, zertritt mir alle Blumen. 

30 Sonntag friih d. 26sten August. Von Thatigkeit, Leiden u. Aer- 
ger bewegte Woche. Mit Stadtrath Porsche wegen Empfehlung 
d. Magistrates — Wichtiger Brief von Fischhof vorher erhalten 238 — 

Am Freitag Mendelssohn bei mir, sehr fein[,] lieb, gesund — Ge- 
stern ich bei ihm mit Bitte um Empfehlung an Berks — sein altes 
Clavier — Ein verkehrter Tag gestern, wo Alles der Quere ging 
durch Reuters Unvorsichtigkeit — Becker sehr lieb u. teilneh- 
mend die ganze Zeit — sein angebotenes Du am vorigen Montag 
gern angenomen. Heute friih ist er fort nach Dresden — war 
eine schone Briicke zu Clara — Von ihr die ganze Woche (aufier 
Montag) nichts gesehen. Ich bange vor Wien manchmal. Ob ich 
es durchsetzen werde — . 

Aerger wegen des verdarnten Stiefelwichsers u. des Verkaufs der 
alten Zeitung, auch iiber Friese, der ihm abgekauft. 
Donnerstag friih den 30sten August — die Novelletten ganz 
in Ordnung gebracht — Dienstag Abends beim Zuhausegehen 
zufailig Clara, die ganz eigen lieb u. hoch mir vorkam — herr- 
lich — wir gingen ein paar Gange auf u. ab — Reuter u. Nanni 
neben uns — Componist G. Reichard aus Berlin — 
Donnerstag friih d. 6ten September. Seit Freitag Lewy aus 
Wien hier, 239 der sich als Vertrauter zeigt, mir viele Lust zu 
Wien gibt u. meinen EntschluE gereift hat. Ganz (kon) durft 
ich ihm.nicht vertrauen, das Meiste weiE er. 
Seither a^ 19 nichts als an d, Abreise gearbeitet u. in Ordnung ge- 
bracht — gestern nach PaE — mit Zittern — Clara traf ich zufai- 
lig vorgestern — sie war lieb u. wie verklart v. Jungfraulichkeit — 
Sonnabend ist Concert — 

31 So denn die letzte Seite meines Leipziger Tagebuches! — 

Mit den Lewy's verkehrte ich viel — die Kinder sind iiber die 
Mafien gescheut — der Alte [Lewy] will Alles in Ordnung brin- 
gen in Wien, spricht von Professuren u Directorianten pp — die 
Cibbini als groEe Beschiitzerin genannt — 



Ol9 »a« mit einem kleinen Schragstrich iiber der Zeile eingefiigt. 



September 1838 65 

Von Besuchen: Sanger Schmidt — ein junger Volkman, hiib- 

scher Junge, Clavierlehrer — Wigand, ohne grofien Geist — Ge- 

stern noch Thomson a. Edinburg, der lederner aussehen mag, 

als er componirt — 

Von Briefen: v. Graf Reufi 240 mit guten Versprechen — von The- 

resen [Schumann] sehr lieb — 

Sonntag friih den 9ten^ 20 September. Gestern Abend Concert 

von Clara. 241 Oft dlinkt mir Alles Traum. Sie sah schon [aus]. 

Der Ring blitzte hell v. Weitem. 242 Ich war in einer Loge von 

Niemandem gesehen. Schwere Betrachtungen u. Gedanken 

nach dem Concerte. Sie spielt herrlich, im Ganzen die Alte 

Ich schrieb ihr vorher »ob das am Ende das Letztemal ware dafi 
ich sie als Madchen horte« 243 

Wiithend war ich u. still u. gliiklich u. traurig den ganzen Tag. 
Gottj wann gibst du Ruhe. 



Die Kreisleriana sind fertig u. angekommen, was mich erfreut. — 



Sonst nur an der Abreise gearbeitet. Lewy ist nach Dessau u. 
kommt bis Sonnabend wieder. — 



Carl [Schumann] aus Schneeberg war einige Stunden hier, ich 
sagte ihm, wir wollten uns oben trauen lassen.— 



Mittwoch friih d. 12ten^ 21 September — Gestern Nachmittag 

ein seliges Halbsttindchen gehabt mit m.[einem] Madchen — sie 

erscheint mir immer schoner u. hoher u. besser — Schon friih 

sprachen wir uns vor der Stunde, dann Nachmittag im Garten 

der Funkenburg — Reuter wachte — 

Der Alte [Wieck] hat von Neuem gewuthet — sie bleibt fest und 

wird ausharren zu meinem Gliick — 

Sonnabend d. 15 ten September. Mittwoch Nachmittag 

Lewy zuriick von Dessau u. mit Wenzel bei mir — 

den 13ten, Clara's Geburtstag, 
recht schon gehalten u. gefeiert. Friih sah ich u. kufite sie 
sie hatte das vornehme Wesen, das ich so Hebe an ihr, da man sie 
kaum zu benihren wagt — friih hat sie eine Unterhaltung mit 

020 »9« (iber eine andere Zahl — vermutlich »7« — geschrieben. 

021 Ursprunglich »11«, die zweite »1« durch »2« liberschrieben. 



66 September 1838 

dem Vater gehabt, der sich erst mit dem letzten Moment erge- 
ben will — dann mit Friese u. Glinz Champagner bei Primavesi 
mafiig u. hiibsch — Nachmittag mit Reuter nach Liitzschena im 
Trab, da es schon dunkel — 
Lebe wohl gesagt den lieben Baumen alien — bald zu Hause — 

Gestern Nachmittag viel mit Lewy, der sehr schimpft auf das 

Concertgeben u. mir von dem neuen Wiithen des Alten [Wieck] 

erzahlt — 

An den Buchern geordnet u. eingepakt — 

Ein Gedicht hab' ich vorigen Montag gemacht an C.[lara] 244 

Heute Abends ist Paulus. [von Mendelssohn] 245 

Dienstag d. 18 ten. Im Paulus von Weitem Clara u. ge- 

schwelgt in ihrem Anblick — Gestern Abend Concert von 

Lewy, 246 wo ebenfalls Clara — 

Nun reist Eines nach dem Andern — Von meinem Flugel mufi 

ich mich nun auch trennen, das schmerzt. — Freitag geht es fort 

— Gestern wollte Probst zu mir, vor dem Friese jedoch warnt — 

Beim Gr.[afen] Reufi Sonntag friih, der sehr gut — Griepenkerl 
aus Braunschweig zu Besuch — ein Guitarrenspieler Pirk aus 
Prag - 

Freitag d. 2/sten. Veranderte Plane. Ich komme wieder 
liber L.[eipzig] zuriick. 247 Vorgestern Abend ein Paar selige Mi- 
nuten mit ihr im Hause auf d. Treppe — u. gestern Abend liber 
eine Stunde in ihrem Hause — geschwelgt haben wir. 



Tagebuch 10 

Reisenotizen IV: Wien 1838 
27.9.-4. 10. 1838 



Robert- Schumann- Haus Zwickau, Signatur 4871/VII A/b 4 

Das Heft hat keinen originalen Einband und besteht aus 8 Blat- 
tern im Format 16,2 X 10,8 cm, die fadengeheftet sind. Erstes 
und letztes Blatt haben sich aus der Heftung gelost. 
Von fremder Hand wurden jeweils die Recto-Seiten numeriert, 
in der gleichen Handschrift ist auf Seite 16 rechts unten die Si- 
gnatur eingetragen. 

Von Schumann beschrieben sind die Seiten 1 bis 8 sowie Seite 15 
(Seite 1 und 1 5 mit Tinte, die ubrigen mit Bieistift) . Der Erhal- 
tungszustand des Heftes ist gut. 



68 September 1838 

Reisenotizen. IV. 
Reise nach Wien. 1838.0 1 

1 feiner schwarzer Frack 

(mit Hosen u. Atlasweste.) 

1 feiner brauner Rock 

1 blauer Rock 

1 schwarzer Rock 

1 gewohnlicher brauner Rock 

3 Paar schwarze Hosen 

1 ganz gute seidene Weste 

2 altere — — 

4 andere 

Reisebuch (1838) 

Am 27sten September Abend 5 Uhr nach bitterem Abschied 
von Leipzig weg — letztes Sehen auf dem Weg nach D.[resden] 
vor dem Thor — R.[euter] begleitet mich — 
Wahre italienische Nacht u. unzahlige Sterne am Himmel — 
»Mein erster mannlicher Schritt« sagte ich zu R.[euter] 

Den 25s ten Freitag friih urn 6 Uhr in Dresden — Hotel de 
Russie — Krankhafter Zustand in hohen Wohnungen, der mich 
noch nicht verlaEen — wenigstens fiir die ersten Minuten meines 
Aufenthaltes — ° 2 dann zu Karl Kaskel, der sehr liebenswiirdig 
mich aufgenomen, Brief an Arnstein mitgegeben. Reissigern 
nicht zu Hause getroffen — bei Tische Felix Giinz — grofie Ab- 
spannung — mit Kragen u. Dr. R.[euter] nach Maxen gefahren 
— mich ergotzt an den schonen Gegenden — das Wetter wie im- 
mer ganz herrlich — In Maxen liber hohe Berge angekomen u. 
sehr herzlich aufgenomen — Leben, Einrichtung, Ton pp iiber 
alle Beschreibung hiibsch — die Majorin [Serre] interessant, kin- 
disch[?], lebhaft — sonst waren da: Reissiger, C[oncert] M.[ei- 
ster] Schubert u. Frau (htibsches sanftes Weibchen mit kl.[ei- 
nem] dickem Bauch), ein Stadtrath Klein aus Berlin mit Frau, 
der Major [Serre] — 

mehre Adelige aus der Nachbarschaft — eine hiibsche Pflege- 
tochter v. Serres> Anna Bartholdy — u. zuletzt kam Frau v. 
Berge, eine robuste stattliche hochst angenehme Frau mit klarer 
gesunder Stimme — wie einen alten Bekanten haben sie mich 

01 Anmerkung Clara Schumanns am Fufi der Seite: »copirt.« 

02 Die Eintragungen von »Reisebuch (1838)« bis hierher, ausgenom- 
men einige Satzzeichen und Unterstreichungen, mit Tinte nachgezo- 
gen. 



September/ Oktober 1838 69 

aufgenomen — wir mufiten dableiben die Nacht — Billard ge- 
spielt — herumgelaufen — die Majorin [Serre] ftihrt mich im 
Flug durch alle Stuben, um mir Claras [Wieck] Stube zu zeigen 

— ihr Schaferhabit — das Theater — sie verehren sie alle innigst 

— Abends noch gespielt aber matt u. ohne Geist — auch Kragen 
phantasirt — mit der Majorin [Serre] noch Manches — schon ob- 
wohl nicht ausgeschlafen 

am^ 3 29sten Sept. [ember] (Frekag) Sonnabend^ 4 Michaelistag 

— Morgenspatzirgang bei herrlicher Sonne u Beleuchtung mit 
Frau v. Berge pp — dann herzlicher Abschied v. Allen — meine 
Gedanken-tiber Maxen — vielleicht einige Gefahrlichkeit fur 
schwache, ftir Clara keine — 

In Dresden einige Zeilen an Clara 248 — Geistesstimmung im 
Ganzen heiter, mit einigen Schreckengedanken durchbrochen — 
Abschied v. Kaskel, v. Gunz — schmerzlicher vom letzten treue- 
sten Bekannten Dr. R.feuter] an d. Post — um 11 Uhr frtih fort 
a. Dresden 

Postwagengesellschaft hiibsch — durch eine Menge schone Ge- 
genden, an die ich mich gar nicht satt sehen konnte — in Peters- 
walde visitirt — durch schone Berggruppen u. Thaler — um 
8 Uhr in Toplitz — alte Erinerungen 249 — die Nacht, eine ganz 
warme sternenhelle durchgefahren — frtih um 8 Uhr am 
30sten Sept. [ember] Sonntag in Prag angekommen — Im 
Gasthof zum Stern — Frtih zu Rittersberg, dessen Vater nur zu 
Hause — dann zu D. Weber, ein alter wurdiger Kopf — Nach- 
mittag mit Rittersberg u. C. E. Hoffman, e.[inem] jungen Com- 
ponisten, nach dem Baumgarten u. der Insel gefahren — Viel 
Welt u. Leben — der Himel herbstlich etwas — Abends im Thea- 
ter: die Stume v. Portici [von Auber], die ich ganze 5 Acte mit 
Interesse angehort — Kittl, gutmtithiger Mensch — in Ritters- 
berg Loge Frl. v. Hayn u. einige Pragerinnen — Gut geschlafen — 

d. 1 October Montag — das Wetter wundervoll — frtih an 
Clara geschrieben 250 — frtih zu Berra, wo Gordigiani in samtener 
Kleidung — dann zu Kurrers, d. lieben Leute, in 
d. Vorstadt Schichkow^ 5 bei Gebr.[tider] Porges — Nachmittag 
zu Tomaschek, der lebhaft u. munter u. sehr artig — uber Clara 
[Wieck]— dann zu Kurrers, mit denen ich im Mondschein auf e. 
nahen Berg — ihnen uber C.flara] Einiges vertraut, u. dafi sie sie 
gut aufnehmen mochten — dann in ihrer Wohnung Dr. Kreutz- 
bergj ein artiger hiibscher gescheuter Mann, Schwiegersohn, 

03 »am« iiber der Zeile eingefiigt. 

04 »Sonnabend« iiber die Zeile eingefiigt. 

05 Recte: Zi^kov. 



70 Oktober 1838 

Mann d. lieben Clara [v. Kurrer] 251 — in Champagner auf Alles 

Liebe getrunken — dann urn 9 Uhr zu Hause mit Kreutzberg ge- 

fahren, mit dem ich Freundschaft geschlossen — im Stern Rit- 

tersberg, Kittl, Veit, Hoffmann, Dr. Hertzer [?] — e. Klein - 

wachter, dem ich zuletzt beinahe Ohrfeigen gegeben, die er 

verdient — s.[eine] Abbitte u. Scene — kleiner Wachter im Reich 

d. Tonkunst — Sehr aufgeregt — 

Friih Dienstag um 6 Uhr v. Prag fort — den Passagier- 

schein vergessen — uberhaupt grofies Malheur — Wetter 

herrlich — im Postwagen sachsische Landsleute — 

An C.[lara] liber Tomaschek; F[ischhof], wegen Logis, wegen 

Meubleskauf 252 , Cibbini 

Bertha Rother — Eau d. Cologne — Fuchs, Thalberg — 



Gegend nicht ausgezeichnet — bei einer Rast fahrt mir der 
Eilwagen weg, den ich kaum einholen, u. nebenbei den Hals 
brechen konnte — in Collin zu Mittag ggegessen^ 6 — Schaslau — 
Abends in Deutsch Brod gut gegessen — imerwahrend an Clara 
gedacht bei einem himlischen Mondschein — schreckliches Sit- 
zen im Wagen die Nacht hindurch — die Nacht iiber die Mtitze 
verloren a. d. Postwagen u. miitzenlos bis Wien gefahren — die 
Hosen zerrissen — unangenehmer Staub, wo das Eau d. Co- 
logne sehr erquickt — Mittag in Hollabrunn — frohlicher Muth, 
je naher ich Wien komme — Znaim — die Gegend wird immer 
interessanter — herrlicher Abend — die Wiener Gegend — Ange- 
komen 

Mittwoch d. 3. October. 
Und so sei es mit Gott angefangen — 
Donnerstag d. 4. October in Wien. 



15 Gesuch an SedestzkyO 7 

um Erlaubnifi der Fortsetzung d. neuen Zeitschrift fur Musik in 
d. Oesterreichischen Staaten von 1839 an. 

Griinde meines Hinzugs: 

Familienverhaltnisse vorztiglich, dann das Kunstleben kenen 

zu lernen, womoghch zu fordern, 

der Umstand, dafi kein grofieres mus.[ikalisches] Blatt exi- 

stirt. 
Die Thatsache, dafrdie 2[eit]schrift schon im 9ten Bd. biirgt flir 

Fonds in d. Mitteln u. in der Sache. 

06 Sic. 

07 Recte : Sedlnitzky. 



Oktober 1838 71 

Localkritik ko[e]nnte ich nur ein kl.[eines] Feld einraumen. 

Hauptsache ist: Kritik liber Literatur u. Composition, dann Un- 

terhaltung durch Novellen u. Correspondenz. 

Ihm auch wegen des musikalischen Anzeigers zu sagen, sodann 

zu fragen, ob auf d. Titel »Unter gnadigem K. k Schutz« stehen 

diirfte. 

Wegen Verantwortlichkeit. 

Wie lange so ein Privilegium geht. 

Brief e v. Ftirst Schonburg, Consul Berks, v. Cibbini u. Lewy. 

Eingefiihrt durch Vesque [v. Puttlingen]. 

Zeugnisse m.[eines] Wohlverhaltens 

v. Stadtrath u. d. Sicherheitsbehorde in Leipzig 253 

v. — — in Zwickau 

v. d. Universitat in Leipzig u. Heidelberg 254 , 
uber Vermogensumstande 

v. d. Magistrat v. Schneeberg u. Zwickau 

auch baarer Fond u. Creditbriefe. 



Tagebuch 9 

2. Teil: Aufenthalt in Wien 
3. 10. 1838 - 1. 1. 1839 



35 Aufenthalt in Wien. 

Angekommen am 3ten October Abends. Mittwoch. 1 838 . 01 

Fischhof erwanete mich an der Post. Wir sahen noch den Ste- 
phans Dom an. Viele Menschen und Dinge gingen in den fol- 
genden Tag[en] an mir voruber, da£ ich nur das Bedeutendste 
aufzeichne. Localgeschafte, polizeiliche u. sonstige, nahmen 
ebenfalls Zeit weg. 

Das Wetter war nach vierzehn wundervollsten [?] Tagen triib u. 
unangenehm worden. Dies machte verstimmt. Eine Stadt, wie 
ein neuer Mensch, mufi {nie) zum erstenmal im Sonnenlicht, in 
der Farbe des Gluckes betrachtet werden. 

Donnerstag Abends den 4ten war ich im Karnthnerthortheater. 
Vesque's neue Oper Turandot 255 wurde gegeben. Ich war 
hochst gliiklich tiber die Leistungen der Einzelnen, wie der 
Chore u. des Orchesters. Die Personen waren: die Lutzer, Gen- 
tiluomo (ein reizendes Weib) dann Wild, Schober u. Staudigl. 
Von einem Piano weifi man hier wenig. Alles tragt ungemein 
dick auf, was nach Italien schmekt. 

Vesque besuchte ich den Tag darauf in der Staatscanzlei : er 
nahm mich gut auf. Haslingern besuchte ich ebenfalls. Er war 
kaltj aber artig; hier traf ich auch Titze. Bei Diabelli sprach ich 
Sonnabends Mozart u. GloggL Doppler handigte mir einen 
Brief mit unbekannter Handschrift ein; er war vom Alten 
[Wieck] aus Dresden im Kotzebueschen Vaterstyl geschrie- 
ben. 255A Doch alterirte es mich. Gleich darauf erhielt ich Briefe 
von R.[euter] u. Clara, 256 die das Gemuth wieder beruhigten. 

Suchen nach Logis 257 , in das ich Sonnabend Nachmittag ein- 
ziehe. Ich bin zufrieden damit.^ 2 



01 »Mittwoch. 1838.« spater auf dem Seitenrand hinzugefiigt. 

02 Notiz Clara Schumanns, senkrecht zur Schreibrichtung auf dem Sei- 
tenrand hinzugefiigt: »Copirt.« 



Oktober 1838 73 

36 Briefe nach Leipzig geschrieben, 258 auch an Giinz mit der Bitte 
an C.[lara] zu zahlen, was sie etwa nothig hat. 

Sonntag am 7ten ging ich auf die Censurhofstelle; ich wurde auf 
den andern Tag angenomen, wo ich auch Sedlnytsky^ 3 traf u. 
sprach. Er sprach offen u. verwies mich auf Haslinger. Mittag 
war ich Sontag zum Diner bei Vesque in Hietzing, wo auch Ca- 
pellm.[eister] Kreutzer, aufierdem nur Vesques Frau. Es war un- 
genirt; iibrigens excellenter Tisch. Wir fuhren zusamen ins 
Theater, wo wieder Turandot. Die Vesque gefallt mir wegen ih- 
rer innigen Anhanglichkeit an ihren Mann. 
Von Montag bis heute (Sonnabend frtih) machte ich nun man- 
cherlei Erfahrungen. Sie wiinschten mich sammtlich zum Teufel, 
glaub 5 ich. Welch jamerliche Menschen. Auch Fischhof, der 
iibrigens anstandiger Mann, ist in das Klatschgewebe gezogen. 

Mit Haslingern komme ich nur langsam vorwarts; er will u. will 

nicht, mochte mich ebenfalls zum T.[eufel] 

Nun gilt es sich zusammen zu nehmen u. Muth zu zeigen u. 

keine Einfliisterungen zu scheuen. 

Bei der Cavalcabo war ich Dienstag, nachdem ich vorher den 

Waringer Kirchhof besucht. Ich traf bei ihr den Erzbischof L. 

Pyrker. Sie gefiel mir sehr; ich war frei u. gesprachig. 

37 Auf Beethovens Leichenstein fand ich eine Stahlfeder 259 , was mir 
Muth u. frohe Gedanken gab. Die Blumen, die ich an seinen u. 
Schuberts Grab gepfliikt, hab ich verwechselt. Es liefie sich ein 
Gedicht machen etwa mit d. Ueberschnft: 

Als ich Blumen, die ich von Beethovens und Schuberts 

Grab gepflukt, verwechselt hatte. 
(Mittwoch) Dienstag^ 4 war ich bei Seyfried, der mich herzlich 
aufnahm. Ebenso Graff, der mich ein sehr schones (Is) Instru- 
ment geliehen. Auch Streicher, bei dem ich [mich] an manchem 
treff lichen Instrument ergotzt. 

Castelli sucht ich Donnerstag frtih auf; er lieE mir die Egmont- 
ouverture [von Beethoven] auf e:[inem] Leyerkasten vorspielen, 
was ich ihm geschenkt hatte. Hat eine grofie Dosensamlung. 
Spricht von Ehrendiplom d. Ges.[ellschaft] d. Freunde d. Mu- 
sik 260 . 

Thalberg, Boklet u. Likl traf ich nicht zu Hause. 
Fuchs, d. Antiquar, sah ich mehrmals. Ein Guter, Bescheidener. 

Hauser ist hier u. besuchte mich gestern (Freitag) mit Streicher. 

03 Recte: Sedlnitzky. 

04 »Dienstag« tiber der Zeile eingefiigt. 



74 Oktober 1838 

Ein bekanntes Leipziger Gesicht, das mir wohlthat. Denn hier 

gibt es keine noblen Kunstler. 

Einen Baron Pasquallati kennen gelernt. 

Er gefiel mir, scheint ehrlich. 

Haslinger scheint mich nur hinhalten zu wollen. 

Eine Menge Plane durchkreuzen mir den Kopf. 

38 Gestern suchte ich den alten Gerold auf, ein wiirdiges teutsches 
Gesicht. 

Auch sah ich kostliches Ballett, wie auch Wilhelm Tell [von Ros- 
sini] 261 . 

Donnerstag in der Friih in der Augustinerkirche Requiem v. 
Mozart fiir Mikschik 262 . Ich stand neben Mozart's Sohn; ich 
dachte daran, wie ich auch den Faust neben Gothes Enkel geses- 
sen, und wie wir recht tapfre Epigonen. 

Vorher bei Diabelli, der ein dummer Flatz. Auch Holz lernte ich 
bei H.[aslinger] kennen. Er gefiel mir, seines markirten Gesichts 
halber, soil aber ein Schuft sein. 

Mit Sehnsucht erwarte ich Nachrichten von Clara. Heute hoffe 
ich. Was Alles geschehen sein wird. 

An den Alten [Wieck] schreib ich, sobald sich hier etwas ent- 
schieden hat. 

Sonst regelmafiiges niichternes Leben geftihrt. 
Die Gegend ist herrlich. Gestern machte ich mit Fischhof einen 
schonen Weg durch den Prater u. Augarten in d. Volksgarten. 

Was nun wird? Heute sprech ich mit Haslinger, breche mit ihm 

ab oder vereinige mich mit ihm. 

Auf die Cibbini hoffe ich wie auf einen Engel. Lange konnte ich 

ein so ungewifies Leben nicht ertragen 

Ob der Alte [Wieck] seine Hand im Spiel hat, m5chte ich wohl 

wissen. Bei Diabellis glaubte ich sie zu spuren. 

39 Dies war das Wichtigste, das sich in diesen acht Tagen begeben. 

Die Liebe im Herzen bewahrt u. Vorwarts. 



Lenau sah ich auf d. Kaffeehaus, sprach aber nicht mit ihm. 



Montag d. 75ten October.Vorgestern friih Likl bei mir, aus 

dem ich noch nicht klug geworden. 

Graf hat mir einen schonen Flugel hergestellt, auf dem ich mich 

ergotze. Doch ist nur wenig gute Musik in mir. 

Brief an Haslinger iiber die Idee, die 2[eit]schr.[ift] in Monats- 

heften herauszugeben. 

Melancholic 



Oktober 1838 75 

Gestern bei Fischhof Brief v. Friese u. Moller, die mich erfreut. 

Dann bei Streicher zu Tisch, wo Mozart, Fischhof, Hauser u. 

Salomon aus London. Hiibsch war's, ich in guter musikalischer 

Stimmung. Ein Pianino v. Streicher ist iiber die Beschreibung 

schon im Ton; wie Glasharmonika, auf der man alle Schattirun- 

gen anbringen kann. 

Hauser, ein merkwurdiger Mensch, eine Art cholerischer Hypo- 

chonder. Er {stimmt} widerspricht immer gerade dem, was der 

Andere vertheidigt. Es kommt mir lustig vor. Mozart scheint un- 

zufrieden auf der Welt, spricht oft von s.[einem] Vater. Ich 

wollte bei Tisch den Toast bringen »ihr Herr Vater soil leben« — 

woriiber ich lachen mufite in mich hinein. 

Warum kein Brief v. R.[euter] u. C.[lara] kommt, kann ich nicht 

begreifen. Auch Friese erwahnt [?] nichts. 

Donnerstag den 18ien October. Mit Haslingern nichts 

zu Stande gebracht. Im Gegentheil scheint er gegen die. 

Z[ei]tschr.[ift] bei der Censur ein Schreiben eingereicht zu ha- 

ben. 

Grofier Schmerz Clara's <W) wegen. 

Gestern einen Brief a. d. Alten [Wieck] geschrieben, der freilich 

seine Wuth auf das Hochste steigern wird. 

Nun an Gerold mich gewendet, von dem ich mir heute Nach- 

richt holen will. 

Eine hlibsche Ueberraschung war Montag aus Weimar, mit dem 

ich gestern den Wahringer Kirchhof u. die Tiirkenschanze mit 

herrlicher Aussicht bei rosiger [?] Abendbeleuchtung besucht. Er 

sieht sehr kranklich [aus]. Kann iibrigens nicht viel auf s.[einem] 

Instrument. 

Der alte Seyfried gestern bei mir. Ich jedoch nicht zu Hause. 

Briefe an Friese, Schefer 263 u. Blatt geschrieben. Von C.[lara] 

noch immer keine Nachricht. 

Vorgestern zum Vortheil der Lutzer »Der Liebestrank[«] von 

Donizetti, den ich nur bis zur Halfte genossen, obwohl die Mu- 

sik in ihrer Weise Artiges hat. 

Das Publicum ist das fadeste, was mir vorgekomen, aber freilich 

f. d. Kiinstler aufmunternd. — 



Freitag den 1 9ten October. Kalte u. garstiges Wetter ge- 
stern. Fruh Turandot v. Vesque durchgesehen. Nach Mittag 
Brief v. R.[euter] mit trostvolleren Nachrichten. Nachmittag 
Brief an die Serre. Dann Fischhof bei mir, mit dem ich mich 
hiibsch unterhielt. Dann im Burgtheater »Griseldis« [von Frie- 
drich Halm] 264 , die man alle zehn Jahre nur einmal sehen kann. 



76 Qktober 1838 

Doch hat es ein bedeutender Dichter geschrieben. Wie das Spiel 
41 eine so fiirchterliche Wendung nimmt, dafi wir ganz der Tau- 
schung vergessen u. die Priifungen der Griseldis flir wirkliche 
hinnehmen, ist hochst tragisch. Die Rettich hat darin aufieror- 
dentliche Momente; ihr Organ ist das ruhrendste. Sie beherrscht 
[es] meisterhaft. Lowe sprudelt und zischt etwas, wenn er 
spricht; Gestalt, Kleidung, Bewegung paftten aber gut zum Bild 
im Ganzen. Die Reichel spielte die Ginevra mit groEer Feinheit; 
sie hat durchdringende Augen. Zuletzt gehen den Augen die 
Thranen aus. Es wird zu erschiitternd. In der Scene mit dem Va- 
ter gefallt sich der Dichter etwas (zu) sehr. Die Hoffnung das 
Kind wieder zu erhalten stellt das Gewicht etwas her. 
Das Publicum zeigte sich gebildet, daE es die Rettich nicht rief. 
i Oft war ein Schluchzen im ganzen Haus. Ich werde es nicht ver- 
gessen. Auch flir mich fand ich Einiges — Schreckliche — aus 
meinem Leben. Der Himmel verzeihe. Die Hande hab ich ge- 
rungen in meiner Herzensverwirrung. Es ist jetzt so und mufi 
gutgemacht werden, so viel ich dazu beitragen kann. 



Sonntag den 2 Is ten October. Freitag friih Lickl bei mir, 
mit dem Manches gesprochen. Dann mit dem alten Gerold we- 
gen der Z[ei]t[un]g verhandelt; er ging ein, was mir wieder froh- 
lichen Muth machte. Briefe an Zuccalmaglio u. Graf Reufi 265 u. 
Stephen Heller. Gestern tiberraschte mich friih Fischhof mit 
e.[inem] Aufsatz von Lyser im Humoristen 266 , der mich sehr er- 
freute u. mir hier viel nutzt, ob- 
42 gleich er Manches Unrichtige enthalt. Dann (zweites) Requiem 
ftir Mikschik in der Augustinerkirche. Requiem v. Winter. Hau- 
ser sang auch mit. Sodann mit Likl u. Sonnleithner in den Mu- 
sikverein, wo ich Vieles Interessante, obgleich sehr fliichtig sah. 
Es gibt viel [fiir] die Zeitung da, u. werde ich's benutzen. Das 
Bild von Mozart 267 ist merkwiirdig. 

In Hoffnungen auf e.[inen] Brief v. Klara nach Haus gegangen, 
die mir aber getrubt wurden. Ich war ordentlich verbittert dar- 
iiber u. verziirnte am Klavier den ganzen Nachmittag. Gegen 
Abend einen Spaziergang um die Stadt allein. Laues Wetter. 
Viel Sturm immer. 



Montag den 2 2s ten. Gestern warmer Tag, wie Frtihling. 
Friih bei Vesque, dem ich vorgespielt wie einem Diplomaten. 
Dann bei Dr. Frankl, der mir eine Novelle »Astorga« v. Giinz- 
burg einhandigt. Nicht uninteressanter Mensch, mit etwas Zer- 
rissenem im Gesicht. Von ihm zur Hofkirche, wo abscheulichste 



Oktober 1838 77 

Kirchen-Musik, dann in die Michaeliskirche, wo desgleichen, 
dann in die Schottenkirche, wo ebenfalls graulicher Kirchenstyl. 
Dann zu Hause, wo ich aber keinen Brief v. C.[lara] fand, wie 
ich so sehr gehofft hatte. Bitterbdse bin ich. 
43 Nachmittag zu Lickl. Seine Frau machte einen unbeschreibli- 
chen Eindruck auf mich, bis ich endlich fand, dafi sie Klaren et- 
was gleicht; ich konnte mich gar nicht trennen. Uebrigens sehr 
angenehme Frau. Ich sagte Lickl von meiner Entdeckung, die^ 5 
er selbst schon gemacht seit lange. Dann mit ihm zu Rettich's, 
die mich sehr herzlich aufnahmen. Die Fischer = Schwarzbock, 
mit viel htibscher Aufienseite, war auch da. Dann mit Lickl in 
das Paradiesgartlein, ein gar lieber Ort. Wir sprachen noch viel 
zusammen. Doch kann ich ihm noch nicht offen sein. Sie klat- 
schen sammtlich, glaub' ich. Abends bei Obermajer genofi ich 
viel Echtes, was ich mir nicht wieder angewohnen mochte. Es 
aergert mich Tages darauf so sehr; auch verrath es die Hand- 
schrift. Gestern Abends war mir, als ware ich Bennett auf d. Ste- 
phansplatz begegnet. Heute mochte ich zu Fufi nach Schon- 
brunn. 



Dienstag den 23sten. Gestern in Schoribrunn bei schonsten 
Wetter zu Fufi. Der Eintritt vom Pallast in den Garten ist bezau- 
bernd. Die Statuen, die Blumen, Laubgange, die Gloriette oben, 
der Brunnen mit Gold[-] u. Silberfischen, die Aussicht nach 
Wien - 
44 es hat mich erlabt. Dazu die wenige Stoning von Menschen u. 
Aufpassern u. Kaiserl.[ichen] Livreen. Hereinwarts fuhr ich. Zu 
Hause erhielt ich einen Brief v. R.[euter] u. einige Zeilen v. 
Klara. 268 Ich wurde hierauf sehr melancholisch u. wufite nicht 
warum. Um 3 Uhr hatte ich in den Musikverein zu kommen ver- 
sprochen. Gloggl war da. Geifiler, Secretair d. Gesellschaft, ein 
aufierst artiger u. gutmiithiger Mann, zeigte u. offnete die 
Schranke. Ich hab versprochen, etwas dartiber zu schreiben, da 
es das Institut verdient. 269 Um 5 Uhr ging ich noch einmal allein 
um die Bastei. Befand mich unwohl von gestern Abend. Um 8 
Uhr nach zu Hause u. schon phantasirt. 



Mittwoch d. 2 4s ten October. Gestern friih Brief an 
K.[lara] angefangen. 270 Dann zu Saphir, zur Cavalcaboj die ich 
beide nicht zu Hause traf — auch Hausern nicht, aber dessen 
Frau, die eine gebildete Frau — Zu Hause sollte ich Thalberg 

05 Ursprunglich »w«, durch »d« uberschrieben. 



78 Oktober 1838 

finden, wie mir Haslinger gesagt — es war aber nicht — Abends 
in Robert d. Teufel [von Meyerbeer], dessen Musik viele schone 
Tacte bei emporend Schlechtem im Scenischen u. sonst — die Fi- 
scher Schwarzbock sang die Alice, mit Angst u. ohne-Beherr- 
schung im Spiel — sie dauerte mich — Vier Acte hielt ich aus — 



45 Sonnabend d. 2 7sten October. Mittwoch Nachmittag in d. 
Bibliothek d. Ges.[ellschaft] d. Musikfr.[eunde] herumgesehen 

— der . Secretair Geifiler ein gefalliger Mann — schenkte mir 
einen Originalbrief v. Beethoven 271 — Thalberg war b. mir gewe- 
sen, als ich mich gerade eingeschlofien — Abends erhielt ich 
noch e.[inen] Brief von ihm 272 — 

Donnerstag frlih zu Thalberg, der sehr einfach u. etwas Sitt- 
sames, Anstandiges hat. Spielt ausgezeichnet, auch von Anderen 
als von sich. Auf Henselt hat er einen Groll u. laiSt manchmal 
merken, H.[enselt] habe ihm viel gestohlen, was ich indefi nicht 
zugeben kann. Noch ging ich zu Mechetti's, die freundlich emp- 
fingen — Am Brief an Klara geschrieben, aber ohne Lust u. 
Liebe — Gestern las ich einige Briefe von Ernestine [von Frik- 
ken] wieder 273 , da ich bitter geweint habe — Daft ich oft triib bin 
u. traurig, kannst Du Dir denken, liebes Tagebuch — Nachmit- 
tag kamen meine Sachen aus L[ei]pz.[ig] Den J. Paul u. L.[ord] 
Byron wollten sie mir zuriikbehalten auf d. Censur — ich ging 
gestern selbst hin u. es hatte keinen Anstand — Gestern frlih 
hatte ich viel vor, da umfing mich eine Melancholie u. eine 
Schwache im Korper, dafi ich kaum mit Gerold sprechen konnte 

— Nachmittag schickte ich den Brief an Klara mit einigen Zeilen 
f. Reuter fort. — Friih Dr. Frankl, Titze u. ein Hr. Griiner, Her- 
ausgeber d. Lyra 274 , bei mir; letzterer sehr angegriffen u. blafi. — 
Der Kaiser ist zuruckgekommen. — Montag will ich zur Cibbini. 

— Heute ist ein herrlich reiner blauer Tag — doch kalt. 

46 Montag den 29sten October. Vorgestern friih zu To- 
maschek, wo Klaras Bruder Gustav [Wieck]; der Anblick that 
mir wohl. — Nachmittag in d. Musikverein — der Secretair 
Geifiler ein alter guter — zu Hause Lenaus Gedichte gelesen — 
Brief an Lorenz. 275 

Gestern friih bei schonem Wetter zu Thalberg, der viel u. schon 
gespielt, Vieles v. F. Schubert, dann m.[eine] Kreisleriana vom 
Blatt mit bedeu tender Fertigkeit u. Auffassungsgabe — Wir spra- 
chen mancherlei; er glaubt, m^ 6 der Combination zwischen 
P[iano-]f[or]te u. Orchester ware nichts mehr auszurichten, was 
ich nicht zugeben mochte 276 — Ich ging sehr heiter von ihm weg — 

06 »m« mit einem kleinen Schragstrich uber der Zeile eingefiigt. 



Oktober/ November 1 838 79 

Nach Tisch einsamer Spatziergang in d. Prater u. Augarten — 
Zu Hause Gustav Wiek, mit dem ich in das Leopoldstadter 
Theater ging, das indefi mich ennuyirt, woran wohl auch das 
schlechte Stiick 277 Schuld hatte — 

Mittwoch d. 31sten October. Montag fruh bei der Cib- 
bini, die ich aber nicht traf. 

Zum Arbeiten fur die Zeitung kann ich noch gar nicht komen; 
die Lust fehlt, u. die Heiterkeit, u. auch der Trieb. Manchmal 
mocht ich schlafen, Jahre lang; doch will ich mich wieder 
[aufjraffen und schaffen. Abends bei Neuner's Kaffeehaus fand 
ich Fischhof, der mich auch Witthauern bekannt machte; der 
Mann gefiel mir. 

Dienstag fruh nach Belvedere, das leider noch gesperrt. Dann 
einen Besuch bei Conrad Graff, der wie ein rechter Baumeister 
aussieht u. sehr freundlich 
47 mit mir ist — Wie ich zu Hause komme, finde ich Briefe von Al- 
len m. [einen] Lieben a. L[ei]pz[ig], u. auch von Klara 277A ; lieb 
u. sehnsuchtsvoll Klara; es uberschutteten mich die Neuigkeiten 
alle, daft ich Kopfschmerzen u. Brennen bekam. 
Urn 3 Uhr hatt' ich Fuchs zu besuchen versprochen, der mir viel 
Interessantes mittheilt, auch an Bildern, so die Carrikatur auf 
Handel 278 , Skizzenbucher v. Beethoven 279 . Seine Erzahlung iiber 
Haydn's Ausgrabung 280 . 

Im triiben regnerischen HerbstWetter langsam nach Hause ge- 
gangen und meinem Schiksal nachgedacht. 
Gerold hat mich an Holzl verwiesen, zu dem ich Freitag gene, 
nachdem ich ihn heute um eine Unterredung gebeten. 



Montag, den ^ten November. — Donnerstag friih bei 
Thalberg, wo auch Mari, ein dumer Englander — Th.[alberg] 
spielte schon von Dussek auch, von sich einiges Langweilige — 
Donnerstag grofier Feiertag 281 u. Leben in der Hofburg — ich 
melancholisch den ganzen Nachmittag — gegen Abend in den 
Paradiesgartlein u. an Klara gedacht — schoner Mondabend — 

Freitag fruh zu Holzl, der sehr gefallig — dann ein Requiem v. 
M. Haydn in der Hofburgkirche 282 angehort, das mir weder in 
Composition, noch Auffiihrung gefiel — Mit Mozart einige 
Worte — Fuchs erwartete mich u. fiihrte mich dann in die herr- 
liche Bibliothek a. d. Josephsplatz — der Scriptor Schmidt ein 
gefalliger Mann — grofier Schutz aufierlich — Nachmittag das 
Schreiben an die Censur 283 aufgesetzt — 
48 Mit Fischhof u. Likl selten zusammen — wir passen nicht fiir ein- 
ander, glaub' ich. 



80 November 1838 

Sonnabend friih zu Holzl das Schreiben getragen — dann bei 
Witthauer Besuch gemacht, der mir iiber manches iehrreichen 
Aufschlufi gegeben — u. mir uberhaupt wohlgefallt — dann zur 
Cibbini, die gerade zur Kaiserin gerufen wurde, ich also nicht 
sprach — 

Nun fange endlich an zu arbeiten einmal u. tiichtig. Mir ist's als 
konnte die Zeitung v. Neujahr an nicht angehen! — 
Sonntag friih Brief an Klara fortgeschickt 284 . Gustav [Wieck] 
kam gerade. Dann in d. Reitschule Auffiihrung der Jahreszeiten 
[von Haydn] — hochst imposant u. mir unvergefilich — Alles au- 
fierst gut gegangen — u. treffliches Publicum — Mehr dariiber in 
der Zeitung 284 A — Abends viel getrunken, was mich heute argert 
— so sehr. 

In innigster Liebe, wie nie, an Klara gedacht. Dann stort mich 
das ewige Klingen u. Musikiren^ 7 inwendig im Arbeiten — An 
Componiren kann ich nicht denken, u. es ginge auch nicht. — 

Fester Entschlufi, in Wien mit K.[lara] zu bleiben, u. ihn Klara 
mitgetheilt 285 . 



49 Donnerstag, den 8ten November. Die Tage fliegen hin; 
schon bin ich 5 Wochen hier; u. soil ich mich der UnThatig- 
keit^ 8 anklagen, oder die Zert? — 

Gestern der Cibbini geschrieben u. die Kreisleriana geschikt; sie 
soil es freundlich aufgenomen haben. Warme Tage wie im Friih- 
ling. - 

Vorigen Dienstag Apotheker Laurentius a. Zwickau, dessen An- 
blick mich erfreute. An demselben Tage Concert v. e.[iner] 
Herrschmann 286 , mittelma£iger Art. Abends mit Laurentius im 
Theater, wo Pre aux Clercs v. Herold, eine hochst matte elende 
Musik — 

Fuchs, Likl u. Fischhof bei mir. Letzterer ist mir wie unaussteh- 
lich manchmal mit s.[einen] Klagen iiber »die vielen musika- 
lischen Soireen, die er besuchen miisse« — Brief an Friese 287 — 
Gestern mit Laurentius nach Schonbrunn gefahren — Oft fiihl 
ich mich sehr einsam — Wo mag Klara sein? Klara, wo bist Du? 
denkst du meiner? — 

Sonnabend den Wtcn November. Donnerstag friih Wie- 
derholung der Jahreszeiten [von Haydn] 288 — der Kaiserliche 
Hof — Abends mit Laurentius in d. Theater a. d. Wien, wo ein 
Stiik v. Nestroy »gegen Thorheit schiitzt kein Mittel«; auf d. Ti~ 

07 Sic. 

08 »Un« nachtraglich eingefiigt. 



November 1838 81 

tel war es ziemiich richtig genannt, ein lustiges Trauerspiel. Ich 
amusirte mich sehr gut. Man bekommts hier aus der ersten 
Hand. Gute Schauspieler auch 289 . 

Gestern friih mit Laurentius bei prachtigem Wetter nach Belve - 
dere, wo ich mich berauscht am Gliik der alten Erinnerungen 
an die Kupferstiche, die ich in m.[einen] Knabenjahren so oft 
angesehen. Die RaffaePs erster Classe — eine Stube Tizians, Ru- 
bens, die Palma's, Veronese's u. herrlichen Andren nicht zu ver- 
gessen. Auf dem Hereinweg traf ich Molique a. Stuttgard — 
Nachmittag nach manchem 
50 Hin u. Herschwanken die Cibbini besucht u. getroffen — Etwas 
Befangenheit v. beiden Seiten — ich sprach mancherlei, wie Ein- 
leitendes — leider weifi sie nur sehr wenig von mir — dann zu 
Hause fantasirt u. die L[ei]pz.[iger] Zeitschriften gelesen, die 
Friese geschickt — Abends mit Laurentius bald nach Hause, wie 
immer — 
Konnte ich wohl Astorga selbst bearbeiten? 290 



Montag d. /2ten November. 

Sonnabend friih bei Holzl, der mich auf Mittwoch vertrostet — 
dann einen Weg Ins Freie mit Laurentius — Erst in's Josephi- 
num, wo die Wachspraparate pp, Naturhistorisches pp 291 — dann 
iiber den Wahringer Hof, die Turkenschanze nach Dobling, wo 
guter Mittagtisch — gliiklich im Gedanken, dafi ich diese Ge- 
gend einmal mit Klara durchwandern wiirde — Zu Hause Brief 
v. Therese [Schumann], der mich etwas melancholisch macht — 
Abends Mozart bei mir, dem ich schlecht spiele — 
Gestern friih Brief an K.flara] 292 geschrieben — 
Dann zur Frau v. Baroni, die Mutter der Cavalcabo — eine 
hochst angenehme Frau, die hinreiEend schon in ihrer Jugend 
gewesen sein mag — eine geb.[orene] Grafin Castiglioni u, 
Nichte vom vorigen Pabst 293 — ich spiele leidlich vor — Julie 
[von Webenau] sehr gut, mit zartem Ausdruck ebenfalls — dann 
in die dritte Auffuhrung der Jahreszeiten [von Haydn], die ich 
nicht ganz ausgehalten — Spat Abends noch Fischhof, der etwas 
ProfessormaEiges angenommen, ich kann ihm nichts vertrauen — 



51 (Dienstag) Mittwoch, den 14ten November. 

Montag friih am Gedenkbuch fiir Klara 294 geschrieben. Nach- 
mittag unerwartet ein Brief von ihr u. R.[euter] 295 Er macht mich 
sehr unruhig wegen d. Verzogerung, von der sie mir schreibt: 
doch enthielt er viel Liebes auch. 
Abends mit Laurentius, d. seine Brieftasch mit Geld verloren, in 



82 November 1838 

das^ 9 Josephstadttheater gegangen »Sehen, Lieben, Heira- 
then« 296 Gemisch von angenomen[er] u wirklich[er] Einfalt u. 
Dummheit auf diesen Volkstheatern, das interessant ist — die 
Gesange von Proch dabei — Abschied v. Laurentius Abends — 
Friih nach Hause. 

Gestern starker Productionstag — an Kl.[ara] etwas ziirnend ge- 
schrieben wegen d. Frist 297 — dann iiberkam mich ein Kleinvers- 
feuer 298 , dafi ich gar nicht aufhorte — Abends Gedanken an 
e.[ine] Fata Morgana f. Kl.[ara] 299 — diesen Tag keinen Men- 
schen gesprochen — 



Sonnabend den 24sten November. Welche Pause; doch 
that ich manches; auch fur die Zeitung. Ueberhandnehmende 
Melancholie — Wenig in's Freie gekommen — 
Donnerstag vor 8 Tagen Abends bei Hr. v. Sonnleithner, wo Ju- 
das Maccabaus [von Handel] aufgefiihrt wurde. Kiesewetter u. 
Grillparzer sprach ich da; Hr. v. Molitor, Hauser, Hellmesber- 
ger, eine Menge Andere; ich befand mich wohl — Freitag^ 10 im 
Judentempel — Sonntag zu Tisch bei Frau v. Baroni, wo hiibsch 
u. ungenirt; jedoch [?] zu viel Cavalcabo musicirt, dafi ich es 
kaum ertragen konnte — Nun ist's entschieden, dajS die Zeitung 
in L.[eipzig] fort erscheint; so weit ware ich also in zwei Mona- 
ten gekomen. 
54 Manchmal sinkt mir wohl der Muth — und nun der letzte Brief 
v. C.[lara] u. das Endlose — 

Mit Merk einmal lang gesessen, was mir fiirchterlich bekam — 
Mittwoch Nachmittag wer kommt da? Fritz Weber aus Triest, 
als Brautigam mit der Novello. Unsre Freude war kindisch; wir 
haben den ganzen Donnerstag von den beiden Klaren ge- 
schwarmt — Meine ersten gliiklichen Stunden in Wien die ich 
mit W.[eber] verlebt — gestern ist er fort nach London, sich 
ganz da niederzulassen — 

Donnerstag friih besuchte mich Merk mit Mayseder, der erstere 
die leibhaftige perfidie auf dem Gesicht, der andre bescheiden 
mit echten Kunstlerpli 300 — in der Augustinerkirche Messe v. 
Telle, der im Zuchthaus sitzt 301 — 

Molique gab Dienstag Concert 302 ; im Uebrigen ein gemeiner 
Kerl. Kleiner Artikel im Humorist 303 , den Fischhof freudig 
bringt in der Hoffnung, ich solle gleich anspannen lassen u. fort- 
fahren nach Sachsen. Der gehort mir auch zu den Winzigen. 
Vesque kommt zuweilen, auch Fuchs — Likl sprach ich selten — 

o9 Urspriinglich »die«, durch »das« uberschrieben. 
OlO Urspriinglich »S«, durch »F« uberschrieben. 



November/ Dezember 1838 83 

In d. Burg sah ich Fiesko [von Schiller], mit der Peche als Leo- 

nore; sie 1st die vorziiglichste Schauspielerin, die ich je gesehn. 

Im Uebrigen war die Besetzung namentlich des Doria u. des 

Mohren wohl die vollkommenste. Herzfeld als junger Doria 

zeigt grofies Studium der Rolle — 

Ftir die Zeitung ziemlich viel geschrieben,. auch am Clavier gute 

Gedanken — 

Aber einsam fiihl* ich mich so oft und allein u. kanns zu Zeiten 

kaum ertragen. 

Aus Thalbergs^ n Concert ist nichts geworden — ich sah ihn seit 

3[?] Wochen nicht. 

An Davidsbundlerbriefe f. d. Zeitung gedacht. — 

Aurora v. E. T. A. Hoffmann 304 aus Fuchs Autographensamm- 

lung durchgesehen. — 

Donnerstag den 6ten December. In den Zwischenraum 

dieser 10 Tage Concerte von Thalberg 305 — Matinee bey Strei- 

cher, wo die Gebr.[tider] Moralt — tiefe Melancholie bis letzten 

Freitag 306 , wo ein trostender Brief aus Maxen kam von Klara 307 

— Viel gelesen — an Kl.[ara] viel geschrieben 308 — Sehr ordent- 

lich gelebt, friih zu Bette — Ein Dr. Hahn aus Berlin mit Brief 

von Mainzer a. Paris — Vorigen Montag Dessauer'n besucht -r- 

Nachmittag war Thalberg da zum Abschied — ich spielte ihm 

sehr mittelmafiig Einiges vor — er war lieb u. artig — Zwei 

Quartette der Gebrtider Moralt 309 — Einen Anlauf zum Compo- 

niren gehabt, aus dem nichts Gescheutes entstanden — Nun mufi 

es an die Zeitung — 

Gelesen u. Motto's geschrieben aus: 

Goethe's Tasso, 

Lenau's u. Heine's Gedichte, 

Mattheson's Capellmeister, 

Mozart's Biographie v. Nissen. 310 
Abends meist zu Haidvogel, wo ein Hr. Wimmer, — ky, Fuchs, 
auch Fischhof — 

Mittwoch den 72ten December. Sonnabend nahm ich von 
Thalberg Abschied; wir schieden sehr freundschaftlich. 
Die Zeit iiber fleifiig gearbeitet an d. Aufsatzen f. d. Z[ei]t[un]g. 
Nro. 1/2 [18]39. 311 Gestern fortgeschikt. Sehr ordentlich u. ein- 
fach gelebt. Doch mufi ich (noch weniger) d. Geld noch mehr 
zusamen nehmen. 

Den Sanger Sulzer in Bokletts Concert 312 kennen gelernt. 
Montag Abends bei Dessauer, wo Fischhof mich auch Lenau 
vorstellt; er hat einen melancholischen sehr sanften u. einneh- 
menden Zug um Lipp u. Auge. 

Oil Urspriinglich »bb«, das erste »b« durch »1« tiberschrieben. 



84 Dezember 1838/Januar 1839 

Endlich nab' ich wieder einen Jiingeren gefunden einen hiib- 
schen Menschen mit klaren Auge u. angenehmer Physiognomie 

— Jiilich, ein Badenser, der seinen Eltern fortgelaufen aus Trieb 
nach Musik. Er gefallt mir sehr, geht rasch auf Alles ein. Ich 
spielte ihm in sehr guter Stunde von mir. 

Em junger Componist Netzer mir v. Doppler vorgestellt. 

Mozarts Biographie v. Nissen vollendet. 

Schubarts Aesthetik angefangen. 

Iphigenie v. Goethe. 
Manches componirt. 

Sonnabend den i5ten December. Mittwoch Abend bei 
Sulzer, ein Kiinstler in Allem was er thut u. angibt. Ziemlich 
grofier Cercle. Nachmittags Brief v. Clara, unvermuthet 313 . Am 
letzten (neuen) Satz zur G-Moll Sonate componirt 314 . Bei Sulzer 
waren auch Lenau, Mozart, Likl, Fischhof, 

57 die [Briider] Moralt, Merk pp. hat eine schone Schwester, eine 
JiidiiT. Wohlbefunden, immer in Gedanken an d. Brief, die So- 
nate u. die Jiidin. Mit Fischhof zu e.[inem] Dr. v. Hoffmann — 
zu d. 3 Raben — Am Donnerstag melancholisch — Jiillich bei 
mir — ich" werde ihm einige Stunde[n] geben — Abends kleines 
VereinsConcert 315 , wo ich Staudigl u. einem Dichter? Langer 
vorgestellt wurde von Doppler — 

Freitag den 2/sten December. Dienstag einen zweiten lie- 
ben Brief von Klara 316 — Immer sehr ordenthch u. fleifiig — mit 
Jiillich oft zusamen, dem ich gern vorspiele — Nichts vorgefalien 

— Einiges Hubsche componirt, die 2 ersten Notturnis, am 18ten 
das in A Dur 317 — Gestern zum erstenmal den Figaro v. 
M.[ozart] im Karnthnerthor gesehen. Geschwelgt hab ich im er- 
sten Act. 318 Die Heinefetter — Page, Lutzer, Susanne — Staudigl, 
Figaro — Schober, Graf — Charlotte Mayer, Graiin — Haslmger 
hab* ich seit seit 5 Wochen nicht gesprochen — 

Schubarts Aesthetik beendigt. 319 

Dienstag, den 7sten Januar 1839. Mit Entzucken begriifi 
ich dich neues Jahr, von der Last des Vergangenen, das mir 
noch aufgebiirdet, mogest du Manches hinwegnehmen. Ich 
denke nur an Klara. Sie hat mir so fleifiig geschrieben; sie ist die 
treuste Braut; ich hab keine Worte ftir das Madchen. Schwere 
Anfalle von Melancholic Einsam fiir mich hingebriitet. Man- 
ches versucht, angefangen, 

58 ohne Kraft zu Vollendung — J. Paul's unsichtbare Loge einmal 
wieder vorgenomen — Von Klaran zu Weihnachten bescheert — 
Mit Jiilich, der seit einigen Tagen den Genialen spielen will, sich 
nicht sehen lafit, ofters zusainengewesen. Mit Mozart. Auch bei 
Hauser u. Bach durchgestobert. Die Feiertage still hingelebt. 



Januar 1839 85 

Anfang zu e.[iner] Sonate od. Phantasie od. Etude od. Nichts in 

CMoll™ 

An Aufsatze gedacht: 

Der "Wahringer Kirchhof. — Berlioz u Paganini. Ueber 
mus.[ikalische] Bildung u. mus.[ikalische] Menschen. 

Ueber Mozart gestern an Friese fortgeschickt. 321 — 



Tagebuch 11 

20. 3. 1839-4. 9. 1840 



Robert-Schumann-Haus Zwickau, Signatur 4871/VII A/a 7 

Das Heft (in ursprunglicher Zahlung Tagebuch 7) hat keinen 
originalen Einband, sondern befindet sich seit der Archivierung 
zusammen mit den Tagebuchern 8 und 9 (urspriingliche Zah- 
lung: 5 und 6) in einem schwarzen Kalikoeinband mit Titel- 
schild (vgl. S. 21). Es besteht aus 13 Blattern im Format 
22,0 X 13,2 cm und einem Blatt im Format 19,0 x 12,9 cm, das 
nach Bl. 8 eingeklebt ist. Die Aufienseiten wurden vor der Fa- 
denheftung mit Papier- und Leinenstreifen verstarkt. 
Die Numerierung der Seiten 1 bis 18 und 27 erfolgte mit Blei- 
stift von fremder Hand; in der gleichen Handschrift ist die Si- 
gnatur auf Seite 28 unten rechts eingetragen. Von Schumann 
sind die Seiten 1 bis 18 mit Tinte beschrieben. Die restlichen Sei- 
ten blieben frei. 



Mdrz 1839 87 

Tagebuch v, Mdrz-Oki[ober] 1839.0 1 

Am 20sten Marz 39. 

Vierzehn Wochen lang nab* ich nicht in m.[ein] Tagebuch ein- 
getragen. 322 Manches ist in mir und urn mich vorgegangen 
In mir. Viele Compositionen angefangen. Ein Concert in 
DMolL 323 Allegro in G Moll. Fertig gemacht u. vor einigen Wo- 
chen an Mechetti verkauft: Arabeske (schon in Leipzig), Blu- 
menstiick u. Humoreske. Erscheinen der Kinderscenen u. Cor- 
rectur der Phantasiestucke 324 . Ftir die Zeitung im Ganzen wenig 
gethan. 

Plotzliche Aenderung m.[eines] Lebensplanes, wenigstens des 
nachsten. Im 14 Tagen mocht 5 ich nach L.[eipzig] zurlik. Es soil 
jetzt nicht sein. Klara schreibt fleifiig und ist lieb u. treu und 
fest. Ihr grofter Schritt in die Welt ohne Vater 325 . Am 7ten 
Jan.[uar] reiste sie nach Stuttgard. Nurnberg. Anfang^ 2 Februar 
kam sie in Paris an. Ich liebe sie zartlich. 

Der Stuttgarter Universaldoctor [Gustav Schilling] und mein 
Brief 326 . Offenbarung an Fischhof 327 und ein schlimmer Anfall 
von Angst. Jetzt ist alles ruhiger; ich habe mich fiir Zwikau be- 
stimt, das erste Jahr dortzubringen, dann jedenfalls nach Wien. 
Mit dem jungen Jtillig oft zusamengekomen. Ein mir verwand- 
ter Charakter. — 

Nachricht der Verheirathung Ernestinen's, die uns gliiklich 
macht. 328 — 

Ein junger Rosle aus Eger, hektischer und ungesunder Mensch 
ohne grofies Talent, will bei mir Stunde: Macht im Clavierspiel 
indeE grofte Fortschritte. 

Schubert's Bruder besuchte ich. Gab mir Manches fiir die Zei- 
tung 329 . 

Lindpaintner traf ich manchmal, ohne naher ihm bekannt zu 
werden. Doch sagt er mir sehr zu. 

Zu Haslingern kam ich gar nicht. Vor einigen Tagen bringt er 
mir e.finen] Brief von Liszt 330 , und iiberschuttet mich plotzlich 
mit Freundschaft; seine Vorschlage waren nicht ganz annehm- 
bar. 

Mechetti u. Doppler sind sehr artige Leute. Doppler J s Frau, 
vulgo Maitresse des Baron Brandau, der mir sehr hiibsch vorge- 
spielt auf einer Clavier =Physharmonika. Ein steinreicher Mann. 

Fllichtig gesprochen: Preyer, Netzer, Proch; im Ganzen wenig 
bedeutende Talente; der erste am bedeutensten noch. 

OX Mit Bleistift von fremder Hand hinzugefugt; die Jahreszahl mehr- 

fach nachgezogen. 
o2 »Anfang« uber einen nicht lesbaren Wortanfang geschrieben. 



88 Mdrz 1839 

Vesque wenig gesehen; er fangt mir zu mifif alien an; ist auch 

vom Alten [Wieck] unterrichtet und scheint es, gegen mich ge- 

stimmt. 

Gall, ein Schiiler Mozarts, und s.[eine] Doppelpartitur. Einen 

Abend bracht ich da^ 3 zu, mit der Baroni und Webenau. Die 

Webenau liebt mich. In den letzten Tagen brachte ich viel froh- 

liche Stunden da zu. Gestern brach es bei der Webenau mehr als 

je hervor. Mozart gab Joseph tag-Soiree. Grofie Versamlung. 

Auch Ole Bull sprach ich, nur kann noch nichts iiber ihn sagen. 

Frl. Wittmann, junge Sangerin, gesprochen, ihr Bruder ist in 

Leipzig. 

Mit der Heinefetter (Sabine) bekannt worden in des jungen 

Schafer Concert 331 . Sie hat etwas Handfestes. Mit d. kl. [einen] 

Schafer oft zusammengetroffen. 

Saphier besuchte ich u. traf ich. Er sprach das Ledernste; ich war 

guter Stimmung und sprach nicht schlecht. 

Bei der Baronin Pereira zur Soiree. Eine Hebe Dame, Verwandte 

Mendelssohns. Viele Maler und Musiker da. 

Jenger, ein zufriedener Mann; Dessauer, aus dem ein Mejerbeer 

werden kann. Baron Sch6nstein, der schon singt Schubert'sche 

Lieder. 

Kriehubern' saE ich zum Bild. Es wird bald fertig. 

Einen Faschingsschwank glliklich angefangen; fiinf Satze, 

doch sitzen geblieben. Werde ihn aber vollenden. 332 

Ende Februar Menter a. Mlinchen gesprochen; ein trefflichster 

Kunstler; aufierlich u. innerlich Henselten nicht unahnlich. 

Ein Concert spirituell besucht, wo Mozart jun[ior] Mozart 

sen.[ior] D Moll Concert spielte 333 . 

Im Theater: Genueserin v. Lindpaintner 334 , ohne Wirkung auf d. 

Einzelnen, wie auf die Masse. Eine reizende Tanzerin Blangy. 

Likl wenig gesehen. Hauser'n manchmal. Bei Sulzer, dem 
schGnsten Tenor, ein Paar-Mal zu Abend; eine interessante 
Schwester (Judin). — 

Wohlwollender Brief von Simonin de Sire in Dinant, neulich 
auch Berlioz, endlich von Liszt 335 , der mich sehr gefreut. 
Paulus von Mendelssohn zur Auffiihrung gekomen 336 . 
Gestern Concert v. Micheuz 337 , das lustig genug. Doch wurde es 
bei weitem nicht genug gewiirdigt. Er macht erstaunliche Dinge, 
steht aber auf dem Sprung zum Tollhaus. 

Staudigl manchmal gesprochen; ein lustiger Patron, der beste 
Schlitze und leidenschaftlicher Billardspieler; als Sanger ein 
Meister, der Beste in Wien. 

03 »da« iiber der Zeile eingefiigt. 



Mdrz/Mai 1839 89 

Kammermusikus Eisner, der etwas Ordinaires hat, doch vie! Ta- 
lent zu Vielem. 

Lewy ist noch nicht hier; gern hatte ich ihn gesprochen. 
Die Cibbini nicht wieder gesehen, die alberne Frau. Hat Kl.[ara] 
nicht einmal geantwortet. 
Reuter in L.[eipzig] war sehr krank, ist aber wieder wohl auf. 

Zum 5ten April ist meine Reise festgesetzt. Es behagt mir besser, 
und hatte ich regelmafiiges Geschaft, ginge ich nicht wieder von 
hier. 

Ich schrieb es an Klara, eine Stadt, wo wir angesehener und 
wohlfeiler leben konnten, fanden wir in ganz Deutschland nicht, 
wie Wien 338 . 

So mit Gott der Zukunft entgegengesehen. 
Am 31sten Marz 1839. Erster Osterfeiertag. 
Gestern bekam ich einen schweren Brief v. Theresen [Schu- 
mann] in Zwickau; er schien mir der Vorbote von Eduards Tod. 

Zum 5ten ist m.feine] Abreise bestimmt. 

Der Alte [Wieck] hat zur Emporung [?] gereizt, wie mir 

L.forenz] schrieb. Er wird immer lacherlicher u. verachtlicher. 

Clara ist treu und fromm; ein gutes Kind. 

Lewy vorgestern zurtickgekomen. 

Seit Montag an einer »Leichenphantasie« 339 geschrieben — wie 

merkwurdig meine Ahnungen; auch der Abschied von Eduard 

[Schumann], und wie er noch so gut war, wird mir klar. Wie 

wird sich alles fur uns gestalten, ist meine erste Frage. Die scho- 

nen Traume von Zwickau ! 

Vorher an einem »Faschingsschwank* a. Wien« geschrieben. 

Beide sind noch nicht fertig. 

Kriehuber hat mein Bild fertig gemacht. 

Der junge Jiilich ist auf einige Tage zu seinen Verwandten. 

Vorgestern bei der Pereira und sonderbar da gespielt, doch mit 

grofier Intensitat. 

Ein Hr. Schmidt, Redacteur d. Orpheus 340 , bei mir; ihm schon 

vorgespielt. 

Ferdinand Schubert bei mir; wegen d. Symphonie mit ihm ver- 

handelt 341 . 

Ole Bull nicht wieder gesehen. 

Die Shaw ist hier; sie noch nicht gesehen. 

Leipzig, am 25sten Mai. 

Welche lange Pause wieder und was liegt alles in ihr. 

Donnerstag am 4ten April von Wien fort. Vorher Abschied von 



90 Mai/Juni 1839 

Julien [von Webenau], Jiillich, Rosle, Fischhof, Vesque, Haslin- 
ger. 

Weiter Reise bis Prag. In Prag geschlafen. Kittl im Theater ge- 
troffen. 

Ankunft in Dresden. Erttel mit Eduard's [Schumann] Todes- 
nachricht. Schlimme Nacht. Mit dem Dampfwagen nach Leip- 
zig, am 8 ten April friih angekomen. 

Brief mit der Nachricht von Eduards Tod. Dafi diese in mein 
Leben so eingreifen mufite. 

Am 9ten nach Zwickau, das nun ganz ausgestorben. Spazier- 
gang mit Theresen [Schumann]. 

Das Geschaft steht gut; Gedanke, es zu ubernehmen 342 . 
Brief von Klara, die mich betriibt; ihr Brief mit Weigerung d. 
Verbindung zu Ostern u. strenge Antwort 343 . Sie ist seelengut u. 
ein tugendhaftes Madchen. 

Einzug in das alte Parksttibchen 344 u. Kranksein wegen des Eng- 
enders Kranksein. 
Die Freunde alle. 
Riistiges Arbeiten an der Zeitung. 

Vom Isten — 12 Mai wundervolle Friihlingstage, durch Klara' s 
Brief verbittert. Endlich beruhigter durch ihre Antwort und ih- 
ren festen Willen 345 . Doch traue ich noch nicht ganz. 
Stille Tage im Ganzen. Mit dem Doctor [Reuter], Herman, 
u. d. A., namentlich Verhulst am meisten zusammen. Mit Ver- 
hulst Mittagtisch in St.[adt] Hamburg. — 

Bei Voigts u. Gevatterstehen morgen am Sontag mit d. kleinen 
Butter 346 . 

Des Alten [Wieck] Einwilligung unter gar zu lacherlicher Bedin- 
gung des Fortziehens aus Sachsen 347 . 

Unerhorte Niedertrachtigkeiten Seiner seits. 

Bis zur Wuth konnte ich ihn hassen. 
Entscheidung im September u. durchaus darauf gedrungen ge- 
gen Klara 348 . 

Therese [Schumann] war einige Tage hier, benahm sich lieb u. 
edel. Ihr Abschied u. Carls [Schumann] Thranen — fiirchter- 
licher Schmerz. 

Besprechungen mit Barth. 
Von Fremden: 

Die Gebriider Mtiller, Tichatschek aus Dresden, Felix Giinz, 

Schlesinger aus Paris. 

Mit Mechetti ofters zusammen. 
Mendelssohns herzliches Wiedersehen. Ist zum Musikfest nach 
Diisseldorf 349 . David ist noch in London. 
Am 9ten Juni, Sonntag. 
Gestern mein 29jahriger Geburtstag. Mit d. kl.[einen] Schmidt 



Juni/Juli 1839 91 

nach Connewitz zu Tisch. Verhulst unterwegs. Um 5 Uhr Brief e 

v. Klara mit ihrem schonen Bild, von Reutern gebracht 350 . 

Himlischer Tag. Abends mit Herman, Lorenz u. R.[euter] zu 

Tisch bei mir. Gemiithlichkeit. Hermans gefahrlicher Fenster- 

sprung, der die Freude unterbrach. 350A 

Immer Zustande in diesen Tagen, deren Grund ich nicht ange- 

ben kann. 

Gestern an Kl.[ara] das Schreiben an das Gericht zur Unter- 

zeichnung fortgeschikt u. bis Ende Juni zurtickerbeten 351 . 

Die Gevatterschaft gut uberstanden. Bei Voigt's Amtshaupt- 

mann v. Welk mit hiibscher Amtshauptmannin. Guter Laune 

war ich den ganzen Tag.^ 4 

Achter Juni 1840 was wirst du bringen? — 

Der Alte [Wieck] ist in Jena bei Bank, neue Plane zu entwerfen. 

Der Bericht im N[tirn]b[er]ger Correspondenten und meine 

Antwort 352 . 

Von Fremden: Ernemann aus Warschau, der Zuccaimaglio 

anklindigt: M[usik] D. [irektor] Schmidt aus Halle. 

Von Verhulst, der e.[inen] Ton anstimt, der mir nicht gefallt, et- 

was zuriickgezogen. 

Sonst sehr ordentlich und maftig gelebt, imer. Viele schone Spa- 

ziergange gemacht. 

Gearbeitet f. d. Zeitung Vieles 353 ; am Clavier wenig. Ein Quar- 

tett fing ich wieder gestern an; es fehlt mir doch der Muth, doch 

auch die Ruhe zu solcher Arbeit. Doch muE es werden. 

Am 15ten Juni. Sonnabend. 

Selten verlebte ich einen so heiteren Sommer; auch die Tempe- 

ratur sagt mir so sehr zu; 

durchweg mafiig u. fleifiig gelebt. 

Gestern Zuccaimaglio, der mich anzog, etwas Vornehmes 

hat u. Ortlepp viel ahnlich sieht. Er kommt zuriick. 

Sonntag friih Brief von Henselt, den ich gleich an Klara schicke. 

Der Alte [Wieck] ist zuriik; auch Probst hier. 

Nachste Woche hoffe ich nach Zwickau zu gehen. Bald darauf 

soil der Alte noch einmal gefragt werden 354 . 



Am 16ten July, Tag Raphael, Iibergab ich unser Schreiben dem 

Apellationsgericht. 

Furchterliche Stunden gingen voraus und ich weifi nicht, ob ich 

die Entscheidung erlebe. . 



04 Danach 3 Zeilen durch Streichung unleserlich gemacht. 



92 Juli/August 1839 

Merkwiirdiger Tag, dieser 16te: als ich Abends von der Voigt 
(vielleicht zum letztenmale) Abschied nahm, handigte sie mir die 
Nachricht vom Tode von Ernestinens Mann [Wilhelm v. Zedt- 
witz] ein. 



Vom 16ten July bis 22sten October 1839. 

Die Aufregung liefi nicht zum Schreiben koinen. Wo soil ich an- 
fangen: kaum weifi ich noch, was Alles geschehen 
Sonntag d. 21sten Juli nach Zwickau zum Erbschaftstermin. Al- 
les da ausgestorben: auch Therese [Schumann] war nicht da, wie 
ich ankam. Spater sie, Uhlmann u. Carl [Schumann]. Spatzier- 
gang mk Theresen im ftirchterlichen Regen bei merkwiirdiger 
Abendbeleuchtung. Ordnung alter Kinderschriften u. Schreibe- 
reien von mir. 

Die Reise nach Berlin ging mir im Kopf um; ich machte dafi ich 
fortkam nach Leipzig. 
10 Den 27sten Juli Abends nach Berlin. D. 28sten Sonntag in Pots- 
dam geblieben. Mit zwei Fremden Sanssouci, Charlottenhof u. 
die Umgegend mir angesehen. Tiefe Melancholie u. Erwartung 
d. Aufnahme v. Klara's Mutter. 
D. 29sten fruh mit der Eisenbahn nach Berlin. 
Gleich zur Mutter [Marianne Bargiel] u. herzliche Aufnahme. 
Aehnlichkeit mit Klara. Truhn; fiihrt mich hier u. dahin. Mu- 
seum. Die Rotunde. Der Schlofiplatz. Abends mit d. Mutter im 
Thiergarten. Bargiel krank, doch geistig ungeschwacht. Trost 
durch Zureden. 

Mit Truhn im Konigl.[ichen] Schlofi. Auch oft gefruhsttikt. 
Hirschbach. 

Oft bei der Mutter, auch hiibsch Clavier gespielt. Ihre schrift- 
liche Einwilligung an Klara 355 . 

Mit Truhn am 31sten (Au) July noch in Charlottenburg, wo 
Mandus; ich schwieg merkwiirdig viel. 

Am lsten Aug.[ust] Abends Riickfahrt u. die dumme Frau, die 
das Rauchen nicht will. 
Am 2ten Aug.[ust] in L[ei]pz.[ig] wieder. 
Nun kommen Tage der Freude u. des Wiedersehens. 
Am 12ten, Klara's Namenstag, frohliche Gesellschaft Abends bei 
mir. Verhulst, Hermann, Thorbeck u. Reuter. Guten Wein aus 
Eduards [Schumann] Keller. 

Vorbereitungen zum Entgegenkommen. Endlich fiir Altenburg 
entschieden 356 . 

Montag d. 19ten friih bei hirnlischen Wetter mit der Journa- 
liere 357 nach Altenburg mit einem jungen mystischen Schweden. 



August 1839 93 

11 Mein Verstecken. Doch Miiller'n gesprochen u. an der Nase 
herumgefuhrt. 

Dienstag d. 20sten in banger Erwartung — auf dem Weg hinaus- 
gegangen, wo Klara komen mufite. Und Abends 6 Uhr war sie 
da — in meinen Armen. Die Liebe, Holde war nur lieber u. hol- 
der geworden. Wir gingen sek langer Zeit zum erstenmal Arm 
in Arm u. sahen miteinander d. Mond. 
Das Alles bleibt unvergefilich; drum nun in Kiirze 
Mittwoch d. 21sten. Spatziergang mit Klara im Schlofigarten an 
herrlichem Morgen. Dann Wagen nach Schneeberg gemiethet 
und um 10 Uhr fortgefahren. Sie im Haubchen »Bist du gliik- 
lich?« — Durch Zwickau durchgefahren. Um 7 Uhr (nach) in^ 5 
Schneeberg angekommen. Zu Carl [Schumann], der noch nicht 
v. Leipzig zuruk. Klara unbeschreiblich mild u. tragend. Das 
Wetter war graulich worden. Sie zu Uhlmanns. 
Donnerstag u. Freitag d. 22sten u. 23sten zusamen gelebt[,] Cla- 
viergespielt, u. gektifit. Uhlmanns sehr herzlich und aufmerk- 
sam. 

Sonnabend d. 24sten mit Klara nach Zwickau. 
In Haslau eine schone Stunde auf der Terasse geschwarmt. Sie 
sah lieblich aus mit dem Ttichelchen um d. Kopf. 
Therese [Schumann]. Kleiner Spaziergang. Dann Klara noch 
eine kleine Strecke nach Schneeberg geleitet u. Abschied von ihr 
genomen. Ich Abends 9 nach Leipzig. Vorher mit Theresen 
mich entzweit, die herzlos und in der Angelegenheit mit Flei- 
scher sich narrisch benomen. 
Lorenz zufallig mit auf der Post. 

12 Von Sonntag bis Freitag den Termin bei Fischern in Ordnung 
gebracht. Ewige Aufregung. 

Freitag d. 30sten Klara'n entgegen; abermals herrlicher Tag mit 
Sonnenschein. Der Schreck in Konnewitz, u. mein und Reuter's 
KopfVerlieren. Sehr tragikomische Geschichte. Dann meinem 
Madchen von Zwenkau entgegengegangen u. sie bald getroffen. 

Gliiklichstes Wiedersehen. Zusamen zurtikgefahren, vor der 

Stadt ausgestiegen, u. sie durch die Vorstadte bei hellem Mond- 

schein zu Friese gefiihrt; sie war sehr erschopft. 

Sonnabend friih d. 31sten August mit Klara zu Fischern 358 . Der 

Alte [Wieck] war nicht erschienen, sondern nach Dresden. 

Nachmittag die Mutter [Marianne Bargiel] aus Berlin, uns eine 

grofie Beruhigung. 

Die dummen Verwandten. Allwin [Wieck] gut u. lieb und Klara 

ergeben. 

05 »in« iiber der Zeile eingefiigt. 



94 September/ Oktober 1839 

Wir blieben bis Dienstag d. 3ten September. Friih mit Klara u. 

der Mutter z. Apellationsgerichtprasident Beck. Abends Ab- 

schied von Klara, die mit der Mutter nach Berlin. 

Reuter in der ganzen Zeit sehr theilnehmend. 

Bis zum 12ten September still gesessen. 

Dann zum Geburtstag nach Berlin. In himlischer Stimung in 

einer italienischen Nacht fortgefahren. 

Den 13ten September in Berlin; ein Freitag. Das Gewitter, wie 

vor 2 Jahren. 

13 Bis Dienstag d. 17ten in Berlin. Schone Tage. 

Den 15ten mit Klara, der Mutter u. e.[inem] kl.[einen] Bargiel 
nach Potsdam auf der Eisenbahn. Ein Morgen, der himlisch. 
Mit ihnen nach Sanssouci, Charlottenhof, des Kronprinzen 
(Schlofi) Sommerhaus; Klara's Niedersitzen im Grofivaterstuhl. 
Den Mittag auf dem Plateau. Der Brief des Alten [Wieck] mit 
Versohnungsvorschlagen 359 . Zu Hause guter Brief von Graf aus 
Wien, u. Einert mit Bestimmung des Termintages. Mit Klara viel 
zusammengewandelt, Arm in Arm. 

Ein Mktag bei Behrens, wo Truhn, Hirschbach, die Taussig[?] 
Dann (Montag) mit d. Mutter u. Klara nach dem Kreutzberg 
mit dem schonen Monument. Klara immer in begliikender Auf- 
regung. 

Dienstag d. 17ten mit Klara nach Leipzig zuriikgereist — ^ 6 
Schone Tage u. Abende zusammengelebt, am Clavier, (auf dem 
Sopha), im Freien. Klara wohnte bei Carls, mufite sich kummer- 
lich behelfen, da grade Messe. 

Correspondenz mit dem Vater [Wieck] und seine dumen Vor- 
schlage. 

Zusainen mit Allwin [Wieck] in Schon[e]feld, im Kl.[einen] Ku- 
chengarten, im Rosenthal, in Zweinaundorf. 
Am 24sten Dienstag der Alte [Wieck] zuriik. Schmerzlicher 
Abend bei mir, der mich mit triiben Ahnungen erfiillte. 
Klara's Zusainenkunft mit dem Vater. Meine Harte dann 360 . Ihr 
Fortreisen nach Freiberg, ihre Riikkunft Montag d. 30sten Sep- 
tember und grofie Freude als sie kam im Regen u. Sturm. 

14 Mittwoch d. 2ten October mit Einert, Klara auf das Apellations- 
gericht. Des Alten [Wieck] Apellation 361 . 

Klara schikt nach ihrem Mantel, der ihr nicht gegeben wird 362 . 
Donnerstag mit Kl.[ara] noch zu Graf Reufi u. zu Mendelssohn. 
Sie hat sich immer musterhaft gezeigt in Allem, das sie sprach u. 
that und unternahm. 



06 Die folgende Zeile durch Streichung unleserlich gemacht. 



Oktober 1839 95 

Donnerstag Abend geleitete ich sie mit Reuter u. Herman zur 
Post, wo sie mutterseelenallein fortfuhr. Der Abend war aber 
mild und warm. 

Seitdem Tage der Arbeit, des Grams, der Freude — wie es eben 
in einem Kiinstlerherzen oft aussieht. 
Das Wichtigste, was sich sonst begeben: 

Giinz bankerott und nach England fortgereist. Zu grofier Ver- 
wunderurig seiner Freunde. 

Ein Brief v. Rosen, meinem alten Freund, nach achtjahrigem 
Schweigen; einen von Ernestine [von Zedtwitz], nach zweijahri- 
gen; beide lieb und innig erfreuend. 

Die Voigt starb am 15ten October; wir begruben sie am 
18ten 363 . 

Von Compositionen in d. 2 Monaten sind 3 bei Mechetti, u. die 
2te Sonate bei Ha[e]rtels erschienen 364 . 

Wenig gearbeitet in so vielen Zerstreuungen. Eine kleine Fu- 
ghette in G Moll, die ich in das Mozartalbum gegeben 365 — Vie- 
les angefangen — an Praludien gedacht — 

Fur die Zeitung in der letzten Zeit Manches; namentlich liber 
Liszt 366 . 

Von Fremden Besuchenden: 

Pary aus Petersburg, Hofrath Stokhardt aus Petersburg, 
Rosenhain, Panofka, Chelard, den ich liebgewonen, ein 
Hr. Villers, feiner Mann, Hirschbach, der einige Tage hier 
war, Dreischok, guter Bohme. 

Mendelssohn hubsch vorgespielt. Zu einer Matinee bei ihm, wo 
er neues herrliches Trio spielte. 
Mit Verhulst oft u. gern zusamen. Mit David wenig. 
Zuccalmaglio kam nicht durch Leipzig. 
Die neue Stuttgarter Zeitung. 
Ein Dr. Tropus, der ein Windbeutel scheint. 
Ein so schoner Spatherbst, wie wohl selten. Erst seit zwei Tagen 
ist es unfreundlich worden. 

Die Zeit mit Klara fast imer sch6nes Wetter gehabt. Bis Ostern 
denken wir nun in Ordnung zu sein. Die Gemeinheiten des Al- 
ten [Wieck] steigerten sich in der Zeit, Signor Banck war hier, 
ohne dafi ich ihn gesprochen. 

Es wird sich vereinen, was vereint sein soil, und trennen, was 
nicht zusamengehort. 

In diesen Glauben nehme ich heute Abschied von dir, liebes Ta- 
gebuch. 

Noch nicht. Ein Ungltxk im Carl'schen Haus ist geschehen: der 
Mann fort, die Frau in Verzweiflung. Dies beriihrt uns auch. 



96 Oktober/Dezember 1839-Februar 1840 

Carl [Schumann] war hier; es scheint schlimm mit ihm zu ste- 
hen, was mich oft beunruhigt. — 
16 Am 26sten October. Sonnabend. 1839. 

Mittwoch spielte Klara mit Muller im Opernhaus in Berlin 367 . 

Gestern bekam ich einen frohlichen Brief von ihr. 368 

Therese [Schumann] hier. Ein trauriger Anblik, sie so nutzlos 

verbliihen zu sehen. 

Die Pleyel angekomen 369 . Noch nicht gehort und gesprochen. 

Tiefes trauriges Wesen in mir. Wenig Kraft zum Produciren, gar 
keine. Eine angefangene Fuge wird mir blutsauer. 
Gestern friih Uhlrich bei mir. Mit ihm iiber Hirschbach gespro- 
chen. 

Dann der Sohn v. Lipinski, ein gescheidter Mensch, der viel er- 
zahlt. Eine Copie seines Vaters im Uebrigen. 
Sehr schwach im Kopf immer. 



Hermann, der sich im Sommer verheirathet^ 7 , lebt in ungliikli- 
cher Ehe. Gott beschutze uns. 



Dedicationen von Simonin de Sire, Kaskel, und Henselt, und 
Kalliwoda.^ 8/370 



17 ^^erzeichniE meiner Compositionen. 



Tagebuch von Marz bis October 1839. 



NB. Ein Tagebuch der schweren Zeit von da bis zum 
Hochzeitstage fehlt. Das Wichtigste stehe hier: 

December 18. Der fiirchterliche Termintag 371 . Zu Weihnachten 
mit Kl.[ara] in Berlin. Januar 1840^°. Das Iste Urthei 372 . 
Fiirchterliche Chikanen des Alten Bosen 373 . (Im Februar) Erneu- 
erte Bekantschaft mit Ernst (Violine) 374 . Im Februar reicher 
Liedersegen 375 , dariiber alles vergessen. 

07 »verheirathet« iiber der Zeile eingeftigt. 

08 Darunter mit Bleistift ein kreuzweise geteilter Kreis (Vide-Zei- 
chen). 

09 Daruber mit Bleistift von fremder Hand : » C o p i r t . « 
OlO Die Jahreszahl iiber der Zeile eingefiigt. 



Marz- September 1840 97 

Doctorschaft 376 , uber die ich mich jetzt argere. Klara in Ham- 
burg 377 . 

Marz. Liszt's Bekantschaft in Dresden. Auch Hiller's den 
Winter hindurch. Den 29sten Klara zum Concert v. Liszt 378 mit 
d. Mutter [Marianne Bargiel]. Klara bleibt hier bis 17 April, 
dann mit ihr nach Berlin wo ich bis 1 Mai bleibe. Bis Juni wie- 
der viel componirt 379 . Den 7ten Juni Klara v. Berlin zu m.[ei- 
nem] Geburtstag (d. 30sten) — Bekanntschaft mit Lwoff 380 — 
Gutenbergfest 381 — Taubert — Juli.^ 11 D. neue Fliigel: am 7ten 
Nachricht vom Aufhoren des Prozesses 382 — Logis angesehen — 
August. Ende des Prozesses— am 5ten Klara fort nach Jena, 
Liebenstein 383 , am 16ten lstes Aufgebot — den 3ten Septem- 
ber nach Weimar 384 — d. 4ten Klara, von da f. irner bei mir^ 12 

18 [An Friedrich Wieck] 385 
Verehrtester Herr, 

Klara schreibt mir, Sie wiinschten selbst dafi wir zu einem Ende 
gelangten; ich biete gern die Hand zum Frieden. Theilen Sie mir 
Ihre Wunsche mit; was davon zu erfiillen in meinen Kraften 
steht, bin ich mit Freude zu thun bereit. Schweigen Sie bis heute 
uber acht Tage auf (diese) meine Anfrage, so nehme ich es als 
Ihr bestimtes Nein der Weigerung. 

Ihr 
d. 24sten Juni 1839. ergebenster 

R. Schumann. 

Oil » J u 1 i . « iiber der Zeile eingef ugt. 

Ol2 Die vorstehenden Aufzeichnungen ab »Verzeichnifi« auf die Riick- 
seite des folgenden Briefkonzepts geschrieben, spater dem Tage- 
buch beigefiigt und wahrscheinlich erst bei Archivierung hier einge- 
klebt. 



Tagebuch 12 

Ehetagebuch I 
12.9. 1840-8.7. 1841 



Robert-Schumann-Haus Zwickau, Signatur 7087,1 — A3 

Das 1 . Ehetagebuch hat einen originalen schwarzen Ganzleinen- 
einband im Format 21,8 x 17,0 cm mit Papieriiberzug und ver- 
goldeten Ornamentkanten. Der Riicken tragt den originalen 
Aufdruck »1./Septbr/1840/— /Juli/1841« und ein nach der Ar- 
chivierung aufgeklebtes Kalikoschild mit der Aufschrift »Ehe=/ 
Tage-/buch«. Die Signatur ist auf der Innenseite des Riickdek- 
kels mit Tinte eingetragen (Handschrift Georg Eismann). 
Das Tagebuch umfafit 89 Blatter im Format 21,2 x 16,4 cm, die 
fadengeheftet sind. Die Paginierung wurde von fremder Hand 
mit Bleistift vorgenommen und reicht von Seite 1 bis 174. Nach 
S. 76 wurde ein einseitig beschriebenes Blatt herausgeschnitten, 
vermutlich von Clara Schumann noch wahrend der Abfassung 
des Tagebuchs, da der Textzusammenhang gewahrt blieb. 
Samtliche numerierte Seiten sowie die Vorderseite des Titel- 
blatts sind mit Tinte beschrieben. Unbezeichnete Leerseiten be- 
finden sich vor dem Titelblatt (2), dessen Ruckseite ebenfalls 
freiblieb, sowie nach den Seiten 89 (2) und 147 (2; zusammenge- 
klebt). Siegelreste und -spuren zeigen die 1. Leerseite, S. 77, 
S. 141 und das 3. Vorsatzblatt. 
Der Erhaltungszustand des Tagebuchs ist sehr gut. 



September 1840 99 

[Titelblatt] 

Tagebuch 

von 

Robert und Clara Schumann. 



Vom 12ten September 1840 bis Juli 1841. 



CLARA SCHUMANN : Dieses wie alle folgenden 

Tagebiicher gehoren nach 
meinem Tode meiner geliebten 

7r[an]*/[furt/M.] Tochter Marie* 86 . 

Juni 1889 Clara Schumann^ 1 . 



1 ROBERT SCHUMANN: . 
Am 13ten September 1840. 

Mein herzliebstes junges Weib, 

Lafi Dich vor Allem auf das Zartlichste kiifien am heutigen 
Tage, dem ersten Deiner Frauenschaft, dem ersten Deines 
22sten Jahres. Das Biichlein, das ich heute eroffne, hat eine gar 
innige Bedeutung; es soil ein Tagebuch werden uber Alles, was 
uns gemeinsam bertihrt in unserem Haus- und Ehestand; unsre 
Wtinsche, unsere Hoffnungen sollen darin aufgezeichnet wer- 
den; auch soil es sein ein Biichlein der Bitten, die wir an einan- 
der zu richten haben, wo das Wort nicht ausreicht; auch eines 
der Vermittlung und Versohnung, wenn wir uns etwa verkannt 
hatten; kurz ein guter wahrer Freund soil es uns sein, dem wir 
Alles vertrauen, dem unsre Herzen offen stehen. Bist Du damit 
einverstanden, Iiebes Weib, 

2 so versprich mir auch, dafi Du Dich streng an die Statuten uns- 
res geheimen Eheordens halten willst, wie ich es selbst Dir hier- 
mit verspreche. 

Alle acht Tage wechseln wir ab in der Fiihrung des Secretariats; 
alle Sonntage (friih zum Caffee womoglich) erfolgt die Ueber- 
gabe des Tagebuchs, wobei es Keinem verwehrt ist, auch einen 
KuE beizuftigen. Das Geschriebene wird alsdann gelesen, im 
Stillen oder auch laut, je nachdem der Inhalt es verlangt, Ver- 
gessenes nachgetragen, Wlinsche werden angehort, Antrage ge- 
stellt und bewilligt, und tiberhaupt der ganze Lebenslauf der 
Woche sorgfaltig erwogen, ob er auch ein wiirdiger und thatiger 
Ol Spater am Fufi der Seite hinzugefiigt. 



100 September 1840 

war, ob wir uns nach innen und aufien immer mehr im Wohl- 
stand befestigtj ob wir uns auch in unserer geliebten Kunst im- 
mer mehr vervollkommnet. 

Die Aufzeichnungen in einer Woche durfen nie unter einer Seite 
betragen; wer dagegen fehlt, bekommt eine Strafe, die wir uns 
noch aussinnen wollen. Sollte sich je ein Mitglied unsres Eheor- 
dens eihfallen lafien, eine Woche lang gar nichts einzuzeichnen, 
so wird die Strafe sehr verscharft; ein Fall indefi, der bei unserer 
bekannten gegenseitigen Hochschatzung und Pflichtkenntnifi 
kaum zu denken. 

Alle diese Satze und Gesetze sind auch auf Reisen u. dgl. zu be- 
obachten, und das Tagebuch mufi immer mit. 
Eine Zierde unsres Tagebuchelchens soil wie gesagt die Kritik 
unserer kiinstlerischen Leistungen werden; z. B. kommt genau 
hinein, was Du vorziiglich studirt, was Du componirt, was Du 
Neues kennen gelernt hast und was Du davon denkst; dasselbe 
findet bei mir Statt. Eine andere Hauptzierde 
des Buches bilden: Charakterschilderungen z. B. bedeutender 
Kiinstler, die wir in der Nahe gesehen. Anekdoten, Humoristi- 
sches bleibt keinesweges ausgeschlofien. 

Das Schonste und Herzigste aber, was das Buch enthalten soil, 
will ich Dir, mein liebes Weib, nicht noch beim Namen nennen: 
Deine und meine scheme Hoffnungen, die der Himmel segnen 
wolle, Deine und meine Besorgnifie, wie sie das Leben in der 
Ehe mit sich bringt; kurz alien Freuden und Leiden des eheli- 
chen Lebens soil hier eine treue Geschichte geschrieben werden, 
die uns noch im spatern Alter erfreuen wird. 
Bist Du mit all diesem einverstanden, mein Herzensweib, so 
schreibe Deinen Namen unter meinen, und lafi uns als Talis- 
mane noch die drei Worte aussprechen, worauf alles Gltik des 
Lebens beruht: 

FleiE, Sparsamkeit und Treue. 

Ich bin es wahrhaftig Dein 

Dich herzlich liebender Mann Robert, und Du? 
CLARA SCHUMANN: auch ich, Dein Dir von ganzer Seele 
ergebenes Weib Clara. 

ROBERT SCHUMANN: 1 ste Woche. 

Vom 13ten bis 20sten September. 

Ereignifie nur wenige, Gliick die Fiille. Mein Weib ist ein wah- 
rer Schatz, der taglich grofier wird. Fuhlte sie so recht, wie gliik- 
lich sie mich macht. Den 13ten feierten wir recht schon. Frtih 
nach Grimma, ganz allein bei ganz heiterem Wetter. Wir wan- 
derten alsbald auf die Rudelsburg 387 . Don die Grabau mit ihrem 



September 1840 101 

Mann. Einstweilen haben unsre Verwandte und Freunde zum 
Geburtstag aufgeputzt. Klara war innig erfreut tiber Alles. Es 
kamen die Mutter [Marianne Bargiel], Karls, Lists, Mad.[ame] 
Devrient, Becker aus Freiberg, Wenzel, Reuter, Herman. Elise 
[List] sang, etwas befangen. Klara spielte auch recht genialisch, 
auch ich ein wenig. Es ging ganz gemiithlich zu, blieb alles in 
den Schranken und war doch alles im Ueberflufi da. 
Im Haus haben wir jetzt eine Verwandte Carl's, Agnes [Roller], 
ein braves Madchen, das die Wirthschaft auf das Beste bestellt. 

Um 9 Uhr trennten wir uns. Die Freude u. das Gliick alles hatte 
uns miide gemacht. 

Montag am 14 ten. Erstes Gericht. Spannung auf den Ge- 
sichtern der Theilnehmenden. VortreffHch schmeckte es. Nach- 
mktag Becker, dem wir viele Lieder vorgespielt. Abends Ab- 
schied von Becker. 

Dienstag am 15 ten. Friih Emilie [List] bei uns. Erstes Bra- 
ten mit Mama. Unsre kleinfe] Wirthschaft ist gar zu traulich 
und mufi auch so auf die Gaste wirken. Lorenz u. Julius Becker 
besuchten uns. 

Meine Klara schickt sich ganz reizend an zur Wirthin. Von mir 
lafit sich das kaum behaupten und ich komme mir oft ganz ein- 
faltig vor, aber nur aus zu grower Ueberlegung meines Gltikes. 

Abends bei Carls. Abschied von der Mutter, die Mittwoch nach 

Magdeburg abreisen wollte. 

Mittwoch friih Staatsbesuche bei Hartel, Kistner, Mad.[ame] 

Mendelssohn, David, Voigt u. Friese. Bei letzteren Champa- 

gner, der der jungen Frau bedeutend zugesetzt. Die junge 

Rieffel; Erneuerung der Bekanntschaft mit Klara. 

An Arbeiten meinerseits konnte ich noch nicht ordentlich gehen; 

ich will es schon nachholen. Auch Kl.[ara] fangt an zu studiren, 

u spielt die Fugen v. Bach u. Mendelssohn jetzt. 

Nachmittag Emilie [List] bei uns. Auf meiner Stube Lieder. Dr. 

Oesterlei aus Hannover, gebildeter Mann. Ein Prof. Ktit- 

tel^ 2 aus Prag, der mich verfehlt. Abends Mad.[ame] Friese u. 

die Rieffel bei uns; letztere ein gemiith- u. charaktervolles Mad- 

chen, das sich auch in der Musik so ausspricht. 

Donnerstag am /7ten. Stiller Tag. Gliik in unseren vier 

Wanden. Klara ist wohl und munter im Ganzen. Friih Elise bei 

uns mit Handelschen Arien. 

Freitag am 18ten. Einfacher Tag. Nachmittag Dr. Kah- 

lert aus Breslau bei mir, dem ich weniges vorgespielt an Lie- 

o2 Recte: Kittl. 



102 September 1840 

dern; er schluckte es lobend wie ein Kritiker hinunter. Abend 
holte ich meine Frau (!) bei Mad.[ame] List ab. Ich zu Elise (be- 
scheiden) »ob ich es wagen diirfe, ihr die E^ichenjdorff schen 
Lieder zu dediciren« 388 ? — Meine Klara stellt schon eine ganz 
respectable Frau vor. 

Sonnabend am ^9 ten. Vorsatz mit Klara das »wohltempe- 
rirte Clavier« [von Bach] Stuck fiir Stuck durchzugehen. Ich 
sehe Hiller's Oratorium »Zerstorung Jerusalems« durch 389 . Friih 
Vetter Pfund, dem wir ein Stlick von unserem Paradiese zeigten. 
Zusamen in die Stadt. 

Nachmittag Dr. Kahlert bei mir, der mir von seinen Compositio- 
nen vorgespielt, auf die er Gewicht zu legen scheint; der Schrift- 
steller iiberwiegt jedoch bei weitem 390 . Mit ihm und den Mad- 
chen List zu Voigt, der eine unbegreifliche Albernheit beging, 
die hinreichte, sich seines Umgangs fiir immer zu entledigen. 
Man mochte so gern mit den Menschen umgehen. Und doch 
wie oft, die Gutmiithigen sind dumm, u. den Gescheuten fehlt 
das Gemtith. Ich sagte es Klara, die in ihrer Bescheidenheit ge- 
dacht hatte, es geschahe ihr ganz Recht. 

David spielte ein Quartett v. Mendelssohn mit Eckert, Klengel 
u. Grenser, u. Klara das^ 3 Trio von Mendelssohn — eigentlich 
beide Partheien gegen meinen Willen. Verzeih es mir der Him- 
mel, ich kann nicht so viel Musik horen; Klara, der ich es mer- 
ken liefi, war betrubt dariiber; doch besanftigte sie sich bald, wie 
ich ihr denn tiberhaupt zum Schlufi unserer ersten Woche das 
Zeugnifi geben kann, dafi sie alles besitzt, einen Mann zu beglli- 
ken, und es ist gewifi mein hochster Wunsch, geliebtes Weib, 
dafi auch Du so zufrieden und gliiklich bei mir bist. 

Zweite Woche 
Vom 20sten bis 27sten September. 

CLARA SCHUMANN: Ehe ich mit der neuen Woche beginne, 
mufi ich Dir, mein lieber Mann, doch gestehen, dafi ich noch nie 
so gluckliche Tage verlebt, als die letztvergangenen, und gewifi 
ich bin das gliicklichste Weib auP 4 Erden. Mir ist's, als liebt ich 
Dich mit jeder Minute mehr, und ich kann wohl sagen, ich lebe 
nur in Dir. Es ist mein hochstes Gliick, wenn Du immer zufrie- 
den bei mir bist, und ist Dir Etwas nicht recht, so sag 5 mir es 
gleich, nicht wahr, mein geliebter Mann, das thust Du? — Nun 
zum Sonntag 
d. 20. Baumeister Limberger besuchte uns, und drang in mich, 

03 Urspriinglich »ein«, durch »das« tiberschrieben. 

04 »auf« liber der Zeile eingeftigt. 



September 1840 103 

ich solle im Gewandhausconcert spielen, doch es spricht in mir 
ein Gefiihl dagegen, und auch Robert wlinscht es nicht. Limber- 
ger ist ein guter alter, mitunter etwas langweiliger Mann. 
Wenzel kam zum vierhandig Spielen der Sonate von Moscheles 
in Es dur. Es ist ein Meisterwerk! 

10 Carls, Dr: Renter, Wenzel waren zu Tisch bei uns. Mir 
schmeckte es nicht vor lauter Hausfrau-Aengsten, als da sind: 
dafi es den Gasten nicht schmecken mochte, oder, dafi das Essen 
nicht zureiche, und so Verschiedene noch Dergleichen. 

Nach Tisch kam Emilie mit Linna — ich war sehr verstimmt, 
weil Robert nicht wohl war. 

David mit Frau kam auch. Die Frau ist sehr lieb, doch kann man 
sich ihr nie vertraulich nahern — ist es ihr Stand, der Einen zu- 
riickhalt? ich glaube es fast, denn ihr Wesen ist ja so einfach! — 

Abends machten wir noch eine kleine Promenade. Robert 
sprach so freundlich zu mir, dafi ich wieder ganz heiter wurde. 
Ich hange so ganz von seiner Stimmung ab; es mag vielleicht 
nicht gut seyn, ich kann mir aber nicht helfen. 
Emilie kam noch wieder mit zu mir, was mir nicht lieb war, da 
sie mein Madchen in Sturm und 

11 Wetter nach Hause bringen mufite. Es wird noch oft so gesche- 
hen, und das ist mir fatal. Mich wundert, dafi das Emilie nicht 
selbst einsieht und sich abholen lafit. Uebrigens war sie in sehr 
angenehmer liebenswiirdiger Stimmung, und bleibt mir doch im- 
mer die treueste Freundin. 

D. 21 Recht fleifiig war ich die Zeit her noch nicht, bin aber mit 

den besten Vorsatzen heute aufgestanden. 

Wir haben begonnen mit den Fugen von Bach; Robert bezeich- 

net die Stellen, wo das Thema immer wieder eintritt — es ist 

doch ein gar interressantes Studium die Fugen, und schafft mir 

taglich mehr Genufi. Robert gab mir einen starken Verweifi; ich 

hatte eine Stelle in Octaven verdoppelt und dadurch unerlaubt 

eine ftinfte Stimme dem vierstimmigen Satz beigefiigt. Er hatte 

Recht das zu rtigen, doch schmerzte es mich, dafi ich selbst dies 

nicht gefiihlt hatte. 

Der Abhaltungen giebt es fortwahrend 

12 noch; Elise, Auguste Kietz, Nachmittag Madam Devrient, 
Emma Meyer hielten mich vom Arbeiten ab. Es ist schlimm, dafi 
mich^ 5 Robert (mich) in seinem Zimmer hort wenn ich spiele, 
daher ich auch die Morgenstunden, die schonsten zu einem ern- 
sten Studium, nicht benutzen kann. 

Emma Meyer hat mich mit in die Stadt zu sich genommen. Ich 

o5 Ursprunglich »mein«, durch »mich« tiberschrieben. 



104 September 1840 

war unter lauter Juden drinn, da ist Einem denn doch ein wenig 

unbehaglich, obgleich man Meyers die Juden wenig anmerkt. 

Emma ist ein liebes gutes Madchen, die mich, glaube ich, mit 

ganzer Aufrichtigkeit liebt. 

Robert holte mich ab, und entfakete seine ganze Liebenswiirdig- 

keit in den freundlichsten Ziigen — so hab ich ihn doch gar zu 

gern. 

Mir scheint wirklich als liebe ihn Emma mehr, als sie selbst es sa- 

gen mag — mir bangt jedoch nicht. 

13 Dienstag d. 22. Emilie besuchte mich auf einige Stunden — ich 
studierte. Wollte ich mich storen lassen, so kame ich zu gar 
nichts mehr — meine Freundinnen miissen sich das gefallen las- 
sen. 

Nachmittag Besuch von Herrn Nathan aus Kopenhagen. Er 
spielte eine Chopin'sche Etude, nicht ohne Fertigkeit, doch ohne 
alien geistigen Funken. Das ist auch einer jener bedauerungs- 
wurdigen Musiker, Dem die Hauptsache fehlt — das Talent. 
Ich habe Abends recht ernstlich wieder angefangen, das Concert 
in E moll von Chopin zu studieren, auch mache ich mich jetzt 
liber meines Mannes Compositionen mit Ernst. Ich habe eine ge- 
fahrliche Nebenbuhlerin in der Rieffel, von der Robert, wie ich 
aus einer Aeufierung schliefien konnte, seine Compositionen lie- 
ber hort als von mir — das ist mir denn nicht wenig in den Sinn 
gefahren! Er sagte, sie spiele die Sachen exacter; dies mag auch 
sein, denn ich erfasse 

14 immer gleich das Ganze und iibersehe dariiber wohl manchen 
kieinen aber bedeutungsvollen Accent, wie es Deren in Roberts 
Compositionen sehr Viele giebt — fast jede Note hat ihre Bedeu- 
tung, das kann man wohl sagen. Ich iibersehe uber die Composi- 
tion die Ausfiihrung, und das soil nicht mehr sein, ich will mich 
bemuhen seinem Ideale nachzukommen. 

Friedrich Kistner besuchte uns, und auch er forderte mich auf im 
ersten Gewandhausconcert zu spielen. Ich mag durchaus nicht 
spielen, in keinem Falle, aber das Abschlagen wird mir schreck- 
lich schwer. 

Kistner ist ein angenehmer Mann und ich mag ihn wohl; spafi- 
haft ist es aber, wenn er als Reprasentant der Gewandhausdirec- 
tion auftritt, mit groster Gewichtigkeit spricht er dann von 
» Wir thuen Alles was in unseren Kraften steht« » Wir haben 
diesen Kiinstler kommen lassen« u. s. w. 

15 Mittwoch^ 6 D. 24 Bertha Constantin hat mich besucht. Wir 
sprachen viel iiber die verstorbene Madam Vb[i]g£. 

Abends war ich bei List's, Robert holte mich ab. Ich bin immer 

06 »Mittwoch« uber der Zeile eingefiigt. 



September 1840 105 

froh,.wenn er kommt, denn bis dahin hat mich schon immer die 
Sehnsucht gewaltig befallen; ich denke fortwahrend an ihn, 
wenn er nicht bei mir ist. 

Sonderbar ist es, Elise hatte mich bis jetzt, trotz ihrer himmlisch 
schonen Stimme, noch nie, was man sagt, gepackt, heute aber 
entziickte sie 07 mich in einer Arie von Rossini — ich weifi selbst 
kaum durch was; sie sang sie. ganz eigen animirt. Von Roberts 
Liedern sang sie Einige, doch scheint mir, zu deutschen Liedern 
fehlt ihr eine tiefere Regung, ein inniges Erfassen des Textes, ich 
kann mich dariiber gar nicht so aussprechen, es ist Etwas, das 
ich nicht zu benennen weifi. Es drangte sich mir dasselbe Gefiihl 
einmal auf, als ich von Pauline Garcia das Gretchen von Schu- 
bert horte, was sie mehr 

nach Effect haschend vortrug, als mit dieser inneren Gluth, wie 
diese Worte, sowie Schuberts Musik so herrlich es^ s ausspre- 
chen. Pauline Garcia hat mich jedes Mai entziickt, nur gerade 
bei diesen deutschen Lied liefi sie mich unbefriedigt, was ich 
eigentlich gar nicht begreife bei diesem durch und durch musi- 
kalischen Wesen, die sonst Alles in groster Schnelligkeit in sei- 
ner ganzen Wahrheit erfafit! — 

D. 25 Duvigno, mein alter Sprachlehrer besuchte mich, mir 
seine Gliickwunsche zu bringen. Er ist ein alter guter Mann und 
voll Wissens; er spricht und schreibt^ 9 12 Sprachen. 
Sonnabend^ 10 d. 26. Heute sind es nun schon 14 Tage, dafi wir 
verheirathet sind! wie schon und glticklich haben wir diese Tage 
verlebt! Diese Woche waren wir doch auch ziemlich fleifiig. Un- 
ser Fugenstudium setzen wir fort; es (ist gar interressant) wird 
mir mit jedem Mai Spielen 

interressanter. Bei diesem nattirlichen Flufi doch diese grofie 
Kunst, was man doch fast^ 11 von jeder der Fugen sagen kann. 
Die Mendelssohn'schen Fugen kommen Einem doch nach den 
Bach*schen armlich vor, man sieht auch sehr wie sie gemacht 
sind, und es ihm wohl manchmal schwer geworden ist. Es ist 
wohl Thorheit, dafi ich einen Vergleich machen will, doch 
drangt er sich mir unwillkiirlich auf, wenn ich (wie ich es fast 
immer thue) nach den Bach'schen die Mendelssohn'schen Fugen 
spiele. Ich glaube iibrigens gewifi, es lebt jetzt Keiner der sol- 
che^ 12 Fugen schreiben konnte als Mendelssohn; 



07 »sie« iiber der Zeile eingefiigt. 

08 »es« iiber der Zeile eingefiigt. 

09 »und schreibt« iiber der Zeile eingefiigt. 
OlO Urspriinglich »D«, durch »S« tiberschrieben. 

OX 1 Danach mehrere Worte durch Streichung unleserlich gemacht. 

Ol2 »solche« iiber der Zeile eingefiigt. 



106 September/ Oktober 1840 

ROBERT SCHUMANN: Cherubini, Spohr, Klengel)<> 13 

CLARA SCHUMANN: hat er ja von seiner Kindheit an nur in 
Bach, Handel, Haydn {u. And.[eren] gelebt) und anderen alten 
Meistern gelebt. 

Advocat Schleinitz kam noch einmal als Abgesandter von der 
Concertdirection — sie sind in groster Verlegenheit, ich soil spie- 
len, ich kann es aber durchaus nicht, ich wurde nicht einen ruhi- 
gen Augenblick vorher mehr haben. 

18 Amalie Rieffel spiehe ich eine Stunde vor; ich gewinne sie immer 
lieber, denn mir scheint wirklich, dafi sie ihre Kunst mit ganzer 
Liebe treibt. 

Sie weinte bitterlich; sie sagte, es sey aus Unzufriedenheit mit 

sich selbst — ich kenne das Gefiihl, es hat mir auch schon man- 

che bittere Stunde gemacht. 

Nachmittag kam Emma Meyer mit ihrem Cousin um mich zu 

horen — ich spielte, und sang viel von Roberts Liedern mit ganz 

besonders animirter Stimmung. 

Roberts Liederbuch, das er mir an meinem Geburtstag ge- 

schenkt, und das fruher von ihm erhaltene 391 , sind mir ein wah- 

rer Schatz, ich mochte mich manchmal ganz hinein vergraben. 

Welcher Reichthum an Fantasie und tiefem Gemuth ist in diesen 

Liedern. 

Emilie [List] besuchte mich mit ihrer Mutter. Ich sehe gern zu- 
weilen^ 14 einige Freunde bei mir, und ftihle mich so ganz gluck- 
lich in meinem Hause. 

19 Ich schliefie diese Woche mit der 015 Bitte an Dich, mein lieber 
Robert, daE Du Nachsicht mit mir haben mogest und mir ver- 
zeihen, wenn ich hie und da Dummes gesagt, woran es keines- 
falls fehlen wird.O 16 

ROBERT SCHUMANN: Dritte Woche. 

Vom 27sten Sept. [ember]— 4 October. 

»Aller Anfang ist schwer«. Du hast Recht, liebes Weib. Denn 
wie anfangen, von dieser Woche zu berichten, die eine Freu- 
den-, eine wahre gliikliche Ehewoche war. Ich schwore, dafi du 
mit mir einverstanden bist. In hundert Fallen hab' ich Dich wie- 



013 Auf dem Seitenrand angemerkt und durch Kreuze hierher verwie- 
sen. 

014 »zuweilen« auf dem Seitenrand vor der Zeile hinzugefiigt. 

015 Urspriinglich »einer«; der Wortanfang gestrichen, das Wortende 
iiberschrieben. 

016 Die folgende Zeile durch Streichung unleserlich gemacht. 



Oktober 1840 107 

der als ein liebevolles sorgliches anspruchloses Weib erkannt, 
und ertappe Dich taglich auf neuen Trefflichkeiten. Einmai strit- 
ten wir uns, wegen Auffassung meiner Compositionen seitens 
Deiner. Du hast aber nicht Recht, Klarchen. Der Componist, 
und nur er allein weifi wie seine Compositionen darzustellen 
seien. Glaubtest Du's besser machen zu konnen, so war's das- 
selbe, als wenn der Maler z. B. einen Baum pp besser machen 
wollte, als ihn Gott geschaffen. Er kann einen schoneren malen 
— dann ist es aber eben 

ein anderer Baum, als den er darstellen wollte. Kurz u. (glaubt) 
gut so ist es. Einzelnen interessanten Ausnahmen, sobald sie 
ganz bedeutende Individuen machen, wird freilich Niemand in 
Weg treten wollen. Immer ists aber befier, der Virtuos gibt das 
Kunstwerk, nicht sich. 

Fleifiig war meine Klara sehr; ja sie brennt auf die Musik. 
Studiren horte ich sie die neuen u. alten Etuden v. Chopin, auch 
von Henselt, von Bach mehreres, Phantasie u. Kreisleriana von 
mir. Auch die FMoll Sonate v. Beethoven. Im wohhemperirten 
Clavier [von Bach] setzten wir unsre taglichen Studien fort. 
Zwei kleine Duetten machte ich »Wenn ich ein Voglein war« u. 
Herbstlied v. Mahlmann. Klara ist auch so gut, mir ein Balladen- 
heft (m. d. Lowenbraut) 392 in's Reine zu bringen, wodurch sie 
mir eine saure Arbeit abnimmt. Thut sie doch alles so gern, 
wenn es fiir mich ist. 

List's sahen wir ofter; der Alte [List] ist jetzt hier. Vorigen Sonn- 
tag friih im Kuchengarten zusamen. Eine abenteuerliche Fami- 
lie, fiir Maler und Schriftsteller gleich interessant. 
Aufierdem viel Storungen durch Besuche. Karl sitzt wegen 
Wechselschuld im Arrest. Wir sollten helfen, was beim besten 
Willen nur wenig sein konnte. 

Julius Becker brachte neue Lieder- alles eigen schmachtig, klein 
u. zart. Eines gefiel uns besonders 393 . 

Ein Weimaraner, Kellner, Schiiler von Montag, besucht uns of- 
ter, und rennt alle Abende um unser Haus herum, dafi ich toll 
vor Eifersucht bin. 

An die Russische Reise denk 5 ich mit Schrecken, und glaub 5 ich 
Klare auch. Aus unserm kleinen warmen Nest heraus, wo wir 
uns kaum zurecht alles gelegt, dort hinauf ! Hui. Und doch wer- 
den wir es unternehmen miifien. 

Klara gab ich ein Lied v. Burns zu componiren; sie getraut sich 
aber nicht 394 . 

Von Chopin erschien gestern eine Ballade, die mir dedicirt ist 395 , 
was mich mehr freut als ein furstlicher Orden. Heute ist das lste 
Abonnementconcert. David dirigirt es, da Mendelssohn noch in 
England. Aufier Elise [List] singt die Schlofi noch 396 . 



108 Oktober 1840 

22 Die kleine Rieffel halt sich ganz cacbee. 

Ein merkwiirdiges Jahr. Eine Obstpracht, wie ich nie gesehen — 

und bis jetzt noch kein Gewitter. 

Von Beranger las ich diese Woche zum erstenmal mehr, wohl 

der bedeutenste franzosische Dichtercharakter 397 . 

Nichts als Notizen heute. Sei nicht bose, Klarchen. Mir 

schwimmt heute Alles in Musik; ich mufi an den Flugel. 



CLARA SCHUMANN: 4 te Woche. 

D. 4 horte ich endlich einmal wieder ein Abonnementconcert, es 
befriedigte mich aber wenig aufier der Eroica von Beethoven, die 
fiir den ersten Theil, der aus lauter seichten Compositionen be- 
stand, entschadigte. An so einer Beethoven'schen Symphonie er- 
baut man sich wahrhaft; je mehr ich sie hore je grofier der Ge- 
nufi — keine Musik, die so alle Gefiihle in mir rege macht, als 
Diese. 

23 Die Ausfiihrung war, bis auf einige Fehler im letzten Satz, sehr 
gut, und fehlte Mendelssohn Einem, so wahr es gewifi nur dem 
Auge, das nun einmal gewohnt ist ihn am Pulte zu sehen. Uebri- 
gens will ich das nicht auf mich anwenden, denn ich mufi geste- 
hen, mir fiel es lebhaft ein, wie Robert einmal sagte oder schrieb, 
dafi ihn das Dirigieren der Symphonieen (s) geniere, und ich 
mufi ihm beistimmen, es macht einen freyeren fast poetischen 
Eindruck ohne den sich fortwahrend im Tact bewegenden Tac- 
tirstab. 

Der letzte Satz der Eroica war mir immer etwas unklar erschie- 
nen, doch lag es z. B. in Berlin, wo ich sie horte, an der Ausfiih- 
rung, die verschiedenen Eintritte des Thema's traten nicht deut- 
lich hervor — diefimal aber kam mir das Ganze viel verstand- 
licher vor, weil es eben auch so ganz exact (bis auf die eimgen 
oben bemerkten Fehler) execiitirt wurde. 

Sophie Schloji hat eine voile starke Stimme, doch hat die Stirne 
keinen 

24 schonen noblen Charakter, wie Elisens. Sie macht Colleraturen 
die Menge, aber Wie? das frage Niemand. 

Ullrich spielte mit vielem Fleift aber etwas kleinem Ton ein Con- 
cert von David. 

Eine Madam Mood[y] hat an mich geschrieben ob ich Stunden 
gebe. Hier in Leipzig thate ich es um keinen Preis, doch da es 
eine Auslanderin ist, so wiirde ich mich wohl eher dazu verste- 
hen, was ich ihr au«h schrieb. Ist es eine Englanderin, was ich 
dem Namen nach vermuthe, so fiirchte ich mich, denn die neh- 
men nicht Stunde um zu lernen, sondern bios, weil das Stunden 
nehmen eben Mode ist. 



Oktober 1840 109 

D. 5 Die Tante Carl besuchte ich den Abend. Sie ist sehr gefafit! 
ob ihr denn das Ungliick nie lehren wird besser wirthschaften ! — 

Ublemann aus Schneeberg und Kellner aus Weimar afien am 
Sonntag bei uns zu Mittag. Der Nachmittag war ein langweili- 
ger, wir 

wufiten nicht was anfangen mit unseren Gasten. Ublemann ist 
gar nicht musikalisch und Kellner noch ein Anfanger. Er spielte 
Einiges von Hummel mit guter Schule. Lebensart mangelt ihm 
wie den meisten so jungen Leuten aus kleineren Orten. Er ver- 
liefi uns den ganzen Tag nicht, folgte jedem unserer Schritte, 
und heute haben wir uns einige Mai schon bei ihm verlaugnen 
lassen, was ich hochst ungern sonst thue, man kann sich ja aber 
nicht retten vor diesen jungen Leuten! Ein Rackemann seniorl — 

D. 6 Dienstag. List's brachten den Abend bei uns zu. Elise leidet 
und jamert an dem Lampenfieber; sie will es Allen recht machen, 
und das geht nicht. Jeder rathet ihr anders, und so mussen sich 
zuletzt all ihre Sinne verwirren, wenn sie nicht bestimmt und 
entschlossen auftritt, und singt was sie will. Ich bedaure sie: sie 
hat weder musikalischen Vater, noch musikalische Mutter, 
die ihr rathen konnten. Wunderbar ist es doch, wie sich das 
Madchen (doch) so weit gebildet hat, ohne alle Anleitung, im 
Gegentheil Widersetzlichkeit von der Seiten der Eltern (friiher 
namlich). Die kleine Lina hat ein grofies Talent zur Musik, 
doch wird es in ihr unterdriickt, die Mutter will eine Hausfrau 
aus ihr machen, weil es bei den beiden Aeltesten nicht gegliickt 
ist. Wie dauert Einen doch das! — 

D. 7 Ich studierte heute ziemlich fleiEig, Ballade von Chopin, 
C dur Sonate von Beethoven, Kreislerianen ect: Ginge es mei- 
ner Lust nach, so spielte ich wohl gern manchmal mehr, ich 
werde aber so leicht mude, und so abgespannt, dafi ich nach 2 
Stunden Spielen in die schrecklichste Stimmung verfalle — so oft 
hab' ich das bemerkt, und° 17 ich kann mir nichts denken, als da£ 
es von der geistigen Abspannung herruhrt. 
Mein Robert componiert sehr fleifiig. Heute hat er ein Chor der 
Zigeuner 398 vollendet, das einen ganz eigenen Zauber auf mich 
ausiibt wenn ich es hore — wie schon mufi das klingen, gut ge- 
sungen 018 ! 
Mit unserer Reise nach Petersburg sieht's schlimm aus — mit* 



■019 



OX7 »und« iiber der Zeile eingefiigt. 

018 Urspriinglich »gesp«, »p« durch »u« tiberschrieben und die Unter- 
lange weggestrichen. 

019 Urspriinglich »der«, durch »mit« tiberschrieben. 



110 Oktober 1840 

dem Krieg mit dem Pascha von Aegypten scheint es Ernst zu 
werden 399 , und dann »Adieu Virtuosen« ! 

Konnte ich nur den Robert bewegen mit mir nach Holland und 
Belgien zu reisen, damit ich doch nachsten Winter benutze — es 
ist mir schrecklich ihm gar nichts mit meinem Talente nutzen zu 
konnen, jetzt, wo ich die besten Krafte dazu besitze. Ueberlege 
es Dir doch noch einmal, mein lieber Mann! lafi uns nur ein 
paar Winter noch benutzen — ich bin es ja auch meinem Rufe 
schuldig, daft ich mich jetzt noch nicht ganz zuruckziehe. Es 

28 ist ein Pflichtgefuhl gegen Dich und mich, das in mir spricht. 

Das erste Buch des wohltempirirten Clavier's von Bach haben 
wir vergangene Woche beendet, unser Studium im 2ten Buch 
aber nicht fortgesetzt — Robert wollte eine Woche ruhen ! 
Donnerstag d. #ten. 

Den Abend verbrachte ich bei List's. Elise traf ich in tiefster Me- 
lancholie, Emilie weinend, Madam List flehend, daft ich nicht 
fortgehen mochte, kurzum, die Scene war eine interressante! ich 
trug mein Moglichstes bei sie alle ein wenig zu erheitern, und 
Elisen Muth einzufloften, was mir denn auch einigermaften ge- 
lang. Es ist doch eine liebe Familie, und Elise hat so ihre Tage, 
wo sie unwiderstehlich liebenswurdig ist — so heute, trotz ihrer 
Melancholie, die sie im Gegentheil noch interressanter machte. 

29 D. 9 Elisens Angst nimmt auf eine Weise iiberhand, wie es mir 
noch nicht vorgekommen. Mehrermal schon war sie entschlos- 
sen nicht zu singen, das offentlich Singen aufzugeben (und hat 
es noch nicht einmal begonnen), die Aeltern sind aufter sich, die 
arme Emilie weint die bittersten Thranen, am meisten aber be- 
daure ich Elise selbst, die so gar keinen Halt an Jemand hat, de- 
ren Eltern, so ganz unmusikahsch, ihr keinen Muth einflofien 
konnen. Sie qualt sich schrecklich mit der Einbildung, und sieht 
ihren Sturz nachsten Sonntag als gewift an. Man muft manchmal 
lachen, doch mir ist's fast nicht mehr so — ich zittere vor Sonn- 
tag, wenn sie nur nicht mitten im Stuck aufhort! — 

Seit zwei Tagen habe ich gar nicht ordentlich studieren konnen, 
List's wegen, und mir ist^ 20 immer gleich als sahe ich meine 
Ruckschritte, wenn ich einen Tag nicht studiert habe; ich 
konnte List's Bitten auch heute nicht widerstehen, und ging 
Abends wieder mit hin. — Emilie las 

30 Einiges aus Lord Byron's Lebensgeschichte 400 , was mich sehr in- 
terressierte, hatte ich doch noch^ 21 nie Etwas von ihm erfahren 
und selbst seine Schriften sind mir noch sehr unbekannt. 



020 »ist« uber der Zeile eingefiigt. 

021 Urspriinglich »nie«, durch »noch« iiberschneben. 



Oktoher 1840 111 

Meine Unwissenheit in den Wissenschaften, meine Unbelesen- 
heit fiihle ich doch manchmal recht druckend! wann soil ich 
aber lesen? ich finde die Zeit nicht wie Andere, und dann glaube 
ich, mir fehlt der eigentliche Trieb zum Lesen, den ich mir 
durchaus nicht geben kann. Ich lese gern, ja, aber ich kann 
(aber) auch ein Buch lange unbertihrt lassen, was z. B. Emilie 
und Elise nicht im Stande sind; sie fallen gleich liber Alles, das 
zu lesen, her, daher auch ihre Kenntnisse, ihr Bewandertsein in 
Allem, was in der Welt vorgeht. 

Ich ftihle mich^ 22 manchmal recht ungliicklich in mir selbst — 
wenn ich so in meinem leeren Kopf mich umsehe. Nun, so lange 
nur noch mein Robert sich mit mir begniigt, ist's gut, aber war* 

das auch nicht, da war's ganz aus mit mir! 

Sonnabend d. 10. Der Sonnabend sieht mich doch immer ganz 
eigen freundlich an! er [erjinnert mich immer an eine glticklich 
verflossene Ehewoche mehr. So schnell sind mir noch keine Wo- 
chen vergangen, als die letzten Vier; es ware nicht gut, ginge das 
so fort — man wiirde am Ende grau und alt und wiilke kaum, 
wie ! — 

Ich schwatze recht dummes Zeug, nicht wahr mein lieber Ro- 
bert? — doch wenn ich, unserer Abrede gemafi, Alles schreibe 
was ich im Augenblick denke, so kann das dumme Zeug nicht 
fehlen, das wirst Du einsehen, und demnach mild in Deinem 
Urtheil mit Deiner Frau verfahren. 

Mit Zittern ging ich heute in die Gewandhausprobe, es ging 
aber Alles gut; Elisens Stimme merkte man trotz der grofien 
Angst nichts an, nur ein wenig schwacher schien sie mir als ge- 
wohnlich. Sie sang gut bis auf etwas zu langsamen Tempi's die 
ihr eigen sind; sie hat aber Recht 

Heber langsam und deutlich, als schnell und unrein a la Schlofi 
zu singen. Ware nur der Sonntag erst vorbei! 
Moscheles war in der Probe — er ist mit Mendelssohn von Eng- 
land gekommen. Ich soil ihm vorspielen, und angstige mich 
mehr, als vor einem ganzen Publikum. Ich fiihle iiberhaupt 
meine Angst bei'm Vorspielen immer mehr zunehmen; wovon 
das herriihren mag! ich weifi es nicht! — 

Da ich Dich doch nicht jetzt storen darf in Deinem Sttibchen, so 
erlaube mir Dir, mein lieber Mann, zum Schlufi der Woche im 
Geiste einen recht innigen Kufi zu geben. Ich bin alle Tage 
gliicklicher in Dir, und ist es, dafi ich('s) manchmal nicht so 
glticklich scheine, so sind es nur andere Scrupel die ich mir ma- 
che — meistens Unzufriedenheit mit mir selbst. Ich mochte Dir 
wiirdig zur Seite stehen — dariiber ziirnst Du mir gewifi nicht! — 

022 »mich« iiber der Zeile eingeftigt. 



112 Oktober 1840 

33 ROBERT SCHUMANN: 

Flinfte Woche. 
v. llten— 18ten October. 

Die Woche ist unter allerhand interessanten Zerstreuungen ver- 
gangen. Elisen's [List] erstes Auftreten 401 , Besuche von Mosche- 
les 402 und Anderen, Vorbereitungen zu Feten pp pp — dies Alles 
hat uns etwas aufier uns gebracht. Auch triibe Eindriicke fehlten 
nicht. Klara' s Vater hielt sich die Woche hier^ 23 auf, der mir im- 
mer durch Wort u. That zu schaden sucht. Onkel Karl's Angele- 
genheiten sind gleichfalls eher schlimmer geworden. So sinken 
denn die Schalen immer zwischen Freud u. Leid. Meine Klara 
bleibt sich trotzdem gleich liebreich, aufrichtend und mochte 
liberall helfen, wo sie konnte. An ihrer Kunst hangt sie begei- 
sterter als je und hat manchmal in der vorigen Woche gespielt, 
dafi ich tiber die Meisterin die Frau vergafi und sie sehr oft selbst 
vor anderen geradezu in's Gesicht loben mufite. So spielte sie 
vorigen Sonntag friih die C Dur Sonate von Beethoven, wie ich 
es noch nicht gehort,* so vor Moscheles einige der Kreisler- 
stiicke, u. Donnerstag Abend in einer Soiree, die wir gaben, die 
Trio's von Moscheles und Mendelssohn. So viel 

34 ich liber Klara zu sagen hatte, so wenig sie liber mich. Bei aller 
Anstrengung zum Arbeken und Schaffen jetzt will mir nichts ge- 
lingen, was mich oft mit Schwermuth erfiillt. Woher es kommt, 
weifi ich wohl. Ganz mliEig blieb ich dennoch nicht und habe 
mich auf ein Gebiet gewagt } auf dem freilich nicht jeder erste 
Schritt gelingt 403 . Davon spater. — 

Elisen's [List] erstes Auftreten ging leidlich von Statten; sie 
miifite noch eine Zeitlang unter eines Meisters, eines Componi- 
sten taglicher^ 24 Aufsicht singen, der dies schone Instrument zu 
beleben verstiinde. Ihre Angst war freilich groE und that selbst 
dem Material der Stimme Eintrag. 

Mo n tag den 12ten gab es viel Besuch. Blirck aus Weimar, Da- 
vid mit einem Hrn. Landsberg aus Rom, denen Kl.[ara] vor- 
spielte, dann Moscheles mit einem von Moscheles mitgebrachten 
u. vielgeruhmten Literaten Chorley, Nachmittag die Madchen 
von List's, dann Mendelssohn mit seiner Frau. 
Die Studien in Bach ruhen seit schon 14 Tagen; daflir les ich 
jetzt Shakespear, 

35 um mir Alles auf Musik bezligliche^ 25 anzuzeichnen, was mir 
dann Klara in ein schones Buch schreibt 404 . Spater gedenk' ich 

023 »hier« iiber der Zeile eingeftigt. 

024 »taglicher« auf dem Seitenrand vor der Zeile hinzugefiigt. 

025 Urspriinglich »an«, durch »be« iiberschrieben. 



Oktober 1840 113 

einen Aufsatz zu schreiben uber Shakespear's Verhaltnift zur 
Musik 405 , ein Thema, das Mendelssohn behandeln sollte, wenn 
er auch Schriftsteller ware. Es ist noch nichts Schoneres u. Tref- 
fenderes uber Musik gesagt worden, als von Shakespear, und 
dies in einer Zeit, wo sie noch in der Wiege lag. Hier zeigt sich 
wieder einmal der Genius des Dichters, der liber alle Zeiten hin- 
ausragt und sieht. 
(Sp&ter) Bald soil aber auch wieder Bach vorgenomem werden. 

Dienstag kam Zuccalmaglio (Gottschalk Wedel), eine poeti- 
sche Natur, in dessen Nahe mir es immer eigen ruhig und sicher 
zu Muthe ist. Auch Graf Reuft war dabei, mit dem sich nur zer- 
brockelt reden lafit; aber ein liebenswiirdiger Edelmann. 
Mittwoch machten wir Moscheles unsern Gegenbesuch; er 
war sehr artig, sprach langsam und griindlich wie ein Meister. 
Wir hatten Freude daran. Er wohnt bei Mendelssohn. 
Donnerstag Abend mufi roth angestrichen werden. »Erste 
Soiree bei Mad.fame] Schuman« — Klara sah ganz fein [aus] in 
ihrem Haubchen. An 20 Gaste, auch ein Ftirst. Klara spielte die 
Trio's, die ich vorher nannte; Eliste [List] sang ein Paar Lieder 
von mir, u. eines von Mendelssohn, keines [?] aber ganz gut. 
Klara badete dafur die ganze Gesellschaft in schoner Musik, 
daft sie auch ordentlich wie gebadet und frisch und heiter war. 
So war auch der Abschied um Mitternacht. 
Mad.[ame] Mendelssohn brennt so ruhig wie eine Wachskerze. 
Ein sonderbares BUd. Mendelssohn war liebenswiirdig, und 
hatte seinen Kunstlertag. Moscheles gleichfalls; er spielte mit 
Klara seine Sonate in Es, dann auch allein; letzteres aber unsi- 
cher^ 26 (steif), selbst nicht einmal virtuosenmaftig. 
Freitag Diner bei Fr. Kistner mit fast ganz der nahmlichen Ge- 
sellschaft, die bei uns war. Klara saft zwischen Mendelssohn u. 
Graf Reuft, und schwarmte sehr; ein schones Wort von M.[en- 
delssohn] macht sie stundenlang glanzen. Mir war es 
neben Moscheles ziemlich gut zu Muthe. Das viele treffliche Es- 
sen und Trinken machte zuletzt die Geister trag, und wir waren 
froh endlich aufzustehen. Das Wetter war iibrigens exempla- 
risch schlecht. 

Abends traf ich Verhulst, der von seiner Reise nach Wien zuriik- 
gekehrt war und manches Interessante berichtete. Klara konnte 
ihre Freude iiber die Nachricht kaum verbergen — ^ 27 
Gestern endlich, Sonnabend, war bei David Musik mit 
ziemlich der gleichen Gesellschaft. Octett von Mendelssohn; ein 

026 »unsicher« auf dem Seitenrand eingefugt und durch Kreuze hierher 
verwiesen. 

027 Danach mehrere Worte durch Streichung unleserlich gemacht. 



114 Oktober 1840 

in herrlichster Jugendfrische geschriebenes Werk. Septett von 

Moscheles, was sich schlecht danach ausnahm. Auch die Schlofi 

sang. 

Meine Schwagerin Therese [Schumann] ist hier in Fleischers 

Hause; ich war gestern bei ihr. 

Heute kann ich nicht mehr. 



38 CLARA SCHUMANN: Sechste Woche. 

Sonntag d. 18 probirten wir, Moscheles, Mendelssohn und ich das 
D moll Concert von Bach fur 3 Claviere, und noch Anderes. 
Moscheles scheint mir doch in der letzten Zeit bedeutende Rixck- 
schritte im Spiel wie (de) in der Composition gemacht zu haben. 
Es ist auch natiirlich — er wird nun alt. Warum so viele Kiinstler 
es darin versehen, dafi sie sich iiberleben! ich sollte meinen, das 
miifite doch ein Jeder fiihlen, wenn er Riickschritte macht, und 
zeitig genug sich von der Oeffentlichkeit zuriickziehen ! der 
arme Moscheles, er dauert mich, er mufi doch sehen wie nach 
und nach der Enthusiasmus fiir ihn erloscht, und das^ 28 mufi ihn 
doch schmerzen! 
Montag d. 19. 

Recht liebreich hat sich mein Robert vergangene Woche iiber 
mich geaufiert, hinter einige Satze aber mdchte ich mir erlauben 
ein ? {einzuschlaten) einzuschalten als da sind: »ein 

39 schemes Wort von Mendelssohn macht sie stundenlang glanzen« 
ferner »sie konnte kaum ihre Freude iiber die Wiederankunft 
des Verhulst verbergen« — das sind ehrenriihrige Spafie, die ich 
mir nicht gef alien lasse^ 29 so im Ernst geschrieben! — 

Dafi Robert meint, jetzt Nichts^ 30 schaffen zu konnen, und dies 
ihn schwermiithig stirnt, betriibt mich sehr. Denkt er nicht an 
das, was er geschaffen hat in dem vergangenen Jahr? soil denn 
der Geist nicht auch einmal ruhen? er bricht nachher mit um so 
gr6fierer Gewalt hervor.^ 31 Oder glaubst Du etwa, weil Du mich 
nun zur Frau hast, nun ginge es nicht mehr? oder hast Du sonst 
Sorgen durch mich? das ware mir schrecklich, und konnte mir 
sehr mein Gliick in Dir triiben. Du sagst »ich weifi wohl, woher 
es kommt« — warum sprichst Du Dich nicht deutlicher aus? 
nachste Woche bitte ich Dich, dafi Du es mir sagst — Du willst 
mir ja nichts verhehlen, so Dein Versprechen! 



028 »das« iiber der Zeile eingefiigt. 

029 »lasse« iiber der Zeile eingefiigt. 

030 Urspriinglich »n«, durch »N« iiberschrieben. 

031 Urspriinglich »vor«, durch »her« iiberschrieben. 



Oktober 1840 115 

40 Die Soiree von Mendelssohn im Gewandhaus 406 war brillant, es 
gab aber der Musik zu viel, und es herrschte kein rechtes Anima 
in dem Ganzen, wie es bei Liszt's Anwesenheit damals gewesen 
sein soil. 

Vorgetragen wurden : Die beiden Ouverttiren von Beethoven zu 
Leonore, der Psalm »wie der Hirsch schreit« von Mendelssohn, 
die Hehriden-OuvcrtiXre, Hommage a Handel now Moscheles, von 
ihm und Mendelssohn vorgetragen, das G moll von Moscheles 
und das Tripel-Concert von Bach. Die Leonoren-Ouverturt (die 
Erste) war fiir mich die Krone des Abends; die Zweite, auch in 
C dur, scheint mir nicht so aus einem Gufi, kommt mir mehr 
vor wie der Entwurf zur Grofien^ 32 , enthalt aber auch Herrli- 
ches, und ist hochst interressant, besonders (eben) wenn man die 
Erste genau kent. Im Psalm sang die Doctor Erege 

41 mit schoner klangvoller Stimme, und gutem Vortrag. Ich freute 
mich sie nach vielen Jahren,einmal wieder zu horen. Das Hom- 
mage a Handel und das G moll Concert von Moscheles gefiel mir 
nicht. Die Composition beider Piegen ist so schon, das G^ 33 moll 
Concert in so edlem Styl geschrieben, und wurde vom Componi- 
sten so gar nicht meisterlich vorgetragen. Es thut mir leid diesen 
letzten Eindruck vom Componisten zu haben ! — 

Das Concert von Bach ging ziemlich gut; ich war nicht animirt, 
das kann auch gar nicht sein, wenn man 2 Stunden hindurch 
durch Musik geistig so abgespannt ist, wie ich es war! an Bach 
mufi man mit immer frischen Kraften gehen. 
Jetzt wird, hoffe ich, wieder etwas mehr Ruhe in unser Leben 
komen — wir sehnen uns sehr darnach! — 

42 Dienstag d. 20 Besuche von Dr; Teschendorf 407 und Abends von 
Madam Friese und Amalie Rieffel. Immer die alten Geschichten! 
Madam Friese jammert iiber Haus, Hof, Kiiche, Keller, Mann, 
Kinder, und hat keine Lust zum Leben mehr; Amalie stimmt mit 
ein in den letzten Satz; sie lebt in anderen Spahren^ 34 , sie sieht 
ein unerreichbares Ziel vor sich, sie ist in einer fiirchterlich auf- 
geregten Stimmung immer, und kann Niemand iiber sich stehen 
sehen, denn das macht sie ungliicklich. Ich bin Diejenige, die ihr 
die bittersten Stunden bereitet, sie gesteht es mir, und mochte 
mich doch vor Liebe erdriicken — wie hangt das zusamen? Sie 
kann mich nicht sehen, nicht horen, und doch ist sie ganz exal- 
tirt wenn sie mich sieht und hort — ein eigenthumliches Wesen, 
das sich nach und nach aufreiben mufi in diesem Zwiespalt mit 
sich selbst. Ich habe das innigste Mitleid mit ihr! — 

032 Danach ein Wort durch Streichung unleserlich gemacht. 

033 Urspriinglich »H«, durch »G« uberschrieben. 

034 Sic. 



116 Oktober 1840 

43 Mittwoch d. 21 hab ich Madam Schmidt (Frau des Theatersan- 
gers) einen Besuch gemacht, Ich fand sie Beide noch eben so 
zartlich gegen einander als kurz nach ihrer Verheirathung, Ich 
dachte so fiir mich »wenn dich nur dein Robert auch immer so 
lieb behalt, und nach Jahren noch, so fehlt dir nichts zu deinem 
Gliick« — und ich glaube es, er wird ja immer meine Liebe zu 
ihm sehen, und wie ich es gut mit ihm meine. Nicht wahr mein 
lieber Mann? 

Donnerstag d. 22 das 3te Abonnementconcert 408 . Symphonie 
von Mozart, Ouvertiire zum Berggeist von Spobr, David mit ei- 
nem neuen Concert, die Schlofi, Elise [List] ect: Mich entziickte 
am meisten das Adagio aus der Symphonie; es ist so einfach, so 
ruhig, dafi Einen ganz behaglich dabei zu Muthe wird. Wie 
wirkt doch der Mozart so viel mit den einfachsten geringsten 
Mitteln — ich denke mir, Mozart mufi ein immer heiteres fried- 
liches Gemuth gehabt haben, denn seine Musik stimmt Einen so. 

44 Die Berggeist-Ouverture liefi mich unbefriedigt. Sie kam mir 
nicht fliefiend genug vor — Robert meint, es habe an der Aus- 
fuhrung gelegen. 

David spielte meisterlich, seine Composition ist aber arm an Er- 
findung — der Mann hat durchaus zur Composition keinen Beruf . 
Die Schlofi sang gut, besser als ich sie noch gehort — einige ver- 
ungliickte Passagen mufi man nun schon immer mit hinnehmen! 
ihre Stimme^ 35 ist zwar voll <>36 {,) und stark, aber sic hat im Cha- 
racter etwas Gemeines. Wie muEte die Elise [List] Alles entziik- 
ken mit ihrer noblen Stirne, welches Furore muflte sie hier ma- 
chen, wenn sie im Concert (z) nur halb so sange als zu Haus. 
Die Angst quake sie auch heute entsetzlich, sie sang sehr 
schwach und fand wenig Beifall — ach Gott, wie Einen das weh 
thut! das arme Madchen hat so viel schon studiert und gelernt, 
Nichts^ 37 fehlte ihr um das groste Gluck in der Welt zu machen, 
und nun^ 38 mufi sie diese qualende Angst haben, die Alles ver- 
dirbt. 

45 Ich glaube kaum, daE sich das jemals giebt; sie ist so tieffuhlend, 
daB der gestrige geringe Beifall ihr gewifi unvergefilich ist, und 
ihre Angst womoglich noch mehr steigert. Sie wird sich sehr gra- 
men, das weifi ich, ich kenne alle ihre Gefiihle genau. 

Eine neue Musik »Klange aus Osten« von Marscbner, liefi mich 
bis auf einige Momente kalt. Da sind nur noch einige Ueberreste 
zu finden — der Geist ist nicht mehr frisch, das Bestreben aber, 
nach Schonem, Geistigen, nicht zu verkennen. 

035 Ursprunglich »st«, durch »St« iiberschrieben. 

036 Ursprunglich »stark«, durch »voll« iiberschrieben. 

037 Ursprunglich »n«, durch »N« iiberschrieben. 

038 »nun« iiber der Zeile eingefiigt. 



Oktober 1840 117 

D. 24. Der Gestrige und heutige Tag waren traurig fiir mich — 
ich war und bin noch hochst melancholisch! ich habe weder 
Kraft noch Lust zum Spiel, und spiele merklich schlechter diese 
Tage als frtiher. Es mag wohl ein k6rperlicher Zustand sein, 
denn ich fiihle mich matt und angegriffen, und mich befallt 
manchmal eine schreckliche Angst um meine Gesundheit, (Ich 
bilde mir oft ein dafi zu) die schon in dem letztverflossenen Jahr 
immer schwankend war. 

46 List's, Renter, Wenzel waren am Abend ein wenig bei uns. Elise 
sang und klimperte viel — Ersteres freute, Letzteres &rgerte 
mich. Mir ist's nichts mehr verhaEt, als wenn Jemand aus jeder 
italienischen Arie ein Stiickchen, und noch dazu immer mit fal- 
schen Harmonieen klimpert. Das ist fur ein musikalisches Ohr 
eine wahre Geduldsprobe. Konnte ich es Elisen nur abgewohnen 
— dieser Fehler hat aber tief Wurzel gefafit, denn seit ich sie 
kenne ist dies schon eine Lieblingsbesch&ftigung von ihr gewe- 
sen. 

Robert meint, das Einzige was Elisens Gesange fehlte, sey 
Herz, Gemlith. Dies ist's was mir oft schon einfiel, denn nie- 
mals noch riihrte mich ihr Gesang, wie z. B. ein Lied von der 
Devrient oder Pauline Garcia gesungen, aber immer wollte es 
mir doch scheinen, als h'abe sie im gewohnlichen Leben Gemlith, 
warum sollte sich das nicht auch im Gesang aufiern konnen? ich 
begreife es nicht! — Ich glaube, 

47 wenn sie einmal lieben wird, dann wird sie auch mit mehr Seele 
singen. DaE die Liebe dabei viel thut, ist gewifi, das hab ich an 
mir erfahren. Als ich (erst) so recht innig meinen Robert zu lie- 
ben anfing, da fiihlte ich erst was ich spielte, und die Leute sag- 
ten, eine tiefere Regung miisse es seyn, die mich so seelenvoll 
spielen mache.^ 39 

Die sechste, gluckliche Woche ist nun auch voruber! alle Tage 
liebe ich meinen Robert mehr, und ganz Recht hatte er, als er 
einmal in einem zarten feinen Gedicht, womit er mich iiber- 
raschte, sagte: 

»Das Innigste das Gott ersann 

Ist ein guter Mann.« 409 
Alle Tage sag ich es mir jetzt, und danke Gott, der mir 
das^ 40 (solches) Gliick bereitet hat, einen solchen guten Mann 
meih nennen zu konnen. 



039 Danach mehrere Worte durch Streichung unleserlich gemacht, 

040 Ursprtinglich »ein«, durch »das« iiberschrieben. 



118 Oktober/ November 1840 

ROBERT SCHUMANN: Siebente Woche. 
25 bis 31 October. 

Fiir Klara eine Leidenswoche: aufier Donnerstag im Concert 410 
war sie nicht aus. Etwas Besserung ist heute eingetreten. Klar- 
chen, werde mir ja nicht kranker. 

48 Die Woche war iibrigens eine der stillsten. Die Besuche schick- 
ten wir zum Theil fort. Spielen durfte Klara auch nicht. Und so 
haben wir uns denn einmal in die Lecture gestiirzt, zumal in 
Shakespeare, sogar in Jean Paul (Fibels Leben), den Klara zum 
erstenmal besser kenen lernt. Auch componirt hab' ich Einiges: 

Zwei Lieder aus dem Orpheus v. 1841 und v. Eichendorff, 
auch das scheme patriotische v. Nic. Becker 411 . 
Briefe an Lwoff u. Liszt 412 sind fortgeschickt. Ersteren erwarten 
wir von Paris zuruck, letzteren vielleicht auf kurze Zeit von 
Hamburg. 

Montag aus Weimar, ein angenehmer Mensch und voll des be- 
sten Strebens, besucht uns ofter; er bleibt die Winterzeit hier. 

Der Donnerstag brachte ein schones Concert (darunter die Sym- 
phonic von Schubert, die Klara zum lstenmal horte [)]. Elise 
[List] sang besser und auch mit grofterem Beifall.-An ein Ab- 
laften vom offentlichen Singen ist nun nicht mehr zu denken. 

49 Freitag nahm Dr. Tischendorff Abschied fur Paris; er machte 
mir dabei das sonderbare Compliment: daft er sich freue mich 
nicht eher kennen geiernt zu haben, (urn) weil ihn so der Ab- 
schied weniger schmerze. Ubrigens ein frischer Mensch. 

Das Wetter war die ganze Leidenswoche wunderschon, was 
Kranke freilich (immer) meistens immer mehr schmerzt als 
freut; sie haben ab«r nicht Recht. Krank sein und bedeckter 
Himmel ist schlimmer. Nun laft dich trosten und kussen, meine 
Klare, und bedenke, wo noch die Liebe im Hause wohnt, da laftt 
sich schon Alles tragen. 



CLARA SCHUMANN: Achte Woche. 

D. 4 Noch^ 41 immer bessert sich mein Unwohlsein nicht — meine 
Angst steigt von Tag zu Tag. Ich bin melancholisch, und man- 
che Sorgen qualen mich — gebe Gott, daft meine Besorgnisse 
nicht eintreffen! meine grofie Liebe zum Robert macht, daft ich 
mich quale; ich mochte ihm nur Freude machen, und mache ihm 
Sorgen. 

041 Urspriinglich »n«, durch »N« iiberschrieben. 



November 1840 119 

50 Ich^ 42 liege fortwahrend — ein Gliick dafi es Lecture giebt, sonst 
wiirde ich mich ganz in meinen Kummer vergraben. 
Vergangenen Sonntag hatten wir Montag und Lorenz zu Tisch- 
gasten. 

Die Scblegel gab ihr (Abschiedsfest) Abschiedsconcert 413 — ich 
war nicht drin. Auch diese Woche, scheint es, wird still voriiber- 
gehen. Spielen darf ich nicht, ausgehen auch nicht, zuweilen be- 
komme ich einen Besuch von List's, der mich etwas zerstreut. 

Franz Liszt wird nachstens komen — (ich) wie er schrieb, nur 

auf einen Tag, um Mendelssohn und Robert incognito zu besu- 

chen, wozu er grofien Reiz verspure. Ich freue mich ihn wieder 

zu sehen! 

D. 5 Madam Friedrich Kistner, Madam Friese y Amalie Rieffel 

ect: auch Sophie Kaskel y meine ehemalige Freundin, jetzt Grafin 

Baudissin, besuchten mich. 

Sophie war sehr freundlich; ich wiinsche ihr von Herzen Gliick 

— die Arme hat viele Liebesschmerzen 

51 erlitten, ehe sich ein Mann fand. 1st es aber am Ende nicht mehr 
die Grafin die sie liebt, als ihren^ 43 Mann} Zartlichkeit 
blickte nicht aus ihren Augen, wohl aber Wohlgefallen an sich 
selbst. Ich mochte sie bedauern hatte ich mich nicht geirrt. 
Das heutige Gewandhausconcert 414 konnte ich nicht besuchen. 
Ich soil nicht viel verloren haben. Elise [List] sang mit ganz ge- 
ringem Applaus, hingegen die Schlofi ihre Arie wiederholen 
mufite. Gott weis, was das ist mit der Elise! Robert sagt, die Fa- 
milie leidet kein Gliicksstern, und so scheint es wirklich. Wie 
leid sie mir thut, kann ich nicht sagen. 

Ein Herr Kufferath spielte Pianoforte, wie Robert sagt, recht so- 
lid, und wurde dafiir mich^ 44 reichlichem Beifall belohnt. Fur 
Composition soil er auch viel Talent haben. 
Nachstens denkt Amalie Rieffel zu spielen, und war heute bei 
mir sich einigen Rath zu erholen. So excentrisch ihr Wesen, so 
auch ihr Spiel. Eine Unruhe ist in dem Spiel, dafi Einem Angst 
und Bange wird. Sie hat ganz bedeutende Fertigkeit, 

52 studiert fleifiig, das hort man, sie hat auch Ausdruck, wenn ein- 
mal ein ruhiger Moment iiber sie kommt, was freilich selten, sie 
eilt aber Alles so, sie fliegt so iiber die Tasten hinweg, dafi auch 
nicht ein Ton wie der Andere ist, und die Finger eine merkwur- 
dige Ungleichheit im Anschlag bekommen haben. Ich nab ihr 
dies Alles gesagt, doch glaub' ich, sie ist nie zu curieren, — wie 

042 Urspriinglich »i«, durch »I« iiberschrieben. 

043 »en« nachtraglich eingefiigt. 

044 Sic. 



120 November 1840 

ihr Inneres beispiellos unruhig ist, so auch jeder 045 ihrer (Glie- 
der) [?] Finger, fortwahrend zucken die einzelnen Glieder — ich 
mufi manchmal lachen, im Ganzen aber thut sie mir leid, daher 
ich auch nie ruhe ihr so viei und so oft als moglich die Wahrheit 
zu sagen, in der Hoffnung, daft es ihr doch vielleicht zu Etwas 

gUt " 

DP 46 6 Freitag, besuchte uns Dr: Kubne mit seiner Braut, Frau- 

lein Harkort, ein angenehmes hiibsches Madchen, und wie mir 

scheint nicht ohne Geist, wenn man nach den Augen gehen darf, 

die viel Feuer blicken lassen. Ich wiinschte sie naher kennen 

53 zu lernen, vielleicht, daft wir zusamen paftten! — 

Elise [List] war bei mir, um mir ihre schleunige Abreise zu mel- 
den, was mich nicht wenig bestiirzte. So leid mir das thut, daft 
ich nun meine besten Freundinnen so plotzlich verliere, so 
konnte ich ihr, wollte ich es gut mit ihr meinen, doch nicht zure- 
den noch einmal zu singen — die ihr wiederfahrene Dehmuthi- 
gung im Beysein der Schlojt darf sich nicht wiederholen, und das 
ware voraus zu sehen. Die Schloft hat nach Sangerweise ihr 
Moglichstes gethan sie zu unterdriicken, und hat ihr durch An- 
schwarzung ihres Characters beim Publikum geschadet, wozu 
ihr freilich Elise durch ihre Natiirlichkeit, die sie Alles sagen lafk 
was sie denkt, einige Veranlassung gegeben. 
Diese Sanger-Intriguen sind doch miserable! — 

54 Ich befinde mich wieder etwas besser, und^ 47 dies hat mich wie- 
der erweckt aus meinen Triibsinn, der bedeutend tiberhand ge- 

nornen hatte ich dachte ich sollte nie mehr gesund 

werden. 

Heute will ich auch wieder zu spielen versuchen. 

Robert componirt fleifiig Lieder und immer wieder neu; wo 

kommen sie denn noch her — die Funken! — Das Letzte »der 

Schatzgraber« von^ 48 [Eichendorff] ist herrlich aufgefaKt, und 

wieder eine Perle mehr im Buch der Lieder. 

Lvoff, der Adjutant des Kaisers von Rufiland besuchte uns. 415 Er 

ist ein geistvoller, liebenswiirdiger Mann, und gehen wir einmal 

nach Petersburg, so sind wir seines Schutzes gewifi. Doch vom 

nachsten Winter rieth er uns ab, 

55 weil Liszt hinkommt, und mit diesem mufi man nicht rivalisiren 
wollen. Wen er nicht durch seine Kunst entzuckt, den bezaubert 
er durch seine Personlichkeit — gewohnhch findet aber Beides 
statt. Das war schon langst mein Bedenken, denn wenn ich auch 

045 Urspriinglich »s«, durch »r« iiberschrieben. 

046 »£).« auf dem Seitenrand vor der Zeile hinzugefugt. 

047 »und« liber der Zeile eingefiigt. 

048 Danach freigelassen. 



November 1840 121 

wirklich durch meine Kunst befriedigte, so fehlt meiner Person- 
lichkeit Alles, was dazu gehort, Gliick in der Welt zu machen. 
Petersburg schlag' ich mir nun fur nachsten Winter aus dem 
Sinn — Kampf kostet es mich. Soil ich nun den ganzen Winter 
still sitzen, Nichts^ 49 verdienen, was ich doch so leicht konnte? 
Jeder fragt, ob ich nicht reise — ich komme ganz in Vergessen- 
heit, und in einigen Jahren, wenn wir vielleicht eine Reise ma- 
chen wollen, wer weifi, (es) was da Anderes in der Kunst die 
Leute beschaftigt. Ich mSchte so gern diesen, und vielleicht auch 
nachsten Winter noch reisen, und mich^ 50 dann von der Oeffent- 
lichkeit zuriickziehen, meinem Haus ieben und Stunden geben. 
Wir konnen dann sorgenfrei leben — iiberlege es Dir doch noch 
einmal recht ordentlich, mein lieber Mann. 
Lvoff spielt ein Concert dramatique von sich im Saale des Ge- 
wandhauses Morgen Vormittag. 416 Mein Unwohlsein verhindert 
mich leider noch irner an Dergleichen Genlissen Theil zu neh- 
men. Ich soil unter der Zeit einer Madam Moody Englanderin 
Stunde geben — das wird keine reiche Entschadigung sein. 
Sonntag^ 51 D. 8 Ich bin heute in vieler Liebe aufgewacht — an 
solchen Tagen, (der) (und solche sind (es) nicht wenige) mu6 
sich mein Robert manchen Kufi gefallen lassen, und thut's wohl 
auch gern, hm? — Du muftt mir schon manchmal ein kleines 
schriftliches Gesprach mit Dir erlauben, denn, ich kann Dich 
den ganzen Tag iiber nicht vie! (halbh) habhaft werden. 
Von der heutigen Matinee musicale magst Du mir erzahlen — 
das gehort zur 9ten Woche. 

ROBERT SCHUMANN: Neunte Woche, 
v. 8ten bis 15ten November. 

In der letzten Woche hat sich in unserm kleinen Leben und 
Haushalt manches verandert. List's gingen fort am 9ten — vor 
der Hand nach Weimar; am 12ten auch Agnes Roller, unsere 
Haushalterin. Beide sahen wir ungern scheiden. 
Klare's Befinden hat sich viel gebessert. Vorigen Montag ging 
sie zum erstenmal wieder aus, und auch spater mehremal; mufi- 
test dich aber noch immer sehr schonen, kleine Taube. 
Unser Gliick an einander wachst ordentlich noch — und das ist 
gut. 

Clavier darf Klara nur noch wenig spielen. Die Reise nach Pe- 
tersburg ist aufgegeben; wir gehen vielleicht nach Copenhagen. 

049 Ursprunglich »n«> durch »N« tiberschrieben. 

050 »mich« iiber der Zeile eingeftigt. 

051 »Sonntag« auf dem Seitenrand vor der Zeile hinzugeftigt. 



122 November 1840 

Viel sprachen wir auch iiber Paris, wir entschieden uns spater 
auf langere Zeit hinzugehen. Lafi uns dabei bleiben. Vorher 
mochte ich so gern noch ein Clavierconcert und eine Symphonie 
schreiben. Der Lieder habe ich nun genug (iiber 100) — kann 
aber nur schwer los. Das schone Rheinlied v. Bekker, das ganz 
Deutschland 
58 von sich reden macht, habe ich auch componirt, es erschien vor 
einigen Tagen 417 . Wie schwer es ist, ftir das Volk sangbar zu 
schreiben, hab' ich daran recht gesehen. 



Lwoff reiste schon Sonntag Abends ab. An demselben Abend 
waren List's zum letztenmal bei uns, aufierdem einige Freunde. 

Von Besuchenden: Kufferath, ein taientvoller Klinstler, 
Fried rich aus Dresden, ein Schaf, der sein Heil bei Weinlig 
versucht, die Schlofi, die kleine Rieffel, das Violingenie 
Hilf {u. A.}, Lyser aus Dresden u. A. 

CLARA SCHUMANN: Qonnerstag horten wir im Gewand- 
hausconcert 418 die A dur Sympho[me] v. Beetho[ven], Bennetts 
reizende Quverture zur »Waldnymphe [«], und den Cellist Grie- 
bel aus Berlin, dem das Gliick nicht wohlwollte. Der Mann ist 
sehr kranklich, und so fehlte auch seinem Spiel ein gewisser Auf- 
schwung, Begeisterung — er spielte matt und schlaff. Die Schlofi 
thut sich immer mehr hervor, und scheint es doch, als habe sie 
dem Publikum ganz ihre Hafilichkeit vergessen gemacht, so 
jauchzt es ihr zu. ^ 52 

ROBERT SCHUMANN: Freitag Abend waren wir bei Livia 
Frege zu einer Musik. lster Act aus Fidelio [von Beethoven]. 
Lieder v. Schubert u. Mendelssohn, die die Frege gut sang. Im 
Ganzen wenig interessant. 

Sonnabend Abends lste Soiree im Gewandhaus 419 ; Klara war 
nicht wohl hinzugehen; auch ich mude von vieler Arbeit u. Mu- 
sik. 

Klara (frug mich) sagte mir, dafi ich gegen Mendelssohn veran- 
dert schiene; 
59 gegen ihn als Kiinstler gewift nicht — das weiEst du — hab' ich 
doch seit Jahren so viel zu seiner Erhebung beigetragen, wie 
kaum ein Anderer. Indefi — vergefien wir uns selber nicht zu 
sehr dabei. Juden bleiben Juden; erst setzen [?] sie sich zehnmal, 

o52 Diese Notizen Clara Schumanns auf dem Seitenrand hinzugefugt. 



November 1840 123 

dann kommt der Christ. Die Steine, die wir zu ihrem Ruhmes- 
tempel mit aufgefahren, gebrauchen sie dann gelegentlich um 
auf uns damit zu werfen. Also nicht zu viel, ist meine Meinung. 
Wir mtifien auch flir uns thun und arbeken. Vor Allem, lafi uns 
nun immer dem Schonen und Wahren in der Kunst naher kom- 



CLARA SCHUMANN: Zehnte Woche. 

Sonntag d. 7 5 ten. Flirerst mufi ich Dir, mein lieber Mann, 
in Bezug des oben geschriebenen sagen, daft ich Dir ganz Recht 
gebe, und auch wohl manchmal im Stillen Aehnliches gedacht 
habe, doch aus grofier Verehrung ftir Mendelssohn's 
Kunst immer wieder die alte zu grofte Zuvorkommenheit gegen 
ihn annahm. Ich werde Deinen Rath annehmen, und mich nicht 
gar zu sehr erniedrigen vor ihm, wie ich es so oft gethan. 
Wir hatten Renter und Hilf zu Tischgasten. Bei letzterem 
ftirchte ich daft er das Violinspiel bald als Handwerk betrachten 
wird! irre ich mich, ich weift es nicht, mir kam es aber so vor, er 
selbst hat so wenig kiinstlerisches. 

Die Englanderin hatte heute die 3te Stunde bei mir. Talentlose- 
res kann in der Welt nicht existieren! keinen Finger kann sie na- 
tiirlich auf die Tasten setzen, theils aus Nervenschwache (die 
eine grofie Rolle bei ihr spielt) theils Folge schlechten Unter- 
richtSj und diese Frau spielt — Mo5e5-Fantasie von Thalberg, 
Stdndchen von Liszt ect: ! ! ! Sie ist von Person recht fein und lie- 
benswtirdig, und zeigt nichts an ihr das Steife der Englander. 
Ihre Tochter begleitet sie gewohnlich und sitzt wahrend der 
ganzen Stunde (beweglos) unbeweglich an der Spitze des Piano- 
fortes. (Ich bekomme fur die Stunde 2 ThaL[er]) 
Dienstag d. 17 Das Rheinlied vom Robert findet sehr viel Ab- 
gang bei Friese, was mich sehr freut. 

Die Madam Friese besucht mich ofters. Sie ist eine seelengute 
Frau, wenn sie es nur nicht selbst so oft sagte!, 053 
Sie erzahlt mir immer viel von Amalie Rieffel> von ihrem Ver- 
liebtseyn^ 54 , von ihrer Eitelkeit, von ihrem Geiz ect: ist ihr aber 
deswegen doch nicht gram, was man auch eigentlich nicht kann, 
ich wenigstens nicht, obgleich ich Manches^ 55 an ihr miftbillige 
— mein Gott! wir sind ja Alle nicht vollkomen! — 

053 Danach mehrere Worte durch Streichung unleserlich gemacht. 

054 Urspriinglich »verliebten«, das »v« durch »V« und das Wortende 
durch »seyn« uberschrieben. 

055 »Manches« iiber ein nicht lesbares Wort geschrieben. 



124 November 1840 

Carls sah ich wenig, will mich auch immer mehr^ 56 (von Ihr) zu- 
riickziehen; sic ist eine zu rohe, gemeine Frau, und schien es mir 
einige Mai, als wolle sie sich in meine Wirthschaft mischen, und 
das mag ich nicht. Sie meint ich sey viel zu gut gegen das 
Dienstmadchen, fiihre nicht genug Herrschaft in meinem 
Hause, und mochte mich wohl gerne nach ihrem Sinn haben, 
dafiir danke ich aber. Ueberhaupt alien fremden Einflufi in emer 
Wirthschaft, besonders aber in einer Ehe halte ich 

62 ftir schadlich, und zerstort die Eintracht, die das Gliick der Ehe 
ausmacht, was wir taglich, Robert und ich, mehr erfahren. 
(Wenn friiher) Hatte ich mir und Robert nicht manche Stunde 
der Uneinigkeit erspart, ware diese Tyrannin (so kann man sie 
mit Recht nennen) nicht um mich gewesen? gewifi! Es ist mein 
felsenfester Vorsatz, ich will unter Niemandes Einflufi jemals le- 
ben als unter meines Mannes, ftir Den allein ich ja nur lebe. 
Mittwoch d. 18 bekamen wir von Graff aus Wien die Nachricht, 
dafi mein Fliigel, den mir der Vater bis jetzt vorenthielt, bei 
Hesse in Dresden steht, und gegen Zahlung von 60 rt (gehabte 
Auslagen, worunter Fracht von "Wien nach Leipzig, die ich 
schon^ 57 vor 2 Jahren aus meiner Tasche bezahlt) einzulosen 
ist 420 . Nach den Rathschlagen des Advocat Krause in Dresden, 
der unsere Sache ubernommen hat, deponirt Robert die 60 rt 
einstweilen, dafi der Fliigel wenigstens nicht mehr im fremden 
Hause steht, und ob der Vater iiberhaupt Recht hat diese 
Summe zu fordern wird sich spater erweisen. 

63 Wie will ich mich freuen, wenn ich erst meinen Fliigel, der mir 
manchen Kummer gemacht, wieder habe. Freundlich war es von 
Graff, dafi er es uns schrieb, denn Vaters Absicht war, Er (Graff) 
sollte den Fliigel einlosen. Man kann sich doch manchmal kaum 
herausfinden aus diesen zahllosen Intriguen, die dieser Mann 
macht. Es sirid Momente der^ 58 Ruhe, wo versohnliche Gesin- 
nungen gegen den Vater in mir aufsteigen, die aber gleich wie- 
der durch einen schlechten Zug, durch eine schandliche Cabale, 
(erstickt) erstickt werden. Der Mann mochte mir auch die klein- 
ste schwachste Empfindung ftir ihn aus dem Herzen reifien, und 
es fangt an ganz zu gelingen^ 59 . 

Die Englanderin kam heute trotz des schlechten Wetters. Das ist 
eine eifrige Schulerin. Ich habe heute den kleinen Walzer in A 
moll von Chopin mit ihr angefangen. Sie wird ihn nie lernen, so 



056 »mehr« iiber der Zeile eingefiigt. 

057 »schon« iiber der Zeile eingefiigt. 

058 »d« iiber ein Komma geschrieben. 

059 Der Punkt iiber ein durchstrichenes Komma geschrieben. 



November 1840 125 

wie iiberhaupt nie die kleinste Uebung, — dem ist nun doch 

nicht mehr abzuhelfen. 

Ich habe mit Robert Besuche bei Harkort% Baudissin\ Er bei 

Kuhne, ich bei der Schlofi gemacht, auch die kranke Madam 

Meyer besuchte ich. Emma [Meyer] ist die Liebe selbst gegen 

mich, und lafit mich nie ohne Geschenk fort, und ware es nur 

eine schone Birne oder Apfel. 

Therese Schumann kam zu uns, uns zu verkiinden, dafi sie nun 

bald nicht mehr Die seyn wiirde, sondern Madam Fleischer. 

Diese Parthie ist ein Gliick fur sie, und wir Beide wiinschen, dafi 

es {zu ihrem) immer dauere; es ist keine Kleinigkeit sich fur sein 

ganzes Leben an einen Mann zu binden, wo es nicht aus Nei- 

gung sondern Vernunftsgriinden geschieht. 

Der heutige Abend verging mir unter traurigen Gedanken und 

melancholischen Thranen, die mein Robert nach und nach wie- 

der verscheuchte, sowie er sie (hervorrief) verursacht hatte, je- 

doch ganz^ 60 ohne seine Schuld. Ich krittele fortwahrend an mir 

undgeniige mir nicht fiir Ihn. Verzeihe mir's! — 

Donnerstag d. 19ten war der Advocat Krause einige Stunden bei 

uns, hauptsachlich wegen Besprechung unserer Sache mit dem 

Vater. Ich hatte einen kleinen Streit mit ihm wegen Sophie Kas- 

keis (Baudissin) Spiel. Ich kann nicht leiden wenn Leute uber Et- 

was aburtheilen, was sie gar nicht verstehen. 

Emilie List schrieb mir, daft sie den ganzen Winter in Weimar 

zubringen wollen, wegen Schwache der Mutter, die die anstren- 

gende Reise nach Paris jetzt nicht unternehmen darf. Elise hat 

mit grofiem Beifall im Theater dort gesungen. 

Freitag (Bufitag) waren wir zu einer musikalischen Matinee bei 

Hofineister. Die Quartettmusik war schlecht, um so besser^ 61 soil 

aber der rothe Wein gewesen sein. 

Amalie Rieffel spielte die erste Ballade von Chopin, mit Feuer, 

nur gingen die Finger einigemal durch. Ich behaupte, das Feuer 

und die Leidenschaft darf nie auf Kosten der Prazision gehen, 

wo es dann keinen vollkomenen Genufi gewahrt, auch liebe ich 

nicht 

nicht wenn das Feuer in einem unaufhaltsamen Eilen be- 

steht, wie es nicht etwa bei Amalie immer, aber doch zuweilen 

der Fall ist. Das ist ein Fehler vor dem ich mich entsetzlich hiite, 

und der mir, besonders friiher, sehr oft passirte. Eilen, in Passa- 

gen z. B., ist schiilerhaft, wo es nicht etwa dem Character des 

Stiickes angemessen, vielleicht vom Componisten selbst vorge- 



060 Ursprtinglich »jed«, durch »ganz« uberschrieben. 

06 1 Ursprunglich »lieber«, der Wortanfang durch »bess« iiberschrieben. 



126 November 1840 

zeichnet ist, dann ist es aber agitato — ein anderes Ding! — Ich 
gerieth mit Robert in einen Streit (des)wegen Amalie^ 62 , der 
aber bald personlich und flir mich sehr betrtibend wurde. 
Tempi passati. 

Sonnabend d. 21 machten wir Theresen [Schumann] unseren 
Gegenbesuch. Sie scheint gliicklich zu sein, und ist ihr nicht zu 
verdenken. Sie kommt in eine ganz sorgenlose Lage — Dies und 
Gesundheit macht schon ein Gllick aus. Die Tochter Fleischers 
(ihre zuktinftigen Tochter auch) sind anspruchslose, wohlerzo- 
gene Madchen. 

67 Der Sonntag d. 22, war ein unruhvoller Tag, wie immer der 
Tag, wo man Tischgaste^ 63 hat, wenn es auch noch so einfach 
ist. Ich lebe immer in tausend Aengsten^ 64 den mittag^ 65 iiber, ob 
es auch den Gasten schmeckt und ich meinem Manne keine Un- 
ehre mache. Madam Friese, Amalie Rieffel und Verhulst waren 
unsere Heutigen^ 66 . (Tischgaste.) Nach Tische wurde viel tiber 
Musik gesprochen — Verhulst gefallt sich in musikalischen Gri~ 
massen ungemein, doch fur Andere wird das bald widerwartig. 
Amalie war traurig liber ihr^ 67 Schicksal, dafi sie nicht Ich, dafi 
sie nicht jeden Finger setzt wie ich ect: Ich suchte sie zu trosten 
so viel als mdglich; sie, die so viel gelernt, hatte(n) wohl solche 
Reflectionen nicht nothig — ihr Vater ist sicher^ 68 viel Schuld 
daran, bei dem sie eine traurige Existenz haben mufi. (Er)^ 69 

68 Das Kreuzersche Rheinhed hab ich nun auch kennen gelernt, 
aber schlechter gefunden, als ich es mir, der Beschreibung nach 
gedacht. Roberts Composition ist ohne Zweifel die Beste von 
Allen und dabei ganz volksthumlich und also leicht einganglich, 
was sich immer mehr zeigt. 

Robert hat wieder 3 herrliche Lieder componirt. Die Texte sind 
von Justinus Kerner: »Lust der Sturmnacht« »Stirb, Lieb' und 
Freud' !« und »Trost im Gesang«. Er fafit die Texte so schon auf, 
so tief ergreift er sie, wie ich es bei keinem anderen Componi- 
sten kenne, es hat keiner das Gemuth wie Er. Ach! Robert, wenn 
Du manchmal wufkest, wie Du mich begltickst — unbeschreib- 
lich! 

062 »Amalie« iiber der Zeile eingefiigt. 

063 Urspriinglich »gg«, das zweite »g« durch »a« iiberschrieben. 

064 »Aengsten« auf dem Seitenrand an die Zeile angefiigt. 

065 Urspriinglich »M«, durch »m« iiberschrieben. 

066 Urspriinglich »h«, durch »H« iiberschrieben; der Punkt nachtrag- 
lich hinzugefiigt. 

067 »ihr« iiber der Zeile eingefiigt. 

068 »sicher« iiber ein nicht lesbares Wort geschrieben. 

069 Die letzten 5 Zeilen dieser Seite durch starke Streichung und teil- 
weise Rasur unleserlich gemacht. 



November 1840 127 

ROBERT SCHUMANN: Eilfte Woche. 

Vom 22sten — 29sten November. 

Eine stille Woche, die unter Componiren und viel Herzen und 
Kiissen verging. Mein Weib ist die Liebe, Gefalligkeit und An- 
spruchslosigkeit selbst. Das sagen auch alle Menschen. Gesund- 
heit und Krafte kommen ihr auch wieder nach u. nach und der 
Fliigel wird ofter aufgemacht. Was mich anlangt, so kann ich 
gar nicht los von meinem — und Klare verzeihe mir nur — 
mochte ich doch gern, so lang ich jung bin und kraftig, schaffen 
und arbeiten so lang es geht, auch wenn mich der Damon nicht 
triebe. — 

Ein kleiner Cyklus Kerner'scher Gedichte ist fertig; Klare hat 
Freude daran gehabt, auch Schmerzen; denn sie mufi meine Lie- 
der so oft durch Stillschweigen und Unsichtbarkeit erkaufen. So 
geht es nun in Kiinstlerehen, und wenn man sich liebt, immer 
noch gut genug. 

Besuch kam wenig in der Woche, zu Klara ein alterer Liebhaber 
Mainberger aus H[am]b[ur]g; zu mir ein Sanger Bouillon, He- 
ring aus Bautzenf,]^ 70 ofters Montag u. J. Becker, u. der kleine 
Clavierist Dorffel, auch ein Musikus Hauschild, der aus m.[ei- 
nem] Rheinlied eine Gallopade gemacht 421 . Das Rheinlied hat 
tiberhaupt viel Bewegung und Larm verursacht. Friese hat eine 
Schulausgabe veranstaltet 422 , die wir mit unsern kiinftigen Kin- 
dern (so Gott will) recht durcharbeiten wo lien. Wie freu ich 
mich darauf, auf das erste Liedchen und Wiegenlied. Pst! 



CLARA SCHUMANN: Zwolfte Woche. 

D. 30<> 71 Montag. 

Mein Mann hatte schon Recht, als er mir diese Woche bei Ue- 

bergabe dieses Buches sagte »ich bin ein Schelm!« ich glaubte es 

sogleich, und als ich aber^ 72 vollends gelesen, da sah ich, welch 

ein durch triebener, unverbesserlicher Du bist! ich liebe Dich 

aber 

doch, selbst um Deiner Schelmereien willen. Glaubst Du mir's?! — 

Ein gliickliches Brautpaar mehr in der Welt! Herr Voigt und 

Bertha Constantin, ein vortreffliches, gebildetes Madchen, die 

070 »Hering aus Bautzen« auf dem Seitenrand hinzugefugt und durch 
2 senkrechte Striche hierher verwiesen. 

071 Urspriinglich »29«, durch »30« uberschrieben. 

072 »aber« uber der Zeile eingefiigt. 



128 November/ Dezember 1840 

mit Vb[i]gf '$ verstorbener Frau sehr intim befreundet war. Das 
ist nun einmal ein gliickliches Brautpaar anderer Art, als wir es 
waren: die schmelzen in Wonne »mein Bertchen, mein Carl- 
chen!« Eau de cologne. Bonbon's ect: fehlen nicht in des Brauti- 
gam's Tasche: Bertchen hustet — urn Gotteswillen ein Bonbons 
her! »hier mein Bertchen, du armes Kind!« Ferneres lafit sich 
denken! Denen gonne ich aber ihr Giuck aus volistem Herzen! 
— Ich fiir meinen Theil danke meinem Gott, dafi ich keinen sol- 
chen Brautigam gehabt habe, uberhaupt, dafi kein Anderer als 
Robert mein Mann geworden. 

72 Ole Bull besuchte uns heute. Er ist ein liebenswurdiger, geistvol- 
ier Mann, hat viel Aehnhches in seiner Weise mit Liszt. Sein 
Concert fand heute Abend statt 423 ; ich ging mit den grosten Er- 
wartungen hinein und fand in ihm einen hochst originellen, in- 
terressanten Kimstler, auch in seinem Spiel Liszt zuweilen ah- 
nelnd, doch dies Interresse, das er erweckt ist nur ein augen- 
blickliches, und bald komt das Verlangen nach Soliderem. Li- 
pinski's oder Vieuxtemp's Spiel schaffte mir mehr wahren Ge- 
nufi. Leider entging mir (Man) mancher Effect den er (Ole Bull) 
durch das feinste pp hervorbrachte, (und) das ich auf der Vio- 
line nicht im Stand bin zu vernehmen. Sein ganzes Erscheinen 
privatim und offentlich ist acht kunstlerisch, und verfehlt gewifi 
bei Niemand den angenehmen,^ 73 Eindruck. Seine Gattin, eine 
Franzosin, war zugegen im Concert, strahlte in Diamanten (bei 
uns 

73 in Leipzig eine ziemlich selten gesehener Schmuck) und iiber- 
dies noch mit zwei grofien schwarzen schonen Augen. Robert 
meinte iibrigens, sie sey wohl die Theilnahmloseste im ganzen 
Saal gewesen. Das kann ich nicht begreifen! — 

Eike 3 Ole Bull's Secretar, sang in dem Concert; es lafk sich dar- 
uber nicht viel sagen, nur so viel haben wir doch nach einigem 
Umherstreifen in dem Thierreiche ausfindig gemacht, dafi er ei- 
nem Spitzhunde ahnelt. 
Mittwoch d. 2ten December 1840. 074 

besuchten wir Ole Bull, Therese Fleischer, Livia Frege, hatten 
aber das Malheur (das nun so seine Tage hat) Niemand zu Haus 
zu treffen, ausgenommen Madam Ole Bull statt ihres Mannes. 
Sie ist ganz Jung noch und wirklich sehr hubsch, sprach mir aber 
mit solcher Gleichgultigkeit von der ihr nahe bevorstehenden 
Trennung von ihrem Manne (der nach Petersburg reist), dafi al- 
ler Reiz, den sie fiir mich gehabt, verloren ging. 

073 Danach einige Worte durch Streichung unleserlich gemacht. 

074 Die Jahreszahl spater — evtl. von fremder Hand — mit Bleistift hin- 
zugefiigt. 



Dezember 1840 129 

Ich fange wieder an regelmafiig zu studieren werde aber meines 
Spielens nicht froh. Es gelingt mir wohl zuweilen Etwas, doch es 
ist nur Zufall, und so kann denn mein Spiel auch keinen wahren 
Genufi gewahren, da ich angstlich spiele, und dies theilt sich 
leicht dem Zuhorer mit. Diese Angst Jemand vorzuspielen be- 
triibt mich oft, doch ich kann mir nicht helfen — ich troste mich 
manchmal damit, dafi es vielleicht auch von korperlicher Schwa- 
che riihrt! Ich bin immer matt, und traurig macht mich der Ge- 
danke, dafi es vielleicht lange dauert, ehe ich meine alte Kraft 
wieder gewinne. Um Roberts Willen mochte ich das, denn fiir 
einen Mann ist es schrecklich(es) immer erne lamentierende 
Frau um sich zu haben. Mein Robert ist ubrigens bei alledem so 
Iiebreich, und freundlich zusprechend, dafi er fast immer meine 
truben Gedanken verscheucht. 

Das Rheinlied hat nun seine fiinfte Auflage erlebt. Robert hat es 
fiir 4 Mannerstimmen nach Weimar geschickt, wo es gesungen 
werden soil 424 . Auch fiir Orchester hat er es gesetzt mit Chor, 
was nachsten Sonntag im Schiitzenhaus gesungen wird^ 75 (soil). 
Es sollen daselbst alle Rheinlieder^ 76 zur Auffiihrung kommen, 
und Stimen gesammelt werden, Welches am meisten angespro- 
chen hat. Es ist dies fur das Publikum ein angenehmer Scherz, 
nicht so fiir die Componisten 424A . 

Freitag d. 4 Das gestern zum Besten der Musikerwittwenkasse 
gegebene Concert 425 , war in jeder Hinsicht ein brillantes zu nen- 
nen. Mendelssohn, der seinen Lobgesang aufftihrte, wurde gleich 
bei seinem Erscheinen an dem schon bekranzten Bulte mit en- 
thusiastischem Applaus und Fanfare von den Musikern empfan- 
gen. 

Der Lobgesang ist ein Meisterwerk, und machte sich herrlich, 
nur zuweilen etwas zu tumultueus. Die schonsten Stucke darin 
sind ein Duett fiir 2 Soprane und der darauffolgende^ 77 Chor in 
D dur, den ein grandioser Orgelpunkt beschliefit. 
Die Jubelouvertiire [von Weber] verfehlt sicher niemals ihren 
Effect. Nach langer Zeit kam die Fantasie fiir Clavier mit Chor 
von Beethoven wieder einmal zur Auffiihrung, schon einstudiert, 
nur von Herrn Kufferath nicht geistig genug wiedergegeben. Die 
Schlofi wird mir immer langweiliger und sang so auch die Arie 
aus dem Titus [von Mozart], die man sich doch nun beinah zum 
Ueberdrufi gehort. 
Den heutigen Abend brachten wir bei Mendelssohn zu, wo Ole 

075 Ursprtinglich »werden«, das erste »e« durch »i« iiberschrieben und 
das Wortende gestrichen. 

076 Ursprtinglich »s«, durch »r« iiberschrieben. 
Oil '»folgende« iiber der Zeile eingefiigt. 



130 Dezember 1840 

Bull 2 Quartette von Mozart, und Eines von sich selbst, Letzte- 
res allein spielte. Die Ersteren kamen mir sehr langweilig vor, 
Robert meinte er habe sie sehr monoton gespielt, das letztere 
Stiick aber war^ 78 

77 aufierordentlich von ihm execiitirt, und schien mir auch in der 
Composition besser als die friiheren Piegen die ich von ihm 
horte. In seinem Character ist ein merkwiirdiges Gemisch von 
kunstlerisch und unktinstlerisch. Wie klingt es von einem Kiinst- 
ler wenn er z. B. sagt »ich spiele einen Tag hier, den anderen 
dort und das thue ich so lange bis ich umfalle, denn ich bin ein 
armer Mann und mufi Geld verdienen«!? — Seine Frau ist ein 
unangenehmes kaltes^ 79 Wesen, und besitzt nicht den kleinsten 
Theil der Liebenswiirdigkeit der Franzosinnen, Bildung, scheint 
es, auch nicht. 

Ich wurde von Mendelssohn und Ole Bull dringend zum Spielen 
aufgefordert, was mich ganz entsetzlich verstimmte, da ich es 
abschlagen mufite. Wer weifi ware ich standhaft geblieben, hat- 
ten 080 ^i c h) es nicht die bedeutungsvollen Blicke meines Mannes 
bewirkt, der ubrigens voiles Recht hatte mich nicht spielen zu 
lassen. Man mufi sich etwas selten machen, und iiberdiefi wiirde 
ich jetzt nicht mir zum Ruhme spielen, das auch Robert recht 
gut wufite. 081 

78 Sonnabend d. 5ten. 

Heute ist's ein viertel Jahr, dafi wir verheirathet sind — wohl 
mein gliicklichstes viertel Jahr, das ich noch erlebt. Ich stehe tag- 
lich in neuer Liebe zu meinem Robert auf, und scheine ich auch 
manchmal triibe, fast unfreundlich, so sind es nur Sorgen, deren 
Ursprung doch immer die Liebe zu ihm ist. Ich hoffe alle nachst- 
folgenden viertel Jahre sollen uns nicht weniger gliicklich fin- 
den, als das vergangene. Kann Etwas mein Gliick auf Augen- 
blicke trtiben, so ist es der Gedanke an meinen Vater, fur den 
ich das tiefste Mitleid fiihle, dafi er nicht Zeuge unseres Gluckes 
sein kann, dafi ihm der Himmel ein Herz versagt hat, und^ 82 
{ihn) er fiir ein Gliick wie das unsrige unempfindlich ist. Er hat 
doch keine Freude jetzt, und nicht nur mich, sondern auch all 
seine Freunde, (durch) deren er so nicht Viele besafi, durch sein 
Benehmen verloren. Das ist traurig, und fur mich um so mehr 
als ich seine Tochter bin. Ich hoffe, dafi Du, mein 



078 Danach ein Blatt herausgeschnitten (vgl. S. 98). 

079 Ursprunglich »kl«, dann verbessert (iiberschrieben). 

080 »n« nachtraglich angefugt. 

081 Am inneren Heftrand ein etwa 8,5 cm langer Einschnitt durch 3 
kleine Siegellackflecke gefuhrt. 

082 Ursprunglich »das«, durch »und« uberschrieben. 



Dezember 1840 131 

79 innigstgeliebter Robert, mir darum nicht ziirnst; das kindliche 
Gefiihl l&fit sich^ 83 nun einmal nicht ganz unterdriicken, und so 
wirst Du mir auch einen triiben Gedanken an meinen Vater 
manchmal, verzeihen. 

Ich sehe Dich wohl die Stirne runzeln, doch ein recht zartlicher 
Kufij denke ich, macht Dich wieder lacheln, und iiberdiefi wer 
ein Herz besitzt wie Du das Meinige, der kann wohl eigent- 
lich 084 immer lacheln! — ^ 85 Ist's mir doch, als mtifite ich Dich 
jetzt fragen »bist Du gut?« ich denke, ein freundlicher Blick soil 
meine Frage bejahen. Ich hab das Herz so voll, dafi ich gern lan- 
ger noch zu Dir sprache, doch habe ich schon lange genug ge- 
schwatzt, und Dich daftir hinlanglich um Verzeihung zu bitten. 
Heute Abend brachte ich bei Therese Fleischer zu — Robert holte 
mich ab. Therese scheint sehr gliicklich, und sollte sie auch 
nicht? sie hat ja Alles und vielleicht mehr noch erreicht, als sich 
ihr Herz gewtinscht. 

80 Sonntag d. 6 stiller Tag! 

Ich hab vergangene Woche das Herz [von] Mith-Lothian von 
Walter Scott gelesen, das alle meine Gefiihle in Anspruch ge- 
nommen hat. Die Charactere sind so die Personen bezeichnend, 
daE sie Einen vor der Seele stehen, und 1st der Gang der Hand- 
lung so naturhch, daE (sich) man sich ganz in die Wirklichkeit 
versetzt glaubt. Lange hab' ich Nichts gelesen, das mich so auf- 
geregt. 

Zum BeschluE dieser Woche bitte ich Dich, mein lieber Mann, 
noch einmal um Nachsicht — ich konnte diese Woche so wenig 
meine Gedanken zusammenfassen, mir ging so gar Vieles im 
Sinn herum, vor allem mein Spiel, das mich zur Verzweiflung 
bringen konnte, warest Du nicht, der mich so liebend iiner tro- 
stet. Ich kiimmere mich aber doch sehr darum, und was soll^ 86 
mit mir werden, wenn das nicht anders wird? 



11 ROBERT SCHUMANN: Dreizehnte Woche 

Vom 6ten— 13ten December. 

Viele nothige Arbeiten, wie sie der Jahresschlufi immer bringt, 

zwingen mich zur Eile u. Kiirze heute. 

Klara ist wohl und lieb, die alte — am Clavier finde ich sie oft 

083 »sich« iiber der Zeile eingefligt. 

084 »eigentlich« iiber der Zeile eingefiigt. 

085 Danach einige Worte durch Streichung unleserlich gemacht. 

086 »solI« iiber der Zeile eingefiigt. 



132 Dezember 1840 

wie taglich; aber sie hat Recht, es ist das wenigste, was sie spie- 
len darf, um nicht gerade zu an Fertigkeit zu verlieren. Wir mii- 
fien uns spater anders einrichten, dafi Klara spielen kann, so oft 
sie Lust hat. 

Auch ich bin fleifiig — der J. Kerner'sche Cyklus ist bis auf 
weniges fertig, und iiberhaupt manches zum Druck gewandert 
in den letzten Tagen. Nenne mich nicht kleinlich, wenn ich in 
das Tagebuch eintrage, was ich mir in diesem (Ta) Jahr als 
Componist verdient: eingenomen hab' ich schon 240 Th., au- 
fienstehen an verkauften Manuscripten 330 Th., und noch dalie- 
gen fur wenigstens Th. 340 Th, das ist doch immer ein hixbscher 
Beitrag zum Leben. 

Am 6ten war RheinHederwettstreit im Schiitzenhause, wo es toll 
hergegangen sein soil. G. Kunze hat den Preis erhalten. Der En- 
thusiasmus im Publicum ist noch immer grofi(e). Friese hat von 
meinem gegen 1500 Exemplare abgesetzt. 

82 Montag aus Weimar afi noch einmal bei uns, und reiste Abends 
nach W.[eimar] zuriick; ein nicht ganz glliklich (gereiftes) rei- 
fendes^ 87 Talent, als Charakter aber gut und ehrbar. 
Mittwoch kam ein Brief vom Major Serre mit Versohnungsvor- 
schlagen, der offenbar von Kl.[aras] Vater selbst ausgegangen 
war^ 88 . Was wir darauf zu thun haben, ist so klar vorgezeichnet, 
dafi wir kaum schwanken konnen. Von einem auch nur schein- 
baren VerhaltniS zwischen mir u. ihm kann keine Rede sein. 426 
Klara aber darf es nicht zunikweisen. In diesem Sinn haben wir 
denn auch geantwortet. 

Im Donnerstagconcert 427 spielte die Rieffel, Kl.[ara] nimmt viel 
Theil an ihr, was mich freut. Nach dem Concert waren wir und 
noch Einige bei Friese zusamen, wo es burgerlich lustig herging, 
recht heiter. 

Sonnabend mit Klara in d. Gewandhaussoiree 428 . Mendelssohn 
spielte — wie allein Mendelssohn spielt. Ich horte ein Trio v. 
Beethoven in Es zum erstenmal; in alteren Tagen werden die 
»erstenmale« seltener; ein Fest war's fur den ganzen Menschen. 

Von Fremden waren da ein Theolog seines Zeichens nach, der 
aber ganz Musiker werden will — Wohler aus Schwerin, und vo- 
rigen Sonntag 

83 mit Verhulst ein Englander Smith. Klara spielte, und namentlich 
meine Phantasie an Liszt sehr schon. 

Ole Bull reist noch in der Umgegend herum. Agnes [Roller] 



087 »reifendes« liber der Zeile eingefugt, 

088 Davor ein gestrichener, nicht lesbarer "Wortanfang. 



Dezember 1840 133 

schrieb, dafi sie Braut ware. Es heirathet alles um uns her. Gllik- 
lich die sich kennen und lieben, wie meine Klara und ich. 
Adieu fiir heute, liebes Tagebuch; griifie deine Leserin. 



CLARA SCHUMANN: Vierzehnte Woche 

Vom 14— 20ten December. 

D. 22 Spat iibergebe ich Dir, mein lieber Robert, das Tagebuch 
diesmal, hoffe aber Verzeihung dafiir zu finden, denn nicht der 
Nachlafiigkeit darfst Du mich zeihen, was Du auch schon weifit. 
Was ich mir in mein Gedachtnifi zurtickzurufen weifi, das will 
ich niederschreiben — vergessen hab ich wohl Manches 089 . 
D. 15 Ueberraschte^ 90 mich ein Besuch der Frau Majorrin von 
Berge aus Dresden, die ich immer als eine^ 91 sehr brave, hochst 
verstandige dabei aber gemuthvolie Frau, achte und liebe. Sie 
war nur auf der Durchreise begriffen, und so konnte ich sie we- 
nig geniefien. 

84 D. 16 war ein brillantes Gewandhausconcert 429 . Der Konig 
[Friedrich August II.] wohnte dem Concert bei und hatte eine 
Menge Menschen herein gezogen, die sonst die Concerte nicht 
besuchen. Die Oberon-Ouverture [von Weber], welche den Be- 
ginn machte, ubte heute gar keinen Eindruck auf mich aus, wah- 
rend sie mich sonst immer hoch entztickte. Mendelssohn spielte 
mit David die A moll Sonate Op. 47 von Beetbov[en]. Wie er 
Alles spielt so auch dies — meisterhaft, geistreich, doch wollte 
mir diinken nicht grandios genug, im Ganzen zu eilig. Machte 
es vielleicht, dafi er den Konig nicht langweilen wollte, und da- 
her die Tempi's so aufierordentlich schnell nahm? Die Violine 
mufite wahrhaft kampfen um gleichen Schritt mit^ 92 dem Clavier 
zu halten. Mendelssohn Lobgesang machte den BeschluE.^ 93 
Ich horte nicht viel davon, indem mich die Sehnsucht, meinen 
Robert zu sehen, peinigte. 

Mendelssohn wurde vom Konig sehr gnadig belobt — Weite- 
res^ 94 weiE ich noch nicht! 

85 Ein junger talentvoller Componist Baron LowenscioldP 3S aus Co- 
penhagen, besuchte meinen Mann — ich lernte ihn noch nicht 
kennen. 

089 Ursprunglich »m«, durch »M« iiberschrieben. 

090 Ursprunglich »u«, durch »U« iiberschrieben. 

091 »als eine« tiber der Zeile eingefiigt. 

092 »mit« iiber der Zeile eingefiigt. 

093 Danach etwa 2 Zeilen durch Streichung unleserlich gemacht. 

094 Urspriinglich »w«, durch »W« iiberschrieben. 

095 Recte: Lovenskiold. 



134 Dezember 1840 

Robert arbeitete diese Woche sehr fleifiig, befindet sich aber seit 
unserer Verheirathung nie ganz wohl, das mich zuweilen ganz 
traurig und besorgt macht. Von der grofien Kalte in diesen Ta- 
gen haben wir viel ausgestanden — mein armer Mann konnte nie 
warm werden. 

Das Clavier ist seit 8 Tagen ganz in den Hintergrund getreten. 
Alle Zeit, wo Robert ausgegangen war brachte ich mit Versu- 
chen, ein Lied zu componirenj (was immer sein Wunsch) zu, 
und es ist mir denn endlich auch gelungen Dreie zu Stand zu 
bringen, die ich ihm zu Weihnachten iiberreichen will 430 . Sind 
sie freilich von gar keinem Werth, nur ein ganz schwacher 
Versuch, so rechne ich auf Roberts Nachsicht, und daf^ 96 er 
denken wird es ist ja der beste Wille dabei gewesen, auch diesen 
Wunsch, {ihm zu erfiillen) wie alle seine Wunsche, ihm zu erfiil- 
len. Sey gnadig, mein Freund, und schone diese(n) schwache{n>, 
aber mit voller Liebe gespendete(n) <>97 Gabe. 
86 Nach den Feiertagen denke ich wieder fleifiig zu studieren — ich 
bedarf es sehr nothig! Das Nahen und Schreiben hat mir steife 
Finger gemacht, doch das lafit sich schon wieder gut machen! 

Ich bin hochst gliicklich, und werde es immer mehr — ist es mein 
Robert so wie ich, so will ich nichts weiter wtinschen — ich 
konnte ihm manchmal vor Liebe Leides thuen mit meinen Kiis- 
sen, statt ruhiger, (wie man sagt, dafi man in der Ehe wird) 
werde ich immer feuriger! — Mein armer gepeinigter Mann! 

ROBERT SCHUMANN: 



Funfzehnte Woche. 
Vom 20— 27sten December. 

Die Christwoche ist gerade an mich gekomen. Wie gern mochte 
ich sie beschreiben und wie meine Herzens Klare mich so viel 
erfreut und beschenkt. Namentlich 3 Lieder freuten mich, worin 
sie wie ein Madchen noch schwarmt und aufierdem als viel kla- 
rere Musikerin als fruher. Wir haben die hiibsche Idee sie mit 
einigen von mir zu durchweben und sie dann drucken zu las- 
sen 431 . Das gibt dann ein 
87 recht liebewarmes Heft. Aufierdem erhielt ich aber von Klara 
noch eine Menge, Alles gewahlt und auch nutzlich. Der Christ- 
baum war ein Meisterstuck. 

096 Urspriinglich »s«, durch »fi« iiberschrieben. 

097 »mit voller Liebe gespendete{n)« anstelle eines gestrichenen, nicht 
lesbaren Wortes iiber der Zeile eingefiigt. 



Dezember 1840 135 

Meine Bescherung stach sehr ab dagegen. Das Beste war ein Ge- 
schenk v. Haslinger in Wien — Beethovens Sonaten complet 432 . 

Spater waren noch Reuter, Wenzel, u. Julius Becker da. Klare 

spielte viel — wir blieben unter Musik und Essen und Trinken bis 

2 Uhr auf . 

Am lsten Feiertage besuchte uns friih Lowenskiold (aus Cop) u. 

Helsted, zwei Danen, Musiker. Klara spielte ihnen Einiges, auch 

aus den Kreislerstucken; sie spielte mir's aus der Seele. 

Am 2ten Feiertag waren wir bei Voigt zu Tisch, ziemlich ver- 

gntigt. Diesmal saE Klara obenan — und wieder verkehrt, da 

s. [seine] Schwiegermutter hingehorte. So racht sich auch die 

(unabsichtliche) Albernheit. 

Die Englanderin Mrs. Moody, Klara's Schtilerin, hatte auch die 

letzte Stunde an diesem Tag; sie schieden sehr befreundet, wie 

ich glaube. — Den Abend waren wir bei Therese'n [Fleischer], 

wo ich auch ihren Mann zum erstenmal genauer sah. Er gefallt 

mir. 

Seit acht Tagen gibt mir mein Weib eine schone Hoffnung. Gott 

beschiitze dich. 



CLARA SCHUMANN: Sechszehnte Woche. 

Wenig gabst Du mir, mein guter Robert, diese Woche, aber lieb 
bist Du doch in jedem Deiner Worte, und warst es auch die ver- 
gangene Woche wie die jetzige mit Deiner ganzen^ 98 Person. 

Meine Weihnachtsfreuden hat Robert so schnell iibergangen, als 
hatte ich deren gar nicht gehabt, und bin doch (seit) so reichlich 
beschenkt worden. 3 neue (so eben erschienene) Compositionen 
vom Robert 433 erfreueten mich sehr, ganz besonders aber^ 99 ein 
mir componirtes Lied »Waldgegend« von Koerner® 100 ' 454 , das 
gewifi zu den schonsten gehort. Henriettens [Reichmann] 
Hochzeitsgeschenk (eine Stickerei, Egmonts Traum vorstellend) 
hat er mir in einen prachtvollen Rahmen fassen lassen, und au- 
fierdem fand ich einige schone Goldstiicke, die mir lieber als Ge- 
schenke sind, die mir am Ende von keinem Nutzen gewesen wa- 
ren. 

An Eau de cologne, Seife ect: liefi es mein Robert auch nicht feh- 
len<> 101 . 

D. 28 besuchten mich Abends Therese [Fleischer] mit ihren 
Tochtern, Fraulein SckloJI, Emma 'Meyer, und Madam Schmidt. 

098 »ganzen« iiber der Zeile eingefugt. 

099 »aber« iiber der Zeile eingefiigt. 

0100 Recte: Kerner. 

0101 Diese Notiz am Fufl der Seite hinzugefiigt. 



136 Dezember 1840 

Erstere gingen bald, nachdem blieben wir aber noch eine Weile 
beisammen; Herr Schmidt kam noch, mem Mann, und da wurde 
denn fleifiig gesungen, Duetten, Terzett auch Zigeunerchor vom 
Robert, die ich mich aufierordentlich freuete einmal zu horen. 
Robert schien diesen Abend nichts mehr zu erfreuen als Madam 
Schmidt, die wunderhiibsch ist und der sich seine eigene Frau 
freilich nicht an die Seite stellen darf. Es drangten sich mir ver- 
schiedene Gedanken auf, die mich endlich still machten. 
Vergangene Woche hatte ich auch den Besuch von Herrn Con- 
sul Schmidt, der mir seine Mutter, eine geistreiche, lebendige, 
Dame vorfuhrte. 

Er hat dem Robert ein englisches Blatt »Athenaeum« zuge- 
schickt, wo liber uns Beide Folgendes von Shorley® 102 (der in Be- 
gleitung Moscheles's hier war) steht^ 103 : 

90 Correspondenz aus Nuremberg. 

Yet a word more concerning the musical attractions of Leipzig — its 
(b) being the residence ofRochlitz must not be forgotten, the patri- 
arch of German criticism, and who lived in the hard days, when the 
Allgemeine musikalische Zeitung had to deal with that comet of 
audacity and enterprise — Beethoven. The Chevalier's journal is 
now under other editorship, and has become less venturesome in the 
cause of the romanticism of to-day, leaving the worship of the Liszts 
and Berlioz' of the newest school of art to its rival the »Neue Zeit- 
schrift« whose conductor, Herr Schumann, not only critically ad- 
mires, but creativeley emulates these passionate and dreamy artists; 
for his compositions, in parts beautiful, (symme) symmetrical, and 
attractive, are confessedly among the most decided expressions of 
mysticism which have ever been uttered through the medium of the 
piano. This gentleman, by the way, has a helpmate, artistically of 
the first value, in his lady — better known in England by her mai- 
den name, Clara Wieck. I know 

91 not how otherwise to caracterize her treatment of the pianoforte, 
than by saying, that I never heard any display so clear of what Un- 
cle Selby would have called the femalities, — rarely a touch more 
decided, without exaggeration or violence, — rarely a reading of 
music more masterly, broad, and intelligent. Indeed, if there be a 
want in Madam Schumann's playing, it is of the daintinesses and 
coquettries, which are frivolous when coming from a man's fingers, 
and can hardly be cultivated® 10 - 4 without enervation of his style.« 435 

0102 Recte: Chorley. 

0103 Die beiden folgenden Seiten — wohl irrtumlich — freigelassen. 

0104 Am Wortende urspriinglich »ded«; das erste »d« durch »t« uber- 
schrieben. 



Dezember 1840/Januar 1841 137 

Dieses Fehlers lasse ich mich gern beschuldigen — von jeher war 
mir eine Coquetterie beim Clavierspiel zuwider, vielleicht auch 
gab mir der Vater vielen Grund dazu, weil er immer darnach 
strebte, ich mochte das Publikum durch (eine au£ere) Coquette- 
rie im Spiel und Person einnehmen. Das kann man allerdings 
sehr leicht, (durch Coquetterie)^ 105 doch schien mir das immer 
ein sehr unedles Streben zu sein, (ich) und ich formlich talentlos 
dafiir. 

92 Ich wundere mich, dafi der Correspondent sich so ein bestimm- 
tes Urteil erlaubt, nachdem er mich ein mal gehort! sey das Ur- 
theil^ 106 gut oder schlecht, so ist es immer eine Ungerechtigkeit, 
die sich weder ein Kener, um wie viel weniger ein Nichtkenner, 
(erl) gegen den Kiinstler erlauben darf. Daft er kein Kenner ist 
beweist er durch sein Urtheir iiber Roberts Compositionen, die 
(de) er des mysticism anklagt. Der ganze Aufsatz ist iibrigens 
nach Roberts Aussage in schonem Styl geschrieben. 

Den Sylvesterabend brachten wir Beide unwohl bei Therese 
[Fleischer] zu und gingen auch bald nach Haus, wo wir denn 
das neue Jahr allein zwar, aber um so begltickter in uns antraten. 
Wir dankten dem Himmel der uns endlich vereint das alte be- 
schlieEen liefi. Mogest Du, mein innigstgeliebter Robert^ 107 , mir 
nur immer wohl und liebend erhaken werden, und mochte es 
dem Himmel gefallen Dich 

93 durch mich immer mehr zu begllicken. (und) Noch^ 108 einen, 
wohl auch Deinen innigsten Wunsch, hegte ich stillschweigend, 
dessen Erfullung mich (und Dich gewifi nicht minder) iiber Alles 
hoch begliicken wiirde. 

Ach, mein lieber Robert, ich mochte Dich gern uberschtitten im- 
mer mit Wohlthaten, ich mochte nur immer Dir zur Freude le- 
ben — bist Du wirklich ganz gliicklich? ist nichts an mir, in mei- 
nem Wesen, das Dir mififallt? o sage mir's aufrichtig, ich nehme 
es gewifi in aller Liebe auf ! — 

Das Concert am Neujahrestag 436 war gerade keines der Brillan- 
testen, obgleich reich an schonen Compositionen. Die Zauber- 
floten-Ouverture [von Mozart], C moll Symphonie [von Beet- 
hoven] gewahrten herrlichen Genuft. Doch hat man vergange- 
nen Winter auch immer liebliche Erscheinungen in Sangerinnen 
gehabt, und kann sich so doch nicht ganz in Fr. Schlojt befrie- 
digt finden; heute indeE horten wir auch sie nicht, und also nur 



0105 Danach noch ein weiteres gestrichenes, nicht lesbares Wort. 

0106 »Urtheil« iiber der 2eile eingeftigt. 

0107 »Robert« uber der Zeile eingeftigt. 

0108 Urspriinglich »n«, durch »N« uberschrieben. 



138 fanuar 1841 

Chore von den Tomanern, die sich zuweilen nicht sonderlich 
mit Ruhm bedecken; 

94 sie singen so handwerksmafiig, dafi es Einen jammern mochte. 
Herr Hilf spiel te Variationen von Vieuxtemps und Tremolo von 
Beriot® 109 mit vieler Fertigkeit, sehr hubschem Ton, doch <oft)[?] 
entsetzlich gleichgultig, seibst auch seine Person schien, als ob er 
jeder inneren Regung unfahig ware. Vermag es denn Niemand 
diesem grofien Talent ein Funkchen Geis.tes einzuhauchen? wie 
ist es denn moglich, die leidenschaftlichsten Stellen mit der uner- 
schiitterlichsten Ruhe zu behandeln? mich dauert der Mann, 
denn gewifi ist er sehr fleifiig. 

Ein junges Talent Joseph Haindl aus Wurzburg machte mir viel 
Vergnugen, obgleich er — Flote blies. Er blies sie aber vortreff- 
lich, mit sehr hubschem Vortrag und sah dazu hiibsch, interres- 
sant aus. Wenn er nur nicht, wie so viele Virtuosen-Kinder un- 
tergeht! und warum mufi nun so ein begabtes Talent gerade die 
Flote wahlen! 

Dr. Renter beschenkte uns mit 2 allerliebsten Blumenstockchen. 
Dessen Aufmerksamkeit immer^ 110 ist sehr erfreulich — <>in 
Mich erfreut nichts mehr von Freunden als kleine Aufmerksam- 
keiten, bestehen sie auch in dem geringsten, in einer freundli- 
chen Zeilen meinetwegen. Da fallt mir Amalie Rieffel ein, die 
sich seit Wochen nicht um uns bekiimmert, nicht einen Grufi 
zum neuen Jahr mir, (g) die ich ihr immer so wohl gewollt, 
sandte — solche Theilnahmlosigkeit ist aber um so unerfreuli- 
cher. 

Die Letzten Tage dieser Woche vergingen still — ich befand 
mich sehr schlecht, auch mein Robert, dem ein hartnackiger 
Schnupfen arg^ 112 mitspielt. 

Gespielt hab ich nicht viel, es fehlt mir an Kraften. Robert hat 
aber wieder ein sehr schemes Wanderlied von Koener (>ni> compo- 
nirt, und hat nun ein Heft von 12 Liedern von Koener^ 11 ^ 437 
vollendet. 

96 Diese Woche bin ich wieder etwas weitschweifig gewesen — 
habe Geduld mit mir, mein lieber Mann. 

Ich mochte Dir wohl noch ein wenig von meiner Liebe zu Dir 
plaudern, doch seibst das Schonste, wird es zu viel gegeben, fallt 
es zur Last(en) darum also fur jetzt punctum. 



0109 »und Tremolo von BerioH auf dem Seitenrand hinzugefiigt und 
durch Digammazeichen hierher verwiesen. 

0110 Danach 1—2 Worte durch Streichung unleserlich gemacht. 
Oil 1 Danach 1 % Zeilen durch Rasur unleserlich gemacht. 

Ol 12 »arg« iiber der Zeile eingefugt. 
Oll3 Recte: Kerner. 



Januar 1841 139 

ROBERT SCHUMANN: Ein schoner Vers von Goethe 438 : 

Was verklirzt die Zeit? 

Thatigkek. 
Was macht sie unertraglich lang? 

Miifiiggang. 
Was bringt in Schulden? 

Harren und Duiden. 
Was macht gewinnen? 

Nicht lange besinnen. 
Was bringt zu Ehren? 

Sich wehren! 



Siebzehnte Woche. 
Vom 3ten bis lOten Januar 1841. 

Die ganze Zeit liber hat Kl.[ara] viel zu leiden gehabt — an 
Schmerzen, die sie gern fiir mich tragt. Mir ging es leidlich. Die 
Idee, mit Klara ein Liederheft herauszugeben, hat mich zur Ar- 
beit begeistert. Vom Montag — Montag d. llten sind so 9 Lie- 
der a. d. Liebesfriihling v. Rtickert fertig geworden 439 , in denen 
ich denke wieder einen besonderen Ton gefunden zu haben. 
Kl.[ara] soil nun auch a. d. Liebesfriihling einige componiren. O 
thu' es Klarchen! — Sonst fiel wenig vor. 

Montag d. 4ten Abends waren wir bei den jungen Frege's; es 
war traulich und musikalisch. Klara spielte recht schon u. die 
Frege sang auch, wie immer rein, correct, fertig wie eine Sange- 
rin von Fach u. Talent. Im Donnerstagconcert 440 traf ich unver- 
muthet Ole Bull, der noch in den kl. [einen] Residenzen herum- 
reist. Er schwarmt v. einer neuen Geige. Eine »historische Sym- 
phonie« v. Spohr, die wir horten, schien mir Spohr's nicht wlir- 
dig. — Mit Lowenskiold, d. Danen, traf ich ofters <auf) zusa- 
rnen; doch gef alien mir 

seine neuen Sachen nicht Iiberall. — Endlich haben wir auch wie- 
der etwas zu Ende gelesen: »Edelstein u. Perle« v. Ruk- 
kert. Jetzt soil es an die Beethoven'schen Sonaten gehen, die ich 
der^ 114 Reihe nach durchlese u. vielleicht Im Zusamenhange be- 
spreche. 441 

Die Witterung wird milder nach grofier Kalte. Kl.[ara] mufi viel 
in's Freie. Warest du doch da schon, Fruhling. So alt man wird, 
die Sehnsucht nach dem FrUhling kehrt alle Jahre wieder. 
Ich hab' manche Plane; moge sie die Zeit zur Reife bringen, 
oder nur einige davon. — 

0114 Ursprunglich »die«, durch »der« uberschrieben. 



140 Januar 1841 

Zum Schlufi habe Dank, Klare, flir alle die Liebe, die du mir im- 
mer zeigst, fur deine Geduld, dein Tragen. Es wird gewifi Alles 
zum Besten werden. — 

CLARA SCHUMANN: Achtzehnte Woche. 

Sonnabend d. 16ten. 

Von vergangener Woche lafit sich nicht viel Interressantes auf- 
zeichnen. Ich (brauchte) brachte meist unwohl zu, und rifi mich 
nur einen Abend^ 115 

99 heraus, den wir bei A. Harkort's recht angenehm zubrachten. An 
Kiinstlern fehlte es nicht; Mendelssohn, David, Ole Bull u. A. 
waren da. Ich hatte mir vorgenommen nicht zu spielen, am aller 
wenigsten aber das Mendelssohn'sche Trio, auf das ich nicht im 
geringsten vorbereitet war. Es ging demohngeachtet besser als 
ich es selbst gedacht, und Mendelssohn, der mich^ 116 durch vieles 
Bitten dazu bewogen, schien befriedigt zu sein. Wie oft hab ich 
doch (erfahren)^ 117 an mir selbst erfahren, wie Begeisterung den 
Kiinstler^ 118 iiber sich selbst erhebt; wie manches wtirde man in 
gewohnlicher Stimmung nicht leisten konnen, wozu Einem die 
Begeisterung Alles, Kraft, Feuer, verleiht. Fraul[ein] Schlofi sang 
verschiedene Bravour-Arien — warum nicht lieber einfache 
deutsche Lieder? h6rt man sich diese italienischen Schnorkeleien 
nicht in den Concerten schon zu Geniige? 

100 Mendelssohn war sehr liebenswiirdig in seiner Unterhaltung — in 
dem Manne ist doch Alles Leben und Geist! Ole Bull (ist) unter- 
hielt bei Tische, doch spricht er (zwar nicht ohne Fantasie und 
Lebendigkeit) zu viel iiber Nichts. Er lafit Niemand zu Worte 
kornen, und ennuyirt. Wir leisteten uns am meisten Gesellschaft, 
Robert und ich; es ist mir immer das liebste in Gesellschaften 
wenn ich {immer} in seiner Nahe sein kann. 

Einen Abend besuchte uns der Sanger Hexing. Er sang einige 
von Roberts Liedern — leider hat er gar keine Stimme mehr. Es 
erreicht doch Keiner das Ideal, das ich von Roberts Liedern in 
mir trage! Pauline Garcia ware die Einzige, glaube ich, die sie 
ganz wahrhaft erfassen wtirde — konnte ich nur einmal Eines 
von ihr horen! — 

101 Das Gewandhausconcert 442 mufite ich wegen meines Unwohl- 
seins versaumenj was mir keinen geringen Kampf kostete, da 



0115 JJrspriinglich »Tag«, durch »Abend« uberschrieben. 

0116 Ursprunglich »d«, durch »m« uberschrieben. 

1 1 7 Danach noch ein gestrichener, nicht lesbarer Wortanfang. 

0118 »Kunstler« iiber ein nicht mehr lesbares ausradiertes Wort ge- 
schrieben. 



Januar 1841 141 

Mendelssohn das G dur Concert von Beethov[en] spielte, das er 
nach Roberts Aussage (wie iibrigens voraus zu wissen war) mei- 
sterhaft durchgeftihrt hat. Es war mir ein grofier Genufi verloren 
gegangen, nachdem ich mich so lange gesehnt hatte. 
Ich habe mich schon einige Mai an die mir vom Robert aufge- 
zeichneten Gedichte von Ruckert gemacht, doch will es gar 
nicht gehen — ich habe gar kein Talent zur Composition! — 
Mendelssohn besuchte uns mit einem Englander Namens Hors- 
ley. Er ist ein angenehmer Mann, und gar nicht englisch steif. 

Amalie Rieffel liefi sich endlich auch einmal wieder sehen — sie 
kam sich Raths zu erholen. Ich habe ihr die Wahrheit gesagt, 
was ich von ihr denke. 

102 Robert will gar nichts mehr von ihr wissen — wufite sie es, sie 
wlirde es nicht leicht verschmerzen. 

Sonnabend und Sonntag befand sich Robert sehr schlecht, und 
konnte vor Schmerzen in der Kehle nur mit Mlihe essen. Er war 
sehr mifivergniigt dartiber, denn er behauptet, nicht essen zu 
konnen sey das groste Ungltick, und ich mufi ihm beistimmen! — 
Sonntag Abend ging es schon wieder etwas besser — es 
schmeckte vortref f lich ! — Ich Aermste quale mich nun von 
einem Tag zum Anderen, stehe auf wie ich mich niedergelegt 
habe. Ware die Ursache nicht eine begliickende, so risse mir 
wohl die Geduld. Am meisten betriibt mich, dafi ich so wenig 
spielen kann und so kraftlos bin. Nun! ich denke, es wird schon 
wieder bessere Zeit kommen, wo ich dann auch Dir, mein in- 
nigstgeliebter 

103 Robert, wieder mehr Freude machen kann — bis dahin habe Ge- 
duld mit mir. 



Neunzehnte Woche. 

Wider die Abrede ist es, dafi ich diese Woche das Buch ftihre, 
doch wenn ein Mann eine Symphonie componirt, da kann man 
wohl nicht verlangen, dafi er sich mit anderen Dingen abgiebt — 
mufi sich doch sogar die Frau hintenangesetzt sehen! Die Sym- 
phonie ist bald fertig; ich habe zwar noch gar nichts davon ge- 
hort, freue mich aber unendlich dafi sich Robert endlich auf das 
Feld begeben, wo er mit seiner grofien Fantasie hingehort; er 
wird sich auch hineinarbeiten, denke ich, dafi er nichts Anderes 
mehr componieren wird, als Instrumentalmusik. 
104 Die vergangene Woche war ziemlich reich an musikalischen Ge- 
niissen — gute und schlechte. Ole Bull gab am Mittwoch noch 
eine Abschiedssoiree 443 , wo er sich als ein schiilerhafter Quar- 



142 Januar 1841 

tettspieler, (zeigte,) in der grofien A dur Sonate von Beethoven 
(mit Mendelssohn) (zeigte er sich als ein) aber als ein^ 119 durch- 
aus schlechter Musiker zeigte^ 120 , der Beethoven nur dem Na- 
men nach kennt, doch ihn nie erfassen wird. Er hat sich durch 
diese Soiree sehr geschadet, (und dabei) dariiber wohl alle Ken- 
ner einig sein mochten. 

Donnerstag d. 21 begannen die hystorischen Concerte 444 mit 
Bach und Handel. An dem Concerte war nichts auszusetzen, als 
dafi es zu viel des Schonen gab. Mendelssohn begann mit der 
chromatischen Fantasie und Fuge von Bach. Er spielte sie, sowie 
auch im 2ten Theil die Variatio[nen] 

105 von Handel einzig schon, doch kann ich mich mit der Fanta- 
s j e 0i2i n [ e recnt befreunden, es ist mir ein Chaos von Passagen, 
die mir keinen musikalischen Genufi verschaffen. 

Die Chaconne [von Bach] (was heifit Chaconne eigentlich?) 
machte mir grofies Vergniigen und David spielte sie auch herr- 
lich. 

Die Krone des Abends war nach Roberts Aussage das Crucifi- 
xus y Resurrexit und Sanctus aus der groEen H moll Messe von 
Bach, welches mir auch einen hohen Genufi verschaffte. Handel 
wollte auf Bach nicht ganz munden — Bach steht zu grofi, zu 
unerreichbar da. 

Lowenskiold nahm Abschied von uns 445 , er ist nach Copenha- 
gen, wohin wir, hoffe ich, auch bald unseren Lauf setzen — wie 
sind Roberts Gesinnungen? 

106 D. 23 Sonnabend. 

Heute kam ich zu einem dritten Pathchen, Emma Carl. Ich 
stand mit Dr: Reuter und dem Inspector Seidendorffer (der, ne- 
benbei gesagt, zum 133ten Male Gevatter stand), und erhielt 
von Beiden schone Geschenke. Die Taufe ward in der Nicolai- 
kirche vom Prediger Simon gehalten und zwar sehr kurz — sie 
dauerte kaum eine viertel Stunde. 

Sonntag besuchen uns gewohnlich Reuter [und] Wenzel, so 
auch heute Letzterer mit Herrn Lampadius, der nicht dumm, 
aber entsetzlich weitschweifig ist. Ich vermuthe, er ist Theolog 
— zu einem recht philistrofien Pastor hat er alle Anlage. 



Ol 19 »aber« und »als ein« am Anfang und Ende der gestrichenen Stelle 
iiber der Zeile eingefiigt. 

0120 »zeigte« iiber der Zeile eingefiigt. 

0121 Danach ein gestrichener, nicht lesbarer Wortanfang. 



Januar 1841 143 

107 Zwanzigste Woche. 

Heute, Montag, hat Robert seine Symphonie ziemlich vollendet; 
sie ist wohl meistens in der Nacht entstanden, — schon einige 
Nachte brachte mein armer Robert dariiber schlaflos hin. Er 
nennt sie »Friihlingssymphonie« — zart und dichterisch, wie all 
sein musikalisches Sinnen ist! — Ein Friihlingsgedicht von^ 122 
[Bottger] war der erste Impuls zu dieser Schopfung 446 . 
Zum ersten Male diesen Winter besuchte ich die Euterpe 447 
heute. Ich hatte einen machtigen Drang nach Musik diesen 
Abend, daher ich denn auch, besonders wahrend der A dur Sym- 
phonie von Beethoven, in vollen Ztigen genofi. Die Ausftihrung 
befriedigte mich vollkomen. Verhulst hat in der Auffassung 
Mendelssohn alles, jede kleine 

108 Nuance, mochte ich sagen, abgelauscht, was zuweilen nicht 
ganz angenehm beriihrt — ich kann alle Copieen nicht leiden; 
Verhulst ist Musiker genug um selbst iiber die Auffassung eines 
solchen Werkes nachzudenken. 

Eine hiibsche Spatzierfahrt mit meiner Schwagerin [Therese 
Fleischer] machte mir viel Vergniigen. Ich blieb noch den Nach- 
mittag bei ihr. Ein(en) Streit mit ihrem Manne machte mir etwas 
heiftes Blut — er behauptete namlich Meyerbeer stiinde weit iiber 
Weber, Man sollte eigentlich einem (A) Laien gegeniiber imer 
schweigen, doch mein Eifer lafit mich so ein dummes Urtheil 
nicht leicht verschlucken. 

Mein Gesundheitszustand scheint sich jetzt etwas bessern zu 
wollen. Was uns noch vor wenig Wochen nur 

109 Hoffnung war, scheint jetzt zur Gewifiheit zu werden — ich bin 
ganz gliicklich! 

Dienstag vollendete Robert seine Symphonie; also angefangen 

und vollendet in 4 Tagen. Hatte man nur gleich ein Orchester 

da! — Ich mufi Dir, mein lieber Mann gestehen, ich hatte Dir 

solch eine Gewandheit nicht zugetraut — Du flofit mir immer 

neue Ehrfurcht ein!!! — 

Livia Frege mit ihrem Manne besuchte mich heute. Beide gefal- 

len mir bei naherem Umgang immer besser. Sie kamen sich beim 

Robert ftir gesandte Lieder 448 zu bedanken, iiber die sie mit gro- 

stem Enthusiasmus sprachen. ' 

Die Rieffel besuchte mich auch wieder einmal — ich hab ihr ihr 

unartiges Betragen gegen mich vorgehalten. 

1 1 Agnes Roller wird heute 

d. 28 getraut. Mochte sie alles Gliick finden, das sie verdient. 
Pastor Schmidt, ihr Mann, besitzt eine der schonsten Pfarren in 
Sachsen. 

0122 Danach freigelassen. 



144 Januar 1841 

Vergangene Woche verheiratheten sich auch Vb[i]gr mit Bertha 
Constantin in Schonefeld. Ich dachte den ganzen Tag immer 
zurtick an den 12ten September. Wir waren zur Hochzeit einge- 
laden, doch ich war zu unwohl irgend etwas zu unternehmen. 

Madam Schmidt besuchte ich, und fand sie wie immer sehr ange- 
nehm, aber ihre ganze wirthschaftliche Einrichtung recht confus 
— eine echte Comodiantenwirthschaft! — 

Robert hat begonnen die Symphonie in Partitur zu setzen. Sei- 
ner Beschreibung nach mussen sehr schone Instrumentaleffecte 
darin vorkomen. 

111 Das heutige Abonnementconcert besuchten wir Beide nicht, — 
ich war unwohl, und Robert zu sehr in Gedanken mit seiner 
Symphonie beschafftigt. Das ganze Concert bestand aus Hay- 
den^. 

Zum Spielen komme ich jetzt gar nicht; theils halt mich mein 
Unwohlseyn, theils Robert's Componieren ab. Ware es doch nur 
moglich dem Uebel mit den leichten Wanden abzuhelfen, ich 
verlerne Alles, und werde noch ganz melancholisch daruber. 
Robert ist seit einigen Tagen sehr kalt gegen mich; zwar ist wohl 
der Grund ein sehr erfreulicher, und Niemand kann aufrichtige- 
ren Theil nehmen^ 123 an Allem, was er unternimmt, als ich,^ 124 
doch zuweilen krankt mich diese Kalte, die ich am allerwenig- 
sten verdiente. Verzeih mir, mein lieber Robert, diese Klage — 
die Vernunft mufi nun einmal manchmal den Geftihlen nachste- 
hen! 

112 D. 30 Sonnabend machte ich mit Carls eine Fufiparthie nach 
Stotteritz, die mir gut bekam. 

Abends ging ich in's Quartett 450 , das heute durch Mendelssohn's 
Spiel ein sehr Interress antes wurde. Er spielte sein Trio, das ich 
schon langst gewiinscht hatte wieder einmal von ihm zu horen. 
Dem folgte Beethoven's herrliches Quartett in Es, und den Be- 
schlufi machte Mendelssohn mit Zwei seiner Aelteren und zwei 
neueren Liedern ohne Worte. Ich kenne keinen Spieler bei des- 
sen Spiel mir so wohl ware, und^ 125 man weiE eigentlich nicht in 
welchem Genre man ihn am liebsten horen mag, er spielt Alles 
gleich meisterlich. Einige kleine Urtheile im Bezug auf diesen 
Abend hatte ich mir gern noch erlaubt, doch fiirchte ich, mein 
lieber Robert, Du erziirnst Dich gleich, und argern will ich Dich 
nicht, das weifit Du, wenn ich es^ 126 auch manchmal in meiner 
Einfaltigkeit thue. 

0123 »nehmen« uber der Zeile eingeftigt. 

0124 »als ich,« iiber der Zeile eingeftigt. 

0125 »und« auf dem Seitenrand vor der Zeile hinzugefiigt. 

0126 Danach ein gestrichener, nicht lesbarer Anfangsbuchstabe. 



Januar/Februar 1841 145 

Probst, der grofite^ 127 Raisoneur auf Gottes Erdboden, machte 
sich {heme) [?] ziemlich grofimaulig an mich. Er sprach viel — 
darunter manches Gescheidte, wo ich ihm im Stillen Recht ge- 
ben mufite. 
113 Zum Schlufi dieser Woche war mein Robert wieder freundlicher 
gegen mich^ 128 , und ich auch wieder gliicklich. Mit der Sympho- 
nic geht es Sturmschritt, Robert ist ungeheuer fleifiig — und ich 
habe noch Nichts davon gehort! — ? — 

Nachste Woche iiberlasse ich Dir nun das Tagebuch — jetzt ver- 
lange ich Ordnung ohne Mitleid. Schreibe nur einige Worte, 
und es ist mehr als 10 Seiten von mir. In voller Liebe^ 129 einen 
Kufi noch Dir, mein lieber Componist — kommt nur erst der 
Friihling, dann setze ich Dir einmal den Kranz auf fur die Friih- 
lingssymphonie. 



Ein und zwanzigste Woche. 
Februar. 1841<> 130 

Auch diese Woche libe ich noch Geduld! Ich sehe wohl ein, die 
Symphonie geht vor, und so will ich Dich, mein lieber Mann, 
nicht mit dem Tagebuch qualen. Ich will moglichst kurz, was 
mir noch im Gedachtnifi, von vergangener Woche (auf) eintra- 
gen. 
114 Das Gewandhausconcert 451 am Donnerstag d. 4ten^ 131 brachte 
Mozart. Die 77ta5-Ouvertiire entziickte mich durch jugendliche 
Frische; das D moll Concert spielte Mendelssohn, und schlofi 
besonders den letzten Satz mit einer schonen kunstvollen Ca- 
denz. Mich sprach das Concert in seiner einfachen Weise aufter- 
ordentlich an. Das »Veilcben« kannte ich noch gar nicht, wie 
tiberhaupt Keines der Mozart'schen Lieder, und war ganz en en- 
thusiasme daruber! das Lied hat mich trotz seiner grofien Simpli- 
city geriihrt — es machte einen <E) eigenen Eindruck auf mich. 
Die Symphonie mit der SchiuMuge ging herrlich und der Ein- 
druck des ganzen Concert's war ein hochst befriedigender — 
Mozart stimmt Einen so eigen heiter und zufrieden, das hab ich 
schon oft an mir selbst bemerkt, auch seine Opern machen mir 
diesen Eindruck. 

0127 Urspriinglich »s«, durch »fi« tiberschrieben. 

0128 »mich« iiber der Zeile eingefiigt. 

0129 »Liebe« iiber der Zeile eingefiigt. 

0130 Die Jahreszahl spater — evtl. von fremder Hand — mit Bleistift 
hinzugefiigt. 

0131 »4« iiber eine nicht lesbare Zahl geschrieben. 



146 Februar 1841 

Diese Woche entledigte ich mich einiger Ceremonien-Besuche 
die mir schwer auf dem Herzen lagen. Madam 

115 David, Madame Harkort, die Mendelssohn hatten sich meines Be- 
suches zu erfreuen. Ueberall hort man von Krankheit reden und 
von der grofien Kalte — das ist Alles. Mendelssohn traf ich in Ge- 
burtstag's-Freuden, umringt von Geschenken und Gluckwun- 
schen — ich ftigte bescheiden den meinigen hinzu. 

Endlich am 6ten erhieken wir von Berlin die Nachricht von Bar- 
gielVs Tode; sie iiberraschte uns nicht, da wir sie taglich schon 
erwartet hatten. Er starb am 4ten unter den schrecklichsten Lei- 
den. Ihm ist wohl! er war ein ganz rechtschaffener Mann, und 
lebte in kranken wie in gesunden Tagen mit ganzer Seele der 
Kunst, von der er auch die bedeutensten Kenntnisse besaft. Ich 
hoffe, meine arme Mutter wird, wenn sie sich iiber den schmerz- 
lichen Verlust erst etwas getrostet hat, eine ruhige Zeit bekom- 
men, der sie langst bedurfte; die Frau hatte sich bei Fortdauer 
dieser Krankheit selbst mit zu Grunde gerichtet. 

116 Er war 5 Jahre lang krank, wahrend welcher Zeit alle Sorgen 
auf der Mutter iagen. Der Himmel gebe, dafi sie bald in eine 
bessere sorgenlosere Lage kommen moge. In solchen Augenblik- 
ken der Noth drangt sich mir wohl manchmal der Gedanke auf 
»ach, warst du reich, und konntest (nur) jetzt helfen!« 
Heute Sonntag d. 7 ist Thalberg angekommen und giebt Con- 
cert fiir die alten und kranken Musiker 452 , was mir sehr fatal, da 
ich Selbes in Absicht hatte, wenngleich spater. Ich freue mich in- 
defi sehr, Ihn^ 132 , diesen Beherrscher des Clavier's, wieder zu 
horen. 

Zum Schlufi dieser Woche kann ich nicht umhin der liebevoll- 
sten Behandlung von Seiten meines Robert zu erwahnen und 
ihm abermals zu versichern, daE dies meine hochste Gliickselig- 
keit ist. Glaubt er es!? — 



117 Zwei und zwanzigste Woche. 

D. 5ten Montags besuchte uns Thalberg, und spielte zum Ent- 
ziicken schon auf meinem Pianoforte. Eine vollendetere Mecha- 
nik giebt es nicht, und seine Claviereffecte mtissen oft die Ken- 
ner hinreifien. Ihm mifigltickt kein Ton, seine Laufe kann man 
mit Perlenreihen vergleichen, seine Octaven sind die schonsten, 
die ich je gehort. Am Abend in seinem Concert entziickte er uns 
von neuem und mich ganz besonders durch eine Etude, wo er 
einen wundervollen Claviereffect hervorbrachte^ 133 . Uebrigens 

0132 Urspriinglich »i«, durch »I« uberschrieben. 

0133 Am Wortanfang urspriinglich »herb« > das »b« durch »v« uber- 
schrieben. 



Februar 1841 147 

muE ich gestehen, dafi ich ihn im Zimmer lieber noch hore, und 
gar zu gern auch seine Hande dabei sehe — er hat die schonste 
Ciavierhand. So sehr mich sein Spiel entziickte, so wenig seine 
Compositionen, die mir 

118 gegen friiher sehr schwach erscheinen. Mir kommt vor, als wolle 
er Liszt in seinen Fantasieen imitieren, wozu ihm jedoch dessen 
geistiger Aufschwung fehlt. 

Nach dem Concert' afien wir zusammen mit Thalberg y Mendels- 
sohn, David ect: im Hotel de Baviere, wo ich seit jenem ungliick- 
lichen Abend nach Gerke's Concert, nicht gewesen war. Heute 
sah es anders aus, und wir liefien uns den Champagner besser 
schmecken als damals. 

Dienstag d. 9 ist Thalberg nach Dresden gereist und von da 
nach Breslau und Warschau. Bald wird es keine Stadt mehr ge- 
ben, wo er nicht gewesen. 

Mittwoch d. 10 fand ich, als ich von meinem Spaziergang zu- 
ruckkehrte, den Major Serre bei mir, und freute mich sehr ihn 
wieder zu sehen. Unser ganzes Gesprach drehte sich 

119 ubrigens um die Aussohnung mit dem Vater. Er kennt lange 
nicht Alles was in dem vergangenen Jahr vorgefallen ist, daher 
er sich das leichter denkt als es ist. Ich sollte ihm einige Zeilen 
an den Vater mitgeben, wahrend ich ihn^ 134 im Augenblick vor 
Gericht verklagt habe wegen Herausgabe meiner Sachen. Nur 
wer weifi,- wie dieser Mann voller Intriguen ist, der kann iiber 
die ganze Sache, iiber die Verhaltnisse, ein richtiges Urtheil fal- 
len. Der gute Major kann sich von solch einem Charakter kei- 
nen Begriff machen. Uebrigens ist er fiir die ganze Sache^ 135 so 
Feuer und Flamme, dafi es ihm vielleicht gelingt, den Vater zu 
einer gutwilligen Herausgabe meiner Sachen und des Flugels zu 
bewegen, was mir unendlich lieb ware — so stiinde- ich doch 
wenigstens in keinem Streit mehr mit ihm. 

Von Graff bekam ich wieder ein Schreiben — Diesen qualt der 
Vater nun auch noch mit seinen Cabalen wegen des Flugels — es 
ist doch zum Verzweifeln! — 

120 D. 11 war Beethoven der Erwahlte im Gewandhausconcert 453 . 
Es lafit sich nicht viel dariiber sagen — Nichts was nicht schon 
tausend Mai gesagt worden ware. Die 9te Symphonie horte ich 
zum dritten Male heute. Die ersten beiden Satze bereiteten mir 
grofien Genufi, weniger die beiden Letzten, die ich noch nicht 
recht verstanden habe, wo ich den Faden noch nicht finden 
kann. 



0134 Ursprunglich »m«, zu »n« verbessert. 

0135 Urspriinglich »s«, durch »S« uberschrieben. 



148 Februar 1841 

Herr Goulomy (ein Russe) spieke das VWmconcert in D dur, 
mit vieler Fertigkeit, auch Energie, doch es fehlte der poetische 
Hauch. 

Eine grofie Ueberraschung gewahrte das plotzliche Hervortre- 
ten der Schroder- Devrient, die, gerade im Saaie anwesend die 
Liicke ausfullte, welche durch Schmidt's Unwohlseyn entstanden 
war, und zwar mit der Adelaide. Mit einem endlosen^ 136 Enthu- 
siasmus empfing und entliefi man sie. Ich jauchzte innerlich mit, 
dafi ich sie nur wieder einmal sah, die 
121 ich so hoch verehre, die unter den dramatischen^ 137 Sangerinnen 
mein Ideal bleibt. 

Den Sonntag afien PJundt und Wenzel bei uns; nach Tisch musi- 
cirten wir d. h. Robert spielte seine Fruhlingssymphonie, die 
Einem wahrhaft Friihlingswarm anweht, und wir Anderen hor- 
ten zu. Ich wurde ganz gesund und musikalisch dabei. Ich 
mochte mich wohl ein wenig nach meiner Art tiber die Sympho- 
nic aussprechen, doch ich wurde nicht fertig zu reden von den 
Knospchen, den Duft der Veilchen, den frischen griinen Blat- 
tern, den Vogeln in der Luft, was man Alles in jugendlichster 
Kraft leben und weben sieht. Lache mich nicht aus, mein Heber 
Mann! kann ich mich auch nicht poetisch ausdriicken, so ist 
doch der poetische Hauch dieses Werkes tief in mein Innerstes 
gedrungen. 

Ich ktisse Dich zu Ende dieser Woche mit den liebevollsten Ge- 
sinnungen — doch nicht etwa bios Deiner Symphonie wegen, 
sondern auch des Herzens wegen, aus dem sie entsprungen. 



1 22 ROBERT SCHUMANN : Drei und zwanzigste Woche 

vom 14ten— 21sten Februar. 



Nun nach fiinf Wochen Schweigen zu dir, meine liebe Leserin. 
War' ich nur ganz wohl um Alles recht schon darzustellen, was 
sich immer begeben. Doch weifist du ja das Meiste. Die Sym- 
phonie hat mir viele gluckliche Stunden bereitet; sie ist ziemlich 
fertig; ganz wird es so ein Werk erst, wenn man es gehort. 
Dankbar bin ich oft dem guten Geist, der mir ein so groEes 
Werk so leicht, in so kurzer Zeit gerathen lafit. Die Skizze der 
ganzen Symphonie war doch in 4 Tagen fertig, und das will viel 
sagen. Nun aber, nach vielen schlaflosen Nachten, kommt auch 
die Erschlaffung nach; mir geht es, wie es einer jungen Frau ge- 

0136 Ursprunglich »endlich«, das Wortende durch »losen« tiberschrie- 
ben. 

0137 »dramatischen« iiber der Zeile eingefiigt. 



Februar 1841 149 

hen mag, die eben entbunden worden ist — so leicht, gliiklich 
und doch krank und wehe. Dies weifi auch meine Klara, und 
schmiegt sich nun doppelt zartlich an mich, was ich ihr schon 
auch spater vergelten will. Ueberhaupt konnte ich gar nicht fer- 
tig werden, wollte ich von allem Lieben erzahlen, das mir Klara 
in dieser Zeit erwiesen, und 

123 mit so willigem Herzen. Unter Millionen hatte ich suchen kon- 
nen, die mir, wie sie, so viel Nachsicht, so viel Aufmerksamkeit 
schenkt. Nun, lafi dich ktissen, mein gutes Weib, das ich immer 
mehr liebe und achte. 

Sonst ging es in dieser Zeit ziemlich still und einformig her. Wir 
denken viel an den Friihling, und wollen uns dann auch etwas 
in's Freie hinausschwingen, was uns beiden so noth thut. Eine 
Reise nach Toplitz^ 138 gehort gar nicht in das Reich der Unmog- 
lichkeit. 

Auch geben wir vielleicht noch ein Concert zusamen. Es ware 
ein grofier Gewinn, konnte ich noch dieses Jahr die Symphonie 
zur Auffiihrung bringen. Das weift auch Klara, und doch darf 
sie noch nichts bestimmen. Doch miifien wir uns nun bald ent- 
scheiden und dann mit Energie anpacken. Etwas weniger Be- 
scheidenheit ware uns beiden, glaub' ich, nicht schadlich, wir 
paEen aber beide nicht fiir das gemeine Leben, seine Kunstgriffe 
und Schlauheiten. Doch erreicht sich mit Fieifi und redlichen 
Zwecken auch ohnedies schon immer etwas. So sei denn das das 
Andere unsern guten Gemen uberlafien. 

124 Menschen sahen wir nur wenige; von fremdeaThalberg, Ma- 
jor Serre aus Maxen, den jungen Danen Helistedt, A. Bottger, 
den Uebersetzer des Byron, Mag.[ister] Lampadius; 5fter Wen- 
zel und Reuter. 

Vorigen Sonntag d. 21sten schwarmten wir Abends bei einem 
kleinen Flaschchen Champagner; das sind gliickliche Stunden, 
an der Seite seines Weibes so zu sitzen und zu geniefien, wenn 
es draufien noch wintert und inert. Dariiber geht nichts, zumal 
nach vollbrachter Arbeit und mit dem guten Willen, bald wieder 
neues zu beginnen. So war's an jenem Abend, und wir haben 
schon manchen solchen gefeiert. 

Von der 24sten Woche schreibe du nun, Klarchen, damit wir 
wieder in das alte Gleis kornen. 



0138 Recte:Teplitz. 



150 Februar 1841 

CLARA SCHUMANN: Vier und zwanzigste Woche. 

Mein lieber Robert hat des liebevollen und Schonen iiber mich 
so viel gesagt, dafi ich gar nicht weifi was erwidern, nur so viel 
will ich sagen und hab es schon (sch) tausent Mai gesagt, 

125 dafi mich diese Liebe gar zu unaussprechlich begliickt. Wir ge- 
niefien ein Gliick, das ich friiher nie gekannt — ein sogenanntes 
hausliches Gliick verspottete mein Vater allezeit. Wie be- 
dauere ich Die, die das nicht kennen! sie leben doch nur halb! — 

Diese Woche^ 139 verging ziemlich still. Das Gewandhaus 
brachte ein langweiliges Concert 454 , das Wetter war schauder- 
haft, der Himmel hangt noch immer voller Schnee^ 140 , und 
meine Sehnsucht nach dem Frlihjahr wachst um so mehr. 
Robert's kleiner Reiseplan geht mir in Kopf und Herz herum — 
ich freue mich kindisch darauf — mochte es nur ja wahr wer- 
den! — 

Sonnabend d. 27 bekam ich endlich nach zwei Jahre langer 
Trennung meinen Fliigel ohne Weiteres heraus. Ich vermuthe, 
dafi der Major Serre dies bewirkt hat. Meine Freude war grofi, 

126 noch grofier aber eine tiefe Wehmuth, die mich bei dem Anblick 
ergriff. Die ganze ungluckselige^ 141 Vergangenheit stieg so leb- 
haft in mir auf, und eines gewissen Geflihles fur den Vater 
konnte ich mich doch nicht erwehren. Mein Robert wird mir 
nicht ziirnen — er war so gut und nachsichtig, <d) als ^ 142 meine 
Thranen flossen! — Der Fliigel ist zwar etwas abgespielt, doch 
immer noch schon von innen und aufien. 

Der junge Frege besuchte mich, uns personlich zu einer Soiree 
einzuladen. Er ist durchaus kein so dummer Mann, wie es so 
Viele Wort haben wollen — ich glaube an diesem Gerede hat 
seine Frau etwas Schuld, die ihn vor den Augen Anderer immer 
(etwas) en bagatelle behandelt, was mich oft schon verletzte. Sie 
ist ubrigens auch^ 143 bei naherem Umgang eine ganz angenehme 
Frau. 

127 Dieser Wochenbericht ist kurz, es gab aber auch wenig bemer- 
kungswiirdiges. Ich las viel, und zum ersten Male ein Werk 
» Notre Dame« von Victor Hugo, das mich aber anwidert wenn 
ich daran denke. Es ist voll des frivolen, gemeinen, zerrissenen, 
unwahrscheinlichen — im ganzen Werke ist nicht ein nobler 

0139 »Woche« iiber der Zeile eingefugt. 

0140 Das zweke »e« iiber »11« geschrieben. 

1 4 1 Ursprunglich »ungltickl«, dann verbessert (iiberschrieben) . 

0142 Ursprtingiich »dafi«> zu »als« verbessert (iiberschrieben). 

0143 »auch« iiber der Zeile eingefugt. 



Februar/Mdrz 1841 151 

Character zu finden, nichts als der^ 144 grasseste Unsinn, dafi es 
Einem zuweilen schuttelt. Es mag in franzosischer Sprache wohl 
geistreich geschrieben sein — iiberhaupt sind diese Art Werke 
aber nur ftir die Franzosen, die nur das grelle, schauderhafte(r) 
lieben, ftir ein deutsches gesundes Gemiith aber ist solch ein 
Werk Greuel. Robert las es auch und befand sich nicht besser 
dabei als ich. 

Unser Befinden war die Woche uber schlecht! ich leide fortwah- 
rend am Kopf und Robert ist in einem vegetierenden Zustand — 
er hatte sich mit der Symphonie zu sehr angestrengt — es wird 
schon wieder besser werden, nur nicht niedergeschlagen^ 145 
mein Freund! — 

128 Mdrz. 1841<> 146 . 

ROBERT SCHUMANN: Fiinf und zwanzigste Woche vom 

lsten bis 7ten Marz. 

Die Symphonie hat meine Zeit noch viel in Anspruch genomen. 
Nun aber athme ich schon freier und sehe ein Ende der Arbeit. 
Mancherlei Abhaltungen auch und Einladungen. 
Am lsten bei Harkort's zu Tisch, wo es fein herging und die Ge- 
sellschaft gut gewahlt war. Abends Concert der Schloft 455 . 
Am 2ten Abends bei den jungen Frege's. Grofie Gesellschaft. 
Auch Mendelssohn. Klara spielte und wurde recht ausgezeich- 
net von Allen, was mir immer grofie Freude macht. 
Am 4ten Mad.[ame] Duflot Maillard bei Klara. Wir horten sie 
spater im Concert. 

Freitag den 6ten ging ich friih mit.meiner Partitur zu Mendels- 
sohn. Es verlangte mich, sein Urtheil dartiber zu horen. Was er 
sagte, erfreute mich sehr. Er sieht und trifft immer das Rechte. 
Merkwiirdig, die meisten seiner Correcturen betrafen veran- 
derte Stellen, und stimmten meistens mit meiner ersten Skizze 
iiberein. Das 

129 heifit ein ergriindender Blick. Beim Abschied entschliipfte mir 
ein so dummes Wort uber Klara, dafi es mich den ganzen Tag 
peinigte. Abends gestand ich es Klara, da ich mich nicht langer 
mehr halten konnte. Sie war so lieb und gut, den ganzen Tag, 
wie immer, wenn sie sich korperhch ganz wohl fiihlt. 

Zu Tisch an dem Tag war der junge Hellstedt aus Copenhagen 
bei uns, der ein paar Tage darauf uber Wien nach Italien reiste. 
Wir haben ihn liebgewonen. 

0144 Urspriinglich »das«, durch »der« uberschrieben. 

0145 »ge« in der Wortmitte uber der Zeile eingefiigt. 

0146 Die Jahreszahl spater mit Bleistift hinzugefiigt. 



152 Mdrz 1841 

Dies in aller Eile. Dafi wir dem Concert immer naher rucken 
u. s. w. wird nachstens [?] berichtet. 



CLARA SCHUMANN: Sechs und zwanzigste Woche 

vom 
8ten bis 14ten Marz. 

Diese Woche brachte Verschiedenes! 

Montag war das letzte Euterpe -Concert 456 ', welches wir besuch- 
ten. Es beschloE wurdig mit Beetbovens C moll Symphonic 
Sek vielen Jahren horte ich einmal wieder die Franchetti, die 
mich aber jammerte, denn da ist keine Spur von Stimme mehr. 

130 Dienstag gab die Dufiot-Maillard ein ungluckliches Concert 457 
im kleinen Borsensaal. Obgleich das kleinste Lokal in ganz Leip- 
zig von Hofmeister gewahlt wurde, so war es doch immer noch 
zu grofi — viele Stiihle standen leer. Die Sangerin hatte Besseres 
verdient. Ihre Bliithe ist voniber, doch hat sie Manches gelernt, 
und macht besonders die chromatischen Laufer hinaufwarts bes- 
ser, als ich sie je gehort. Ihre Methode ist die italienische, ihr 
Vortrag aber ftir den Saal zu lebhaft, — utrirt. Ihre Personlich- 
keit hat etwas Einnehmendes, und, wie Robert sagt, Mitleid er- 
regendes, was mir auch so scheinen will. Hatte sie sich nicht in 
Hofmeister[s] Hande geworfen, es ware ihr besser ergangen, 

doch Dieser ist ein gefahrlicher Beschutzer. — — Amalie 

Rieffel,- spielte eine Thalberg'sche Fantasie moglichst lang- 
weilig, und Poeme d'amour von Henselt moglichst voruberflie- 
gend. Zuweilen mochte man behaupten, Niemand konne es ihr 
im Ruscheln zuvor thuen. Ihr Vater fehlt ihr! 

Mittwoch d. 10 besuchte uns Mendelssohn , und beschaftigte sich 
mit Robert einige Stunden mit der Symphonic Sie gefallt ihm 
sehr, was mich ganz aufierordentlich freut. Waren nur erst alle 
Sdmmen schon ausgeschrieben! das ist noch eine gewaltige Ar- 
beit. 

131 Mendelssohn liberraschte mich sehr durch das zarte Geschenk 
von ^Hermann und Dorotbea« v. Goethe in ganz kleinem aller- 
liebsten Einband. Ich empfand mehr Freude daniber, als ich ihm 
in meiner Verlegenheit uber diese unverhoffte Aufmerksamkeit 
von seiner Seite ausdrticken konnte. Ich hab es nun aber auch 
gelesen, und mich hochhchst^ 147 ergotzt liber diese schone, 
reine, klare Sprache und zarte Behandlung <des) aller darin vor- 

Ol47 Danach ein gestrichener, nicht lesbarer Anfangsbuchstabe. 



Mdrz 1841 133 

kommenden Personen. Ich werde es nachstens noch einmal le- 
sen. 

Bufitag (Freitag) Abend brachten wir bei Voigt zu. Mendels- 
sohn's mit einer'liebenswiirdigen Englanderin Miss Horsley, Da- 
vid u. A. waren zugegen. Ich spielte viel, woran Mendelssohn's 
fortwahrende Aufforderungen Schuld waren. Er lafit es nie da- 
ran fehlen, und setzt mich dadurch oft in Verlegenheit. Ich 
mochte nur wissen, ob er wirklich Vergniigen an meinem Spiele 
findet!? (Hier macht mein Robert ein boses Gesicht! Hm?) 
Einige schottische Lieder mit Violine und Cello von Beethoven, 
von Schmidt gesungen und von Mendelssohn herrlich begleitet, 
machten mir viel Freude. 

Das Abendessen war langweilig! Voigt erkennt man doch in sei- 
nem Hause an tausend kleinen Ungeschicklichkeiten. Mendels- 
sohn's Bild hatte er bekranzt — die Guirlande bis auf der Nase 
sitzend. 

132 Die langweiligsten Quartette machten das Elend der Gesell- 
schaft voll. Bis nach Mitternacht schob sich der Tisch hinaus, 
und mit^ 148 Wonne schnappten wir alle nach frischer Luft. 

In selber Woche afien wir auch einmal zu Mittag bei Voigt, ich 
kam aber hungrig nach Haus — die Hausfrau hatte auf delika- 
tere Tischgaste gerechnet, wie es schien, als wir, mein Robert 
und ich, sind. 

"Wir haben einige herrliche Fruhlings-Tage diese Woche gehabt. 
Nie fuhlt man doch die Freude <z) am Leben mehr, als an sol- 
chen wonnevollen Tagen, im Sonnenschein unter Blumen im 
Fenster — da mochte man die ganze Welt umarmen. 
Am Bufitag war es ein^ 149 halbes Jahr, dafi wir verheirathet sind. 
Wie schnell verflossen, und wie glucklich verlebt! — Wenn mich 
nur mein Robert immer so lieb behalt, dann ist keine Frau mehr 
zu beneiden als ich. 

Sonnabend fand die letzte Quartettsoiree 458 statt. Quintett C dur 
v. Beethoven schaffte mir Genufi, wie lange Keines. Mendelssohn 
schien bei dem Vortrag des Praeludium und Fuge nicht animirt, 
ich habe mir tiberhaupt Beides anders gedacht gehabt, und 
fuhlte mich nicht angenehm beriihrt durch seinen Vortrag. Die 
Sonate von Mozart mit David, horte ich nur halb. 

133 Sonntag d. 14^ 50 afi Dr: Hirsch mit Renter bei uns zu Mittag. 
Ersterer gefallt mir immer weniger, Alles was. er spricht 
schwimmt so auf der Oberflache herum, es ist keine Soliditat in 
ihm, so auch sein Gesang und Spiel. 

0148 »mit« iiber der Zeile eingefiigt. 

0149 »ein« iiber ein nicht lesbares Wort geschrieben. 

0150 »4« iiber eine andere, nicht lesbare Ziffer geschrieben. 



154 Mdrz 1841 

Der Vater war vergangene Woche hier! seine Aeufterungen, 
herzlos wie er ist, haben alles Geftihl fur ihn^ 151 , was wieder in 
mir erwacht war, getodtet! Ich denke an keine Versohnung 
jetzt; mufite ich nicht gewartig sein, dafi jeder freundliche Blick 
eine Falle ware, um nachher um so sicherer seine Intriguen ge- 
gen mich zu spielen? der Mann hat doch gar kein Gewissen — 
wird es sich denn nicht einmal rtihren?! — Mit dem Flugel ver- 
halt es sich auch nicht etwa wie ich im ersten Augenblick ge- 
dacht habe. Major Serre und unser Advocat [Krause] haben sich 
bestechen lassen(,} durch Versprechen, als wolle er die 60 rt, 
nachdem er sie nur erst erhalten, wieder herausgeben — die 60 rt 
hat er nun^ 152 in der Tasche, und lacht uns aus — <ans) an ein 
Wiederbekomen ist da nicht zu denken 459 . Mich friert wenn ich 

denke wie es in der Seele dieses Mannes aussieht. 

Ich soil nun meine Sachen erhalten — ich bin begierig, was er da 
wieder Neues von Betrug ect: ersonen hat. 
134 Ich studiere auf das Concert los, und der Notenschreiber arbei- 
tet Tag und Nacht an der Symphonie, Robert sitzt uber der Zei- 
tungj die ihn jetzt entsetzlich ennuyirt, was ich mir denken kann 
bei seinem fortwahrend musikalischem Sinnen. Armer Mann! 

Nachste Woche, mein lieber Gemahl, bitte ich mir einen etwas 
langeren Bericht aus — hm? der Letzte war doch gar so kurz, als 
habest Du ihn nicht gern gemacht? Dem sey nun iibrigens wie 
ihm wolle, wir bleiben immer gute Freunde und lieben uns im- 
merhin herzlich und innig. Ist Dir's Recht? 



ROBERT SCHUMANN : Sieben und zwanzigste Woche 

vom 1 4ten bis 2 1 sten Marz 1841. 

Die Aussichten zum Concert stellen sich giinstig. Der Tag soil 
nun der 27ste sein und wir arbeiten tapfer darauf los. Die scho- 
nen Vorfriihlingstage haben uns aber auch manchmal in's Freie 
gelockt. Es geht sich recht sanft mit einer lieben sanften Frau. 
Wahrhaftig, meine nachste Symphonie soil »Klara« heifien und 
ich will sie darin abmahlen mit Floten, Hoboen und Harfen. 
Was meint mein Klarchen dazu? 
135 Die Concerte sind nun alle zu Ende, und wir allein noch iibrig. 
Das letzte im Gewandhaus war vorigen Donnerstag 460 . Die 
Schroder Devrient sang darin. Klara sprach viel mit ihr — ich 
denke Wunder was fiir philosophisches, bis mich denn Klare 



1 5 1 »fur ihn« iiber der Zeile eingefugt. 

0152 »nun« iiber der Zeile eingefugt. 



Marz 1841 155 

aufgeklart. Die Schr.[oder-Devrient] hat sich nahmtich als Ge- 
vatterin angetragen. Ihr Weiber untereinander seid auch wie die 
Manner untereinander. Es hat mich belustigt. — Der Vortrag 
des Liedes v. Schubert, das die Schr. sang, war mir das Liebste. 
Was ruht doch in ihr! Als wiifite sie alle Geheimnifie des Her- 
zens! Eine echte Schauspielerin die in dieser Minute sich zu Ge- 
vatter bittet, und uns in der andern zu Thranen riihren konnte 
mit ihren schmerzlichen Tonen! Aber eine Hausfrau, ein(e) 
Weib, eine Mutter kann eine solche Klinstlerin nicht. sein, und 
sie ist es wohl auch nicht. 

Auch bei Brockhaus war Kl.[ara] mit ihr zusamen. Der Abend 
mag interessant gewesen sein. Ich war in einer menschenscheueri 
Stimmung nicht hingegangen. 

Vorgestern bei Gr.[af] Baudissin zu Tisch mit Kl.[ara] Sophie [v. 
Baudissin] beobachtet viel, was allein^ 153 mich abhalten konnte, 
ihre genauere Bekanntschaft zu machen. Im ixbrigen 
136 scheint sie den alien Juden u. Judinnen eigenen Hell- u. Scharf- 
sinn zu haben, auch in der Musik. Sie spielte auch eigene Com- 
positionen. Kl.[ara] auch. Die Mutter [v. Baudissin] scheint eine 
treffliche Frau. Die Tochter Philippine oberflachlicher, doch 
nicht ohne Bildung. Der Graf sagt viel Treffendes und Gutes. 
Wir schieden ziemlich freundlich. 

Gestern besuchte mich A. Schmitt aus Frankfurt, ein anstrengen- 
der Mann, der zu viel denkt — halb Philister, halb (echter) 
Kiinstler. Er war sehr artig und sagte viel Freundliches. 
Nachmittag Mendelssohn, mit dem wir noch wegen des Concer- 
tes verhandelten. Er spielte mit Kl.[ara] ain neu angekommenes 
Concert von Bach f. 2 Fliigel, dann Sonate von Mozart. Liebe 
und Verehrung sind die beiden Gefuhle, die (man), so oft man 
mit ihm verkehrt, flir ihn rege werden. Ein Politicus ist er auch; 
doch ist das nur der lOOste Theil seines vielgestaltigen^ 154 We- 
sens. 



Freude machte es mir, v. Mendelssohn zu horen, dafi er in d. er- 
sten Jahre s. [einer] Verheirathung ein ahnliches Tagebuch mit 
seiner Frau gefiihrt, wie wir, daft sie es aber spater vernachla- 
Eigt 460A . Dies wollen wir aber nicht. 
CLARA SCHUMANN: (GewiS nicht!) 



0153 »allein« iiber der Zeile eingefugt. 

0154 Ursprlinglich »vielf«; »f« durch »g« uberschrieben. 



156 Mdrz 1841 

137 Achtundzwanzigste Woche 

vom 22 bis 29ten Marz. 



Diese Woche ging still voriiber, aufier Freitag, welcher Tag uns 
viel Freude brachte. Roberts Symphonie wurde zum ersten Male 
probirt, und nahm sich zum Entziicken aller der Anwesenden 
herrlich aus. Sie ist ein Meisterwerk in Erfindung und Ausfiih- 
rung. Mendelssohn war ganz erfreut, und dirigirte mit groster 
Liebe und Aufmerksamkeit. 

Nachmittag machten wir einen musikalischen Spaziergang nach 
Connewitz — wir dachten nichts als die Symphonie, und spra- 
chen uns uber alle einzelnen Schonheiten aus. Robert schien 
gliicklich — ich nicht weniger! taglich erkenne ich mehr 
welch ein Schatz von Poesie in ihm ist, und soil ich es abermals 
sagen, taglich liebe ich ihn mehr — nicht genug kann ich ihn 
schatzen und verehren. Verzeiht mir mein lieber Robert diesen 
kleinen Herzensergufi — und einen Kufi dazu?! — 

138 Sonnabend d. 27 brachte Mendelssohn sein zu meinem Concerte 
componirtes Duo. Wir spiel ten es, es mififiel ihm, und er gerieth 
in einen komischen Zorn, weil er sich Einiges schoner gedacht. 
Er spielte uns einige Lieder ohne Worte, darunter ein Volkslied 
einzig schon. Es stimmte mich sein Spiel melancholisch, ich 
mochte nicht mehr an meines denken; ich sah Roberts Freude- 
strahlenden Blick dabei, und es war mir so schmerzlich, dafi ich 
fiihlen mufite dies ihm nie bieten zu konnen. Ich schamte mich 
spater meiner Thranen, die ich in Beiseyn Mendelssohn's vergos- 
sen, doch konnte ich nicht anders — das Herz stromt Einem nun 
manchmal so tiber! 

Sonntag war ich Abends bei Mendelssohn's, wir spielten noch 
einige Mai das Duo — sein Zorn legte sich, und einiges Wohlge- 
fallen schien an dessen Stelle zu treten. — Ich sah ihn heute als 
Familienvater sich unter seinen reizenden Kindern herumbewe- 
gen, und 

139 dachte dabei viel an meinen Robert!!! 

Miss Horsley ist eine liebenswiirdige Englanderin, und besitzt 

mehr Geflihlswarme, als ich es von einer Englanderin je ge- 

glaubt hatte. Ihr kleines Album, das aber viele Handschriften 

enthalt, nahm auch meinen Namen mit auf . 

Robert begleitete mich diesen Abend nicht — er war abgespannt, 

und hatte daher keine Lust, hatte sich aber gewifi wohl befun- 

den. 

Die nachste Woche, die wichtigste seit unserer Verheirathung, 

uberlafie ich Dir, mein geliebter Robert, und denke, Du wirst 



Mdrz/April 1841 157 

mein erstes Debut als Clara Schumann gnadiglich (ansehen) 
[?] kritisiren. 

ROBERT SCHUMANN : Neun und zwanzigste Woche 

vom 29sten Marz — bis 4ten April. 

Am 31sten Concert des Schumann'schen Ehepaars 461 . Gliick- 
iicher Abend, der uns unvergeElich sein wird. Meine Klara 
spielte Alles 

140 wie eine Meisterin, und in erhohter Stimmung, daE alle Welt 
entziickt war. Auch in meinem Ktinstlerleben ist der Tag einer 
der wichtigsten. Das sah auch meine Frau ein, und freute sich 
tiber den Erfolg der Symphonie fast mehr, als iiber sich selbst. 
So denn mit Gott auf dieser Bahn weiter. Es sieht ja jetzt^ 154A so 
heiter in meinem Gemiithe [aus], dafi ich noch Manches an den 
Tag zu fordern gedenke, das die Herzen erfreuen soil. 
Mendelssohn hat sich in der ganzen Geschichte unseres Concer- 
tes wieder als ein echter Kunstler bewahrt. Die warme Theil- 
nahme fiir Klara ist so ungeheuchelt, wie sie nur aus solchem 
Herzen kornen kann. Auch fiir die Symphonie interessirte er 
sich so aufrichtig, wie es unter Kunstlern sein soil, und dirigirte 
sie mit der aufiersten Sorgfalt. Tags darauf besuchte ich ihn und 
dankte ihm recht herzlich. 

Noch so manches konnte ich iiber diese Woche, und jenen 
Abend aufschreiben, iiber die allgemeine Verehrung, die 
Kl.[ara] geniefit, iiber den 

141 Enthusiasmus, den unser Concert in Allen hervorgebracht, dafi 
die ganze Stadt davon spricht, — doch ziehts mich zu meiner 
neuen Ouverture, die ich in Arbeit habe — und Du wirst, Hebe 
Gute, das Wenige in Nachsicht aufnehmen. 



CLARA SCHUMANN: DreiEigste Woche. 

Vom 5ten (April) bis llten April. 18410' 55 

Ich werde viel mehr Deine Nachsicht in Anspruch zu nehmen 
haben, als Du die meinige, denn diese Woche und ihre Begeben- 
heiten sind mir fast ganzlich entfallen. 

Den Sonntag afien wir im Hotel de Baviere, aus Mangel an 
einem Dienstmadchen — die meinige konnt' ich nicht langer be- 
halten. Das Essen mundete uns, nicht aber die Nachbarschaft 
der Madam Shmidt, Mutter des englischen Consuls Shmidt® 156 , 

0154 A »jetzt« auf dem Seitenrand vor der Zeile hinzugefiigt. 

0155 Die Jahreszahl spater mit Bleistift hinzugefiigt. 

0156 Die Bemerkung ab »Mutter« auf dem Seitenrand hinzugefiigt und 
durch Digammazeichen hierher verwiesen. 



158 April 1841 

die sich durch iibermafiiges Trinken in einem bedauerungswiir- 
digen Zustand befindet. Ihr Blick ist unstat, und ihr Geist in 
einem furchtbar erregten Zustande. Ist dies Laster schon verab- 
scheuungswiirdig bei einem Manne, um wie viel (eher) mehr 
nicht bei einem Weibe! 

142 In der Thomaskirche gab Mendelssohn die Passions-Musik von 
Bach 462 , zur Errichtung eines Denkmals flir selben, wie er es 
schon voriges Jahr einmal gethan. Wir hatten einen schlechten 
Platz, horten die Musik nur schwach, und gingen daher nach 
dem ersten Theil. In Berlin hatte mir diese Musik viel mehr Ge- 
nufi verschafft, was wohl theilweise mit am Local lag 463 , das 
(nicht so) ganz flir solche Musik geeignet ist, wahrend dies in der 
Thomaskirche durchaus nicht der Fall, da sie viel zu hoch ist. 
Am Charfreitag gab Pohlenz in der Pauliner Kirche eine Messe 
von Cherubini (ein herrliches Werk) und die sieben Worte des 
Erlosers von Haydn 464 , welches wohl Eines der schwacheren 
Werke Hayden's sein mag; es ist monoton und durchaus nicht 
neu und schwunghaft — es erfrischt Einem nicht. 
Sonnabend d. lOten gab Mendelssohn seinem Bruder Paul zu 
Ehren den Lobgesang, einen Psalm von sich und das Concert 
Es dur von Bach fur 2 Claviere. Der Psalm gefiel mir nicht so als 
sein Anderer »[Wie] der Hirsch schreit« — er ist furchtbar stark 
instrumentirt, freilich mehr auf das Lokal einer Kirche berech- 
net, ■ sowie auch der Lobgesang. — Das Concert von Bach ist 
schon, doch deckte das doppelte Quartett 

143 zu sehr die Clavierstimmen. 

Sonntag d. lten Feiertag 0157 afien wir bei Fleischers zu Mittag; 
die Kiiche war vortrefflich, und ich hatte es mir noch einmal so 
gut schmecken lassen wollen, waren wir die einzigen Gaste ge- 
wesen. Wir lernten kennen den Professor Hartenstein (ein geist- 
voller Mann und, scheint mir, angenehmer Gesellschafter) und 
Polizeirath Stengel, ein determinirter Mann. 
Zum Schlufi dieser Woche mufi ich mir noch einen Eingriff in 
die nachste erlauben, die, wahrend ich diefi schreibe schon 
beinah vergangen ist. Robert hat zu meiner grofien Freude eine 
zarte, durchaus heitere, (seinen eigenen Audruck zu gebrau- 
chen) sirenenartige Ouverttire beendet, und sitzt nun uber dem 
Instrumentieren, was er mit wahrer Passion treibt. Ich freue 
mich so recht innerlich daniber, und wiinschte nichts, als ich 
(sch) konnte ihm nur ein kleines Theilchen so viel Freude ma- 
chen, als er mir. Den hochsten Lohn mufi der Componist immer 
in dem Werke und sich 0158 selbst finden, und das ist auch bei 

0157 »d. lten Feiertag« iiber der Zeile eingefiigt. 

0158 »und sich« uber der Zeile hinzugeftigt. 



April 1841 159 

meinem Robert der Fall, keineswegs ist er aber deswegen etwa 
ganz unempfanglich ftir das Lob der Menge, das darf auch nicht 
sein — gewift existirte noch kein Kiinstler, dem der Beifall des 
Publikums gleichgiiltig war. Die Symphonie wird mit Freude 
von Jedem, der sie gehort, erwahnt, und das thut mir immer 
ganz wunderbar wohl. 
144 Ich habe ein Bischen nach meiner Weise geschwatzt — dies hast 
Du, mein lieber Mann, mir schon so oft mit einem milden La- 
cheln verziehen — warum nicht auch diefimal ! 



ROBERT SCHUMANN: 31ste und 32ste Woche 

vom 1 lten bis 25sten April 1841. 

Friihlingsanfang in der Natur — Mit Klara ofters im Freien, 
auch zu Mittag — so einmal in der Wasserschenke — einmal in 
Zweinaundorf — das letztemal leider um.einen schweren Kat- 
zenjammer zu verzehren [?], der mir noch einige Tage von ei- 
nem verschwarmten Abend angehangen. Doch auch gut und 
fleifiig gewesen: die Ouverture in E Dur in vier Tagen instru- 
menting ein Scherzo u. ein Finale ftir Orchester in 3 [?] Tagen 
fertig skizzirt. Klara hat Freude an diesen Compositionen ge- 
habt. Eine schone Idee verfolgt mich, eine Symphonie zur Ent- 
hullung v. Jean Pauls Standbild d. 15ten November zu schrei- 
ben. Das will aber Vorstudien und gute helfende Geister: sie soil 
Sinfonia solemnis heifien. 
145 Ein junger liebenswiirdiger Cavalier Graf Costa italienischer Di- 
plomat, besuchte uns; ein Dilettant der besten Art, der auch 
Bach'sche Compositionen kennt, und iiberhaupt ausgezeichnet 
Clavier spielen soil. Klara spielte ihm recht schon vor. Graf Bau- 
dissin war mit, (ein) ebenfalls ein trefflicher Mann und den Kun- 
sten und Kiinstlern zugethan. Wir verbrachten einen freundli- 
chen Abend dort, d. 16 ten April. Seine Frau spielte etwas von 
Klengel in Dresden, was mich interessirte; Klara u. A. die grofie 
Fuge in A Moll v. Bach auswendig, dafi es mich wunderte. 
Ein 0159 Concert fiir die Armen, am 22sten 465 , kam auch noch 
nachgehinkt; es war nur um es vom Hals zu haben, auch wenig 
besucht. Einiges Neue von Rietz a. Diisseldorf interessirte mich 
sehr. Es steht doch gar nicht schlimm um die Kunst, wo es noch 
solche Ttichtige gibt. 

Zum Lesen bin ich seit Monaten nicht gekomen; auch fiir die 
Zeitung that ich nur wenig, es war mir sogar widerwartig. Doch 
mufi ich mich wieder dazu uberwinden; auch die Stiefkinder soil 
man nicht lieblos behandeln. 

Ol59 Urspriinglich »C«; durch »E« uberschrieben. 



160 April 1841 

146 Mit Klaras Gesundheit geht es wie es gehen kann, und viel bes- 
ser als in {der ersten Zeit) in den ersten "Wochen unserer Verhei- 
rathung. Im Herzen sieht es ihr immer klar und hell und liebe- 
volL Das weifi ich. Und in meinem auch; das steht in meiner 
Musik. Ein Schatten fallt manchmal in unser Gliick, der Ge- 
danke an die Feindseligkeit von Klara's Vater, der doch auch 
unser Vertrauen nirner verdient, so dafi wir es auch nicht andern 
konnen. Der Injurienprocess gegen ihn ist tibrigens zu Ende; er 
hat ihm 18 Tage Gefangnifi gebracht, und mir die Genugthu- 
ung, die ich mir schuldig war 466 . 



CLARA SCHUMANN: 33te Woche vom 25ten<> 160 April bis 
2ten<> 161 Mai. 



D. 25 Sonntag hatten wir Verhulst und Fr. Scblofi bei uns zum 
Mittagsessen. Noch wahrend des Mittagstisch wurden wir durch 
den Besuch zweier Damen, die ihren Namen nicht nennen woll- 
ten tiberrascht — es war Frau Majorrin Serre und Frau von 
Berge. Erstere hatte 
147 ich lange nicht gesehen! sie ist immer Dieselbe gutmuthige, aber 
hochst zerstreute Frau, in deren Nahe man zu keiner rechten 
Ruhe kommen kann. Ich mochte jetzt keine 6 Wochen wieder 
bei^ 162 ihr zubringen wie ehemals — jetzt, wo ich in meines Ro- 
berts Umgebung das 0163 herrlichste ruhigste Leben geniefte. 
Auch der Major ist so! Er kam mit Kragen und Anna [Bar- 
tholdy] 

d. 27ten nach und besuchte uns sogleich. Er operirt unaufhor- 
lich, uns mit dem Vater zu versohnen, fangt es aber ganz ver- 
kehrt an. Meinen Mann beleidigte er einige Mai so, dafi, ware er 
es nicht gewesen, dessen Freundschaft fur uns Robert kennt, (so 
hatte) er ihm- gewiE Feind geworden ware. Dieser Mann glaubt 
den Vater durch und durch zu kennen, und lafit sich dabei 
von 0i64 jk m j mmer an d er Nase herumziehen. Etwas Gutes hatte 
er jedoch bewirkt — die Herausgabe meiner Sachen. Ich kann 
wohl sagen, mit kindischer Freude hab ich ausgepackt, und da- 
bei Manches mir werthvolle gefunden. Robert freuete sich mit 



0160 Ursprunglich »6«, durch »5« uberschrieben. 

0161 Ursprunglich »3«, durch »2« uberschrieben. 

0162 »bei« uber der Zeile eingefugt. 

0163 Ursprunglich »die«, durch »das« uberschrieben. 

0164 Ursprunglich »vom«, zu »von« verbessert. 



April/Mai 1841 161 

mir recht von Herzen, das sah ich ihm an — der gute Hebe 
Mann!<> 165 

148 D. 28 afien wir mit Serre's (zur Feier des Geburtstages der Frau 
Majorrin) im Hotel de Pologne y gingen dann zu Felsche, und 
Abends spielte ich Allen bei mir vor. Krdgen Iachte im ganzen 
Gesicht, was mich freuete, denn er ist schwer zu befriedigen, 
und hatte mich schon friiher, als Kind noch, oft betriibt {,) durch 
seinen Tadel — Lob horte ich hochst selten von ihm. Er ist im- 
mer noch der Namliche, trage, von der Majorrin verzartelte, 
(Mensch) aber von Character sehr noble Mensch. 
Vergangenen Sonntag besuchte mich auch eine Madam Burk- 
hardt mit ihrem Manne aus Konigsberg. Sie wollte hier Concert 
geben (sie ist Sangerin), doch was schon Mendelssohn zuvor ge- 
than, that auch ich — ich rieth ihr unbedingt ab. Sie war eine an- 
genehme Frau, soil aber nach Mendelssohn's Aussage hochst 
schulerhaft singen — sie wollte hier ihr erstes Debut vor einem 
Publikum machen. Sie that mir leid, wie alle mittelmajRige 
Kiinstler. 

Mendelssohn hat uns auch wieder mit seinem Besuch erfreut. Er 
geht nun bald ganz fort — ich zweifle daft er nachsten Winter 
zuruckkehrt. Die Majorrin Serve ruhete nicht bis sie seine Be- 
kanntschaft gemacht; sie iiberhaufte ihn mit 

149 Compiimenten — die ganze Conversation bestand aus Entschul- 
digungen, Schmeicheieien, Danksagungen und die Pointe war — 
das Album der Majorrin, worein er sich schreiben muftte 
und dann huldvoll entlassen wurde. Diese Album's konnten 
Einen doch zur Verzweiflung bringen — Jeder^ 166 , und sty er 
auch der Unbedeutenste in der Kunstwelt, muE die Handschrif- 
ten der beruhmtesten Leute haben, und warum? etwa aus Inter- 
resse an den Leuten selbst? nein! nur, um damit zu prahlen. Dar- 
tiber konnte ich wohl manchmal wild werden. 

Mai 1841<> 167 . 

Endlich ist er da, der schone Monat Mai. Welch eine Sonne, 
welch ein Himmel! das sind wonnevolle Tage, die das Gemtith 
im Innersten erheitern. Mein armer Robert ist trotzdem seit 8 
Tagen sehr unwohl, und beunruhigt mich manchmal — er thut 
zu wenig fiir sich, und traut zu viel seiner guten Constitution. 



0165 Die beiden folgenden Seiten freigelassen und spater zusammenge- 
klebt. 

0166 Urspriinglich »j«, durch »J« (iberschrieben. 

0167 Die Jahreszahl spater mit Bleistift hinzugefiigt. 



162 Mai 1841 

Wir gehen jetzt fleifiig spatzieren, und freuen uns iiber das 
schone frische Grun tiberall; selbst in meinem kleinen Gartchen 
bliihen die Kirschbaume, und die jungen Gemiise keimen em- 
por. Es ist herrlich! — Ich arbeite zuweilen darin, auch begiefie 
ich 
150 ich dann und wann, und Alles Das (,) macht mir das groste Ver- 
gniigen. Mir fehlt doch wahrlich gar nichts zu meinem Gluck, 
wenn es nicht zuweilen ein melancholischer Blick in die Zukunft 
ist, der mich tnibt — den aber mein Robert alsbald zu verscheu- 
chen weifl. Diese Liebe ist doch das^ 168 schonste und alle Tage 
werden wir mehr ein Herz und eine Seele. 



34te Woche, vom 2ten bis 9ten Mai. 

Diesen Sonntag verbrachten wir hochst angenehm in Begleitung 
der Herren Wenzel und Herrmann in Halle, bestiegen den Gie- 
bigenstein, den Jagersberg, besahen uns die schone Ruine, afien 
zu Mittag im Kronprinz (wo es, nebenbei gesagt, sehr theuer 
ist) und Abends gelangten wir gliicklich mit dem Dampfwagen 
wieder in Leipzig an, zufrieden mit dem Himmel, der uns so be- 
gUnstigte durch das herrlichste Wetter. Robert befand sich auch 
wieder wohler, und ist jetzt, wo ich dies schreibe, munter wie ein 
Fisch, und aufgeweckten Geistes. Er instrumentirt seit 3 Tagen 
an 
151 seinem 2ten grofien Orchesterwerk — wir wissen es noch nicht 
zu benennen, es besteht aus Ouverttire, Scherzo und Finale (,) — 
und hat auch schon wieder neue Ideen zu einer Clavierfantasie 
mit Orchester, die er doch ja festhalten moge! — So fleifiig mein 
Robert die Kunst betreibt, so wenig thue ich darin; der Himmel 
weifi! es giebt immer und immer Abhaltungen, und, so klein un- 
sere Wirthschaft auch ist, so habe ich doch (immer darin auch) 
immer dies und jenes zu thuen, das mir Zeit raubt. Seit einigen 
Tagen habe ich Einkaufe gemacht — ich will sie nicht verrathen, 
aber ganz eigen selig war mir dabei. Der Himmel schiitze mich! 

Seit 3 Tagen habe ich wieder angefangen eine Stunde Tonleitern 
und Uebungen zu spielen, damit ich nur wenigstens nicht Alles 
verlerne, aber mit dem Componieren ist doch auch gar nichts 
mehr — alle Poesie ist aus mir gewichen. 

D. 6ten<> 169 besuchte mich Fraulein Leontine Thun aus Dorpat, 
die schon seit 2 Jahren hier ist, und mir ihren Wunsch, bei mir 

0168 »das« iiber der Zeile eingefugt. 

0169 Urspriinglich »7«, durch »6« iiberschrieben. 



Mai 1841 163 

Stunden zu nehmen, mittheilte. Ich Hebe sie personlich sehr, sie 
hat etwas determinirtes, selbststandiges und ist doch dabei so 
weiblich, anmuthig. Ich habe mich auf die Stunden 

152 noch nicht eingelassen, sie soil mir erst einige Mai vorspielen. Es 
sollte mich freuen mit ihr in nahere Beruhrung zu komen, denn 
ich habe sie lieb gewonnen gleich das erste Mai wo ich mit ihr 
sprach. 

D. 7 Besuche von Madam Friese mit Amalie [Rieffel] und Herrn 

Eisner aus Ruftland — ein verungltickter Clavierspieler, aus dem 

vielleicht einmal etwas hatte werden konnen. 

Diinz aus Berlin war auch da; er will nach Wien, um Stegmayer, 

der noch imer im Prozefi (bereits das 4te Jahr) mit seiner Frau 

liegt, aufzusuchen, von dem man seit langer Zeit nichts gehort 

hat. Die Frau dauert mich gar sehr! — 

Sonnabend besuchten uns Herr Veil aus Prag, Mechetti a. Wien, 

Verhulst mit einem Franzosen. Ich spielte Einiges vom Robert. 

Sonntag d. 9ten war groftes Dinee bei Hofmeister, zu dem 
hauptsachlich fremde Musikverleger gebeten waren. Das Essen 
ware schon gut gewesen, ware (uns) nur nicht Alles, Glaser, Ser- 
vietten, Flaschen, pp: pp: so sehr unproper da. Robert stand 
hungrig vom Tisch auf — - der Widerwillen war zu vorherrschend 
bei ihm. Ganz das Gegentheil war Abends bei Raimund Hartel 
in Lindenau, wo wir ein feines Abendessen einnahmen, was be- 
sonders meinem armen hungrigen Mann (wohlthaht) wohlthat. 
Vor Tisch spielte ich Einiges, auch wurden Ma[e]nnerquartette 

153 gesungen, aber nicht besonders; selten hort man doch ein gutes 
Mannerquartett! — Hartels sind ubrigens Beide liebe Leute! 

Fraulein Tbun hatte die erste Stunde. Sie hat viel Talent, es hat 
nur an einer guten Leitung gefehlt — sie spielt sehr liederlich, 
wenn ich so sagen soil. 



NB: Ich vergaft der Ueberraschung zu erwahnen, die mir durch 
den Besuch der Madam Kragen aus Dresden wurde<n); sie war 
mit Herr und Madam Paul hier; tibngens genofi ich sie wenig, 
sie blieb zu kurze Zeit. Die Dresdener haben nicht viel Ruhe in 
Leipzig, das habe ich ofter schon bemerkt: 



164 Mai 1841 

ROBERT SCHUMANN: 

35 und 36ste Woche 
vom lOten — bis 22sten Mai 1841. 

Ein Maimonat, wie ich ihn noch nicht erlebt; so warm und won- 
niglich. Man mochte gleich fort. Wir wollen's auch imer. Doch 
kann ich so schwer von meinem Fltigel los und denke immer, ich 
bin nicht fleifiig genug. Doch war ich's in den letzten 14 Tagen. 
Die Symphonette ist fertig instrumentirt u. dazu eine Phantasie f. 
Clavier u. Orchester. Nun drangt es mich wieder zu Neuem, 
und doch gibt es am Fertigen noch genug zu arbeiten. Einen hei- 
teren schonen Tag ver- 

154 lebten wir am Himelsfarthtage; so frei und leicht fiihlte ich 
mich, und so gliiklich neben meiner geliebten Klara, die mir je- 
den Blick und Handedruck mit einem innigen zurtickgiebt. Wir 
waren in Connewitz, einem reizenden Lustort jetzt — Dr. Reu- 
ter mit — gingen dann in den griinen Wald — der Himmel war 
bewolkt, doch nicht so dafi es gestort hatte — die Vogel sangen 
— wir waren recht gliiklich beieinander. 

Sonst fiel wenig von Bedeutung vor. Mehre Besuche hatten wir, 
von Cranz u. Schuberth{,) aus Hamburg, v. Mechetti aus Wien, 
auch von meinem Bruder Carl, an den ich imer eine warme An- 
hanglichkeit habe, so sehr er mich auch oft bekumert. Leider ist 
auch er schon zu alt, um seinem Geschaft wieder diese Grund- 
lage und Festigkeit zu geben, wie sie in den jtingeren (J) energi- 
schen Jahren so leicht moglich ist. 

Mit Klara fang s ich jetzt zu meiner grofien Freude an Parti turen 
zu lesen; d. h. sie spielt, und ich schmolle dazu oder kiifie auch. 
Da lernen sich denn die Clarinetten und H6rner wie im Spiel. 
Und es 

155 soil nun taglich fortgefahren werden. Mit der 2ten Symphonie 
Beethovens haben wir angefangen. Ob Klara componirt, mochte 
ich wohl wissen; sie muft aber zu ihrem nachsten Concert und 
ich ruhe nicht. 

Noch waren da der Capellmeister Kreutzer u. Tochter, die hier 
mit Beifall aufgetreten und engagirt werden wird. Das Madchen 
scheint einfach und wohlerzogen. 

Die Schlofi reist in diesen Tagen ganz fort von hier. Auch Men- 
delssohn scheint nicht zuriickkehren zu wollen. 
Klara's Vater war hier; er hat in seinem Hanswurstdtinkel meine 
Symphonie genannt: »Widerspruchssymphonie«[.] So wenig ver- 
steht der Mann vom Schaffen, dafi er denkt, man unterlafie oder 
thue es seinetwegen. Wir haben aber lachen mussen uber das 
Wort. 



Mai 1841 165 



156 CLARA SCHUMANN: 

37te Woche, vom 23<> 170 - 30 Mai. 



D, 23 nahmen wir abermals ein frugales aber gutes Mittagessen 
bei Voigt ein. Es sind gute Leute, aber simple, besonders die 
Frau. 

D. 26ten machten wir ein sehr angenehme Morgenpromenade 
nach Gohlis durch das Rosenthal. Robert wiinschte diese Pro- 
menade^ 171 einmal friih 3 Uhr zu machen — ich glaube selbst, 
das mufi prachtig sein, doch^ 172 mochte ich schwerlich bei der 
Parthie sein. Die Morgenspaziergange uberhaupt, so sehr schon 
sie sind, so ist man doch den ganzen Tag unfahig etwas Ernstes 
zu treiben, was auch heute mein armer Robert unangenehm ver- 
spiirte, denn er mufite meist auf dem Sofa zubringen. Abends 
gingen wir in's Theater (seit einem Jahre das erste Mai wieder) 
um die Fr. Kreutzer im Nachtlager von Granada [von Kreut- 
zer] 467 zu horen. Wir horten Beide diese Oper zum ersten Male, 
und fanden sie ansprechender, als wir es vermuthet hatten; 
Werth hat aber diese Musik gar nicht, und ist ganz auf den Wie- 
ner Geschmack eingerichtet. Von Fr, Kreutzer hatten wir uns 
mehr versprochen; nicht nur, dafi ihre Stimme unbedeutend ist, 
sondern auch ihre Methode fanden wir hochst mangelhaft, jeder 
Doppelschlag, jede Tonleiter ist noch unbeholfen, und (gla) so 
glaube ich auch nicht, dafi sie jemals Bedeutendes leisten wird. 
Sonst ist 
157 ihre Figur vortheilhaft fiir die Buhne, und sie selbst scheint mir 
ein unverdorbenes wohlerzogenes Madchen zu sein. Ihre klei- 
nere Schwester soil sehr talentvoll sein — auch uns scheint sie 
mehr Spiritus zu haben, als die altere. (Schwester.) 
Donnerstag d. 27 aEen wir bei Dr: Hartel zu Mittag; die Gesell- 
schaft war klein, aber angenehm, das Essen ausgezeichnet. Ver- 
zeih, mein lieber Mann, dafi ich davon spreche, das Essen und 
Trinken spielt nun aber doch einmal eine Hauptrolle mit im 
menschlichen Leben, und selbst Du verachtest Beides nicht so 
ganz ! 

Ich lernte verschiedene Leipziger, mir bis jetzt fremd geblieben, 
kennen: Gustav Harkort mit Frau, Herr Lambe^ 173 und^ 174 Ge- 
mahlin ect: Amalie Rieffel sah ich seit langer Zeit wieder; sie 

0170 Ursprunglich »4«, durch »3« tiberschrieben. 

0171 Ursprunglich »Prog«, dann verbessert (uberschrieben). 
Ol 72 Ursprunglich »s«, durch »d« uberschrieben. 

0173 Recte: Lampe. 

0174 Ursprunglich »mit«, durch »und« uberschrieben. 



166 Mai/Juni 1841 

that mir leid, ich lud sie ein — sie schrieb es wieder ab, nachdem 
ich sie bereits eine halbe Stunde erwartet hatte. Warum be- 
kommt nun mancher Mensch durchaus keine Lebensart! und 

eine Kiinstlerin, die offentiich in der Welt dasteht 

das ist sehr schlimm! 

Freitag, Der heutige Tag war ein prachtiger! wir afien in Con- 
newitz, gingen dann nach Knauthayn zum Einnehmer, und 
Abends Wohlgemuth und zufrieden mit uns und dem Himmel 
nach Leipzig zuriick. 
158 Die Knauthayner Schone, welche Robert sonst oft hinaus zog, 
ist nicht mehr da — einige Mal^ 175 schielte er doch sehnsiichtig 
nach ihrem Fenster. Nun, ich miifite ja eine Tyrannin sein, wenn 
ich ihm nicht vergdnnen wollte, auch in alten Gefiihlen manch- 
mal seelig zu sein. 



38te Woche, vom 30ten Mai bis 6ten Juni. 



D. 31 

Die Feiertage sind herrlich! Roberts Geist ist gegenwartig in 
groster Thatigkeit; er hat gestern eine Symphonie wieder begon- 
nen, welche aus einem Satze bestehen, jedoch Adagio und Fi- 
nale enthalten soil. 

Noch hone ich nichts davon, doch sehe ich aus Roberts Treiben, 
und hore manchmal das D moll wild aus der Feme her tonen, 
dafi ich schon im Voraus weifi, es ist dies wieder ein Werk aus 
" tiefster Seele geschaffen. Der Himmel meint es doch gar gut mit 
uns — seeliger kann Robert im Schaffen nicht sein, als ich es bin, 
wenn er mir seine Werke dann zeigt. Glaubst Du mir das, mein 
Robert? ich dachte, Du konntest's. 

159 Juni 1$41<> 176 . 

Auch dieser Monat scheint ein schoner werden zu wollen; nur 
ein en Tag d. lten liefi sich die Sonne verdrangen, doch jetzt be- 
hauptet sie ihr voiles Recht. 

Robert componirt immerfort, hat 3 Satze bereits beendet und 
ich hoffe er wird bis zu sein em Geburtstag fertig. Er kann mit 
Lust auf das vergangene Jahr und Sich zuriickblicken, meine 
ich! man sieht, dafi sich die Ehe doch nicht nachtheilig gezeigt 



0175 »Mal« auf dem Seitenrand vor der Zeile hinzugefiigt. 

0176 Die Jahreszahl spater mit Bleistift hinzugefiigt, dabei die erste »1« 
uber einen Punkt geschrieben. 



Juni 1841 167 

hat — man sagt so oft, sie todte den Geist, benehme ihm die 
jugendliche Frische! mein Robert liefert doch gewifi den klar- 
sten Gegenbeweis! 

D. 2ten besuchte mich der Sanger Schmidt mit vVf[usik] £>:[irek- 
tor) Seydelmann aus Bresiau. Er ist ein trockner, unbedeu tender 
Mann, und Schmidt desgleichen, obgleich er sich fur ein grofies 
Genie halt, und dieft mit groster Arroganz oft genug merken 
lafit. 

160 Mein Clavierspiel kommt wieder ganz hintenan, was immer der 
Fall ist, wenn Robert componirt. Nicht ein Stiindchen im ganzen 
Tag findet sich fiir mich! wenn ich nur nicht gar zu sehr zuriick- 
komme! Das Partkurlesen hat jetzt auch wieder aufgehort, doch 
ich hoffe, nicht auf lange ! 

Mit^ 177 dem Componiren will's nun gar nicht gehen — ich 
mochte mich manchmal an meinen dummen Kopf schlagen! — 
Fr. Thun kommt regelmafiig alle Woche ein Mai zu mir; ich 
gebe mir viel Mtihe etwas Soliditat in ihr Spiel zu bringen, und 
ihr den Begriff von Schatten und Licht im Spiel zu geben. An 
der Mechanik ist vieles, selbst das gewohnlichste hie und da zu 
verbessern. Wie weit es doch ein schlechter Lehrer mit einem 
Talent bringen kann! wie Viele gehen ganz unter, und die Weni- 
gen die bleiben, wie miihsam raff en sie sich empor! 
Mendelssohn ist wieder hier; er bleibt diesen Monat, und geht 
dann zuruck nach Berlin, wo er ein Jahr verweilt. Man hofft 

161 jedoch sehr stark, dafi er einige Concerte nachsten Winter diri- 
giren werde — auch ich denke, die Sehnsucht wird ihn doch 
manchmal nach Leipzig treiben, wo er so allgemein geliebt und 
verehrt wird, wie es in Berlin, schon seines dort herrschenden^ 178 
Kastengeistes wegen, nie der Fall sein kann. 

D. 3 besuchte uns Mendelssohn. Er geht ungern von hier, und es 
ist wohl zu hoffen, dafi er wiederkehrt, denn er sprach viel 
(von)^ 179 {der) von der Errichtung einer Musikschule hier, wel- 
ches mir eine gute Idee scheint. 

Ich habe diese Woche viel am Componiren gesessen, und denn 
auch vier Gedichte von Ruckert m fur meinen lieben Robert zu 
Stande gebracht. Mochten sie ihm nur einigermafien genugen, 
dann ist^ 180 mein Wunsch erfiillt. 

Ueber 3 Wochen ist es, dafi ich auf° 181 Nachricht von der Mut- 
ter warte, und ich vermuthe, daE sie mit unseren Geburtstagsge- 

0177 Urspriinglich »m«, durch »M« iiberschrieben. 

0178 »dort herrschenden« iiber der Zeile eingeftigt. 

0179 »von« unter der Zeile eingeftigt, dann wieder gestrichen. 

0180 »ist« iiber der Zeile eingeftigt. 

0181 Urspriinglich »al« , dann verbessert (iiberschrieben) . 



168 Juni 1841 

schenken nicht zufrieden war — wer weifi! vieileicht auf eine be- 
deutende Summe Geldes rechnete. Ich meine doch, mehr als wir 
gethan haben, kann sie nicht verlangen — es war iiber unsere 
Krafte. 1st man einmal erst verheirathet, dann ist^ 182 es ein ander 
Ding mit dem Geldgeben, da hat man der Sorgen genug fur 
sich, und was lastet Alles auf so einem armen Famiiienvater, wie es 
nun doch am Ende mein Robert auch bald werden wird!!! 



162 39te und 40te Woche 

vom 6 ten bis 21 ten Juni, 



Ei ei! mein Robert! bald werde ich wohl nun das Tagebuch al- 
lein halten miissen? Wie soil ich die 2 Wochen nachholen, die 
mir theilweise doch entfallen sind! versuchen will ich's zum we- 
nigsten. 

Mit dem schdnsten Tag, dem neuen Jahre, das Du, mein lieber 
Mann, angetreten, will ich beginnen. Das Wetter war flirchter- 
lich am 8ten Juni, doch unsere Seelen lebten im herrlichsten 
Sonnenschein, und so war es schon gut. Oh, wir waren sehr selig 
diesen Tag, und ich danke Gott innig, dafi er uns diesen ersten 
8ten Juni unserer Ehe so gliicklich verleben liefi, und vor Allem 
mir und der Welt einen so lieben ausgezeichneten Menschen 
schuf. Lache mich nicht aus, lieber Robert — das hiefie kaltes 
Wasser auf mein(e) liebevolles Herz schutten! — Was ich mei- 
nem Robert schenken konnte war wenig, doch er lachelte immer 
so freundlich, weil er wohl wufite mit welchem Herzen es gege- 
ben war. Vier Lieder von Riickert freueten ihn sehr, und er be- 
handelte sie denn auch so nachsichtsvoll, will sie sogar mit Eini- 
gen Eigenen herausgeben, was mir viel Freude macht. 
Am Abend kamen Reuter, Hermann und Verhulst, letztere(r) 
Beiden am Morgen von der Hamburger Farth vergntigt zuriick- 
gekehrt. 
163 Wir nahmen ein solides Abendessen ein, waren aber sehr ver- 
gntigt dabei. 

Mendelssohn besuchte uns in der letzten Woche. Er spielte und 
ich auch. Robert zeigte ihm seine neuesten Compositionen, die 
ihm oft ein wohlgefalliges Lacheln abzwangen. Ein kleines Lied 
ohne Worte ftir die Beilage 469 brachte er mit und spielte es, auch 
eine seiner Fugen, und was ich so sehr liebe, ein Volkslied ohne 
Worte, das aber auch Niemand spielt wie Er. 

Ol 82 »ist« iiber der Zeile eingefiigt. 



Juni 1841 169 

Mit der neuen Symphonie in einem Satz ist Robert fertig, d. h. 
mit der Scizze; er hat auch schon angefangen sie zu instrument - 
ren, wurde jedoch durch Andere Arbeiten wieder davon abge- 
halten, und wird sie nun wohl erst nach unserer kleinen Reise 
vollenden. Die Friihlingssymphonie iibergiebt er nun bald dem 
Druck, will sie aber erst noch einmal horen. 
Von Fraulein Harriet Parish erhielten wir im Namen ihres Bru- 
ders Charles und der Hamburger musikalischen Section eine 
hochst freundliche Einladung zum dortigen Musikfest am 2ten 
July 470 , und zugleich das Anerbieten einiger Zimmer in ihrem 
Hause; ferner, gesellte sich dieser auch noch 
164 die Einladung (zu) als Ehrengaste zu alien statthabenden Fest- 
lichkeiten bei. Ich hatte wohl Lust das anzunehmen um Roberts 
Willen, der Hamburg noch nicht kennt, doch ist solch eine Gele- 
genheit nicht zu einem ruhigen Genufi geeignet, man wird von 
dem Einen zum Anderen gestofien und ist zuletzt froh, wenn 
man die ganze Reise hinter sich hat; auch ist es eine grofie 
Gewe^ 183 in solch einer Familie zu wohnen, auf die man denn 
doch immer Riicksichten zu nehmen hat. Wir sind gesonnen 
diese Reise einmal zu einer anderen Zeit (vielleicht nachsten 
Winter) zu machen, dann kann auch ich mich ruhiger vom 
Hause entfernen, als es jetzt rnein Zustand zulieEe; ganz ohne 
Gefahr ware diese Reise doch nicht fiir mich gewesen, darum in 
spe\ 

Liszt wird dort sein, und wahrscheinlich auch spielen; er hat be- 
stimmt versprochen nachsten Nov /[ember] hierher zu kommen 
— wir freuen uns darauL 

Im Sommer vergehen die Tage ruhiger, es giebt also auch weni- 
ger zu erzahlen, darum denn auch dies Wenige iiber die letzt- 
vergangenen Wochen. Ich bitte meinen Robert nachzuholen, 
was ich etwa vergessen! 



165 41te Woche vom 21 bis 27 ten Juni. 



Diese Woche war der beruhmte Thorwaldsen einen Tag hier. 
Serre's begleiteten ihn hierher, sie wohnten beisammen, und 
doch sah ich ihn nicht. Serre's ungeschicktes Benehmen war 
Schuld daran; er war zu kleinstadtisch egoistisch uns^ 184 zur Be- 
kanntschaft Thorwaldsen's einzuladen, was ihm ein leichtes ge- 
wesen ware; aufdringen wollte ich mich natiirlich nicht, und 

0183 Ursprunglich deutsch, dann lateinisch iiberschrieben. 

0184 Ursprunglich »mich«, durch »uns« iiberschrieben. 



170 Juni 1841 

so Oi85 mu g te j cn zuriickstehen, auch bei dem Fest, das man ihm 
zu Ehren gab, wo Mendelssohn spielte, die Frege sang, hatte man 
unserer nicht gedacht, was mich denn doch gewaltig krankte. 
Sind die Kiinstler nicht die Ersten, die man solch einem Manne 
vorstellen mufi? und Leipzig ist doch nicht etwa so von Kiinst- 
lern iibervoll, daft man uns tiberging!? — Uebrigens hatte ich 
mich bald ausgegrollt, also darum tempi pass a til — 
Serre brachte uns eine Acte, vom Vater aufgesetzt im Betreff{,) 
des mir gehorigen Capitals, die aber, lacherlich abgefafit, uns 
auch nur zum Lachen reizen konnte. Rechte Narren miiftten wir 
sein, 
166 auf solche Bedingungen einzugehen, wo uns nicht 17 Groschen 
geschweige denn 1700 Thaler gesichert sind. Serre ist doch ein 
bornierter Mann uns so etwas nur vorzuweisen. 
Den 2 3 ten gab ich Fr. Thun die letzte Stunde vor ihrer Abreise 
in's Bad. Sie war ungeschickt genug mich selbst um den Preis 
meiner Stunden zu befragen, nachdem ich schon bei ihrem er- 
sten Besuch geauftert hatte, daft ich hier in Leipzig keine Stunde 
ftir Geld gabe; noch unfeiner benahm sie sich, indem sie mir 2 
Tage darauf fiir 9 Stunden 9 Thaler schickte, die aber sogleich 
zuriick erfolgten. Wie doch manche Menschen durchaus keinen 
Tact haben. Mit einem kleinen 0186 Geschenk fur weniger als 9 
Thaler konnte^ 187 sie mir eine Freude machen, und gern hatte 
ich mich immer an sie erinert. 

D. 26 dachten wir nach Dresden zu reisen, doch verschob es 
sich, da Robert noch zu viel zu thuen hatte; auch mir war es 
lieb, denn ich vertraue auf bestandigeres Wetter nachsten Mo- 
nat. 



167 42te Woche. 

Vom 27ten° 188 Juni bis 4ten July. 



Diese Woche hat sich wenig (ereig)[?] ereignet, das^ 189 der Be- 
merkung werth ware. 

D. 27ten besuch te uns^ 190 der Pastor Cbristner mit Frau aus Eis- 
leben. Er ist ein Zwickauer und alter Bekannter vom Robert. Ich 
spielte ihm Einiges. 

0185 »so« iiber der Zeile eingefiigt. 

0186 Am Wortende urspriinglich »s«, durch »n« iiberschrieben. 

0187 Urspriinglich »kot«, dann verbessert (iiberschrieben). 

0188 »7« iiber eine nicht lesbare Ziffer geschrieben, 

0189 Urspriinglich »fi«, durch »s« iiberschrieben. 

0190 »uns« iiber der Zeile eingefiigt. 



Juni/Juli 1841 171 

Wir stehen viel von der Hitze in unserem Logie aus, besonders 
mein armer Robert sitzt in seinem Zimmer wie in der Holle. 
D. 30ten. Morgen wollen wir fort, ob es wohl werden wird!? — 
Der Himmel scheint sich dagegen auflehnen zu wollen mit den 
finstersten Wolken. 

July 1841<> m . 

D. 1 Heute ging es also wirklich fort nach Dresden. Die Fahrt 
dahin mit dem Dampfwagen griff mich bedeutend an, doch dort 
angekommen, vergafi ich diese Unannehmlichkeit, und erfreute 
mich der schonen Elbe mit ihren Weinbergen zur Seite — es war 
auch gerade ein herrlicher Abend. Wir stiegen im Hotel de Saxe 
ab und wurden dort in ein kleines dunkles Zimmer gesteckt, 

168 wo wir noch obendrein eine schlaflose Nacht verbrachten, in- 
dem, das schlechte Ben abgerechnet, sich etliche Kammerzofen 
und Diener bemiiheten uns durch ihre laute Conversation wach 
zu erhalten. 

D. 2 fuhren wir gleich friih nach Fjndlaters [Weinberg], und ge- 
nossen dort eines herrlichen Anblicks iiber Dresden, die Elbe 
ect: Dresden ist doch gar zu schon — wie karg ist da unser armes 
Leipzig bedacht! — 

Die Sehnsucht nach der [Sachsischen] Schweiz zog uns schon 
heute Nachmittag bis nach Pillnitz, wo wir das hochst lieblich 
gelegene Schlofi besahen und dann den Anfang(e) der Bors- 
berge, den Schlofiberg mit der Ruine besuchten, von wo aus wir 
schon den Konigstein, Lilienstein, Pfaffenstein ect: (uber)sehen 
konnten. Wir wollten den Sonnenuntergang oben abwarten, 
thaten es auch, doch die Sonne verbarg sich bald hinter einer 
Wolkenmauer, und so blieb das Abendroth, auf das wir uns ge- 
freut, aus. 

Den Dritten Morgens ging's weiter nach der Bastei zu; der ganz 
umwolkte Himmel heiterte sich nach und nach auf, und zeigte 
uns die Berge alle in^ 192 schonster Klarheit. Am Uttewalder 
Grund stiegen wir aus, und wanderten bis zur Bastei zu Fufi. Es 
war eine wahre Pracht zwischen diesen vielen verschieden ge- 
formten Felsen hindurch zu gehen; zuweilen hangen sie iiber Ei- 
nem, dafi man ftirchten 

169 konnte sie stiirtzten herab. Besonderen Spafi machten mir die 
Gesichter in die sich manche der hervorstehenden Felsen ge- 
formt haben! bald ein freundliches, dann wieder ein strenges mit 
langer Nase, dann ein Mann mit einem Hut auf dem Kopf, wor- 
aus spater wieder eine ganz andere Gestalt (wieder) [?] wird. 

0191 Die Jahreszahl spater mit Bleistift hinzugeftigt, dabei die erste »1« 
iiber einen Punkt geschrieben. 

0192 Urspriinglich »im«, der letzte Abstrich getilgt. 



172 Juli 1841 

Die Bastei iiberraschte Robert (ich hatte sie schon friiher einmal 
besucht), doch konnte er sich bei diesen Abgriinden von alien 
Seiten nicht (woh) lange wohl befinden. Bis an das Gelander ka- 
men wir Beide nicljt — Eins hielt immer das Andere. Wir mach- 
ten uns denn auch bald fort, nachdem wir ein miserables Mittag- 
essen eingenommen, in den Amselgrund. Bis zum Wasserfall 
wanderten wir, wo wir unter einem Schweizerhiittchen ausruhe- 
ten.^ 193 Dieser Grund ist doch bei weitem grofiartiger noch^ 194 , 
als der Uttewalder. Der Wasserfall machte mir viel Vergniigen, 
spater aber der beim Kuhstall noch mehr, denn er ist grofiartiger 
und noch romantischer gelegen. Hier blieben wir lange sitzen, 
indem ein Wasserfall vom Himmel herab kam, der freilich der 
grofiartigste war. Das hatte ich mir gewiinscht, gerade in diesem 
Grunde — etwas Donner und Blitz hatte ich wohl auch noch ge- 
mocht. — In Radewalde erwartete uns der Wagen, der uns auch 
ganz gelegen kam, denn wir waren doch miide geworden. Wir 
fuhren bis nach dem Hohenstein, stiegen dort auch aus, waren 
aber zu ermiidet, uns viel umzusehen, auch gab es dort wieder 
schaudererregende Abgrunde. Noch vergafi ich der Briicke zu 
erwahnen, iiber welche man von der 
170 Bastei aus in den Amselgrund geht. Sie fiihrt iiber einen unge- 
heueren Abgrund, und mir zitterten alle Glieder, als ich sie iiber- 
schritten hatte. Robert meinte, dafi selbst in der wirklichen 
Schweiz keine Briicke in dieser Grofie vorhanden sey. Ich uber- 
lasse es ihm selbst die verschiedenen Eindrucke dieser und jener 
Schweiz zu schildern. 

Wir langten Abends in Schandau an, nachdem wir noch die ge- 
fahrliche Strafie, »der 2iegenriick« genannt, passirt hatten. 
Diese StraEe ist von Napoleon erbaut worden; auch sieht man 
(an) in der Feme auf einem Berge die Napoleons-Linde, die 
Stelle, von wo aus er sein Heer ubersah. 

Schandau liegt reizend an der Elbe, auf der wir Abends noch 
eine kleine Spazierfahrt machten. Wir legten uns zeitig nieder, 
nachdem wir uns an einigen Forellen delectirt hatten. 
Mein lieber Robert moge nun fortfahren, den schonsten unserer 
Tage zu schildern, den 4ten July. Ueberhaupt mufi ich Dich um 
Nachsicht bitten meiner prosaischen (Schilderungen wegen) 
Reisebeschreibung wegen; ich^ 195 fuhle gewiE poetischer, als Du 
es, kenntest Du mich nicht besser, demnach glauben mufitest. 



0193 Der folgende Satz auf dem Sekenrand hinzugefiigt und durch Di- 
gammazeichen hierherverwiesen. 

0194 »noch« iiber der Zeile eingefiigt. 

0195 Ursprunglich »I«, durch »i« iiberschrieben. 



full 1841 173 

Mit vielem Vergniigen werde ich immer an diese Reise, die er- 
ste, die ich mit meinem geliebten Manne gemacht, denken. 
Einen innigen dankbaren Kufi zum Schluft dieser Woche! — 



ROBERT SCHUMANN: 

43ste Woche, 
vom 4ten bis llten Juli. 



Freitag den 9ten Vormittag trafen wir wieder in Leipzig ein. Die 
kleine Reise war ein langgehegter Lieblingswunsch. Wie alles 
Reisen, wird auch sie uns in der Zukunft und Erinerung noch 
oft erfreuen. Mir war es hauptsachhch darum zu thun, zu sehen, 
wie wir uns in der Fremde, unter fremden Menschen ausnah- 
men. Schnelles Anschliefien an Unbekannte ist uns beiden nicht 
eigen, und so hielten wir um so fester aneinander selbst und fan- 
den eines in dem andern unsere Freude. Die Gegend, die wir 
durchgestreift, ist sehr des Sehens werth. Leider wird mir vieles 
durch mein Unwohlsein verleidet, das ich imer auf groEen Ho- 
hen, namentlich wenn sie ganz jah u. steil in die Tiefe gehen, 
empfinde. Die grausige Brucke von der Bastei herab nach dem 
Amselgrund kann mich noch in der Phantasie beangstigen. 

Ein schbner sonniger Tag war der 4te July, Sontag. Wir fuhren 
zeitig aus bei einer frischen reinen Morgenkiihle, durch das 
Schandauer Thai, imer neben einem lebendigen Bach, bis zum 
Fufi des Kuhstalles. Fur unser Steigen 

wurden wir oben aber auf das Herrlichste belohnt. Die Natur 
hat hier wunderbar gespielt mit riesenhaften Felsen. Die 
Schweiz, die wirkliche, hat wohl nichts dergleichen aufzuwei- 
sen. Und wie mundete dann das Fruhstiick; eine stille beschei- 
dene Frau, die Frau des Kutschers, folgte uns immer in der 
Feme, und brachte Klara manchmal ein Straufichen Heidelbee- 
ren oder eine Erdbeere. Dieser Morgen war unser heiterster. 
Wir krochen auch durch eine enge Spake, nicht viel breiter als 
wir selbst, bis auf die Hohe des Felsens. Klara mag manchen lei- 
sen Seufzer, den ich nicht gehort, ausgestoften haben; dann 
machten wir aber Alles durch Kiisse wieder gut, wie denn Klara 
uberhaupt eine Reisegesellschafterin ist, wie sie eine Lebensge- 
fahrtin ist, willig, heiter, nachsichtig, immer lieb und liebend. 
Guten Muthes kamen wir nach Schandau zuruck, nahmen ein 
Bad im Bad. Auf einem schlechten Pianoforte, das dort stand, 
war nur mit Miihe etwas herauszubringen. Mir fiel meine fru- 
here Musikraserei ein, wenn ich nach langer 



174 Juli 1841 

173 Pause iiber ein Clavier gerieth. So hab 5 ich in der Schweiz oft bis 
in die Nacht hinein phantasirt. Klara warf sich in eine Cho- 
pin'sche Etude; gewifi war das das erstemal, dafi etwas von Cho- 
pin in diesem Thai erklang. Ganz Schandau ware zusamenge- 
laufen, wenn man gewufit hatte, wer dort gespielt, u. — dane- 
ben kritisirt hatte. Im Gasthof schmeckten uns wieder die Forel- 
len auf das trefflichste. Auf unsern Gesichtern stand weiter 
nichts als der Schmerz nach mehr. 

Wir schieden v. Schandau ganz zufrieden und froh. (Am) das 
Schonste stand uns noch bevor: die Aussicht von der Festung 
Konigstein, wohl die schonste mit im Lande. Der (Wetter) 
Himel wurde immer klarer u. reiner. Viel dachte ich oben an 
Liihe, einen alteren Freund, der auf Konigstein mehre Jahre ge- 
fangen safi, und von da fast wochentlich an mich schrieb. Bald 
hatten wir die schone Schweiz hinter uns, es nahm im freund- 
lichsten Abendhcht von uns Abschied. Die hubsche Idee, in Bla- 
sewitz, Nauman's Geburtsort, zu ubernachten, mufiten wir auf- 
geben, da in der Schenke gerade Sonntagtanz war. So kamen 
wir spat in 

174 Dresden an. Montag den 5ten friih fuhren wir nach einem Frtih- 
stiik bei Advocat Krause, einem Verwandten von mir, mit der 
Post nach Freiberg. Eine langweilige Farth, und ftir Klara sehr 
nachtheilig. Doch, hoffe ich, hat sie sich nicht geschadet. 

In Freiberg liefien wie Becker komen; er war uberrascht und er- 
freut. In der Stadt, wie in B[ecker]*s Hause sieht es etwas verwil- 
dert und ode [aus]. Um seine Frau beneideten wir Becker'n auch 
nicht, obwohl sie im Grund guthmtithig sein mag, sonst aber hat 
sic Alles, einen Mann zur Verzweiflung bringen zu konen. 
Dienstag friih musicirten wir; Becker's Tochter Marie, 14 Jahre 
alt, erfreute uns recht und hat einen tiichtigen Grund vom Vater 
bekomen. Klara spielte auch recht schon. Nachmittags Spazier- 
farth nach einem hubschen Lustort. Vorher, dafi ich die Haupt- 
sache nicht vergessen, besahen wir auch die vortreffliche Silber- 
man'sche Orgel; der Organist praludirte u. postludirte eine Fuge 
v. Bach in D Moll, mit Cis moll, was uns sehr lachen machte. 
Klara spielte auch und ware wohl bald die tuchtigste Spielerin. 
Wir nahmen uns auch vor, in Leipzig Orgelstunde zu nehmen. 
Eben sen* ich das Ende des Buches. Mit Liebe schliefi* ich es, wie 
ich es angefangen, ja mit vie! warmerer. 



Tagebuch 13 

Ehetagebuch II 

l.Teil: 

9.7. 1841-18. 2. 1842 



Robert-Schumann-Haus Zwickau, Signatur 7087,2[a] — A3 

Das 2. Ehetagebuch umfafit 68 Blatter im Format 21,2 X 
16,8 cm, fadengeheftet in 2 Lagen, und ist mit Ehetagebuch III 
(vgl. S. 248) in einem originalen schwarzen Ganzleineneinband 
mit Papieruberzug, Format 23,3 X 19,0 cm, vereinigt. 
Vorder- und Riickdeckel sind mit vergoldeten Ornamentkanten 
versehen, der Rticken tragt den originalen Aufdruck »2./Juli/ 
1841/ — /Juni/1844« und ein nach der Archivierung aufgekleb- 
tes Kalikoschild mit der Aufschrift »Ehe~/Tage-/buch«. Die Si- 
gnatur ist auf der Innenseite des Riickdeckels mit Tinte eingetra- 
gen (Handschnft Georg Eismann). 

Die Paginierung erfolgte mit Bleistift von fremder Hand. Sie ist 
luckenhaft durchgefiihrt (teilweise nur die Verso-Seiten be- 
zeichnet) und umfafit die Seiten 1 bis 129. 
Mit Ausnahme von S. 129 sind alle numerierten Seiten sowie die 
Vorderseite des Titelblatts mit Tinte beschrieben. Unbezeich- 
nete Leerseiten befinden sich vor dem Titelblatt (2), dessen 
Riickseite ebenfalls frei blieb, sowie nach den Seiten 15 (2) und 
121 (1). Siegelreste und -spuren zeigen das Titelblatt und S. 41. 
Der Erhaltungszustand des Tagebuchs ist sehr gut. 



176 Juli 1841 
[Titelblatt] 



Tagebuch 

von 

Robert und Clara Schumann. 

Vom 9ten Juli 1841 an bis 31 Mai 1844.0 1 



CLARA SCHUMANN: No: II.<> 2 

1 ROBERT SCHUMANN: BeschlufiO 3 der 43sten<> 4 Wochen. 

Am 9ten Juli trafen wir wieder in Leipzig ein und begriifiten un- 
sere trauliche Wohnung mit Freuden. In Dresden blieben wir 
nur den 7ten u. 8 ten, in der Hoffnung, die Ungher u. Moriani 
zu horen, die nicht erfullt wurde. Wir sahen ein Schauspiel 471 im 
neuen Theater, das wohl eines der prachtvollsten der Welt ist; in 
einem schonen Gebaude fiihlt man sich selbst wie veredelter, ob- 
wohl ein feiner Kunstsinn an der inneren Ausschmuckung viel- 
leicht Einiges auszusetzen hatte. Doch fort mit aller Kritik, wo 
so viel Schemes iibrig bleibt. Sonst sprachen wir in Dresden 
Niemanden. 

In Leipzig angekomen gab es manches zu thun. Wir sind umge- 
zogen, da mich die Hitze im Zimmer nach dem Hof heraus zur 
Arbeit beinahe ganz unfahig machte. Wir sprachen noch The- 
rese'n [Fleischer] vor ihrer Abreise nach Italien. Sehr leid that es 
mir, den danischen Dichter Andersen, der hierwar u. an mich 
adressirt war 472 , versaumt zu haben. Verhulst meldete sich bald; 
die neuliche Katastrophe mit Dr. R.[euter] scheint ihn etwas nie- 
dergedriickt zu haben 473 . 

An Componiren, an Vornahme meiner noch nicht ganz vollen- 
deten Compositionen dachte ich noch nicht. Es befallt einen, 
wenn man lange nicht musicirt hat, eine grofie Zaghaftigkeit 
wieder die Sache anzugreifen. Dagegen hab' ich in 

2 Gothe's »Wahrheit u. Dichtung« wieder schone Stunden verlebt 
und mich an diesem gesunden, grofien umfassenden Geist im In- 
nersten erfreut. 

Bald geht es auch wieder an das Partiturspiel mit Clara. Wir ha- 
ben die Symphonien v. Beethoven in D u. B Dur, und vier Ou- 
verturen von Mozart beschlossen, und stehen bei der Egmont- 
Ouverture [von Beethoven] jetzt. Ich habe im Sinn, mir eine 
kleine Bibliothek meiner geliebtesten Orchesterstucke anzu- 

01 »bis 31 Mai 1844« und der darunterstehende Trennungsstrich spater 
hinzugefiigt. 

02 In der rechten unteren Ecke des Blattes stehend. 

03 Urspriinglich »Ab«, durch »Be« liberschrieben. 

04 Die »4« tiber eine nicht lesbare Ziffer geschrieben. 



Juli 1841 177 

schaffen und schon den Anfang gemacht 474 . Clara hat aufierdem 
fleifiig an einigen Beethovenschen Sonaten studirt und sie ganz 
eigenthiimlich gefaEt, ohne das Original zu beeintrachtigen. 
Dies macht mir einen grofien Genufi. 

Schon langst hab' ich auch im Sinn, mich und Klara noch mehr 
(in) mit^ 5 der alteren Musik (vor Bach's Zeiten) umzusehen 475 . 
Die alten Italianer, Niederlander, seibst Deutschen kennen wir 
nur wenig. Und es ist,doch so ndthig, dafi ein Kiinstler (die) von 
der ^ 6 ganzefn] Geschichte seiner Kunst sich Rechenschaft (able- 
gen) zu geben vermag. Dazu gehort freilich eine gute Biblio- 
thek, die hier nicht existirt — (Doch wollen wir den Ged) und 
namentlich auch Beistand der Menschenstimme. Doch wollen 
wir den Gedanken ja nicht aufgeben. 

Die Hauptsache bleibt freilich immer das Produciren seibst. Wie 
serin' ich mich doch nach einer Oper. Ich hab' an Calderon 
gedacht, in dem sich vielleicht etwas fiir mich findet, und bereits 
mit der »Briicke von Mantible« angefangen 476 . 

CLARA SCHUMANN: 



44 te Woche. Vom 11 ten bis 18 ten July. 

D. 18ten. Diese Woche mochte ich nichts als einen grofien 

machen, denn Nichts oder sehr Wenig von Interresse trug sich 
zu. Einige Besuche bekamen wir von Heinrich Marschner^ und 
Herrn Goetze aus Kopenhagen, ein Gesangslehrer, der mir au- 
fierordentlich zusprach nach Kopenhagen zu kommen. Marsch- 
ner verfehlten wir; wir waren gerade an diesem Tage nach unse- 
rem Lieblingsorte, Connewitz^ gewandert. Tags darauf wollten 
wir ihn besuchen, doch Hofineister^ bei Dem er wohnte, hatte 
solch einen Wirrwarr von Besteilungen (nach seiner Weise) ge- 
macht, dafi wir uns abermals nicht trafen. Gestern ist er nach 
Dresden um die Ungher und Moriani zu horen (von Denen die 
Dresdner viel Larmens machen), kommt aber spater zuriick. Es 
thut mir doch Leid, dafi ich, wenigstens die Ungher nicht gehort. 
Man sagt, sie wolle in Dresden ihre kunstlerische Laufbahn be- 
schliefien, ich glaube es jedoch nicht — es ware eine Seltenheit 
eine Sangerin, die zur rechten Zeit aufzuhoren wtiEte! 
D. 17 besuchte uns wieder einmal Major Serre, hauptsachlich um 
unsere Geldangelegenheit mit dem Vater [Friedrich Wieck] 
gleich in Ordnung zu bringen; doch das ging nicht so gleich, 



05 »mit« iiber der Zeile eingeftigt. 

06 »von der« iiber der Zeile eingeftigt. 



178 Juli 1841 

denn man muE sich mit diesem Manne gar sehr in Acht nehmen 
(dem Vater namlich) das er Einen nicht iiberrumpelt, schlechte 
werthlose Papiere aufhangt, wie er es eben jetzt stark versucht. 
Wie sehr ich auch^ 7 diese Sache beendet wiinschte, kann ich 
nicht sagen, das doch endlich des Streites ein Ende wiirde. Die 
Kluft zwischen uns, so grofi sie auch schon ist, so wird sie doch 
immer grofier, und das kann ich denn doch nicht wiinschen, 
wenn ich auch jetzt an keine Versohnung, schon um Robert's 
Willen, denke. Meines Roberts Liebe begluckt mich so hoch, 
dafi ich gewifi mit ganzer meiner Seele nur ihm lebe. 
Ich habe diese Woche angefangen regelmafiig zu spielen, taglich 
wenigstens 2 Stunden. Ich spiele meist Fugen und Sonaten von 
Beethoven, will mich aber nachstens auch wieder einmal ernst- 
lich an Roberts Compositionen machen. Leider bleiben mir 
doch^ 8 zu wenig Stunden zu musikalischer Beschafftigung, und 
das wird nun vor der Hand auch nicht besser werden — froh bin 
ich, dafi ich wenigstens taglich wieder spiele! ich lege mich ruhi- 
ger zu Bett, wenn ich diese Pflicht^ 9 an mir selbst erfullt habe. 
Robert scheint auch zufrieden, und lafit es nie fehlen an Auf- 
munterung. 



ROBERT SCHUMANN: 

45 bis 47ste Woche, 
Vom 18ten Juli<> 10 bis 8ten August 1841^ n . 

Bald die 52ste! Klarchen, was meinst Du? Gefallt Dir's noch in 
der Ehe! Mir — so ziemlich. Wir halten recht tapfer zusamen 
und wollen immer so. Wie viel ware iiber die vergangenen Wo- 
chen zu sagen, hatte^ch nur rechte Mufie zum Tagebuch schrei- 
ben. Fragmentarisch geht es noch am leichtesten. 
Erstens: eine Menge Besuche, gute u. schlechte. C. Decker aus 
Berlin, schon von friiherher bekannt, kein erfreuliches Talent — 
Julius Stern aus Berlin, jung, strebend, voller Anlagen — Diitsch 
aus Copenhagen, Schuler v. Schneider, auch Hoffnungen erre- 
gend, doch schon eitel — Hauptmann aus Cassel, den ich selbst 
nicht sprach — Nottebohm vom Rhein her, spat entwickelt, eine 
ehrliche Haut ubrigens — Organist Hering aus Bautzen, kein be- 
neidenswerther Musiker — Busch aus Copenhagen, ein alter 

O 7 Ursprunglich »d«, durch »a« iiberschrieben. 
O 8 Ursprunglich »z«, durch »d« iiberschrieben. 
O 9 Danach ein gestrichener, nicht lesbarer Wortanfang. 
OlO »J« iiber einen Gedankenstrich geschrieben. 

Oil Die Jahreszahl spacer von fremder Hand hinzugefugt, dabei die er- 
ste »1« iiber einen Punkt geschrieben. 



Juli/August 1841 179 

Liebhaber Klara's, ein steifer langer Esel — Mendelssohn, der 
am 28sten Abschied (von) bei uns nahm — der alte Rieffel aus 
Flensburg, ein lebhafter Mann, in Vielem unterrichtet — David 
mit s.[einem] Schwager Liphardt u. M[usik]D.[irektor] Grund 
aus Hamburg — Anacker aus Freiberg — Professor Roller aus 
Gr.[ofi] Glogau — 

Flechsig, mein lieber Jugendfreund und friiherer Stubenbursche 
— Nowakowski aus Warschau, ein Bekannter u. Verwandter 
Chopin^, den ich auch von fruher her schon kannte — endlich 
L. Anger, der ein Heft Variationen bringt — u. Amalie Rieffel, 
die Stunden von mir haben will — 



Arbeiten — Klara studirt mit aechter Liebe viel Beethoven'sches 
(auch Schu- u. Ehemannisches — hat mir viel beigestanden im 
Ordnen meiner Symphonie, die nun bald in d. Druck soil — liest 
nebenbei Gothe's Leben, schneidet auch Bohnen wenn's sein 
muE — die Musik geht ihr aber uber Alles und das is$ eine 
Freude ftir mich — 

Neues componirt hab 5 ich nichts und noch am Alten zu thun — 
die Symphonie in D Moll ist ziemlich beendigt, die Phantasie in 
A Moll in Ordnung gebracht und zum Spielen fertig — die Sym- 
phonie in B nach noch einer Probe, die wir in dieser Woche hal- 
ten, desgleichen — 

Jetzt hat mich Th. Moore's »d.^ 12 Paradies u. die Peri« ganz 
glliklich gemacht — es lafit sich vielleicht etwas Schones daraus 
machen f. Musik — 

Im Calderon scheint wenig zu benutzen, doch 
vielleicht die »Brticke von Mantible«. Auch den »Schwarzktinst- 
ler« [von Calderon] las ich, den Gothe mit zum Faust benutzt 477 . 
Ich war auch haufig unwohl^ 13 Mit Klara geht es im Ganzen so 
gut, dafi wir recht dankbar dafiir sein miissen. Mit Freude und 
Bangen sehen wir nun dem nachsten Monat entgegen. Nur 
Muth, meine Klara. 



CLARA SCHUMANN: 

48 und 49te Woche. Vom 8 bis 22 August 

Der 9te August war ein merkwurdiger Tag! Wir erlebten ein 
Hagelwetter, desgleichen sich die altesten Leute nicht erinnern. 
Furchtsame Seelen, worunter ich wohl auch zu zahlen, glaubten, 

Ol2 »d.« uber der Zeile eingefiigt. 

o!3 Danach mehrere Worte durch Rasur und Streichung unleserlich 
gemacht. 



180 August 1841 

es ware auf Untergang der Welt abgesehen. Der Schaden, den 
das Wetter gethan, war grofi, der vielen tausend Fensterscheiben 
gar nicht zu gedenken, die es zerbrach! uns selbst zerschmifi es 
42 Scheiben. Den^ 14 Hagel will man in der Grofie eines Htihner- 
ei's gefunden haben, und nicht nur Thiere, sondern auch einige 
Menschen wurden erschlagen. 

Die Witterung diesen Sommer ist uberhaupt merkwiirdig. Juni, 
July und August (wahr) waren, 

einige wenige schone Tage abgerechnet, kalte Herbstmonate — 
viele Leute haben die Zimmer geheitzt. Man profezeiht aber 
noch einen schonen Herbst. 

Amalie Rieffel hatte die erste Stunde bei'm Robert; ich mochte 
ihn wohl einmal beobachten, wie er sich als Lehrer ausnimmt! — 
Der alte Rieffel scheint mir ein Mann ganz von Leidenschaft 
zerrissen, {Er ist) hat tibrigens in seiner Art zu reden viel Aehnli- 
ches mit meinem Vater. Er ist hochst unzufrieden, dafi seine 
Amalie den vergangenen Winter nicht beriihmter geworden ist, 
man habe nicht genug liber sie geschrieben, und das Wenige kalt 
und theilnahmlos pp; Meiner Ueberzeugung nach tragt Amalie 
viele Schuld selbst — es fehlt ihr noch das savoir vivre, auf das 
leider selbst bei'm Ktinstler so viel ankommt. 
Freitag d. 1 3 ten wurde Roberts Symphonie noch einmal im Ge- 
wandhaus probirt, mit einigen kleinen Veranderungen, die er 
noch getroffen, die auch meistentheils gut angebracht waren. 
Wie freute ich mich dieses schone Werk wieder zu horen! frei- 
lich so ging es nicht zusammen unter David's, als unter Men- 
delssohn's Leitung! — 

Die Fantasie in A moil spielte ich auch; leider nur hat der Spieler 
selbst im Saale wenig Genufi (im leeren Saale namlich), er hort 
weder sich, noch das Orchester. Ich spielte sie aber 015 zwei mal, 
und fand sie herrlich! fein einstudiert mufi sie den schonsten Ge- 
nufi dem Zuhorer bereiten. Das Clavier ist auf das feinste mit 
dem Orchester verwebt — man kann sich das Eine nicht denken 
ohne das Andere. Ich freue mich es einmal offenthch zu spielen, 
wo es denn freilich noch ganz anders gehen mufi, als in der heu- 
tigen Probe. Robert hatte demohngeachtet seine Freude daran! 
er hatte sie wohl noch etliche Male hintereinander horen, und 
ich sie spielen mogen. 

Die Probe sollte eigentlich erst Sonnabend sein, wurde aber der 
Musiker wegen auf Freitag verlegt. Wir hatten Becker aus Frei- 
berg dazu eingeladen, und dieser kam nun mit Carl KraegenQ 
Nachmittags, nachdem die Probe voriiber war, was uns Alle sehr 

014 Urspriinglich »Die«, zu »Den« verbessert (iiberschrieben). 

015 »aber« iiber der Zeile eingefugt. 



August 1841 181 

argerte. Die Freude wieder tiber die Symphonie, sowie uber die 
Fantasie und das Spielen selbst hatte mich so (aufgerecht) aufge- 
regt, dafi ich den ganzen Nachmittag krank war, und (es) mich 
noch jetzt ganz schlecht befinde, woran der Besuch 4 Tage lang 
mit Schuld sein mag, denn nicht ein Stundchen Ruhe konnte ich 
mir gonnen. 

10 Kraegen wohnte bei dem jungen Serre, der mir immer vorkommt 
wie ein junges Pferd. Sie aften Sonnabend und 

Sonntag d. / 5 ten bei uns zu Mittag. 

Kraegen ist ein guter Kerl, aber von der Majorrin Serve verzar- 
telt wie ein Schoofikindchen; es ist kein Saft und keine Kraft in 
diesem Manne — genieften fullt einen grofien Theil seines Le- 
bens aus. Sein Anschlag auf dem Clavier ist schon, aber faul sein 
Spiel wie seine Fantasie. Es ist Schade um ihn! — 
Ich spielte Sonntag Nachmittag einige Sonaten von Beethoven, 
doch fanden weder Becker noch Kraegen den Genuft daran, den 
uns so eine Beethovensche Sonate verschafft. Ihre Bildung ist 
mehr auf das Virtuosenthum gerichtet, als auf die wahre Musik. 
Eine Fuge von Bach z. B. langweilt sie; sie sind nicht fahig die 
Schonheit zu empfinden, die in dem verschiedenen Eintreten der 
Stimmen mit dem Thema {,) liegt, sie konnen dem gar nicht(s) 
folgen! ich bedaure den Musiker, dem der Sinn fur diese herrli- 
che Kunst abgeht. Je weniger ich jetzt offentlich spiele, je mehr 
wird mir das ganze mechanische Virtuosenthum verhafit! Die 
Concertcompositionen als: Etuden von Henselt, Fantasieen von 
Thalberg, Liszt, pp: sind mir ganz zuwider geworden, 

1 1 und ganz besonders wieder durch Beckers Verehrung dafiir. Al- 
les das kann keinen dauernden GenuE schaffen! ich spiele von 
diesen Sachen nicht eher wieder, als bis ich sie zu einer Kunst- 
reise brauche, mich dauert jetzt die Zeit daran zu verwenden. 

Robert konnte sich in diesen 2 Tagen fast gar nicht um seine 

Gaste bekumern, da er damit beschaftigt war die Symphonie 

zum Druck abzuliefern, was denn endlich auch (d) am 

Montag d. 16 ten geschah. Wie freue ich mich auf die erste 

gedruckte Stimme! 478 — 

Robert kann nicht gliicklicher dariiber sein, als ich. 

Kraegen ist heute abgereist! ihm fehlte hier die gewohnte Pflege, 

Jemand der ihm seinen (FuE) kranken Fufi verbindet, ferner der 

Pfefferkuchen, den die Majorrin eigens nur fur ihn besitzt; pp: 

pp: — Gott, wie miifke mir sein, wenn ich 

einen solchen Mann hatte! — 

Dienstag d. 17 machten wir eine Promenade nach Connewitz 
mit Becker, und aften zu Mittag draufien. Der Tag war schon, 
doch wir waren sehr abgespannt — weder Robert noch ich kon- 



182 August 1841 

nen viel Unruhe vertragen, und die macht es immer wenn man 
einen Gast bei sich hat, sty es auch der intimste Freund! im Ge- 
gentheil! gerade Dieser verlangt die meiste Aufmerksamkeit. 

12 Ich habe Beckern Roberts Symphonie ein wenig nach der Parti- 
tur gespielt, doch er vermochte nicht zu folgen, verstand sie also 
auch nicht, was mich sehr argerlich stimmte. 

D. 18 ten reiste Becker ab, und versetzte uns dadurch in unse- 
ren gewohnten Ruhestand. Er ist eine vortreffliche Seele, das ist 
nicht zu laugnen, treu uns ergeben, doch besitzt er nicht Bildung 
genug seine Wirthe so wenig als moglich zu genieren. 
Ich hab ihm einige Gratulations-Zeiien an den Vater gegeben zu 
seinem heutigen Geburtstag, und ich glaube, es war nicht zur 
Unzeit gethan. Unsere Geldangelegenheiten scheinen sich jetzt 
einem giitlichen Beschluft zu nahern, wobei denn der Vater (aus 
Klugheit freilich nur, glaube ich) Manches nachgegeben hat. Ich 
bin sehr froh dartiber, und klisse meinen lieben Mann, der mei- 
nem Wunsche, an den Vater zu schreiben, durch seine Erlaub- 
nifi zuvor kam, ehe ich ihn noch darum gebeten. 
Ich habe mich seit 3 Tagen furchterlich schlecht befunden ! auch 
will's nicht mehr von der Stelle mit mir, so dafi mein Robert 
wohl manche Nachsicht mit mir haben muE. 
Meine innigste Bitte zu Gott ist die, da£ er mich nur jetzt noch 
nicht von (meinem) Robert nehme — das ware das Traurigste, 
{das) was ich mir denken kann! — Ich brauche 

13 noch viele, viele Zeit, um meinem Robert all 016 die Liebe zu er- 
weisen, die ich fiir ihn hege — sie ist ja ganz unendlich! — 

NB: Ich habe vergessen die Probe im Gewandhaus zu erwah- 
nen, in die ich mit Becker und Kragen ging, um David's Sym- 
phonie 479 zu horen. Sie ist, wie zu vermuthen stand, ganz uber 
den gewohnlichen Leisten geschlagen; es fehlt ihr alle Indivitua- 
litat, die man selbst Reifiiger und Kalliwoda (in deren Genre sie 
geschrieben) nicht ganz absprechen kann; an manchen Stellen 
ist sie {Marschnerisch trivial) Marscbnerisch trivial. Stellen wie 
solche: 



ect: 



mufite ein sonst so guter Musiker wie David gar nicht schreiben, 
und deren 017 kommen Viele vor. 

Ol6 Ursprunglich »die«, durch »all« iiberschrieben. 
0\7 Ursprunglich »die«, durch »deren« Iiberschrieben. 



August 1841 183 

Fraulein Haase, Tochter des Hornisten aus Dresden probirte 
eine Arie, und machte keinen angenehmen Eindruck auf mich! 
ihre Stimme an sich ist total unrein, und ihre Schule noch sehr 
mangelhaft. Bei weitem mehr Vergntigen bereitete mir ein jun- 
ger Hollander Namens Teyn^ 8 mit seinem Gesange; seine 
Stimme ist nicht immer wohlthuend, doch lafit er sie natiirlich 
erklingen und hat eine gute Schule gemacht, ist auch, wie mir 
scheint als Musiker gebildet; etwas italienisch weinerliches hat 
er zuweilen, das ich wohl weg wiinschte. Er 

14 war am 18ten Vormittags mit Verhulst bei uns, und sang ein 
Lied vom Robert recht schon, auch die Adelaide von Beethoven. 

Donnerstag, d. 1 9 ten besuchte uns David mit einem Cellist 
Lutzau aus Riga, der uns Dorn's Grtifie brachte. Ich glaube 
nicht, dafi er ein bedeutender Kiinstler ist — seinen Namen hone 
ich wenigstens noch nicht, und sich erst Einen zu machen 
scheint er mir zu alt, er ist aber personlich recht angenehm, und 
schien mir ein gutes musikalisches Urtheil zu haben. 
Sonnabend d. 21 besuchte mich Schlesinger aus Berlin. Er ist 
ein Schwadroneur und {kann sich) gefallt sich besonders in den 
fadesten Schmeicheleien, die er oft Minutenlang ununterbro- 
chen hervorzubringen weifi. So freundlich und gefallig er jeder- 
zeit gegen mich war, so ist er mir doch hochst fatal und wider- 
wartig. 

Robert machte eine kleine Parthie iiber Land — das Wetter war 
zu herrlich! — Ich bin sehr traurig, dafi ich ihn nicht mehr be- 
gleiten kann! es wird diese Zeit doch auch einmal wiederkom- 
men, wo mir kein Spaziergang zu weit war! — Robert ist ubri- 
gens so liebevoll und nachsichtig, lafit mir kein verdriefiliches 
Gesicht sehen, wenn ich ihm vor lamentire, dafi er mir dadurch 
meine Lage sehr erleichtert; es wiirde 

15 mich sehr beunruhigen, sahe ich, dafi ihm mein(e) Zustand^ 19 
unangenehme Augenblicke bereitete. 

Mit dem Arbeiten geht's bei mir nicht flott, um so mehr bei'm 
Robert. Er hat seine Fantasie nun ganz in Ordnung gebracht, 
hie und da noch ein Horn oder ein Fagott weggenommen, und 
jetzt wahrend ich diefi schreibe, arbeitet er an seiner Ouvertiire, 
Scherzo und Finale, um auch (diefi) mit diesem bald im Reinen 
zu sein. Die Stunden mit der Rieffel halt er regelmafiig, wie ein 
ordentlicher Schulmeister. Ich mdchte mich wohl auch bei ihm 
als Schulerin melden, ich hatte dann ofter das Gliick ihm vor- 
spielen zu diirfen, worum ich die Rieffel beneiden mochte! — 

018 Recte:Tuyn. 

019 Urspriinglich »Lage«,durch »Zustand« iiberschrieben. 



184 August/ September 1841 

Nun aber zum Schlufi der "Woche einen recht herzhaften Kufi, 
mein lieber, liber Alles lieber Mann! Nachste Woche, und, wer 
weifi, wohl noch einige dazu, wirst Du iibernehmen miissen. 
Den Jahrestag dieses Buches aber, hoffe ich, werden wir (mit 
Gottes Beschlufi) zusammen feyern! 



16 ROBERT SCHUMANN: Am 17ten<> 20 September 1841. 

Ein neuer Lebensabschnitt wenri auch nicht ohne Sorgen aber 
gliicklich vollbracht, dafi wir dem Himmel aus ganzem Herzen 
dankbar sein miifien. 

Am Isten September schenkte er uns durch meine Klara ein 
Madchen. Die Stunden, die vorangingen, waren schmerzensvolt; 
ich will die Nacht zum Isten September, einen Mittwoch, nicht 
vergessen. So viel stand in Gefahr; in einer Minute einmal 
ubermannte es mich, dafi ich mich nicht zu fassen wufke. Dann 
vertraute ich aber auf Klara 5 s starke Natur, ihre Liebe zu mir — 
wie sollte ich das alles beschreiben konnen. 10 Minuten vor elf 
Uhr'Vormittag war das Kleine da — unter Blitz und Donner, da 
gerade ein Gewitter am Himmel stand. Die ersten Laute aber — 
und das Leben stand wieder hell und liebend vor uns — wir wa- 
ren ganz selig vor Gliik. Wie bin ich doch stolz eine Frau zu ha- 
ben, die mir aufier ihrer Liebe, ihrer Kunst auch solch ein Ge- 
schenk gemacht. Nun flogeri die Stunden hin zwischen Freude 
und BesorgnifL Das Kleine gedieh 

17 von Tag zu Tag. Klara erholte sich immermehr. Die Mutter 
kam aus Berlin dazu, und am 13ten September, Klara's 22sten 
Geburtstag, lieEen wir es taufen mit dem lieben Namen Marie. 
Die Mutter [Marianne Bargiel], mein Bruder [Carl Schumann], 
meine alte Wirthin Devrient, u. Mendelssohn standen Gevatter 
— fiir meinen Bruder u. Mendelssohn standen Buchhandler 
Barth u. Raimund Hartel. Es war viel Aufregung im Haus. Nun 
gestern auch die Mutter wieder nach Berlin zuriikgekehrt ist, 
wird es wieder ruhiger. In einigen Tagen wird Klara wieder in 
das Freie gehen konnen, und dann erwartet uns zu Haus immer 
neue Freude; denn sein Kind anzusehen, kann man gar nicht 
satt werden. Dir IiberlaE* ich es nun vorziiglich, meine Klara, 
dafi Du im Tagebuch {das} von dem^ 21 kleinen Leben, wie es 
sich von Tag zu Tag immer mehr entfaltet, recht sorglich bench- 
test, sie ist das erste ordentliche Ehrenmitglied unsres Bundes; 
wahrhaftig unser Gliick war immer groE, aber wenn es etwas 



020 Urspriinglich »14«, »4« durch »7« uberschrieben. 

021 »von dem« liber der Zeile eingeftigt. 



September 1841 185 

noch erhohen u. befestigen konnte, so ist es diese kleine Marie, 
das einmal dein Ebenbiid innerlich werden soil, wie es es (mei- 
nes) mir aufierlich gleicht. 

Die Feste horten iiberhaupt nicht auf; am 12ten war der Jahres- 
tag unsrer Hochzeit; am 13ten Geburtstag und Kindtaufe. Eine 
kleine Freude konnte ich meiner Klara machen mit der ersten 
gedruckten Stimme meiner Symphonie, mit der zweiten [Sinfo- 
nie], die ich im Stillen fertig gemacht, und dann mit zwei Heften 
gedruckter Lieder v. Riickert von uns beiden. Was kdnnte ich 
ihr auch sonst bieten aufier meinem Streben in der Kunst, und 
wie nimmt sie so Hebevoll Theilnahme daran. Eines begliikt 
mich, das Bewufitsein, (immer) noch lange nicht am Ziel zu 
sein^ 22 , und immer noch Besseres leisten zu mtissen, und dann 
das Geflihl der Kraft, dafi ich es erreichen kann. So denn mit 
Muth, meine Klara, an meiner Seite, immer vorwarts. — 
Die Pasta horten wir 480 — es war peinlich — wir waren froh, aus 
dem Theater zu sein. Kaum noch Spuren, daft sie iiberhaupt 
eine grofie Ktinstlerin gewesen. 

Ein hollandischer Tenor, Tuyn, besuchte uns mehremal; die 
Stimme ist gut, doch ohne bedeutenden Charakter. — Carl 
Mayer aus Petersburg kam gerade zu Klara 1 s Niederkunft; wir 
sprachen ihn leider nicht, wie auch E. Frank aus Breslau. Desto 
mehr 

Hirschbach aus Berlin, den Sonderling mit seinem Mozartprofil; 
er will sich den Winter hier auf ha ken. 



CLARA SCHUMANN: 

Vom 13ten bis 27ten September 1841: 

Du hast mit^ 23 so lieben Worten von den letztvergangenen Ta- 
gen berichtet, mein theuerer Robert, dafi ich nichts hinzuzufii- 
gen weifi, als dafi ich sehr gliicklich bin, ein Kind zu besitzen 
von Dem, Der mir das Liebste auf der Welt ist. Jeden Tag denke 
ich »mehr kann ich ihn nicht lieben« und doch ist mir's als 
liebte ich Dich taglich mehr! bist Du Selbst nicht bei mir, so er- 
innert mich Marie, Dein liebes kleines Ebenbiid an Dich, was 
mir gar viel Freude macht. Aber Sorge macht so ein Kind auch, 
besonders ein Erstes, mit dem man noch gar nicht recht umzuge- 
hen weifi — mit Recht nennt man so ein Kind ein Angstkind, 
denn das ist es wahrhaftig! jede Bewegung meiner Kleinen be- 
trachte ich mit einem Gefiihl von Angst und Freude. Jetzt geht 

022 »zu sein« iiber der Zeile eingeftigt. 

023 Urspriinglich »so«, durch »mit« uberschrieben. 



186 September 1841 

es gut mit Mariechen, aber die hochste Zeit war es, daft wir dem 
Kinde eine andere Amme schafften, sonst ware es halb verhun- 
gert. 

20 Mit meiner Gesundheit geht es jetzt recht gut, und fiir die kurze 
Zeit seit meiner Entbindung aufterordentlich. Ich gehe taglich 
wenigstens eine Stunde mit meinem geliebten^ 24 Robert spazie- 
ren, und danke Gott, daft er mich auf der Erde gelassen hat, wo 
ich so glticklich lebe. 

Mein Geburtstag war ein Tag voll des Vergnligens und der 
Freude von Friih bis Abend. Robert iiberraschte mich mit so Vie- 
lem, seiner Symphonie in D moll beendet, der ersten gedruckten 
Stimme der B dur Symphonie und ganz besonders (iiberrasch- 
ten) mit^ 25 den^ 26 gedruckten Liedern von Ruckert, worin auch 
einige schwache Produkte von mir vorhanden. Von dieser 
Ueberraschung hatte ich keine Ahnung gehabt. Uebrigens fehlte 
es auf dem so reich belegten Tisch nicht an Produkten als : Seife, 
Eau de Cologne pp: wonach das weibliche Herz wohl auch ein- 
mal verlangt. Ein schones Geschenk war mir die Partitur des 
Don Juan [von Mozart] in der ich fleifiig spiele; es macht Einem 
wahre Freude darin zu lesen, so schon 1st sie gestochen, und 
nun, diese Musik, interressant von Note zu Note! 

21 Ich driicke Dir noch einmal die Hand, mein Robert, fiir alle 
Freude, die Du mir gemacht und immer machst. 

Die Anwesenheit der Mutter ist mir wie ein Traum! leider blieb 
sie so kurze Zeit daft man sich kaum iiber Alles aussprechen 
konnte. Uebrigens bin ich sehr beruhigt iiber ihre Lage; man 
nimmt sich in Berlin hochst freundlich ihrer an, sie hat von Friih 
bis Abend Stunden zu geben, und was die Hauptsache, sie ist so 
wohl korperlich, und befindet sich auch in ihrem kleinen Logie 
mit Gartchen, und bei ihren Kindern so gliicklich, daft ich ganz 
froh daruber bin. Gott verlafit doch den Menschen nie! welcher 
Beweis wieder bei der Mutter! in den verzweiflungsvollsten 
Augenblicken, nach dem Tod ihres Mannes, entblofit von allem 
Geld, da regte er den Sinn der Menschen, die der Mutter all ihr 
Leid so leicht ertragen machten. Man muft nie das Vertrauen 
verlieren! — 

D. 25 besuchte mich die Dr Frege, die eben von ihrer Badereise 
zuruckgekehrt; sie verfehlte mich. Ich besuchte sie 
am 27ten, traf sie aber noch sehr betrubt 

22 iiber den Verlust ihres einzigen Kindes. So ein Verlust ist gewift 
immer schrecklich, aber doch leichter zu tragen, wenn man sich 

024 Urspriinglich »geliebtem«, der letzte Abstrich getilgt. 

025 Urspriinglich »mich«, das Wortende verbessert (tiberschrieben). 

026 Urspriinglich »die«, durch »den« tiberschrieben. 



September/ Oktober 1841 187 

(Mann und Frau) zartlich liebt, wo die Liebe zu einander doch 
Trost gewahrt, wo (man) sich Jedes bemuht dem Anderen Zer- 
streuung zu schaffen, wo das nun aber nicht der Fall, da ist so 
ein Ungliick doppelt^ 27 schrecklich! — Mir thut's in tiefster Seele 
weh, wenn ich daran denke, und besonders an den Doctor Frege, 
welcher ganz trostlos und gebrochenen Muthes sein soil. 
D. 28 machten wir die erste Parthie iiber Land, nach Conne- 
witz, hinaus zu Wagen aber herein zu Fufi. Es war ein schoner 
Tag und wir stillvergnugt. 

So eben bemerke ich, dafi ich in Deine Woche gefahren bin — 
ein Zeichen, dafi mir der Stoff ausgegangen. 
Ueber meine Erziehung Mariechens, lieber Robert, lafit sich 
noch nicht viel Resultat liefern; das beste Resultat jetzt ist wenn 
sie trinkt comme il faut und wenn sie schlaft. Bald, hoffe ich, 
wird sie lernen Dich anlacheln, das erste Zeichen von Verstand! 
— sie sieht tibrigens schon jetzt zuweilen ganz klug urn sich. 



ROBERT SCHUMANN: 

Vom 27sten September — 24sten October 1841 . 

Es geht ganz leidlich im Schumann'schen Haus. Die Kleine 
fangt schon an zu lacheln, die Hausfrau ist die alte liebe und nur 
der Hausherr manchmal finster. Warum? Er weifi es selbst nicht; 
er sollte zufrieden sein, ein solches Weib und Kind zu haben, 
und doch zeigt er es oft gar nicht und betrubt seine Frau. Du 
weifist was mich oft wild und zornig macht, der Gedanke an 
deinen V.[ater] Lafi mich schweigen davon. Oft ist es auch Un- 
zufriedenheit mit mir selbst, mit meinen literarischen und kiinst- 
lerischen Verhaltnissen. Ziirne mir also nicht, Hebe Klara. Ein 
Kunstlerherz ist immer in einer gewissen Bewegung, es drangt 
ihn immer unruhig vorwarts. Aber es komen dann auch wieder 
friedlichere Stunden und wir haben schon so viel schone zusa- 
men verlebt. Auch die letzten Wochen waren nicht ganz frucht- 
los; eine kleine Symphonie in C Moll 481 hab' ich ziemlich fertig 
im Kopf, die Correcturen zu der in B[-Dur] ganz abgeliefert, 
und noch manches. Auch Klara hat eine kleine Composition fer- 
tig 482 , die einen recht schonen Charakter athmet; sie darf jetzt 
wieder ordentlich spielen; aber freilich, die Ktinstlerin mufi der 
Mutter schon manche Stunde aufopfern. 

Auf unsern kleinen Engel wirkt die Musik tibrigens auch schon; 
wenn sie recht unruhig ist, spielt ihr Klara vor, was sie gleich be- 
sanftigt und einschlafert. 

027 »doppek« iiber der Zeile eingefugt. 



188 September/ Oktober 1841 

24 Eine tragische Geschichte war unsre Ammenfarth nach Siddel^ 28 
und wird uns lange im Gedachtnifi bleiben; statt um 8 (kamen) 
Abends kamen wir frtih nach 1 Uhr zuriik in der schwarzesten 
Nacht; es waren Schrecknisse auf Schrecknisse, die ein einziger 
Sonnenstrahl gleich verjagt hatte. Dr. Reuter war mit. 

Am 3ten fingen die Abonnement[con]certe 483 an — sie haben zu 
thun sich ohne Mendelssohn in der Hohe zu halten — es bleiben 
aber immer schone Abende und hat irgend ein Publikum Inter- 
esse u. Pietat fur die Musik, so ist es das Leipziger; sie sitzen 
aufmerksamer und stiller als in der Kirche. 
Ein italienischer Geiger, Sivori, machte Gluk; er besuchte uns 
auch; ein stiller schlichter Mann, mit dem sich leider nicht zu 
verstandigen war, da er kein deutsch kann. Die Meerti gefallt 
nicht so wie friiher; man sagt von ihr, sie ware nicht mehr die . 
Tuyn soil schrekliche Gesichter schneiden beim Singen, weshalb 
ihm die Damenwelt nicht sonderlich hold ist; sie singen immer 
langweiliges Zeug. 

Von Besuchenden waren noch Streicher aus Wien, der junge 
Dtitsch aus Copenhagen, und ein G. Wohler da; wir schicken 
die Meisten immer fort. 

25 Julius Becker, ein lieber sanfter Mensch, der mir immer treulich 
beisteht, scheint an der unheilbaren Schwindsucht zu leiden; 
sein Verlust wiirde mich sehr betrliben. 

Einmal spielten wir auch Orgel in der St. Johaniskirche; eine 

schreckliche Erinnerung; denn wir behandelten sie nicht eben 

meisterhaft und Klara konnte in den Bach'schen Fugen nie uber 

den zweiten (Sti) Eintritt hiniiber, als stande sie an einem (Bach) 

breiten Bach — Wir wollen es aber nachstens wieder versuchen; 

das Instrument ist doch gar zu herrlich. 

Am 17ten hatten wir Verhulst u. Reuter zu Tisch; wir waren 

recht fjcohlich. Den 20sten war Feuer in unsrer Nahe; wir konn- 

ten es aber ruhig mit ansehen. -r 

Nun, Klare, gib' mir freundlich die Hand und einen KuE. Du 

bist und bleibst doch mein Liebstes — das weifist du doch. — 

26 CLARA SCHUMANN: 

Vom 24ten October bis Hten 029 November 1841. 



028 Recte: Sittel. Urspriinglich so, dann »tt« durch »dd« tiberschrieben. 

029 Ursprtinglich »17«, durch »14« stark iiberschrieben. 



Oktober 1841 189 

Das Tagebuch sieht mich ganz fremd an, so lange ist's, dafi ich 
nicht hinein(ge)schrieb, und auch jetzt giebt es nur wenig das 
Erheblich. 

D. 24 hatten wir Botticher® 30 ', Hirschbach (ein trauriges Genie) 
und Wenzel bei uns zu Tisch. Es wurde viel getrunken und viel 
musicirt; es mochte wohl sen Jahren das erste Mai wieder sein, 
dafi ich Roberts Fis moll Sonate spielte — sie entziickte mich 
von Neuem! ich halte sie ftir Eines^ 31 der grofiartigsten Werke 
Roberts. 

{D. 28 war das 4te^ 32 Abonnementconcert) 
D. 25 war bei David eine kleine Gesellschaft. Die Meerti (ein 
liebes Madchen) sang, auch Tuyn, und David spielte mit mir 
eine kleine Sonate von Beethoven G dur, nachdem ich^ 33 Eini- 
ges Solo — Diversions von Bennett, mit deren Ausfiihrung Ro- 
bert sehr zufrieden war, was mich ganz glucklich machte — sein 
Lob wird mir so selten zu Theil! <dann)[?] 
Sie haben mich aufgefordert in den Gewandhausconcerten ein- 
mal zu spielen; Robert hat es zugesagt, wenn erst mein eigenes 
Concert im Nov: [ember] voriiber ist. Ich wollte die Zeit ware 
da! ich kann noch immer meine alte Kraft nicht wieder gewin- 
nen, und habe daher vor diesem Tage nicht wenig Angst. 
D. 28 war das 4te Abonnementconcert 484 . Im Dritten waren wir 
Beide nicht, da es wenig interressant, und Vater, Mutter und 
Kind nicht wohl waren. Das heutige Concert bot auch nicht ge- 
rade Viel. Eine alte kl[eine] Symphonie von Hayden machte den 
Anfang, Tuyn sang eine Arie von Weber mit italienischer Emp- 
findung — unausstehlich stifilich! Rockel ein angehender Kla- 
vierspieler spielte Oberons Zauberhorn, ohne jedoch zu bezau- 
bern, und hinterdrein eine Fantasie eigener^ 34 Composition — 
ein non plus ultra von Fantasielosigkeit. Er besuchte uns, wir 
sahen ihn aber nicht; beinah 8 Tage war er schon hier, ehe er zu 
uns kam, (nachdem) ich glaube er ist nicht eben bescheiden. 
Das Finale aus Idomeneo [von Mozart] war wohl das Erheblichr 
ste im Concert. Die Melusine von Mendelssohn ist nicht gerade 
meine Liebste von Mendel$$[o\ins\ Ouvertiiren. 
Der Meerti machten wir einen Gegenbesuch. Mutter und Toch- 
ter gefallen mir sehr, sange sie nur besser — ich machte mir 
ziemlich grofie Erwartungen von ihr, und fand mich wenig be- 
friedigt, auch singt sie so wenig Gutes, und, gerade Das nicht 
gut. 

030 Recte: Bottger. 

031 Am Wortanfang urspriinglich »e«, durch »E« iiberschrieben. 

032 Urspriinglich »3«, durch »4« iiberschrieben. 

033 Danach ein gestrichenes, nicht lesbares Wort. 

034 Urspriinglich »einiger«, durch »eigener« iiberschrieben. 



190 Oktober/ November 1841 

Sonnabend d. 30 afien wir einmal wieder in Connewitz. Auf sol- 
chen Parthieen mit meinem Robert bin ich immer recht glucklich, 
da hab ich ihn so ganz allein ftir mich und das ist mir eben recht. 
Ich hatte einige unliebenswurdige Tage, wo ich meinen armen 
Mann recht sehr quake — ich dachte, er hatte mich nicht mehr 
so lieb, als das erste Jahr! er hatte Manches im Kopf, das ihn 
verdruBlich machte (das weifi ich wohl) und ich war sehr reiz- 
bar, daher ich mir denn manche triibe Stunde selbst bereitete. 

29 Jetzt ist aber Alles^ 35 wieder gut — Robert ist liebevoll und ich 
glucklich. Marie nimmt zu unserer Freude taglich zu an Kor- 
p er 036 unc j an Verstand — sie scheint in Allem dem Papa gleich 
werden zu wollen bis auf das kleine Handchen mit den langen 
Klavierfingern, das man wohl nicht als Erbe von der Mutter be- 
streiten kann. 

Den Son tag d. 31 hatten wir wieder Tischgaste. Herr und Ma- 
dam Voigt und Amalie Riffel, mit der Robert seinen SpaE hatte, 
sie <ein wenig 037 zu[?]<> 38 ect:}^ 9 

Abends bei Meyers beleidigte mich die Carln auf so gemeine 
Weise, dafi ich entschlossen bin, mich ganz zuruckzuziehen. Mit 
dieser Frau kann Niemand, nicht der Friedlichste, lange aus- 
kommen, und Er ist schwacher als ein Weib. 
Wir haben mitunter noch herrliche^ 40 Tage, die wir denn auch 
benutzen. So gingen wir d. 3 Nov:[embcr] nach Mockern zum 
Mittagsessen, und befanden uns dabei ganz zufrieden. 
Robert ist sehr fleiEig immer, ein gutes Muster fixr die Frau! — 

30 Die Meerti besuchte mich mit der Mutter. Ich bin ganz verliebt 
in Beide! 

D. 4ten war das 5te Abonnement- Concert 485 . Aufier der Sym- 
phonic von Schubert und der Ouvertiire von Rietz gab es Nichts 
fur gute Ohren. Die Meerti und Tuyn sangen ein Duett aus Ze- 
mire und Azor von Spohr sehr mittelmafiig. Da war weder ein 
Funken von Innigkeit noch Leidenschaft zu finden — das Publi- 
kum blieb kalt. 

Sivori spielte noch einmal, wie immer, aufierordenthche Kunst- 
stuckchen. 

Mit meinem Spiel geht's schlecht! ich habe keine Kraft, 
Schmerzen in den Fingern, und da sieht es denn auch^ 41 im In- 
nern nicht sehr freundlich aus. Der Concerttag in Weimar riickt 

035 Ursprunglich »a«, durch »A« tiberschrieben. 

036 Ursprunglich »V«, durch »K« uberschrieben, 

037 »ein wenig« uber der Zeile eingefiigt. 

038 Danach 2 oder 3 Worte nicht lesbar. 

039 Die ganze Stelle durch Rasur unleserlich gemacht. 

040 Ursprunglich »herl«, das »1« durch »r« uberschrieben 

041 »auch« uber der Zeile eingefiigt. 



November 1841 191 

immer naher, auch hier soil ich nun bald spielen, und kann 
Nichts 042 ordentlich! - 

Hirscbbach machte eine Symphonieprobe, auch Quartett bei 
sich, liefi aber kalt. Alle bemitleiden ihn, denn das Talent soil 
nicht zu verkennen sein, er scheint aber noch zu wenig gelernt 
zu haben, und ist zu unbescheiden dies zu glauben. Robert hat 
es ihm schon oft gesagt, 

doch entstehen gewohnlich Mifihelligkeiten daraus. 
D. 7ten afien wir zu Mittag bei Vb[i]gf'$, tranken Champagner 
und musicirten viel. Ich spielte die Sonate von Mendelss[ohn] fur 
Cello und Clavier mit Wittmann, desgl die in A dur von Beetho- 
ven. Die von Mendelssohn machte mir besonders grofie Freude 
zu spielen. — Amalie [Rieffel] liefi Einiges vom Robert und Men- 
dels[sohn] horen. 

Montag Abend sang ich mit der Meerti. einige Lieder vom Ro- 
bert durch, um ftir mein Concert auszusuchen. Doch zu deut- 
schen Liedern gehort nur ein deutsches Herz, das innig fiihlen 
kann. Die Stimme von der Meerti gefallt mir ubrigens, beson- 
ders in den Mitteltonen, sehr. 

Verhulst liebt die Meerti y und hat mich gebeten zu forschen, ob 
Gegenliebe vorhanden. — Was Andere zu viel besitzen, hat die 
Meerti zu wenig — Klughek. Sie ist aufier sich, dafi sie in Ro- 
berts Zeitung getadelt wird 486 ! das kann sie nicht begreifen, da 
sie doch gut mit uns steht, in meinem Concert singen soil ect: 
Sie thate gescheidter sich nichts von Aerger merken zu lassen; es 
liegt darin eine Arroganz, die ich in diesem lieben Aufieren nicht 
gesucht hatte. 

Der November zeigt sich seit einigen Tagen in seiner ganzen 
Unfreundlichkeit. Ich mochte mich mit ihm vergleichen, so un- 
liebenswiirdig finde ich mich. Mein lieber Robert mufi wohl Ge- 
duld haben! Marie gedeiht zusehends — sie ist unsere Freude. 

Mittwoch d. lOten Besuch vom A/[usik]Z);[irektor] Miiller aus 
Rudolstadt Ich spielte Einiges — ich glaube, er wufite nicht 
rechtj wie er daran war. 

Sonnabend war diesmal Gewandhausconcert 487 , und am Dirigir- 
pult stand — Mendelssohn; es fehlte nicht an bravo % und die Da- 
men waren wohl die gliicklichsten, safien mit offenem Munde 
das ganze Concert hindurch und thaten als hatten sie im Leben 
nicht dirigiren sehen. 

Ich verehre Mendelssohn gewifi hoch, doch dieses fade vergot- 
tern, wie es von einem Theil des hiesigen Publikums geschieht, 
ist mir unausstehlich. 
Die A dur Symphonie [von Beethoven] ging prachtig! man 

042 Urspriinglich »n«, durch »N« uberschrieben. 



192 November 1841 

merkte doch den Dirigenten, der Seele iiber das Ganze verbrei- 
tete. 
' Die Meerti gefallt (es) immer weniger und Tuyn erregt auffal- 
lendes Mifibehagen unter dem Publikum. Sie dauern mich 
Beide! Tuyn hat doch Etwas gelernt, und nur sein un[an]geneh- 
mes Organ und Aussprache des Deutschen verdirbt ihm die Car- 
riere. 

Sontag kam Mendelssohn sein Pathchen [Marie Schumann] zu 
besuchen und schien Gef alien an ihr zu finden; sie ist aber auch 
gar zu lieblich — wie von Alabaster so weich und weifi! — 
Mendelssohn war froh, wieder einmal Berlin den Riicken gedreht 
zu haben, das er hafit. Das muEte die Mutter horen^ 43 ! — 
Verzeih, lieber Mann den kleinen Schabernack zum Schlufi der 
Woche. 

34 ROBERT SCHUMANN: 

Vom 14tcn November bis 1 sten December 1841. <>44 

Aus^ 45 meinen kleinen Notizen finde ich zu den vorigen Wo~ 
chen noch folgende: 

17 October »Tragodie« v. Heine componirt fur versch.[iedene] 
Stimen mit Orchester (mein erster Versuch von Gesangcomposi- 
tion mit Orchester) — Capellmeister Pott aus Oldenburg — 7 
November bei Voigts zu Tisch mit d. Rieffel u. Wittmann — So- 
naten f. Clavier u. Cell[o] v. Beethoven in A Dur u. v. Mendels- 
sohn — Wittmann singt auch sehr angenehm und wie ein rechter 
Musiker — Am 8ten Nov. [ember] friih bei Hirschbach ein trauri- 
ges Quartett — alle Hoffnungen scheinen ihm {(felh)) fehlzu- 
schlagen — er will ganz die Musik aufgeben — Am lOten Freu- 
dentag, weil die Symphonie [B-Dur] fertig wurde — 
Am 14ten ein kleines JeanPaulfest in der Stadt Hamburg. Fruh 
war Mendelssohn bei Klara, (Nach) Mittag Wenzel, Reuter u. 
Julius Becker bei uns zu Tisch. 

Am 15ten Auffiihrung meiner Symphonie [B-Dur] in der Eu- 
terpe 488 — etwas iibereilte Auffiihrung — Mittwoch darauf pro- 
birte Verhulst seine erste Symphonie, die sein schones lebendi- 
ges 

35 Streben wie seinen Sinn flir Wohlklang, Anmuth und Form 
iiberall bekundete. 

Mittag war Verhulst u. Mendelssohn bei uns zu Tisch; die Zeit 
flog uns zu schnell hin. Jedes Wort Mendelssohns ware der Auf- 

043 Die folgende Eintragung (2 Zeilen), auf die sich der untenstehende 
Satz bezieht, durch Streichung unleserlich gemacht. 

044 Die Jahreszahl spater mit Bleistift hinzugefiigt, dabei die erste »1« 
iiber einen Punkt geschrieben. 

045 Ober ein anderes Wort, wahrscheinlich »Bei«, geschrieben. 



November 1841 193 

zeichnung werth. Nach Tisch spiel te er auch einige seiner Varia- 
tions serieuses; doch schienen ihm die Hande und uns die Kftpfe 
schwer. Auch Mendelssohn hat eine neue Symphonic fertig 489 . 
Dafi sie alle jetzt Symphonien schreiben, habe ich wohl etwas 
Schuld daran; es ist aber ein schoner Lohn fiir meine Arbeit, 
wenn sie anregt, (und) wie sie wirklich die hiesigen Talente an- 
geregt hat. 

Klara studirte viel zur Weimar'schen Reise, die ein besonderes 
Blatt in unserem Tagebuch verdiente, hatten nicht schon neue 
Eindriicke die Erinnerung daran (schon) etwas verdrangt. Am 
1 8ten reisten wir ab — es fiel der erste Schnee heuer — Nachtla- 
ger in Naumburg [— ] am 19ten heiterte sich der Himmel auf — 
Fufiparthie mit Klara von Eckartsberga an — Ankunft in Wei- 
mar um 4 Uhr — Chelard kam gleich — tiber sein Verhaltnifi zu 
den andern 

Musikern kamen wir bald in's Reine — er steht ganz abgeschie- 
den — Alles hackt auf ihn, wie die Dohlen auf den Thurmknopf 

— Wir kenen ihn zu wenig, nicht einmal als Musiker, um dar- 
iiber zu urtheilen. Er that uns aber leid. Nach u. nach stellten 
sich die andern Bekanten ein — Lobe, Montag, Gotze, Biirk pp 

— Sonnabend friih Probe im Theater — die Capelle war sehr 
freundlich gegen uns (Klara spielte fiir den Fonds) — die Sym- 
phonic ging im Einzelnen vortrefflich; Chelard scheint kein Di- 
rigent fiir eine deutsche Capelle — da heifit es, grob sein und et- 
was gelernt haben. Genast's Bekanntschaft machte uns eine 
Freude — auch Sabine Heinefetter sprachen wir. Aus Leipzig 
war noch Queisser da. 

Sonntag friih Besuche in einer Staatscarosse bei Hrn. v. Spiegel, 
Frau v. Pogwisch, Genast's, Eberwein, GcHze, Frau v. Gothe — 
wir wurden iiberall recht freundlich aufgenomen — Abends 
Concert im Theater 490 — Clara spielte vortrefflich das Capriccio 
v. Mendelssohn u. Phantasie v.^ 46 Thalberg — die Symphonie 
ging und klang besser, als ich gedacht — als Weimaraner 
waren sie sehr (splendabel) spendabel mit dem Beifall — der Hof 
war darin — Nach dem Concert safien wir noch ziemlich lange 
zusamen (Amtmann Petersilie nicht zu vergessen) desgleichen 
Keferstein, der zum Concert gekomen war) — 
Montag Abend bei Lobe — viel Musik — Trio v. Mendelssohn — 
Lieder von mir, die Gotze recht sch6n sang — Mittag bei Frau v. 
Pogwisch in angenehmer feiner Gesellschaft — ich safi neben Ul- 
rike v. Pogwisch, eine interessante Person, u. Frau v. Grofi 
(Amalie Winter) — Auch die Gebr.fiider] Rdckel waren da — 



046 Urspriinglich »u«, durch »v<* uberschrieben. 



194 November/ Dezember 1841 

Dienstag Abend bei Genast's sehr vergniigt — hubsche Musik — 
Strohmeyer (der alte Bassist, der uns schon bei Lobe gelang- 
weilt) — Regierungsrath Schmidt, ein sehr gebildeter Mann — 
Frau v. Heygendorff — Wir tanzten auch, ich mit meiner Klara 
zum erstenmal als Eheleute wieder — Spat in der Nacht zu 
Hause — 

Mittwoch Abend »Wassertrager« v. Cherubini im Theater — Ge- 
nast war prachtig — die Musik bleibt immer frisch — wir waren 
ganz durchdrungen — 

38 Donnerstag d. 25sten Abends Concert im Schloft 491 — die Herr- 
schaften recht freundlich mit Klara — eine Sangerin Pauline 
Lang aus Carlsruhe — Liszt war angekomen — Grofie Freude 
— Wir trafen ihn in unserm Gasthof — der Champagner flofi wie 
in Bachen — er war sehr lieb u. herzlich. Wir blieben noch Frei- 
tag da seinetwegen; die Aufregung war grofi. Ftirst Lichnowsky, 
einen vornehmen Abentheurer, lernten wir auch kenen. Liszt 
spielte auch Einiges — man (k) erkennt ihn durch verschlossene 
Thiiren hindurch — das Urtheil iiber ihn steht fest. Wir a£en 
Mittag zusamen. 

Der Abend war einer der lacherlichsten und langweiligsten. 
Liszt war zu Hof eingeladen, wollte aber auch zu Lobe komen, 
der eine ziemliche Gesellschaft zusamengebeten hatte. Die Ge- 
sellschaft, in der Erwartung auf Liszt, quake sich nun vier Stun- 
den hin auf das Furchterlichste — Endlich kam er l / 2 12 Uhr — 
Noch in der Nacht fuhren wir nach Leipzig zunick. Liszt hatte 
uns das 

39 Versprechen gegeben, in unserm Concert zu spielen — wie[?] er 
auch Wort gehalten hat, wie er sich denn in Allem als liebevoller 
Mensch u. Freund fur uns gezeigt. 

Den 27sten gegen Abend kamen wir in Leipzig an. Schreibe Du 
nun, meine liebe Frau, und vergifi dabei nicht mir ein freund- 
liches Wort zu sagen, Deinem Freund und Lebensbegleiter 

Robert. 
Dienstag am 14ten December. 



CLARA SCHUMANN: 

, Vom Iten bis Jiten^ 47 December . 

Ich weifi nicht, wo anfangen, so viel giebt es nachzuholen — ich 
habe mir aber auch vorgenomen, mit dem neuen Jahr mufi das 
Tagebuch, alle 14 Tage wenigstens, richtig abgeliefert werden, 
und gewifi, mein lieber 048 Mann^ 49 ist dabei!? 

047 Ursprtinglich »14«, durch »31« iiberschrieben, 

048 Danach ein durch Streichung unleserlich gemachtes Wort. 

049 »Mann« iiber der Zeile eingefiigt. 



Dezember 1841 195 

Nun, was ich weifi, will ich schreiben, was ich vergesse, verzei- 
hest Du mir — Nichts von all den Begebenheiten dieses Monats 
zu vergessen ist eine Aufgabe. Ich will die Tage nach der Reihe 
nehmen, vielleicht geht's da am Besten. 

D. lten kam Liszt von Weimar hier an, und Nachmittag probir- 
ten wir das Hexameron 492 zusammen. Dies ist ein furchtbar bril- 
lantes Sttick, es mag wohl Keines daruber gehen. Wir freueten 
uns Liszt einmal wieder in unseren Mauern zu sehen, und ver- 
eint (das vorige Mai waren wir noch Brautleute) seine Gegen- 
wart geniefien zu konnen. 

Donnerstag d. 2ten gaben wir ihm zu Ehren ein Dinee — mein 
erstes grofies Debut als Hausfrau. Frege% Hdrtels, Davids u. A. 
waren unsere Gaste, und Liszt belebte das Ganze, durch seine 
gewandte Sprache, und Liebenswiirdigkeit, spielte auch eine 
Kleinigkeit — genug, um schon den Meister auf dem Pianoforte 
zu zeigen, der es beherrscht, wie gewifi kein Zweiter. Fiirst Lich- 
nowsky gait fiir ein capriccioses Frauenzimmerchen, das (zu- 
gleich) mit alien Tugenden und Untugenden eines solchen be- 
haftet ist. Er ist iibrigens nicht ohne Geist, wie auch seine Bii- 
cher 493 (iiberwas?^ 50 bezeugen sollen. 

D. 3ten ging Liszt nach Dresden — ich wollte die Zeit benutzen, 
um zu meinem Concert zu iiben, doch ein Damon mufite sich 
dagegen verschworen haben, denn ich stach mich in den Finger 
und durfte nicht spielen. 

Sontag d. 5 ten kam Liszt wieder, um Montag d. 6ten das Duo 
mit mir zu spielen 494 . Wie das Publikum seine Gefalligkeit gegen 
uns aufnahm lafit sich denken. Es machte Furore, und wir mufi- 
ten einen Theil davon wiederholen. Ich war nicht zufrieden, so- 
gar sehr unglticklich diesen Abend, und die folgenden Tage, 
weil Robert von meinem Spiel nicht befriedigt war, auch argerte 
ich mich, dafi Roberts Symphonieen nicht besonders ausgefuhrt 
wurden, und hatten sich diesen Abend iiberhaupt^ 51 manche 
kleine Fatalitaten ereignet, mit Wagen, vergessenen Noten, 
wacklichen Stuhl beim Spielen, Unruhe vor Liszt ect: ect: Es ver- 
einigte sich zu viel des Guten — Liszt> ein ungeheuer voller Saal 
(900 Menschen) - 

als dafi nicht etwas Unangenehmes^ 52 mein Vergniigen daruber 
hatte storen sollen. 

In der Pause war Liszt so aufmerksam mir einen Blumenstraufi 
zu bringen, was das Publikum sehr freundlich aufnahm. Man 
empfing mich bei'm ersten Auftreten mit allgemeinem Applaus, 

050 Danach freigelassen. 

051 »uberhaupt« iiber der Zeile eingefugt. 

052 Ursprunglich »Ang«, durch »Una« iiberschrieben. 



196 Dezember 1841 

der sich wahrend des Concertes steigerte, obgleich, wie Robert 

sagt, ich nicht so gut gespielt habe, als oft andere Male — ich 

mufi es auch zugeben! — 

Wir bezeigten Liszt unser Wohlgefallen uber seine Freundhch- 

keit fur uns, in einem Geschenk, einen schonen silbernen Be- 

cher, mit unser beider Namen darauf , den er vorfand, als er von 

Dresden abermals zuruckkehrte, um sein eigenes Concert 495 zu 

geben, zu dem er sich endlich (breden)[?] bereden liefi. 

(D.) Nach dem Concerte gab Liszt ein ausgesucht feines^ 53 

Abendessen — Austern und Forellen machten den Anfang. Wir 

waren Beide miide, und 

43 entfernten uns bald; die Anderen mogen wohl noch lange ge- 
schwarmt haben. Wir fanden Liszt am andern Morgen im Bene 
liegend, worin er den ganzen Tag blieb, bis 

Mittwoch d. 8 wo er wieder nach Dresden reiste. 
Abends waren wir bei VbfiJ^fV, mit Leuten zusammen, fiir die 
wir, wie sie fiir uns, wenig^ 54 pafiten — ich bin arrogant genug 
zu glauben, dafi uns^ 55 Voigt gebeten, um seiner Soiree ein In- 
teresse zu geben. 

Donnerstag d. 9 waren wir zu einem brillanten Dinee bei Scblet- 
ter gebeten. Dem mogen es an Silber und Gold wenig Fiirsten in 
Deutschland gleich thuen. Die Gesellschaft war grofi, aber gar 
nicht steif, und Scbletter ist ein (guter) Mann ohne viel Geist 
zwar^ 56 , aber [hat] Gemiith, wie mir scheint. Ich mag ihn wohl. 
Das Concert 496 Abends mochte wohl das langweiligste dieses 
Jahres gewesen sein. Hermanns unendliche Symphonie erregte 
allgemeines Mifif alien; es that mir sehr leid, denn sie ist gut ge- 
arbeitet, 

44 und zeigt gewifi von einem denkenden Musiker, ist aber trocken 
und ungefallig und lang, wie mir selten ein Stuck vorgekommen. 
Sie vereint Alles, um ein Publikum zur hochsten Verzweiflung 
zu bringen. Die Gebriider Stahlknecht hatten mit ihren Duo's 
besser in eine Schenke gepafit — etwas hart, aber wahr! Der Cel- 
list scheint ubrigens nicht ohne Talent. 

Sonntag d. 12 gab David dem Liszt ein Dinee, wozu wir auch 
geladen waren. Nach Tisch probirte er das Septett von Hummel, 
das er aufierordentlich spielt, wiewohl man wohl hie und da viel- 
leicht eine Stelle anders gespielt wiinschte. Doch welcher Kiinst- 
ler in der Welt mochte es Allen recht machen! Liszt mag spielen, 
wie er will geistvoll ist es immer, wenn auch manchmal ge- 

053 Danach ein gestrichenes, nicht lesbares Wort. 

054 »wenig« uber der Zeile eingefugt. 

055 Ursprunglich »U«, durch »u« uberschrieben. 

056 »zwar« iiber der Zeile eingefugt. 



Dezember 1841 197 

schmacklos, was man aber ganz besonders seinen Compositio- 
nen vorwerfen kann; ich kann sie nicht anders als schauderhaft 
nennen — ein Caos von Dissonanzen, die grellsten, ein immer- 
wahrendes Gemurmel im tiefsten BaE und hochsten Dis- 
kant zusammen, langweilige Introductionen ectP 57 als Compo- 
nist konnte ich ihn beinah hassen. Als Spieler hat er mich aber in 
seinem Concerte am 13ten in das hochste Erstaunen gesetzt, 
und ganz besonders in der Don Juan Fantasie, die er hinreiftend 
spielte — sein Vortrag^ 58 des Champagnerliedes wird mir unver- 
gefilich bleiben, dieser Uebermuth, diese(s) Lust mit der er das 
spielte, war einzig! man sah den Don Juan vor den springenden 
Champagner-Stopseln, in seiner ganz[en] Ausgelassenheit, wie 
ihn sich Mozart nur irgend kann gedacht haben.^ 59 Nach dem 
Concert afien wir zusamen bei Heinricb Brockhaus zu Abend — 
von Liszt war nicht viel zu haben, denn 2 Damen hatten ihn in 
Beschlag genomen. Ich bin uberzeugt die Damen iiberhaupt sind 
Schuld, wenn Liszt sich zuweilen sehr arrogant zeigt, denn sie 
machen ihm uberall die Cour auf eine mir unausstehliche Weise, 
die ich auch hochst unschicklich finde. Ich verehre ihn auch, 
aber auch die Verehrung mufi eine Granze haben. Ich schwatze, 
nicht wahr, lieber Robert, verzeih! gieb mir einen Klapps. — 
Donnerstag d. 16 spielte Liszt zum letzten Male 497 , das Es dur 
Concert von Beethoven meisterhaft, dann aber ito^ert-Fantasie 
schrecklich geschmacklos, und auch hinterdrein den Galopp. Er 
schien ermiidet, was bei seiner Lebensart 498 — er war erst fruh 
von Halle gekomen, wo er die Nacht geschwarmt, und hielt 3 
Proben noch am Vormittag — nicht zu verwundern ist. 
{Nach dem Concert afien wir zusammen) 

NB: Wir spiel ten das Hexameron in Liszt[s] Concert noch ein- 
mal mit demselben Furore als das erste Mai. 
Freitag gaben wir eine kleine Soiree — unsere Gaste waren aus- 
gesucht. Madam Ungher-Sabatier lernte ich erst in diesen Tagen 
kennen, und horte sie auch heute; obgleich mit heiserer Stimme, 
so ergriff sie mich doch aufs tiefste, wie selten ein Gesang — ich 
weifi nicht, ob es an mir lag, ich mufite weinen, wie es mir selten 
bei Musik passirt. Ihre Personlichkeit ist hochst liebenswiirdig, 
bescheiden und anspruchslos, wie es mir bei einer Sangerin 
aufier Pauline Garcia nicht vorgekommen. Ihr Mann [Francois 
Sabatier] schien mir sehr still. Madam Schubert aus Dresden und 
Herr Schober aus Wien waren mit da; Schober soil ein sehr geist- 

057 Danach mehrere Worte durch Streichung unleserlich gemacht. 

058 Urspriinglich »v«, durch »V« tiberschrieben. 

059 Die folgenden Notizen bis »Klapps.— « auf dem Seitenrand hinzu- 
gefiigt und durch Kreuze an diese Stelle verwiesen. 



198 Dezember 1841 

reicher Mann sein! er hatte friiher einen Namen als Dichter vie- 
ler von i\<> 60 Schubert componirter Lieder. 

47 Liszt kam, wie immer, sehr spat! er scheint es zu lieben, die 
Leute auf sich warten zu lassen, was mir nicht gefallt. Er kommt 
mir liberhaupt wie ein verzogenes Kind vor, gutmuthig, herrsch- 
siichtig, liebenswiirdig, arrogant, nobel und freigebig, hart oft 
gegen Andere — ein sonderbares Gemisch von Characteren. Wir 
haben ihn aber doch sehr lieb gewonnen, und gegen uns hat er 
sich auch immer aufs Freundlichste (gegen uns) gezeigt. Es that 
uns doch leid, als er abreiste — wer weiE wann wir ihn wiederse- 
hen! — Mich sollte es wundern, ginge er nicht nachstens nach 
Amerika. Er reiste 

d. 18ten hier ab nach Halle. Wir sollten ihn bis dahtn begleiten, 
(wir) sehnten uns aber gar sehr nach Ruhe. Liszt's ganzes Wesen 
und Treiben ist nicht geeignet Einem zu einem Augenblick Ruhe 
kommen zu lassen. Nach seiner Abreise ging wieder das Weih- 
nachtstreiben los, das Laufen und Kaufen, und so wurde uns 
auch jetzt noch keine Ruh: 

48 Die Tage bis zum 24ten gingen daniber hin. Ich versuchte dem 
Robert Etwas zu componieren, und siehe da, es ging! ich war se- 
lig wirklich einen ersten und zweiten Sonatensatz 499 zu vollen- 
den, was denn auch seine Wirkung nicht verfehlte, meinem lie- 
ben Manne namlich eine kleine Ueberraschung zu bereiten. 
Aber auch Er beschenkte mich und mein Mariechen mit einem 
reizenden Wiegenlied 500 , das er noch am Weihnachts-Nachmit- 
tag componirte. 

Es war ein schoner Weihnachten, noch schoner als der Vorige. 
Was wir damals hofften, war jetzt verwirklicht — unser kleines 
Mariechen konnte sich mit uns freuen, wenn auch nur iiber die 
Lichter all. Mir machte es unendliches Vergmigen auch ihr ein 
kleines Baumchen anzuztinden, und sonst noch einige Kleinig- 
keiten, als Piippchenj Katzchen ect: zu bescheeren. Wir sind 
doch sehr gliicklich, nicht wahr, mein theurer Robert? ich 
denke, Du sagst Ja, und giebst mir einen Kufi. 

49 Wenzel y Renter, J. Becker und Lorenz brachten den Abend bei 
uns zu; wir waren ganz vergnugt. 

Robert hatte mich aufierdem sehr reichlich beschenkt, und was 
mich besonders freuete, waren die ^ron'schen Werke, wovon 
der letzte Band ihm vom Uebersetzer [Adolf Bottger] dedicirt 
ist 501 , und ein Stammcapital fur Marie, bestehend in einem al- 
ten Ring von seiner Mutter und einigen Miinzen. Solch ein Ge- 
schenk finde ich sehr htibsch fur Kinder, es flofit ihnen eine ge- 



O60 »F.« auf dem Seitenrand hinzugefiigt. 



Dezember 1841/Januar 1842 199 

wisse Pietat fur ihre Voreltern ein, und bleibt ihnen immer ein 
werthvolles Andenken^ 61 an sie, wie an die Eltern; 
Habe noch einmal Dank, mein Guter, fiir all Deine Liebe! — 
Den 2ten Feiertag waren wir mit Fleischers auf dem Gewand- 
hausball — es war der Erste und vielleicht auch der Letzte, den 
wir besuchten. Wir waren froh, als wir dieses Vergntigen uber- 
standen hatten. 

D. 28 kam David> und bat mich dringend im Neujahrsconcert 

zu spielen — ich sagte es zu, obgleich das Clavier 3 Wochen ge- 

ruht hatte, und nahm mir auch noch vor, das G moll Concert 

von Mendelssohn dazu einzustudieren. Wie es ausgef alien, magst 

Du, lieber Mann, berichten — es gehort nicht mehr in diesen 

Monat, und fiir jetzt habe ich genug! 

Sylvester feierten wir bei Champagner, ich aber nur halb, denn 

es war ja der Vorabend vom Concert. 

Der Mitternachtskufi war zartlich, nicht weniger der Neujahrs- 

kuE, und ich hoffe, wir bleiben uns auch in diesem Jahre in 

treuester Liebe ergeben. ' 



ROBERT SCHUMANN: 

Notizen vom lsten Januar 1842 
bis zum 18ten Februar. 

Jan.fuar] 1. Im Gewandhausconcert 502 Clara mit gr.[ofiem] En- 

thusiasmus aufgenomen. 

Arbeiten am Text der Peri — Geschenk vom Konig [Friedrich 

August II. von Sachsen] 503 — 

Jan.[uar] 11. Quartett, worin Clara spielte 504 — Graf Reufi aus 

England zuriik — mein hubsches Becomplimentiren Dr. 

Kiihne's. 

Jan.[uar] 12. Bennett's Ankunft. 

Jan.[uar] 13. Neue Symphonie v. Spohr, hochst interessant 505 . 

— 14. Bei Voigt zu Tisch mit Bennett. Schlittenfarth nach 
Connewitz. 

— 15. Klara hat ihre Sonate fertig — Marie imer wohl u. 
munter zu unserer Freude — 

— d. 16. Bennett u. Bottger zu Tisch. 

— d. 17. Concert (Abschieds) d. Meerti 506 . 

Am Arrangement f. P[iano]f[or]te d. Symphonie [B-Dur] ange- 
fangen 507 — schreckliche Tage u. Plage dabei — 

— d. 18. Soiree bei R. Hartel - 
d. 24. Concert v. Verhulst 508 . 

061 Danach ein Buchstabe oder Komma ausradiert. 



200 Janmr/Februar 1842 

Clavierspieler Krause! — 
d. 27. Im Concert 509 die Shaw zum erstenmal. 
52 d. 28sten. Abendessen bei Dr. Hartel — 

d. 29sten. Mit Kl.[ara] im Hotelde Baviere bei Bennett zu Tisch — 
d. 30s ten. Bei Voigts zu Tisch — einige Musik — Bennett — 
d. 31. Tuyn's Abschiedsconcert 510 — Krause! — 
Ich fast imer unwohl — Blasedow von Gutzkow gelesen — Viel 
in Mozart'schen Symphonien gelesen — viele neue kenen ge- 
lernt 511 — 

Februar. 

d. 3. Bei F. Brockhaus zum Diner — Clavierspieler Krliger aus 

Stuttgard — 

d. 7. Hermann, Willkom u. Marggraf zu Tisch — 

Von da an fast imer krankelnd bis heute, den Tag unserer Ab- 

reise d. 18ten. 

Parish Alvars, Reiners. 

Am 14ten Abschied v. Bennett, der wieder nach Berlin. 



Tagebuch 14 

Reisenotizen V: Hamburg 1842 
18.2. - 12. 3. 1842 



Robert-Schumann-Haus Zwickau, Signatur 4871 /VII A/b 5 

Das Heft hat einen originalen Kartonumschlag (grau mit roten 
Ornamenten), der von Schumann mit Tinte beschriftet wurde: 

Reisenotizen. V. 

Reise liber Bremen nach 

Hamburg. 1842. 
Es enthalt ein Blatt Papier und zwei starke Kartonblatter im 
Format 14,6 X 8,3 cm. Die Numerierung der Seiten 1 bis 7 
(3. Umschlagseite) erfolgte durch Schumann mit Bleistift und 
wurde teilweise von fremder Hand verbessert. Alle numerierten 
Seiten sowie die 2. Umschlagseite sind mit Bleistift beschrieben. 
Die Signatur ist auf der 4. Umschlagseite unten mit Bleistift ein- 
getragen (Handschrift Georg Eismann). 

Die eigentlichen Reisenotizen (Seite 3 bis 7; Seite 2) wurden in 
chronologische Folge gebracht. 



202 Februar 1842 



[2. Umschlagseite] 
Von zu Haus 
Bremen d.23.0 1 
Oldenburg d. 25sten^ 2 
Bremen d. 28sten 
Hamburg, d. 5ten Marz 

Th. 323. = 
Th. 389. 8. 



321 Th 


- 323. - 


20 L[ouis]d'or 


= 108. — 


16 L[ouis]d'or 


- 84.- 


17 L[ouis]dor 


= 89.8 


20 L[ouis]dor 


= 108.- 



Th. 712. 8. 



TRT200. 

216. 
64. 
T. 480 
323 
Th.157. 
An Clara in Hamburg: 10 L[ouis]dor = 54 Th. 
100 Mark = 40 Th. 

i.^ 3 Anweisung 
108 

108 

84 

(89 

Th 281 

108 

Th 389.)<> 4 

fUNBEKANNTER: 

[Entwurf zur Dedikation der Sinfonie B-Dur] 

Dem Allerdurchlauch- 

ugsten, GroEmachtigsten 

Konige und Herrn 

Herrn Friedrich August, 

Konige von Sachsen 

PPPPPP 
meinem allergnadigsten 

Konige und Herrn. f 

ROBERT SCHUMANN: 1842. 18 Febr.[uar] Abreise - 
Dampfwagen — Magdeburg (Dom)^ 5 — Halberstadt — 19. 
Braunschweig — GasthofVerwechslung — Griepenkerl — der 
Alte [Griepenkerl] — Carl Muller — Frau v. Btilow — 20. iiber 

01 »d. 23.« iiber der Zeile eingefiigt. 

02 »d. 25sten« iiber der Zeile eingefugt. 

03 »i.« iiber der Zeile eingefugt. 

04 Durch Bleistiftkringel ausgestrichen. 

05 »(Dom)« unter der Zeile hinzugefiigt. 



Februar/Marz 1842 203 

Hildesheim — Amerikanische Plane — das Gedicht im 
Wirthhaus — Hannover — Nachtlager in Neustadt — 21. Heite- 
res Wetter — Mittagessen in Azendorf^ 6 — Abends Ankunft in 
Bremen — Eggers — Topken — 

22 Dienstag. Friih bei Moller, Sengstakes, Schmidt, Riem, Klug- 
kist — Zu Tisch bei Eggers — Angenehm — Museum — Abends 
im Rathskeller — eigenthumlich gemtithlich — 

23. Mittwoch — friih Probe — der alte lebendige Riem — Caro- 
line Quenstadt — Abends Concert 512 — Symphonie — auszeich- 
nendes Entgegenkomen — dann Abendessen in der Union — 
imer amerikanische Gesprache — 

24. Donnerstag. Um 1 nach Oldenburg — herrliches Wetter — 
Ankunft um 6 — Wohnung bei Pott — Soiree — v. Beaulieu — 
v. Wedderkop — SchleiEer — 25. Freitag — Pott's Frau gute Mu- 
sikerin — Amoll Sonate v. Beethoven — 



07 



II. ^ 8 Abends Concert im Theater 513 — Clara sp.[ielt] gut — vieles 
aufierordentlich schon — der Hof — dann Abendessen — Brief 
v. Beaulieu — Zank u. Aufregung — (Symphonie v. Pape durch- 
gelesen) — 26. Sonnabend friih fatale Stimung — Ausglei- 
chung auf meine Kosten — Wunderschones Wetter — Spazier- 
gang mit Pott — Clara bei Hof — Um 4 Uhr nach Bremen zu- 
riick — 27 Sonntag. Besuche bei Stoman, Liihrmann — 
(Nach}Mittag° 9 bei Tisch Molique — Abend bei Eggers Gesell- 
schaft — Trio v. Mendelssohn — Bei Tisch neben^ 10 Mad.[ame] 
Eggers u. ihrer Schwester — (im) hiibsch — doch miide — Mon - 
tag d. 2#sten — friih Vielliebchen v. d. Schmidt gewonen — 
Lieder probirt — Abends Soiree Klara's in d. Union su — Elise 
Miiller — Rakemans Bruder — Nach d. Soiree kl.feines] Souper 
bei uns — Topken — Eggers — Riem — Schmidt's — sehr ver- 
gniigt — d. lsten Marz, Marie'chens (Geb) halbjahrigen Ge- 
burtstag erwartet — Topken — guter Kerl — 
Dienstag d. 1 sten Marz — friih im Bazar — Museum — na- 
turhistorische Samlungen — Kaffee bei 

O 6 Recte: Asendorf. 

O 7 Parallel zum Seitenrand auf selbstgezogenen Notenlinien geschrie- 

ben. 
O 8 »IL« uber der Zeile hinzugefiigt. 
O 9 Urspriinglich »m«, durch »M« uberschrieben. 
OlO Danach ein gestrichener, nicht lesbarer Wortanfang. 



204 Marz 1842 

bei Eggers — Abschied — Abfarth urn 6 Uhr nach Haarburg — 
Mittwoch 2 Marz — Abfarth mit dem Dampfboot nach Ham- 
burg — die Elbe — Stiirmisches Wetter — die Thiirme v. Ham- 
burg — Ankunft im Hafen urn 9 Uhr — Ave Lallemant — St. Pe- 
tersburg — Besuche bei Cranz u. Schuberth — Abends Hr. Pa- 
rish — Quartett (Sack — Dr. Busch — ) Theater: die beiden 
Ftichse v. Mehul — kostliche Oper — 

Dcmerstag 3 Marz — friih Besuch bei Grund — um 11. Probe 
d. Symphonie — Concertmeister Lindenau — Canthal — gutes 
Orchester — Abends Concert v. H. Schaffer im Apollosaal 515 — 
dann zu Cranz — Freitag 4 Marz — friih zu Ole Bull — dann 
mit Riefstahl u. Lallemant u. Clara in den Hafen — die Karte 
nach Rio de Janeiro — Zu Tisch bei Lallemant — Abend bei 
Dr. Abendroth — Quartett v. Hafner pp — um V 2 2 Hauptprobe 

— Frl. Witthun — der arme Christern — Sonnabend 5 Marz — 
friih Ulex — E. Marxsen — Abends philharmonisches Concert 516 

— dann zu Schuberth — Geschichten v. Liszt u. Qle Bull — 
Sonntag d. 6ten Marz — 

Friih (bei) mit Lallemant in Homeyer's Austernkeller — dann zu 
Parish — die Tochter Harriet, liebes Madchen — schemes Wetter 

— schone Besitzung — die Bacchianerin — hochst treffliches Di- 
ner — der alte Parish — um 1 1 Uhr zu Haus 

Montag d. 7ten Marz — zu Grund u. Krebs — dann mit Lalle- 
mant' s u. Otten in d. Michaeiiskirche — schone Orgel (Matthe- 
son) — zu Hutmann in Altona — Aussicht auf die Elbe ™- Grund 
bei uns zu Tisch — die gestohlenen Cigarren — viel getrunken — 
Dienstagd. 8 ten Marz schlechtes Befinden — neue Borse bese- 
hen — Ulex['] Frau — vorher Fanny Stahl aus Stockholm — 
Abends Lilly Bernhard — Lallemants bei uns — Lieder von mir — 
viel musicirt — Mittwoch d. 9ten Marz — die wochentl.[ichen] 
Anzeigen — plumpe Recension 517 — Abends Concert v. Sack 518 — 
dann bei Grund zu Austern — die schandliche [?p n 
Fortsetz[un]g. v. S. 7.^ 12 
Storung in der Nacht — friih Einpacken 

DoHerstag d. lOten Marz — Ankunft v. Marie Garlich — 
Schwerer Abschied um 10 Uhr — Nachmittag Ulex mit 
Dr. Wille — zum bayerschen Bier — (dann) friih Austern mit 
Christern. Christern ein armer Teufel — Abends Abschied um 
9 Uhr v. Cranz, Schuberth, Christern, Lallemant, Ulex, Wille — 
die Nacht durchgefahren — Friihsttick in Ludwigslust — 



Oil Parallel zum Rand von fremder Hand notiert: »Forts.[etzung] bei 
Ol2 Die Seitenzahl von fremder Hand verbessert (iiberschrieben). 



Marz 1842 205 

Freitag d. 11 ten Marz den Tag durch gefahren — Architect 
Staman aus Hamburg — 

Sonnabend 12ten Marz fruh 5 Uhr in Berlin — zur Mutter 
[Marianne Bargiel] — Schreck u. Freude. Um 10 Uhr mit dem 
Dampfwagen nach Leipzig, wo ich Abends nach 6 Uhr ankam u. 
mein Kind wieder sah, das frisch u. gesund. — ^ 13 

1 3 Parallel zum Rand eine nicht lesbare Notiz (3 Worte) von f remder 
Hand. 



Tagebuch 13 

Ehetagebuch II 

2. Teil: 

18.2.-19.9. 1842 



53 Reise nach Bremen und Hamburg bis 

zu unserer TreiTung in Hamburg d. lOtcn 
Marz. 

Leipzig, den 14ten Marz. 

Vielleicht dafi ich mir meine Melancholie durch die Erinnerung 
an die letzten Wochen, die ich mit Clara verlebte, etwas ver- 
scheuche. Es war doch einer meiner diimsten Streiche, Dich von 
mir gelassen zu haben. Ich flihle es imer mehr. Fuhre dich Gott 
gliiklich zu mir zuriik. Einstweilen will ich unsere Kleine bewa- 
chen. 

Die Trennung hat mir unsere sonderbare schwierige Stellung 
wieder recht fuhlbar gemacht. Soil ich denn mein Talent ver- 
nachlassigen, um dir als Begleiter auf der Reise zu dienen? Und 
du, sollst du deshalb dein Talent ungenutzt lassen, weil ich nun 
einmal an Zeitung und Clavier gefesselt bin? Jetzt wo Du jung 
u. frisch bei Kraften bist? Wir haben den Ausweg getroffen. Du 
nahmst dir eine Begleiterin, ich kehrte zum Kind zuriik u. zu 
meiner Arbeit. Aber was wird die Welt sagen? So quale ich 
mich mit Gedanken. Ja es ist durchaus nothig, dafi wir Mittel 
finden, unsere beiden Talente nebeneinander zu niitzen u. zu 
bilden. Amerika liegt mir im Sinn. Ein furchtbarer Entschlufi. 
Aber ich glaub fest, er wiirde sich belohnen. Bis zum letzten 
April miifien wir uns entschieden haben. 

54 Der Gedanke an Amerika kam auf der Reise — an einem scho- 
nen Morgen — aus einer kraftigen Stiinung. Ich fuhlte mich an 
diesem Morgen so frisch und unternehmend — die Nahe von 
Bremen, das mit Amerika wie verschwistert ist, machte es wohl 
auch. Wir uberlegten hin und her. Es fesselt uns so wenig hier. 
Nur der Gedanke an Marien, die wir zuriiklafien miifiten, war 
schrecklich. Aber es ware ja auch fur ihr Bestes, fur die Sicher- 
heit ihrer Zukunft. Wir konnten wohl auch in Deutschland rei- 
sen. Aber was kommt heraus? Was Klara erwirbt, verliere ich an 
Verdienst und Zeit. So wollen wir lieber zwei Jahre an einen 
grofien Plan unseres Lebens setzen, der uns, wenn er gliiklich 
ausschlagt, fiir das ganze Leben sichert. Und dann kann ich 



Februar 1842 (R) 207 

mich ja ganz meiner Kunst ergeben, wie es mein sehnlichster al- 
leiniger Wunsch ist. Leite du, der uns bis jetzt vereint und gelei- 
tet, auch unsere ferneren Schritte. — 

Am 18 ten Februar Nachmittag reisten wir ab — ich noch sehr 
unwohl, aber die Luft frischte mich wieder auf. Klara war wohl; 
der Schmerz, von Marie sich trenen zu miissen, sah ihr wohl 
manchmal aus den Augen. 

Um 6 Uhr trafen wir in Magdeburg ein. Den Dom sah ich nur in 
den grobsten Umrissen, so stark war der Nebel. Die Reise bis 
Braunschweig uberhaupt wenig angenehm — die Wege unerhort 
schlecht. 

Am 19ten Sonnabend Ankunft in Braunschweig. Die Gasthof- 
verwechslung war komisch genug; wir glaubten nahmlich in (ei- 
nem) dem Gasthof neben uns zu wohnen. Der junge Griepen- 
kerl kam bald. Ein aufierst hiibscher Mensch, dem Witz und 
Geist aus Lippe u. Auge spricht. Er lud uns zu seinem Vater ein, 
bei dem wir C[oncert] M.[eister] Miiller u. Frau v. Biilow trafen. 
Der Alte ist ein enragirter Bachianer; wir verstandigten uns 
recht gut. Auch v. Friedemann Bach zeigte er mir Compositio- 
nen: Polonaisen, die mir sehr interessant schienen. Clara spielte 
einiges — zu ihrer Qual — denn der Fliigel war ganz invalid. Wir 
nahmen daraus die gute Lehre, auf schlechten Instrumenten 
nicht vorzuspielen. Vorziiglich ich, der ich*s auf keinem thue. 
Sonntag d. 2<9sten heiterte sich der Himel nach u. nach auf 
(z) bis zum schonsten. Hier war's, wo zum erstenmal die Ge- 
danken an Amerika erwachten, die uns dann die folgenden Tage 
imerwahrend beschaftigten. Kurz nach dem Erwachen des Ge- 
dankens fiel mir im Gasthof ein Blatt in die Hande mit einem 
Gedicht, was mich recht traurig machte. Es war darin von einem 
Jiingling die Rede, der auch einen fremden Welttheil aufsucht, 
und dort von seinen Hoffnungen betrogen sich mit seiner Leyer 
ins Meer stiirzt. Dafi es ein Jiingling war, machte die schlime 
Vorbedeutung wieder etwas gut. Klara las das Gedicht auch und 
schien dariiber nachzusinen. 

Wir fuhren neben Hildesheim voruber, schnell durch Hannover 
durch, wo wir kein Verlangen hatten zu bleiben. Klara kennt 
diese Stadte auch alle schon von friiher. Nachtlager in Neustadt 
in einem sehr guten Gasthaus. Es war uns recht wohlig zu 
Muth; wir tranken eine kleine Flasche Champagner. 
Montag d. 21. sten bei heitrem Wetter Weiterreise nach Bre- 
men ohne besonderes Interesse — die Gegend ist ganz traurig — 
lauter Sumpf und unedles Geholz — Abends Ankunft in Bremen — 
Topken u. Eggers kamen gleich. Herzlicher Empfang. 
Dienstag, den 22 sten. Fruh Besuche bei Verschiedenen : 
Mad.[ame] Sengstake (Schwester v. Grund), Schmidt's, dem al- 



208 Februar 1842 (R) 

ten Riem, dem jungen Klugkist. Riem ist die interessanteste 
mus.[ikalische] Bekantschaft in (Dresden) Bremen^ 1 ; er scheint 
Ideale in sich getragen zu haben, die er nicht erreicht — und 
vielleicht nicht ganz zufrieden mit der Welt, die ihm keine Aner- 
kennung gezollt. Meine Symphonie hatte er gut durchstudirt. — 
Schmidt's kanten wir schon: die Frau ist abgebliiht, doch noch 
immer wohl zu leiden. — Klugkist hatte ich schon in Heidelberg 
kenen gelernt: ein schatzbarer Mensch, vielleicht etwas eingebil- 
det.^ 2 — Wir afien Mittag bei Eggers — ein Ehepaar, das sich fur 
Kiinstler ganz hinzugeben scheint. Topken, ein alter lieber Be- 
kannter, war sichtlich vergniigt liber unser Dasein. — Museum, 
ein (grofies) Casino mit grofier Leseanstalt. — Abends verlebten 
wir ein paar frohliche Stunden im Rathskeller. Man kann 
sich kaum behaglicher fiihlen, als in diesen Zellen, beim Rhein- 
wein und neben lieben Menschen. Ich hatte noch lange unten 
aushalten konen. Der 23ste verlangte aber klare Kopfe. . 

58 Mittwoch d. 23s ten friih Probe im schonen Concertlocal. 
Gut zusamengespieltes und starkes Orchester. Der Fliigel v. 
Hartels, den sie nach Bremen zu Clara's Disposition geschickt, 
nahm sich leider nicht gut aus, auch Abends nicht. Frl. Caroline 
Quenstadt aus Braunschweig die so singt wie sie aussieht, d. h. 
frisch und gesund, sang die Widmung aus d. Myrthen. 
Abends t512) ging die Symphonie besser, als ich nach einer Probe 
gedacht. Mit dem Beifall sind die^ 3 Bremer karg; die VersarrT 
lung hat iiberhaupt mehr (einen ge) den Charakter einer ge- 
schlossenen Gesellschaft. Clara spielte auf dem tonarmen Fliigel 
nach Kraften schon. Nach d. Concert ein kleines Souper in der 
Union. Alles recht freundlich u. anstandig. Der alte Riem toa- 
stete viel. 

Donne rs tag d. 24s ten um 1 [Uhr] nach Oldenburg bei herr- 
lichem Wetter — Wir wohnten bei Pott, der uns seinen Bedien- 
ten entgegengeschickt hatte. Seine Frau, eine Wienerin, gibt zu 
denken auf; sie ist artig, musikalisch, leise, doch lebhaft wenn sie 
spricht, ein eigenthiimliches Wesen. Er soil ein Schalk u. com- 
pleter Hofmann sein. Er 

59 hatte zu Abend eine adlige Gesellschaft zu sich geladen. Clara 
spielte viel u. vorziiglich. Hr. v. Beaulieu, fein und zuvorkomend 
im Benehmen, zeigte sich Tags darauf in Hinsicht meiner ohne 
Lebensart. Eine fatale Geschichte — diese. Zur Warnung fur 
gleiche Falle. — Ein Hr. von Wedderkopp, gebildeter geistrei- 
cher Mann. 

01 »Bremen« tiber der Zeile eingefiigt. 

02 »ein« uber der Zeile eingefiigt. 

03 Danach ein gestrichener, nicht lesbarer Buchstabe. 



Februar/Marz 1842 (R) 209 

Freitag d. 25s ten. Pott spielte mir einiges, auch mit seiner 
Frau die A moll Sonate v. Beethoven — Er erinert viel an Lipin- 
ski, den er indefi kaum kennt. Abends Concert im Theater (513) , 
wohl eines der kiirzesten, von denen die Welt gehort. Das Publi- 
cum ging noch wie im Traum auseinander. 
Nach dem Concert der Brief des obenerwahnten Beaulieu. Zank 
u. Aufregung. Meiner Klara mufi ich das Zeugnifi geben, dafi sie 
sich musterhaft dabei benomen. 

Sonnabend d. 26s ten Ausgleichung auf meine Kosten — es 
geschah^ 4 aus gutmiithiger Schwache von mir, da ich nun einmal 
nicht Streit u. Hader leiden kann — Clara fuhr also zu Hof u. 
kam erfreut iiber die Aufnahme zurtick. Der Gedanke meiner 
unwiirdigen Stellung in solchen Fallen liefi aber keine Freude in 
mir aufkomen. 

Wir fuhren noch nach Bremen zurtick. 

Sonntag d. 2 7 s ten bei Tisch Molique, der nach Holland und 
England will. Abends Gesellschaft bei Eggers. Clara spielte das 
Trio v. Mendelssohn mit E.[ggers] u. Klugkist, und noch Eini- 
ges. Unsere grofie Miidigkeit. 

Montag d. 28sten — Rakemann's Bruder liefi sich sehen; er 
sieht [aus] a la Liszt. Mad.[ame] Schmidt gewann ich ein Viel- 
liebchen ab; wir probirten mit ihr die Lieder, die sie Abends sin- 
gen sollte. Billard mit Molique. Abends Soiree (514) und feines Pu- 
blicum. Mein armes Klarchen kam nicht vom Fliigel weg. Nach 
der Fuge v. Mendelssohn in E Dur war ich so zerstreut, dafi ich 
stark mit applaudirte, so schon hatte Cl.[ara] gespielt. Dr. En- 
gelken, Irrenarzt, schon v. Heidelberg aus bekannt. Elise Miil- 
ler, ein Original wie es scheint. Einige Worte mit ihr gewechselt. 
Nach d. Soiree kleines Souper bei uns. Riem, Egger's, 
Schmidt's, Topken. Sehr frohlich. Wir warteten bis Marie'chens 
halbjahrigen Geburtstag d. Isten Marz. 

Dienstag d. Isten Marz im Museum naturhistorische Samm- 
lungen — Kaffee bei 

Eggers — Abschied von ihm u. Topken — Abfarth um 6 Uhr 
nach Harburg in stiirmischer Nacht — 

Mittwoch d. 2ten Marz fruh 7 Uhr Abfarth mit dem Dampf- 
boot nach Hamburg, das man schon in der Feme sieht — 
schlechte Witterung. Klara spazierte viel auf dem Verdeck 
herum. Ankunft im Hafen um 9 Uhr — ein neuer Anblick fur 
mich. Ave Lallemant erwartete uns. Wir wohnten im St. Peters- 
burg. Cranz u. Schuberth, zwei Antipoden. Abends eine Weile 
im Quartett v. Hafner, Sack pp. Dann im Theater: die beiden 
Fiichse v. Mehiil — kostliche Oper. Krebs dirigirte gut, doch mit 

04 Urspriinglich »erg«, durch »ge« iiberschrieben. 



210 Marz 1842 (R) 

vielen Gesten und Faxen. Als wir in's Theater traten, probirte d. 

Flotist (Canthal) eben fiir ein Solo aus meiner Symphonic, was 

mir komisch vorkam. 

Donnerstag d. 3 ten Marz besuchte ich friih Grund und ging 

mit ihm m.[eine] Symphonie durch; Grund ist ein echt musikali- 

sches Germith. Dafi (ihn> er^ 5 das viele Stundengeben nicht ge- 

todtet, mufi man bewundern. Er componirt auch trefflich u. 

zeigte mir spater eine Oper. 519 

Von Grund in die Probe. Die Musiker nahmen sich sehr zu- 

samen und spielten frisch an der Symphonic Grund's Bemer- 

kungen fand ich alle sinnig. Concertmeister Lindenau. 

62 Abends Concert d. Liedertafel v. H. Schaf[f]er im Apollo- 
saalt 515 >. 

Klara war indefi bei Cranz, wo ich spater auch hinging. Cran- 
zens Widerspruchsgeist hat etwas sehr Komisches. Die Tochter 
scheint originell. 

Freitag d. 4 ten Marz besuchte ich friih Ole Bull, der fast 
kriechend vor Hoflichkeit doch imer etwas Anziehendes hat. 
Riefstahl aus Frankfurt kannte ich schon friiher; mit ihm u. Lal- 
lemant fuhren wir nach dem Hafen. Klara angstigte sich viel da- 
bei. Wir bestiegen ein Schiff, das eben aus Rio angekornen. Die 
Schiffsleute darauf waren sehr gefalHg. Trinkgelder nahmen sie 
nicht an. Zu Tisch bei Lallemant, der eine angenehme gebildete 
Frau hat, wie er es selbst ist. Im Uebrigen hackt u. schimpft in 
Hamburg alles auf einander; was kann da Ordentliches zu 
Stande komen. 

Sehr abgespant gingen wir noch in eine Abendgesellschaft zu 
Dr. Abendroth, wo Hafner pp Quartett spielten. 
Die Hauptprobe um 1/2 2 [Uhr] Mittag ging sehr gut von Stat- 
ten. Christern, der zuhoren wollte, wurde auf Antrag des Orche- 
sters durch Grund zur Thiir hinausgewiesen. Die Musiker zisch- 
ten ihm nach. Das ist Harmonic 

63 Sonnabendd. 5 ten Marz trat friih zu unserer Ueberraschung 
Ulex herein. Er erzahlte uns seine Heirathsgeschichte; sie glich 
einigermafien der unsrigen, nur dafi wir sie ehrlich durchge- 
fiihrt. U.[lex] hat sich in England trauen lassen; die Braut war 
allein nachgekomen. Wir lernten sie spater kenen u. sie gefiel 
Klara. Auch E. Marxsen besuchte uns; seine jiidische Physio- 
gnomic war mir fatal. 

Abends philharmonisches^ 6 Concert^ 16 ). Die Symphonie fing an 
u. wurde sehr gut gegeben. Clara spielte erst mit grofier Sorgfalt 
(das Concertstiick [von Weber]), die anderen Stiick[e] aber, da 

05 »er« uber der Zeile eingefiigt; recte: ihn. 

06 Urspriinglich »phih«, das zweite »h« durch »1« uberschrieben. 



Mdrz 1842 (R) 211 

das Instrument gar nichts hergeben wollte, mit Unlust. Das Pu- 
blicum war verbindlich und sehr aufmerksam. Die Familie Pa- 
rish umzingelte Klara formlich. Nach dem Concert zu Schu- 
berth zu Austern. Gemeine Geschichten v. Ole Bull, die wir 
erfahren. 

Sonntag d. 6ten Marz friih mit Lallemant in einem Austernkel- 
ler — vorher eine Menge Besucher bei uns: Dr. Busch, Oberst 
Stockfleth, Frl. Stahl aus Stockholm, Schuberths, Cranzens, 
Riefstahl, Frl. Lilli Bernhard, pp pp 

Um 3[?] Uhr fuhren wir nach Parish[s] Besitzung zwei Stunden 
v. Hamburg — An Klopstoks 
Grab liefien wir anhalten (in Ottensen). 

Das Wetter war wunderschon. Schone Aussicht von Parish'sens. 
Die Tochter Harriet ein liebes bescheidenes Madchen; wir spiel- 
ten aus der Passion v. Bach, sie schwarmt darin. Dann hochst 
feines Diner. Der alte Parish, ein philosophirender Kopf u. 
Kaufmann, sprach mich ganz miirbe. Um 11 Uhr fuhren wir in 
die Stadt zuriick. — 

Nach langem Schwanken war die Reise nach Copenhagen be- 
schlossen. Montag d. 7ten machten wir mit Otten, Lalle- 
mant's einen Gang nach Altona, vorher in die Michaeliskirche 
mit ihrerwundervollen Orgel. Der Organist war artig, konte in- 
defi nicht sehr viel u. spielte unwiirdige Compositionen. Dann 
zu Hutmann's mit Aussicht auf d. Elbe u. Austern. Zum Mittag- 
tisch hatten wir Gruhd eingeladen, mit dem wir ein paar heitere 
Stunden zubrachten. Symphonie von F. v. Roda in Braun- 
schweig, die mich interessirte 520 . Ich trank zu viel durch einan- 
der an diesem Tag. Die gestohlenen Cigarren u. Verdacht auf 
U.[lex] 

Dienstag d. 8 ten schlechtes Befinden. Die neue Borse besehen, 
das schonste Gebaude von Hamburg. Abends Lallemant's u. Lilli 
Bernhard. Viel musicirt. Klara war recht musikvoll und spielte u. 
sang in einem Athem. 

Mittwoch d. 9ten Concert v. Sack (518 \ in dem Clara spielte, 
dann zu Austern bei Grund. Die Nacht, unsere letzte vor der 
Trennung, brachten wir fiirchterlich hin. In einem Schankkeller 
unter uns (wir wohnten parterre) wurde bis friih 4 [Uhr] auf das 
schreklichste gelarmt und gebrullt. 

Donnerstag d. lOte, der traurigeTag. Marie Garlichs kam an. 
Um 10 Uhr nahmen wir Abschied. — 



212 Mdrz 1842 

Den 30sten Marz. 

Stille Ostern — ohne Klara — wie werden nur die nachsten sein! 

Die Kleine ist lieblich und ganz gesund. In spatestens 3 Wochen 
erwarten wir die Hausfrau zuriick. Sie schreibt fleifiig aus Co- 
penhagen 521 . 

66 CLARA SCHUMANN: Ende Mai. 1842<> 7 . 

Eine grofie Aufgabe ist es, (tiber) sich 2 ganze Monate in's Ge- 
dachtnifi zuriickzurufen, noch dazu Zwei so ergebnifireiche, wie 
es die Verflossenen waren — darum habe Nachsicht mein Ro- 
bert mit einem mangelhaften Bericht, wie ich ihn nur eben noch 
liefern kann. 

»Vom Tage unserer Trennung bis zu dem des Wiedersehens !« 
Donnerstag der lOte Marz war der schrecklichste Tag in unse- 
rer Ehe bis jetzt — wir trennten uns, und mir war's, als sollte ich 
Ihn nicht wiedersehen. Die Reise ging nach Kiel unter Schluch- 
zen, Wehklagen — ich kann nicht beschreiben wie ungliicklich 
ich mich fiihlte, dazu meine Begleiterin Marie Garlichs, ein lie- 
bes Madchen zwar, doch nicht fahig meinen Schmerz zu begrei- 
fen. Wir kamen Abends in Kiel an, und ich ging dann sogleich 
noch an einige Concertbesorgungen, die ich mir hatte ersparen 
konnen, denn 

d. 11 Mittags wurde ich so krank, dafi an Concert nicht mehr zu 
denken war. Ich versuchte es noch eine Stunde vor dem Con- 
certe, mich aufzuraffen, doch alle Kraft hatte mich verlassen, 

67 und der Schmerz war nur urn so heftiger. Das versammelte Pu- 
blikum wurde fortgeschickt, und ich — bezahlte Tags darauf die . 
Unkosten 47 Mark aus meiner Tasche — schoner Anfang! — 
Sonnabend der 12tc war ein Tag neuer Leiden. Ich wollte 
mit dem Dampfschiff nach Kopenhagen, doch dagegen ver- 
schworte sich der Himmel, der Sturm erhob sich zu einer selte- 
nen Heftigkeit, und ich — blieb in Kiel 8 Tage sollte ich warten 
auf das nachste Dampfschiff; sollte ich die miifiig zubringen? 
Ich reiste 

Sonntagd. 13 ten nach Liibeck auf Feldwegen, bei dem hef- 
tigsten Regen und dem Heulen des Windes, wurde aus einem 
Loch in das Andere geworfen, der Krampf lag mir noch immer 
im Korper und verschlimmerte sich nur wieder bei diesen St6- 
fien, dazu die Angst, die Sehnsucht nach meinem Robert, — war 
das nicht genug, urn den Muth zu verlieren? doch ich sollte voile 
8 Tage der Priifung durchmachen, ehe ich an's Ziel gelangte. 

o7 Die Jahreszahl spater mit Bleistift hinzugefugt. 



Mdrz 1842 213 

Ich kam nach Liibeck, mufite aber unverrichteter Sache fort. 
Der Herzog von Schwerin war gestorben 522 , und so 
war seine Oper nach Liibeck gegangen. Ein Theater war fur Lii- 
beck ein Ereignis — sie hatten auf jeden Abend abonnirt — was 
wollte ich machen? ehe ich ein leeres Concert gab, ging ich lie- 
ber. 

Montag d. 14ten machte ich einige Besuche, fand Alle 
krank, aufier Ave% die sehr freundlich gegen mich waren, 
Abends ging ich in's Theater 523 , horte Riefstahl ziemlich mittel- 
mafiig spielen, und 

Dienstagd. 15 ten reiste ich nach Hamburg, dort dachte ich 
konnte ich vielleicht im Theater einmal spielen. Es war ein trii- 
ber Tag, Dieser, mein geprefites Herz machte sich Luft in Thra- 
nen, die unaufhorlich flossen. Nachmittag kamen wir in Ham- 
burg an. — an Spielen war nicht zu denken, Ostern vor der 
Thiir, kein Mensch wollte von Musik wissen. 
Cranz war mein erster Besuch, er war erschrocken mich, die er 
in Kopenhagen glaubte, zu sehen. Ich wollte ihm Nichts merken 
lassen von meiner Betrtibnifi, doch, wer kann flir seine Gefuhle 
— ich weinte mich dort recht aus. Meine Freunde wunderten 
sich, dafi ich trotz alien Unfallen noch nach Kopenhagen wollte, 
einige Male sank mir auch der Muth, ich dachte, der Himmel 
hatte mir all das Unangenehme geschickt, um mich von meinem 
Plan abzubringen, doch der Gedanke an Robert, der Wunsch, 
ihm auch einmal 

ein Scherflein durch mein Talent zu spenden, dann das freudige 
Wiedersehen nach gliicklich durchgefuhrter Reise — das ermu- 
thigte mich wieder, obgleich es mir wohl nicht anzusehen war, 
denn der Kummer verliefi mich keine Minute, dazu kam, dafi 
ich vom Robert, der mich doch schon in Kopenhagen glaubte, 
keine Nachricht bekam, seit beinah 14 Tage nichts vom Kinde 
wufite — oh, es war zum Verzweifeln! — 

Abends ging ich in's Theater 524 um mich zu zerstreuen, haupt- 
sachlich aber um Marie [Garlichs] ein Vergniigen zu machen, 
die bis jetzt nur Unangenehmes durch mich erfuhr. Madam 
Cranz begleitete uns. 

Mittwoch d. ./6ten verbrachten wir ruhig — ich, versenkt in 
Kummer. Die ersten 14 Tage nach unserer Trennung war ich oft 
so gedankenlos, dafi mir schauderte! ich sprach immer etwas 
Anderes, als ich wollte, und wenn mich Jemand nach Dir, mein 
Robert fragte, dann war's aus — die Stimme erstickte mir — Gott 
sey Dank, dafi dieser Zustand nicht lange dauerte! — 



214 Marz 1842 

ROBERT SCHUMANN: d. 16ten: Abends Antigone [von So- 
phokles] in Leipzig zum erstenmal gesehen^ 87525 . 

CLARA SCHUMANN: Donnerstag d. 17 verbrachten wir bei 
Ave\ afien daselbst und Abends spielte ich, fast nur Beetho- 
ven'sche Sonaten. Otten und Ave waren gliicklich! 

70 ROBERT SCHUMANN: d. 18ten friih Pixis mit grofler Prti- 
gellust gegen d. Recensenten in m.feiner] Zeitung 526 — Abschied 
v. L. Anger, der eine Stelle in Ltineburg als Organist erhalten^ 9 . 

CLARA SCHUMANN: Freitag Abend reiste ich fort nach Kiel 
und stieg dort 

Sonnabend d. 19 bei Af[usik]/).[irektor] Graedener, liebe Leute, 
ab. Ein zartes Weib ist die Graedener — ich glaube, ich konnte 
sie lieb gewinnen. Nichtsdestoweniger aber Madam Schlofi- 
bauer, eine eitle, ungebildete, und hochst unzarte Frau. Sie be- 
miihete sich mir in aller Schnelligkeit mitzutheilen, was die 
Leute liber mich gesagt, dafi ich das Concert nicht gab — natiir- 
lich nur die bose Welt! — 

Abends endlich bestieg ich das so lang geftirchtete, aber herrli- 
che Schiff »Christian der Achte«. Graedeners brachten mich an 
Bord — ein Gluck dajS nicht Robert unsere Trennung bis dahin 
verschob. Mir war entsetzlich zu Muthe, als wir so vom Lande 
abstiefien — was seufzte ich nach Robert, nach der Kleinen, und 
fast glaubte ich nie wieder festen Boden zu betreten — eine 
Furcht, die wohl Jeden, der die See nie bereiste, beschleichen 
mag. Die Fahrt war ziemlich ruhig, seekrank wurden wir nicht, 
obgleich ich nicht weit davon war; ein fatales Unbehagen befallt 
Einem durch das fortwahrende Schaukeln, und die Uebelkeit 
verschwindet nicht, bis man an's Land kommt, das Schaukeln 
aber fuhlten wir noch einen ganzen Tag. 

Sonntag Mittag langten wir in Kopenhagen an; Olsen und 
noch Mehrere kamen auf einem Kahn an den Bord des Schiffes, 
um mich zu empfangen, und von diesen^ 10 Augen- 

71 blick an war ich in Freundes Schutz gegeben — Olsen sorgte fiir 
mich, wie es ein Mann nicht besser gekonnt. Er hatte uns im Ho- 
tel Royal Logie bestellt, und da fanden wir liebe Wirthleute, 
Deutsche, die mir die ganzen 4 Wochen meiner Anwesenheit Al- 
les an den Augen absahen — bezahlen mufite ich freilich geho- 

O 8 Spater auf dem Seitenrand hinzugefiigt. 
O 9 Spater auf dem Seitenrand hinzugefiigt. 
OlO Urspriinglich »dem«, durch »diesen« iiberschrieben. 



Mdrz 1842 215 

Am selben Abend noch besuchte mich Madam Tutein, eine exal- 
tirte aber talentvolle Frau. Sie nahm mich sehr freundlich auf. 

ROBERT SCHUMANN: d. 20. Miserables Leben. Viel im 
Contrapunct u. der Fuge geiibt diese Zeit uber^ 11 . 

CLARA SCHUMANN: Montag d. 21 gab es, nach einer 
hochst starkenden Nachtruhe, viel Troubel. Ich machte viel Be- 
suche, bekam Viele, und Jebte so zu sagen in Saus und Braus — 
das Liebste aber fehlte mir, und inmitten all des Beifalls, Vergnii- 
gens, konnte ich doch nicht heiter werden, als die letzten 3—4 
Tage, wo meine Abreise festgesetzt war. 

Ich wiirde noch viele Bogen schreiben mussen, wollte ich jeden 
Tag ausfiihrlich besprechen, daher nur einige Notizen tiber mir 
liebgewordene Freunde, und dann kurze Notiz meines Thuens 
und Treibens an jedem Tage. 

Madam Tutein und Madam Hartmann waren meine liebsten 
Freundinnen. Sie mochten mich Beide wohl gern — Jede anders. 
Erstere liebte mich, weil es ihrer Eitelkeit schmeichelte sich als 
meine Beschutzerin zu zeigen; diese Eitelkeit iiberwog jedes Ge- 
fiihl von Neid, 

sie unterordnete ihr Talent ganzlich dem Meinen, sie erhob 
mich offentlich vor aller Welt auf Unkosten ihrerselbst (denn sie 
gilt in Kopenhagen als grofie Klavierspielerin), warum? sie 
suchte einen Stolz darin, als meine Freundin zu gelten! ubrigens 
glaube ich, ein ganz klein wenig wirkliches Gefallen hatte sie 
wohl auch^ 12 {mir} an mir. 

Ihr Talent ist ein Bedeutendes, ihre Bildung (musikalische nam- 
lich) oberflachlich. Sie hat ein ausgezeichnet gutes Gedachtnifi, 
spielt meistens nach dem Gehor, doch Was spielt sie? nur, was in 
Aug und Ohr fallt — wieder Eitelkeit! — Sonst ist sie liebenswiir- 
dig, vielseitig gebildet, feurig, etwas affectirt, aber wohl zu lei- 
den, so ging ich denn auch gern zu ihr. Ihre Kinder spielten 
auch eine Rolle: der alteste Sohn schwarmte in mir, nicht min- 
der die alteste Tochter, und Beide wetteiferten in ihren Auf- 
merksamkeiten fiir mich — eine Rose aus meiner Hand vergalt 
ihnen reichlich. 

Madam Hartmann liebte mich (bin ich so arrogant zu glauben) 
um Meiner selbst willen. Sie envies mir Alles nur Erdenkliche 
Gute, sie schickte mir Wein und Friichte, sie sprach mit mir vom 
Robert und dem Kinde, sie pflegte mich formlich, fast mochte 
ich sagen, sie peinigte mich manchmal 

Oil Spater am Seitenrand auf Seite 70 (originate Zahlung) hinzugefiigt. 
012 Ursprtinglich »an«, durch »auch« tiberschrieben. 



216 Mdrz 1842 

73 mit aller Liebe. All dies aber that sie nicht vor den Leuten, son- 
dern in ihrem Hause, wenn ich allein bei ihr war; offentlich sah 
sie Niemand an meiner Seite, immer zog sie sich bescheiden zu- 
riick. Etwas fesselte mich nun auch besonders an Beide Leute, 
sie liebten sich zartlich, und so waren sie die Einzigen, die meine 
Gefuhle ganz verstanden. Auch Er ist ein lieber, feiner Mann, 
hochst talentvoll, und so ist dies denn ein Ehepaar, wie man sie 
nicht immer findet. 

Stage, Regisseur am Theater, und Olsen waren die beiden Con- 
cert- Arrangeure, die mir eine aufopfernde Freundschaft bewie- 
sen. Die Frau des Ersteren ist ein liebes, aber verzogenes Wesen; 
sie ist Sangerin am Theater, aber 3ten Ranges, was sie fiihlen 
mag — dies qualt sie Beide; Er halt sie, wie ein Kind. 
Zu den interressantesten Bekanntschaften gehoren Professor 
Hejberg und Gemahlin, Dichter AndersenQ und Professor 
Weisse^ n . Ersterer zeigt in seinem Aeufieren Nichts von Dem, 
was wohl in ihm wohnt — er ist als der erste danische Schriftstel- 
ler bekannt. Madam Hejberg mochte nicht bios als erste dani- 
sche Schauspielerin gelten, sondern gewift auch in Deutschland 
Furore machen, konnte sie hinlanglich 

74 die Sprache. Sie ist eine der lieblichsten theatraHschen Erschei- 
nungen, die ich gesehen, und als Solche mir^ 14 unvergefilich; 
aber sie vereint dabei ein liebliches "Wesen, ist sehr hiibsch, inter- 
ressant, und auch (Ihre) ihre Personlichkeit (ware) allein ware 
geeignet sie mir lieb zu machen. Ich sah Beide seltener, als ich es 
gewunscht — ich war gar zu sehr in Anspruch genommen. 
Andersen besitzt ein poetisches, kindliches Gemiith, ist noch 
ziemlich jung, sehr hafilich aber, dabei furchtbar eitel und egoi- 
stisch — trotzdem mochte ich ihn gern, und war mir seine Be- 
kanntschaft interressant und werth. Jedenfalls iiberwiegen seine 
Tugenden bei weitem seine Schwachen. 

Auch Professor Weisse's® 13 Bekanntschaft war mir interressant, 
obgleich ich viel von der Verehrung, die ich fur ihn hegte, ver- 
lor, nachdem ich ihn naher kennen gelernt. Er ist ein hochst ein- 
seitiger egoistischer Musiker, halt sich flir verkannt, und verach- 
tet (dies mag etwas hart ausgedriickt sein) alle seine Zeitgenos- 
sen, bis auf Hayden s dem er doch etwas Gutes lafit. Bach ist 
kiinstlich, aber nicht schon; Beethoven hat Nichts durchweg 
Schemes geschrieben, Mozart mag passieren, Mendelssohn ist 
eine Copie Backs — so ohngefahr sind seine Ansichten, die Ihm 
das (Uhrth) Urtheil sprechen. 

013 Recte:Weyse. 

014 »mir« uber der Zeile eingefiigt. 



Mdrz 1842 217 

Aufier genannten Familien besuchte ich noch ofters Frau von 

Zahrtmann geb: Dormer aus Altona, eine Hebe u. gebildete 

Dame; desgl Madam Pauli Frau des Minister Residenz; Madam 

Loose, eine gute alte, aber coquette Frau — eine junge Coquette 

ist schon schrecklich, vollends eine Alte. 

Aufier dem schwedischen Consul Eberlow und seiner Familie^ 15 

machte^ 16 ich keine Bekanntschaft, die mir nicht lieb gewesen 

ware. Erstere waren unliebenswiirdig, wie es mir selten vorge- 

kommen. 

Diefi waren nun so meine Hauptbekanntschaften, Andere will 

ich nur notiren. 

Dienstag d. 22 Besuche von Hejberg, Andersen (Beide Feinde 

im Innersten Herzen — sie trafen sich zu vielen Malen bei mir, 

und sogar einmal ihre Carten, was mich lachen machte) Stage, 

Baroneji (besser Schwadronefi genannt) Lowensciold mit Fr. 

Tochter, Gade, Curldnder, Rudolph® 17 Willmers, u. A. Letzterer 

franzosisch herausgeputzt, mir eine fatale Erscheinung. Curldn- 

der soil talentvoll sein — ich horte ihn nicht. 

Abends bei Hejbergs mit Advocat Bunsen — ein sehr gescheidter 

Mann. 

ROBERT SCHUMANN: Viel gelesen: Hauff s Phantasien im 
Bremer Rathskeller, Andersens Improvisator.^ 18 

CLARA SCHUMANN: Mi t two ch d. 23. Zu Tisch bei Ma- 
dam Tutein, vorher Besuche bei Fr. von Zahrtmann, Hofdamen 
Elise von Pechlin [und] 

Fr. von Waltersdorff, Hofmarschall von Blucher-Altona. 
Bei Madam Tutein kleine angenehme Gesellschaft — ich spielte 
— M.[adame] Tutein gliihte ftir den A mo/ZWalzer von Chopin, 
den ich ihr vier mal nacheinander spielen mufite. 
Besuch von Herrn von Levetzau, Einem meiner hohen Beschut- 
zer, ein hochst freundlicher einnehmender Mann. 

ROBERT SCHUMANN: 23sten: Besuch v. - H. Truhn, der 
Sanger werden will, mit H. Schmidt^ 19 . 

CLARA SCHUMANN: Donnerstag d . 24 Zu Tisch bei Ma- 
dam Loose — Tischnachbar Weisse® 20 ; aufierdem grofie Gesell- 
schaft. 

015 Danach ein Wort gestrichen und nicht lesbar. 

016 »machte« liber der Zeile eingefiigt. 

017 Urspriinglich »u. A.«, durch »R« iiberschrieben. 

018 Spater auf dem Seitenrand hinzugefugt. 

019 Spater auf dem Seitenrand hinzugefugt. 

020 Recte:Weyse. 



218 Mdrz 1842 

Charfreitag d.25 besahen wir die Frauenkirche, ein schones 
Gebaude im neueren Style. Thorwaldsens 12 Apostel in Mar- 
mor, beriihmte Meisterwerke. Ich verstehe von dieser Kunst zu 
wenigj um zu urtheilen, doch entziickte mich in selber Kirche 
ein knieender Engel, ein Taufbecken haltend, der reizend gear- 
beitet war. 

Abends horte ich in derselben Kirche ein[e] Kirchenmusik von 
alten Italienern. Ich horte nie solch eine miserable Auffiihrung. 

ROBERT SCHUMANN: d. 25. In der Paulinerkirche : Davide 
[penitente] v. Mozart u. Mendelssohn's 42ster Psalm ge- 

hon 021/52 7> 

CLARA SCHUMANN: Sonnabend d. 26 Abends bei Ma- 
dam Tutein. Viel Musik! wir spielten Beide. Ich hatte einen be- 
deutenden Streit^ 22 mit M.[adame] Tutein. Sie schwarmt fiir 
eine italienische Oper, die gegenwartig in Kopenhagen Vorstel- 
lungen gab, und zu den Schlechtesten^ 23 gehort, die ich kennen 
gelernt; ferner 
77 ist sie enthusiastisch fiir Bellini, Donizetti — von einem Laien 
lafit man sich das wohl gefallen, aber nicht von einem Musiker, 
der als Solcher gelten will. Herrlich vorgetragen will ich alien- 
falls so eine Oper horen, aber so wie Diese sangen, das kann 
man ja nicht aushalten — und dafiir schwarmt diese Frau — ich 
gerieth ganz aufier mir! spater fand ich es fiir gut ferner uber 
diesen Punkt zu schweigen — ich litt am wenigsten dabei. 

ROBERT SCHUMANN: d. 26. Den lsten Brief aus Copenha- 
gen v. Klara erhalten 0247528 . 

CLARA SCHUMANN: Sonntag d. 27 Abends Hebe Gesell- 
schaft bei Minister Pauli. Madam Tutein spielte Mazurka's von 
Curlander, nachdem sie zuvor Einige von Chopin gespielt (wie- 
der ein Zeichen verkehrten Geschmacks), — ich spielte auch 
einige Kleinigkeiten. 

ROBERT SCHUMANN: Wenzel, Reuter, Becker zu Tisch bei 

mir<> 25 . 



021 Spater auf dem Seitenrand hinzugefugt. 

022 Danach ein nicht lesbarer gestrichener Buchstabe. 

023 Ursprunglich »s«, durch »S« uberschrieben. 

024 Spater am Seitenrand auf Seite 76 (originale Zahlung) hinzugefugt. 

025 Spater auf dem Seitenrand hinzugefugt. 



Mdrz 1842 219 

CLARA SCHUMANN: Montagder25te steht in meinen<> 26 

Tagebuchnotizen angezeigt als ein sehr trtiber Tag. Robert 

schrieb traurig, voll Verzweiflung 529 — ich weinte viel. 

(Nachmittag besahen wir das Rosenburger Schiofi, welches fru- 

her von den Konigen bewohnt wurde.) 

Nachmittag besuchten wir den Rosenburger Garten und den 

Hofgartner Petersen, der mich wahrend meines Aufenthalt in 

Kopenhagen immer mit den frischesten, schonsten Blumen ver- 

sah, was mir viel Freude machte. 

Abends italienische Oper 530 — unter der Kritik! das Publikum in 

Extase. 

Dienstag d. 29ten Besuch von Hejbergs. Zu Tisch bei Hart- 

manns mit Advocat Bunsen. 

Abends Ballet vom Balletmeister Bournonville »Neapoli« 5l0K — 

sehr hubsch; mit (W) wenig Mitteln leistet er Unglaubliches, die 

Buhne ist viel zu klein fur Ballet. 

ROBERT SCHUMANN: »Trubsinnzeit« steht in m.[einen] 
Notizen unter diesem Tag. An Componiren war nicht zu den- 
ken.<> 27 

CLARA SCHUMANN: Mittwoch d. 30ten 2u Tisch bei 
Capitain Zahrtmann — kleine Gesellschaft — die Wirthsleute lie- 
benswiirdig und fein. 

ROBERT SCHUMANN: d. 30sten: M[usik]D.[irektor] Bar- 
wald^ 28 aus Stockholm — nicht uninteressant[,] soil guter Com- 
ponist sein^ 29 . 

CLARA SCHUMANN: Donnerstag d. 31 besahen wir in 
Begleitung der Madam Tutein das nordische Museum. Ich fand 
Manches von Iriterresse, Vieles langweilig. 
Abends brachten wir einen vergniigten Abend bei Stage's zu. 
Andersen, Luders, Gade y Faarborg [und] Familie Bournonville 
machten den grosten Theil der Gesellschaft aus. Bournonville, 
oben schon als Balletmeister genannt, ist ein ausgezeichneter 
Mann; nicht allein, dafi er in^ 30 seiner Kunst ein Meister ist, er 
ist auch gut musikalisch, spielt nett Clavier, singt hubsch (er 
sang viel schwedische und danische Volkslieder) und ist ein fei- 
ner liebenswiirdiger^ 31 Mann, 

026 Urspriinglich »meinem«, der letzte Abstrich getilgt. 

027 Spater auf dem Seitenrand hinzugefugt. 

028 Recte: Berwald. 

029 Spater auf dem Seitenrand hinzugefiigt. 

030 »in« auf dem Rand hinzugefugt. 

03 1 »liebens« iiber einen nicht lesbaren Wortanfang geschrieben. 



220 Marti April 1842 

79 wissenschaftlich gebildet ect: Seine Frau ist ein sanftmiithiges 
Weibj wie ich sie selten gesehen — zum Entziicken anmuthig. 

Es war nur ein tafelformiges Instrument da, ich spielte jedoch 
viel, weil ich sah, ich machte der ganzen Gesellschaft Freude da- 
mit. 

April 1842.0 32 

D. 1 wurde ich recht ordentlich angefiihrt! ich war bei dem 
Consul Eberlow eingeladen, und man hatte mir gesagt, dafi ich 
an dieser Familie ein[e] angenehme Bekanntschaft machen 
wiirde. Der Empfang lehrte mich ein Anderes! sie waren hochst 
unangenehm — nach einer Stunde entfernte ich mich wieder — 
zum ersten und letzten Male. 

ROBERT SCHUMANN: Quartette v. Haydn und Mozart in 
Parti tur 531 fleifiig studirt in dieser Zeit. Gelesen Familie H. v. Fr. 
Bremer u. Faustine der Gr.[afin] Ida Hahn.^ 33 

CLARA SCHUMANN: Sonnabend d. 2 verbrachte ich bei 
Madam Tutein. 

ROBERT SCHUMANN: d. 2. Bei Voigt zu Tisch. Eine Cla- 
vierspielerin Frl. Wolfarth aus Weimar.^ 34 

CLARA SCHUMANN: Sonntag d. 3 endlich gab ich mein 
erstes Concert im Konigl[ichen] Theater 532 . Voiles Haus — viel 
Jubel! einige Hervorrufungen, da capo's , gute Einnahme (nach 
Abzug der Kosten von 159 Thaler Co«r;[ant] Ueberschufi 228) 
Instrument ziemlich gut — geliehen von Waagepertersen, junger 
gefalliger Mann. Sein Vater war vor Kurzem gestorben und 
machte friiher das erste musikalfische] Haus in Kopenhagen. 

80 In der Probe hatte ich verschiedene Fatalitaten mit (dem) Instru- 
menten bis ich mich zu dem genannten entschlofi. 

035 Der Hof besuchte 036 auch das Concert bis auf Konig und Ko- 
nigin. Es ist Etikette, dafi der Hof nicht eher ein Concert be- 
sucht, als bis der Kiinstler <b) am Hof gespielt. Es trafen so viel 

032 Die Jahreszahl spater mit Bleistift hinzugefiigt, dabei die »1« iiber 
einen Punkt geschrieben. 

033 Spater auf dem Seitenrand hinzugefiigt. 

034 Spater auf dem Seitenrand hinzugefiigt und durch eine geschwun- 
gene Linie hierher verwiesen, 

035 Urspriinglich »Montag«, z. T. gestrichen und durch »Der« iiber- 
schrieben. 

036 »besuchte« iiber ein nicht lesbares Wort geschrieben. 



April 1842 221 

ungliickl[iche] Zufalle zusammen, dafi es nicht moglich war, bis 

jetzt am Hof zu spielen. 

Montag d. 4 Abends bei Hartmanns. 

ROBERT SCHUMANN: d. 4. Im Theater: Fidelio [von Beet- 
hoven] v. d. Schroder gesehen.^ 37 

CLARA SCHUMANN: Dienstag d. 5 Hof concert mit Or- 
chester 533 . Der Konigin^ 38 und die Konigin sind liebenswurdig, 
Letztere ist, obgleich schon 26 Jahr vermahlt, schon zu nennen. 
Von Beiden wurde mir die ehrenvollste Aufnahme zu Theil. 
Mittwoch d. 6 spielte ich im Vereinsconcert^ 534 . ^ 39 Honorar 
erhielt ich 70 Thaler Gold. Es wurde mir dieser Abend sehr 
schwer, denn das Hartelsche Instrument, das ich erst Tags zuvor 
von Hamburg erhielt, kam mir entsetzlich schwer vor, nachdem 
ich mich wieder auf deutsche Instrumente gewohnt hatte. Vom 
Publikum hat es Keiner gemerkt. 

Der Lobgesang von Mendelssohn ging, den Verhaltnissen zu- 
folge, gut. Vier Proben waren gehalten worden, Jede von einem 
Anderen, die Auffiihrung wieder von einem Anderen — was 
kann dabei herauskommen? — 

Die Musiker sind hier reine Handwerker — ein ttichtiger Kapell- 
meister ware vielleicht im^ 40 Stande dem Unwesen ein Ende zu 
machen. 

Besuche von Fraulein Abrahams mit Brautigam, Comerzienrath 
— Andersen besucht mich oft — er ist sehr verliebter Natur! 
Donnerstag d. 7 Hielt ich Schreibtag, bekam auch vom lie- 
ben Mann Brief 535 . Das war immer eine Seligkeit fur mich, so 
ein Brief! gewohnlich erhielt ich Deren auch am Concerttag — 
dafi ich da nur gut spielen konnte versteht sich von selbst. 
Abends fuhren wir an die See. Ein herrliches Schauspiel bot die 
untergehende Sonne, die den Horizont mit seinen vielen Schif- 
fen in ihren Strahlen leuchten liefi. Wie wiinschte ich meinen 
Robert in solchen Momenten hierher. Solche Naturschonheiten 
kennt man bei uns nicht — mir geht nichts iiber das Erhabene 
der See. Den grosten Genufi verschaffte es mir taglich die See 
von anderer Farbe zu finden, griin, hellblau, schwarz wie Eisen, 
waren die Haufigsten^ 41 Farben, in denen sie spielte. 



037 Spater auf dem Seitenrand hinzugefiigt. 

038 Sic. 

039 Der folgende Satz auf dem Rand hinzugefiigt und durch Kreuze 
hierher verwiesen. 

040 Ursprunglich »dem«, durch »im« iiberschrieben. 

041 »H« iiber einen nicht lesbaren Buchstaben geschrieben. 



222 April 1842 

{Abends} Nach dieser Fahrt in Hartmanns kleiner Equipage 
brachten wir den Abend vollends bei Ihnen^ 42 zu — neue Be- 
kanntschaft, Hornemann -^ Musiker glaub' ich. 

82 Die Kinder von Hartmanns iiberreichten mir mit vieler Anmuth 
einen kleinen silbernen Becher fur Mariechen, was mir grofie 
Freude machte. 

Freitag d. #^ 43 kalte Spazierfahrt nach Friedrichsberg mit Olsen. 
Ich w.ar sehr unliebenswiirdig, der gute Olsen so geduldig! — 
War es denn unnatiirlich, dafl ich das war? fern von den Meinen 
immer unter Leuten sein zu miissen, selbst zu Haus keinen Au- 
genblick Ruhe zu haben, das wurde mir denn manchmal doch 
zu viel, und so mufiten meine liebsten Freunde, vor Denen ich 
mich nicht genirte, darunter leiden. Olsen seufzte manchmal 
»kommen Sie ja nicht wieder zu uns ohne Ihren Robert !« 
Mittagessen bei dem alten Herrn Tutein, der, (noch) trotz seines 
Alters von 84 Jahren, noch ein Haus ausmacht Und den ange- 
nehmen Wirth spielt. 

Abends zum Ball bei der Prinzefi Juliani Pkillipsthal, Welche 
mich personlich dazu eingeladen hatte. Ich hatte die Absicht 
nicht zu tanzen, doch, welcher Mensch ist ohne Eitelkeit, als 
zwei Prinzen kamen, tanzte ich auch zwei Tanze — Prinz von 
Glucksburg und Prinz von Hessen waren es, zwei nette Leutchen 
— sie sind Beide noch sehr jung. 

Der Konig und die Konigin sprachen mit mir, und aufierten 
von^ 44 dem^ 45 Vergniigen, welches sie sich von meinem zweiten 
Concert versprachen. 

ROBERT SCHUMANN: Am 8ten: Abends Gretry's Blaubart 
v. d. Schroder Devrient gesehen:^ 46 

83 CLARA SCHUMANN: Sonnabend d. 9<> 47 Spaziergang 
nach der langen Linie. Die beiden unten genannten Prinzen be- 
gegneten uns und gingen ein grofies Stuck mit uns, was viel Ge- 
sprach in dem sehr kleinstadtischen Kopenh.[agen] verursachte. 

Abends gingen wir zu Frau Zahrtmann, die mir immer liebens- 
wiirdiger erschien. 



042 Urspriinglich »i«, durch »I« iiberschrieben. 

043 Danach ein gestrichener, nicht lesbarer Wortanfang. 

044 »von« am Rand davorgesetzt. 

045 Urspriinglich »da's«, durch »dem« iiberschrieben. 

046 Spater auf dem Seitenrand hinzugefiigt. 

047 Urspriinglich »10«, durch »9« iiberschrieben. 



April 1842 223 

ROBERT SCHUMANN: d. 9. Nachmittag G. Barth, Mann d. 
Hasselt, aus Wien. Ftirchterlicher Aerger durch eine Klatscherei 
von Verhulst 535A . <> 48 

CLARA SCHUMANN: Sonntagd. 10 ten zweites Concert 
im Koniglfichen] Theater 536 ; wieder voiles Haus, viel Beifall, 
Hervorrufen, Da capo, ect: ect: 

UeberschuE nach Abzug der Kosten von 114 Th., 10 Ggl. (316, 
21 Ggl. 

Vom Konig erhielt ich fur seine Loge in beiden Concerten 120, 
und (als) als Honorar fiir das Hofconcert 150 Th. 
Robert sandte mir auch heme wieder einen Brief voll Liebe 537 . 
Montagd. 11 Fahrt nach dem Thiergarten mit Madam Loose, 
wo ich den schonsten Buchenwald sah — bei uns kennt <k) man 
diese Baume gar nicht in der Pracht wie sie in Danemark zu fin- 
den sind. Die ganze Parthie war reizend, immer ging der Weg 
an der See hin, der Tag war herrlich, im Thiergarten sprangen 
Hirsche und Rehe herum trotz der noch wenig vorgeruckten 
Jahreszeit. Wie oft wlinschte ich mir Dich, mein Robert, herbei ! — 
Nach der Parthie speisten wir bei Madam Loose, blieben auch 
den Abend don. 

Dienstagd. 12 fiihrte uns Andersen auf Schlofi Christiansburg 
um einige Thorwaldsen-W erke zu sehen. 

Thorwaldsen wird in Copenh.[agen] verehrt wie ein Konig, er ist 
auch Einer! AuEer den vielen Kunstwerken, die er der Stadt ge- 
schenkt, hat er auch viele Gelder zu Bauten gegeben; das Thor- 
waldsen-Mu$eum> woran eben gebaut wird soil nur dazu sein, 
seine Werke darin aufzubewahren. Er selbst hat wohl 100-000 
Thaler dazu gegeben. Ich bedauerte gar sehr seine Abwesenhek, 
denn es ware mir von hochstem Interresse gewesen Ihn kennen 
zu lernen, der auch personlich ein hochst ausgezeichneter Mann 
sein soil. 

Am selben Vormittag gingen wir noch eine Fregatte zu sehen, 
die im Mai nach dem Mittelmeer gehen sollte. Sie hielt 40 Kano- 
nen, 60,000 [Pfd.]^ 4 ^ Kugeln, war also schon ziemlich grofi. 
Herr Shmidt, ein junger liebenswiirdiger Seeof f izier begleitete uns . 
Mittags bei Hartmann's, Abends endlich einmal zu Haus. 
Ich hatte wahrend meines ganzen Aufenthalts in Kop.[enhagen] 
immer Noth und Angst auszustehen mit meinen Fingern, die 
fortwahrend entzundet waren von vielem Spielen. Zum Gliick 
hinderte es mich an keinem Concert, obgleich ich besonders das 
letzte Concerte mit vielen Schmerzen durchbrachte. 

048 Spater auf dem Seitenrand hinzugefugt. 

048 A Im Autograph ein heute nicht mehr gebrauchliches Zeichen fiir 
»Pfund«. 



224 April 1842 

ROBERT SCHUMANN: d. 12. »Nur ein Geiger« v. Ander- 
sen mit grofier Freude gelesen u. viel an Clara gedacht.^ 49 

CLARA SCHUMANN: Mittwoch d. 13 zur Ausstellung - 
die Schlechteste, die ich gesehen. Es ist diefi mehr ein Institut, 
welches Werke von jungen Anfangern aufnimmt, um sie zu er- 
muthigen, wahrend an anderen Orten eine Gemaldeausstellung 
fast nur ausgezeichnete Werke aufweist. 

Donnerstag d. 14 mein drittes und letztes Concert 538 . Ueber- 
schufi nach Abzug der Kosten von 75 Th, 196 Th., 4 Ggl. 
Viel spielte ich in diesem Concert und hatte ein auserlesenes fei- 
nes Publikum, wenn auch kein Grofies, woran wohl hauptsach- 
lich die augenblicklich, wegen des Umziehens der Leute, ungun- 
stige Zeit Schuld war. Das Pianoforte klang herrlich, und ich 
glaube, ich habe diesen Abend besonders gut gespielt. 
Von Hof geht Niemand in den Saal, die beiden Prinzen waren 
aber doch zugegen. 

86 Freitag d. 15, Rosenburger SchloE, der Wohnsitz der frlihe- 
ren Regenten Danemarks. Aeufieres wie Inneres hochst interres- 
sant. Der alte Weyse begleitete uns mit Olsen. Abends sahen wir 
noch einmal das schon erwahnte reizende Ballet Napoli, und 
gingen darnach zu den Festlichkeiten des Herrn Carstensen in 
der Reitbahn, die 4000 Menschen fafk. Dieser Herr ist Redac- 
teur des Blattes Figaro, eines der gelesensten, und giebt seinen 
(Abonnementen) [?] Abonnenten jahrhch einige Feste, im Som- 
mer im Rosenburger Garten, im Winter im Reitbahnsaalj wo 
von 9—12 Uhr (Abends) Musik gemacht wird, Erfrischungen al- 
ler Art zu haben sind, und der Saal auf das brillanteste erleuchtet 
ist. Dieses wiederholt sich 3 Abende hintereinander; den ersten 
Abend erhalten seine Abonnenten Freicarten, iibrigens kann fiir 
Geld ein Jeder hinein. Ich sah noch kein so (brillates) brillantes 
Fest, nur fehlten ein paar tausend Wiener oder Pariser in den 
Saal. 

Sonnabend d. 16 spielte ich noch einmal bei der Konigin in 
ihrem Cabinett, wo eine sehr kleine Gesellschaft versamelt war. 
Sie war hochst angenehm, und {war) so huldvoil, mir einige Blu- 
men selbst aus ihren kleinen Wintergarten abzuschneiden und 
zu iiberreichen mit einigen sehr liebenswurdigen Worten. 

87 Ehe ich dahin ging sah ich die Hejberg als Preciosa — lange kann 
ich mich solch eines Entziickens nicht erinnern! diese Musik 
und dieses Bild der Anmuth und Lieblichkeit — da konnte Nie- 
mand kalt bleiben. 

Sontag d. 17 machte ich den Beschlufi bei'm Publikum. Ich 

049 Spater am Rand auf Seite 84 (originale Zahlung) hinzugefugt. 



April 1842 225 

spielte noch eine Piece in einem Armenconcert im Kongl[ichen] 
Theater 539 , und wollte^ 50 mit dem hochsten Enthusiasmus vom 
Publikum begriifit — nach dem Ende des Stiicks hervorgerufen. 
Ich war sehr weich gestimmt! ungern schied ich von der Stadt, 
wo man mir so viel Liebes erwiesen, (und wo ich reich beschenkt 
wurde}^ 51 und wo mir zu jeder Zeit so viel Auszeichnung zu 
Theil wurde, doch der Gedanke an meine Lieben zu Haus ver- 
scheuchte auch gleich wieder alle Wehmuth, die sich in die freu- 
digste Hoffnung dann^ 52 verwandelte. 

Montag der 18 war endlich der Tag meiner Abreise, ein un- 
ruhvoller Tag. Friih hatte ich noch eine Privat-Audienz bei der 
Konigin, welche mir eine Brillant- Broche schenkte, und mich 
sehr freundlich einlud, bald wieder zu kommen. 
Abends 6 Uhr fuhren wir ab — wieder mit Christian den 8 ten, 
auf den ich nun einmal das Vertrauen hatte. Tutein\ Hart- 
manns, Olsen und mehrere Andere brachten uns an Bord und 
blieben bis zu Abgang des Schiffes. 

ROBERT SCHUMANN: d. 18ten: Rich. Wagner, der aus Paris 
kam.O 53 

CLARA SCHUMANN: Gefiihle verschiedener Art drangten 
sich mir auf, doch will ich sie nicht zergliedern, Jeder konnte sie 
sich ja denken. Die Reise war himmlisch, an eine Bewegung des 
Schiffes nicht zu denken. 10 Stunden lagen wir vor Anker we- 
gen des Nebels, Morgens aber sahen wir den entziickendsten 
Sonnenaufgang, als wir gerade an der Insel Moben voriiber ka- 
men. In der Nahe von Kiel wurden Raketen losgelassen; der 
Mond schien in vollem Glanz, so dafi man deutlich die schonen 
Ufer erkennen konnte, die den Kieler Hafen bilden; endlich ka- 
men wir daselbst um 9 Uhr an, wo mich Graedeners und SchlojI- 
bauer schon erwarteten, und mich nach der Stadt Lubeck fuhr- 
ten, wo ich ein allerliebstes Zimmer, mit ein wenig Aussicht auf 
das Wasser, vorfand. 

Mittwoch d. 20 war mein Concert im Theater 540 . Viel Ap- 
plaus — wenig Leute. Kiel ist gar zu klein, und das Haus zu 
grofi. Es blieben mir doch nach Abzug der Kosten von 40 Tha- 
ler, 74 Th. 

Donnerstag d. 21 Fahrt nach Knoop mit Graedeners und 
Schlojibauers um einmal Schiffe durch die SchleuEen gehen zu 
sehen, was ich noch nie gesehen. 

050 Sic. 

05 1 Lesart wegen starker Streichung nicht gesichert. 

052 »dann« iiber der Zeile eingefiigt. 

053 S pater auf dem Seitenrand hinzugefiigt- 



226 April 1842 

Abends Abreise nach Hamburg, 

89 Freitag friih Ankunft daselbst, Absteigequartier alte Stadt Lon- 
don. Verschiedene Alterationen warteten Meiner^ 54 : aus dem 
Concert konnte nichts werden, weil die Leute schon auf's Land 
zogen, zu Cranz konnte ich nicht gehen — er hatte uns durch ei- 
nen Klatsch nach Leipzig hin beleidigt. 

Abends besuchten wir Mullets Quartett 541 , das mir nach langer 

Zeit einen hohen Genufi gewahrte. 

Sonnabend d. 23 waren wir Vormittags wieder bei Mullets 

und zu Mittag und Abends bei Otten. Ich war die paar Tage 

sehr Unwohl, und die Sehnsucht bemachtigte sich in hohem 

Grade Meiner. 

Sontag trennten wir uns, Marie Gatlichs nach Bremen hin, ich 

nach Magdeburg. Wir hatten uns recht gut zusammen vertra- 

gen, so eine innigere Zuneigung konnte ich zu Ihr nicht fiihlen, 

so liebes gutes Madchen sie auch war. 

Ich fuhr friih 7 Uhr mit dem Dampfboot ab — Ctanz wollte 

auch mit diesem Schiff gehen, doch oh Schicksal! er kam daher 

geschossen, als das Schiff eben abging. Unter den Verhaltnissen, 

wie sie eben standen, war ich iiber diesen Zufall sehr^ 55 froh. Ich 

hatte angenehme Gesellschaft, aber nur Herren, was mir 

90 doch manchmal driickend wurde. 

ROBERT SCHUMANN: d. 24sten: Ueberraschender Brief, 
dafi Klara schon Montag kSmmt 542 . ° 56 

CLARA SCHUMANN: Zwei ganze Tage brachten wir zu, bis 
wir denn endlich 

(D) Montag Abend in Magdeburg ankamen. Ein tiickischer Da- 
mon wollte noch, dafi wir uns verfehlten; Robert fuhr nach dem 
Landungsplatz^ 57 , ich nach dem Gasthof, doch nicht lange war- 
tete ich dort, als sich Roberts Arme aufthaten, in die ich sogleich 
hineinflog. Das war eine Seligkeit, ein Gliick, das mir ganz iiber- 
grofi erschien! wie dankten wir Gott, der uns nun so gliicklich, 
so gesund wieder Einander zufuhrte! 

ROBERT SCHUMANN: d. 25. Nachmittag nach Magdeburg 
gereist wie ein Brautigam froh u. angsthaft zugleich.^ 58 

CLARA SCHUMANN: Die Nacht blieben wir in Magdeburg 
und reisten 

054 Ursprunglich »m«, durch »M« uberschrieben. 

055 Ursprunglich »d«, durch »s« uberschrieben. 

056 Spater am Rand auf Seite 89 (originale Zahlung) hinzugefiigt. 

057 »p« iiber einen nicht lesbaren Buchstaben geschrieben. 

058 Spater auf dem Seitenrand hinzugefiigt. 



April/Mai 1842 227 

Dienstag d. 26 nach Leipzig, wo uns Marie, das liebe reizende 
Kind empfing. Solch ein Wiedersehen entschadigt doch fiir alle 
erlittene Sehnsuchtsschmerzen — auch Robert schien sehr gliick- 
Iich, und ftihrte mich denn zu Haus, wo ich Alles bekranzt vor- 
fand, ferner hatte mich Robert mit einem schonen Teppich be- 
schenkt, doch das Schonste war sein lieber Blick, den ich wieder 
in mir aufnehmen konnte, und die rothen Backchen meines En- 
gelchens, die ich wieder kiissen konnte. 

Reine Einnahme hatte ich in dem vergangenen Zeitraum von 7 
Wochen 1155 Thaler, doch blieb uns nicht mehr als 100 Louis- 
d'or, nach Abzug aller Kosten, die hiernach nicht unbedeutend 



ROBERT SCHUMANN: Nun komen wieder bessere Tage.O 59 
d. 29. Frtih Carl [Schumann] aus Schneeberg. Im Rosenthal 
Mendelssohn, der Carl eine Blume schenkt. 

91 CLARA SCHUMANN: Mai. 1842.^ 60 

Montag d. 2ten gab Ernst Concert 543 , den ich noch nie ge- 
hort. Er gefiel mir sehr, doch fiihlte ich mich nicht hingerissen — 
er spielte leider nur von sich, welche Compositionen, so hubsch 
sie als Concertstiicke sind, Einem doch so hintereinander uner- 
traglich werden. 
Nach dem Concert soupirten wir bei Heinrich Brockbaus. 

ROBERT SCHUMANN: Dr. Jahn aus Kiel.O 61 

CLARA SCHUMANN: Mittwoch d. 4 reiste Emilie Horl- 
beck, die ein gutes Madchen ist, und mein Haus gut versorgt 
hatte, nach Adorf zuriick. 

Ernst afi zu Mittag bei [uns], und spielte nach Tisch die A So- 
nate von Beethoven mit mir, sehr schon. 

Sonnabend d. 7ten uberraschte uns Olsen, aus 062 Kopenha- 
gen, woruber ich mich gar sehr freuete. Abends kam er zu uns. 
Sontag d. 8 erhielten wir furchtbare Zeitungsnachrichten 544 
aus Hamburg, von dem ein Dritttheil abgebrannt. Von dem 
schonen alten Jungfernstieg mit seiner Stadt London, Streits 
Hotel, Heine's Prachthaus ect: ist Nichts 063 mehr zu sehen — das 
Ungliick ist ftirchterlich. 

059 Spater auf dem Seitenrand neben »Dienstag d. 26« hinzugefligt; die 
folgende Notiz etwas tiefer stehend. 

060 Die Jahreszahl spater mit Bleistift hinzugefiigt. 

061 Spater auf dem Seitenrand hinzugefugt. 

062 Urspriinglich »als«, dann verbessert (uberschrieben). 

063 Ursprtinglich »n«, durch »N« iiberschneben. 



228 Mai 1842 

Am selben Tag passirte auch ein furchtbares Ungliick auf der 
Eisenbahn zwischen Paris und Versaille[s], wo 3 Wagen mit al- 
ien Menschen darin total verbrannten, aufierdem noch Viele be- 
schadigt, 12 Menschen vor Schreck wahnsinnig wurden — die 
Ungliicksfalle 
92 kreuzen sich fortwahrend! alle Tage fast erhalten wir jetzt 
Nachrichten von grofien Branden. 

ROBERT SCHUMANN: d. 9ten: mit K.[lara] nach Gohlis - 

Schiller's Haus gesehen. 

D. lOten: AB.[?] Marx fliichtig gesprochen mit C. F. Becker. 064 

CLARA SCHUMANN: Mittwoch d. 11 ten afi Olsen bei 

uns zu Mittag, und fuhr dann mit nach Konnewitz. 

Sonnabend d. 14 reiste er wieder ab, mit vielen Briefen nach 

Kopenhagen von mir. 

{Sonnabend d. 21) 

Mittwoch d. 18 machten wir eine hiibsche Parthie nach ¥a- 

ren, Konigseiche und Mockern — unsere Erste wieder. 

ROBERT SCHUMANN: Abends Bohrer aus Stuttgard.^ 65 

CLARA SCHUMANN: Donnerstag d. 19 ging die Ame 
fort, das Kind wurde entwohnt. Es scheint ein Segen von Gott 
auf dem Kinde zu ruhen. Sie iiberstand es ganz vortrefflich, fiel 
nicht im geringsten ab, und ist bis jetzt immer das vergniigte 
freundliche Kind geblieben. 

ROBERT SCHUMANN: d. 19 Die Diner-geschichte mit Boh- 
rer. 066 

CLARA SCHUMANN: Sonnabend d. 21 gaben Wir, Da~ 
vid y ich und das Orchester ein Concert zum Besten der Ham- 
burger Abgebrannten 545 . Es war ziemlich besetzt, die Hitze aber 
ftirchterlich. Es sollen doch 100 Th. iibrig geblieben sein. 
Von diesem Monat weifi ich nun Nichts mehr zu berichten, als 
dafi wir uns ganz hiibsch wieder zusammen eingerichtet haben, 
und in alter Liebe Einander 067 angehoren. Unser Kind ist unsere 
Freude, unsere beiderseitige Liebe, unser Juwel. 



064 Spater auf dem Seitenrand hinzugefiigt. 

065 Spater auf dem Seitenrand hinzugefiigt. 

066 Spater auf dem Seitenrand hinzugefiigt. 

067 Am Wortanfang urspriinglich »e«, durch »E« uberschrieben. 



Mai/Juni 1842 229 

ROBERT SCHUMANN: Truhn. Film Lichnowsky. Riefstahl. 
Bogenhard a. Hildburghausen. d. 27. Bohrer wirklich zu Tisch 
— ennuyanter Gesell — E. Methfessel a. d. Schweiz.^ 68 

CLARA SCHUMANN: Juni 1842.0 69 

ROBERT SCHUMANN: 

d. 28sten Juni. 

Unsere Kleine macht uns unbeschreibliche Freude; sie wachst 

taglich und zeigt einen gutmiithigen Charakter bei (seh) grofter 

Lebhaftigkeit. Der erste Zahn steht nun auch da. Clara's Gluck 

dariiber u. iiber das ganze Kind ist mir auch eines. 

Der ganze Juni war ein lieber Monat bis auf ein paar Schwarm- 

Tage u. Nachte,<> 70 

Doch war ich auch fleifiig, in einer neuen Gattung, u. habe zwei 

Quartette f. Violinen pp in A Moll u. F Dur beinahe ganz fertig 

gemacht u. auch aufgeschrieben. Arbeitete auch viel an d. Zei- 

tung 546 . 

Klara spielte wenig, aufier Quartetten v. Haydn u. Mozart, die 

wir die Reihe nach am Clavier durchnahmen, u. hat mir auch zu 

m.[einem] Geburtstag zwei Lieder componirt 547 , das Gelungen- 

ste, was sie bis jetzt uberhaupt geschrieben hat. An diesem Tag, 

d. (18) 8ten Juni; hatte sie mir wie iiner bescheert, eine Menge 

schoner Dinge, und vor allem die Kleine mit einem Kranze. Ich 

war aber an dem Tage melancholisch und unwohl. Abends er- 

heiterten wir uns; einige Bekannte waren da, und es flofi viel 

Wein in dankbare Kehlen. Das beste war dann noch Musik, die 

uns Klara noch gab. 

CLARA SCHUMANN: Marie bekam in dieser Nacht den er- 
sten Zahn — der Zweite folgte bald.^ 71 

ROBERT SCHUMANN: Sonst fiel im Juni nichts Aufieror- 
dentliches vor. Das Wetter ist merkwurdig wegen seiner anhal- 
tenden Schonheit u. Warme seit 10 Wochen. Ich bin aus meinem 
Schwitzloch ausgezogen, und befinde mich gliiklich in dem 
Stubchen vornheraus, das mir meine Klara auf das Gemiithlich- 
ste hergerichtet hat. 
Den 15ten hatten wir eine grofie Freude. Wir hatten Rtickert 

068 Spater auf dem Seitenrand hinzugefiigt. 

069 Die Jahreszahl spater mit Bleistift hinzugefiigt, dabei die »1« iiber 
einen Punkt geschrieben. 

070 Danach ein Wort und die ganze folgende Zeile durch Rasur und 
Streichung unleserlich gemacht. 

071 Am Fufi der Seite hinzugefugt. 



230 Juni/Juli 1842 

unsre Lieder geschickt, der uns denn mit einem Meistergedicht 
antwortete. (Meine liebe Frau konnte es wohl in's Tagebuch ein- 
tragen!). 548 

In unserm Gartchen ergehen wir uns auch oft. Ueberhaupt ge- 
fallt es mir in meiner Inselstrafie, dafi ich gar kein Verlangen 
nach anderem trage. Klara hat aber grofie Reiselust, und wir 
mochten wohl gern nach Salzburg zum 4ten September, wo Mo- 
zart's Denkmal eingeweiht wird. 

Am Johanistage d. 24sten machten wir einen sehr frohlichen 
Ausflug nach Conewitz — Mane's erste Reise — Da denke ich 
denn manchmal an meine lieben Eltern, dafi sie dies Gliik nicht 
mit ansehen konnen. 
95 Clara hatte Schunke's Bild an diesem Tag mit einem Kranz ge- 
schmiickt. Auch der konnte noch leben! Nun genug fur heute. 



CLARA SCHUMANN: July 1842<> 72 

Konnte ich es nur auch lernen wie Du, mein Robert, mit wenig 
Worten Viel° 73 sagen! bei mir ist es aber leider umgekehrt, so 
viel ich mich auch bestrebe Dir, wenn auch nicht gleichzukom- 
men (denn das ware fiir meinen kleinen Geist unmoglich) doch 
mich Dir ein wenig zu nahern. 

Sey gekiifit fiir Deinen letzten Bericht, und Deine Liebe zu mir 
und unserem Mariechen, in jedem Deiner Worte — Du glaubst 
nicht, wie wohl mir das thut, wie es mich begluckt. Doch keinen 
Wortschwarm, sondern zur Sache, die vor alien Dingen ist, Dei- 
nen Wunsch zu erfiillen, und Riickerts schones Gedicht einzu- 
tragen, was ich gar gerne thue. 
96 Friedrich Riickert 

an 

Robert und Clara Schumann 

in Leipzig dankend 

fiir ihre Tonsetzungen zu seinem 

Liebesfruhling. 



Lang ist's, lang, 

Seit ich meinen Liebesfruhling sang, 

Aus Herzensdrang[,] 

Wie er entsprang, 

Verklang in Einsamkeit der Klang. 

072 Die Jahreszahl spater mit Bleistift hinzugefiigt, dabei die »1« auf ei- 
nen Punkt geschrieben. 

073 Urspriinglich »v«, durch »V« iiberschrieben. 



Juli 1842 231 



Zwanzig Jahr 

Wurden's, da hort* ich hier und dar 

Der Vogelschaar 

Einen, der klar 

Pfiff einen Ton, der dorther war. 

Und nun gar 

Kommt im einundzwanzigsten Jahr 

Ein Vogelpaar, 

Macht erst mir klar, 

Dafi nicht ein Ton verloren war. 

Meine Lieder 

Singt ihr wieder, 

Mein Empfinden 

Klingt ihr wieder, 

Mein Gefiihl 

Beschwingt ihr wieder, 

Meinen Fruhling 

Bringt ihr wieder, 

Mich, wie schon, 

Verjungt ihr wieder: 

Nehmt meinen Dank, wenn euch die Welt, 

Wie mir einst, ihren vorenthalt! 

Und werdet ihr den Dank erlangen, 

So nab' ich meinen mit empfangen. 



D. 3 wurde bei Stadtrath Fleischer die Verlobung der altesten 
Tochter Agnes gefeiert, wozu auch wir eingeladen waren. Der 
Brautigam war ein Universitatsfreund Roberts [Moritz Semmel], 
und lange hatten sie sich nicht gesehen — so fand denn eine dop- 
pelte Ueberraschung <statt) statt. 074 

Abends ging ich mit der Tante [Emilie Carl] in's Theater »Sohn 
der Wildnifi« von Halm (Graf Munch von Bellinghausen) Ret- 
tichs als Gaste. Die Sprache in diesem Stiick ist sehr schon, wenn 
auch die Charactere nicht immer schon {, oft) sind — die Con- 
traste sind zuweilen sehr grell hingestellt. Ueber das Spiel der 
Beiden ist nicht viel zu sagen — Sie ist eine ausgezeichnete Frau, 
Er wemger, was ich besonders im [Don] Carlos [von Schiller] 
empfand, wo er (mir) dem Emil Devrient als Marquis Posa nicht 
im Entferntesten gleich kommen konnte. 

074 Diese Notiz ab »Der Brautigam« auf dem Seitenrand hinzugefugt 
und durch Kreuze hierherverwiesen. 



232 Juli 1842 

Dienstag d. 5 kam ich durch Zufall wieder in's Theater in Iphi- 
genie von Goethe; ich sah nur 3 Acte, doch erschien mir die Ret- 
tich in dieser Rolle am schonsten, wozu (gerade in dieser Rolle) 
ihr (sch) edles Organ viel beitrug. 
Nachmittags besuchte ich die Frege. 

99 Donnerstag d. 7 Abends Musik bei Dr: Petscbke Marschner zu 
Ehren. Ich spielte sein Trio, welches mir sehr flach vorkam, 
desgl einige seiner Lieder, welche seine Frau sang. Die Frege 
sang Einige meines Mannes; Himmel, welch ein Unterschied! 
Robert, das zarte Gemiith, das Edle in jedem Tact, immer ei- 
genthumlich, wo an keine Trivialitat zu denken ist und Marsch- 
ner, diese rohe Leidenschaft, voll von Gemeinplatzen, trivial, 
und nicht einmal mehr frisch! Er hatte nichts mehr schreiben 
sollen nach seinem Templet, Vampyr und [Hans] Helling. 
Freitag d. 8 wiederholte sich ziemlich derselbe Abend bei 
Frege's. Sie [Livia Frege] sang ein ganzes Heft Marschner'scher 
Lieder vom Blatt, dafi man erstaunen muEte. Das werden ihr 
wenig Sangerinnen gleich thuen. 

ROBERT SCHUMANN: 8. Etienne Soubre, der belgische 
Preiscomponist brachte mir einen Brief v. Fetis 549 . Soubre e'm 
sehr einnehmender junger Mann.^ 74A 

CLARA SCHUMANN: Montag d. 11 war Marschner bei uns, 
doch ohne seine Frau, welche krank war. Ich war sehr verstimmt 
den Abend, wozu (Masch) Marschner viel beitrug, indem er in 
seiner Tochter eine Dreizehnte Person an unseren Tisch mit- 
brachte, 

100 so, dafi wir die Gesellschaft an^ 75 zwei Tische vertheilen mufiten. 
Gerade der^ 76 Aberglaube mit Dreizehn am Tisch ist noch sehr 
allgemein, und Keiner setzt sich gern dariiber hinweg. 

Es wurde wieder gesungen, auch spielte ich eine Sonate von 
Beeth [oven]. 

ROBERT SCHUMANN: Am 12ten ein junger hubsch ausse- 
hender Orgelspieler Homey er aus Westphalen. 
Am 18ten ein junger Wiener Componist Fiichs {aus Wien), u. 
der Textdichter O. Prechtler.O 77 

CLARA SCHUMANN: Dienstag d. 19 kamen Woldemar und 
Eugene Bargiel aus Berlin, um in Leipzig ihre Ferien zu verle- 

074 A Diese Notiz auf dem Seitenrand hinzugefiigt. 

075 Ursprunglich »um«, durch »an« iiberschrieben. 

076 Ursprunglich »die«, durch »der« uberschrieben. 

077 Die beiden Notizen in einigem Abstand voneinander auf dem Sei- 
tenrand hinzugefiigt. 



Juli 1842 233 

ben. Sie wohnten Beide bei mir. Sie sind ein paar gut erzogene 
Knaben, besonders liebe ich den Jungsten Eugene, der eine auf- 
richtige gutmuthige Natur hat; der Aelteste ahnelt ganz seinem 
Vater, den ich, offen gestanden, nie hatte lieb haben konnen, 
obgleich ich ihn sehr achtete seiner vielen Tugenden wegen. Ich 
hatte vor ihm immer ein geheimes Grauen, was mir me in Va - 
ter schon als Kind (als ich zum ersten Male nach Berlin kam 550 ) 
gegen ihn einflofke. 

ROBERT SCHUMANN: Am 22sten meine 3 Quartetten fertig 
aufgeschrieben. Abends Lampadius mit Frau, u. Jul. Becker bei 
uns zum Souper. 
Imerman's kostlichen Miinchhausen gelesen.^ 78 

CLARA SCHUMANN: Montag d. 2 Hen fuhren wir nach Con- 
newitz und brachten dort einige Stunden etwas langweilig zu — 
wir waren weder lustig noch traurig ! — 

(Son tag d. 24) <>79 Dienstag d. 2# >8 ° spazierten wir in's Rosen- 
thal mit^ 81 den Jungen — bei Kintschi wurde ein kleiner Halt ge- 
macht. Als wir nach Hause kamen war Spohr mit Frau und 
Tochter da gewesen; er reiste durch, so dafi wir ihn gar nicht sa- 
hen, was mir sehr leid that. 

NB: Sontag d. 24 spielten wir Trio von Spohr bei Voigt's. Die 
beiden letzten Satze sprachen mich besonders an, im Ganzen er- 
kennt man den Meister, nur scheint mir Frische dfters zu man- 
geln. 

Zum ersten Male spielte ich auch heute einige Sonaten von Bach 
mit David. Ich kann mir noch kein Urtheil abgeben, denn diese 
Sachen muE man oft spielen, um sie recht lieb zu gewinnen. Mir 
fiel es sehr auf, dafi David alle fortlaufenden Figuren staccato 
spielte — ob das wohl Bach so haben wollte? ich denke mir, ge- 
wifi hat sie Mendelssohn so gespielt, denn aus eigener Auffassung 
thut das David nicht, um so mehr interressirt es mich, ob es^ 82 
wohl recht ist! — 

Mittwoch d. 27 gingen wir zu Fufi nach Liitzschena und zu- 
riick. Es war ein hubscher Spatziergang, nur am Orte selbst war 



078 Die beiden Notizen spater auf dem Seitenrand hinzugefugt. 

079 » Sontag d. 24« uber der Zeile hinzugefugt, dann wieder gestri- 
chen. 

080 »Dienstag d. 26« zuerst gestrichen, dann durch Unterpunktieren 
wieder giiltig gemacht. 

081 Urspriinglich »den«, durch »mit« uberschrieben. 

082 Urspriinglich »das«; das »d« gestrichen und »as« durch »es« uber- 
schrieben. 



234 Juli 1842 

es sehr hafilich, schlechte Bedienung, schlechtes Essen, viel Flie- 
gen ect: ect: Wir hatten die beiden Jungen mit. 

102 Donnerstag d. 28 fuhrte ich die Jungen der alten Kammerra- 
thin^ 83 Frege zu, die sie von friiher her kannte, und sich sehr 
freuete sie so erWachsen wieder zu sehen. Auch beschenkte sie 
sie mit Siegelringen. Die Dr: Frege besuchte mich 

Freitag d. 29 Nachmittag, um mir Adieu zu sagen, sie reist am 
Rhein. Alles reist, seit 2 Monaten wollen wir es auch — viel- 
leicht wird es nun bald, oder gar nicht! mich treibts hinaus in die 
Berge, und doch wird es mir so schwer die Kleine zu verlassen, 
sie in die Hande von Dienstleuten zu geben. Kame es auP 84 
mich an, ich nahme sie mit, hatte ich auch Sorge um sie zu tra- 
gen, so doch auch wieder manches Vergnugen durch sie. Doch 
ich ftige mich, wie Du es, lieber Mann, wiinschest, und somit 
fehlt es an Nichts, als (dem) am 085 Entschlufi. 
Wir waren heute mehrere Stunden allein zusammen, Livia Frege 
und ich. Ich hatte sie schon seit einiger Zek immer lieber gewon- 
nen, und ganz besiegte sie meine Vorurtheile gegen sie heute, 
wo sie mir ein freundschaftliches Vertrauen zeigte, und mein in- 
nigstes Mitleid erweckte. 

103 Sie lebt kein gluckliches Leben, keine gliickliche Ehe, kann es et- 
was Schrecklicheres geben? ihre Schwiegermutter hat gewifi 
einen grofien Theil Schuld daran, und das konnte mir diese Frau 
hassenswerth machen, die ich immer so gern hatte. 

Ich kann nicht beschreiben, welch unausloschlichen Eindruck 
ihr Schicksal auf mich gemacht hat, schon als sie ihr Kind verlor, 
und nun wo sie mich in ihr hoffnungsloses Innere blicken liefi, 
um noch Vieles mehr. Doch diefi sei nur in diesem Buche, das ja 
nur fur uns Beide ist, ausgesprochen, ich werde ein Vertrauen 
wie Dieses zu ehren wissen. 

Es war auch heute, wo die beiden Jungen abreisten — die 12 
Tage waren verronnen, wie ein Traum! Kame nur die Mutter 
[Marianne Bargiel] her, das wiinsche ich so sehnlichst. 
-M[usik]£>;[irektor] Kosmaly brachte Robert eines Abends mit, 
wo die Herrn Literaten zusammen nach Herzenslust guten 
*We'm tranken auf das Wohl der neuen Zeitschrift! 
Robert war sehr fleifiig, vollendete 3 Quartette, ich aber that gar 
wenig, spielte gar nicht, so oft ich es mir auch vornahm. Sobald 
ich aber von der Reise zuriickkehre, soil ein ernsteres Studium 
wieder beginnen. 

104 Dann werden wir auch die Quartette einmal horen, auf die ich 
mich sehr freue; sie miissen ganz reizend sein nach dem, was ich 

083 »K« liber einen nicht lesbaren Buchstaben geschrieben. 

084 »aiif« iiber der Zeile eingefiigt. 

085 »am« uber der Zeile eingefiigt. 



Juli/August 1842 235 

zuweilen erlauschte. Lampadius, der mit seiner Neuvermahlten 
einen Abend bei uns zubrachte, lieft uns recht sinnig auf das 
wohl dieser 3 Kinder, kaum geboren und schon vollendet und 
schon, trinken. 



August 1842.0* 6 
ROBERT SCHUMANN: Ausflug nach Bohmen 

vom 6ten— 22sten August. 

Die Reise war klein, aber vielleicht die schonste u. heiterste, die 
ich je mit Klara gemacht. 

Vom schonsten Wetter begunstigt, das uns auf der ganzen Reise 
begleitete, fuhren wir (am) Sonabend am 6ten frohlichen Mu- 
thes mit dem Dampfwagen nach Dresden. Ein tragikomischer 
Fall, daft ein Franzose die Abfarth des Dampfwagens versaumte, 
und wie er ihn abgehen sah durch die versamelte 

105 Menge schreiend hindurchbrechen wollte, war der einzige inter- 
essante auf der Farth. 

In Dresden erwarteten (wir) uns Musikhandler Paul u. Frau, die 
uns ein Logis besorgt hatten. Bald erschien auch Clara's Bruder, 
Alwin, der fleifiig auf seiner Violine sein soil, aber alle Anzei- 
chen eines zukiinftigen eitlen Gecken und Egoisten zeigte, daft 
wir froh waren, ihn los zu sein. Wir gingen noch auf die 
Bruhl'sche Terasse, wo wir Becker' n aus Freiberg antrafen, der 
uns (gew) wie gewohnlich mit Vorwiirfen empfing, wie Klara 
ganz richtig bemerkte. Die Nahe des Alten [Wieck], der natur- 
lich jeden Schritt u. Tritt, den wir thaten, am ersten wissen 
wollte, machte unsern Aufenthalt die ganze Zek iiber peinlich 
und unheimlich. 

Auf der Terasse traf ich auch Kammermusikus Horak, der mir 
eine alte Hebe Jugenderinnerung aus Zwickau, wo ich in seinem 
Concert mich horen liefi 551 , recht lebhaft vor die Seele fiihrte^ 87 . 
Schone Hoffnungen, wie ich wieder aus dem Gesprach mit ihm 
merkte, wurden auf mich gesetzt; sie sind nur erst zum Theii er- 
fulit; es fiel mir wieder ein, wie viel mir noch zu thun iibrig 
bleibt. 

Sonntag d. 7ten friih besuchten wir die Kunstausstellung 552 . 
Viele ausgezeichnete Bilder fesselten uns da, vor Allem: die bei- 
den Lenoren v. Sohn, 

106 einige itaiienische Genrebilder v. Lindau, einige Landschaften v. 

086 Die Jahreszahl spater mit Bleistift hinzugefugt, dabei die »1« auf ei- 
nen Punkt geschrieben. 

087 »fiihrte« iiber der Zeile eingefugt. 



236 August 1842 

Dahl, dann die javanische[n] Stierjager v. Prinzen Saled, und 
dessen Portrats von Major Serre u. Frau. Auch das Modell der 
Veitskirche v. Prag von einem Erfurter Tischler machte den Ein- 
druck des Vollkomenen u. Meisterhaften. 

In der katholischen [Hof~]Kirche horten wir eine wohlklin- 
gende Messe v. Reissiger. Das grofie Gedrange benimt aber al- 
ien Genufi. Den alten Mieksch, Clara's fruheren Lehrer im Ge- 
sang, sprachen wir fliichtig. 

Wir besuchten sodann die Schroder Devrient, bei der wir auch 
Frl. v. Hagen antrafen. Die paar Augenblicke werden mir unver- 
gefilich bleiben. Die natiirliche Frische u. Anmuth wie Derbheit 
der Schroder hat nicht ihres Gleichen. Sie unterhielt uns auf das 
Amusanteste, namentlich iiber Liszt und machte ihn auf das la- 
cherlichste nach, wo sie dann die Hagen aufzog, die eine grofie 
Verehrerin, wo nicht mehr von Liszt sein soil. Wir lachten sehr 
viel. Unter den Clavierspielern halt sie Mendelssohn, Henselt u. 
Klara am hochsten; Liszt gilt ihr eben nur wie eine Carricatur. 
Auf das freundlichste schieden wir von einander. Klara's Auf- 
merksamkeit nahm auch sehr das Zimer der Schroder 

107 in Anspruch; es ist wirklich auch reizend und mehr einer Gar- 
tenlaube (ahnlich} in einem orientalischen Harem ahnlich. 

Zu Mittag afien wir auf dem Linke'schen Bad mit Becker, von 
dem es hochst unschiklich war, dafl er, als wir dann auf die Vo- 
gelwiese gingen, dort zurukblieb, weil Klara's Vater da war, 
dem Becker seine Neutralitat wahrscheinlich zeigen wollte. 
Einestheils sind wir Becker fiir s.[eine] fruheren sehr freund- 
schaftlichen Bemuhungen fiir unseren Bund Dank schuldig, an- 
derntheils steht er uns aber auch nicht bedeutend genug da, um 
wegen solcher Versehen mit ihm anzubinden. Wir Helen's denn 
hingehen. 

Abends im Theater: Adele de Foix v. Reissiger 553 , die Verdienst- 
liches aber auch Schwaches viel hat und zuletzt ermudet. Die 
deutschen Operncomponisten scheitern alle an der Absicht, dem 
Publicum zu gef alien; sie wollen es Jedem recht machen und da 
kommt nichts Rechtes heraus. Man hat keine Achtung vor dem, 
der uns immer mit ausgebreiteten Armen entgegenkommt. 
Tischatschek's Stimme ist noch immer bezaubernd, sein Spiel 
dagegen burschikos und wegwerfend. Die Schroder that was sie 
thun konnte; sie hatte uns schon am Morgen erklart, dafi sie 
nicht gern in dieser Oper sange — bei aller Anstrengung kame so 
wenig dabei heraus. 

108 Montag d. Sten. Bei Paul traf ich Reissiger, der, wie er 
sagte, gar keinen Antheil an dem Gesangfest 554 hatte. Clara war 
einstweilen bei Mad.[ame] Kragen, wo dann wieder eine Klat- 
scherei fertig geworden war, iiber die ich mich dann ziemlich 



August 1842 237 

heftig expectoriren mufite, Der schone Tag, das Gewiihl der 
Menschen, die der Abfarth der Sanger zusehen wollten, liefien 
auch das bald vergessen. Im Uebrigen fanden sich die 30 000 
Menschen auf das Aergste getauscht. Es fehlte dem Arrange- 
ment alle Ordnung und aller Glanz. Noch dazu mufiten wir 2 
Stunden lang auf einer Sandflache in brenender Hitze warten. 
Schoner war der Abend in Loschwitz u. Blasewitz, wohin wir 
tiber den »[Weifien] Hirsch« gefahren waren. Das bunte Leben 
auf u. an der Elbe, der duftige Abendhauch liber d. ganzen 
Landschaft, dazwischen die frdhliche Musik, das Schiefien u. 
Larmen iiberall — dies alles gab ein Bild des Lebens und der Le- 
bensfreude, wie ich es selten gesehen. Hier horten wir auch 
Mendelssohns »Wer hat dich du schoner Wald« sehr gut singen. 

Der Freude folgte wieder ein Aerger, diesmal uber mein Ehe- 
weib, das sonst so gut und Heb ist. Aber wir wollen nicht weiter 
daran denken. 

109 Dienstag d. 9 ten friih fruhstiikten wir mit Paul, Becker u. 
Reissiger ziemlich munter. Manches wurde gesprochen u. be- 
riihrt. Reissiger erzahlte auch von dem Pistolenduell, das Banck 
gegen den Alten [Wieck] im Sinn gehabt. Man scheint sich uber 
die Sache in D.[resden] sehr lustig zu machen. 
Nachmittags kam der junge Kirchner, ein bedeutendes Talent, 
dem ich imer grofie Theilnahme schenkte, sich Raths^ 88 bei mir 
zu holen. Ich denke imer, wahrhaften Talenten hilft der Himel 
imer, und trostete ihn auch in dieser Hinsicht. Wir besahen uns 
noch einmal die Kunstausstellung, gingen dann gegen Abend 
mit Paul's auf das Feldschlofichen, den Riikzug der Sanger zu 
erwarten, der aber wieder sehr armlich ablief. Ein junger Cla- 
vierspieler Blafimann machte mir das Compliment, der ein wiir- 
diges Seitenstiik Alwin's [Wieck] scheint. 

Tischatschek u. Pohlenz aus Leipzig sprachen wir im Vorbeige- 
hen. 

Mittwoch d. lOten imer bei wunderschonem Wetter mit Lohn- 
kutscher nach Teplitz. Der Weg bis dahin hat imer Abwechslung 
und Interesse; vor Teplitz wird die Gegend ganz herrlich. In Pe- 
terswalde traf Clara eine Copenhagener Bekanntschaft. Bei 
schoner Tageszeit trafen wir in Teplitz ein, besahen uns noch 
den Schlofigarten und liefen Uber die Berge und dann in's Ben. 
Dieser Tag ist der 

110 Todestag meines guten Vaters, an den ich oft dachte; er war oft 
in Teplitz gewesen, hatte er uns doch auch hier zusamen sehen 
konnen. 

088 Ursprunglich »Rah«, das »h« durch »t« iiberschrieben. 



238 August 1842 

Am Donnerstag friih stiegen wir auf d. Schlofiberg. Es strengte 
Cl.fara] sehr an, auch mich. Die Belohnung oben aber ist grofi. 
Auf dem Rtikweg in die Stadt sahen wir den Herzog v. Bor- 
deaux und spater auch die Berry. Die grofie Hitze hielt uns den 
Nachmittag zu Hause; gegen Abend wandelten wir aber nach 
Thurn, eine hiibsche Waldgegend mit Kaffehaus. Eine Musik- 
bande von kleinen Kindern, gehorig uniformirt, machte mir vie- 
len Spafi. 

Auf dem Weg nach Haus trafen wir beim Abendessen einen 
Leipziger, J. Hamer, einen talentvollen Schriftsteller. Spater hat- 
ten wir ein htibsches Intermezzo in einer Coriditorei, in der wir 
musiziren horten. Leider wurde Klara bald erkannt; sie spielte 
die Variationen v. Henselt. Ein alberner Berliner Musik Direc- 
tor sagte ihr zuvor »sie solle nur keine Angst haben, es waren ja 
nur Dilettanten, die zuhorten«. 

Freitag d. 12te wird mir unvergefilich bleiben, wir fuhren nach 
d. Milischauer in Begleitung eines, wie es schien, Naturforschers 
mit zwei 

111 hiibschen Knaben. Die Farth schon nach dem Fuft des Berges ist 
sehr belohnend; der Weg lauft zwischen reizenden Gegenden u. 
Fernsichten hin. 

Die Besteigung geschah in bereits grofier Sonnenhitze u. machte 
mir viel zu schaffen. Cl.fara] war heute riistiger als ich, was mich 
freute u. argerte; denn der Mann bleibt doch nicht {imer) ge'rn 
imer 20 Schritte hinter der Frau zuriik. Endlich war er erstiegen. 
Htibsche Gedenkspriiche reden oben einen an und die behagli- 
che Einrichtung schutzt gegen Sturm u. Hitze. Und dann das 
herrliche Panorama! Man soil sogar iiber Prag hinaussehen. 
Doch schliirfe ich auf Bergen nicht sowohl das Einzelne, als 
lasse lieber das Ganze auf mich einstromen. Da fiihlt man denn 
Gottes schone Welt. Ich hatte gleich eine Woche lang oben blei- 
ben mbgen. Der SchloEberg liegt wie ein Maulwurfhiigel zu den 
Fiifien. So ist's auch im Leben u. in der Kunst, Die Kleinheit der 
uberwundenen Berge sieht man erst auf grofieren, und wahnte 
man sich schon gestern hoch stehen, so ftihlt man am folgenden 
Tag, wie man mit Miihe u. Anstrengung noch hoher gelangen 
kann. Gfejgen 5 Uhr 

112 verliefien wir den schonen Bergriesen, der uns noch lange nach- 
winkte und zuletzt sich {wieder) ganz in's Dunkel einhullte. 
Sonnabend d. 13ten verlebten wir ziemlich langweilig. Ein Be- 
such bei einem Bekannten Ernestines [von Zedtwitz], Hrn. Piel- 
sticker v. Mtilburg [?], war das interessanteste. Er kannte erst 
Klara nicht, und wollte ihr weifi machen, sie am Donerstag ge- 
hort zu haben, bis sich dann die Sache aufklarte. Abends nach 
acht Uhr fuhren wir nach Karlsbad mit der Post. Der Weg ware 



August 1842 239 

wohl werth ihn bei Tage zu machen. Ich kenne ihn von 1825 
her, wo ich ihn zu Fufi machte. Vieles war mir noch im Ge- 
dachtnifi, so Reichau namentlich u. Engelhaus vor Carlsbad, die 
schone Felsenruine.^ 89 

In Carlsbad, wo ich mit meiner Mutter als 8jahriger Bursche 
mehre Wochen verlebt hatte, fielen mir alle meine alten Lieb- 
lingsorter wieder ein. Es hat sich nur wenig verandert. Wir 
wohnten sehr angenehm im goldnen Schild, tranken Mittag^ 90 
Champagner und nicht ohne guten Grund; denn 1837 an dem 
nahmlichen Tag hatte ich meiner Kiara 

113 Jawort in einem verstohlenen Briefchen bekomen, dem sie auch 
bis jetzt nicht untreu geworden. Labitzky, der Tanzcomponist, 
begleitete unsre Gedanken mit frohlicher Musik. 

Abends machten wir noch einen einsamen Spatzirgang nach 
dem Posthof, wo ich fruher so oft gewesen an der Hand meiner 
Mutter. 

Der Montag d. 15te ward uns lieb durch zwei schone Aus- 
fliige, nach dem Kreutzberg, u. nach Elbogen. Friih am Brunen 
trafen wir Fischhof aus Wien u. Dr. Frank aus Breslau (d. 4ten 
der Briider, die ich kenne). Auf den Kreutzberg steigt es sich 
spielend; schade dafi der Berg nach Norden hin bewachsen ist 
und man nur die eine Aussicht nach Karlsbad hin hat. Klara be- 
merkte ganz richtig: Karlsbad habe etwas von einer Kinderspiel- 
stadt, wie^ 91 man sie zu Weihnachten bescheert bekommt. Ich 
verglich das Ganze, namentlich wie es vom Mond beleuchtet 
war an einem Abend, einer solchen Christbescherung. Nachdem 
wir uns oben gelabt, und zur Stadt zuruckgekomen waren, such- 
ten wir Parish'ens auf, Mutter u. Tochter, die uns sehr herzlich 
aufnahmen und uns gleich zu einer Farth nach Ebbogen^ 92 einlu- 
den, 

114 fiir die wir ihnen sehr dankbar sein miissen. Zu Mittag afien wir 
mit Fischhof zusainen, dabei viel Champagner consumirend. 
Fischhof, ein Jude, klug und politisch, kann auch sehr ange- 
nehm, selbst gemiithlich sein. 

Von da also weg nach Elbogen, das ich gleich herzeichnen 
mochte, gewifi die reizendste Partie um Karlsbad. Clara war 
ganz entziikt, ich auch. Dazu sehr hubsche Unterhaltung mit 
Parishens, beide auf das Feinste gebildet, und am fremden Orte, 
wie- gewohnlich, weniger ceremoniell als vielleicht zu Hause. 
Das letzte Wort »ceremoniell« pafit auf die Tochter aber nir- 
gends; ihr reines klares Auge mufi der Spiegel eines schonen 

089 Darunter ein wieder getilgterTrennungsstrich. 

090 Urspriinglich »m«, durch »M« uberschrieben. 

091 Danach ein nicht lesbares gestrichenes Wort. 

092 Sic. Recte: Elbogen. 



240 August 1842 

Herzens sein. Dazu versteht sie viel von Musik und urtheilt fein 
und verstandig. Einzeichnen mufi ich, was sie iiber Kl.[ara] sagte 
»es gefiele ihr so an Kl.[ara], dafi sie die Kunst mehr wie eine 
Dilettantin triebe«. In diesen Worten liegt ein so feines Lob, 
wie umgekehrt, wenn man von der Parish sagt, dafi sie die Kunst 
wie eine Ktinstlerin triebe — was ich ihr irner sagen wollte, ware 
es eben nicht viel grober gewesen, als ihre Bemerkung. 

115 Wir fuhren in der Abenddamerung zurtik und schieden auf das 
herzlichste. — 

Dienstag, d. 16 ten bei guter,Zeit nach Marienbad aufgebro- 
chen. Dem hiibschen Thalweg bis Harrier folgt bald ein ganz un- 
interessanter fast bis (ganz) nach Marienbad. Gegen 2 Uhr ka- 
men wir da an. Es liegt in einem grofieren Thalkessel als Carls- 
bad und ist iiberhaupt freundlicher u. milder. Die ganze Stadt ist 
eigentlich wie eine von Hausern umzaunte Gartenanlage. Alles 
sieht noch neu und neuwaschen aus. Dies macht auch die Men- 
schen anders aussehend. 

Wir wufiten, dafi die Majorin Serre da war u. fanden sie gegen 
Abend zufallig am Brunen. Eine seltsam zerstreute Frau, die in- 
defi Herzensgutmuthigkeit besitzen mag, auch nicht ohne Ver- 
stand und Witz ist. 

Zu Abend hatte sie eine kl.feine] mus.[ikalische] Gesellschaft zu- 
sarnen gebeten, wo uns die Apothekerstochter auch Lieder von 
uns vorsang, die ihr Cl.[ara] accompagnirte. Ein Chorherr aus 
Pilsen, der Cl.[ara] zum erstenmal {accompagnirte) horte, war 
wohl der gierigste unter den Zuhorern, Er konnte nicht genug 
bekomen. Die Gesellschaft wollte auch etwas v. meinen 

116 Compositionen zu horen haben, worauf denn Kl.fara] sagte, sie 
konne nichts von ihnen. Dies gab noch Abend zu einem Wort- 
wechsel zwischen uns Anlafi, der sanft genug war und in dem 
mich Klara gewifi (richtig) nicht mifiverstanden hat. 

^ 93 Im Gasthof, Neptun, wurden wir gut bedient, da der "Wirth, 
ein gebildeter angenehmer Mann, Kl.[ara] kannte und wie er 
uns oft versicherte, es sich (ih) zur grofiten Ehre rechne, sie zu 
bedienen. 

Mittwoch d. 17te brach unter guten Vorbedeutung an. Das 
Wetter horte nicht auf sich gleich zu bleiben. Die Morgen waren 
imer wundervoll, die Abende nicht weniger, die Nachte millio- 
nenfach gestirnt. Wir hatten gehort, dafi Fiirst Metternich in 
Konigswart ware und machten dahin einen Ausflug, theils um 
Konigswart selbst, aber noch lieber den grofien Diplomaten zu 
sehen. Der Weg dahin lauft ziemlich einformig hin. Die ganze 
Gegend ist hochhiigelig und zu Parks sehr gut geeignet. Beim 

093 Davor ein gestrichener, nicht lesbarer Wonanfang. 



August 1842 241 

ersten Eintritt auf Konigswarter Gebiet nimmt die Gegend einen 
freundiicheren Iieblicheren Charakter an. Bald lag das schone 
Schlofi vor uns, weniger im Pallaststyl, 

117 als comfortabel, geschmackvoll gebaut. Auf den beiden Endspit- 
zen des Schlosses waren <Frage)[?] Flaggen aufgepflanzt, zum 
Zeichen, dafi der Fiirst da war. Wir stiegen im Gasthaus ab, das 
dem Schlofi wie zur Verhohnung gegentiber liegt. Denn eine 
schmutzigere Wirthschaft im Innern kann man sich nicht leicht 
denken. Ein Spatziergang durch die Gartenanlagen (Park sind 
sie nicht) machte mir grofie Freude. Weniger Clara, die heute 
ihren Tag hatte, da sie Alles zu aergern schien — warum, wer 
weifi das — der Mensch ist nun oft launenhaft trotz des schon- 
sten blausten Himels tiber ihnj der reizendsten Gegend, die sich 
um ihn ausbreitet. Es war ganz still im Garten, wir begegneten 
nur ein em jungen Knaben mit s. [einem] Hofmeister, ersterer 
war wohl ein junger Prinz. 

Der grofie Wassermangel, der in diesem Jahr in der ganzen Welt 
herrscht, nahm wohl auch dem Garten seinen Hauptschmuck. 
Das Wetter war aber so wonniglich, dafi fiir Herz u. Auge noch 
genug ubrig blieb. Denkwurdig ist der Obelisk auf einer Anhohe 
des Gartens, den der Fiirst Metternich dem Kaiser Franz setzen 
liefi. Er ist ziemlich hoch. Auf der Spitze ruht eine vergoldete^ 94 
Weltkugel, von einem Adler mit beiden Fliigeln iiberwacht. Am 
Fufie liegt ein schlafender u. ein wachender (Lowe) Lowe. Der 
oesterreichische Volkswitz sieht in 

118 jenem den Kaiser, im andern den Fiirst Metternich. Steht man 
am Eingang des Schlosses vor diesen, so scheint die Weltkugel 
mit dem Adler gerade auf dem Schlofi selbst zu stehen, was viel- 
leicht eine Schmeichelei des Baumeisters war. Von der Anhohe, 
(auf) wo der Obelisk steht, hat man auf der einen Seite unter 
sich den ganzen Garten mit dem Schlofi zur Ansicht, auf der ari- 
deren sieht man in's weite Land ziemlich fern. Die Feme war in 
duftiges Blau eingehullt. Das Ganze gibt den Eindruck, dafi hier 
in der Nahe ein Machtiger, Glliklicher hausen mufi, aber mehr 
einen behaglichen, als einen befangenden. 

Nun schickten wir uns zur Vorstellung beim Fiirsten an. Wir ka- 
men durch den Thiirsteher und einen Bedienten bald zu^ 95 
einem hoheren Beamten, dem ich Klara's Karte iibergab. Er be- 
schied uns eine Viertelstunde sparer, die wir im Garten zubrach- 
ten. Als wir zurtikkamen, dauerte es wenige Secunden u. wir 
standen im Salon des Fiirsten. Mir klopfte das Herz ein wenig. 
Ich gedachte der Worte Gothe's, der irgendwo sagte: der Fiirst 

094 Danach ein gestrichener, nicht lesbarer Wortanfang. 

095 »zu« tiber der Zeile eingefugt. 



242 August 1842 

M.[etternich] hatte sich ihm stets als ein gnadiger Herr ge- 
zeigt 555 . Sagte das Gothe, so war mir, dem armen Musikanten, 
wohl ein Herzklopfen erlaubt. Bald stand er vor uns. Aber die 
ersten Worte 

119 aus seinem Munde verscheuchten die Aengstlichkeit bald ganz- 
lich. Er nahm Klara aufierst huldvoll fast freundlich u. vertrau- 
lich auf, erkundigte sich auch theilnehmend nach mir, so dafi 
er^ 96 das Gesprach fast ganz allein fiihrte. Von Donizetti sprach 
er »dafi er ihm eine brillante Oper gegeben 556 , u. dafi ihn der 
Kaiser zum Capellmeister gemacht (weil er osterreichischer Un- 
terthan, ein Bergamasker, ware), dafi sich namentlich in der 
Oper ein Motiv fande, das wie das Rossinische Tanti palpiti 557 
bald zum Gassenhauer werden wiirde, dafi D.[onizetti], noch so 
jung, schon d. 76ste Oper geschrieben.[«] Dann erkundigte er 
sich nach dem Musikzustand in Leipzig, nach Kl.faras] Reise 
nach Danemark pp. Als wir von den Anlagen um Konigswart 
sprachen, sagte er »wie er das Eingezaunte nicht liebe^ 97 die 
Natur hatte alles schon gethan, er habe sie nur hie u. da gepackt 
PP PP-M Beim Abschied versprach er uns noch gute Aufnahme 
in Wien, wenn wir dahin kamen, und reichte mir die Hand zum 
Abschied, die ich zu befangen war anzunehmen. So gingen wir 
von ihm, um ein paar unvergefiliche Minuten fur's Leben rei- 
cher, erhoben u. gestarkt. Die Huld des Machtigen erinert den, 
(Menschen) dem sie zu Theil wird, an das gemeinschaftliche 
Band, das alle umschlingt. Man flihlt wieder neuen Lebensmuth, 
neue Lust zum Streben, um den Wiirdigsten dieser Erde naher 
zu komen. So wirkten diese Minuten auf mich wenigstens. Der 
Ton der Stimme dieses Manes, 

120 der ganze Nimbus, der iiber ein so gefeiertes Haupt schwebt, 
hatten mich gewissermafien wie gebannt, so dafi mir (das) 
sein^ 98 Aeufieres nur im Umrifi (im) vor den Augen stand. Doch 
erinnere ich mich noch der grofien klugen Augen, des festen ru- 
stigen Ganges und vor allem eben jener klaren deutlichen 
Stimme, die das Eigenthum aller grofien Manner sein mag. 
Wir besahen uns noch die Sammlungen im Schlofi, iiber die sich 
wohl Blicher schreiben liefien, freilich im raschesten Vorbeiflug 
nur. 

Unter Vielem Merkwiirdigen wurden uns gezeigt: Ziska's Streit- 
kolben (oder Schwert, ich weifi nicht genau), Ypsilantis Dolch, 
das Lavoir Napoleons, dem Fursten v. Herzog v. Reichstadt ge- 

096 »er« iiber der Zeile eingefiigt. 

097 Die folgende Notiz einschliefilich des ersten »pp« am Rand erganzt 
und durch senkrechte Striche hierher verwiesen. 

098 »sein« iiber der Zeile eingefiigt. 



August 1842 243 

schenkt, die Stoke v. Herzog v. Reichstadt, u. Talleyrand, den 
Ring v. Sobieski, Cocarde u. Haar v. Napoleon, Haar u. die 
Hausmiitze vom Kaiser Franz,^ 99 eine spanische Tracht v. Don 
Carlos, der als Thronpratendentv. Spanien aufgefiihrt war, 
eine kl.[eine] Landschaft v. 0100 Pedro II, dem Fiirsten geschenkt, 
ein Gemalde v. Dom Sebastian u. m. viele Geschenke v. Pabst, 
vom Sultan, v. Mehmed Ali, von letzterem namentlich zwei 
2 — 3000 Jahre alte Mumien (ein Konig u. eine Konigin), vieles 
Chinesische pp. Das Miinzkabinet soil vortrefflich sein u. (s) 
vollstandig. Wie schade, dafi wir alles so schnell durchfliegen 
mufiten. 

Noch nahm die Schloficapelle unsre Aufmerksamkeit in An- 
spruch; sie ist ein Bild des Fiirsten selbst 
121 und so freundlich, dafi man gleich beten mochte. Das Kostbarste 
darin ist der Altar mit dem Sarge Hadrians dann d. Gebeine d. 
Bonifazius, ein Geschenk des Pabstes. Die Schenkungsurkunde 
hangt in Abschrift an der Kirchenthtir. Einige ausgewahlte Ge- 
malde schmiicken die Emporkirche, u. A. ein Tizian, ein Lucas 
Cranach. 

Gegen 1 Uhr fuhren wir nach Marienbad zuruk. Gegen Abend 
besuchten wir die Majorin Serre wieder, wo wir Klengel aus 
Dresden, und einen jungen Marienbader Musiker Schlesinger 
trafen. Es ging vergniigt zu, Damen u. Herren rauchten spani- 
sche Cigarren und dann wurde etwas musiciert. Cl.[ara] spielte 
mit echten musikalischen Geist auch die Novellette u. A., Klen- 
gel auch etwas, aber mit grofier Aengstlichkeit ganz wie L. Ber- 
ger, dessen Mitschuler bei Clementi er war. Abends besuchte 
mich im Hotel noch der junge Schlesinger, ein hiibscher sanfter 
Mensch, dem Musik aus d. Augen spricht. Er will nach Leipzig 
kornen. 

Auf diesen hochst interessanten Tag folgte ein ennuyanter 
Donnerstag d./5te, wo wir in einem elenden Eilwagen u. 
elender Gesellschaft nach Carlsbad zuriikreisten und auch dort 
nichts von Belang sahen u. horten. 

Freitag d. 19ten fuhren wir nach Schneeberg. Der Weg bis da- 
hin ist reich an Abwechslung. Ein Intermezzo eigner Art ge- 
schah uns (dur) an der Granze in Wildenthal durch die Dumm- 
heit unsres bohmischen Kutschers. Gegen 5 Uhr waren wir in 



O 99 Die folgende Notiz, bis einschliefilich »u. m.« am Rand erganzt 

und durch ein Kreuz hierher verwiesen. 
O100 Das folgende abgekurzte Wort wegen eines Tintenflecks nick les- 

bar. 



244 August/ September 1842 

Schneeberg. Der 0101 erste Bekannte war mein alter Freund Rol- 
ler. Dann kamen Carl u. Pauline [Schumann], die uns herzlich 
aufnahmen. Sonnabend d. 20sten beim Mittagessen Diaco- 
nus Korner u. v. Andre, dann wunderhiibsche Parthie nach Stein 
u. der Prinzenhohle. Sonntag d. 21sten friih Musik bei Stadt- 
Richter Kasten. Um 4 Uhr Abfarth nach Zwickau, das im schon- 
sten Sonnenschein vor uns lag. Karl's Sohn, ein schoner geistvol- 
ler Knabe — Rascher's Hochzeittag — So viel gab es zu berich- 
ten — aber das Buch geht zu Ende — darin dir noch einen Kufi, 
liebe Reisegefahrtin, beim Schlufi d. Reise Montag, wo wir friih 
um 7 Uhr in L.[eipzig] eintrafen u. unser Mariechen wohl u. ge- 
sund antrafen. 

122 CLARA SCHUMANN: Roberts Bericht zu lesen war ein Dop- 
pelgenufi fiir mich; der Bericht an sich interressant genug dazu 
die Erinnerung an unsere schone Reise! — Ich befinde mich aber 
auch zu Hause wieder ganz con amore; nicht so ging es meinem 
lieben Robert, der wohl lieber gleich wieder ausgeflogen ware. 

D. 26 besuchte mich Tomaschek aus Wifen^ 102 , ein guter, aber et- 
was alberner Oestreicher. 

Interressantes ware von diesem Monat nichts mehr zu berichten 
darum gleich zum 

September 1842.0 103 

wo unser liebes Kind geboren wurde. Wir feyerten ihren Ge- 
burtstag vergnixgt, doch der Freude sollte bald das Leid folgen. 
Das Kind wurde noch am selben Abend ganz gefahrlich krank 
an den Zahn[-] und Kinnbackenkrampfen. Wir waren Abends 
bei Lampadius, wurden aber bald nach Haus geholt, wo das 
arme Kind besinnungslos lag. 

123 Der Anblick war herzzerreifiend, so ein kleines liebes Wesen so 
leiden zu sehen. Robert war trostlos und wollte am Aufkomen 
der Kleinen zweifeln — ich war zu sehr von BesorgniE fiir sie, 
wie fiir ihn beherrscht, als dafi ich zu einem bestimten Gefiihl 
komen konnte — ich verlor iibrigens die Hoffnung nicht! es dau- 
erte auch nicht lange und der Hiinel half — Dank sey ihm, dafi 
er unser Kleinod uns erhielt. Sie ist (uns) noch heute 

den 5ten sehr unwohl, doch aufier aller Gefahr. liner liebte ich 
mein Kind unaussprechlich, jetzt ist es mir jedoch, als wiire sie 

0101 Die noch folgenden Aufzeichnungen Schumanns senkrecht auf 
dem Seitenrand stehend, wahrend die Rtickseite des Blattes unbe- 
schrieben blieb. 

0102 »Wien« iiber ein nicht lesbares Wort geschrieben. 

0103 Die Jahreszahl spater mit Bleistift hinzugefiigt, dabei die »1« auf 
einen Punkt geschrieben. 



September 1842 245 

mir noch einmal neu wiedergegeben — einen solchen Besitz 
kann man nie genug schatzen, das ftihlt man erst recht, wenn Ei- 
nem der Verlust nahe war, wie es bei uns wirklich der Fall! — 
Mein lieber Robert beschenkte die kleine Marie recht schon und 
sinnig mit einem^ 104 Tagebuch in welchem er iiber ihr erstes Le- 
bensjahr berichtet 558 , und eine kleine silber[ne] 

124 Sparbuchse, worein er das Geld legte, welches in der Borse war, 
die ich ihm gab, als er nach Wien reiste. {beim Abschied) Aufier- 
dem erhielt sie noch manche Kleinigkeiten, auch von ihrer Frau 
Pathe Madam Devrient ein Kleidchen, so wie von der Mutter 
[Marianne Bargiel] Korbchen, Strtimp[f]chen noch einige kleine 
Sachen, und einen Brief, der seinen Platz im Tagebuch unserer 
kleinen Debutantin fand. 559 

D. 6 kam endlich die Mutter aus Berlin auf 14 Tage zu uns, wel- 
ches lange mein Wunsch gewesen war. Sie bleibt immer dieselbe 
lebenslustige, heitere und behende Frau, und conservirt sich 
merkwurdig gut trotz aller Leiden, welche sie durchgemacht 
und noch jetzt durch zu machen hat. Ueber Mariechen freuete 
sie sich sehr, obgleich sie noch sehr unwohl war, was sich erst in 
der letzten Zeit von Mutters Hierseyn anderte. 
D. 11 gingen wir in das Concert im Hotel de Pologne 560 , welches 
Hdrtel fur die Oschatzer Abgebrannten gab. Es war der gute 
Zweck das Beste dabei. Nach dem Concert afien wir dort, ka~ 
men (jedoch) aber^ 105 zufallig in eine Gesellschaft hinein, welche 
Hdrtel gebeten hatte, das uns argerte(,) und belustigte. 

125 Sontag d. 12ten feyerten wir einfach unseren Hochzeittag mit 
einem Glas Wein. Zwei gluckliche Jahre waren vorbei — moch- 
ten noch Viele^ 106 Solche<> 107 folgen. 

Der 13te war ein Tag voller Freude und GenuE. Mein Robert 
iiberraschte mich mit Vielerlei, doch die groste Freude mach- 
te{n) mir das Geschenk seiner 3 Quartette, die er mir noch am 
selben Abend von David, Wittmann u. a. vorspielen liefi. Das 
war ein groftes Entzucken fiir mich! diese Compositionen, diese 
Ausfiihrung, und all das Herriiche durch meinen Robert! meine 
Ehrfurcht vor seinem Genie, seinem Geiste, iiberhaupt vor dem 
ganzen Componisten steigt mit jedem Werk! ich kann iiber die 
Quartette Nichts sagen als dafi sie mich entzuckten bis hVs 
Kleinste. Da ist Alles neu, dabei klar, fein durchgearbeitet und 
imer quartettmafiig, doch was soil mein Urtheil! nimm meinen 
herzinnigsten Kufi, deren ich Dir tausend geben mochte fiir die 
Freude, welche Du mir heute verschafftest. 

0104 Ursprunglich »einer«, das »r« durch »m« uberschrieben. 

0105 »aber« iiber der Zeile eingefiigt. 

0106 Ursprunglich »v«, durch »V« uberschrieben. 

0107 Ursprunglich »s«, durch »S« uberschrieben. 



246 September 1842 

An reichen Geschenken fehlte es aufierdem nicht, Robert be- 
schenkt mich imer viel zu sehr, was ich gar nicht verdiene. 

126 Auch die Mutter schenkte mir ein allerliebstes Korbchen, und 
mein Mariechen liefi mir der Himmel wohl und munter mit ei- 
nem Kranzchen entgegen komeh. Das kleine liebe Kind schien 
sich selbst daran zu erfreuen, denn sie lachte wie die Rosenkno- 
spen, die sie trug. 

Mittwoch d. 15 erhielten wir die Nachricht, dafi Henselt hierher 
kornen wiirde 561 , freilich nur auf einen Tag. Er kam 
Sontag d. 18, nachdem wir ihn zweimal vergeblich erwartet hat- 
ten. Serve, Kraegen und seine Frau (Henselts Frau) begleiteten 
ihn. Sie afien Mittags bei uns und Abends spielte er in Lindenau 
bei Hdrtel vor einem kleinen Kreise von Kunstkennern. Er ent- 
ztickte mich wie ehemals durch sein imposantes dabei weiches 
Spiel; sein Vortrag ist schon und natiirlich, iiberhaupt der ganze 
Mensch Gemiith glaube ich. AIs Componist aber hat er keine^ 108 
Fortschritte gemacht, alle Melodieen hatte er frtiher schon fri- 
scher, und die Form ist immer Dieselbe. So herrlich nun sein 
Spiel ist, so deutlich jeder Ton, so glaube ich doch, dafi durch 
das viele mechanische Studium sein Anschlag an Zartheit verlo- 
ren hat. So recht hingehaucht, poetisch scheint er nicht spielen 
[zu] kohnen, es sieht und hort sich bei solchen Stellen imer eine 

127 gewisse Steifheit heraus. Schade, daft^ 109 er sich da nach Peters- 
burg hin vergraben hat, wo sein Talent in Stunden geben wenn 
nicht untergeht, so doch leidet. Er hat mich iibrigens durch sein 
Spiel wieder wie vor 6^ no Jahren entmuthigt, dann aber auch 
angefeuert. Ich bin jetzt unverzeihlich faul im Clavierspiel gewe- 
sen, doch ich will Alles^ 111 wieder gut machen, so viel es mir 
moglich ist. 

Montag d. 19 reiste Alles ab; Henselt's, die Mutter, Kragen, 

Serre ect: Wir brachten sie an den Bahnhof. Die Mutter reiste 

mit Ersteren zusammen nach Berlin. 

NB Noch^ 112 hatte ich vergessen der Madam Henselt zu erwah- 

nen, die eine angenehme und vor Allem gescheidte Frau scheint. 

So Eine mufite auch wohl Henselt haben, um es in Petersburg so 

weit zu bringen, als es der Fall ist. Er bekomt 1 Louisd'or flir die 

Stunde und giebt Neune des Tags. Er redete mir sehr zu dahin 

zu komen, was doch am Ende auch einmal geschieht. 

Kurz war die Freude, Henselt bei uns zu sehen, doch er ver- 

sprach uns nachstes Jahr einen langeren Aufenthalt. So kurz er 

0108 »k« iiber einen nicht lesbaren Grofibuchstaben geschrieben. 

0109 Urspriinglich »s«, durch »fi« uberschrieben. 

0110 Urspriinglich »5«, durch »6« uberschrieben. 
Ol 1 1 Urspriinglich »a«, durch »A« uberschrieben. 
Oll2 Urspriinglich »n«, durch »N« uberschrieben. 



September 1842 247 

auch hier war, so hab ich ihn doch recht lieb gewonnen, weil er 
mir bei weitem gemiithlicher und natiirlicher erschien, als vor 
Jahren. 
128 Nun ist Ruhe bei uns eingetreten! ich will sie benutzen meiner 
Kunst und den beiden lieben Meinigen wieder einmal recht in 
Ruhe zu leben. 

So eben bemerke ich, dafi ich dieE Buch liber den Ablauf unseres 
zweiten Ehejahres gefiihrt, und nun mitten im Monat ein Neues 
eroffnen mut Verzeihe, mein Lieber, die Uebereilung! — 

ROBERT SCHUMANN: Von fremden Besuchern finde ich im 
Monat September in meinen Notizen noch: 
Clavierspieler Vofi aus Meklenburg, Walter von Go the, 
Hauptmann aus Cassel jetzt hier als Cantor an der Thomas- 
schule angestellt 562 , 



Tagebuch 15 

Ehetagebuch III 

l.Teil: 

20.9. 1842-24. 1. 1844 



Robert-Schumann-Haus Zwickau, Signatur 7087,2[b] — A 3 

Das 3. Ehetagebuch besteht aus 106 Blattern unterschiedlicher 
Papierqualitaten und -formate (2 1,5... 22,5 cm X 16,5... 17,0 cm), 
fadengeheftet in 3 Lagen, die mit Ehetagebuch II in einem origi- 
nalen schwarzen Ganzleineneinband vereinigt sind. 
Die Paginierung wurde mit Bleistift von fremder Hand folgen- 
dermafien vorgenommen: Recto- Seiten 130 bis 310 und 311 bis 
331, die Mehrzahl der Verso-Seiten dementsprechend bezeich- 
net. Unbezeichnete Leerseiten befinden sich nach S. 291 (2), 310 
(1), 316 (4) und 332 (4). 

Da die Seiten 236/37, 266/67 und 311 bis 314 zeitweiiig zu Aus- 
stellungszwecken entnommen waren, ist die Heftung an diesen 
Stellen aufgelost. Auf dem vorletzten leeren Blatt finden sich die 
Spuren von zwei Siegeln, auf dem letzten deren Blindabdrucke. 

Das gesamte Tagebuch, ausgenommen die freigebliebenen Sei- 
ten 131 und 332, wurde mit Time beschrieben. Der Erhaltungs- 
zustand ist sehr gut. 



September/ Oktober 1842 249 

130 CLARA SCHUMANN :Tagebuch von 

Robert und Clara Schumann. 
Vom 20 Septbr: 1842 an. 

No: III- 01 

132 Die letzte Woche des Septembermonats ist, was unser aufieres 
Leben betrifft sehr still hingegangen, umsomehr aber hat mein 
Robert mit dem Geist gearbeitet! er hat ziemlich ein Quintett 
vollendet, das mir nach^ 2 Dem, was ich erlauscht, wieder herr- 
lich scheint — ein Werk voll Kraft und Frische ! — 

Ich hoffe sehr es diesen Winter noch offentlich hier zu spie- 

len. 563 

D. 29 kam der M[usik] Z);[irektor] Schulz\t\ aus Zwikau mit ei- 

ner sehr talentvollen Tochter zu uns, die er als Sangerin bilden 

will, oder vielmehr, nach seiner Meinung, schon gebildet hat. Sie 

ist erst 16 Jahr, kann also noch keine feste Stime haben, so kann 

man auch nicht voraus wissen wie sie werden wird; sie ist aber 

sehr musikalisch, spielt hiibsch Clavier, und so steht denn viel zu 

hoffen. 

Ich bin ziemlich fleifiig am Clavier gewesen, und will es immer- 

hin sein, sonst geht's zuriick, wenn auch nicht mit meiner inwen- 

digen Musik, aber mit den Fingern. 

Nun komt Dein Monat, mein Heber Mann — ich freue mich in 

Deiner Weise wieder zu lesen, die mir doch die Schonste und 

Liebste ist. 

133 ROBERT SCHUMANN: October 1842. 

Aus dem September nab* ich noch zu berichten, dafi David am 
29sten Mendelssohn, der von seiner Schweizerreise hier durch- 
kam, meine Quartette vorspielte 564 . Hauptmann, der jetzt Can- 
tor an der Thomasschule, u. Verhulst waren bios dabei; ein klei- 
nes, aber gutes Publicum, auf das denn auch die Musik zu wir- 
ken schien. Mendelssohn sagte mir spater beim Abschied, wie er 
mir gar nicht so^ 3 sagen konne, wie ihm meine Musik gefalle. 
Dies hat mich sehr erfreut; denn M.[endelssohn] gilt mir die 
hochste Kritik; er hat das klarste Auge von alien lebenden Musi- 
kern. 

Der October fing gleich bewegt an. Klara spielte im lsten Abon- 
nementconcert 565 , das Mendelssohn dirigirte, und das macht im- 
mer Unruhe. Sie spielte gut und schon wie imer. Sorge macht 
mir oft, dafi ich Kl.[ara] in ihren Studien oft hindere, da sie mich 

01 In der rechten unteren Ecke der Seite stehend. 

02 Urspriinglich »nachdem«, dann verbessert (uberschrieben). 

03 »so« tiber der Zeile eingeftigt. 



250 Oktober 1842 

nicht im Componiren storen will. Denn ich weifi gar wohl, dafi 
der offentlich auftretende Kiinstler, und ware er der grofiste, ge- 
wifie mechanische Uebungen nie ganz unterlassen, die Schnell- 
kraft der Finger so^ 4 zu sagen immer in Uebung halten mufi. 
Und dazu fehlt es meiner lieben Kiinstlerin oft an Zeit. Was frei- 
lich die tiefere musikalische 

134 Bildung betrifft, so ist Kl.[ara] gewifi nicht stehen geblieben, im 
Gegentheil vorgeschritten; sie lebt ja auch nur in guter Musik 
und so ist ihr Spiel jetzt gewifi nur noch gesiinder und zugleich 
geistiger und zarter, als fruher. Aber jene mechanische {Unfehl- 
barkeit) Sicherheit zur Unfehlbarkeit gleichsam zu erhohen, 
dazu fehlt es ihr jetzt manchmal an Zeit, und daran bin ich 
Schuld und kann es doch nicht andern. Kl.[ara] sieht doch auch 
ein, dafi ich ein Talent zu pflegen habe, und dafi ich jetzt in der 
schonsten Kraft bin und die Jugend noch niitzen mufi. Nur so 
geht es in Ktinstlerehen; es kann nicht Alles beieinander sein, 
und die Hauptsache ist doch immer das tibrige Gluk und recht 
gliiklich sind wir gewifi, dafi wir uns besitzen, und verstehen, so 
gut verstehen und lieben von ganzem Herzen. 

Fleifiig war ich auch wieder; ein Quintett in Es Dur liegt beim 
Abschreiber, und noch etwas machte ich wenigstens im Geiste 
fertig, was ich Dir aber noch nicht verrathen darf 566 . Die 3 
Quartette hab' ich an Hartels verkauft — und so geht es denn 
immer vorwarts. 

Einige hiibsche Besuche erhielten wir, aufier Pott aus Olden- 
burg u. Dr. Kahlert aus Breslau, auch^ 5 Frl. Lichtenstein u. 
ihre Eltern 

135 aus Berlin. Zum Concert, worin Kl.[ara] spielte, waren auch 
Mad.[ame] Parish und ihre Tochter Harriet aus Dresden her- 
ubergekomen und zeigten sich, wie irner, freundlich und theil- 
nehmend. 

Sodann waren da Oberst Stockfleth aus Hamburg, der San- 
ger Tuyn aus Amsterdam, das junge Talent Kirchner, und 
viele andere, die wir oft abwarten[?] liefien. Clara's Bruder, Gu- 
stav [Wieck], iiberraschte uns ebenfalls; er scheint ein ehrlicher 
Bursche zu sein, und gutherziger als^ 6 Alwin [Wieck]. 
Desgleichen Frau v. Ridderstolp aus Stokholm, eine verstan- 
dige gebildete Dame. Die Schlofi war einen Abend bei uns. 
Die zweite Halfte des Monats brachte ich ziemlich schlaflos zu. 
Die Musik hatte mich zu sehr aufgeregt. Jetzt bin ich schon wie- 
der in Ordnung. 

04 Danach ein gestrichener, nicht lesbarer Buchstabe. 

05 »auch« uber der Zeile eingefugt. 

06 Urspriinglich »und«, durch »als« iiberschrieben. 



Oktober I November 1842 251 

Einen Abend brachten wir bei Lampadius zu, der eine hiibsche 

derbe Frau zur Frau hat. Einen Mittag in Dolitz bei Mad.[ame] 

Harkort, wo auch Dr. Kiihne's wohnen. 

Marie [Schumann] hat sich wieder ganz erholt, und gedeiht von 

Tag zu Tag zu unsrer Freude; sie zeigt ein heitres Gemuth und 

ist imer voller Lust und Leben. 

Die Dammerung iiberrascht mich. Meine Augen schmerzen. Gib 

mir einen Kufi darauf, liebes gutes Weib ! — 

136 CLARA SCHUMANN: November 1842.0 7 

Es hat mich seit einigen Tagen ein unbeschreiblicher Triibsinn 
befallen — ich denke, Du liebst mich nicht mehr wie sonst, ich 
fiihle es oft so klar, dafi ich Dir nicht genligen kann, und bist Du 
zartlich, so diinkt mir zuweilen, ich miifite dies Deinem guten 
Herzen zuschreiben, das mir nicht wehe thuen mochte. Zu die- 
sem Kummer kommen nun noch manche triibe Gedanken fiir 
die Zukunft, die mich oft Tage lang nicht verlassen, die ich 
durchaus nicht verbannen kann, so dafi Du manchmal Nachsicht 
mit mir haben mufit. Ach Robert! wiifitest Du doch, wie es im- 
mer so liebevoll in meinem Innren aussieht, wie ich Dich auf 
Handen tragen, Dir das Leben immer nur rosenfarben zeigen 
mochte, wie ich Dich so unendlich liebe! all meine Sorge ist ja 
nur fiir Dich; der Gedanke, Du sollst fiir Geld arbeiten, ist mir 
der Schrecklichste, denn dies kann Dich einmal nicht gliiklich 
machen, und doch sehe ich keinen anderen Ausweg, wenn Du 
nicht mich auch arbeiten lafit, wenn Du mir alle Wege, etwas zu 
verdienen, abschneidest. Ich mochte 

137 ja aber gerne verdienen, um Dir ein nur Deiner Kunst geweihtes 
Leben zu schaffen; es schmerzt mich aufs tiefste, wenn ich Dich 
um Geld bitten mufi, und Du mir Dein Erworbenes giebst, es ist 
mir oft, als miifite dies alle Poesie von Deinem Leben rauben. 
Du bist so ein Kiinstler im achten Sinne des Wort's, Dein ganzes 
Dichten und Trachten hat mir so etwas zartes, poetisches, ich 
mochte sagen heiliges, dafi ich Dich gern mit aller Prosa, wie sie 
nun doch einmal im ehelichen Leben nicht ausbleibt, verschonen 
mochte, es verwundet mich, Dich so gar oft aus Deinen schdnen 
Traumen reifien zu mlissen. Verzeihe mein guter Robert meinen 
Herzensergufi, es ist aber noch lange nicht Alles, was ich fiir 
Dich auf dem Herzen habe. Gieb mir einen Kufi, dafi Du mir 
nicht zurnst, und kannst Du, so hore ja nie auf, mich ein wenig 
zu lieben, Deine Liebe ist mein Leben. 

138 D. 3ten Nov /[ember] wurde Roberts Symphonie B dur im Ge- 

07 Die Jahreszahl spater mit Bleistift hinzugefiigt. 



252 November 1842 

wandhausconcert 567 aufgefiihrt, und schaffte alien Kennern 
neuen Genufi. Sie ging gut, und^ 8 fand wieder vielen Beifall, 
doch die Seligkeit mit welcher ich so eine Composition von mei- 
nem Robert anhore, kann j a Keines empfinden! 
D. lten war Verhulst noch einmal vor seiner Abreise bei uns zu 
Tisch und ging endlich nach langen Kampfen d. 2ten fort, zu- 
riick nach Holland 568 . 

D. lOten besuchte uns Mendelssohn, und da mufite ich denn viel 
spielen. Mendelssohn war sehr liebenswiirdig, und versetzte mich 
durch sein Wohlgefallen an meinem Spiel in ein musikalisches 
Feuer, welches mir theuer zu stehen kam; ich war Tags darauf 
so unwohl, daft ich den Besuch der Schroeder-Devrient nicht an- 
nehmen, mit ihr d. 13^ 9 ten bei Brockhaus nicht zusamen sein 
konnte, und auch^ 10 das Gewandhausconcert selben Abend ver- 
saumen muftte. Ich war sehr betriibt dar{r)uber. 
D. 15 Robert ist seit einigen Tagen auch sehr unwohl, und ang- 
stigte mich im Anfang — die Nervenfieber-Epidemie herrscht 
gar zu sehr, ich ftirchtete mich einige Tage lang einen Schritt 
auf die Strafie zu thuen. 

139 D. 16 sah ich Doring in zwei Lustspielen 569 , und fand ihn vor- 
trefflich! Demohngeachtet argerte mich, mein Geld ausgegeben 
zu haben. Ein Lustspiel befriedigt mich nie ganz, es ist mir im- 
mer, als habe ich nichts Ordentliches, nichts Ganzes gesehen. 
D, 18 kam Mendelssohn wieder zu uns, ergotzte sich viel an Ro- 
berts Nouveautees-Bibliothek, sprach Vieles und theilte uns den 
ernsthchen Plan mit, hier eine Art Musikschule zu errichten, bei 
welcher David, Pohlenz ect: und auch Robert eine feste Stellung 
gewinnen sollen. Robert ist sehr zufrieden damit — mir ist der 
ganze Plan, oder vielmehr dessen Ausfiihrung noch nicht ganz 
klar. 

D. 21 Conzert fur die Musiker 570 . Mendelssohn spielte mit mir 
Moscheles Es dur Sonate a / 4 m.[ains], aufierdem wurde unter 
manchem Interressanten Beethov[ens] Zwischenmusik zu Eg- 
mont [von Goethe] mit Mosengeih Worten (von Madam Dessoir 
schdn gesprochen) gegeben. Ich kann nicht den Eindruck be- 
schreiben, den heute diese Musik auf mich gemacht! gleich das 
erste Lied von Clarchen »die Trommel geruhrt« wollte mir das 
Herz zereiften, ich mufite schluchzen wie ein Kind — ich weift 
nicht, was Alles vor 

140 meiner Seele stand, aber nie hatte mich^ 11 diese Musik (ich horte 
sie fruher schon mehrmals) so tief ergriffen, als heute. 

O 8 Danach mehrere Worte durch Streichung unleserlich gemacht. 
O 9 Ursprunglich wahrscheinlich »2«, durch »3« uberschrieben. 
OlO Ursprunglich »das«, durch »auch« uberschrieben. 
Oil »mich« liber der Zeile eingeftigt. 



November 1842 253 

D. 24 Abonnementconcert 571 . Man merkt doch, dafi Mendels- 
sohn an der Spitze steht; jetzt horen wir doch auch gute Ge- 
sangmusik. Finale's, Terzetten ect: Heute war es Finale aus Cosi 
fan tutte, was mich entztickte — der liebe Mozart! er mufi es 
recht gut mit der Welt gemeint haben, er thut dem Herzen so 
wohl, und^ 12 nie horte ich von ihm, dafi ich nicht heiteren Ge- 
miithes geworden ware, und so geht es gewifi Allen, die ihn ver- 
stehen. 

Eroica von Beethov[en] beschlofi das Concert. Heute erschien 
mir der Marsch am schonsten, erhaben, grofi, wie irner der 
ganze Beethoven. Ich habe so meine Gefiihle flir Jeden der bei- 
den grofien Meister, Beethov[cn] und Mozart. Mozart den liebe 
ich recht zartlich, Beethoven aber verehre ich wie einen Gott, 
der Einem aber immer fern bleibt, nie Eines mit uns wird. Ro- 
bert wird jetzt denken »ein Ganschen hab ich zur Frau, will poe- 
tisch sein und ist doch so ledern«. Du hast Recht mein Lieber! 
hatte mir doch der Himmel einen kleinen Theil so viel Verstand 
und Geist gegeben, als ich Gefiihi fiir Alles Schone und Edle be- 
sitze, so ware es gut. 

141 D. 26 Concert von der alten Sophie Scbroedet 572 , mit Unterstiit- 
zung ihrer Tochter [Wilhelmine Schroeder-Devrient], und 71- 
chatscheck[ y ] aufierdem noch Mendelssohn. Die Alte 65 jahrige 
Frau schlug Alles, nie horten wir so declamiren, aber auch wohl 
noch nie erschlitterte eine Declamation so das ganze Publikum, 
als diese. Die Glocke von Schiller war das Letzte was sie sprach 
— die Menschen jubelten. Die Devrient und Tichatscheck hatten 
Arien aus Rienzi von Wagner gewahlt, die gar nicht ansprechen 
wollten und nur zuletzt konnte die Devrient mit einigen Liedern 
ihr altes Recht und Gunst von unserem Publikum wieder erlan- 
gen. Mendelssohn spielte sein D moll Concert, war aber nicht 
animirt, was man am deutlichsten aus der Cadenz ersah, die 
nicht aus dem Mendelssohn kam, wie wir ihn sonst kennen. 

D. 28 gab Doehler Concert 573 vor einem sehr kleinen Publikum, 
und befnedigte auch das gar nicht. Er spielt so flach, so geist[-] 
und seellos, und ist der ganze Mensch so ode und oberflachlich, 
dafi man nicht gern an ihn zuriickdenkt. Als er vor 7 Jahren hier 
war 574 spielte er wohl besser, doch, imer ein schwaches Licht, ist 
er jetzt in sich selbst zusammen gesunken. 

142 D. 29 Besuch von der Devrient — wie immer bezaubernd lie- 
benswtirdig! hatte sie nur nicht immer solche Anhangsel von 
Liebhabern hinter sich. Einen will sie jetzt wirklich heirathen — 
iibrigens ist's leicht moglich, es ist nur Scherz von ihr 575 . 
Abends probirten wir zum ersten Male Roberts so eben vollen- 

012 Urspriinglich »nie«, durch »und« iiberschrieben. 



254 November 1842—Februar 1843 

detes Quintett, das ein herrliches Werk ist, dabei aufierst brillant 

und effectvoll. Es ging noch nicht so, wie es sich Robert wohl 

gedacht, doch denke ich, es soil spater schon besser werden, und 

freue mich schon wieder auf das nachste Mai, wo ich es horen 

soil. 

Das erste Quartett liefi Robert auch spielen, um es (noch) vor 

Ablieferung zum Druck noch einmal zu horen. Es entziickte 

mich unbeschreiblich, und jetzt erst fange ich an Gefallen an 

Quartettmusik zu finden, denn bis jetzt, mufi ich offen beken- 

nen, langweilte mich diese Musik meistens, ich konnte das 

Schone nicht herausfinden. 

D. 30 besuchte uns Hesse aus Breslau, ich spielte Einiges, Er 

Nichts. Er ist hier, seine Symphonie aufzufuhren 576 . 

Den Beschlufi dieses Monats machte ein fataler Vorfall mit un- 

serem Dienstmadchen, die wir augenblicklich fortschicken mu£- 

ten, weil sie uns auf das schandlichste bestohlen hatte. So wech- 

selt in unserem Leben ewig Freude mit Leid, Poesie mit Prosa. 

Bei Allem aber hab ich doch meinen Robert immer recht aus 

vollster Seele lieb, und diese Poesie bleibt ja ewig! 

143 ROBERT SCHUMANN: 
Am 17ten Februar 1843. 

Klara ist in Dresden, die Ihrigen zu besuchen. Der Sinn des Va- 
ters hat sich plotzlich gewendet 577 und mich freut es in meiner 
Klara Seele. Denn Eltern bleiben Eltern und man hat sie nur ein- 
mal. 

Die vorigen Monate waren iiberhaupt ereignisreich[.] Was an 
kleinen Leiden das Leben bringt, das wird durch die Freuden der 
Musik bald iibertont. So waren wir denn oft recht gliickhch bei 
manchen Sorgen iiber unser btirgerliches Leben. Denn wir brau- 
chen mehr als wir verdienen. Aber auch an dieser Seite zeigen 
sich Hoffnungen. Die Errichtung der Musikschule wird gewrE 
auch fiir uns eintraglich; auch als Musiker freu ich mich auf ih- 
ren Beginn. Sie wird gewifi eine Stutze der guten Musik und von 
bedeutendem Einflufi auf die ganze Bildung der deutschen Ju- 
gend werden. Angestellt sind jetzt als Lehrer: Mendelssohn, Da- 
vid, Hauptmann, Pohlenz, Becker, und ich. Spater wird es wohl 
auch Klara, wenn sie, wie sie sagen, ihr ein ordenthches [Gehalt] 
bieten konnen. 

Mit Mendelssohn hab' ich manche trauliche Stunde verlebt; die 
auEeren Ehren, die ihm alle geschehen, haben ihn nur zugangli- 
cher, bescheidener gemacht. Er mag 

144 wohl auch^ 13 fuhlen, dafi er jetzt auf dem Gipfel des Ruhmes 

Ol3 »auch« uber der Zeile eingefiigt. 



November 1842-Februar 1843 255 

stent, dafi er sich kaum steigern kann. Drum nab* ich manchmal 
einen Zug von Trauer an ihm gespiirt, den er sonst nie hatte. 
Wie freue ich mich, der schonen bliihenden Zeit anzugehoren, 
wie wir sie jetzt haben. Ueberall regt es sich fiir das Gute in der 
Musik; die Theilnahme des Publicums ist aufierordentlich; noch 
Vieles wird von hier ausgehen. 

Auch fiir meine Arbeiten fangt das Publicum an sich zu interessi- 
ren an. Ich hab' es mit Freuden bemerkt in einer Matinee 57 *, die 
wir privatim {in) gaben. Den Zeddel mtifien wir uns aufheben. 
Wir haben uns dadurch viel Freunde gemacht. Klara war eine 
Wirthin und spielte ohne Gleichen gut. 

Gearbeitet hab' ich in den letzten Monaten ein Quartett f. 
P[iano]f[or]te mit Violine pp, ein Trio f. P[iano]f[or]te, Violine 
u. V[iolon]cello 579 , und zuletzt Variationen f. 2 P[iano]f[or]te, 2 
V[iolon]cellos u. Horn. Die beiden ersten wollte ich meiner 
Klara zu Weihnachten bescheeren, wurde aber mit dem Trio 
nicht ganz fertig, und hatte mir durch zu viel Arbeiten eine Ner- 
venschwache zugezogen, die uns bange machte. Der Himel hat 
mich aber beschiitzt und die liebevollste Pflege von Klara mir 
beigestanden. 

145 Klara hat eine Reihe von kleineren Stucken geschrieben 580 , in 
der Erfindung so zart und musikreich, wie's ihr friiher noch 
nicht gelungen. Aber Kinder haben und einen imer phantasiren- 
den Mann, und componiren geht nicht zusamen. Es fehlt ihr die 
anhaltende Uebung, und dies riihrt mich oft, da so mancher in- 
nige Gedanke verloren geht, den sie nicht auszufiihren vermag. 
Klara kennt aber selbst ihren Hauptberuf als Mutter, dafi ich 
glaube, sie ist glliklich in den Verhaltnissen, wie sie sich nun ein- 
mal nicht andern lassen. 

Marie gedeiht von Tag zu Tag. Ein liebes Kind, unsere grofie 
Freude. Das Sprechen geht nur langsam vorwarts. Weihnachten 
machte ihr aber doch schon grofies Vergnugen. 
Einen Besuch hatten wir von Elise List, vor u. nach Weihnach- 
ten. Sie kam zum zweitenmal anders, als sie gegangen war. Zu 
ihrem Gliick, dafi sie es eingesehen hatte, dafi ihr zur Kunst die 
Hauptsache fehle, — ein warmes Herz, dafi alles (urn) fiir die 
Kunst aufopfern kann. Schade um die schone Stimme; aber sie 
scheint nur aus der (Kehl) Kehle zu kornen. Der Verstand ist 
durchaus bei ihr vorherrschend. Sie hat nun die (Kun) Sangerin 
aufgegeben; ich glaube wohl mit grofiem Schmerz. Aber 

146 es ist {ihr) zu ihrem Besten. 

Von anderen Besuchenden waren seit November eine Menge 
da : Hesse aus Breslau, Clavierspieler V o fi aus Strelitz, 
Mad.[ame] u. Frl. Parish aus Hamburg, denen wir einmal 



256 November 1842—Januar/Februar 1843 

einen Musikabend gaben, He I Is tad t^ 14 aus Copenhagen, Cla- 
vierspieler Schulhof[f] aus Prag, Componist von Alvensle- 
ben, Componist Schladebach aus Stettin, Mad.[ame] Gold - 
schmidt aus Hamburg mit einem talentvollen Knaben, Nau- 
enburg aus Halle, Kittl aus Prag, ein Bekannter von Men- 
delssohn aus Java, Organist Franz aus Halle, ein interessanter 
und bescheidener Musikmensch, und zuletzt Berlioz. 
Hatte ich doch Zeit, tiber manches ausfiihrlicher zu sprechen; 
aber das Buchstabenschreiben verlern' ich irner mehr u. mehr — 
ich mochte nichts als Musik imer. 

Berlioz war mir naturlich der in teressan teste. Ich sah ihn zuerst 
in einem Euterpe Concert. Eine freundliche Begegnung, Tags 
darauf, d. 31sten Jan.[uar], war lste Probe. Er dirigirt ausge- 
zeichnet. Vieles Unertragliche in seiner Musik, aber gewifi auch 
aufierordentlich Geistreiches, selbst Geniales. Oft scheint er mir 
der ohnmachtige Komg Lear selbst 581 . Ein 2ug von Schwache ist 
sogar in seinem 
147 sonst so ausgezeichneten Gesicht bemerkbar; er liegt urn Mund 
und Kinn. Gewifi, Paris hat ihn verdorben, auch das liederliche 
Jugendleben dort. Jetzt reist er mit einer Mile. Rezio y die wohl 
mehr als seine Concertsangeriri ist 582 . Leider spricht er gar nicht 
deutsch und so sprachen wir nicht viel[.] Ich hatte ihn mir leb- 
hafter, furieuser als Mensch vorgestellt. Sein Lachen hat etwas 
herzliches. Sonst ist er Franzose, trinkt Wein nur mit Wasser, 
und ifit Compot. 

Einen interessanten Abend hatte ich bei Voigts. Klara war leider 
so unwohl, da£ sie nicht hingehen konnte, und so spielte Men- 
delssohn das Quintett vom Blatt, dafi mir das Herz im Leibe 
lachte. Einen andern verlebten wir bei Eckerleins^ 15 , einen Pol- 
terabend zur Hochzeit von Agnes Fleischer u. Moritz Sernel, 
Theresens [Fleischer] Bruder. 

Hirschbach gab eine Soiree 583 , kann sich aber keine Theilnahme 
erwecken. Es fehlt ihm noch zu viel in den Anfangen der Kunst; 
er hat ahnliches mit Berlioz. 

Am 13ten Jan.[uar] kam unerwartet ein Brief des Alten [Wieck] 
aus Dresden; spater er selbst. 
Heute Abend kommt hoffentlich meine Klara gliiklich zuruck. 



148 CLARA SCHUMANN: 

D. 18 Noch Einiges tiber meinen Aufenthalt in Dresden mochte 
ich wohl berichten, vor Allem, dafi ich immer und zu jeder Mi- 

014 Recte: Helsted. 

015 Recte: Ackerleins [Keller]. 



Februar 1843 257 

nute bei Euch war und nur der Gedanke es mache dem Vater 
Freude mich bei sich zu sehen — eine Freude, die er ja lange ent- 
behrt, freilich durch eigene Schuld — konnte mich bewegen so 
lange dort zu bleiben. Die ganzen Tage vergingen iibrigens sehr 
unruhvoll; der Vater immer mit Schiilerinnen beschaftigt, vor 
Allen mit Marie [Wieck], ein Hebes, interressantes Kind, und Al- 
win [Wieck], der ein ganz tiichtiger Mensch zu werden scheint. 
Marie spielt allerliebst, doch storte mich bei ihrem Spiel immer 
die Unlust, die aus jedem Ton zu klingen schien, doch, ich soil 
es ja eben so gemacht haben, und kann mir nun wohl denken, 
wie schrecklich das manchmal fur den Vater gewesen sein mag. 
Alwin ist sehr fleifiig gewesen, doch fehlt seinem Spiel die Rein- 
heit und Zartheit; er spielt, wie er selbst noch oft ist, roh, nur 
ein Stuck ausgenommen, die Elegie von Ernst, welche ihm der 
Vater einstudierte. DaE er zuweilen offentlich spielte geschah 
ohne Vaters Erlaubnift, denn er weiE recht gut, dafi Alwin noch 
lange nicht genug kann um vor ein Publikum zu treten. Marie 
aber soil nachstens offentlich auftreten — es geht ihr wie mir als 
Kind — sie fiirchtet sich nicht vor dem Spielen, nur vor dem 
Kniks. 

149 Alwin spielt iibrigens auch recht hiibsch Clavier. Die beiden klei- 
nen Madchen [Marie und Cacilie Wieck] habe ich recht in mein 
Herz geschlossen, es sind ein paar Hebe Kinder — auch die Mut- 
ter [Clementine Wieck] zeigte sich so herzlich, als sie es iiber- 
haupt kann, denn eine gewisse Kalte liegt in der ganzen Fech- 
nerschen Familie. Der Vater war, wie sich wohl denken liefi, 
tiberaus liebevoll und freundlich gegen mich — dem Himmel sey 
Dank, dafi es so gekommen. Robert war so zart und lieb wah- 
rend der ganzen Zeit gegen mich, zeigte mir einmal wieder so 
klar sein schones edles Herz, da£, hatte ich ihn nie geliebt, ich 
mlifite es jetzt — doch, dies Herz kannte ich ja lange bis in seine 
tiefsten Tiefen. Unaussprechlich lieb ich Dich, mein Robert, und 
oft wirst Du das noch horen mtissen! 

D. ./2^ I6 ten sah ich endlich 2 Acte von dem groEen Rienzi [von 
Wagner] 584 , der ganz Dresden verruckt gemacht. Ein Urtheil bis 
in die Details kann ich nicht fallen nach einmal horen, doch hat 
es mir einen Eindruck gemacht, den ich kein zweites Mai suchen 
mag. Mein ganzes Empfinden war MiJIfallen, mehr kann ich 
nicht sagen. Dasselbe Gefiihl wiederholte sich, als ich Wagner 
personlich kennen lernte; ein Mensch, der nie aufhort von sich 
zu sprechen, hochst arrogant ist, und 

150 fortwahrend in einem weinerlichen Tone lacht. 

D. 13 fuhrte ich Marie [Wieck] in die Praziosa [von Weber], die 

Ol6 »2« iiber eine andere Ziffer geschrieben. 



258 Februar 1843 

Auffuhrung war aber bei weitem schlechter, als man es in einer 
Provinzialstadt hatte finden konnen. 

D. 14 hatte der Vater eine Gesellschaft von Kennern geladen, 
um Roberts Quintett zu horen, was wir denn auch sogar zwei 
Mai nach einander spielten. Schubert, Kumer und noch Zweie 
begleiteten mich, dafi es eine Lust war — ich wollte Robert hatte 
es gehort. Das Quintett verfehlte seine Wirkung nicht, sondern 
versetzte die ganze Zuhorerschaft in Entzticken. Der Vater ist 
jetzt Feuer und Flamme fiir Roberts Compositionen. 
D. 15 spielten wir das Quintett noch einmal bei Serre's einiger 
musikalischer Frauen wegen — Frau v. Luttichau, Grafin Ben- 
gendorf und noch Mehrern. Die Herren 017 spielten weniger gut, 
sie waren auf den Tod ermudet von Proben zu Berlioz['] zwei- 
tem Concert. 

Abends ergotzte ich mich an dem Freischutz [von Weber], den 
ich seit meiner Kindheit nicht gesehen. Die Devrient war wie 
immer grofi, und Tichatscheck mufite dem Herzen wohl thuen 
mit seiner schmelzenden Stimme. 

Der 16te war den Meinigen geweiht, und der 17te ftihrte mich 
zuruck in die Arme meines Roberts, der wohl auch ein wenig 
froh war seine Alte wieder zu haben. 
151 Marie [Schumann] war die ganze Zeit unwohl gewesen, wurde 
jedoch bald wieder besser, und schien mich mit Freuden wieder 
zu erkennen. Robert meint, sie habe sich nach mir gesehnt. Wie 
begliickend ist doch das Gefiihl von so einem kleinen Wesen 
schon geliebt zu sein! — 

Madam Lallemant bat mich so flehentlich ihrer Tochter Unter- 
richt zu geben, dafi ich mich dazu entschlossen hab und d. 26 
mit der ersten Stunde begann. 

3 Tage war ich recht sehr unwohl, wahrscheinlich Folge von der 
vielfachen Aufregung in Dresden. Das Armenconcert am 23 585 
mufite ich versaumen, was mir hauptsachlich leid that wegen des 
Offertoriums von Berlioz, welches einen aufierordentlichen Ein- 
druck machen soil. 

D. 27 spielten wir Berlioz wegen das Quintett vom Robert bei 
uns, auch liefi ihm Robert 2 Quartette vorspielen; er war un- 
wohl, doch hatte er sich immerhin freundlicher und herzlicher 
benehmen konnen, ware die Kunst das, was seine Seele erfiillte. 
Er ist kalt, theilnahmlos, gramlich, kein Klinstler wie ich ihn 
liebe, — ich kann mir nicht helfen. Robert ist anderer Meinung 
und hat ihn ganz in sein Herz geschlossen, was ich nicht begrei- 
fen kann. Was seine Musik betrifft, so stimme auch ich dem Ro- 
bert bei; sie ist voll des Interressanten und Geistreichen, obgleich 

Ol7 Urspriinglich »M«, durch »H« uberschrieben. 



Fehruar/Mdrz 1843 259 

ich doch auch nicht verhelen kann, dafi dies (auch) nicht die 
Musik ist, wie sie mir Genufi schafft, und ich keine Sehnsucht 
nach mehr habe. 

152 Verzeih, mein Robert, doch warum soil ich nicht sagen wie mir's 
urn's Herz ist. 

Parish Alvars gab ein besuchtes Concert mit den Levy's; ich war 
nicht darin. 

Das Hausliche brachte mir diesen Monat manches Unange- 
nehme, ich mufite oft mit den Kindermadchens wechseln und 
hatte manchen Aerger. Das sind Schattenseiten, die miissen auch 
sein! ich hab ja des Gluckes genug in meinem Robert und Kind. 

Mdrz 1843.0 18 

D. 2 Gewandhausconcert 586 . Eine Symphonie von Gade inter- 
ressierte uns am meisten, entsprach jedoch nicht ganz unseren 
Erwartungen. Das Scherzo ist wohl das Originellste vom Gan- 
zen, im Uebrigen ist sehr viel Schubert, wenig eigene Gedanken, 
jeder Satz dreht sich um Einen, dafi es bis zur Ermudung wird. 
Ich glaube Gade ist bald fertig, sein Talent scheint sich nur bis 
auf einen gewissen Genre zu erstrecken, wo er sich aber bald er- 
schopfen muE, denn der nordische Nationalcharacter (ist) 
(wird) (der Genre den ich meine) wird bald monoton, wie wohl 
iiberhaupt alle Nationalmusik. 

153 D. 9ten war die 100 jahrige Jubelfeyer von den Gewandhaus- 
concerten 587 , wo von den Hauptdirectoren der Concerte sek 100 
Jahren Compositionen in der Reihenfolge gegeben wurden; un- 
begreiflicher Weise wurden Schulz, Pohlenz und noch Einer (ich 
habe den Namen vergessen) ganz iibergangen. Nach dem Con- 
cert gab die Gewandhausdirection den Orchestermitgliedern wie 
vielen anderen Musikern ein Festmahl; es fehlte nicht an Toa- 
sten, doch Pohlenz, der 10 Jahre die Concerte dirigierte, wurde 
auch hier iibergangen — leider war dieser unverzeihliche Fehler 
von den traurigsten Folgen — die Krankung brachte Pohlenz ei- 
nen schnellen Tod, er ward am anderen Morgen todt im Bett ge- 
funden in Folge eines Schlagflusses. Die Theilnahme war 
grofi 588 , die ganze Stadt davon bewegt, Pohlenz hatte viel 
Freunde, denn er war ein ausgezeichneter Character, und that 
wohl nie Jemand etwas zu Leide. Alles hackt nun auf die Direc- 
tion, Mendelssohn und David los — auf Letztern wohl mit Un- 
recht. Die Direction (Sch[\]einitz hauptsachlich) verdiente solch 
eine Ziichtigung wohl einmal.()> 

018 £)ie Jahreszahl spater mit Bleistift hinzugefugt, dabei die »1« uber 
einen Punkt geschrieben. 



260 Marz 1843 

154 D. 13 begleitete eine grofie Anzahl Freunde Pohlenz 'ens Leiche 
nach der Grabstatte — Robert ging auch mit. 

Nachmittag probirten wir bei Hartels Roberts uberaus reizen- 
de{n) Variationen fiir 2 Pianoforte, 2 Violoncells und ein 
Horn 589 . Es ging nach einigen Malen durchspielen ziemlich, 
doch bei weitem noch nicht zart genug war der^ 19 Klang, — ich 
fiihle wohl wie es sich Robert gedacht, doch das kann man von 
Anderen nicht verlangen, selbst Mendelssohn fafite mir das 
Ganze noch viel zu materiell auf . 

Robert hat nun sein Oratorium »Das Paradies und die Peri« be- 
gonnen und schnell geht es vorwarts. Den ersten Theil hat er 
mir bereits aus der Skizze vorgespielt und mir dtinkt es das 
Herrlichste was er noch geschrieben, er arbeitet aber auch mit 
Leib und Seele daran, mit einer Gluth, da£ mir zuweilen bangt 
es mochte ihm schaden, und doch begluckt es mich auch wieder; 
ich^ 20 denke dann wieder, es mufi ja dem Himmel auch Freude 
machen dafi ein Mensch^ 21 so Edles schafft, und darum wird er 
<ihn) meinen Robert schiitzen! 

155 D. 17 kam der Vater auf einige Tage hierher, wo wir denn 
einige Nachmittags-Spaziergange machten, wie in alter Zeit. 
D. 22 reiste er ab. Mittag waren wir zu einem Dinee bei Schlet- 
ter — ich mufke Jeider wieder vom Tische fort, das lange Sitzen 
taugt mir jetzt nicht. Schletter will mir gar nicht recht in all die 
Pracht hinein passen — er ist gut, aber hochst materiel und be- 
sitzt als Reprasentant der Leipziger haute volee doch gar zu we- 
nig feine Bildung. 

D. 23 Besuch eines langweiligen schwatzhaften Schlesiefs Na- 
mens 02 ^ 

D. 27 war der groEe Tag, der (iber das Schicksal vieler musikali- 
scher Talente entscheiden sollte. Die Musikschule wird nun 
ernstlich ihren Anfang nehmen; die Priifungstage waren harte 
Tage fiir die Lehrerj doch bot sich ihnen auch manches Interres- 
sante, selbst Lacherliche. Es sind im Ganzen viel wirkliche Ta- 
lente zum Vorschein gekommen, am meisten unter den sich zu 
Freystellen meldenden 590 . 

Abends war das Requiem von Mozart zum Besten der Wittwe 
Pohlenz. Ich war nicht darin, versaumte auch die beiden letzten 
Gewandhausconcerte — ich mag jetzt nicht mehr unter Leute, 
der Zwang den ich mir in meinen Umstanden anthuen mufi, 
macht mich krank. 

019 Danach ein gestrichenes, nicht lesbares Wort. 

020 Ursprtinglich »I«, durch »i« iiberschrieben. 

021 Ursprtinglich »er«; dieses Wort durch eine Linie getilgt, mit der 
»ein Mensch« tiber der Zeile eingefiigt wurde. 

021 A Danach freigelassen. 



Mdrz /April 1843 261 

156 D. 26 feyerte Emma Meyer mit Leppoc ihren Polterabend; ich 
ging, ihr eine Freundschaft zu erweisen, eine Stunde hin. Wie 
hasse ich solche Festlichkeiten!viel passender finde ich es doch 
solch^ 22 eine Feyer nur unter den Seinigen und einigen lieben 
Freunden zu begehen. Bei solchen Gelegenheiten denke ich im- 
mer mit doppelter Freude an unseren Polterabend und Trau- 
ungstag zurtick — wir waren so Wenige zusammen und doch so 
vergniigt und im Innersten begliickt. Schon die Steifheit, die 
eine so grofie Gesellschaft mit sich bringt, die Ceremonieen da- 
bei, die Reden, die das Brautpaar an sich halten lassen mufi, die 
Abspannung, die darauf erfolgen muft, Alles das und noch Vie- 
les kann^ 23 sie ja zu keinem seligen Gefiihl komen lassen. Doch, 
es fiihlen ja nicht Alle wie wir, wie manches Madchen mag es 
wohl begliicken sich einmal als Konigin eines Festes zu sehen, es 
werden ja nicht alle Ehen in so inniger Liebe und Ergebung zu 
einander geschlossen, als die Unsrige — uns wiirde natiirlich 
jede fremde Einmischung nur storend gewesen sein. Doch ge- 
nug liber diese Sache! wenn ich auf dies Thema komme, dann 
kann ich kein Ende finden vor Gltick. 

Zur Trauung war ich nicht — ich fiirchtete die jiidischen Cere- 
monieen, die ich nicht ohne Mifibehagen hatte ansehen konnen. 

157 Marie ist seit einigen Tagen recht unwohl, und dauert mich das 
arme Kind entsetzlich, das nun nicht sagen kann, wo es ihm 
fehlt. Ich hoffe es soil bald vortibergehen! — 

April 1843.0 24 

Robert hat mit Ende vorigen Monats den ersten Theil seiner 
Peri beendet, und wird nun bald an den zweiten gehen, leider 
halt ihn die fatale Zeitung schon seit 8 Tagen von allem Anderen 
ab, was ihn recht sehr verstimmt — warum bin ich doch keine 
Schriftstellerin! wie konnte ich ihm nutzen, mehr als je mit mei- 
nem Klavierspiel. Ich spiele jetzt fast gar nicht; am Tage geht es 
nicht, da stort es Robert, und Abends bin ich immer zu mlide 
dazu, und meine Umstande erschweren mir das Spielen gar zu 
sehr. 

D. 5 begann Robert die Musikstunden in der Musikschule — ich 
habe keinen Begriff, wie man 6 Schiiler auf einmal unterrichten 
kann. 

022 Urspriinglich »do«, das »d« durch »s« iiberschrieben. 

023 Urspriinglich »lafit«, durch »kann« Iiberschrieben. 

024 Die Jahreszahl spater mit Bleistift hinzugeftigt, dabei die »1« iiber 
einen Punkt geschrieben. 



262 April 1843 

Abends spielten wir Roberts Es dur Quartett zum ersten Male 
bei uns, und ich war wahrhaft entziickt wieder von diesem scho- 
nen Werke, das so jugendlich 

158 und frisch ist, als ware es das Erste. 

D. 18 gab der Langweiligste aller Langweiiigen Klofi aus^ 25 
[Eperjes] ein Orgelconcert 591 , das eben nicht sehr erbaulich war. 
Urn so mehr aber war es ein Concert fiir Bach's Denkmal 592 , das 
Mendelssohn d. 23 Morgens im Gewandhause gab. Er selbst 
spielte das D Moll Concert von Bach mit gewohnter und doch 
immer wieder uberraschender Meisterschaft. Aufierdem horten 
wir noch viele schone Werke Bachs> aus denen das ganze Pro- 
gramm bestand. Nach dem Concert wurde das Denkmal vor der 
Thomasschule enthiillt, und uberraschte durch seinen guten Ge- 
schmack — einfach und doch wiirdig des alten Backs; sein Kopf 
in einer Nische nimmt sich gar freundlich aus, aufierdem sind 
noch an drei Seiten sinnige Bas Reliefs angebracht, die Bende- 
mann (der selbst von Dresden zu dieser Feyer gekornen) ange- 
geben und der Bildhauer^ 26 [Knaur] ausgearbeitet. Verschiedene 
Reden wurden gehalten, von denen man aber, wie imer bei sol- 
chen Gelegenheiten, nicht viel verstand. Nach dieser Feyerlich- 
keit hatte Mendelssohn zu Ehren des einzigen noch lebenden En- 
kels Backs (Derselbe, ein ganz alter Mann, war mit seiner Fami- 
lie von Berlin gekornen) 

159 ein Mktagessen im Hotel de Baviere veranstaltet, dem fast nur 
Kiinstler beiwohnten. Ich selbst wagte es noch diese ganze Fey- 
erlichkeit mitzumachen, und dauerte aus bis zu Ende. 

D. 24 waren wir im Begriff die Sabine 027 Heinefetter im Fidelio 
[von Beethoven] zu horen, doch schreckte uns die tibrige mittel- 
mafiige Besetztung und folglich die zwei Thaler Entree ab, und 
wir kehrten sachte nach Haus zuriick. 

D. 25 hatte ich eine schwere Stunde, aber doch nur Eine, bis 
das zweite Tochterchen [Elise Schumann] 1/2 10 Uhr^ 28 kam, 
wo dann aller Schmerz vergessen war, Diesmal ging es leichter 
als das erste Mai, auch war ich wahrend des ganzen Wochen- 
betts aufierordentlich wohl fiir die Umstande und konnte den 
llten Tag schon wieder frische Luft schopfen. Spafi machte es 
mir, dafi unser Tochterchen mit der jiingsten Prinzefi von Eng- 
land 593 an einem Morgen geboren wurde, nur die kleine Prinzefi 
einige Stunden frtiher, was auch ganz in der Ordnung. 
Ich hatte mir und dem Robert besonders einen Knaben ge- 

025 Danach freigelassen. 

026 Danach freigelassen. 

Oil »Sabine« auf dem Seitenrand hinzugefugt. 
028 »V 2 10 Uhr« auf dem Seitenrand hinzugefugt. 



April/Mai 1843 263 

wiinscht, {doch) und gewifi war mein Robert innerlich betriibt, 
dafi es nicht so war, doch ist er zu gut, als dafi ihm diefi Kind 
nicht auch lieb ware, schon 

160 um Meinetwillen, und wir sind ja auch noch jung, der Himmel 
wiird ihm schon auch einen Knaben schenken, der sein Vater- 
herz erfreut. 

Zum Schlufi dieses Monats mufi ich noch einiger hauslicher Un- 
annehmlichkeiten erwahnen, die seltenerer Art waren als die Ge- 
wohnlichen Taghchen. Unsre Kochin mufiten wir plotzlich fort- 
schicken wegen Malice und Grobheit; bald nach ihrem Abzug 
entdeckten wir den Verlust von 50 Fl[aschen] Wein aus dem 
Keller 594 , der gewaltsam geoffnet schien, und bald fanden sich 
auch so viel andere Diebstahle, dafi wir wohl merkten, dafi wir 
es mit einer abgefeimten Spitzbubin zu thuen gehabt hatten. Es 
fand sich aufierdem noch Unterschlag von Geldern, und so 
wurde das Madchen gerichtlich eingezogen. Entschieden hat 
sich bis jetzt noch Nichts, jedenfalls aber darf das Madchen 
nicht hier bleiben. 

Besuche hatten wir verschiedene. Herr und Madam Wartel aus 
Paris wollten Concert geben, doch ist die Jahreszeit zu sehr vor- 
geriickt und so reisten sie ab 595 . Herr Wartel soil besonders 
Schubert'sche Lieder sehr schon singen — ich vermuthe in der 
franzosischen Manier, die ich durchaus nicht schon finden kann. 
Madam Wartel soil hiibsch Clavier spielen, und ist eine Hebe, an- 
genehme Erscheinung. 

161 Robert hat den zweiten Teil der Peri beendet, mir aber noch we- 
nig davon mitgetheilt. Ich freue mich unendlich auf die Auffiih- 
rung im Herbst, wo ich einmal wieder recht schwelgen will in 
meines Roberts Musik, die denn doch ist, wie ich keine Andere 
kenne. Und nun gieb mir einen Kufi mein Lieber, ist es Dir auch 
nicht recht, was ich gesagt. 

Mai 1843.0 29 

Unserem armen Tagebuch ware es zu wiinschen, dafi Du die 
Peri bald beendetest, denn sein Interresse verschwindet ganz 
und gar, wenn Du nicht hinein schreibst. 

D. 7ten hefien wir unser jungstes Tochterlein taufen, und gaben 
ihr den Namen Elisa; Gevatter waren die Tante Carl mit Herrn 
Robert Friese, die Stadtrathin Fleischer (Roberts Schwagerin) mit 
Herrn Kaufmann Vb[i]gf und (s) mein Vater, Letzterer jedoch 
nur in das Kirchenbuch eingetragen. 

029 Die Jahreszahl spater mit Bleistift hinzugefiigt, dabei die »1« iiber 
einen Punkt geschrieben. 



264 Mai 1843 

162 D. 9ten besuchten uns der Violinist Bazzini, ein anspruchsloser, 
bescheidener Kiinstler, und Sigmund Goldschmidt, ein Klavier- 
spieler aber ein unerfreulicher. Er spieite mehrmals bei'm Robert 
— das arme Instrument seufzte und wir auch, dabei ist er selbst 
ein langweiliger Mensch, der kein Bischen von einem Kiinstler 
hat. 

D. 13ten Concert von Bazzini 596 , der ein grower Kiinstler ist. 
Robert und ich waren einverstanden, dafi wir seit langer Zeit 
keinen so grofien dabei wohlthuenden Violinisten gehort. Seine 
Mechanik ist eminent, sein Ton aufierordentlich weich und 
schon, sein Vortrag so naturlich, so jugendlich inspirirt, und 
seine Compositionen, wenn auch nicht sehr tief so doch besser 
als viele der neueren Virtuosen. 

Robert hat recht schon iiber ihn in der Zeitung geschrieben 597 . 
Viel Publikum hatte er nicht, und das was er hatte, wuike nicht 
ihn anzuerkennen. David und Mendelssohn benahmen sich nicht 
schon gegen ihn — wie garstig an sich^ 30 ist schon^ 31 der Neid, 
und wie viel garstiger noch^ 32 bei einem Kiinstler wie Mendels- 
sohn. 

163 D. 19 kam der Vater mitsammt der ganzen Familie. Mein Bru- 
der Alwin hatte sich einige Wochen fruher schon heimlich da- 
von gemacht, was mich betriibte, da ich die Ueberzeugung habe, 
dafi er mit seiner Violine nicht weit in der Welt kommen kann. 
Er sitzt nun dahier und macht Schulden, ist auch ubrigens gar 
kein liebenswiirdiger Mensch, was sein Fortkommen erschwert. 
Der Vater hat^ 33 ihm nun zwar seine Unterstiitzung nicht entzo- 
gen, doch ein Jahr Priifungszeit gestellt, ehe er wieder Anspruch 
darauf machen kann. Er will beweisen, dafi er ohne Vater exi- 
stieren kann und nur durch seine Geige (der Vater wollte ihn 
mit zum Clavierlehrer bilden 598 , was eben Grund zu allerlei 
Streitigkeiten gegeben hat). Mir bangt fur ihn und das macht 
mir das Herz ganz schwer. 

Den Vater hab ich nicht viel gesehen, er hatte von Friih bis 
Abend mit Instrumenten und der Marie> die sie Alle durchprobi- 
ren mufite, zu thuen. Ich bin mit (durch) meinen -Robert ein so 
schones, friedliches Leben gewohnt, dafi ich keine 4 

164 Wochen mehr um den Vater sein konnte. Diese fiirchterliche 
Unruhe, diese Rastlosigkeit des Geistes wie des Korpers, lafit 
ihn, wie seine Umgebung zu keinem ruhigen LebensgenuE kom- 
men. 

Meine Schwester Marie spieite mir Einiges vor; sie spielt hiibsch, 

030 »an sich« spater hinzugefiigt. 

031 Urspriinglich »doch«, durch »schon« iiberschrieben. 

032 »noch« spater hinzugefiigt. 

033 »hat« iiber der Zeile eingefiigt. 



Mai/April~Juni 1843 265 

doch klingt Alles noch entsetzlich eingelernt, was auch bei 
einem Kinde nicht anders sein kann. Das wahre Gefiihl, die tief- 
ste Empfindung erwacht erst mit der Liebe, das behaupte ich, 
habe es ja an mir selbst erfahren. 

Ein junger Clavierspieler Angelo ^ 34 Russo aus Italien war hier, 
konnte jedoch wegen der vorgeriickten Jahreszeit nicht zum 
Concert kommen. Er besuchte Robert, nahm ihn jedoch nicht 
fiir sich ein, da er sich arrogant und unwissend zeigte. Sein Spiel 
soil nach Vaters Aussage hochst mittelmaEig sein 599 . 
D. 25 Himmelfarthstag beendete Robert die Skizze des dritten 
und letzten Theiles der Peri und entziickte mich damit; die Mu- 
sik ist himmlisch wie der Text! welch ein Reich thum an Gemiith 

und Poesie ist (darindrinn) darin, in der Musik wie im Text! 

D. 28 fing Robert den 3ten Theil an zu instrumentiren, — eine 
groEe Arbeit noch. MiiEte er (s) nur seine Augen nicht so sehr 
dabei anstrengen, das beangstigt mich oft recht sehr! — 
Der Vater ist gestern fort; die Mutter war mehrmals mit den 
Schwestern bei mir, die glucklich mit unserer kleinen lieblichen 
Marie waren. Sie fangt nun an zu sprechen, und ist unsere ganze 
Wonne. Elisa vegetirt jetzt noch im dummen viertel Jahr, ge- 
deiht aber zu unserer Freude, und ist ein starkes gesundes Kind. 
Sie macht mir nicht so viel Noth und Sorge als Marie im ersten 
viertel Jahr. 

D, 29 bekam mein Bruder [Alwin Wieck] eine Anstellung im 
Orchester zu Reval — mir ist ein Stein vom Herzen. Ich habe 
mich mehr um seine Existenz gekiimmert, als er selbst. 

Juni 1843.0 35 

ROBERT SCHUMANN: 
Am 28sten Juni 1843. 

Im Zeitraum, wo ich nichts in das Tagebuch schrieb, ist manches 
geschehen und entstanden. Den 25sten^ 36 April 20 Minuten nach 
9 Uhr fruh genas meine liebe Klara von einem Madchen, das wir 
in der Taufe Elisa genannt. Ihre Entwicklung geht langsamer 
vorwarts als bei Marien und ich glaube auch, dafi das Kind nicht 
gut hort. Aber man mufi abwarten und fiir alles dankbar sein, 
was Gott bescheert. 

Am 16ten Juni wurde meine »Peri« ganz fertig nach vielen Ta- 
gen angestrengter Arbeit. Das war eine grofie Freude fiir das 

034 Urspriinglich »U«,durch »el« iiberschrieben. 

035 Die Jahreszahl spater mit Bleistift hinzugefiigt, dabei die »1« tiber 
einen Punkt geschrieben. 

036 Danach ein gestrichener, nicht lesbarer Grofibuchstabe. 



266 Juni 1843 

Schumann'sche Paar. Einige Oratorien von Lowe ausgenomen, 
die aber meistens einen didactischen Beigeschmack haben, 
wiifite ich in der Musik noch nichts ahnliches. Ich schreibe und 
spreche nicht gern von meinen eigenen Arbeiten; mein Wunsch 
ist, dafi sie Gutes wirken moge auf der Welt und mir ein lieben- 
des Andenken bei meinen Kindern sichere. Im Winter hoffe ich 
es aufzufiihren und will mich da auch zum erstenmal im Dirigi- 
ren versuchen. 

Die Musikschule macht uns Allen Arbeit und Sorge; aber auch 
Freude. Ich habe den Clavierunterricht nur ad interim iiberno- 
men 

167 und will mir spaterhin eine andre Stellung bilden. Die Zahl der 
Schiiler pp betragt jetzt gerade 40. 

Die Peri und in etwas die Musikschule nahm denn meine ganze 
Zeit im vergangenen Vierteljahr in Anspruch. Fiir Anderes blieb 
wenig Iibrig. 

An meinem (33sten) Geburtstag, d. 8ten Juni, hatte mir Kl.[ara] 
wie imer bescheert 600 . Den Grund ihrer Melancholie, wie ich sie 
an diesem Tag u. den folgenden bemerkte, kenne ich gar wohl; 
sie mochte die Ihrigen mit Gaben uberschiitten; aber es kann 
nicht alles Gliick beisamen sein und wir wollen's dankbar aner- 
kenen 3 was wir besitzen (an): Talente, Gesundheit, Kinder die 
gedeihen, eine herzliche Zuneigung — das ist auch etwas und 
kann vom Reichthum nicht aufgewogen werden. Aber freilich 
auch daran und an Sicherung meiner Existenz mussen wir den- 
ken, und gewifi auch das wird kornen. 

Klara's Mutter [Marianne Bargiel] hatte uns am 8ten Juni liber- 
rascht zu unserer Freude; sie blieb nur drei Tage. Marie spricht 
noch imer von ihr. Viel Freude macht uns das Kind: sie zeigt 
einen ungewohnlichen raschen Geist und ein weiches gefiihlvol- 
les Herz. 

Die Peri fing ich am 23sten Februar an; in nicht ganz vier Mo- 
naten bin ich also fertig worden und mufi mir schon ein Zeugnifi 
meines Fleiftes geben. 

168 Von Fremden waren bei uns: Berlioz, von dem schon Klara 
schrieb, Gebhard v. Alvensleben, der eine mus.[ikalische] 
Matinee 601 gab, Mad.[ame] Hensel, Mendelssohn's Schwester, 
der Geist und Tiefe aus den Augen spricht, L. Huth, der Gott 
weifi wie Capellmeister in Sondershausen geworden(,). Director 
Schadow aus Dusseldorf sahen wir fluchtig; auch Bende- 
mann. Baron v. Haugk von hier, ein enthusiastischer Musik- 
freund, bei dem wir eine lange Nacht verschwarmten. Klofi, 
der rastlose unerquikliche. Das Ehepaar Wartel aus Paris. Sa- 
bine Heinefetter. Bazzini. S. Goldschmidt aus Prag, 
Netzer aus Wien — zwei der langweiligsten Menschen. 



Juni/Juli/ August 1843 267 

Russo, ein dumer Judenjunge. Musiklehrer Adam aus Dres- 
den. A. Biirk aus Weimar. J. Rietz aus Diisseldorf, der (bis) 
interessanteste Besuch seit langer Zeit, wie mir scheint ein wahr- 
hafter Kiinstler. Capellm.[eister] Glaser aus Copenhagen u. 
Mad.[ame] Simonsen. A. v. Villers. Auch die Frege ist 
wieder zuriikgekomen von ihrer italienischen Reise. 
Den 21sten, den langsten Tag des Jahres, brachte ich recht trau- 
lich bei Mendelssohn zu bei einer Flasche Wein; wir sprachen 
uns recht aus und ich ging wie imer erquickt von ihm fort. 

169 Jetzt ist Klara am Ordnen ihrer Lieder 602 und mehreren Clavier- 
compositionen. Sie will imer vorwarts; aber rechts hangt ihr Ma- 
rie am Kleid, Elise macht auch zu schaffen, und der Mann sitzt 
in Perigedanken vertieft. So denn durch Freud und Leid immer 
vorwarts, meine Klara, und liebe mich imer, wie Du mich imer 
geliebt. — 

CLARA SCHUMANN: July und August. 1843.0 37 

Diese beiden Monate waren wenig interressant an Begebenhei- 
ten, das Interressanteste waren der Besuch von Viardot's und 
dem Doctor Kriiger aus Emden, der ein geistreicher Mann und 
tlichtiger Musiker, besonders auf der Orgel ist, die er beilaufig 
gesagt in 3 Jahren erlernte 603 . Er brachte viel bei uns zu, und 
Robert und Er gewannen eine beiderseitige Zuneigung zu einan- 
der. Wir begleiteten ihn d. 13 July bis Halle — er fuhr dann wei- 
ter nach Berlin und zuruck nach Haus in's Schullehrerjoch. 

170 Wir machten von Halle mit dem Liedercomponisten Franz einen 
Ausflug nach dem Seebad (!) Ober-Roeblingen, das wirklich an 
einem schonen blauen See liegt in dem es sich herrlich badet; 
wir fanden mehrere Leipziger dort, doch ist iibrigens die Ge- 

~ gend so reizlos, daft es sich eben nur einen Tag gern dort leben 
lafit. Wir kehrten am Abend nach Halle zuruck und machten 
d. 14 Friih eine allerliebste Tour auf dem Wasser mit Franz und 
einem Mannerquartett; die Parthie war das Schonste auf unse- 
rem Abstecher. 

Franz ist ein grofier Gunstling vom Robert, darum auch will ich 
mich bescheiden mit meiner Meinung von ihm. 
Ende July sah ich endlich einmal meine liebe Pauline ( Viardot) 
wieder, und fand sie immer die Alte, Liebenswtirdigste^ 38 und 
Genialste aller Kiinstlerinnen. Sie brachte 2 Tage 

171 nur bei uns zu, und auch Ihn [Louis Viardot] gewannen wir 
recht lieb. Er scheint mir kein Franzose gewohnlicher Art — viel 

037 Die Jahreszahl spater mit Bleistift hinzugefugt. 

038 Urspriinglich »1«, durch »L« (iberschrieben. 



268 Juli/ August 1843 

mehr ernst und solid und liebreich gegen Pauline, die es eben so 
gegen ihn ist. Als Virtuosin hat Pauline eminente Fortschritte 
gemacht, was sie in ihrem am 19 August gegebenen Concert 604 
bewies, doch sagte uns die Wahl ihrer Stucke nicht zu und Ro- 
bert fand in ihrer Stimme (deren Umfang 3 voile Octaven, gleich 
stark ist) zuweilen etwas nicht nobles. Schade, dafi ein so durch 
und durch musikalisches Wesen wie Pauline, die gewifi den Sinn 
fur wirklich gute Musik hat, ihren Geschmack ganz dem Publi- 
kum opfert, und darin in die Fufitapfen aller gewohnlichen Ita- 
liener tritt. — Sie sang uns zu Hause eine spanische und eine ara- 
bische Romanze, was mich am meisten interressierte; sie impo- 
nirt aufierordentlich {bei dem ersten Stuck) durch die Gewalt 
ihrer Stimme, und ich horte noch nie so eine Frauenstime. 

172 Ihr Concert war sehr besucht und das Pubhkum enthusiastisch, 
nur inmitten des Concert durch einen Feuerlarm gestort. Ich 
spielte die D moll Sonate von Beethov[en] und mit Mendelssohn 
Roberts sehr reizendes Duo (Andante mit Variationen ■*- ur- 
spriinglich noch mit Begleitung zweier Celli's und eines Homes, 
doch jetzt wegen Erschwerung der Ausfiihrung nur fiir 2 Cla- 
viere gesetzt), das auch sehr gefiel und noch mehr gefallen ha- 
ben wiirde, wenn nicht das Publikum durch den Feuerlarm et- 
was die musikalische Fassung und Ruhe verloren gehabt hatte, 
die gerade zur Empfanglichkeit eines solchen innerlichen ge- 
muthlichen Stiick durchaus nothig ist. Dies Stuck war wohlthu- 
end nach all den unendlichen Colloraturen, die denn doch keine 
Musik sind. 

D. 20 reiste Pauline ab, nachdem sie mir noch einen schonen 
Schwab 39 geschenkt und daftir einen Alten von mir genommen. 
Mendelssohn 

173 war entriistet, dafi ihm Pauline fiir all seine Miihe nicht einmal 
gedankt, doch geschah dies von ihrer Seite gewifi (nicht) nicht 
boswillig — sie war mit Kopf und Herz schon in Paris. 

D. Iten^ 40 August kam auch der Vater wieder her und besuchte 

mich einen Abend, wo ich ihm vorspielen mufite. Marie [Wieck] 

war auch mit. Er zahlte uns auch 50 Thaler fur den Gra^schen 

Fliigel wieder aus, was ich lieber nicht genomen hatte, doch 

hatte es ja Robert erst aus seiner Tasche hergegeben! 

Von Alwin [Wieck] habe ich gute Nachricht aus Helsingfors er- 

halten, wohin er nach einer Seereise von 14 Tagen gelangte, — 

er scheint Geld zu verdienen! man mufi nun freilich erst in der 

Folge horen. 

Ende July habe ich angefangen den Auszug fiir das Clavier der 

039 Sic. 

040 »ten« tiber der Zeile eingefiigt. 



Jutii August/November 1843 269 

»Peri« zu machen — eine Arbeit, die mir groften Genufi 
schafft.O 41 

174 Professor Fischhof aus Wien besuchte uns hier und aft d. 27 bei 
uns; es unterhalt sich sehr gut mit ihm, er spricht nur gar so viel 
von Sich^ 42 . 

Im Uebrigen lebten wir so ganz still fur uns; ich gab ziemlich 
viel Stunden; zwolfe der Frau von Hagemeister, einer Polin, die 
aber nichts lernen wollte jedoch das Schwerste spielt mit einem 
schauderhaften Anschlag. Sie reiste Ende August ab. Eine 
Schottlanderin aus Edinburgh kam hier an um bei mir Cla- 
vier[unter]richt zu nehmen; sie fing d. 25 August an — spielt 
recht hiibsch, fleifiig und solid! 

Unsere Kinder waren fortwahrend wohl; Elischen wird von Tag 
zu Tag hiibscher und verstandiger — sie hat etwas recht sanftes, 
gemiithliches in ihren Ztigen. 

Unser eheliches Zusammenleben war wie immer liebevoll und 
gliicklich, bis auf einige kleine Stiirme, die aber vortibergingen, 
deren Schuld 

175 ich tibrigens trug. Ich kiimmere mich um unsere Zukunft, 
mochte jetzt, wo wir jung sind verdienen, ein kleines Capital sa- 
meln, wahrend Robert anderer Ansicht ist und sich dazu nicht 
entschliefien kann. Doch hat er mich beruhigt durch das Ver- 
sprechen, dafi wir nachsten Winter gewifi etwas Grofies unter- 
nehmen. 

Ich habe Dich oft schon betrfibt, mein guter Robert, mit diesen 
meinem Kummer, doch geschah es gewifi immer mit sehr schwe- 
rem Herzen und nach vielen Kampfen. Liebte ich Dich nicht so 
unaussprechlich, wiirde ich mir auch nicht so grofte Sorge ma- 
chen, so aber besteht mein hochstes Gltick in dem Gedanken, 
Dich ganz Deiner Kunst und ohne alle weltlichen Sorgen leben 
zu sehen, und dies mufi ich endlich erreichen, soil ich zufrieden 
und begliickt sein. 

Lafi Dich kiissen, mein innigst geliebter Robert, und glaube 
aber, daft 

176 meine Liebe zu Dir in Freud und Leid immer gleich unendlich 
sein wird. 

(September.) 

ROBERT SCHUMANN: 
Den 21sten November 1843. 

Klara ist noch in Dresden, wo sie gestern Abend Concert 605 ge- 
geben; es sieht so still und ausgestorben im Hause aus, wenn sie 

041 Danach 2 Zeilen durch Streichung unleserlich gemacht. 

042 Das Wort sehr stark mit Time nachgezogen. 



270 August— November 1843 

nicht^ 43 da ist. Da greif ich denn zu Dir, liebes Tagebuch; manch 
Freud und Leid umfafit die Zeit, seitder ich nichts hineinge- 
schrieben. Aber die Worte und Buchstaben fallen mir schwer 
und ich kann in einer Viertelstunde am Clavier mehr ausspre- 
chen, als wenn ich Bogen voll schriebe. Darum nur vom aufieren 
Leben, und was es gebracht. Das Wichtigste war in der letzten 
Zeit ein Antrag von Hartel's, die Redaction ihrer Zeitung zu 
ubernehmen 606 . Ich bin noch nicht klar in der Sache; (und), so 
erfreulich sie sich wenden kann, so wtirde ich doch manchmal 
mir denken »soll ich denn nie ganz in meiner geliebten Kunst le- 
ben konnen?« Gewahrte mir der Himmel einmal diese Gunst — 
und noch in jungen Jahren. Denn die Jugendbliithe vergeht und 
das Lernen wird einem im Alter imer schwerer. 

177 Sonst drehte sich in den^ 44 letzten Monaten fast alles um die 
Peri und meine Klara hat mich gewift manchmal fur einen 
Egoisten gehalten, wenn ich nur davon sprach. Aber es kniipfen 
sich an dies Werk Gedanken ernsterer Art, {die} um die du mir, 
wenn ich sie dir alle sagen wollte, gewifi nicht gram sein solltest. 

Klara hat mit grower Aufopferung und Liebe den Clavierauszug 
der Peri 607 gemacht und ich hab* es ihr auEerlich nur wenig ge- 
dankt; aber ich weifi ihre Miihe und Liebe zu schatzen und hah' 
mich oft genihrt abgewandt, wenn ich sie so eifrig am Clavier 
arbeiten sah. 

Nun wird die lste Aufftihrung am 4ten December, sein, wenn al- 
les gut geht. Auch im Dirigiren nab' ich mich versucht und sehe, 
dafi ich Geschick dazu habe. Meine Kurzsichtigkeit hindert 
mich am meisten und ich werde doch spater zur Brille greifen 
miissen. 

Zum Componiren kam ich tibrigens gar nicht vor Periarbeiten. 
Ein paar Opernplane beschaftigen mich aber sehr [:] »der ver- 
schleierte Prophet v. Khorassan« aus Lalla Rukh [von Thomas 
Moore], u. »Till Eulenspiegel«, zu denen ich mir schon Plane 
entworfen 608 . 
Eine Oper soil das nachste sein und ich brenne darauf. 

178 Erschienen sind in <|er Zeit ein H[e]ft Lieder »Frauenliebe« v. 
Chamisso, und das Quintett; nachstens koinen die Variationen 
fiir 2 Pianoforte, der grofie Heine'sche Liedercyklus 609 , ein Heft 
Balladen und ein Quartett fiir Clavier heraus; von Klara ein 
Heft sehr inniger Lieder 610 . 



043 Urspriinglich »d«, durch »n« iiberschrieben. 

044 »den« liber der Zeile eingefiigt. 



August -Oktober 1843 271 

Vom Monat Juli und August hat schon Klara berichtet; von ein- 
zelnen Notizen fallen mir noch ein: im August: Besuch von An - 
acker aus Freiberg, den ich zum lstenmal kenen lernte; leben- 
diger Mann mit ausdrucksvollem Kopf, dem Gesinnung und 
Tiichtigkeit aus dem Auge spricht. Von L. Anger, der jetzt 
Organist in Liineburg geworden; ein ehemaliger Spaziergenosse 
von mir; untergeordnetes Talent und voll Eitelkeit, doch nicht 
ohne schatzbare Eigenschaften. Ofters Billard gespielt mit 
Mendelssohn- Franz aus Halle und seine Liebesge- 
schichte 611 ; ein bedeutender Charakter. 

Am lsten September Marien's 2ter Geburtstag frohlich gefeiert. 
In der letzten Zeit entstellte sie ein boser Hautausschlag; es geht 
aber schon wieder gut. Elise wird von Tag zu Tag lieblicher. 
Am 4ten Sept.[ember] Landsberg aus Rom, den ich schon von 
friiher kannte. Am 5ten Julius Miller, der bekannte alte Te- 
norist, ein gefahrlicher Intriguant glaub' ich. 

179 Den 7ten reiste Klara mit Marie auf einige Tag[e] zum Besuch 
der Mutter nach Berlin; in der Zeit machte ich mit Julius Becker 
eine Fufiparthie nach dem Colmberg pp bei herrlichem Wetter; 
es hatte einen eignen melancholischen Reiz, sein liebes Weib 
(bei) nicht bei sich zu haben und sich doch von ihr geliebt zu 
wissen; ihr Geist begleitete mich fortwahrend. 

Den 11 ten kam Klara zunik. Den 13ten feierten wir recht 
freundlich, Klaras 24sten Geburtstag. Zwei Kindlein schon? Sie 
kamen friih mit Blumenkranzen an das Bett. Spater Mendels- 
sohn, David, Hauptmann, u. zufallig Heinrich Dorn. Wir musi- 
cirten einiges. 

Den 14ten Streicher aus Wien mit einem jungen Tonsetzer 
Pauer. Wir sahen sie nicht. 

Den 15ten reiste Kirch ner, ein junger talentvoller Musiker, 

fiir den ich mich imer sehr interessirt, nach Winterthur in der 

Schweiz, wo er eine gute Organistenstelle erhalten. 

Am 1 8ten neues Ungluck im Carl'schen Hause. Er hat das Weite 

suchen miissen. Leichtsinn, Gutmuthigkeit und allzuviel Ver- 

trauen auf eine unsichtbare helfende Hand haben ihn dahin ge- 

bracht. 

Marx aus Berlin. M[usik]D.[irektor] Skraup aus Prag, 

Fischhof aus Wien. Ankunft Hiller's. 

180 Den 25sten Priifung im Conservatorium; meine besten Schuler 
sind: Frl. Jacobi aus Altenburg, PreuK aus Gotha, Ergmann 
aus Breslau. Compositionstalente finden sich fast gar nicht. 
Ein Ball bei Schletter. Ein Abend bei Dr. Hartels. Den lsten 
October lstes Abonementconcert unter Hiller*s Direction 612 



272 November 1843 

CLARA SCHUMANN: 

Dorpat d. 18 Februar/1 Marz<> 45 1844. 

Endlich hier in Dorpat komme ich dazu an unser etwas vernach- 
lafiigtes Tagebuch zu gehen; es wird mir einestheils schwer, 
denn viel hab ich nachzuholen und werde es doch nicht voll- 
kommen konnen, da mir Vieles wieder entf alien. Heute will ich 
es versuchen, bis zu dem Tage unserer Abreise zu berichten^ 46 . 

November 1843. . 

Dieser Monat war ein sehr unruhiger; ich reiste 3 mal nach 
Dresden hin und her 613 , Robert hatte viele /Vn-Proben und so 
waren wir Beide immer in Bewegung. 

D. 20sten gab ich in Dresden ein sehr besuchtes Concert im Ho- 
tel de Pologne, und spielte unter Anderem Roberts Quintett mit 
Schubert, Kummer und noch zwei 

181 Herren, auf deren Namen ich mich nicht besinne. Es gefiel au- 
fierordentlich und wurde mit den lautesten Beifallsbezeugungen 
aufgenommen; es that mir leid, dafi es Robert nicht gehort 
hatte, denn er hatte sich wohl an unserem Zusammenspiel er- 
freut. In demselben Concert machte auch Marie [Wieck] (meine 
Schwester) ihr erstes offentliches Debut und zwarmk der Es dur 
Sonate von Moscheles mit mir zusammen. Sie spielte sehr gut, 
war aber sehr angstlich, was mich fur die Zukunft besorgt 
macht, denn es ist nicht vorauszusehen, dafi sich die Angst ver- 
mindern, sondern vermehren wird. Wir haben viel Spaft tibrigens 
mit ihr gehabt, denn noch bis zur letzten Minute wollte sie nicht 
hervor und nur Vaters Erlaubnifi kein Compliment gegen das 
Publikum zu machen^ 47 vermochte sie mit niedergeschlagenem 
BHck hervor, sowie auch nach Verlauf des mit grostem Beifall 
[aufjgenommenen Stuck, wieder eben so abzugehen. Der Vater 
war aber gliicklichj was ich ihm von ganzer Seele gonnte, er 
hatte wohl lange diesen Augenblick herbeigewunscht, verdiente 

182 auch wohl einmal wieder eine Freude fiir seine viele Miihe. 

D. 23 trieb mich die Sehnsucht nach Leipzig zurlick, trotzdem, 
dafi das zweite Concert am 30ten sein sollte. Ich fand Alles ganz 
wohl, meine Kinderchen munter, Mariechen mit dunkelrothen 
Backchen, wie immer des Abends. 

D. 24 war eine kleine Abschieds-Soiree bei Mendelssohn , der am 
anderen^ 48 Morgen abreisen wollte. Er schien sehr betriibt und 

045 »1 Marz« mittels eines Bruchstrichs unter die »18« gesetzt, 

046 Urspriinglich »bes«, das »s« durch »r« iiberschrieben. 

047 »zu machen« iiber der Zeile eingefiigt. 

048 Urspriinglich »A«, durch »a« iiberschrieben. 



November/ Dezember 1843 273 

wehmiithig von Leipzig zu scheiden, spielte noch einige Sonaten 

von Beethoven wundervoll, Frau Dr Frege sang auch noch (wie 

es schien, mit schwerem melancholischen Herzen) einige Lieder 

von Mendelssohn, und auch ich spielte Einiges. 

Die Proben der Peri machten mir unendliche Freude, mit wah- 

rer Wollust schlurfte ich immer diese Musik ein. 

D. 29 fuhr ich wieder nach Dresden, wo (ich) mich verschiedene 

Strapatzen erwarteten. 

D. 30 war das zweite Concert, der Beifall eben so grofi, wo 

nicht mehr noch, als das erste Mai, und das Publikum irner ein 

feines, auserwahltes. 

183 December 1843.0 49 

D. 1 fuhr ich wieder nach Leipzig, eigends um eine Orchester- 
probe (die Letzte wie ich glaubte) zur Peri zu horen, doch un- 
gliicklicherweise war sie am 

2ten Nachmittag, wo ich gerade zur selben Stunde wieder abrei- 
sen mufite, da ich Abends in Dresden bei Hof spielen sollte. 
Aufier dieser an sich grofien Strapatze hatte ich auch beinah das 
Ungliick gehabt, den Dampfwagen zu verfehlen, mit groster 
Noth und Muhe langte ich, halb bewufitlos, athemlos, auf mei- 
nen Fiifien, die jeden Augenblick zusammen zu brechen drohe- 
ten, am Wagen an, als er im Begriff stand abzugehen. Nie will 
ich das vergessen. 

Das Hofconcert war brillant, viele hohe Gaste wohnten bei! Die 
Konigin und Konig sprachen sehr freundlich mit mir, auch die 
Herzogin von Cambridge, bei der ich schon frtiher in Hannover 
gespielt hatte 614 . Um 12 Uhr kam ich nach Haus und am 3ten 
Morgens ging es wieder nach Leipzig, wo mich die Mutter aus 
Berlin mit der Stegrhayer erwartete. 

184 D. 4 fuhrte Robert zum ersten Male seine Peri (zum Besten der 
Musikschule) auf, und machte zugleich sein erstes Debut als Di- 
rigent. Schon am Morgen in der Probe hatte mich die herrliche 
Instrumentation entziickt, und ein Jeder wird sich denken kon- 
nen, wie glticklich ich am Abend war — es lafit sich gar nicht mit 
Worten sagen. Der Beifall war groiS, enthusiastisch aber war er 
bei der zweiten Auffiihrung, welche 

d. 11 statt fand. Schon bei dem Hervortreten wurde Robert 
(mit) empfangen und fand auf dem Dirigirpult einen schonen 
Lorbeerkranz, was ihn einigermaften consternierte; doch aber 
freuen mufite. Nach jedem Theil wurde er hervorgerufen. Am 
schonsten sang die Frege die Peri; nach der einen Arie der Jung- 
frau (die Sachs war verreist, daher hatte die Frege diese Arie 

049 Die Jahreszahl spater mit Bleistift hinzugefiigt, dabei die »1« iiber 
einen Punkt geschrieben. 



274 Dezember 1843 

iibernomen) konnte das Publikum sich nicht enthalten, ihr den 
lautesten Beifall zu spenden. Auch Herr Schmidt, Kindermann, 
sowie der ganze Chor leisteten das Schonste, Alles sang mit Leib 
und Seele — Ich^ 50 that's fur Alle! habe ich mir je eine schone 
Stimme gewiinscht, so war es jetzt! was hatte ich darum gegeben 
die Peri singen zu konnen. 

185 Den Tag nach der ersten Auffiihrung verlangten Hdrtels das 
Werk zum Druck; Robert verkaufte es ihnen sogleich mit der 
Bedingung eine Partitur davon zu stechen. Der Clavierauszug 
wird zuerst erscheinen. 

Die Mutter konnte leider der zweiten Auffiihrung nicht beiwoh- 
nen, sie mufite d. 5 schon wieder abreisen. Nach der ersten Auf- 
fiihrung ajSen wir allesammt im Hotel de Baviere, auch die Frege 
mit, nach der zweiten waren wir mit David allein da, der sich 
auf das freundlichste gegen Robert benommen, und an der zwei- 
ten Auffiihrung (an diesem Tage gerade) seinen grofien Theil 
hatte, indem er die Hindernisse beseitigte, die das Theater in 
den Weg stellte. 

D. 15 hatten wir eine recht lustige Gesellschaft bei uns, wo wir 
in unserem kleinen Zimmer bis in die Nacht hinein tantzten. Wir 
waren vergniigter als ware es der groftte Ball gewesen. Unsere 
Gaste waren: Frege% Seeburg% Preuften, Gade y David ect: ect: 
Ich spielte mit Gade seine mir dedicate Sonate fur Clavier und 
Violine und mit Hiller Bennetts 

186 Ouverture zur Waldnymphe, in welcher aber Hiller mehr Baum- 
stamme als Nymphen finden wollte. 

D. 16 erhielt Robert vom Vater einen Brief versohnenden In- 
halt's 614 A , und so ging denn mein sehnlichster Wunsch in Erfiil- 
lung. Robert sohnte sich mit dem Vater in Dresden aus, wo wir 
am 

19 hinreisten. Robert hatte vom Intendanten des Theaters Herr 
v. Lutticbau die Aufforderung erhalten, seine Peri am 23 im Ar- 
menconcert im Theater aufzufiihren, was denn auch geschah, 
freilich so gut als in Leipzig war die Auffiihrung nicht. Die Mit- 
wirkenden bestanden aus lauter Theatermitgliedern, welche froh 
sind wenn sie nicht zu singen brauchen, sich also auch gar nicht 
bemuhen in ein Werk einzudringen. Madam Kriete sang die 
Peri gut, doch nicht mit dem edlen Gefiihl wie die Frege; Mitter- 
wurzer war gut, Bielcizsky aber schlecht, unverantwortlich nach- 
lafiig im Lernen — ich glaube er kannte bei der Auffiihrung noch 
nicht das Gedicht. Ticbatschek benahm sich lumpig, wie ein 
Nicht-Kiinstler! seine Parthie war ihm nicht grofi genug, 
nicht genug Schrei-Effecte, und das will so Einer. 

O50 Urspriinglich »i«, durch »I« uberschrieben. 



Dezember 1843/Januar 1844 275 

187 Das Publikum war sehr lebhaft, ich hatte jedoch eine zweite 
Auffuhrung gewlinscht, wo auch das Publikum erst recht das 
Ganze verstanden haben wiirde, obgleich auch schon^ 51 das er- 
ste Mai meinem lieben Robert ein reicher Beifall wurde. Er diri- 
girte, wie in Leipzig, schon, mit so ruhiger Haltung, dafi es 
Einem wohl that zu sehen. Raimund Hdrtel (D. 24) <>52 war aus 
Leipzig zu dieser Auffuhrung gekommen, da er es dort nicht ge- 
hort hatte. 

D. 24 wohnten wir der Bescheerung bei'm Vater bei, wo auch 
wir reichlich bedacht waren. Recht viel dachte ich an meine lie- 
ben Kinder, denen ich ihre Bescheerung aufheben mufite. 
D. 26 kehrten wir nach Leipzig zuruck, und fanden Mariechen 
und Elischen wohl auf . 

D. 31 Dec :[ember] bescheerten wir zur besonderen Freude Ma- 
riechens, die selig war. An solchen Tagen fiihlt man so recht den 
Seegen von Gott in solchen Kindern, wie wir sie besitzen — ein 
hoheres Gliick giebt es doch nicht. Abends spater kamen noch 
Renter, Wenzel, Herrmann, Tescbner aus Berlin und Lorenz zu 
uns. 

188 Januar 1844. 

Wir traten das neue Jahr vergniigt und munter an — der Himmel 

beschutze uns und unsere Kinder auch fernerhin! — 

Mit dem neuen Jahr begannen auch unsere Vorbereitungen zur 

Petersburger Reise, wobei mir die Frege treulich zur Seite stand, 

unverdrossen mit mir in der Stadt herumhef, tiberhaupt grofien 

Theil nahm und sich aufrichtig zu freuen schien, dafi dieser 

mein langst gehegter Wunsch in Erfullung gehen sollte. Das 

Schwerste der Reise stand uns bevor, die Trennung von unseren 

Kindern. 

D. 18ten kam Pauline [Schumann] aus Schneeberg, die Kinder 

zu holen; eine Verwandte der Carln, Frau Pastor Groebe, wel- 

che wir engagirt hatten bei den Kindern zu bleiben, gefiel uns 

gar nicht, sie behandelte Mariechen gar nicht liebreich und zart, 

zugleich schrieb der Carl [Schumann], wir mochten ihm doch 

die Kinder(n) nach Schneeberg geben, und so entschlossen wir 

uns natiirlich dazu am liebsten. 

^ 53 Robert hatte noch viel an der Peri zu arbeiten, welche er 

051 Urspriinglich »d«, durch »s« uberschrieben. 

052 Am Zeilenanfang stehend; dann beginnend auf dem freigebliebe- 
nen vorhergehenden Zeilenende die Notiz ab »Raimund Hartel« 
hinzugefugt und das Datum gestrichen. 

053 Die folgenden Eintragungen bis »Exemplar« nachtraglich auf dem 
Seitenrand hinzugefugt. 



276 Januar 1844 

noch vor unserer Abreise abliefern wolite. Am Clavierauszug 
fand er noch Vieles zu bessern und that es mit unermudlichem 
Eifer. Er hat ihn den Tag vor unserer Abreise Hartels iibergeben 
— wie freue ich mich auf das gedruckte Exemplar! 
D. 21 nahm Pauline unsere Lieblinge mit fort — das war ein 
schrecklicher Tag, wie alle noch folgenden in Leipzig. Was wir 
Beide bei dieser Trennung fiihlten, kann sich jedes Vater[-] und 
Mutterherz denken, der Schmerz war unbeschreiblich! als sie so 
dahin fuhren, welch ein Schmerz war das! mochte der Himmel 
uns diese Heben Kinder wieder gesund und wohlbehalten in die 
Arme fuhren. Pauline. 
189 wird sie gewifi mit ganzer Liebe pflegen und hegen, welch eine 
Wonne dann das Wiedersehen! — 

Unsere Abreise schob sich immer und immer noch um einige 
Tage hinaus. Gott waren das fiirchterliche Tage ohne unsere 
Kinder! 

Der Vater kam 8 Tage vor unserer Abreise und blieb bis zum 
letzten, wo er uns mit vielen Freunden noch an den Dampfwa- 
gen begleitete. 



Tagebuch 16 

Reisenotizen VI 

1. Teil: Rufiland 1844 

25. 1.-31. 5. 1844 



Robert-Schumann-Haus Zwickau, Signatur 4871/VII A/b 6 

Das Heft besitzt einen originalen Einband aus gelbbraunem 
Glanzkarton mit autographer Titelaufschrift und enthalt 48 
Blatter im Format 15,3 X 8,9 cm. 

Samtliche Recto- und ein Teil der Verso- Seiten sind von frem- 
der Hand mit Bleistift numeriert, wobei eine von Schumann 
stammende, mit Blatt 4 beginnende Numerierung getilgt bzw. 
uberschrieben wurde. Die Zahlung reicht einschliefilich der 3. 
Umschlagseite von 1 bis 97. 

Mit Ausnahme der Seiten 4 bis 6 ist das gesamte Heft von Schu- 
mann beschrieben, in der Regel mit Bleistift. Der Erhaltungszu- 
stand ist gut. 

Die Signatur ist auf der 1. und 4. Umschlagseite mit Bleistift ein- 
getragen (Handschrift Georg Eismann). 

Es werden zunachst die Reisenotizen der Rufilandreise (Seite 7 
bis 46 und Seite 49 bis 66) in chronologischer Folge wiedergege- 
ben, dann alle dazugehorigen Notizen in der Reihenfolge des 
Autographs (einzelne Umstellungen sind in den Fufinoten erlau- 
tert). 



278 Januar 1844 
[1. Umschlagseite] 



Reisenotizen. VI. 

Reise nach Rufiland 

im J[ahre] 1844 



kl.[eine] Reise in den Harz 
im Herbst 1844. 



Robert Schumann^ 1 

Reise nach Rufiland 
im Februar — Mai 1844. 

Donnerstag d. 25sten Januar 1844 Abreise von Leipzig frtih 
1 1 Uhr — Abschied vom Alten [Wieck], der Tante [Emilie Carl], 
Gustav [Wieck], Wenzel u. Reuter — warmes (Wetter) triibes 
Wetter — Langweilige Farth — Ankunft in Berlin um l / 2 7 Uhr — 
die Mutter [Marianne Bargiel] — Hotel du Brandenbourg — 
spater Mendelssohn u. Gade — im Ziirier nebenan die Schroder- 
Devrient — 

Freitag d. 26sten Januar. Friih zu Mendelssohn — Abschied 
von Gade — Dedication v. M.[endelssohn] an Clara 615 — Ueber 
R. Wagner — Scherereien mit der Post — Abscheulich Wetter — 
Bei der Mutter zu Tisch — gegen Abend mit M.[endelssohn] viel 
gesprochen — mit ihm zu bajer'schen Bier — 
Sonnabend d. 27sten Jan.[uar] Friih Besuch bei der Schroder 
Devrient — Erzahlungen lib. Liszt — dann bei Ruckert — herrli- 
cher Kopf wie d. eines Gesetzgebers — Peri — Einladung nach 
Neusefi — Marie Lichtenstein — alt und kalt — zu Tisch bei 
Mendelssohn — Taubert — freundliches Gesprach — zu Hause 
Abschied v. d. Schroder — um 7 Uhr mit der Courierpost fort — 
Abschied von 

Mendelssohn an der Post »der letzte deutsche Mann« — der 
Mutter u. ihren Kindern — schoner bequemer Wagen — im Gan- 
zen langweilige Reise — 

Sonntag d. 28sten durch gefahren bei nicht zu grofier Kalte — 
traurige Wiistenei — 

Ol Die gesamte Titelaufschrift mit Bleistift geschrieben und spater mit 
Tinte nachgezogen, ausgenommen die beiden Trennungsstriche, die 
Abktirzung »kl.« und der Namenszug. — Am Fufi der Seite Notiz 
von fremder Hand: » Copirt.« 



Januar/Februar 1844 279 

Montag d. 29sten friih bei Dirschau tiber die Weichsel mit 
Sack u. Pak u. Pferd — ein grausiges Gefiihl — dann die Nogat 
zu Fufi — Marienburg — schoner Morgen — das Schlofi — der 
groEe Remder wundervoll restaurirt 616 — angenehme Gesell- 
schafter im Wagen: Geheimrath Heyne aus Dantzig — Griifie an 
Tilly's — Elbing — wieder htibschere Gegend — Frauenburg — 
Copernikus=Thurm — Kiihnapfels Richtstatte — Ankunft in 
Konigsberg Abends 7 Uhr — der lste Eindruck sehr unange- 
nehm — ein Landsmann Namens Engelhardt erwartet uns — 
Dienstag(friih) d. 30sten friih Sobolewski — geistvoller energi- 
scher Mann, etwas v. Probst — mit ihm zum TheaterDirector — 
ich als Verhandler — schlechter Spafi — dann zu Schindelmeifier 

— die Verhandlungen u. der 

Gutsagende — der Contract — gegen Abend zu Sobolewski — 
polnische Wirthschaft — seine Frau — Tag — Abends im Cafe 
national allein — zu Hause Donerwetter mit der Aufwarterin — 
(Friih auch noch bei Dibowski u. Lobek) — 
Mittwoch d. 31sten Januar. Friih Briefe geschrieben 617 — Re- 
gierungsrath Sabbarth, ein Heidelberger Bekannter — Besuche 
bei Adelsohn, Oppenheimer, Lorck u. Samann — letzterer etwas 
gemein, aber vielleicht tiichtig — grofie Suada — Instrumente 
von Gebauer u. Mathy^ 2 — die hiesigen Instrumentenmacher 
halten sich Equipage — Uebrigens wie in alien Stadten Musiker, 
Instrumentenmacher, Musiklehrer wie Katze u. Hund — mit 
Sabbarth gegessen — sonderbare innere Zerwiirfnisse Abends 
wegen Lobek's — Klara viel zu wenig klug fiir die Welt und iiner 
soupconos 618 , doch ging ich hinaus — hiibscher Kreis — offnes 
Wesen zwischen Allen — gescheute muntre Leute — Musiklehrer 
Kahle — politische Regsamkeit und sonstige — um 1 1 Uhr nach 
Hause — 

Februar. 

Donnerstag d. lsten. Friih Besuch d. alten Lobeck — die 
Schaller^ 3 (aus Wien) talentvoll und hubsch^ 4 — Liederprobe — 
Zu Sobolewskis — Musikers Wirthschaft — Damern in der Stadt 

— Zu Sabbarth — Laidlav's — Erzahlung v. d. Cigarrenasche 
Liszts — I. Kant's Haus — Besuch von Adelson, russ. Consul — 
aufierordentliche freundliche Menschen iiberall. 

Abends in Sobolewski Akademie 618A — die G Moll Symphonie 
[von Mozart], Compositionen von Sobolewski — Abendessen — 
Dr. Zander — Schindelmeisser — Engelhard's hiibsche Frau — 

02 Recte: Gebauhr, Marty. 

03 Recte: Haller. 

04 Danach ein nicht lesbares gestrichenes Wort. 



280 Februar 1844 

Freitag d. 2ten. Friih Probe im Theater — Ein M[usik]D.[irek- 
tor] Pabst — schwaches Orchester — ansehnlich Theater — mit 
Engelhard im »Blutgericht« — Abends Concert 619 — sehr voll — 
Dlle. Wiirst, eine Anfangerin, ein Violinspieler Schuster u. die 
Haller (eigentlich Meiner) unterstiitzten — Betrachtungen tiber 
Klara's Spiel u. Kunst u. das Publicum — ein alter Heidelberger 
Bekanter Jacobi — Schauspieler u. Hornist Schunke, Verwand- 
ter von Louis — nach dem Concert bei d. russ. Consul Adelsohn 

— wer war da? Dr. Jacobi — Viel gesprochen mit ihm — schone 
Stirn u. Auge — Allgemeines Politisiren in Konigsberg — Direc- 
tor Ellen, Clavier- 

1 1 lehrer Cavaiieri — Alles liebenswiirdige und gebildete Leute, na- 
mentlich Adelsohn selbst — um x / 2 1 Uhr erst nach Hause — 
Sonnabend d. 3ten. Friih Einkaufe mit Adelsohn — Fruhstuck 
im Blutgericht mit Sobolewski, Dibowski, dem alten freundli- 
chen Marty, einem Postsecretair u. einem Hofrath — viel Cham- 
pagner — Abends 2tes Concert 620 — die D=Moll Sonate v. 
B.[eethoven] u. mein Kumer dabei — Abschied d. Haller, die in 
Thranen schwamm (a. andern Griinden) — Mit Engelhardt u. 
Sabarth noch im Cafe — Abschied von den freundlichen Men- 
schen hier — 

Sonntag d. 4ten. Friih 6 Uhr Abfarth nach Tilsit — ^ 5 auf Schlit- 
ten (v. Marty) mit Extrapost — triiber schneeiger Tag — Nichts 
interessantes — Tilsit — Geh. Hofrath Nernst — d. Abend bei 
ihm — ein hiibscher Landrath mit htibscher Frau, d. Tochter 
Nernsts — gebildeter Kreis — eine Sangerin Frl. Drang (?) aus 
Konigsberg — die Frage nach d. Etudes symphoniques — Klara 
spielt sehr schon. 

12 Montag d. 5ten friih 4 Uhr v. Tilsit mit Extrapost — Farth tiber 
den Niemen etwas grausig — Russische Granze — der Granzko- 
sak mit der Pistole — Tauroggen — russische Gesichter, Juden, 
Schlittenleben — Zolldirector von Wilken — durchaus hofliche 
Behandlung und schnelle Abfertigung — Kresslowski, kluger 
Kerl im schlichten Rock — vortreff liches Gasthaus — um 1 Uhr 
mit der Russischen Diligenze fort — Diligence inwendig aufierst 
bequem — tiefer Schnee u. langsames Fortkomen — furchterli- 
ches Mittagessen — hochst langweilige u. anstrengende Farth — 
Litthauische Dorfer — sehr belebte Strafien — meist Juden — 
lange Karawanen von Einspanern, friih 3 Uhr Dienstag d. 
6ten^ 6 , die nach Mitau fuhren — Mitau, Hauptstadt v. Kurland 

— friih 5 Uhr strengere Kalte — Eintritt nach Riga — Leben auf 
der Diina — grofiartig — furchterlich Drangen u. Schreien in 

05 Davor ein nicht lesbarer gestrichener Wortanfang. 

06 » Dienstag d. 6ten« uber der Zeile eingefiigt. 



Februar 1844 281 

den StraEen — Post — schlechte Einrichtungen noch, ftir d. 
Fremden ist gar nicht gesorgt — die Gasthaussucherei — das 
schrekliche Zimer in [Hotel] St. Petersburg. 
Lutzau hilft uns — Zuriikgefahren in's Hotel de Londres — Be- 
such bei J. Behrens — vortreffliche Cigarren — Schmutzige 
Wirthschaft — 

Mittwoch den 7ten (26 Jan.[uar] a. [ken] St.[ils]) Ausfuhr mit 
Lutzau — lOGr. Kalte — Halsbrecherische Gassen und unbe- 
schreiblich widerwartiges Treiben — man muE oft tiber ganze 
Wagenreihen wegklettern, um fortzukomen — der Polizeimei- 
ster — ein russischer Gerichtstisch — Polizeiluft — zum Biirger- 
meister — die 25 Rubel Pranumeration — vollstandiger Ueber- 
druE — D, Kaull — Besuch beim Generalgouverneur (v. Pahlen) 

— seine Frau recht artig — bei Generalconsul Wohrmann. 
Abends bei Behrens — Lotz, Lobmann, Sauberlich, Dr. So- 
doffsky — das Theeherumreichen — die Schwarzhaupter u. ihr 
Saal — dume Verstimung — Quartett v. Haydn, Mendelssohns 
Trio — ein lederner Theebeschlufi — schones Instrument v. 
Wirth - 

Donnerstag d. 8 ten (27 Januar) — Friih Besuche von Cantor 
Alt, Lotz u. Lutzau — unausstehliche Hetzerei — bei J. Hof- 
mann, dem Theaterdirector par excellence mit Sch[n]urbart — 
Besuch von Frl. Richter, der Malerin, und Besprechungen wegen 
d. Reise nach Petersburg — Um 5 Uhr Spazierfarth auf Kaul's 
Schlitten auf der Diina — grirnige Kalte — schrekliche Stadt, die- 
ses Riga — Thee bei Kauls — die Frau des verwiesnen Rector 
Uhlmann aus Dorpat — sonst freundliche Leute -r- mit Kaul auf 
die [»]Musse[«] — Zeitungen u. russische Censur mit Drucker- 
schwarze — Clara imer etwas leidend — 

Freitag d. 9ten (28 Jan.fuar]) Friih Zank mit Lutzau — uner- 
traglicher Zustand — zu Behrens — Schwarzhauptersaal (reno- 
virt) mit originellen Verzierungen — zum Diner bei Kaull — an- 
genehme Unterhaltung mit Rector Uhlman (dem Dorpater) u. 
Baron Schulz — im Uebrigen ledern — Caviar u. Braten — Da- 
men u. Herrn getrent bei Tisch — der Superindentend v. Riga — 
bald nach Hause — mit Behrens u. Alt Champagner. 
(Freit) Sonnabend d. lOten (29 Jan.[uar]) Friih um 8 Uhr mit 
der Diligence nach Mitau — schoner Wintertag — das SchloE 
vor Mitau, wo Ludwig XVIII im Exil lebte 621 — offene freundli- 
che, dorfartige Stadt — bei Zehr login — Hr. Dunio — zu Ma- 
czewsky — htibscher Mann, etwas profoftartig — seine Frau u. 
Kinder sehr musikalisch — Gegen Abend zu Maczewsky Bruder 

— ein Graf scher Flugel — angenehme Familie — dann in den 
Clubb mit M.[aczewsky] — Adel u. Offiziere — Caviar u. Hasel- 
hiihner — 



282 Februar 1844 

Sonntag d. 11 Febr. [uar] (30 Jan[uzr]) — Wie die Mitauer 
Zehr's Gasthaus nach Billetten sturmen — Probe auf d. Clubb — 
die Schnellmalerin — Abends Concert 622 — dankbares Publicum 

— heftige Kopfschmerzen — schliine Nacht — Klara wieder 
recht munter — Einladung des Graf Kayserlingk zu einem 2ten 
Concert. 

M on tag d. 12 Febr.[uzr] (31 Jan. [uar]) Riikfarth nach Riga 
friih 8 Uhr — noch unwohl — 

16 Abends Concert im Schwarzhauptersaal 623 — melancholisches 
Local — aufmerksames Publicum — iiber uns Bachanalien der 
Lola Montez, der spanischen Tanzerin — 

Dienstag d. 13ten Febr.[uzr] (1 Februar a.[lten] St.[ils]) friih 
Besuch v. Hollander jun.[ior] u. Erzahlungen von d. Schwarz- 
hauptern — Brief v. Henselt's Frau — Matinee bei Lobmann — 
Quintett — Abends Privatconcert in der »Mufie« 624 — Kl.[ara] 
spielt manches wuhdervoll — Consul Stephani — iibrigens steifes 
Kaufmannswesen — 

Mittwoch d. 2 / u <>6A . Friih um 9 Uhr nach Mitau — Thauluft — 
Baron v. d. Ropp — ein Lichtenthalscher Fliigel — mein Pelz u. 
der alberne Oberstburggraf — Dunio — mittelmafiiger Gasthof 

— Abends Concert 625 — Klara's Fall u. Sprung mit d. Saintkleid 

— kleines, aber lebhaftes Publicum — Souper mit H.[errn] v. d. 
Kienitz, Baron Ronne u. Gr.[af] Kayserlingk (?) — Maczewsky, 
Profofinatur — die Organistin Berndt — 

17 Donnerstag d. 3/15 Abschied v. Dunio — Riikfarth nach Riga 

— Thauwetter — Grafin Pomarowska u. Tochter — Probe im 
Theater — Mad^ame] Hofman — Peregrinus Feigerle — schwa- 
ches mittelmafiiges Orchester — kleines Theater — das Con- 
cert 626 beinahe verschlafen — Concertstuck v. Weber, von Klara 
theilweise wundervoll gespielt — mit Behrens Punsch — 

Freitag d. 4/16. Verlegenheiten wegen des Fortkomens — voll- 
komenes Thauwetter — feines und behagliches Diner bei Hof- 
mann — Abends Lobmann bei uns — 

Sonnabend d. 5/17 Friih mit Behrens u. Lobmann Champa- 
gner — Abends Abschied von diesen, Lutzau u. Kaull — Privatdi- 
ligence nach Petersburg gemiethet — Abends um % 8 Uhr fort — 
erst sehr behaglich — in der Nacht ofters Steckenbleiben im 
Schnee bei grofien Sturm u. grofier Kalte — Umkehr auf die Sta- 
tion Roop u. einige Stunden ausgeruht — dann 



06 A Das im Original als Bruchzahl geschriebene Datum wird von 
hier ab mit Schragstrich wiedergegeben, wobei das russische Datum 
»alten Stils« links, das heute gebrauchliche rechts vom Strich steht. 



Februar 1844 283 

Sonntag d. 6/18 bei wenigstens 10° Kalte friih / 2 7 Uhr fort 
aufgebrochen — vortreffliche Posthauser — schoner Sonnenauf- 
gang — imerwahrendes Schneegestober bei heitern Hiinel — 
desgl. ofteres Sitzenbleiben u. jedesmaliges Ausgraben — die Ge- 
gend weniger lebhaft als Kurland — viel Birkenwald — Nachmit- 
tag gelindes Wetter — uberhaupt haufiges Wechseln der Witte- 
ring — Abends ein Sternenhimel, wie ich ihn nie gesehn — 
Nachtlager in Kuikaz — 

Montag d. 7/19. Friih um % 6 Uhr aufgebrochen — ziemliche 
Kalte — in Uddern Brief v. Brocker. Einfuhr in Dorpat — ange- 
nehmer erster Eindruck — Stadt London — die Sternwarte — Ba- 
zar — Professor v. Brbcker — Vielsprecher — aber gutmiithig u. 
niitzlich — Artikel in der Dorpater u. Petersburger Zeitung Uber 
uns 627 — beim Polizeimeister — Instrumentmacher Hasse — 
Abends Brocker lange bei uns sehr unterhaltend — 
Dienstag d. 8/20 Friih .Musiklehrer^ 7 Brenner (aus Eisleben), 
dann mit Brocker die Aula besehen — (Besuch bei seiner Frau) — 
Besuch v. Liphardt — 

Besuch bei Frau v. Brocker, Frau v. Wahl (gutes Instrument v. 
Hasse in Dorpat gebaut), bei d. Curator d. Universitat Baron 
Kraftstrom u. v. Liphardts (letztere schon eingerichtet) — 
Diner bei Liphardts — russisches Essen — Billard — Klaras Spiel 
u. die 150 R.[ubel] B.[anco] — Abends Fastnachtball d. 
akad.[emischen] Mufie — die betrefiten uniformirten Studenten 

— langweilig — 

Mittwoch d. 9/21. Besuch von Fr. v. Vietinghoff u. von Lilien- 
feld^ 8 — Uebelbefinden den ganzen Tag — Abends Concert von 
Klara in der schonen Aula 628 — hochst empfangliches Publicum 

— Klara nicht ganz gluklich im Spiel, namentl.[ich] in der F 
wo//=Sonate [von Beethoven] — ihre Thranen nachher — 
Donnerstag d. 10/22 Besuch v. Brocker, Frau v. Menzen- 
kampf, Frl. v. Wahl, Frl. v. Lilienfeld u. Baronin v. Wolff — 
dann mit Liphardt auf d. Landsitz s.[eines] Vaters — eine ver- 
nichtende Kalte v. 21—22 Grad — fiirstliche Einrichtung — Ma- 
lachitvase v. 30 000 R.[ubel] S.[ilber] - Bildergallerie — Statuen 

— kostliches Meublement — auf d. Rukfarth hef tiger Anfall von 
Rheuma u. Angst, der mit Gottes Hiilfe iiberstanden werden 
wird — gestortes 

Mittagessen bei Frau v. Wahl — der Arzt Walther — fieberhafter 
Zustand — gegen Abend etwas besser u. leichter — die Nacht 

07 »Musiklehrer« anstelle eines gestrichenen, nicht lesbaren Wortes 
uber der Zeile eingeftigt. 

08 »Lilienfeld« anstelle eines gestrichenen, nicht lesbaren Namens iiber 
der Zeile eingefugt. 



• 284 Februar/Mdrz 1844 

leidlich geschlafen — liebenswiirdige Theilnahme der Dorpater 
u. Dorpaterinen — 

Freitag d. llten/23. Im Bette zugebracht — freundliche Theil- 
nahme — Abends 2tes Concert v. Klara in d. Ressource 629 , das 
sehr enthusiastisch nach Brockers Beschreibung — besseres Be- 
finden im Ganzen — Abends aufgestanden, aber sehr schwach — 
Sonnabend d. 12/24 Im Bette zugebracht — 
Sonntag d. 13/25. Kein Besserbefinden— unmuthig u. traurig 

— Brief v. Pauline [Schumann] aus Schneeberg — Chevalier Bu- 
roschi — Compositionen von Latrobe — Faust v. Gothe gelesen, 
doch mit Anstrengung — 

Mo n tag d 14/26 friih schlechtes Befinden — (Ggegn) Gegen 
Abend Krisis u. heitre Stimung — Abends Erfrischungen von d. 
' Baronin (Itzkil) Uexkiilr 09 aus Petersburg — 3tes Concert v. 
Clara 630 — aufter dem Bette sie erwartet — Geschenk einer Un- 
bekanten v. Bettzeug — Serenade u. mein 

21 Lied — Gefiihl der Genesung — 

Dienstag d. 15/27 Besseres Befinden — meistentheils aufier 
dem Bette — friih Frau v. Wahl, erne humoristische geistreiche 
Frau — Erzahlung, dafi sie im Winter einmal uber ein Haus weg- 
gefahren — Faust, 2ter Theil [von Goethe] — Ob W.[ilhelm] 
Meister [von Goethe] zur Oper zu verwandeln — 
Mittwoch d. 16/28 Langsames Vorwartsschreiten d. Besse- 
rung, an der ich heute manchmal zu verzweifeln anfange — 
doch Herr wie du willst! — 
Donne rs tag d. 17/29. Schlechtes, melancholisches Befinden 

— grofie Abgespantheit — Spazierfarth — (Schicken) Friih der 
junge Pawlowski (Clavierspieler) — Schicken nach e.[inem] an- 
dern Arzt — Spater Prof. Walther u. Brocker — Anspielung auf 
Hemorrhoiden, uns aufgehendes Licht — Leichterer Mut — 
Freitag d. 18 F.[ebruar]/1 Marz. Friih Abschiedsbesuche bei 
Frau v. Liphardt, v. Wahl, v. Brockers und Grafin Sievers — mil- 
dere Witterung 

22 Abschied v. Dorpat Nachmittag l / 2 5 Uhr — wunderschoner 
Abend — Uebernachten in Torma — 

Sonnabend d. 19 Febr.[uzr]/2 Marz Immer besseres Befinden 

— (die gros) Friih aufgebrochen — die ungeheuren Branntwein- 
fuhren zu 100 Wagen — Anfang der Gruften[?] 631 — guter Mit- 
tagtisch auf d. russischen Stationen — der Peipussee — in der 
Gegend von Schudlis[?] bis Waiwara u. Narwa larigst d. See 
hingefahren — Ankunft in Narwa 

Sonntag d. 20/3 friih 2 Uhr — das russische SchloE Ivangorod 
uralt — schone Briicke — um 6 Uhr — Jamburg — erste echt rus- 

09 »Uexkull« uber der Zeile eingefugt. 



Mdrz 1844 285 

sisch-griechische Kirche mit 5 Kuppeln — Griin u. gelb, Lieb- 
lingsfarben der Russen — Mittagtisch in Czirkowitz — Ueber- 
nachten in Kipen — ganz mildes Wetter — Mondnacht — 
Montag d. 21/4 friih 6 Uhr fort — Thauluft — Steckenbleiben 
im Schnee bei Ropscha (der Ort, glaub 5 ich, wo Paul III sein Le- 
bensende fand) 632 — deutsche Colonisten- 
dorfer — nicht reizlose Gegend — Birkenwalder — Strelna — das 
kaiserl.[iche] Schlofi — dann grofies Kloster d. heil. Sergius — 
Anfang der Petersburger Landhauser — geschmaklose Bauart — 
reizende Waldung bis zum Triumphthor vor Petersburg — grofi- 
artiger Eintritt — leichte Visitation — Absteigung im Contor der 
Diligence — zu Henselts gefahren — Wachsen der Grofiartigkeit 
der Stadt — Masaroistrafie u. Mad.[ame] Henselt — Besuch v. 
Hrn. v. Martinoff, einem russischen Officier u. Clavierspieler — 
kleine Promenade in d. grofiartigen Strafien — Hotel Coulon 
(250 Fufi lang) — die Hauser ganze Strafien — Logis wochent- 
lich 30 R.fubel] S.filber] — fliichtiger Blick in den Newsky Pro- 
spect — zum Essen bei Henselt — Ad. Henselt — J. B. Grofi — 
Dr. Adam — seine (Ans) geistvollen Ansichten liber Publicum u. 
Kunstler — um 1 1 Uhr zu Hause — 

Dienstag d. 22/5 Vollkomenes Thauwetter — mit Klara eine 
Spazierfarth n. Newsky-Prospect u. Winterpalais — Wunder- 
stadt der Welt — langst d. Newa hingefahren — dann zu Pauline 
Garcia — liebenswiirdige herzliche Aufnahme — Mr. Viardot — 
dann in die Probe im Saal der Assemble de la Noblesse — pracht- 
voller Saal, der 3000^ 10 Menschen fafit — Maurer — die beiden 
Wielhorsky's — der Dirigent H. Romberg — Zum Diner bei der 
Viardot — Rubini mit am Tisch, ein kleiner Fiirst unter s.[einen] 
Italienern — die Geschenke der Kaiserin an Pauline — Abends 
Concert pour les enfants d'Hopital in der Adelsassemblee — 
Pracht d. Beleuchtung, der Toilette u. der Decoration im Saal, 
wie ich noch nie gesehn — Stern an Stern — die Loge mit (as) 
lauter Asiaten — die kaiserl.[iche] Tribune, die diplomatische — 
die Grofifurstinen — Luchtenberg (?)^ n , Prinz v. Hessen — Con- 
cert — Ouverture zu Oberon [von Weber] sehr mittelmafiig — 
Tamburini, Molique, Assandri, Rubini u. die Garcia — hochster 
Adel der Stadt — Aufforderung zum Tanz [von Weber] v. Ber- 
lioz [instrumentiert] u. der fehlende Schlufi — 
Friih auch Besuch v. Wirth (ein Augsburger) — die Tonleitern 
einer Sangerin — auch Besuch von Martinoff, der ein gebildeter 
Musikkener, spricht v. General Laskowski — Zum Schlufi des 
Concerts der fehlende Bediente u. zu Fufi Gehen nach Hause — 
Hr. Bruno, Besitzer des Hauses Coulon — 80 000 R.[ubel] 
OlO Urspriinglich »4«, durch »3« uberschrieben. 
Oil Recte: Leuchtenberg. 



286 Mdrz 1844 

Miethe jahrlich — Donnerwetter mit dem Bedienten — in der 

Nacht Tanzmusik unter uns 

Mittwoch d. 23/6 Ganz warmes Wetter — Friih Spatziergang 
auf der Newsky =Perspective — Truppenrevue — Winterpallast — 
Gebaude des Generalstabes — Alexandersaule — Musiklehrerin 
Gaklow — Dr. Schuiz — Besuche bei Wielhorsky, Lwoff, Collo- 
redo, Seebach — James Thai mit liebenswiirdiger Frau u. Kin- 
dern — Zu Tisch bei Henselt — Blick in sein Concert — Ein rus- 
sischer Kutscher zu Engelhardts Saal — Concert v. Bohm — 
Molique — (Besuch v. Gerke) — der junge Maurer — 
der alte Michaloffsche Pallast, wo Paul ermordet wurde 633 — 

26 Donnerstag d. 24/7 Friih Besuche bei Graf Colloredo, bei Ba- 
ron Stieglitz (wundervolle Einrichtung), bei Wirth, bei General 
Gedeonoff, bei Bulgarin, bei Maurer — Probe der Garcia — die 
beiden Wielhorsky — schones Wetter — Nachmittag zur Grafin 
Woronzow=Daschkoff, bei Stockhardt, bei Frau v. Sauerweid, 
bei Senkowski (Einrichtung eines russischen Journalisten) — 
Abends bei Graf Wielhorsky — Quartette v. Beethoven u. Spohr 

— Solospiel des Grafen Wielhorsky — Molique — Grofi — H. u. 
C. Romberg — freundliche Aufnahme — um l / 2 2 Uhr nach 
Hause — 

Nachmittag Besuch v. Baron Seebach u. dem Secretair v. Collo- 
redo — auch Martinoff — 

Freitag d. 25/8 Friih Besuch v. Stockhardts — dann in die 
Probe der kaiserl.[ichen] Hof Sanger — trefflichster Chor — wun- 
dervoll tiefe Basse — 

27 mittelmafiige Compositionen — dann mit Kl.[ara] zu Fufi nach 
Hotel Coulon — bei Henselt zu Tisch — Abends Concert der 
Garcia- Viardot — langweilige Unterhaltung — ein russisches 
Lied hiibsch von ihr gesungen — das russische Publicum bei der 
Ouverture zu Egmont [von Beethoven] u. bei d. andern Solo- 
spielern (den Maurer's) — zum Schlufi Warten auf der Treppe 
wegen Mad.[ame] Henselt — totale Verdriefilichkeit — 
Sonnabehd d. 26/9 Friih Besuch v. Graf Mathieu Wielhorsky 

— dann Besuche bei General Doubelt, Staatsrath Mayer, Baro- 
nesse v. Kriidener u. Bloofnfield (engl. Gesandtschaftssecretair) 

— Besuch v. Lwoff (lib. s.[eine] Oper) 634 — Table d'Hote im Ho- 
tel Coulon (l%R.[ubel] S.[ilber] a Person) - Abends 
Mad.[ame] Henselt u. Erzahlungen iib. die Revolution gegen 
Nicolas 634A - 

Sonntag d. 27/10 Friih Spaziergang auf dem Newsky =Pro- 
spect — die katholische Kirche — die lutherische mit gutem Kir- 
chenchoral — die russische zur Mutter Gottes v. Kasan — barba- 
rische Kirchenmusik — die Kirche in Gestalt 

28 eines Kreuzes gebaut — an den Wanden Fahnen u. Schlussel, die 



Marz 1844 287 

im Krieg erobert wurden — Besuche von Hrn. v. Sauerweid, 
Staatsrath Mayer u. Schwester, Graf Michel Wielhorsky, Gene- 
ral Bolkowskoi^ 12 aus Twer u. seine Nachrichten uber den On- 
kel, die mich innigst erfreut — Wirth — James Thai — dann mit 
Hrn. Gehling u. Mad.[ame] Henselt eine Spazierfarth auf der 
Newa, durch die Citadelle u. zuriik — des ersteren Verstand — 
Zum Diner bei Henselt — sein Concert — 
Montag d. 28/11 Friih Brief an den Onkel in Twer — Besuch 
bei Fiirst Wolkonsky und Seebach — Polizei — zu Hause Graf 
Mathieu Wielhorsky, Ljchtenthal, Koberwein u. General Dou- 
belt — Besuche bei Gerke, der Generalin Ronne u. General 
Schubert — zum Diner bei General Bochlowskoi^ 12 — hiibsche 
Tochter, gute Clavierspielerin — Abends bei Henselt — langwei- 
liger Thee — Stockhardt — 

Dienstag d. 29sten/12 — Besuch d. jungen Schuberth — Broad- 
wood'sche Instrumente u. die von Lichtenthal angesehen — Viel 
vergebliche Besuche gemacht — Angenehmes Wetter irner — 
Zum Mittagessen bei StGckhardt — lauter Deutsche — Brief vom 
Alten [Wieck] aus Dresden — Abends bei Gr.[af] Wielhorsky — 
Viardot's — die Erard'schen Flugel — Michel Wielhorsky u. Sa- 
chen aus seiner Oper 635 — genialer Dilettant — Paulinen's [Viar- 
dot] aufierordentliches Gedachtnifi — 

Mittwoch d. 1/13 Marz — Scene aus Faust's 2tem Theil [von 
Goethe] abgeschrieben 636 — ungeheure Mattigkeit in den Glie- 
dern — Besuche bei Bohm, d. Romberg's u. Carl Mayer — Besu- 
che v. Bolchowskoi, Martinoff, Bloomfield u. Gasser — Zu 
Tisch bei Staatsrath v. Mayer — freundliche Leute — die Tochter 
u. ihr Spiel von Compositionen ihrer Mutter (geb. Schiatti) — ei- 
nige Bedenken wegen Vollwerdens des lsten Concertes — 
Donnerstag d. 2/14 Marz. Friih Besuche von Knecht, Carl 
Majer, Mad.[ame] Beer, Gerke — Besuch bei Mad.[ame] Reich- 
waldt im Marien=Institut — Zu Mittag bei Mad.[ame] Henselt 
zu Tisch — stiller melancholischer Tag — imer warme Witte- 
ning- 

Freitag d. 3/15 Marz — Tag in Spannung der Dinge, die da 
komen werden — der Concertbesorger Damieux mit besorgli- 
cher Miene — Abends lstes Concert 637 — Klara's Furcht — mei- 
sterliches Spiel u. grofier Applaus — 

Sonnabend d. 4/16 Friih Besuch v. Lwoff — dann bei Stieglitz 
— zuriik zu Fufi — die Statue Peters, die Isaakskirche — dann 
Stokhardt begegnet — mit ihm in die Kasan'sche Kirche — der 
Altar — Marienbild aus Edelstein — Balustrade vor dem Altar 
aus gediegenem Silber — Schliissel an den Saulen von eroberten 

Ol2 Recte: Bolchowskoi. 



288 Mdrz 1844 

Slacken — desgl. Fahnen — zu Hause Michel Wielhorsky — 
Satze a. seiner Oper, die viel Talent verrathen — Abends Con- 
cert d. philharmonischen Vereins 638 — Dmitroff Schafer u. 

31 s.[eine] Frau — die 9te Symphonie v. Beethoven — Kl.[ara] mufi 
plotzlich 2mal spielen — die Grofifurstinen — der Tusch zum 
Schlufi - 

Sonntag d. 5/17 Friih meine Variationen bei Henselt mit ihm 
u. meiner Frau — sein Spiel etwas schulmeisterlich — zu Hause 
Besuche v. Staatsrathin Mand u. Mad.[ame] Reichwald u. Frl. 
Thun — dann Probe meines Quintetts mit Maurer (Vater u. 
Sohn), Hager u. Grofi — die Wielhorsky u. Michel's Theil- 
nahme — die Bochlowskoi — Staatsrath Mayer — Frl. Miiller, 
Tochter v. Joh. Heinrich Miiller — Henselts — Hr. v. Martinoff 
und sein Abziehen — Rubinstein — friih Capellmeister Keller u. 
das Diplom der philharmonischen Gesellschaft 639 — zu Tisch 
(mit) bei Henselt — 

Montag d. 6/18. Friih Besuch von Bohm, Hofrath Grimm, 
Rubinstein, einem Clavierspieler Schiller — dann mit Wielhorsky 
Sonaten v. Mendelssohn — Graf Michel [Wielhorsky] u. Gene- 
ral Schubert — Maurer u. Romberg — zum Diner bei Bogolskoj 

— Abends im 

32 St. Michaeltheater Concert v. Mad.[ame] Fink Lohr — freundli- 
ches Local — mittelmafiiger Gesang — 

Dienstag d. 7/19 Friih mit Klara in die Kasan'sche Kirche — 
dann in die Peter- Paulkirche in der Citadelle — die Graber' der 
russischen Kaiser u. Kaiserinen — Arbeiten von Peter dem Gro- 
fien — das Allerheiligste, wo Clara nicht zugelassen wurde — 
dann das hollandische Hauschen Peters des Grofien an der 
Newa mit kleinem Gartchen — zum Diner bei General Schubert 

— Rezwoi — Knecht — Abends bei Lwoff 640 — sein herrliches 
Quartettspiel — mein Quintett — noble Wohnung Lwoffs — ein 
Violoncellspieler (Kraft) [?] Beer^ 13 - Molique - Graf Wiel- 
horsky — Mr. Wartel — 

Mittwoch d. 8/20 014 Friih Besuch des alten Stein u. seine La- 
mento's — Mittag mit Kl.[ara] Spazierfarth nach d. Newskyklo- 
ster (die Kathedrale, der innere Hof, das Denkmal Newsky's 
aus Silber) — Nachmittag Bedenken wegen Vollwerdens d. Con- 
certs — Abends 2tes Concert 641 , wie das lste mittelmafiig be- 
sucht — die Grofifurstinen Olga u. Maria — 

33 Donnerstag d. 9/21. Friih H.Romberg — dann Probe bei 
Graf Wielhorsky — m.[eine] Symphonie — dann Spazierfarth 
mit Klara — Abends Soiree bei Wielhorsky 642 — Prinz v. Olden- 

013 »Beer« iiber der Zeile eingefiigt. 

014 Urspriinglich »19«, durch »20« iiberschrieben. 



Marz 1844 289 

burg mit seinem seelenguten Gesicht — Nesselrode — C. Voll- 
weiler — Henselt — C. Mayer — Molique — nach d. Concert 
Souper — Tafeliieder u. Michel Wielhorsky — Grimm u. Stock- 
hardt, zwei Enthusiasten — nach 1 Uhr zu Hause — M.[ichail] 
Wielhorsky's Bild u. seine Unterschrift 643 — 
Freitag d. 10/22 Friih Besuch v. Homilius u. General Pesavo- 
rius — (damit) dann mit Gr.[af] M. Wielhorsky in die Schereme- 
tiefP sche Capelle — die Sanger — ein russischer Gottesdienst — 
Nachmittag Besuche bei Grimm, (seine Frau Sangerin) Hrn. v. 
Gasser, der sich iiber die Verbesserung der Posten beklagt, Bul- 
garin, Zinovieffs u. Mand — zu Tisch bei Henselt — Abends 
Concert der Rechtsschule — Prinz v. Oldenburg — die Georgi- 
sche Prinzessin mit dem Napoleon'schen Kopfe — Lwoff, ein 
gleifinerischer Mann — Clara's Impromtu zum Schlufi 644 — Mo- 
lique's Spiel unausstehlich — 

Sonnabend d. 11/23. Friih der Billet=betrug — Besuch v. Clara 
u. Henselt bei Frl. Bortenieff, Hofdame der Kaiserin — Besuch 
von Hrn. v. Seebach, Bloomfield u. Fiirst Wiasemski — der Ba- 
zar, sehr grofi, doch nicht elegant — Probe des Quintetts im En- 
gelhardtschen Saal — zu Tisch bei Henselt — Clara mit Stok- 
hardt zu Champbeau, dem Secretair der Kaiserin — Entschlufi, 
im Micheltheater noch ein Concert zu geben — 
Sonntag d. 12/24 finer schone Witterung — Um 2 Uhr 3tes 
Concert v. Clara 645 — das Qunitett u. gute Auffiihrung — gut be- 
sucht — Einladung der Kaiserin — bei Henselt zu Tisch — 
Abends Klara bei Grimm, wo Grofi Soiree gab, dann bei der 
Kaiserin — ihre Erzahlung dann bei einer Flasche Champagner — 
Montag d. 13/25. Besuch v. H. Romberg, Henselt, Grimm's, 
Champbeaus — Besuche bei Stieglitz, 

Oldecop (u), "Wielhorsky u. Baron Zoller — zu Tisch bei Gene- 
ral Schubert — Abends Concert von Molique im Michaeltheater 
— schulerhafte Ouverture von Lwoff — der dagewesene kai- 
serl.[iche] Hof courier u. Kiara's grofier Schmerz dartiber — 
Dienstag d. 14/26 Besuch v. Versing u. Durchgehen der Lie- 
der mit ihm — ein Hr. Liidecke — um 12 Uhr Hr. v. Ribeau- 
pierre (der Diplomat), um uns in den Winterpallast zu fiihren 
(das Zimer der Kaiserin, ebenso ihre Gartenstube mit exotischen 
Pflanzen, Vogeln pp ganz reizend, der Georgensaal — (in der 
Eremitage) das goldne Buvet von lauter Tafelaufsatzen, Pokalen 
pp, darunter ein wundervoller v. B. Cellini — (in d. Eremitage) 
der Feldmarschall- u. Generalsaal — (Fiirst Wolkonsky) — Kosa- 
ken v. schwarzen Meer u. Mohren — in d. Eremitage Bildergal- 
lerie (u. a. ein Zimer voll lauter Rembrandts, ein's von Wouver- 
man's) in der Krimm aufgefundene Antiken, 
goldne Lorbeerkranze — ein Zimer mit Schmucksachen — Hr. v. 



290 Mdrz /April 1844 

Ribeaupierre im hochsten Grad gefallig (er mirde im Winterpal- 
last getauft u. entsint sich noch deutlich d. Katharina u. Paul's I) 

— ungeheure Vasen aus Lapis Lazuli, Malachit u. anderm sibiri- 
schen Gestein, desgl. Mosaikarbeiten — Abends Geschenk von 
der Kaiserin an Klara — Klara mit Henselt zu Fiirst Tscherni- 
tschew — ich in melancholischer Verfassung in eine Conditorei — 

Mittwoch d. 15/27 (Am) Friih Brief vom Onkel aus Twer u. 
grofie Freude daruber — um 1 Uhr mit Klara in das Smolnastift 

— der zuriickgeholte Ehegatte — Prinz von Oldenburg, Protec- 
tor des Instituts — lieblicher Anblick der versamelten Madchen 
u. ihre Escorte bei der Besichtigung der inern Gemacher — zum 
Diner bei Hrn. v. Gasser, einem reichen Banquier — hiibsche 
Tochter, die eine Duodecime spanen kann — 

37 Abends beim Prinzen Oldenburg — kleines Concert 646 . Die Sym- 
phonic u. Lieder des Prinzen — liebenswiirdiges Entgegenko- 
men der Prinzessin — Clara spielt sehr schon, ebenso Henselt al- 
lein u. mit Klara meine Variationen auf 2 Fliigel — Henselt noch 
bis 1 Uhr bei uns — (Besuch v. Ribeaupierre) — (Gedicht auf uns 
in der Petersburger Zeitung) 647 

Donnerstag d 16/28 der anonyme Brief (Stein) — Besuche bei 
Nesselrode, Ribeaupierre, Wiasemski — der Palmsonntagmarkt 
unter dem Bazar — Erkaltung — Zu Tisch bei Majers — 
Freitag d. 17/29 Friih Probe im Micheltheater — das Orche- 
ster spielt umsonst — warmes Thauwetter — Abends gefiilltes 
Concert 648 — (Versing) — nach dem Concert m. Henselts u. den 
beiden Rombergs bei uns — 

Sonnabend d. 18/30 Katzenjamer — Probe bei Wielhorski — 
Symphonie v. Mendelssohn — Zum Diner bei Stieglitz — zu 
Abend bei Wielhorsky Symphoniesoiree — Lwoff — Nessel- 
rode — 

38 Prinz v. Oldenburg, General Laskowski, Glinka, Hr. v. Lenz — 
grofie Ermiidung — Robert Thai, Tischnachbar — Michel Wiel- 
horsky, freundlicher Wirth — Gesange v. Beling — Vollweiler — 
um 3 Uhr friih zu Bette — 

Sonntag d. 19/31. Friih mit StOckhardt das Haus des Prinzen 
Oldenburg besehen — der Prinz u. seine Frau u. Kinder — 
prachtige freundliche Wohnung — die spanische Tanzerin, 
schone Statue v. BiemAime — die Hauscapelle u. Orgel — zu 
Hause Michel Wielhorski u. Romberg — mit letzterem gefriih- 
stiikt — Hr. v. Ribeaupierre — Begegnung des Kaisers, der in 
einem lspanigen Schlitten fuhr — Zu Henselt u. versehene Ma- 
tine — zu Tisch ebenda. 
Montag d. 20 Marz^Vd. lsten April. Furchterlicher Schmutz 

Ol5 Urspriinglich »April«, durch »Marz« iiberschrieben. 



April 1844 291 

in den Strafien — mit Romberg nach den Diligencencontoirs ge- 
laufen — russisches Post[-] u. Diligencewesen — dann mit Rom- 
berg gefruhstiickt u. auf das Wohl der Zeitung getrunken, die 
heute ihr lOjahriges Jubilaum feierte — den ganzen Tag zu 
Hause geblieben — Abends Henselt bei uns u. hiibsch geplaudert 

— sein scharfes (derbes} [?] Urtheil liber Alles, so iiber Boklet — 
Dienstag d 21 Marz/2ten April — furchterliches Schmutzwet- 
ter — zu Stieglitz u. sein (»schreiben«) Empfehlungsbrief — Ab- 
schied von den Wielhorsky's 649 — Geschenk von Oldenburg u. d. 
Leuchtenberg — Abschied v. den beiden Rombergs — zu Tisch 
bei Henselt — Abends um 10 Uhr fort — ein furchtbarer Weg, 
ein furchtbarer Wagen, den ganzen Weg — 

Mittwoch d. 22 Marz/3 April — Reiseleiden — Abends An- 
kunft in Nowgorod — Charakter der Stadt (russischer als) schon 
Moskau ahnlich — schmutzige elende Dorfer — 
Donnerstag d. 23/4 Imerwahrende Leiden — das Waldaige- 
birge — Waldai mit hubschen Madchen — Im Uebrigen schdnes 
Reisewetter — die 3te Nacht durchgefahren — 
Freitag d. 24/5(4) Torschok — gutes Gasthaus 
Cottelett u. Stickereien — anmuthigere Gegend nach Twer zu — 
Mednoe u. die Twerza — der Wald mit dem Kloster — Twer in 
Abendbeleuchtung sehr eigenthumiich — Ankunft — Mondnacht 

— Hinfahren zu Schnabel — das ausgeflogene Nest u. wir darin 

— hochst behaglicher Zustand — Dr. Alberz — der Mond griifite 
(zum) in's Ben — 

Sonnabend d. 25/6 Onkel's 71^ 16 jahriger Geburtstag — fruh 
7 Uhr nach Seskowitz — schoner Morgen — die Kibitka 650 mit d. 
3 Pferden u. 2 Bedienten, die Alles an den Augen absahen — 
sonderbare Stimung — das Fruhstiick — Ankunft in Seskowitz — 
der alte Greis — die jungen Schnabels — grofie Freude, doch 
auch Miidigkeit — russisches Landleben — 
Sonntag d. 26/7 Grofier Schneefall — lster Osterfeiertag — 
Ostereier — die Bauerin im rothen Sarafan u. ihre Geschichte — 
die Wirthschafterin u. die anderen Dienstboten — ihr Verhaltnifi 
zu dem Herrn — Briefe von 
der Mutter u. dem Vater — 

Montag d 27/8 Schoner kalter Morgen — Abschied vom alten 
Onkel — Rukfarth — die Tante in einer 2ten Kibitka — Meine 
Bemerkung gegen Klara, dafi alles so gliiklich gegangen u. die 
Unfalle hierauf — die Begegnung mit den Pferden, die Planke, 
das Sturzen des Pferds, das Umkehren, das stundenlange Fahren 
auf der Twerza, die Farth dem Berg hinan in Twer — lauter Un- 
gliiksfalle — Verstimung — vorher Fruhsttik in e.[inem] russi- 

016 Ursprunglich »70«, die »0« durch »1« iiberschrieben. 



292 April 1844 

schen Bauernhaus"^ 17 die alte Russin »ich freue mich diese 
Schonheit von Kerl zu sehen[«] — Ankunft in Twer — meine 
Verwandten gutmiithige Leute — die muntre Tante — (Ab) 
Farth durch die Stadt — die Wolga — Abends bei Carl [von 
Schnabel] Musik — der Major mit Frau u. Andre — heiter ge- 
miithliche Stimung — 

Dienstag d. 28/9 Irner schemes Wetter — Geschenk Carls an 
mich (ttirkischer Schlafrock) — Spazierfarth durch die Stadt, Be- 
such bei Etatsrath *** — 

42 Nachmittag Gesellschaft bei Carl, wo Clara spielt schon halbun- 
terwegs — Vorschlag in Twer Concert zu geben — Abschied — 
(mehre Deutsche) — um 7 Uhr Abends fort 

Mittwoch d. 29/10 neue Reiseleiden — nichts Interessantes bis 
auf den Anblick auf Moskau bei dem SchloE Petrowsky (das 
Schlofi, wo Napoleon wahrend des Brandes wohnte) — hochst 
eigenthumliche Bauart von Petrowsky — das Dorf mit originell 
russischen Landhausern — Ankunft in Moskau um 4 Uhr u. Ab- 
steigen im Hotel Schewaltischeff auf der Twerskoi — Clara un- 
wohl, ich auch — ein Spaziergang u. Steigerung des Eindrucks 
dieser Wunderstadt — die Kirche v. Vassili Blagenni, wie ein Tu- 
lipanenstrauft — das Thor, wo man barhaupt durchgehen mufi 651 

— Kirche an Kirche wie Riesenblumenstraufie im Kreml — Alle 
Vorstellung iibersteigend — der Blik iiber Moskau hin — Ganz- 
entzlickt kam ich nach Hause — Verschliinerung der Erkakung 
u. sehr unwohl zu Bett gelegt — mit Klara in einem Bett geschla- 
fen 

(die grofte Glocke mit dem Sprung, die Morser) 

43 Donnerstag d. 30/11 Etwas besseres Befinden — (Hr. Rhein- 
hardt) mit Kl.[ara] Spatziergang nach dem Kreml iiber die 
Moskwa, durch die Kaufladen nach Hause — asiatischer Cha- 
rakter des Verkehrs — htibsche Tracht der Moskowiter Han- 
delsleute — seidne Kleider der Bauerinen — zu Hause Hr. Rein- 
hardt gebildeter Mann — Umzug nach dem Hotel de Dresde — 
Hr. Schor, der Wirth — Russische Kiiche — sehr theure Preise 
(15 R.[ubel] B.[anco] taglich das Logis, 25 R.B. wochentlich der 
Bediente, 4 Rubel das Diner fur 1 Person) — schone Aussicht 
von unserm Ekzimer — Abends Spazierfarth mit Kl.[ara] um den 
Kremlin — entzlickende Aussicht iiber die Stadt — grofie Bigot- 
terie der Russen — um 6 Uhr nach Hause u. friih zu Bett gegan- 
gen - 

Freitag d. 31/12 Friih Rheinhardt mit Marcou (Violoncellist) 

— Besprechung wegen des Concertes — mein Auffahren wegen 

Ol7 Die folgende Notiz am Fufi der Seite hinzugefugt und durch ein 
zweites Kreuz hierher verwiesen. 



April 1844 293 

Besuch*Zumuthungen — mit Rheinhardt zu Werstowsky u. 
Grosser — Moskau als Stadt — ungeheuere Distanzen — unser 
Bedienter Friedrich, ein Deutscher aus der Nahe v. Bremen — zu 
einem Conditor mit Klara, wo deutsche Zeitungen — Abends 
einsam zu Hause zugebracht — 

Sonnabend d 1/13 April. Sehr unwohl — Besuch v. 
Mad.[ame] Rheinhard, Villoing, Rheinhardt u. Grosser — Besu- 
che bei v. Nebolsyn, v. Tschilsky [?] u. Fiirst Scherbatoff — der 
Boulevard Twerskoi hubsch — bei Rheinhard zu Mittag geges- 
sen — ein Dr. Nor.[}] — Gut unterhalten — Eine Zeichnung von 
Field (sehr genialer Kopf), der der Lehrer Rheinhard ts war — 
Gut unterhalten — dann Spazierfarth nach der Promenade — 
ungeheures Wagengewiihl — Schlufi der Osterwoche — russi- 
sche Ostern — Schaukeln u. Jongleurs — um 8 Uhr zu Hause — 
Sonntag d. 2/14 <>18 April. Friih mit Marcou den Kreml besehen 

— die eisernen Haken an den Mauern, die fur die StreHtzen- 
kGpfe von Peter I bestimmt sein sollen 652 — das Sturmglocken- 
thurmchen, das das Signal gab, wenn die Tartaren Moskau be- 
kriegten — das grofie Thor — die Kathedrale, wo der Kaiser 
gekront wird — der neue Pallast des Kaisers — ungeheurer 
Schmutzweg — zu Hause gegessen — Besuch v. Nebolsyn — Ab- 
spannung der Concertgeberin — Abends das Cafe Cliquet (?) an 
der Schmiedebriicke aufgesucht u. die Vossische Zeitung gele- 
sen — 

(die alteste Kirche Moskau's mitten im neuen Schlofi — ein klei- 
nes schmutziges Kirchlein, das der Kaiser ganz im alten Zustand 
zu lassen befohlen) 653 — 

Montag d. 3/15. Imer schones Wetter — Viel Besuche ge- 
macht, aber wenig zu Hause getroffen — das delicate Friihstiick 

— Mad.[ame] v. Siniavine, schone Frau, vornehm eingerichtet — 
PostDirector v. Bulgakow — zu Tisch bei Hr. v. Nebolsyn — 
seine junge wenig angenehme Frau — prachtiger Musiksaal u. 
Garten — auf der Farth nach Hause starker Anfall von Schwin- 
del und Besorgnifi 

Dienstag d. 4/16. Friih Besuch v. Hrn. v. Tscherkow, dem 
Adelsmarschall — Promenade durch einige Strafien — aufieror- 
dentliches Leben — dann mit Kl.[ara] Besuche angefangen, aber 
nicht fortgesetzt, da mir das Fahren Schwindel verursachte — 
Abends einsamer Spatziergang durch den Kreml — Gedicht 
»Der Glockengiefier v. Iwan Welitzki« 654 — friih zu Bette — mit 
Rheinhardt viel geschwatzt — 

Mittwoch d. 5/17 Friih Gedicht »Iwan Welitzki« — Besuch v. 
Fischer v. Waldheim, Bar. [on] Mejendorff — Seit 14 Tagen (im 

Ol8 Urspriinglich »13«, die »3« durch »4« uberschrieben. 



294 April 1844 

April) unverandert schones Wetter — dann Besuch bei Fiirst 
Serge Golycin — grofier Herr — prachtvolle Einrichtung — 

46 dann Spazierfarth nach der Strafie v. Smolensk, wo die Franzo- 
sen hergekoinen sind — die Moskwa zeigt Wasserstellen — Ge- 
danke einer langeren Niederlassung in Moskau — der Wasser- 
thurm — Abends im grofien Theater (schones Haus, prachtvolle 
Beleuchtung, Aehnlichkeit mit dem Hamburger, gutes Orche- 
ster) Oper »Cosimo« v. Prevost (?) — zum Theil sehr geistreiche 
Musik, vortrefflich instrumentirt, hiibsches Spiel u. Gesang der 
Russen — das darauf folgende russische Singspiel sehr flau — 
noch in der Gallerie Gagarin Punsch — 

Donnerstag d. 6/18 April Friih an »Iwan Welitzki« — Spa- 
ziergang zu Lehnhold (schones Instrumentenmagazin, Fliigel v. 
Stiirznagel) u. in den Kreml — wundervolles Wetter, doch regt 
sich noch kein Griin — mit Kl.[ara] u. Rheinhardt den Saai de 
Noblesse besehen — das Haus nahe der Twerskoi, das noch vom 
Brand 1812 stehen geblieben u. Rheinhardts weitere Erzahlung 
davon — stilles Leben iibrigens — Abends im deutschen Wein- 
haus — 

Freitag d. 7/19 April. Friih Spatzirgang mit Kl.[ara] — die 
Bierspelunce — russischer Volksgesang — Zum Diner bei Fischer 
v. Waldheim (Naturforscher ) — Krankungen, die kaum zu er- 
tragen u. Klara's Benehmen dabei — ^ 19 

49 Sonnabend d. 8/20 April — »Ivan Welicki« ziemlich beendigt 

— Besuch v. Amatoff, Marcou, und Tscherkow — Zu Genischta, 
der nicht zu Hause — In's kleine Theater — die Probe der fran- 
zosischen Truppe sehr lacherlich — Klara's Probe — Abends 
lstes Concert v. Kl.[ara] im kl.[einen] Theater 655 — leerer An- 
fang — Villoing — sehr enthusiastische Aufnahme — der Blu- 
menstraufi v. Mad.[ame] Kirjeff — Im Entreact Fiirst Scherba- 
toff auf der Biihne — ich unwohl irner — 

Sonntag d. 9/21 April. Friih Besuch v. Genischta, Marcou, 
Rheinhardt, Fischer v. Waldheim — dann Promenade mit Rhein- 
hardt u. Kl.[ara] durch den kaiserl.[ichen] Garten in den Kreml 
u. (Besteigen) herrliche Aussicht der aufgegangenen Moskwa — 
dann Besteigen des Glockenthurms v. Iwan Welikji — die er- 
oberten Kanonen (meistens franzosische) im Arsenal aufgestellt 

— das grofie Senatsgebaude mit s.[einem] Hof — beim Diner mit 
Kl.[ara] Champagner — Abends etwas herumgeschwarmt — spat 
Abends noch Baron von Mejendorff, ein Bekannter v. Liszt — 



Ol9 Notiz von fremder Hand am Fufi der Seite: »Forts.[etzung Seite] 
49«. Die auf Seite 47/48 (originale Zahlung) folgenden Notizen 
uber Reiseausgaben siehe Seite 304 f. 



April 1844 295 

Mo n tag d. 10/22 April — Fortsetzung v. Iwan — Brief an Wiel- 
horsky — grofie Stille bei uns — gegen Abend kleiner Spatzir- 
gang durch den KremI — sehr einfacher Tag — 
Dienstag d. 11/23 April — Fortwahrendes Unwohlsein — Zum 
Diner bei Hrn. v. Tschertkow (Marechal de la Noblesse) — artige 
und feingebildete Gesellschaft — Frau v. Tscherkow mit der 
Brille — Graf. [in] Bobrinzky u. Fiirstin Dolgoruky, die nach 
Tisch raucht — vortreffliches Diner — Rheinhardt — Genischta 
— dann zu Hrn. v. Stryk, Director des Findelhauses (in dem 
7000 Seelen wohnen) — artiger Mann mit artiger Frau — Er ein 
StelzfuE — Abends bei Pedolli Zeitungen — zu Hause Ge- 
nischta, ein langweiliger Philister, bei uns — 
Mittwoch d. 12/24 April — Beendigung m.[eines] Gedichtes — 
zu Tisch bei Baron v. Meyendorff — originelle Bauart der Hau- 
ser hier — Frau v. Kirieff, »die schonste Frau« v. Moskau u. ihr 
<sch) kleiner Sohn, ein bildschoner Knabe (den ich auf einem 
Bild von Giordano in der Lutzschenaer Gailerie schon gese- 
hen 655A ) — Hr. v. Zinovieff, Bruder der Liphardt — die Instru- 
mente v. Talarnow besehen, die besten in Moskau, aber unge- 
heuer theuer (1000 S. [iiber] &[ubel]) — Spaziergang zu Hause 
iiber die Boulevards an e.[inem] wunderschonen Abend — Brief 
von Schneeberg — 

Donnerstag d. 13/25. Elischens lster Geburtstag.— »Die 
Franzosen vor Moskau« 656 — Wetteranderung — melancholische 
Luft — bei Rheinhardt zu Tisch — Abends im grofien Ballett, das 
ziemlich langweilig — 

Freitag d. 14/26. Erkaltung u. Rheuma in d. linken Seite — 
sonst nichts passirt — Abends mit Kl.[ara] Bilder von Moskau 
eingekauft — die Caviar =Debatten mit Friedrich u. Rettung sei- 
ner Ehre — 

Sonnabend d. 15/27 Urn 1 Uhr 2tes Concert 656A im Saal der 
Assemblee de la Noblesse — leidlich leer — der Schall des Instru- 
mentes — der Saal gar nicht zur Musik geeignet, iibrigens schon 
und nobel — Gegen Abend Spazierfarth nach dem KremI — 
Moskau in letzter Abendbeleuchtung — wundervolle Aussicht — 
Gottesdienst in der Kathedrale — schauderhafter Kirchengesang 
(voll lauter Octaven zwischen Sopran u. Baft) — dann die Kano- 
nen (gem) vor dem Arsenal gemustert — die vielen Napoleoni- 
schen mit dem A/j dann die aus der Revolution » Liberie, Egalite« 
(im KremI?) — dann die blanken sachsischen v. Xaverius — zu 
Hause Marcou u. Rheinhardt u. Debatten — ich bekome mein 
verlorenes^ 20 Reisebuch v. Stein 657 zuriick — 
Sonntag d. 16/28 April. Regnerisches Wetter — dann meine 

O20 »verlorenes« iiber der Zeile eingefiigt. 



296 April 1844 

beriihmte Concertexcursion — zu C[apell]M[eister] Johannes — 
zu Kudelski, der ein hiibscher bescheidener Mensch u. v. d. 
Empfindlichkeit d. Moskauer Kunstler mir erzahlt — im schau- 
derhaften Wetter zu Schmidt, d. Violoncellisten (e.[inem] Karls- 
bader) gefahren — sein Bedenken bei m.[einer] Einladung u. 
mein plotzliches Aufstehen u. Fortgehen u. Brief von zu Hause 

— dann in das Findelhaus, das feierlich geschmlikt war — grofi- 
artigstes Institut — Hr. v. Stryk u. Frau v. Hoymar — der Zeich- 
nungsaal u. das Geschenk der Waisen — die eisernen Fufiboden 

— Alles in ungeheuren Dimensionen — die Classen der Madchen 

— die Clavierspielerkafige sehr hiibsch — dann zu den Amen — 
hdchste Sauberkeit — 540 Kinder an der Brust — die Amen in 
Nationaltracht u. weifiester Leinwand gekleidet — kein Kind 
schreit, wenn Fremde koinen — dann zu den Knaben — ihr Kir- 
chengesang u. Clara's Spiel — Findelhauskirche — der Turnsaal 
u. die Kiinste — dann in der untern Etage die Kiiche, alles wie 
gelekt — zuletzt die Aufnahmestelle der Findelkinder — Nro. 
2359 u. 2360 (f. 1844) kamen gerade neugeboren — (Napoleons 
Benehmen gegen d. Findelhaus 657A ) — das Taufzimer u. Wa- 
schezimmer — (jahrlich 7—8000 Kinder abgegeben) 

53 dann Diner bei Hrn. v. Stryk sehr freundlich und trefflich — ich 
noch in Wuth, die sich mildert nach und nach — gegen 8 Uhr 
erst zu Hause mit inigen Dank an Stryk fur seine Glite — 
Montag d. 17/29. Fruh Besuch von Dr. Lehnhold u. Clavier- 
lehrer Lemoc, einem Bohmen, (dem Begleiter der Catalanj) — 
dann mit Baron v. Meyendorff in den Kreml, den Schatz zu be- 
sehen — die polnische Constitution auf der Erde 658 — der Trag- 
stuhl Carl XII in der Schlacht v. Pultawa 659 — eine Menge histo- 
rischer Merkwiirdigkeiten v. Peter d. Grofien — die Kronen alle 
(namentlich die von Ivan III) — Reichsapfel u. Scepter, von ei- 
nem byzantinischen Kaiser geschenkt, von ungeheurer Pracht — 
eine Schiissel von B. Cellini mit Perlmutter hochst geschmack- 
voll u. den grofien Meister verrathend — augenblendendes Edel- 
gestein — der Thronsessel (aus Edelstein) (Geschenk aus Per- 
sien)^ 21 v. Boris Godunoff — die Sabel v. Minin u. Bod- 
schanski^ 21A , Sobiewsky u. A. — Klara zum Diner bei d. Graf in 
Bobrynski, ich zu Hause — Abends Rheinhardt u. Marcou, zwei 
negative Freunde, die nichts thun und viel sprechen — unver- 
dienter Champagner — 

54 Dienstag d. 18/30 April. Unwohlsein — Bei Dr. Lehnhold zu 
Tisch — zu Hause mit Kudelski Sonaten v. Beethoven u. Gade — 
Genischta, ein sanfter Mann, dem nichts gut genug — iiber Con- 
certgeber u. schlechten Geschmack — 

021 »(Geschenk aus Persien)« iiber der Zeile eingefiigt. 
021 A Recte: Posharsky (Poiarskij). 



Mai 1844 297 

Mittwoch d. 19 A.[pril]/1 Mai — Friih Rheinhardt und die 
doppelhandigen Variationen — Um 1 Uhr Probe des Quintettes 
mit Kudelski, Kretschmann, Amatow u. N. N mit ziemlichem 
Gekratze — mit Hrn. v. Stryk in den engl.fischen] Clubb zum 
Diner — (die 2300 Candidaten) — ziemlich [?] russische Mahl- 
zeit — hohes Hazardspiel in dieser Art Gesellschaften in Rut- 
land) — Abends Soire bei Mad.[ame] Siniavine — haute volee 
von Moskau — Clara's schones Spiel — dazu Whistspiel u. Ge- 
sprach — Mad,[ame] Siniavine 5 s Zimer mit Kunstsachen u. Kost- 
barkeiten hochst reizend u, geschmackvoll — die »Beschreibung 
v. d. grofien Glocke« — die Fiirstin (Bortniansky) Bariatinski^ 22 

— (ein Engel) — um lV 2 Uhr zu Hause — Lotterie fiir die Crimi- 
nalgefangenen — 

Donnerstag d. 20/2 Mai — um 1 Uhr Matinee bei uns — Ge- 
sellschaft von 30—40 — Quintett u. A. — Hr. v. Korsch — Varia- 
tionen f. 2 Fliigel v. Klara u. Rheinhardt gespielt — hubsche Sti- 
mung — Briefe von zu .Hause — Rheinhardt bei uns zu Tisch — 
grofie Abspanung — Spaziergang Abends auf den Twer'schen 
Boulevards — 

Freitag d. 21 April/3 Mai — Namenstag^ 23 der Kaiserin — 
schones Maiwetter, ganz warm — friih um 10 Uhr in das Findel- 
haus — Gottesdienst in der Kirche dort — der Erzbischof v. 
Moskau u. groEes Ceremoniell — das Ankleiden u. Kammen in 
der Kirche — theilweise barbarischer Kirchengesang, theilweise 
modern — Alles sehr aufierlich — der Handkuft zum Schluft — 
dann mit Kl.fara] das Entbindungshaus der Anstalt gesehen — 
Rheinhardts Stief mutter, die Directrice — sehr sauber u. reinlich 

— im Findelhaus erst (Diner) offizielles Diner, dann Privatdiner 

— frische Erdbeeren — sehr herzlich und heiter — nach Tisch 
kleiner Tanz — zu Hause Geschenk von Mad.[ame] Siniavine — 
Abends im gr.[ofien] Theater Glinka's Oper »Alles fiir den 
Czaar« — der Iste Act mit viel artiger Musik, namentlich hiib- 
sches Terzett — meistens national anklingende Weisen — die 
Instrumentation schwach u. das Blech zu vorherrschend — im 
iibrigen entschieden gliiklich organisirte musikalische Natur — 
die zweite Halfte der Oper in jeder Beziehung lahm u. alles dra- 
matischen Fortganges baar — armliche Decoration — nach d. 
Theater in den^ 24 Berliner Wurst- u. Schinkenladen — 
Sonnabend d. 22 April/4 Mai. Wundervolles Wetter — Be- 
such bei Frau v. Siniavine, der wir das Gedicht »Iwan Weliki« 



022 »Bariatinski« iiber der Zeile eingefiigt. 

023 »Namens« iiber einen nicht lesbaren Wortanfang geschrieben. 

024 Urspriinglich »das«, durch »den« iiberschrieben. 



298 Mai 1844 

gaben 660 — Probe im adeligen Saal unter 4 Augen — nach Tisch 
mit Stryks nach 

56 Kloster Simonoff gefahren — russisches Kloster — bunte Farben 
iiberall — Baume u. Graber im Ineren des Hofes — mit den Da- 
men auf die Plattform der einen Kirche mit wunderschoner Aus- 
sicht iiber Moskau mit s. [einen] unzahligen Kuppeln u. Thur- 
men — Besuch beim Archimandrit (Abt), einem jovialen Mann — 
sein Geschenk der Ansichten v. Simonoff — dann in die Vesper 
— der Gesang der Monche (eigner Art, piano, mit hohler Stime) 
(ein Tenorist, der die Stime verloren und in's Kloster gegangen 
war, hatte sich um den Gesang Verdienst erworben) — die Com- 
position zum Theil barbarisch, zum Theil kindisch, voll Octaven 
u. Quinten wimelnd — stundenlange Folter durch den Gesang — 
endlich entwischt, um den Sonenuntergang noch zu sehen — 
schoner warmer Abend — zum Thee bei Stryk's — russische 
Volkslieder, v. Hrn. v. Ozoroff schauderhaft gesungen — Sehn- 
sucht (bald) wieder zu Hause zu sein — 

Sonntag d. 23 April/ 5 Mai Wundervolles Wetter — um 1 Uhr 
3tes Concert (in d. Assemble) 661 — wenig Publicum, aber sehr 
enthusiastisch — Kl.[ara] spielt durchgangig schon — gegen 
Abend mit Kl.[ara] hiibscher Spatziergang zu FuE iiber die 
Twer=Boulevards, die Moskwabriicke zu Conditor Pedolli — 
den Kreml noch recht lange angesehen — 

57 Montag d. 24 April/6 Maj Wundervolles Wetter — mit Klara 
mich daguerrotypiren lassen (eines sprechend ahnlich) 662 — 
Friihsttick bei d. Berliner Wurstmacher u. Altenburger Ziegen- 
kase — immer schwindelhafter Zustand — Abschied von Hrn. v. 
Tschertkow, einem liebenswiirdigen Edelman — zu Tisch bei 
Rheinhardt — Dr. Veh's — 

Dienstag d. 25 April/7 Maj. Wundervolles Wetter — Vorbe- 
reitungen zur Abreise — Zu Banquier Brandenburg — (Ein) 
kleine Einkaufe b. e.[inem] Armenier u. im russ.[ischen] Maga- 
zin — Klara mit H. Lemoc in das (Cholera) Institut u. dort ge- 
spielt — Abschied v. Villoing — um 3 Uhr mit Hrn. v. Stryk u. 
Rheinhardt in den Kreml — die Kronungscathedrale — das hei- 
lige Muttergottesbild sehr kostbar — Terema, die Wohnung der 
alten Czaaren — das Fenster, wo der falsche Dmjtri hinausge- 
sprungen — hochst eigenthiimliche Zimer im tartarisch (chinesi- 
schen?) Geschmack — die Aussicht oben auf dem Schlofi — dann 
zum Diner bei Hrn. v. Stryk — Spanferkel — Einkaufe im Go- 
stinni Dwor u. Abschied v. Kreml u. Blagennoi — Abschied v. 
Mad.[ame] Rheinhardt zu Hause — 

Mittwoch d. 26 April/8 Mai Abschied v. Marcou u. Lemoc — 
Schones Wetter — Vor der Abfarth zu einem russischen Traiteur 



Mai 1844 299 

— Abschied v. Rheinhardt — Abfarth urn V 2 11 Uhr — Erstes 
Griin in den Garten— 

Donnerstag d. 27 April/9 Mai^ 25 . Friih um 6 Uhr Ankunft in 
Twer — Zu Carl [von Schnabel] — Uebersetzen liber die Wolga 

— Abschied v. Carl u. seiner Frau — Torschok — Abends Wi- 
schni — Wolotschock, artige Stadt mit vielen Canalen — 
Freitag d. 28 April/ 10 Mai Irner wundervolles Wetter — die 
hellen leuchtenden Nachte — das Waldaigebirge — ungeheures 
Trodeln der Diligence auf den Stationen — die russischen Kut- 
scher u. ihr Sattelzeug — Um 11 Uhr nach Grofi Nowgorod — 
Sonnabend d. 29/11 Mai. Guter Mittagtisch in Pomeranja — 
ofters deutsche Wirthe auf den Stationen — drei grofie Diligen- 
cen hintereinander — der Weg gegen frtiher unvergleichlich bes- 
ser — Gegen Abend nach ZarskoeSelo u. Sophia — hochst 
freundliche Stadt — um 10 Uhr Ankunft in Petersburg — Quar- 
tier im Gasthof des Diligencecomtoirs — 

Sonntag d. 30/12 Schones Wetter — Friih zu Henselts — Pe- 
tersburg im Somer gegen d. Petersburg im Winter viel prachtiger 

— das Holztrottoir fur Wagen — Fugen v. Bach u. Henselts 
Concert bei ihm — mit seinem Vortrag nicht imer einverstanden 

— GroE u. seine Erklarungen wegen e.[ines] Artikels fur Hartels 

— hypochondrischer 

unerfreulicher Mensch — Zu Wirths zu Tisch mit Henselts u. 
Gelinks — dann auf den Admiralitatsthurm — schlechter Weg 
hinauf — schone Aussicht uber Petersburg bis auf die See — Spa- 
ziergang mit Klara an d. Newa hin — dann zu e.[inem] Condi- 
tor u. Zeitungen gelesen— 

Montag d. 1/13 Mai — Frtih J. G. GroE^ 26 u. seine langweili- 
gen Bemerkungen iiber m.[eine] Quartette — dann zu Wiel- 
horski's — freundliche Aufnahme — H. Romberg — dann zu 
Bernard, wo Hr. Haumann — die Erzahlung von Baron Stieglitz 
u. d. 200 R.fubel]. S.[ilber] — dann Einkaufe mit Kl.[ara] u. Be- 
denken gegen eine etwaige Seereise — Herumirren nach dem 
Bureau d. Dampfschiffarth — die Newa im Glanz — ungeheuer 
theure Preise in Petersburg — zu Tisch bei Henselt — oftere Un- 
arten der Mad.[ame] Henselt — Klara's komische Bemerkungen 
uber ihr Schonen ihrer Pferde — noch zu Wirth u. Instrumente 
besehen — ein Organist Zundel aus Wurtemberg bei ihm — 
Dienstag d. 2/14 Mai — Regnerischer Tag — friih H. Rom- 
berg — Mit Mad.[ame] Henselt u. Dr. Schulz — gegenseitige Er- 
sparnifivorwiirfe — die Newa u. der vorgezogene Ischwa- 

025 Danach ein nicht lesbarer gestrichener Wortanfang. 

026 Recte: J. B.fenjamin]; beim Namen »Grofi« das »G« iiber ein »B« 
geschrieben. 



300 Mai 1844 

tschik 663 — Regeniiberfall — das Zoologische Museum, eines der 
schonsten d. Welt — der Elephant u. das Mammud — Mamud- 
zahne oder Horner? — das Chinesische Museum mit prachtigen 
Sachen — dann zu Stokhardt u. Abschied von ihm — Abends mit 
Grofi zu Albrecht (e.[inem] Breslauer) — Musik: Trio v. Al- 
brecht, Quartett v. Grofi, Sonate v. Vollweiler u. Quartett v. mir 

— um 1 1 Uhr nach Hause — Brief v. d. Tante Carl — 
Mittwoch d. 3/15 Mai — Seefahrkrieg zwischen Kl.[ara] u. 
mir — Unwohlbefinden, korperlich u. geistig — zu Tisch zu 
Henselt (Nal u. Damajanti fvon Riickert]) — Hornist Eisner ein 
braver trefflicher Mensch, wegen der Tochter des StaatsRath Si- 
monsen — Abends zu Wielhorski's 664 — mein Quartett (Bohm, 
Romberg, Wild u. Mathieu W.[ielhorski]) — die Tochter des 
Grafen Michael [Wielhorski] — ausgezeichnete Menschen — 
Michel's Zerstreutheit, vielleicht manchmal affectirt (er soil sie 
manchmal benutzen, um gewifien Einladungen pp aus d. Weg 
zu gehen) — 

61 um l/2^ 27 Uhr zu Hause — die schone helle Nacht — 
Donnerstag d. 4/16 Maj — Staatsrath Michelsen m. Toch- 
ter 028 _ m j t R om b er g u . Gr.[af] Wielhorski nach Zzarskoe Selo 

— wenig eleganter Bahnhof — (Zu) der Park v. Pawlowsk, Be- 
sitzthum des Grofifiirst Micha'il u. Lieblingsort d. Petersburger 

— (soil ungeheuer grofi sein) — in Zzarskoe hiibsches Dejeuner 
bei Wielhorski — in einer kaiserl.[ichen] »Linie« in d. Park her- 
umgefahren — erstes frisches Griin — das neue Schlofi, von der 
kaiserl.fichen] Familie bewohnt, zimlich einfach — das alte 
Schlofi originell u. von einer ungeheuren Breite, aber uberladen 
und im unreinen Geschmack gebaut — die Zimer des Kaisers 
Alexander (sein Schlafzimer noch unversehrt erhalten) — Zimer 
v. Bernstein — chinesisches Porzellan — das Arsenal, nicht grofi, 
aber hochst ausgewahlt u. schon erhalten (auch histor.[ische] 
Denkwiirdigkeiten,^ 29 die Schabrake mit zahllosen Diamanten v. 
Sultan nach d. Frieden v. Adrianopel 665 , die Ordre Berthiers an 
Davoust, Moskau zu verlassen, vieles v. Napoleon) — die kiinst- 
liche Ruine u. Danneckers Jesus Christus 666 — nicht vortheilhaf- 
ter Stand der Statue — die untre Halfte fast zu grofi im Verhalt- 
nifi zum Kopf — Riickfarth um 3 Uhr — Um 7 Uhr zur Grofiftir- 
stin Helene mit Henselt — schone Frau mit koniglichem An- 
stand, sehr klug, unterrichtet u. Unterhaltung liebend — Klara's 
schones Spiel 

62 Viel mit ihr gesprochen iiber Leipzig, Berlin, das Conservato- 
rium pp — Graf Pahlen (der Sohn des Verschworers gegen Paul) 

027 Sic. Gemeint: 1/2 2 Uhr (vgl. Seite 369). 

028 »Staatsrath Michelsen m. Tochter« iiber der Zeile eingefiigt. 

029 Das Komma iiber eine Klammer geschrieben. 



Mai 1844 301 

— Fiirst Osejeff sehr freundlich — Abends bei Henselt bis 1 1 Uhr 

— Kampf zwischen Mann u. Frau u. Ansichten iiber Leiden- 
schaften u. Weiber — 

Freitag d. 5/17^ 30 Maj — fruh Abschied v. Bohm u. Stockhardt 

— Zu Wirth u. Fiugel ausgesucht — Klara im Findelhaus — Pafi- 
angst, durch Hr. Koberwein endlich beseitigt — zu Tisch bei 
Henselt — Abschied v. Belings — Gewitter in Petersburg — Ab- 
schied v. Gr.[af] Michael Wielhorsky — Abends Grofi, spater 
Henselt — Abschied — 

Sonnabend aufderSee. 

d. 6/18<> 31 {zwischen) bei<> 32 Gottland. 

Anschein von gutem Wetter — Einpacken — zu Stieglitz — der 
grobe Commis — Treiben an dem Quaj — Mad.fame] Henselt 
1 Minute vor der Abfarth mit allerhand Sachen — die beiden 
Rombergs — Abschied von ihnen u. der Henselt — Abfarth mit 
dem Dampfboot um 1 Uhr — allmahliges Verschwinden von Pe- 
tersburg — die Ufer an der esthlandischen Kiiste schon — zuletzt 
Verschwinden der Isaakskirche — im Ganzen sehr angenehme 
Farth bis nach Kronstadt — Ankunft daselbst um 4 Uhr — 
Peterhof u. Oranienbaum in der Feme — die russische Flotte im 
Hafen — ein wichtiger Punct der Welt — Absetzen auf die 
»Alexandra« — schoner Abend — {sch) hiibsche Einrichtung u.- 
Tafel auf dem Dampfboot — Rukfarth des Petersburger Schiffes 
und Abschiedsscenen^ 33 — lste Farth desselben nach Swine- 
munde — Abfarth v. Kronstadt (fruh 3/4 4) 
Sonntag den 7/19 fruh um 3/4 4 Uhr — interessante ange- 
nehme Reisegesellschaft; u. A. Fiirst Metschersky aus Moskau, 
ein junger Clavierlehrer Hermes a. Moskau (ein Meklenburger), 
Frau u. Tochter v. Chambeau, ein junger Portugiese Borges di 
Castro (mein Kajiitengenosse), mehrere russische Generate, 
Frau v. Schlozer mit 3 Kindern^ 34 — Fiirst Metschersky der An- 
ftihrer der Unterhaltung — ganzliches Zurtiktreten der Kiiste — 
Capitain Schtitt — vor uns der [»]Nicolai [«] — Begegnen von 
Schiffen — hier u. da noch Eisbloke im finnischen Meerbusen — 
Nachmittag Aufthtirmen v. Wetterwolken — starkes Gewitter 
bei grofter Kalte — der schlafende Capitain u. der Verlust eines 
Mastes — allgemeiner Schreck und unbehaglicher enger Zustand 



030 Ursprunglich »6/18«, durch »5/17« uberschrieben. 

031 Ursprunglich »19«, die »9« durch »8« uberschrieben. 

032 »bei« zwischen den Zeilen eingefugt. 

033 Diese Notiz ab »Riikfarth« am Kopf der Seite hinzugefiigt und 
durch ein Kreuz hierher verwiesen; die folgende Bemerkung be- 
zieht sich also nicht auf das Petersburger Schiff. 

034 »Frau v. Schlozer mit 3 Kindern« iiber der Zeile eingefugt. 



302 Mai 1844 

— mtihsamer Schlaf, oft ununterbrochen^ 35 — vorher die Insel 
Hogland zur Linken — 

64 Mo n tag d. 8/20 Einige Seekranke — kaltes unangenehmes 
Wetter fruh u. totale Verstimung der Gesellschaft — (urn 
12 Uhr) ziemlich starker Nebel — um 12 Uhr Durchbruch der 
Sonne — offne See — vortrefflicher Appetit auf dem Schiff — 
wiederkomende Heiterkeit — ziehende Schiffe von Weitem — 
schoner Sonenuntergang^ 36 — Vorbeikomen der Insel Gottland 
Abends 1 1 Lfhr — leidlicher Schlaf — 

Di ens tag den 21sten Maj — imer sehr kalt — imer grofiere Be- 
wegung des Schiffes — hiibsche Gruppen auf dem Schiff — 
Gleichheit der Stande — gegen Abend starkes Schaukeln des 
Schiffes u. Klara's Angst — Vorbeikomen an der Insel Bornholm 
Abends 1 1 Uhr — schlechter Schlaf in der Nacht — 
Mittwoch d. 22sten Mai friih 6 Uhr aufgestanden — wunder- 
schon milde Luft u. leichter Gang des Schiffes — Freude und 
Heiterkeit in d. Gesellschaft — um 1/2 7 Uhr lstes Hervortreten 
der preufiischen Kuste — herrlicher Morgen — Usedom — das^ 37 
Lootsenschiff u. der an Bord springende Lootse — gluklichstes 
Geftthl - um 1/2 {Uhr} 11 Uhr 

65 Einfuhr nach Swinemtinde — liebliches Dorf — Ankerwerfen — 
gliikliche Landung — Confusion der Zoll- u. Pohzeibeamten u. 
Klara's Thee — Lustfarth von Swinemtinde nach Stettin durch 
das Haff mit s.[einen] anmuthigen Dorfern u. dem lieblichsten 
Griin — Einfuhr in die Oder — Ankunft um 4 Uhr in Stettin — 
das reizende linke Ufer der Oder — Hotel de Prusse, unange- 
nehme Wdhnung — Abends Bad bei Moritz — unangenehme 
schaukelnde Bewegung auf dem Festland — in der <G) Nacht 
starkes Gewitter und angstlicher Zustand — 

Doner stag d. 23sten Nachmittag 2 Uhr Ankunft in Berlin — 
Freitag d. 24sten Abends um 7 1/2 Uhr ersehnte Ankunft in 
Leipzig. 



Sonn abend d. 25sten. Leipzig. 

Sonntag d. 26sten. lster Pfingstfeiertag. Nachmittag 3 Uhr 

nach Schneeberg tiber Crimitzschau. Die Kinder schlaf end ge- 

troffen. Carl u. Pauline [Schumann]. 

Montag. d. 27sten. Regentag. 

Dienstag d. 28sten. Ebenso. 



035 Sic. 

036 »S« uber einen nicht lesbaren Wortanfang geschrieben. 

037 Ursprtinglich »der«, durch »das« iiberschrieben. 



Mai 1844 303 

66 Mittwoch d. 29sten. Ebenso. Bei Ullmann zu Tisch. Ziemlich 
heiter. Abends bei Dr. Otto. 

Donnerstag d. 30sten. Abschied der Kinder von Schneeberg; 
Carl sehr ernst u. traurig. 

Zwickau. Zu Rudel u. B.[akkalaureus] Kuntzsch. Die restaurirte 
schone Kirche; die neue Wirthschafterin — Bei der Dr. Lorenz 
— Aufheiterung d. Himels — In Gofinitz Dampfwagen — An- 
kunft in Leipzig um 8 Uhr — Allerhand ernste Gedanken in mir — 
Freitag d. 31sten Mai^ 38 — Letzter Reise- u. Ferientag — hirnli- 
sches Wetter — 

[2. Umschlagseite] 

[Weitere Notizen zur Rufilandreise] 

Obrigkeitliche Bewilligung — Inserate — Program — Fliigel — 
Freibilletts — Stimer — Concertbillete zu vertheilen (an der 
Casse etc) — Cassamensch — Concertwagen — Concertstuhl — 
Orchesterstimen — 

Sobolewski Wassergasse Nro. 14.039/666 a 

Zu schreiben v. Konigsberg an Henselt, Stockhardt [,] Garcia, 
nach Riga u. Dorpat u. Leipzig — Geldwechsel — Cigarren — 
wegen Handschuh — Kohls Reisen 667 — Zu Zander — Zu (Alt) 
Tag — Pafi — Laidlavs — Lobecks — 



auf die Post — Brief v. Adelsohn — Trinkgelder — Extrapost — 
Pelzdecke — 



Nach Gasthof zu fragen — in Riga 



Hotel d. Londres. An v. Broecker. Henselt. Nach Mitau. 
Schwamm. Pafi. 
1 Berlin.^ 40 

Mutter [Marianne Bargiel]. Mendelssohn. (Brief an Wielhorski) 
Rellstab. v. Meyendorff. Graf Costa. Lichtenstein. Riickert. 
Westmoreland. Laccrix — Essen — Cigarren — Taubert — ^ 41 



038 »M« auf einen Gedankenstrich geschrieben. 

039 Diese Eintragung mit Time geschrieben. 

040 Die Eintragungen auf dieser Seite und den beiden folgenden zu- 
meist mit Tinte geschrieben. 

041 Von » Westmoreland* bis hierher mit Bteistift geschrieben. 



304 1844 

Konigsberg. 

Lobeck. Sobolewsky. Laidlav. Cigarren. Samann. Dibowsky. 
Malinski. Der russische Consul Aderson^ 42 (Griifie von Kiel) 
Gasthof: Deutsches Haus. 

Tilsit. 
Nernst. 

Tauroggen 
Kresslowski^ 

Riga. 

V. Lutzau.^ 44 Alt. Die andren Empfehlungsbriefe. 

2 Dorpat. 
Professor v. Broeker (a. d. Universitat)^ 45 

Reval. 

Petersburg. 

Henselt. Stockhard. Graf Colloredo. Graf Wielhorski. Fiirst 
Wolkonsky. Groftfiirstin Helene. v. Seebach. Frau d'Obreskof. 
Lwoff. Maurer. Garcia. Molique. Ernst. Grofi. C. Romberg. 
Gerke. Gelbke. C. Mayer. Bulgarin. Herzogin von Leuchten- 
berg. Grafin Woronzow. 
Hotel Demuth^ 

3 Moskau. 

Warschau. 

Fiirst Paskewisch. Frau v. Hagemeister. Hr. v. Coniar. Nowa- 
kowski. Eisner. 
47 Hauptausgaben^ 47 . 

d. 25sten Januar. 

Farth v. Leipzig nach Berlin fiir 2 Th. 10. 

(25 M.[eilen] in 6 1/2 St.[unden]) 
Passagirgeld von Berlin nach Konigsberg fiir 2 Th. 51.4. — 

(78 M.[eilen] in 48 Stunden) 

042 Recte: Adelsohn. 

043 »Tauroggen« und »Kresslowski« mit Bleistift geschrieben. 

044 Mit Tinte geschrieben, mit Bleistift unterstrichen. 

045 Diese Zeile mit Bleistift geschrieben. 

046 Diese Eintragung mit Bleistift geschrieben. 

0.47 Die Eintragungen auf dieser und der folgenden Seite mit Bleistift 
geschrieben. 



1844 305 

Extrapost von da nach Tilsit: Th. 16.20. 

(15 M.[eilen] in 12 Stunden) 
desgl. v. Tilsit nach Tauroggen: Th. 3.— 

(4 M.feilen] in 4 St[unden]) 
Von Tauroggen nach Riga: Th. 21 . 12. — 

(30 M.feilen] in 24 St.[unden]) 
Von Riga nach Mitau 1 1/2 R:[ubel] = Th. 1.17.- 

(38 Werst in 3 1/2 St[unden]) 
Von Mitau nach Riga Th. 1.17. 

desgl. 
Von Riga nach Mitau Th. 1 . 17. — 

desgl. 
Von Mitau nach Riga Th. 1.17.— 

desgl. 
Von Riga nach Petersburg (90 .M.feilen]) 

125 R.fubel] S.filber] = Th. 135.10. 

(ohne Trinkgeld f. d. Conducteur) 
Von Petersburg nach Moskau (104 Meilen) 

100 R.fubel] S.filber] = 108 Th. 8. - 

(ohne Trinkgeld f. d. Conducteur) 
Von Moskau nach Petersburg (104 Af.feilen]) 

170 R.fubel] Ass.fignaten] = 50Th.- 

(ohne Ueberfahrt (63 R.fubel]) u. Conducteur) 
Von Petersburg nach Kronstadt Th . 2.4. 

VonKronstadtnachSwinemiindea.Person64Th.Th.128.— 
Von Swinemunde nach Stettin: Th. 5.— 

Von Stettin nach Berlin (Dampfgiiterzug) Th. 5.— 

Von Berlin nach Leipzig. 

Russische Sitten. 

Bei Gastmahlen sitzen Manner u. Frauen immer gesondert. — 
Nur Wenige der Russischen Vornehmen Frauen haben Klara 
einen Gegenbesuch gemacht; es ist dies noch alter Styl; man gibt 
sich gern fur einen Protector aus, nicht fiir einen Freund der 
Ktinstler. — 

Das Rauchen, auch in Damengesellschaft, fanden wir in den 
vornehmsten Hausern. — 

Ein (bedeutender) Grad v. Vertraulichkek ist es bei den Russen, 
wenn sie sich^ 48 bei den Vornamen anreden, dan wird gewohn- 
lich auch der Name des Vaters genant: so »Paul Iwanowitsch«. — 
Kein Volk grufit vielleicht defer, als der Russe — Manner wie 
Frauen. — 

048 »sich« liber ein nicht lesbares Wort geschrieben. 



306 1844 

Die schandliche Bedriickung der Concertgeber durchs Theater 

u. Findelhaus. — 

Zwischen den verschiedenen Weinen bei Gastmalern wird mei- 

stens auch Bier herumgegeben. — 

Man kann wetten, dafi 5 Minuten nach der Ausfarth jeden russi- 

schen Fuhrmann etwas am Fahrzeug zerrifien ist. — 

93 ^ 49 Mendelssohn am 26sten Januar in Berlin, zu mir u. Gade : 

Wann werden wir drei^ 50 uns wiedersehn 

(Macbeth) 668 
Aufier Taubert kein musikalischer Mensch in Berlin — die 
Sonntag-Rossi ein musikalischer Antichrist — es ware alles 
wackelig in Berlin — 

Riickert sprach durchaus verstimt liber seinen Aufenthalt in 
Berlin, lud uns nach Neusess ein, seinem Landsitze. 
Sobolewsky, ungewohnlicher Mensch, der eine merkwiirdige 
Schule durchgemacht, erst im spaten Alter orthographisch zu 
schreiben gelernt hat. Seine Ansichten uber Musik nicht imer die 
gebildetsten — etwas musikmude — hat eine Oper vollendet 669 . 
Dr. Jacobi. Dafi wir ihn bei dem russischen Consul fanden, 
charakterisirt Konigsberg; er dutzte sich sogar mit ihm. Er 
sprach sehr klar u. scharf. Erzahlung v. Lola Montez u. dem 
Fiirst Paskewitsch. Liszt u. die Schroder, wie Manier u. Genius 
zu einander — 

94 Lobmann in Riga erzahlt eine hiibsche Anekdote von Leopold 
Schefer u. seiner jetzigen Frau. 



v. Lutzau's Beschreibung hiesiger Unterthan=verhaltnisse — # 



Kaul Erzahlung v. Bauer, d. e.[inem] Menschen das Leben ge- 
rettet u. 5 R.[ubel] S.[ilber] fiir die Medaille zahlen soil. »er 
wolle keinen Menschen mehr retten« 



Ullmann »die R.[egierung] liebe die Mafiigkeitsvereine nicht, 
da sie iiberhaupt nicht Vereine liebe u. auch Schaden f. ihr 
Brantweinmonopol furchte 



049 Die folgenden Notizen wurden sinnentsprechend hier eingefugt. 
Das Blatt, das eigentlich vor Seite 77 (in originaler Zahlung) ge- 
h6rt, wurde irrtumlich nach Seite 92 eingeklebt. 

050 »drei« iiber der Zeile. eingefugt. 



1844 307 

*** in Mitau: »d. Urlaub fiirs Ausland^ 51 e.[ines] Beamten mufi der 
Kaiser eigenhandig unterzeichnen« — man ketone nicht fort, u. 
wenn d. eigne Mutter im Sterben lage — 



Ein Pafi ins Ausland kostet 25 Rubel S.[ilber] 



Posteinrichtungen noch sehr in der Kindheit wie enva vor 25 
J.[ahren] bei uns — 



Nach e.[inem] Befehl d. Gouverneurs v. Liefland darf ein Vir- 
tuose nicht mehr als 1. Rubel S.[ilber] Entree nehmen. Dagegen 
verlangte man von mir 
77 pranumerando 25 S.[ilber] R.[ubel] fiir 2 Concerte. 



In Mitau viel erzahlt v. d. Violinspielerin Berner, die jetzt in 
Neapel; desgleichen in Riga v. Frau v. Bruloff, geb. Timm. 



von Brocker in Dorpat erzahlt einen hubschen Zug von 
Liszt, der hier einem armen Studenten ein gutes Concert ge- 
macht. Der Enthusiasmus fiir ihn soil alles iiberbieten, was man 
von Enthusiasmus je gehort. Eine Braut verlangte von ihrem 
Brautigam einen Handschuh von Liszt pp pp. Die Damen stiirz- 
ten sich vor d. Anfang d. lsten Concerts wie toll in den Saal. 



Fiir d. Aufenthalt im Ausland mufi jeder Russe pr. Kopf 50 
R.[ubel] S.[ilber] jahrlich Abgabe zahlen. 



Die Dorpater Studenten brachten Liszt die Marseillaise als Sere- 
nade. — 



Brocker findet die Verfassung d. russischen Ostseeprovinzen 
deutscher als deutsch, da sei die alte urspriinglicher. 
7 S Das Liphardtsche Quartett 670 in Dorpat mag von sehr gutem 
Einflufi auf die hiesige Musikbildung gewesen sein. 



051 »fiirs Ausland« uber der Zeile eingefiigt. 



308 1844 

^ 52 Fuhllos selbst fiir ihrer Kiinstler Ehre, 
Gleich dem todten Schlag der Pendeluhr, 
Dient sic knechtisch dem Gesetz der Schwere, 
die entgotterte Natur 
Das Eine, dem sie dient, trat hinter dem Vorhange hervor der 
seinen Glanz verbarg u. siehe, was in der Dunkelheit geglimt 
hatte wurde dunkel gefunden, unfahig Warme zu verbreiten. 
Schon sind die Fruchte, welche die erwarmte Welt zeitigt; freu- 
dig tauschen wir sie gegen den bunten Tand ein, der vorher ihre 
Stelle einnahm. 

Bei dieser Bemerkung zu einer Stelle eines Meisterwerkes den- 
ken sie, schone Frau, vielleicht an viel zu 
79 kurze Stunden, welche Ihre Gegenwart auf der Sternwarte ver- 
schonert hat 

Ihrem Verehrer 
Konigsberg, F. W. Bessel. 

d. 27 Sept.[ember] 1840. 

(Aus dem Album der Frau Prof. Madler geb. Witte in Dor- 
pat) 



^ 53 Le Beau — c'est la splendeur du vrai, 
L'art — c'est le rezonnement de la pensee. 671 
Dorpat, F. Liszt. 

D. 31 MarsO^ 1842 (Ebendaher) 



<>55 Eine Art »Endreimverse« giebt es also auch in der Malerei. In 
dem Album der Frau v. Madler fand ich drei sehr geistreiche 
»nach je 5 gegebenen Endpuncten« (kleine) ausgefiihrte kleine 
Zeichnungen von A. Ramberg. 



80 Ueber die Entstehung der Russischen Volkshymne v. Lwoff. 



052 Die ganze folgende Eintragung bis einschliefilich zum 1. Tren- 
nungsstrich auf Seite 79 (originate Zahlung) mit Tinte geschrieben. 

053 Die folgenden Eintragungen bis einschlieElich zum Trennungs- 
strich mit Tinte geschrieben. 

054 »M« uber »J« geschrieben. 

055 Die folgenden Eintragungen bis einschliefilich zum Trennungs- 
strich mit Tinte geschrieben, vom Beginn der Seite 80 (originale 
Zahlung) an wieder alles mit Bleistift. 



1844 309 
Das russische Wortchen »Nitschewo« — 



Eine [?] Frau erzahlt v. Rubini's Geiz u. Geldgier u. dafi er ge- 
sagt, er wolle nicht eher aufhoren zu singen, als bis er eine Sume 
ich weifi nicht von wie viel Millionen erworben. Henselt sagte 
»und dann wiinschte ich, dafi er crepirte«. — 



Idee eines Petersburger Musikfestes von Graf Wielhorsky 67 



Der Kaiser soil Rubini gekiifit haben, erzahlt man sich. 



Russische Rechtszustande von Stockhardt (erh) erlautert. 



Der Kaiser kann kein langes Haar leiden; Liszt soil es, als er 
dies erfahren, nach 
Jl und nach kiirzer verschnitten haben. — 



Glinka wird von Allen als ein aufierst talentvoller Musiker ge- 
riihmt. Er ist iibrigens Edelmann. Das Wort »Musiker« hat hier 
noch einen iiblen Geruch. — 



Erzahlung Wielhorsky's von einer Schiilerin Field's die sich zu 
Todt geubt haben soll:^ 56 In d. Hinsicht soil Field manchen 
Schaden u. Ungliik angerichtet haben. 



Graf Nesselrode ist ein grofier Musikfreund. 



Die Tauben sind den Russen ein heiliger Vogel u. diirfen nicht 
geschlachtet werden. — 



Der Kaiser soil v. Molique gesagt haben, er ware ein vacteur 
(Kratzer) — 



056 Die folgenden 3 Worte verwischt und nicht lesbar. 



310 1844 

Graf Wielhorsky hat ein vollstandiges Streichquintett (2 Violi- 
nen, Viola, Cello u. Bafi) v. Stradivari. 



82 Der Fiirst Jussupoff hat eine Capelle aus lauter Leibeigenen von 
ihm zusamengesezt. 



Ueber Liszt Spiel soil d. Kaiser gesagt haben: — Beaucoup de dif- 
ficult^ mats pas d^gremenU 673 — 



Der Onkel sagte mir, der gewohnliche Russe schosse auf keinen 
Wolf. 



Onkels Erzahlung v. Grofifiirst Constantin (dem Sohn des Kai- 
sers), wie er seinen Abschied als Admiral nehmen wolle — desgl. 
die Geschichte vom General Gomaloff, als ihm der Kaiser den 
Winterpallast gezeigt u. Gomaloff das russ.[ische] Heiligenbild 
vermifit. 



Die Geschichte mit der Bauerin (der Ziehtochter der Tante) in 
Seskowitz u. ihr Deutsch-Sprechen. 



Henselts Spiel im adeligen Saal in Moskau — sehr schnurrige 
Geschichte — 



83 Rheinhardt in Moskau besitzt eine vortreffliche Zeichnung v. 
Field, wie er noch jung war; der Kopf ist genial und verrath 
durchaus den Englander. 



Auch Fiirst Tschernitscheff ist ein grofier Freund der Musik. 



Warum man gerade unter den Musikern so vielen ungliiklichen 
und verstimten Kiinstlern begegnet. 



Februar 1844 311 

Niemand weifi, warum man unter dem Kremlthor das Haupt 
entblofk 674 . Es ist das ein Allerheiligeres, als das verborgene 
Allerhetlige in den Kirchen, das auf nichts hinauslauft als einen 
Priesterpopanz. 



Bei der »grofien Glocke« entstand der Gedanke zu einem Ge- 
dicht in mir, das ich wohl ausfiihren mochte. Die Glocke soil 
nahmlich beim Gufi mifilungen sein 675 . 



Eine auffallende Erscheinung, so vielen ahnlichen Gesichtern zu 
begegnen (so gestern Verhulst 676 , Poppe). Ob sich dieselben Ge- 
sichter in gewissen Entfernungen nicht wiederholen. 



Th. 


156.- 


Th. 


78.28. 


Th. 


184.4. 



85 Concerteinnahmen. 

d. 2ten Februar Concert im Theater in 

Konigsberg : 
d. 3ten desgl. 
d. 11 ten in Mitau 170 R.[ubel] S[ilber] 

(Bruttoeinnahme 201 R.[ubel]) 
d. 12ten in Riga: 

Emtio : 305 R.[ubel] S.[ilber] 

Netto: 234<> 57 R.[ubel] S.[ilber] =Th. {264. 22. 8.) 

253.12. 
d. 13ten in Riga (in der Mufe) 

Netto: 207 R.[ubel] S[ilber] = Th. 244. 6. 

D.14ten in Mitau: 

Brum 97 R.[ubel] S.plber] 

Netto: 77 R.[ubel] S.[ilber] -Th. 83. 14. 

d. 15tenin Riga (im Theater) 

Netto: 117 R.fubel] -Th. 126. 22. 

d. 20sten° 58 (in Ri) in Dorp at von 

Hrn. v. Liphardt 42 S.filber] R.[ubel] 90 C.[opeken] 

= Th. 46.- 
d. 21stenin Dorpat (in der Aula) 

Brutto: 401 R.[ubel] S.[ilber] 

Netto : 

057 Die »3« iiber eine andere Ziffer — wahrscheinlich »4« — geschrie- 
ben. 

057 A Sic. 

058 Urspriinglich »17ten«, durch »20sten« iiberschrieben. 



312 Februar-Mai 1844 

86 2. 

d. 23sten in Dorpat (in d. Ressource) 

Brutto: 205 R.fubel] S.filber] 

Netto : 
d. 26sten in Dorpat (in d. Ressource) 

Brutto: 187 R.fubel] S.[ilber] 
Nettoeinnahme von den 3 Concerten 

in Dorpat = 644 R.[ubel] S.filber] = Th. 698. 8. - 
d. 15 Marz lstes Concert in St. Petersburg : 

Brutto: 762 R.fubel] S.filber] 

Netto: 480 R.fubel] S.filber] = Th. 512. - 

d. 20 Marz 2tes Concert in Petersburg: 

Brutto: 700<> 59 R.fubel] S.[ilber] 442. 

Netto: 411<> 60 R.fubel] S.filber] = (Th. 457.) - 

d. 24 Marz 3tes Concert in Petersburg. 

Brutto 828 R.[ubel] S.filber] 

Netto. 576 R.fubel] S.filber] =Th. 617. - 

d. 29sten Marz 4tes Concert in Petersburg : 

Brutto: 1240 R.fubel] S.filber] 

Netto:967<> e K R.fubel] S.filber] -Th. 1039. 

d. 20sten April lstes in Moskau : 

Brutto : 2065 R.fubel] Assign.faten] 

Netto: 1400 R.fubel] Assign.faten] =Th. 416. 

87 d. 27sten April 2tes Concert in Moskau. 

Brutto: 2370 B.fanco] A [ssignaten] 

Netto: 1923 B.fanco] Afssignaten] = Th. 570. - 
d. 5ten Mai 3tes Concert in Moskau : 

Brutto 2064. B.fanco] A. f ssignaten] 

Netto: (1560.) Bfanco] Afssignaten] = (Th. 460.) - 
1480 Th. 436.- • 

(NB. Meyendorff abzuziehen) 

88 Bei der Dr. Frege zur Aufbewahrung : 

Contract mit Friese. 
Feuerversicherungschein. 
Schuldverschreibung v. Carl [Schumann]. 
Depositionsschein v. Frege. f& Co.] 
und einige andere unbedeutendere. 



Wie lustig zieht der Wandrer aus, 

Wie miide kommt er Abends nach Haus! 



059 Ursprunglich »714«; die »14« durch »00« iiberschrieben. 

060 Ursprunglich »425«; die »25« durch »11« iiberschrieben. 

061 »9« liber »6« geschrieben. 



1844 313 
Brief e. 



Konigsberg. 

J. C. Jacobi. 

Oppenheimer u. Warschauer. 
Tilsit . 

Hoesle. 

Nernst. 
Riga . 

D. Kaull. 

Wohrmann u, &[ohn] 

Stephany u. Comp. [anie] 
Mitau . 

Gebr. [tider] Rapp. 
Memel . 

Kalmann u. Comp. [anie] 
Liebau. 

Hagedorn 
Dorpat. 

v. Vietinghoff. 

v. Wahl. 

Wegener. 
de<> 62 

v. Liephardt 
Reval. 

Dr. Ebren<> 63 
Petersburg. 

Herzogin v. Leucbtenberg . + 

C[om]tesse Woronzoff Daskroff + 

Mile de Zinovieff+ 

<H) Frau v. Stockhardt. + 

GrafM. Wielhorsky. + 

v. Seebach. + 

GrafColloredo + 

E Bohm. + 

v. Bulgarin. — 

Cbr. Knoop. — 

Zurhofen. — 

Segunis [?] Duwalu. Comp. [anie] + 

Gasser. + 

Meyer, Bruxner u. Comp. [anie] 

Stewart Allen u. C.[ompanie] -f 

062 Der folgende Name nicht lesbar. 

063 Das Wortende nicht lesbar. 



314 1844 

Noeboe Fiess u. C. [ompanie] + 
Stieglitz u. Comp. [anie] 

Fiirst Wolkonsky. + 
Staatsrath v. Meyer — 

Furst Golyzin. 

92 [Aufgaben fur die Konservatoriumsschiiler] 

Goldschmidt. Impromtu v. Chopin, 2 Etud[en] v. Berger. 

Hesse . Notturno v. Chopin in Fis Dur} 

Nagel: 

Riccius : 2 Satze aus der As dur Sonate v. Beethoven 

Pfretz{sch]ner : Andante aus Es dur Symph.[ome] v. Mozart 

Aalssen: Trio v. Pixis 

Tausch : Quartett v. Prinz Louis 

u. Quartette v. Beethoven 

Moskau . 
Kudelski. 
Glogaw. 
J. L. Bernhardt. 
Zeurer e Colleg. 
Brandebourg. 
{Marc.) 
Einbrodt. 
Meyendorff. 
Gagarin. 

95 Andenken von der Russischen Reise. 

Tauroggen: Flaschchen aus Bernstein. 

Waldai. Ein Glockchen. 

Twer. Eine goldne Dose vom Onkel. 

Ein Schlafrock mit Mutze u. Schuhe. 

Eine russische Theemaschine. 
Simonoff. Ansichten v. Simonoff. 

Ein Amulet vom Archimandrit in Simonoff. 
Moskau. 4 Ansichten v. Moskau. 

2 Mappen aus dem Findlingshause. 

Manuscript von Field 677 . 
• Petersburg. Ein Armband v. d. Kaiserin. 

v. d. Leuchtenberg 

v. Prinz v. Oldenburg. 

die Bildnisse d. Grafen Wielhorsky 678 . 



1844 315 



Moskau.. Osterei u. Tulaer Arbeit 

(v. d. Grafin Bobrynska) 
Beschreibung d. grofien Glocke 

(v. Mad.[ame] Sinavine) 
Schreibmaterial, Pariser Arbeit 

(in d. Lotterie gewonnen) 
Grabmaier. 

Seume in Toplitz. 
Jean Paul in Baireuth. 
Lucas Cranach in Weimar? 
Albrecht Durer in Niirnberg? 
Gothe u. Schiller in Weimar. 
Tizian Vercelli in Venedig. 
Beethoven u. Franz Schubert in Wien. 
Peter der Grofie in Petersburg. 
Klopstock in Ottensen. 
Moreau in Petersburg.^ 64 



Zu schreiben an 

die Frege — David — Dr. Reuter — Hartels — die Tante [Emilie 

Carl] - 

den Alten [Wieck] - 

an Carl [Schumann] in Schneeberg — 

an Mendelssohn — 

an Moscheles — 

an Friese — 

an die Mutter [Marianne Bargiel] in Berlin — 



Schumansche Drucke tib. d. Bruder [?]. 



Nottbeck in Reval. 

Nach Twer Noten fiir Carl [von Schnabel] zu schicken 
mit Kistner wegen Lobmann. 
wegen Staatsrath Simonsen. 
1446 

600. 

846. 



o64 Die restlichen Eintragungen auf dieser Seite sind unter den Reise- 
notizen der Harzreise wiedergegeben (siehe Seite 391). 



Tagebuch 15 

Ehetagebuch III 

2. Teil: 

25. 1.-31.5. 1844 



189 CLARA SCHUMANN: 

D. 25 Von heme an werde ich aus Roberts Brieftasche abschrei- 
ben; Alles ausflihrlich niederschreiben zu wollen, wtirde uns 
keine Zeit bleiben, daher nur die Notizen, wie sie foigen. 

Juni 1844.0 1 

Eine grofie Arbeit, die ich beginnen will, Alles seit 4 Monaten 
erlebte einzutragen; Nachsicht mufit Du haben lieber Robert, 
wenn ich oft nur aus Deiner Brieftasche abschreibe. 
<Donn> 

190 Januar 1844 J> 2 

Donnerstag d. 25 Januar reisten wir friih 11 Uhr nach Berlin 
ab, und kamen dort von der Fahrt ziemlich gelangweilt V 2 7 Uhr 
im Hotel de Brandenburg an. Bald kam die Mutter und Mendels- 
sohn mit Gade. 

Freitag d. 26 besuchten wir friih Mendelssobns, und fanden 
sehr freundliche Aufnahme — es schien ihnen die leipziger Luft 
wohl zu thuen. Mendelssohn iiberraschte mich mit der Dedica- 
tion seiner 6 neuesten Lieder ohne Worte (615) , unter welchen 
auch das liebliche, gratiose Fruhlingslied. Lange unterhielten wir 
uns, viel auch uber Richard Wagner iiber dessen Musik Mendels- 
sohn ganz indignirt war. Gegen Abend besuchte er Robert und 
ging auch mit ihm zu einem Glaschen bairisch Bier, was Robert 
freute. Ich war bei der Mutter, wo auch die Stegmayer hinkam — 
die jetzt ihr Lebensgluck in Putz zu suchen scheint — trauriger 
Trost fur den verlornen Frieden ! — 

Sonnabend d. 27 besuchten wir Madam Schroeder-Devrient, 
unsere Stuben-Nachbarin. Sie war wie immer lustig und erzahlte 
uns viele schnurrige Geschichten von Liszt, den sie ordentlich 
mit Eifer hafit. 



01 Die Jahreszahl mit Bleistift hinzugefiigt. 

02 Die Jahreszahl mit Bleistift hinzugefiigt. 



Januar 1844 (R) 317 

Fernere Besuche waren Marie Lichtenstein (alt und kalt, wie 
Robert sagt) und Friedrich Riickert — herrlicher Kopf, wie der 
eines Gesetzgebers. Er nahm 

191 uns sehr freundlich auf, erkundigte sich mit vielem Interresse 
nach der »Peri« und lud uns aufs Land nach Neusess bei 
Gotha 679 zu sich ein. Es freut mich sehr daft Robert gerade die- 
sen Mann kennen gelernt, den er immer so sehr als Dichter ge- 
liebt. 

Zu Tisch waren wir mit der Mutter bei Mendelssohn, auch war 

Taubert dort, der Einem aber neben Mendelssohn entsetzlich 

prosaisch und klein vorkomt, macht es nun auch vielleicht, dafi 

er befangen (ist) war, und daher einige sehr geistlose Bemerkun- 

gen machte. 

Gegen Abend kam die Devrient zu uns Abschied zu nehmen 

und um 7 Uhr fuhren wir mit der Mallpost 680 sehr bequem 

(nachdem wir aber viel Schererei mit unseren Sachen gehabt) 

nach Konigsberg ab. 

Mendelssohn sagte uns noch am Wagen Adieu, und schien vielen 

Theil an unserer Reise zu nehmen, deren besten Erfolg er uns 

gewifi von Herzen wunschte. 

Die Mutter und Kinder waren auch noch am Wagen. 

Madam Mendelssohn schenkte mir ein paar sehr hubsche Puls- 

warmer, die mir viele Dienste gethan. 

192 Die Reise nach Konigsberg war den ersten Tag hindurch hochst 
langweilig, schlechte Gegend, lauter Sand, doch 

d. 29ten Montags wurde sie etwas interressanter durch die Fahrt 
mit Sack und Pack iiber die Weichsel auf dem Eise, spater durch 
die Ansicht von der Nogat aus auf Marienburg, dafi sehr hiibsch 
romantisch auf einer Hohe liegt. Den Flufi passierten wir zu 
Fufi, gingen dann aufs Schlofi und besahen uns den herrlichen 
Remder, der, ganz neu restaurirt, ein grofiartigen Eindruck 
{machte) auf uns machte< 616 >. Von Marienburg bekamen wir ei- 
nen Dantziger Geheimrath Heyne zur Gesellschaft, der ein 
freundlicher, gebildeter Mann war. Robert bestellte durch ihn 
Griifie an einen ehemaligen Collegen » 71llys« mit dem er in Hei- 
delberg studierte. Elbing, Frauenhurg waren noch hubsche 
Stadte, die wir passirten. Interressant war der Coperni- 
&w$-Thurm bei Frauenburg, wo der beriihmte Astronom gelebt, 
ferner die Richtstatte Kiihnapfels, der den Bischof von^ 3 [Erm- 
land] mordete. Abends 7 Uhr langten wir in Konigsberg an, und 
stiegen im^ 4 ab. Der erste Eindruck unangenehm und schauer- 
lich, der Gasthof ein altes, graues Gebaude. Am Wagen Emp- 

03 Danach freigelassen. 

04 Danach freigelassen. 



318 fanuar 1844 (R) 

fang von Engelhardt, ein unangenehmer, zudringlicher Mensch, 
der mir noch obendrein recht bos vorkommt. 

193 Dienstag d. 30ten friih besuchte Robert Sobolewski, der ein 
geistvoller, energischer Mann, aber nicht gliicklich in seiner Stel- 
lung scheint. Spater gingen wir zu Scbindelmeisser wo mit dem 
Theaterdirector wegen eines Concert's im Theater Unterhand- 
lungen gepflogen wurden, und zwar im Beiseyn mehrerer Zeu- 
gen; ein formlicher Contract, zu dem noch ein Gutsagender (ein 
reicher Gutsbesitzer) seine Unterschrift gab. Lacherlich war die 
ganze Scene, die Sobolewski arrangirt hatte, allerdings in der 
Absicht, dafi uns der Director nicht prellen konne, wie er es 
kurz zuvor mehrmals an anderen Kiinstlern^ 5 gethan. 

Wir besuchten noch am selben Morgen Lobeks, mit denen ich 
weitlauftig verwandt, und Robert Herrn Dibowski, den ich nur 
fliichtig kennen lernte, der aber ein grofier Musikenthusiast sein 
soil. Abends ging Robert in's Cafe national, wo der Wirth fruher 
hier bei Felsche war. 

Mittwoch d. 31 machten wir Besuche bei Consul Adelsohn, 
Oppenheimer y Lork und M[usik]£>:[irektor] Samann, welcher 
Letztere etwas Gemeines hat, wohl aber ein tiichtiger Director 
sein mag. Robert erhielt einen Besuch der ihn freuete von Regie- 
rungsrath Sabbarth y der mit ihm in Heidelberg studierte. — 
Ziemlich gute Pianoforte's fand ich bei Gebauer und Martby, 
welche Letzteren ich zum Concert vorzog. Die Instrumenten- 
macher haben hier Equipage, 

194 was mir sehr zu statten kam, denn ich benutzte Marthy's Equi- 
page viel. Hier ging alles zu Schlitten, von der Kalte hatten wir 
aber noch nicht viel zu leiden, obgleich wir uns zur Weiterreise 
noch eine grofie Pelzdecke und Fufisack kaufen mufiten. 

Zu Mittag afien wir mit Sabbarth zusamen im Gasthof und en- 
deten mit C[h]ampagner. Robert schreibt jetzt — sonderbar, im- 
mer Zerwurfnisse, Abends wegen Lobecks — Klara viel zu wenig 
klug fur die Welt und immer soupsonnos (618 > — was die Veran- 
lassung dieses Tadels, weifi ich nicht mehr. Abends waren wir 
bei Lobeks, und fanden dort einen hiibschen Kreis, offenes We- 
sen zwischen Allen, was wohl mit an der Wirthin lag, die eine 
muntere heitere Frau ist. Musiklehrer Kahle, ein gescheuter 
Mann mit einer hubschen rothbackigen Frau, die aber/Schauder- 
haft sang, waren auch dort. 



05 »An anderen Kiinstlern« iiber der Zeile eingefiigt. 



Februar 1844 (R) 319 

Februar 1844& 

Donnerstag d. lten Vormittags besuchte uns der alte Lobek — 
die Haller aus Wien (eigentlich heifit sie Meiner) hielt Lieder- 
probe bei uns; sie ist sehr hiibsch und hat eine schone Stimme. 
Zu Sobolewsky — Musikers Wirthschaft (schlimm ware es, wenn 
solche Wirthschaft {uberall} bei alien Musikern ware, denn dort 
war es beispiellos) — Herumdammern in der Stadt — zu Sab- 
barth — Laidlaw's Erzahlung von der Cigarrenasche Liszt's y die 
sich die Konigsbergerinnen als Reliquie bewahren — I. Kants 
Haus — Besuch vom 

195 russischen Consul Adelsohn — aufierordentlich freundhche Men- 
schen uberall. Abends in Sobolewsky's Akademie — die G moll 
Symphonie von Mozart, Compositionen von Sobolewsky (sehr 
mittelmafiig) nach dern Abendessen in Gesellschaft von Vielen, 
Dr: Zander als Director der Gesellschaft oben an. Engelhardt's 
hubsche Frau war auch da. 

Freitag d. 2ten Friih Probe vom Concert mit einem sehr 
schwachen Orchester — abscheuliches Theater, furchtbar kalt — 
Robert mit Engelhardt im »Blutgericht« (diefi verstehe ich nicht) 
— Abends Concert (619) bei vollem Hause — Dlle Wurst (Anfange- 
rin), Dlle Haller und ein Violinspieler Schuster unterstiitzten 
mich — Robert schreibt hier: Betrachtungen iiber Klara's Spiel 
und Kunst und das Publikum — ein alter Heidelberger Bekann- 
ter Jacobi — Schauspieler und Hornist Schunke® 7 , — nach dem 
Concert bei Adelsohn, wo die ganze politische Elite, Jacobi an 
der Spitze, versammelt war. Letzterer ein Mann mit schoner 
Stirn und Auge — Robert unterhielt sich viel mit ihm — Gespra- 
che iiber Politik fiillten den Abend aus. Director Ellen (dessen 
Frau und Tochter wir bei Lobek's kennen gelernt), Clavierlehrer 
Cavalieri lernten wir dort noch kennen — Alles liebenswiirdige 
und gebildete Leute, namentlich Adelsohn selbst. V 2 1 Uhr ka- 
men wir erst nach Haus. 

196 Sonnabend d. 3ten Friih machte Robert mit Adelsohn Ein- 
kaufe, nothige Preservative gegen die Kalte auf der Reise, — 
spater Friihstuck im »Blutgericht« (jetzt weifi ich wohl, dafi die 
Restauration so hiefi — geschmackloses Aushangeschild) mit So- 
bolewsky, Dibowsky, dem alten freundlichen Marty, einem Post- 
secretar und einem Hofrath — viel Champagner — Abends 2tes 
Concert (620 > — die D moll Sonate [von Beethoven] und mein 
Kumer dabei — (d. h. Roberts Kuirler — warum, weift ich nicht) 

06 Die Jahreszahl mit Bleistift hinzugefiigt, dabei die »1« iiber einen 
Punkt geschrieben. 

07 Danach fretgelassen. 



320 Februar 1844 (R) 

— Abschied von der Haller, die in Thranen schwamm (aus uns 
unbekannten Griinden) — Mit Engeihardt und Sabarth noch im 
Cafe. — Der Abschied von den freundlichen Menschen hier 
wurde uns schwer — nach dem ersten Eindruck hatten wir diefi 
wohl nicht geglaubt. 
Die Nacht vom Sonnabend auf 

Son tag d. 4ten verging ziemlich unruhig; ich packte noch Alles 
nach dem Concert und Morgens 6 Uhr fuhren wir mit Extrapost 
und Marty's Schlitten nach Tilsit aus, wo wir nach verbrachten 
schneeigen truben Tag Abends 7 Uhr anlangten. Der Geheim- 
Hofrath Nernst, an den wir durch seine Schwester (hier in Leip- 
zig) empfohlen waren, erwartete uns schon, und so mufiten wir 
noch den Abend bei ihm verbringen. Wir fanden liebenswiirdige 
Wirthe und aufierdem einen sehr gebildeten Kreis, reizende 
Tochter, (eine Frau und eine Braut), eine Sangerin aus Konigs- 
berg (sehr musikalische Frau, die auch Roberts Compositionen 
kannte, was uns uberraschte, so nah' der russischen Granze) und 

197 ich spielte (wie Robert sagt) sehr schon. 

Montag d. 5ten friih 4 Uhr ging's mit Extrapost nach Taurog- 
gen — eine grausige Fahrt iiber den Niemen und horbares Herz- 
klopfen, ehe wir an die so sehr gefurchtete Granze kamen. Eine 
Strecke vor der Granze empfing uns ein Granzkosak mit der Pi- 
stole im Giirtel, der uns bis an's Zollhaus begleitete. Welch ein 
hiibscher freundlicher Ort! war das der Ort, den wir uns so 
grausig gedacht? — wir wurden mit groster Schonung behandelt, 
die Koffer nur geoffnet und schnell wieder geschlossen, so dafi 
wir kaum V 2 Stunde brauchten. Der Zolldirector Wilken (dem 
wir durch Adelsohn in Konigsberg angelegentlich empfohlen wa- 
ren) begrufite uns hoflich und ein Beamter Names Kresslowski 
im schlichten Rock that uns alle Dienste wegen des Paft-Visirens 
und unsres ferneren Fortkommens, da man schon hier kein 
Deutsch mehr sprach. Diesem Mann sah man seine Wichtigkeit 
nicht an ! er kannte vorzugsweise alle Kiinstler, denn Allen hatte 
er wie uns geholfen. Das Gasthaus war ausgezeichnet und 
machte uns einigen Muth fur die Weiterreise, der uns aber [an] 
der ersten Station ganz und gar genommen wurde, denn dort 
fanden wir ein Mittagessen, furchtbar, keinen Bissen zu genie- 
fien, und zahlten iiber einen Thaler dafur. 

198 Gut, dafi es nicht so fort ging! wir fanden es so schlecht auf der 
ganzen Reise nicht wieder. Unser Wagen (die Mallpost) war 
hSchst bequem, die Fahrt aber wegen des tiefen Schnees lang- 
weilig, denn nur langsam kamen wir vom Fleck. Hier waren wir 
nun im Litthauischen — die Dorfer fanden wir meist im Schnee 
halb begraben, aber auf den Strafien viel Leben, weit mehr als 
bei uns; hier begegnet man Nacht wie Tag ganze Caravanen von 



Februar 1844 (R) 321 

einspannigen Bauerschlitten, auf denen sie ihre Getreide und an- 
dere Feldpflanzen nach Mitau (Hauptstadt von Curland, wo wir 
friih 5 Uhr hinkamen) zu Markte fahren. Von Mitau aus schien 
uns eine strengere Kalte zu sein, und schon hier bekamen wir 
ziemlich Angst von unseren Nasen, was wir wirklich noch nicht 
nothig gehabt hatten. Um 10 Uhr fuhren wir in Riga ein und 
hatten gleich beim Eintritt, der iiber die Duna geschah, den 
grofiartigen Eindruck einen ganzen Holzmarkt auf dem Flusse 
zu sehen — ich liefi die Wagenthiir, welche ich geoffnet, um im 
Nothfall bei einem Einbruche herausspringen zu konnen, los, 
denn so vernunftig war ich nun wohl einzusehen, dafi das Eis 
uns nur wie einen Strohhalm fiihlen konnte. Das war ein Trei- 
ben und Drangen, da gab's Juden, und da war ein Geschrei von 
Fuhrleuten — 

199 welch abscheulichen Eindruck machte uns die innere Stadt mit 
ihren engen schmutzigen Gassen, auf denen man kaum gehen 
konnte vor Bauernschlitten, und obendrein Lochern vom Schnee 
so tief, dafi man Hals und Beine hatte brechen konnen. Alles 
war hier schlecht und unangenehm! auf der Post war auch nicht 
die kleinste Bequemlichkeit fiir Reisende zu finden — keine Kof- 
fertrager, kein Wagen, Niemand den man um etwas fragen 
konnte — schrecklich war es. Wir nahmen uns mit noch einem 
Herrn einen grofien Bauernschlitten, der zufalhg im Hofe stand, 
packten unsere Koffer mit hochst eigener Hand hinein und setz- 
ten uns selbst darauf; so kamen wir vor die Stadt London, ein 
schmutziges, unansehnliches Haus, wo man uns ein Zimmer im 
3ten Stock anwies, das wir nattirlich nicht annahmen und uns 
sogleich wieder auf unsere Koffer placirten, um in ein besseres 
Gasthaus, wie wir dachten, zu gehen. Wir kamen in Stadt Pe- 
tersburg — Gott, wie war es da! ein{e) Loch hinten hinaus, kein 
ganzer Stuhl, zerrissene Bettdecken, mit einem Worte, eine Rau- 
berhohle fanden wir da. Robert lief gleich fort zu Herrn von 
Lutzau (dem wir durch David empfohlen 

200 waren) um den zu Hiilfe zu rufen; ich blieb wahrend der Zeit im 
Pelz, wie ich war, mitten in der Stube stehen, verschlofi mich, 
und konnte ich nicht mehr stehen, so setzte ich mich auf einen 
Koffer. Welch 5 schreckliche Stunde war das! Lutzau kam und 
fiihrte uns wieder in die Stadt London welches der beste (!) 
Gasthof in Riga ware, und wo er uns bereits Logis bestellt hatte, 
was man uns aber nicht gegeben, da wir unseren Namen nicht 
gesagt. Wir bekamen ein diisteres Parterr-Zirner, wofur wir aber 
nach solchen^ 8 Erfahrungen, wie wir sie eben gemacht, Gott 
dankten. 

08 Danach ein nicht lesbarer gestrichener "wortanfang. 



322 Februar 1844 (R) 

Nachmittag's besuchten wir den Kaufmann, nebenbei Clavier- 
spieler und Componist, Julius Bebrens, der Robert gute Cigarren 
vorsetzte, uns im Uebrigen aber personlich nicht sehr ansprach, 
wie [uns] uberhaupt, aufier Lotz (Violinspieler), und vielleicht 
noch Cantor Lobmann Keiner recht zusagen wollte. 
Mittwoch d. 7ten (26ten Januar nach russischer Rechnung) 
fuhr Robert mit Herr von Lutzau aus, bei 10 Grad Kalte; er kam 
verdriefilich nach Haus, denn er war in ein Loch gefallen, was in 
Riga im Winter gar zu leicht ist; das Treiben ist zu widerwartig, 
oft mufi man iiber die Schlitten von Einem zum Anderen stei- 
gen, urn fort zu kornen. 

201 Er war mit Lutzau bei'm Polizeimeister und Burgermeister ge- 
wesen wegen der Erlaubnifi zum Concert und noch obendrein 
hatte man 25 Silberrubel fur die Armen Pranumeranto verlangt 
— Robert gab es nicht, wie sich wohl denken lafit, das hiefie ja 
die Kiinstler wie Vagabunden behandeln! — Spater besuchten 
wir Doctor Kaull, General -Gouverneur von Pablen y dessen Frau 
wir nur fanden, Generalconsul Wobrmann ect: Abends sollte 
Musik bei Bebrens sein, beinah ware daraus gar nichts gewor- 
den; beim ersten Stuck welches ich spielte^ 9 war die Frau unge- 
schickt genug Thee herumreichen zu lassen, was mich natiirlich 
veranlafite, gleich nach Beendigung des Stiick's (auf der Stelle 
hatt' ich es gesollt) aufzustehen und nicht mehr zu spielen. Lotz, 
Lobmann, Sauberlich, Dr: Sodofsky Lutzau waren da, einige von 
ihnen zur Begleitung eines Trio's, dafi ich denn endlich nach 
vielen Bitten und Entschuldigungen des Wirth's noch spielte, 
und zwar das Mendelssobn'sche. Der ganze Vorfall, wozu noch 
kam, dafi uns die Schwarzhaupter (eine Gesellschaft von Jung- 
gesellen, die den grofien Concertsaal zu vergeben haben) den 
Saal nicht an dem bestimmten Concerttage geben wollten, weil 
Tags 

202 darauf eine Session sey, wozu der Saal gescheuert werden 
miisse, machte uns im hochsten Grade verstimmt, und am lieb- 
sten waren wir gleich abgereist, wozu Herr v. Lutzau (der mit 
Vielen zerf alien, und gern recht iiber sie nachher losgezogen 
hatte) sehr rieth, doch nicht die Anderen, und so siegte die 
Mehrzahl von Stimmen. Den Beschlufi der Soiree machte noch 
ein lederner Thee — das war genug Robert[s] Ueberdrufi voll- 
standig zu machen. Mit groster langer Weile verlebten wir die 
Tage in Riga, in keiner Gesellschaft gefiel es uns, die Leute wa- 
ren so steif, so ledern, wufiten von Nichts zu sprechen, und spra- 
chen sie einmal vom Kaiser, da thaten sie es mit Geberden, als 
wenn Spione mit der Knute hinter ihnen stiinden — wir wurden 

o9 ^Welches ich spiehe« iiber der Zeile eingefiigt. 



Februar 1844 (R) 323 

selbst ganz angstlich und wagten kaum in unserem Zimmer ein 
aufrichtiges Wort zu reden. Ich dachte, wie mufi das nun erst in 
Petersburg sein! wie so sehr irrte ich mich! nie, auf der ganzen 
Reise habe ich wieder dies Unbehagen gefiihlt, nie wieder daran 
gedacht nicht zu sprechen, wie ich dachte. Die angenehmsten 
Stunden brachten wir bei dem Theaterdirector Hoffmann zu, 
auf den gerade alle unsere Bekannten auf die schrecklichste 
Weise schimpften, 

203 iiberhaupt herrscht in Riga eine Hetzerei, die unausstehlich ist 
und der Schlimmste ist Lutzau, dem Robert einmal recht ttichtig 
die Wahrheit sagte. Es fehlt den Rigaern ganz und gar an feine- 
rer Bildung und selbst die Frau Gouverneurin, eine liebenswiir- 
dige und angenehme Frau, wufke sich in Gesellschaft nur steif 
und unbeholfen zu benehmen — sie mufite freilich die Frau Gou- 
verneurin zeigen. 

Donnerstag d. 8ten (27 Jan: [uar]) erhielten wir verschiedene 
Besuche, auch machte Robert emen dem Theaterdirector par ex- 
cellence mit^ 10 [Schnurrbart]. Bekanntschaft mit einer .Fn[au] 
Richter, die in einer Stunde Jedem nach der Natur zeichnen 
lehrt, und grofie Lust zeigte mit uns einen Schlitten bis nach Pe- 
tersburg zu nehmen, woraus jedoch spater nichts wurde, was 
auch recht gut war, den die Mutter und Tochter rochen mir gar 
so sehr nach Wohlgeriichen, was ich gar nicht liebe. 
Nachmittag 5 Uhr machten wir in KauWs Schlitten eine Spa- 
zierfarth auf die Diina, was ich mir recht schon gedacht, doch 
bald schnitt uns der Wind so furchtbar in's Gesicht, daft wir nun 
ernstlich Angst um unsere Nasen bekamen, und moglichst 
schnell umkehren liefien. Davon hat man bei uns keinen Begriff, 
wie in Rufiland 

204 ein^ 11 kalter Wind thut, man denkt er schneidet Einem das Ge- 
sicht entzwei wie mit lauter Messerspitzen; noch einmal empfan- 
den wir das recht ordenthch in Dorpat bei einer Vergnugungs- 
farth, die leider schlimme Folgen genug hatte, als dafi wir sie 
vergessen wiirden. Eine Tasse'Thee bei KauWs sollte uns wieder 
erwarmen. Nach dem ging Robert mit Kaull in die Mufie, wo 
zwar Zeitungen die Menge lagen, doch, die interressantesten 
politischen Berichte vielleicht, mit Druckerschwarze iiberzogen 
waren. Das kam uns recht tyrannisch und kleinlich^ 12 vor — 
beinah hatten wir schon angefangen Rutland zu hassen, ware es 
nicht bald so viel besser geworden. 

Freitag d. 9 (28 Jan. -[uar]) zu Tisch bei KauWs — aufier dem 

OlO Danach freigelassen, doch vgl. Seite 281. 

Oil Danach ein nicht lesbarer gestrichener Wortanfang. 

Ol2 Danach ein Wort gestrichen und nicht lesbar. 



324 Februar 1844 (R) 

aus Dorpat verwiesenen Rector Uhlmann, und dem^ 13 Baron 
Schulz lederne Gesellschaft, wozu noch kommt, dafi Herren 
und Damen bei Tisch getrennt sitzen, (russische Sitte)^ 14 was 
eben auch zur Unterhaltung nicht beitragen kann. Der Superin- 
dentend kam nach Tisch unter Anderen Vielen, wir gingen aber 
mifimuthig, wie wir gekommen waren, und wie wir es in Riga 
immer waren — ich wurde wirklich ganz leidend von diesem fa- 
talen Gemiithszustand. 

Abends tranken wir mit Behrens und Cantor^ 15 Alt bei uns 
Champagner — die Rigaer gehen nicht so weit in der Lebenslust. 

205 Sonnabend d. 10 (29 /<m;[uar]) Friih 8 Uhr fuhren wir mit der 
Diligence nach Mitau. Der Tag war herrlich und so sahen wir 
Mitau in freundlichster Gestalt. Das SchloE vor der Stadt (von 
Ludwig d. 18ten wahrend seines Exil's bewohnt)< 621) nimmt sich 
sehr hiibsch aus, und dient jetzt, giaube ich, zu Versamlungen 
und Sessionen. Mitau konnte man wohl eher fur ein grofies 
Dorf halten, so klein sind die Hauser und so frei liegt es, doch 
die Menschen hier thaten uns wohl nach den Rigaern. Wir logir- 
ten bei Zehr> sehr schlecht und besuchten gleich nach unserer 
Ankunft um 12 Uhr mit Herrn Dunio (Beamter und grofier Mu- 
sikfreund dabei) Herrn Mazersky^ 6 , ein hiibscher Mann aber, 
wie Robert sagt, etwas grofiaffartig^ 17 . Seine Frau und Kinder 
sind sehr musikalisch; die Frau frappirte mich durch ihre genaue 
Kenntnifi aller classischen Compositionen, und ihren guten mu- 
sikalischen Sinn 681 — schade, daE sie nicht mehr jung ist! — Ge- 
gen Abend gingen wir zu Mazersky's^ 6 Bruder, der mir seinen 
Graff schen Flugel zum Concerte gab. Angenehme Familie. 
Den Abend brachte ich bei Mazersky's und Robert im adligen 
Clubb bei Caviar und Haselhuhnern zu. Die Gesellschaft 

206 bestand aus Adligen und Offizieren — Alles gebildete Leute, wie 
man sie in der kleinen Stadt kaum vermuthet. 

Sontag d. 11 (30 /^w:[uar]) Robert machte eine hiibsche Paro- 
die »wie die Mitauer Zebr's Gasthof nach Concertbilletten stiir- 
men« — sie wollten namlich noch gar nicht so recht gehen! — 
Probe auf dem Clubb und Abends Concert^ 622 *, das so ziemlich 
besucht war, wie es nun eben zur Zeit sein konnte, da nur wenig 
Adel da war. Das Publikum war ein sehr dankbares und musika- 
lisch gebildetes. Schlechte Nacht darauf, da Robert an heftigen 
Kopfschmerz litt. Ich war hier wieder aufgelebt — mir grauete 



013 »und dem« liber ein nicht lesbares Wort geschrieben. 

014 Die in Klammern stehende Bemerkung am Rand hinzugefixgt. 

015 »Cantor« am Rand hinzugefugt. 

016 Recte: Maczewsky (Lesefehler Clara Schumanns, vgl. Seite 281). 

017 Recte: profofiartig (Lesefehler Clara Schumanns, vgl. ebd.). 



Februar 1844 (R) 323 

zuriick nach Riga. — Graf Kaiserlin^ n lud uns zu einem 2ten 
Concert nach Mitau. 

Montag d. 12 (31 /tf»:[uar]) Fuhren wir Friih nach Riga (Ro- 
bert noch sehr unwohl) zuriick. Abends gab ich mein erstes 
Concert* 623 * im Schwarzhaupter-Saal, ein melancholisches Local 
mit originellen Verzierungen. Zahlreiches und aufmerksames 
Publikum, ubrigens aber gar nicht kunstsinnig — Henselt sagte 
immer, ftir die Rigaer passe nur Dreischock. — Die folgende 
Nacht hielt die spanische Tanzerin Lola Montez mit den ersten 
Offizieren und Adligen Riga's Backanalien, und zwar iiber uns, 
so da£ wir kein Auge zu thaten. Sie war in militairischer 

207 Begleitung, welche sie auf Befehl dcs Kaisers aufier Land 
brachte. 

Dienstag d. 13 (1 Feb :[ruar]) Friih Besuch von Hollander und 

Erzahlungen von den Schwarzhauptern. Matinee bei Lobmann 

wo ich Roberts Quintett spielte, das aber nicht besonders ging. 

Abends gab ich ein Privatconcert in der Mufie^ 1 ^ — {ich glaube, 

ich spielte manches viel zu gut flir die Rigaer) Robert sagt 

»Klara spielte Manches wundervoll«. 

Es herrschte^ 19 ubrigens in der ganzen Gesellschaft ein steifes 

Kaufmannswesen. 

Mittwoch d. 14/2. Friih 9 Uhr ging es wieder nach Mitau; bei 

Thauwetter fuhren wir noch immer auf dem Eise iiber die Duna, 

was mir doch sehr unangenehm war. 

Herr von der Ropp empfing uns im Saal und hatte mir einen 

Lichtenthat schen Flugel hinsetzen lassen, der mich am Abend, 

wo er von der Hitze ganzlich unbrauchbar geworden war, in 

groEe Verzweiflung brachte; kaum war es moglich ein Stuck 

darauf zu spielen, und doch mufite ich — dazu kam noch ein an- 

deres Malheur — ich fiel auf der Treppe, die vom Schnee sehr 

glatt geworden war, und zerrifi mir mein Samtkleid ganzlich, so 

dafi wir eine halbe Stunde [zu]brachten, es 

208 es wieder so herzustellen, daft ich wenigstens spielen konnte; ein 
zweites Kleid hatte ich nicht mitgenommen — wieder einmal 
eine neue Lehre fur die Zukunft. 

Das Publikum war ein kleines (man hatte das Concert (625) nicht 
genug bekannt gemacht) aber sehr lebhaftes. Nach dem Concert 
nahmen wir mit Herrn v. Kienitz, Baron Ronne und Graf Kai- 
serlin^ 20 ein kleines Souper ein. 

Eine Madam Berndt mit talentvoller Tochter (in sehr miftlichen 
Umstanden, aber sehr liebenswiirdige Frau) lernten wir bei 

018 Recte : Kayserlingk. 

019 »Es herr« iiber ein nicht lesbares Wort geschrieben. 

020 Recte : Kayserlingk. 



326 Februar 1844 (R) 

Ma[c\zewsky 3 s kennen. Die Tochter sollte nach Leipzig in die 
Musikschule kommen 682 . 

Donnerstag d. 15/3 fuhren wir, nachdem uns Dunio noch be- 
gleitet, wieder nach Riga ab. Die Graf in Pomarowska mit Toch- 
ter (Pohlinnen) erwarteten uns schon im Gasthof — wir bestell- 
ten sie in die Theaterprobe, wohin wir uns auch gleich nach der 
Ruckkunft begaben. Madam Hoffmann (Frau des Director's) un- 
terstutzte mich in diesem letzten Concert* 626 ^. Kleines Theater 
und mittelmafiiges Orchester. Abends hatten wir das Concert 
beinah verschlafen — wir waren von den Strapazen mehrere 
Tage hinter einander so ermudet, sonst ware uns diefi nicht pas- 
sirt. Ich flog nur so in meine Kleider, und das Concert begann 
doch noch zur rechten Zeit. 

209 Concertstuck v. Weber habe ich (nach Roberts Meinung) theil- 
weise wundervoll gespielt, um so schlechter das Stuck von Scar- 
latti und Henselt's »Voglein«. Es war wohl auch nicht moglich, 
dafi ich noch bei frischen Kraften war. 

Nach dem Concert tranken wir mit Behrens noch ein Glas 
Punsch bei uns. 

Freitag d. 16/4 grofie Verlegenheiten wegen unseres Fortkom- 
mens, da wir uns in Dorpat aufhalten wollten. Behrens ver- 
schaffte uns endlich noch eine Extra- Dill igence mit deutschen 
Conducteur, die wir bis Petersburg behalten konnten und uns 8 
Tage in Dorpat aufhalten. 

Zu Tisch waren wir bei Hoffmann's — femes Diner und behagli- 
cher Aufenthalt. Abends Besuch von Lobmann — guter, aber 
doch langweiliger Mensch. 

Sonnabend d. 17/5 Fruh tranken wir mit Lobmann und Beh- 
rens Champagner bei uns — Abends Abschied von Diesen sowie 
Kaull, Lutzau und Anderen. Abends V 2 8 Uhr fuhren wir fort — 
Gott, wie wohl war uns, als wir aus dem Thor fuhren! — Wir sa- 
fien erst ganz behaglich, doch sollte diefi bald ein Ende nehmen, 
denn bald blieben wir im Schnee bei Sturm und Kalte stecken, 
und nachdem diefi einige Mai 

210 hintereinander geschehen drehten wir um und blieben auf der 
vor einigen Stunden verlafienen Station. Nachdem wir einige 
Stunden geruht und der Morgen angebrochen war fuhren wir 
Sontag d. 18/6 fruh bei wenigstens 10 Grad Kalte weiter. Wir 
hatten bei fortwahrenden Schneegestober von den Windwehen 
den herrlichsten Sonnenaufgang, blieben noch ofters im Schnee 
sitzen, fanden uberall aber sehr gute Posthauser (Ein's ist dort 
wie das Andere — Alle nach emem Plan gebaut) wo man sich gut 
erholen konnte und auch die Nacht bleiben. Die Gegend war 
auf dieser Tour weniger belebt, als in Kurland und viel Birken- 
wald hatten wir immer zur Seite — Wolfe wollten sich nicht zei- 



Februar 1844 (R) 327 

gen, obgleich wir dem Conducteur ein Trinkgeld versprachen, 
wenn er uns Einen zeigte. Abends sahen wir einen Sternenhimel, 
so prachtvoll flimern, wie wir es bei uns nie gesehen — wir ka- 
men schon viel nordlicher, diefi wohl der Grund. 
Montag d. 19/7 Friih um V 2 6 Uhr brachen wir wieder bei 
ziemlicher Kalte auf . In Uddern fanden wir einen Brief vom Pro- 
fessor Broeker vor, der uns unseren 

211 Aufenthalt in Dorpat anzeigen sollte. Wir kamen Vormittag 
dort an^ 21 und stiegen in Stadt London ab. Die Stadt machte 
gleich einen sehr angenehmen Eindruck auf uns[,] sie Hegt weit 
und freundlich, alle Strafien hell, kleine htibsche Hauser und vor 
Allem Hebe Menschen. Broeker besuchte uns gleich und sprach 
uns viel vor, aber doch unterhaltend. Er brachte uns sogleich 
die Petersburger Zeitung, wo bereits von uns gesprochen und 
unsere Ankunft gemeldet wurde^ 627 ^. Diefi machte uns gleich 
heiter. Broeker hatte auch schon viel von uns in Zekungen ge- 
schrieben, kann iiberhaupt fiir Kiinstler in Dorpat von grofiem 
Nutzen sein — er ist die Stadt-Trompete. Wir gewannen ihn 
recht lieb, weil er wirklich recht gutmuthig ist und sich unserer 
mit ganzer Freundschaft annahm. 

Robert besorgte gleich ein Pianoforte auf die Stube, das aber 
herzlich schlecht war. 

Broeker besuchte uns Abends noch lange und unterhielt uns 
ganz gut. 

212 Dienstag d. 20/8 Fruh besuchte uns der Af[usik]Z):[irektor] 
Brenner aus Eisleben — ein etwas arrogant scheinender Mensch. 
Spater besahen wir mit Broeker die Aula, besuchten Madam 
Broeker, Frau v. Wahl, die ein gutes Pianoforte von Hasse hatte, 
den Curator der Universitat Baron von Kraffistrom und Herrn v. 
Lipphardty Davids Schwager. Bei Letzterem waren wir zu Mit- 
tag; vorher hatte ich vor Einigen (ges) bei ihm gespielt, worauf 
er dem Robert bei'm Fortgehen ein Couvert 150 Rubel Banco 
enthaltend in die Hand driickte. Robert wollte es zuriick schik- 
ken, behielt es aber auf mein Anrathen. Wir verlebten einige sehr 
angenehme Stunden dort, fanden die innere Einrichtung sehr 
schon, nur wollte uns das russische Essen nicht recht munden. 
Nach Tisch spielten die Herren in einem Glashaus Billard und 
rauchten — so befand sich Robert wohl. 

Abend's mufiten wir mit Broeker's, nachdem ich dort (zu) einem 
Damenthee (und ungeheurem)^ 22 beigewohnt, wo ich das 
fremde Thier war, dafi sich sehen lieE, auf den Fastnachtsball in 
der akademischen Mufie, wo wir uns eine halbe Stunde sehr 
langweilten und dann flohen. 

021 »an« iiber der Zeile eingefiigt. 

022 Danach noch einige Worte gestrichen und nicht lesbar. 



328 Februar 1844 (R) 

Mittwoch d. 21/9 Besuch<> 23 von Frau v. Fittinghof> 24 und 
Fraulein v. Lilienfeld — zwei sehr liebe Damen. 

213 Robert befand sich den ganzen Tag unwohl und auch Abends 
wahrenjd meines Concerts< 628) . Dasselbe fand im grofien Horsaal 
statt und war sehr besucht. Ich fand ungleich mehr Beifall, als 
ich verdiente, denn ich spielte sehr ungllicklich, vor allem die 
Fmoll Sonate v. Beethoven^ woran das sehr schwere, sonst aber 
gute Pianoforte von Hasse (der Frau v. Wahl gehorig) viel 
Schuld hatte. Ich war nach dem Concert sehr trostlos und es 
flossen einige Thranen. 

Donnerstag d. 22/10 Besuche von Broeker, Frau v. Menzen- 
kampfy Fraulein v. Wahl, Fraulein v. Lilienfeld und Baronin v. 
Wolff, Tochter der Frau v. Knotting . 

Gegen Mittag fuhr uns Herr v. Liphardt in einem offenen 
Schlitten bei 20—22 Grad Kalte auf den fiirstlichen Landsitz sei- 
nes Vaters, der zur Zeit nicht in Dotpat sondern Betlin war. Die 
Kalte zerschnitt uns das Gesicht wie mit lauter Messerspitzen, 
davon man sich bei uns keinert Begriff machen kann. Wir sahen 
in Rathshof ein Malagit-Vase im Werth von 30,000 Silberrubeln, 
und aufierdem, schone Blumenlauben in den Zimmern, herrliche 
Meubles ect: abgerechnet eine kleine aber interressante Gemal- 
degallerie. 

214 Auf der Rtickfarth bekam mein Mann einen so heftigen Anfall 
Rheuma, dafi er sich gleich in's Bett legen muEte und sogar in 
Fieber verfiel, das sich jedoch Abends legte. Zu Mittag waren 
wir bei Frau v. Wahl eingeladen, konnten aber natiirlich nicht 
gehen. 

Freitag d. 23/11 brachte Robert im Bette zu, konnte natiirlich 
auch meinem zweiten Concert^ 29 * am Abend nicht beiwohnen. 
Es fand in der Ressoutce statt und war sehr besucht — der Beifall 
sttirmisch. Allgemein schrie man »noch ein Concert« und erst 
mit dem Versprechen eines dritten Concerts wurde ich aus dem 
Saal gelassen. Robert war unter der Zeit aufgestanden, war aber 
zu schwach gewesen um aufier Bett zu bleiben. 
Sonnabend d. 24/12 stiller Tag — Robert lag — hoffnungslo- 
ser Zustand, da er sich ganz schwach fuhlte. AuEerodentlich war 
die Theilnahme der Dorpaterinnen; sie wufiten, dafi unser Gast- 
hof schlecht war, und eben so das Essen ect: Die Grafin 

215 Sievers, Frau v. Wahl, die Baronin v. Uxkill® 25 und Frau v. Fit- 
tingboff® 26 schickten abwechselnd Essen^ 27 , gute Suppen, 

023 »Besuch« iiber ein nicht mehr lesbares Wort geschrieben. 

024 Recte: Vietinghoff. 

025 Recte: Oxkull (Uexkull). 

026 Recte : Vietinghoff . 

027 Danach ein nicht lesbares gestrichenes Wort. 



Februar/Marz 1844 329 

Fleisch, Gelees, Wein, gekochtes Gbst, kurzum Alles was einen 
Kranken starkt und erfrischt. Sogar 2 Betten und eine schone 
grofie Steppdecke kam anonym, um ein besser Lager bereken zu 
konnen. Hier krank zu seyn war fur Robert um viel weniger 
schrecklich, als es an jedem anderen Ort gewesen sein wlirde. 
Eigentlich war es die Angst, welche ihn kranker und schwa- 
cher^ 28 machte, als er war; er dachte, er sttinde nicht wieder auf, 
bekame das Nervenfieber, oder sonst etwas. Das war eine 
schreckliche Lage fur mich, und dabei mufite ich auch noch drei 
Concerte geben, wo ich Robert der Pflege unseres Conducteurs 
iiberlassen mufite, der iibrigens ein guter alter Kerl war. Profes- 
sor Waltber behandelte ihn, machte jedoch so wenig aus seinem 
Zustand, das wir spater noch einen anderen Arzt {nehmen} nah- 
men, der denn auch 

216 der ganzen Sache bei'm ersten Besuch ein Ende machte. 
Sontag d. 25/13 befand sich Robert immer [noch] nicht besser, 
war unmuthig und traurig. Chevalier Buroschi besuchte ihn, au- 
fierdem las er viel Compositionen von Latrobe, den Faust von 
Goethe ect: — 

Montag d. 26/14 gab ich mein drittes Concert^ 630 *, mit eben 
denselben enthusiastischen Beifall, als das zweite. Robert erwar- 
tete mich aufier dem Bett — 1 Stunde nach dem Concert brach- 
ten uns die Studenten ein schones Standchen und sangen auch 
einige seiner Mannergesange. Ich mufke mich bedanken — ein 
schoner Moment! — 

Dienstag d. 27/15 befand sich Robert etwas besser, aber im- 
mer sehr schwach. Besuch von Frau v. Wahl, geistreiche Dame. 
Sie erzahlte uns wie sie einmal im Winter iiber ein Bauernhaus 
hinwegfuhren ohne es zu merken, bis sie umwarfen, wo sie es 
dann natiirlich wohl sahen. 

217 Mittwoch d. 28/16 immer schlechtes Befinden von Robert — 
fortwahrende Theilnahme der Dorpater. 

Donnerstag d. 29/17 machten wir eine kurze Spazierfahrt — 

Robert mit grofiter Anstrengung. 

Der junge Pawlowski spielte uns vor, wir mufiten ihm-ein Zeug- 

nifi ausstellen, damit er vom Kaiser ein Stipendium bekommt. 

Wir schickten nach einem anderen Arzt, der Robert iiber seinen 

Zustand aufklarte. Spater kam auch Waltber und Broeker, und 

Robert wurde leichteren Herzens. 

Freitag d. 1 Marz (18 .Fe£r:[uar]) machten wir fruh Abschieds- 

besuche, und verliefien % 5 Uhr Nachmittags bei milder Witte- 

rung Dorpat, wo es uns bei alien grofien Unannehmlichkeiten 

doch so gut erging. In Terma® 28 " 4 iibernachteten wir. 

028 Danach ein nicht lesbarer gestrichener Wortanfang. 

028 A Recte: Torma (Lesefehler Clara Schumanns). 



33 Marz 1844 (R) 

Spnnabend d. 2 Marz (19 Febr:[uzr]) befand sich Robert 
schon viel besser, die Lebenslust war wieder erwacht. Interessant 
waren auf dieser Tour die ungeheuren 

218 Karavanen von oft 100 Branntweinfuhren^ 29 , wo man manchmal 
kaum vorbei konnte, sie verderben den Weg zuweilen auf eine 
schreckliche Weise, grofie Locher giebt es Streckenweise, dafi 
man Ohnmachten von fiirchterlichen Stofien bekommen konnte 

Wir fuhren heute am Peipussee und eine grofie Strecke an der 
Ostsee hin bis nach Narva wo wir 

Sonntag d. 3 Marz (20 Fb.) friih 2 Uhr durchkamen. Ein ural- 
tes Schlofi Ivangorod nahm sich interressant aus, ferner eine 
schone Briicke. Um 6 Uhr kamen wir nach dem ersten echt rus- 
sischen Ort »Jamburg« wo wir die erste griechische Kirche mit 5 
Kuppeln sahen, grain und gelb angestrichen, wie es die Lieblings- 
farben der Russen sind. In Kipen iibernachteten wir. Das Wetter 
mild, und schone Mondnacht dabei! gute Posthauser iiberall, so 
auch fast iiberall gutes Mktagsessen. 

Montag d. 4ten Marz (21 ^.[ebruar]) frlih 6 Uhr fort bei 
Thauluft — bei Rozscba^ blieben wir im Schnee stecken (Ro- 
bert sagt, er glaube diefi sey der Ort gewesen, wo Paul III sein 
Lebensende fand, — Du irrst wohl? er ist ja in Petersburg ermor- 
det worden?)< 632) 

219 Viele deutsche Colonisten-Dorfer sahen wir, auch war die Ge- 
gend nicht reizlos, Birkenwalder gaben der Gegend eine htib- 
sche Abwechslung. 

In Strelna ist ein kaiserl[iches] Schlofi, auch ein grofies Kloster, 
des heiligen^ 31 [Sergius] — bald fingen nun die Petersburger 
Landhauser an — geschmacklose Bauart und Alle gelb oder griin 
— reizende Waldungen bis zum Triumpfthor vor Petersbourg. 
Das ist ein grofiartiger Eintritt! wir stiegen aus und fuhren nach 
der leichten Visitation des Wagens (Wein und Liquer ist das 
strengste Verbot und darf kein Tropfen herein) auf das Dili- 
gence- Comtoir und von da gleich zu Henselt[s], die wir nach 
langen Suchen erst fanden. Von Strafie zu Strafie wurde die 
Stadt grofiartiger, und herrlich fanden wir sie im Hotel Coulon 
angekommen, wo uns Henselts Quartier genommen hatten. Der 
Platz hiefi der Michaelow'scbe — der Grofifurst Michael hat hier 
sein schones Palais. Das Hotel Coulon ist 250 Fufi lang — das 
Haus bildet 

029 »wein« mit einer grofien Klammer iiber der Zeile eingefiigt; mit 
Bleistift geschrieben. 

030 Recte: Ropscha (Lesefehler Clara Schumanns). 

031 Danach freigelassen. 



Mdrz 1844 (R) 331 

220 eine ganze Strafie. Unser Logie kostete wochentlicH 30 Rubet 
Silber. Robert ging gleich aus und warf einen BrieP 32 auf den 
grofiartigen Newsky Prospect , den wir ganz nahe hatten. 

Zu Tisch bei Henselt's — Doctor Adam ein geistyoller Mann 
und Grofi, der Cellist waren da. Der Junge von- Henselt's, geist- 
voll aber ungezogen. Urn 11 Uhr kamen wir nach Haus. 
Dienstag d. 5 Marz (22 /^[ebruar]) hatten wir vollkommenes 
Thauwetter; wir fuhren friih langst dem Newsky Prospect, am 
Winterpalais voriiber, dann langst der Neva und erstaunten iiber 
diese Wunderstadt der Welt (wie Robert sagt). 
Spater besuchten wir Viardot's, die uns auf das freundlichste 
aufnahmen. Wie freuete ich mich hier Pauline [Viardot- Garcia] 
zu finden, und wie so lieb und herzlich benahm sie sich gegen 
mich! — Wir gingen von da in die Probe eines Concertes das 
Abend's in der Assemblee de la Noblesse (statt) fur die Hospital- 
Krankeri stattfinden sollte. Wir fanden einen prachtvollen Saal, 
der 4000 Menschen fafit. M[usik]D:[irektor] Maurer begrufite 
uns gleich, sowie die 

221 Gebnider Wielhorsky, auch der Dirigent Heinrich Romberg, der 
uns im Anfang unausstehlich, und spater so angenehm und sehr 
niitzlich war! — 

Zu Tisch waren wir bei Viardot's und fanden dort lauter Italie- 
ner — obenan ihren kleinen Flirsten Rubini, dem sie eine grofie 
Ehrfurcht bezeigen. Pauline zeigte mir nach Tisch ihre schonen 
Geschenke — Zobel, tiirkischen Schwal und Brillanten die 
Menge, Alles vom Hof, vorzugsweise von dem Kaiserpaar. 
Abends sollte uns der grofiartigste Anblick, den wir je in dieser 
Art gehabt, werden; wir traten in den ganz und gar gefiillten 
Saal der Noblesse, der mit Tausenden von Lichtern erleuchtet 
war und Alles in hochster Toilette, die Damen Alle in Ballcostu- 
men und Blumenstraufiern in der Hand (von denen Einer, bei- 
laufig gesagt oft 100 Rubel Banco — das sind 30 Thaler — ko- 
stet), ferner die Kaiserliche Loge ganz und gar mit den schon- 
sten frischen Blumen geschmuckt, desgl das Orchester, der kai- 
serl[ichen] Loge gegenuber die Diplomatenloge, iiber dem Or- 
chester eine Tribune ganz voll von kostlich gekleideten Assiaten, 
die kaiserl[iche] Loge besucht von 

222 der Leuchtenberg, Prinz v. Hessen, die Grofifiirstinn Olga u. A. 
Man kann diese Pracht nicht genug beschreiben — nicht Paris 
kann das bieten, da schon einmal dort kein solches Local ist. 
Das Concert war hochst mittelmafiig. Ouvertiire zum Oberon 
[von Weber] ging schlecht, die Italiener sangen einen zu Tode 
mit ini, die Aufforderung zum Tanz [von Weber] von Berlioz 

032 Sic. Am Rand von fremder Hand mit Bleistift berichtigt: »Blick«. 



332 Marz 1844 (R) 

flir Orchester gesetzt, wo er aber den Schlufi als wahrscheinlich 
untauglich flir den Effect (!) weggelassen. 
Das Publikum bestand nur aus der hochsten Noblesse. Nach 
dem Concert hatten wir noch einen Auftritt mit unserem Be- 
dienten, den wir verfehlt hatten und zu FuE in seidenen Schuhen 
nach Hause^ 33 wandern mufken (d. h. Ich). Wir afien (im Gast- 
hof wobe) im Gastzimmer wobei uns der Winn Herr Bruno er- 
zahlte, dafi er fur sein Haus 80,000 Rubel Banco jahrlich Miethe 
zahle. — Friih hatten uns Herr Wirth (ein Augsburger, von dem 
ich einen schonen Fliigel auf der Stube hatte) und Martinoff, ein 
guter Klavierspieler besucht. 

Die Nacht hatten wir Tanzmusik Uber uns, die sich von nun an 
fast jede Nacht wiederholte — es war eine reiche Polin 

223 mit ihren Tochtern, die so wiitheten. 

Mittwoch d. 6 Marz (23 /Ifebruar]) fingen wir Besuche an zu 
machen und unsere Brief e abzugeben an Wielhorsky y Lwoff, Col- 
loredo, Seebach, James Thai mit liebenswiirdiger Frau und Kin- 
dern ect: ect: Immer und alle Tage besahen wir uns mit Erstau- 
nen den groften Winterpallast, Generalstab, Senatsgebaude, 
Alexander-S&ult und Vieles Andere noch. 

Zu Tisch waren wir bei Henselt, wo sich aber Robert nie recht 
wohl fiihlte. Henselts Concert — das nie fertig wird! er arbeitet 
bereits Jahre daran 683 . 

Abends fuhren wir in Engelhardt's Hotel — viel Miihe es zu fin- 
den, da es unser stockrussischer Kutscher nicht wufke und im- 
mer geradeaus fuhr(en), was alle russischen Kutscher mit groE- 
ter Standhaftigkeit thuen, wenn (sich) sie nicht wissen wohin. 
Concert von Bohm — wenig Noblesse zu sehen! Carl Mayer 
spielte mittelmaEig Mendelssohn's 2 und 3ten Satz aus dem 
G moll Concert. Wie war ich gespannt gewesen auf Diesen, den 
mir der Vater so oft als besten Schuler Field's gepriesen hatte! — 

224 Donnerstag d. 7 Marz (24 /l[ebruar]) Friih Besuche bei Graf 
Colloredo (an den wir von Metternich Brief hatten, der tins aber 
wider Erwarten gar nichts niitzte) bei Baron Stieglitz (wunder- 
voll eingerichtet, mit der Aussicht auf die Neva), bei Wirth (der 
eine grofie Anzahl schoner Instrumente, schoner, als ich sie in 
Deutschland kenne, dastehen hatte), bei General Gedeonoff (Di- 
rector aller Theater von Petersburg und Moskau), bei Bulgarin 
(Redacteur der^ 34 [»Nordlichen Biene«]), bei Maurer, und 
Nachmittag zur Grafin Woronzow-Dascbkoff (die an den Ma- 
sern krank lag), zu Stockbardt's, Frau v. Sauerweid (nicht sehr 
angenehm), und Senkowski (reicher Journalist mit ftirstlicher 
Einrichtung) . 

033 »nach Hause« am Rand hinzugefugt. 

034 Danach freigelassen. 



Mdrz 1844 (R) 333 

Vormittag wohnten wir der Probe von Paulinens Concert bei — 
Abends waren wir zu einer kleinen Quartettsoiree bei den Gra- 
fen Wielhorsky, wo wir Molique, Grofl, Maurer, Heinrich und 
Ciprian Romberg fanden. Sie spielten Quartett von Spobr, Beet- 
hoven, und Mathieu Wielhorsky ein Solo auf dem Violoncell, als 
Dillettant ganz brav, besonders mit guter Auffassung. 

225 Wir waren sehr freundlich dort aufgenommen und kamen % 2 
Uhr erst nach Haus. 

Nachmittags hatten uns auch Seebacb und ein Secretar des Gra- 
fen Colloredo besucht. Martinoff gehorte zu unseren taglichen 
Besuchen. 

Freitag d. 8 Marz (25 F.februar]) Friih Besuch von Stock- 
hardt 3 s> dann in die Probe der kaiserl[ichen] Hofsanger, die alle 
Freitage stattfindet, und wozu Billette ausgegeben werden. Diefi 
ist der trefflichste Chor den wir je gehort, die Basse gleichen zu- 
weilen den Orgelbassen und die Discante klingen oft ganz iiber- 
irdisch, schoner, als die schonsten Frauenstimmen. Die Nuancie- 
rungen und Schattirungen sind auf das genaueste einstudiert, 
zuweilen gar zu fein und vielfaltig — <man kann auch) ein{e> 
Uebermafi von Schattierungen mufi endlich doch auch ermiiden. 
Leider sangen sie recht (sch) mittelmafiige Compositionen, ge- 
wifi waren von Lvoff d&runter, der Director der Anstalt ist. Wir 
gingen zuriick zu Fufi — lange waren wir nicht gegangen. 

226 Bei Henselt's zu Tisch — Abends Concert der Viardot. Fur uns 
sehr langweilig! nichts wie italienische Musik und was besser 
war, war nicht zu horen, da sich das Publikum laut dabei unter- 
hielt, sogar — sollte man diefi fur^ 35 moglich halten — bei der 
Egmont-Ouverture von Beethoven, Pauline sang ein russisches 
Volkslied sehr hubsch und erregte nicht Enthusiasmus, sondern 
Fanatismus. Es ging zu weit, als dafi es nicht einen verniinftigen 
Menschen und Kenner, der gewifi Paulinens Kunst anerkennt, 
aber auch weifi, wo es fehlt, emporen sollte. So ging es uns, wir 
wurden verdnifilich, und wurden es noch mehr, als wir mit Ma- 
dam Henselt, die mit uns gegangen war, auf der Treppe wenig- 
stens eine Stunde noch warten mufiten, da der Wagen wegen 
der grofien Menge von Equipagen nicht vorkonnte. Die Herr- 
schaften besitzen iiberhaupt darin eine unendliche Geduld, nach 
einem vollen Concert Stunden lang auf ihre Wagen zu warten — 
unter solchen Aussichten brachte mich Niemand in ein Concert. 

227 Um auf den Enthusiasmus der Petersburger fiir die Italiener 
noch einmal zu kommen, so geht das wirklich in's Unglaubliche. 
Die Oper hatte diesen Winter dem Publikum eine halbe Million 
gekostet, und gleich nach Beschlufi derselben wurde ein neues 

o35 »fiir« iiber der Zeile hinzugefiigt. 



334 Marz 1844 (R) 

Abonnement fiir nachsten Winter (wo sie Alle und Lablache 
auch wieder kommen wollen) eroffnet, wo wieder eben so viel 
im Voraus bezahlt wurde. Da sollen die vornehmsten Familien 
sich Geld auf dem Leihhaus geholt haben, um nur eine Loge zu 
haben, denn es gehorte ja zur Mode, und die macht Alles mit 
und aus den Petersburgern. Es lafit sich wohl denken, dafi un- 
ter solchen Verhaltnissen fiir Concertgeber eine sehr schlechte 
Zeit war, und ich somit immer noch zufrieden sein konnte mit 
dem, was ich verdient hatte. Molique setzte bei dem ersten Con- 
cert zu, und beim zweiten und Letzten blieben ihm 2 Thaler, 
trotzdem er 14 Tage lang herum gefahren, und den Leuten die 
Billette selbst 

228 in's Haus gebracht hatte, was ich nie wurde gethan haben. 
Sonnabend d. 9 Marz (26 ^.[ebruar]) Fruh Besuch vom Graf 
Mathieu Wielborsky, dann Besuche bei'm General Doubelt, 
Staatsrath Meyer, Baronesse von Krudener und dem engl[ischen] 
Gesandtschafts-Secretar Bloomfield. Besuch von Lvoff, der mit 
Robert viel iiber seine Oper sprach, die er in Deutschland im 
Sommer zur Auffiihrung bringen will (634) . 

Zu Mittag afien wir an der Table d'Hote im Hotel Coition, wo 

das Couvert 1 % Rubel Silber kostet. Portionenweise kann man 

hier gar nicht essen, es kostet Einem eben so viel, und man ist zu 

guter letzt nicht einmal satt — das ist wohlweislich schon so ein- 

gerichtet. 

Abends unterhielt uns Madam Henselt recht angenehm vom 

Kaiser und seinen Thaten bei der Revolution nach seiner Thron- 

besteigung.< 634A > 

Sontag d. 10 Marz (27 £[ebruar]) Fruh machte Robert einen 

Spaziergang in die katholische, 

229 lutherische mit gutem Kirchenchoral, und Kasan'sche Kirche 
mit barbarischer Kirchenmusik. Letztere ist in Gestalt eines 
Kreuzes gebaut, an den Wanden hangen Fahnen und Schliissel, 
die im Krieg erobert wurden. 

Besuche von Herrn v. Sauerweid (eben so wenig angenehm, als 
seine Frau) Staatsrath Meyer mit Schwester, Graf Michel Wiel- 
borsky, Wirtb, James Thai und General Bolkowskoi, ehemaligen 
Gouverneur von Twer, der dem Robert die ersten und sehr er- 
freulichen Nachrichten von seinem Onkel [Carl von Schnabel] 
brachte, der noch lebt, obgleich schon alt. 
Mittags fuhren wir mit Madam Henselt und Herrn Gehling auf 
der Neva dann durch die Citadelle und zuriick. Der Wind 
schnitt gewaltig in*s Gesicht und Robert dachte heute wirklich 
den Verstand erfroren zu haben, der aber bald, nachdem wir in 
die Warme gekommen, wieder aufthauete. 



Marz 1844 (R) 335 

Zu Tisch bei Henselt's — Robert sprach viel mit Ihm tiber sein 
Concert. Er ist ein schrecklicher Pedant, und mufi 

230 ein schrecklich peinlicher und peinigender Ehemann sein, so 
wirklich gut er auch im Grunde seines Herzens ist. Sein Herz 
versteckt sich ganz hinter seinen Launen und Eigensinn und nur 
bisweilen lugt es einmal hervor. 

Montag d. 11 Marz (28 i\[ebruar]) Frtih schrieb Robert an 
seinen Onkel — mit freudigen Herzen lafit sich denken. 
Wir machten Besuche bei'm Ftirst Wolkonsky (Schatzmeister des 
Kaisers) und Seebach und erhielten deren vom Graf Mathieu 
Wielborsky, Instrumentenmacher Lichtentbal, Koberwein (der 
Robert wegen unseres Passes, Aufenthaltscarte und alien poli- 
zeilichen Umstanden sehr ntitzlich und gefallig war) und Gene- 
ral Doubelt. Spater besuchten wir wieder Gerke (Pianist), die 
Generalin Ronne y und General Schubert. 

Zu Tisch bei General Bolchowskoi, der eine sehr htibsche Toch- 
ter hat, die auch ganz vortrefflich Clavier spielt. Wir dachten, 
wie soil das werden, wenn gleich die Erste die wir h$ren, so 
spielt! 

231 {wie mufi das noch steigen!) doch wir hatten eben wohl die Be- 
ste zuerst gehort. 

Abends (gab Ma) hatte Madam Henselt ihren Gesellschaftstag; 
wir gingen hin um uns^ 36 bei Thee und Chartenspiel der Damen 
aufs hochste zu langweilen,^ 37 wobei Madam Henselt tactlos ge- 
nug war mitzuwirken — namlich bei'm Spiel.^ 38 
Dienstag d. 12 Marz (29 ^[ebruar]) Besuch vom jungen Scbu- 
bert[h] y wurdigen Bruder des Hamburger Schubert[h]. Wir sa- 
hen uns spater einige Broadwood'sche und Lichtenthal'sche Flu- 
gel an, die uns aber im Vergleich zu den Wirtb'schtn wenig 
gefielen. Wir machten aufterdem noch viel vergebliche Besuche, 
was uns theilweise recht lieb war, dabei hatten wir immer das 
schonste Wetter. 

Zu Tisch waren wir bei Stockhardt, wo wir lauter Deutsche fan- 
den. Stockhardt ist ein seelensguter Mann^ 39 aber trotzdem, 
oder vielleicht gerade defihalb, hochst lastig mit seiner suftlichen 
Freundlichkeit! man fiihlt sich defthalb oft veranlafit unfreund- 
lich gegen ihn zu sein, was Einem spater wieder gereut, weil er 
Einem doch nur 

232 aus lauter Gutmuthigkeit dazu gebracht. 

Seine Frau ahnelt ihm, doch ist sie ertraglicher, da sie beschei- 

036 Danach ein nicht lesbares gestrichenes Wort 

037 Davor eine Klammer ausradiert. 

038 Danach 1 3/4 Zeilen durch Rasur und Streichung mit andersfarbi- 
ger Tinte unleserlich gemacht. 

039 »Mann« iiber der Zeile eingefiigt. 



336 Marz 1844 (R) 

den, Er aber hochst zudringlich ist, und besonders iiber Musik 
alle Augenblicke etwas Dummes sagt. Er ist dabei ein iiber- 
schwenglicher Musikenthusiast. 

Abends waren wir mit Pauline Viardot bei Wielhorsky's zusam- 
men. Wir waren nur einige Personen und daher entschlofi ich 
mich einige Kleinigkeiten auf dem ganz verdorbenen Erard von 
Wtelhorsky zu spielen. Michel W. [ielhorsky] sang uns verschie- 
dene Lieder und Chore aus seiner Oper^ 635 ^, die von bedeutender 
Originalitat zeugten. Pauline uberraschte uns durch ihr aufieror- 
dentliches Gedachtnifi: sie wufite noch das Thema von Roberts 
Var:[iationen] fiir 2 Pianoforte, und auch einige Variationen 
vom vergangenen Sommer her, wo ich sie mit Mendelssohn in ih- 
rem Concerte gespielt hatte. 

Mittwoch d. 13/1 Marz war Robert sehr matt, es lag ihm in 
alien Gliedern. Besuche bei Bohm (Violinist), Romberg und Carl 
Mayer — (Letzterer)^ 40 

Wir erhielten Besuche von Bolchowskoi, Martinoff y Bloomfield 
und Gasser y Letzterer Banquier, ein Sachse von Geburt, aber 
langst schon in Rufiland eingebiirgert. 

233 Zu Tisch bei Staatsrath Meyer — freundliche einfache Leute — 
die Tochter spielte uns viel von ihrer verstorbenen Mutter, geb: 
Schiatti y die ein bedeutendes Talent besafi{,) in dem alteren (Styl 
von) Sonatenstyl — sie spielte das wirklich mit groster Vereh- 
rung, und scheint mir iiberhaupt ein von Character vortreffliches 
Madchen zu sein. 

Donnerstag d. 14/2 Marz Friih Besuche von Knecht (Cellist), 
Carl Mayer, Madam Beer (Schwester von Grund in Hamburg), 
Madam Gerke ect: Wir fuhren spater zu Madam Reichwaldt 
im° 41 [MarienJ-Institut. 

Zu Tisch bei Henselt's — melancholischer stiller Tag — schreibt 
Robert. Die Witterung immer warm. 

Freitag d. 15/3 Marz. Tag der Spannung der Dinge, die da 
kommen werden! es war heute mein erstes Concert (637 \ meine 
Angst war grofi, auch fiirchtete ich einen leeren Saal zu finden, 
was aber keineswegs der Fall war. Ich spielte trotz aller Angst 
gut und fand grofien Beifall. Der Engelhardt'sche Saal ist aber 
sehr hafilich, finster, schmutzig, dafi man sich wundern mufi, 
wie die feine Welt dorthin geht. — Die Grofifurstin von 

234 Leuchtenherg (ich war ihr von unserer Konigin empfohlen) und 
der Prinz von Oldenburg waren drinn. 

Sonnabend d. 16/4 besuchte uns Lvoff, spater gmgen wir zu 

040 Danach noch mehrere Worte durch Streichung unleserlich ge- 
macht. 

041 Danach freigelassen. 



Marz 1844 (R) 337 

Stieglitz und am dem Rilckweg besahen wir uns recht genau die 
Statue Peters des Grofien, die Isaakskirche, und gingen mit 
Stockhardt in die Casan'sche Kirche, wo uns vorzuglich ein Ma- 
rienbild aus lauter Edelsteinen, dann die Balustrade vor dem Al- 
tar ganz von gediegenem Silber, und die Schliifiel der verschie- 
denen {St> eroberten Stadte, worunter auch Dresden und Leip- 
zig, interressierten. 

Zu Hause fanden wir Michel Wielborsky. Er spielte uns Satze 
aus seiner Oper die viel Talent verrathen. 

Abends hatte ich versprochen im Concert des philharmonischen 
Vereins (638 > zu spielen, eine halbe Stunde vor dem Concert aber 
kam Fuchs und bat mich instandigst zwei mal zu spielen da ihn 
Herr Versing und Madam Schoberlechner plotzlich im Stich lie- 
fien. Ich that es, und diefi wurde mir denn wirklich auf eine sehr 
ehrende Weise gedankt. Nach dem letzten Stuck 

235 erscholl vom Orchester in Begleitung eines enthusiastischen Bei- 
falls ein dreimaliger Dusch, der mich aber nicht wenig in Schrek- 
ken und Verlegenheit versetzte. Die Grofifurstinnen Leucbten- 
berg und Olga waren da. 

Son tag d. 17/5 Friih probirte ich mit Henselt Robert's Var:[ia- 
tionen] flir 2 Pianoforte's. Er ist aber so pedantisch, dafi man 
verzweifeln mochte, sein ganzes Dichten und Trachten geht auf 
Mechanik, Stundenlang studiert er an einer Stelle, und so that er 
es auch bei den Variationen. Robert war nicht sehr befriedigt; es 
fehlt dem Henselt das zarte, poetische Spiel, was zu diesen 
Var:[iationen] vorzugsweise nbthig ist — so der Duft, der liber 
das Ganze went, fehlt ihm ganz, und diefi ftihlt er nicht. Am 
schonsten spielt er viel Kraft erfordernde Stiicke, Ouvertiiren, 
Polonaisen ect: aber lange kann man das nicht aushalten — mir 
zerreifit es die Nerven, wenn ich Stundenlang das Pianoforte in 
vollster Kraft horen soil, und er selbst verliert dabei immer mehr 
den feinen Sinn. 

236 Zu Hause fanden wir Frau Staatsrathin Mandt und Mile Reich- 
wald und Fraulein Thun. Wir probirten spacer Roberts Quintett 
mit Maurer und Sohn, Hager und Grofi. Die Geb riider Wiel- 
borsky, Bolchowskoi mit seiner Tochter, Henselfs hatten wir ein- 
geladen, i7v[au] Thun, Staatsrath Meyer mit Schwester, Zr;[au] 
Muller, Tochter von Job: Heinrich: Miiller (Componist) kamen 
zufallig dazu, und blieben. Die Theilnahme und Enthusiasmus 
fiir das Quintett waren allgemein, und die Wielhorsky's waren so 
entziickt, dafi sie gleich verabredeten bei sich ein Orchester ein- 
zuladen um auch Robert's Symphonie zu horen, was natiirlich 
Robert gern einging. Noch hatte ich vergessen, dafi Rubinstein 
auch zufallig, von Moskau koinend, zum Quintett anlangte 684 . 



338 Marz 1844 (R) 

Von der philharmonischen Gesellschaft erhielt ich das Ehren- 

Diplom (639 > in Anerkennung meines Dienstes gegen sie — ich 

fand diefi doch zu viel ftir das Wenige was ich gethan, freuete 

mich aber natiirlich. 

Zu Tisch waren wir bei Henselt. 

Montag d. 18/6 Marz. Friih Besuch von Bohm, Hofrath 

Grimm (Lehrer der jungen Grofifiirstinen) Rubinstein, einem 

Clavierspiel[er] Schiller, Graf Michel ]^[ielhorsky], General 

Schubert, Maurer und Romberg. 

237 Mittags spielte ich mit Mathieu W. [ielhorsky] die Sonaten von 
Mendelssohn. Es spielt sich mit ihm wie mit einem Kiinstler. Zu 
Tisch waren wir bei Bolchowskoi mit Henselt. Robert ging 
Abends eine halbe Stunde in das St: Michaeltheater, wo Madam 
Fink Lohr Concert gab, aber sehr mittelmafiig sang. 
Dienstag d. 19/7 Marz Friih besuchten wir die Casan'sche 
Kirche, dann die Peter-Paul Kirche in der Citadelle wo sich die 
Graber der russischen Kaiser- Familien seit Peter befinden. Bei'm 
Grabe Peter's iiberlief uns ein heiliger Schauer — welch' ein gro- 
wer Mann ruhete hier! — Robert besah in selber Kirche das Al- 
lerheiligste (Damen diirfen da nicht hin) wo sich ein Kreuz aus 
Einem Diamant befindet. Ein Kronleuchter von Peter in Elfen- 
bein geschnitzt hangt auch am Altar. Von dort besuchten wir Pe- 
ters holl&ndisches Hauschen und der Neva mit Gartchen, und 
sahen darin auch ein ziemlich grofies Boot, welches er selbst ge- 
zimmert; Diefi war ein interressanter Morgen! — Noch mufi ich 
erwahnen, dafi die ungeheueren Spitzen auf der Festungskirche, 
sowie der Admiralitat 

238 Geschenke von den Hollandern an Kaiser^ 42 Alexander waren, 
und mit achtem Ducatengold belegt sind. 

Zu Tisch waren wir bei'm General Schubert, der selbst musika- 
lisch recht gebildet aber einseitig scheint. Er hat zwei sehr neu- 
gierige und ungebildete Schwestern bei sich, aber angenehme 
Tochter, die ihre Neugierde (denn diese scheint der ganzen Fa- 
milie eigen) durch ihre Liebenswiirdigkeit und angenehme 
aufiere Erscheinung etwas verdecken. Es waren Einige mit dort, 
auch Knechty der mich aber, seit ich ihm abgeschlagen in seinem 
Concerte zu spielen, nur von der Seite ansieht.^ 43 
Martinoff (kommt nicht) kam seit einigen Tagen nicht mehr. Er 
hatte sich unartig gegen mich betragen, hatte alberne beleidi- 
gende Reden geftihrt, und daher liefien wir ihn am Quintett- 
Morgen bei uns, wo er zufallig kam, gehorig ablaufen. 

042 »Kaiser« uber der Zeile eingefiigt. 

043 Danach eine Zeile durch Rasur und Streichung unleserlich ge- 

macht. 



Marz 1844 (R) 339 

Abends gingen wir zu Lvoffl^ 4 ^, und erfreueten uns wahrhaft an 
seinem herrlichen Quartettspiel — ware er doch als Mensch wie 
er als Ktinstler ist!^ 44 

239 Ich spielte Roberts Quintett dort, es ging aber miserable zu un- 
serem grofien Aerger. Ein Violoncellist Beer, der aus dem Pari- 
ser Conservatoir kam, spielte mit vielem franzosischen Gefiihl 
und Pomp, aber bedeutender Fertigkeit. 

Lvoffs Wohnung ist eines der nobelsten Hauser, die wir in Pe- 
tersburg gesehen — reich ist [er] aber nicht, soil im Gegentheil 
bedeutend verschuldet sein. Wer hatte das geglaubt von diesem 

240 Adjudanten des Kaisers, der wie ein Fiirst in Deutschland reiste. 
Bei ihm trafen wir Mr: Wartel aus Paris, der uns aber nicht wie- 
der vorkam. 

Mittwoch d. 28 <>45 /8 Friih besuchte uns der alte Stein, Vater 
des Carl Stein, der vor 10—12 [? Jahren] als Clavierspieler reiste. 
Er ist ein gemeiner Mensch, der aber auch von alien Menschen 
wie ein Wurm mit Fiifien getreten wird. Sein Sohn ist von ihm 
gelaufen, und der Alte giebt nun einige Stunden. 
Mittag fuhren wir den Nevsky[-P rosptkt] entlang; wir hatten 
kein eigentliches Ziel und liefien unseren Kutscher freyen Lauf, 
der uns natiirlich geradeaus fuhr und uns so ins News ky-Kloster 
brachte und zwar bis an die aufierste Mauer, wo er denn halten 
mufite. Wir stiegen aus, befriedigt mit unseres Kutscher's nattir- 
lichen Verstand, und sahen uns [auf] dem sehr freundlichen 
Klosterhofe um. Wir gingen auch in die Kirche und sahen da 
das Grabmahl des heiligen Newsky, das aus gediegenem Silber 
ist. 

Nachmittags war uns schlecht zu Muthe — das Concert schien 
nicht voll werden zu wollen. 

241 Abends 2tes Concert* 641 * im Engelhardt'schen Saal. Es war wie 
das Erste mittelmafiig besucht, woriiber wir betrubt waren. Dar- 
an war wieder die italienische Oper Schuld, die die Menschen 
ausgebeutelt. Ein mittelmafiiges Concert hier, wtirde bei uns in 
Deutschland schon ein gutes geheifien haben, denn 4—500 blie- 
ben immer. 

Die Leuchtenberg und Olga waren wieder da, was mich einiger- 
mafien entschadigte, da es ehrenvoll war. 

Donnerstag d. 21/9 Friih kam Romberg, mit dem wir dann zu 
Wielhorsky's gingen, wo Robert seine Symphonie (dirig) pro- 
birte. Nach der Probe fuhren wir, wie gewohnlich, in einem klei- 

044 Danach 1 1/2 Zeilen sowie die folgende halbe Seite (17 Zeilen) 
durch Rasur und Streichung unleserlich gemacht. 

045 Recte: 20; so auch am Rand von fremder Hand mit Bleistift berich- 

tigt. 



340 Mdrz 1844 (R) 

nen Schlitten spatzieren, was zu meinen grofiten Vergniigungen 
in Petersburg gehorte. 

Abends Soiree bei Wielhor$ky^ 2 \ Ich spielte dort Mendelssohn's 
G moll Concert, und Robert dirigirte mit allgemeinster Aner- 
kennung seine Symphonie, und sie ging auch fur die eine 
Prope^ 46 sehr gut. 

242 Die Gesellschaft war nicht grofi, aber ausgewahlt. Prinz von Ol- 
denburg — ein seelensguter Mann, dem die Giite auf dem Antlitz 
geschrieben steht — Nesselrode y ein kleiner Mann mit spitzer 
Nase, waren die, welche uns am meisten interressirten. 
Molique spielte auch ein Concert von sich — schon, aber mit 
einem fatalen Gesicht und eisiger Kalte. 

Nach dem Concert Souper — Michel Wielhorsky belustigte uns 
Alle durch seine originelle, humorist[ische] Art Tafellieder zu 
singen. Das ist ein Mann, den ich wahrhaft Hebe und verehre. 
Man mochte wohl selten einen so hochgestellten Mann finden, 
der dabei so leutselig, so ganz Klinstler mit Kiinstlern ist, bei 
dem man so ganz und gar vergafie, wefi Ranges er ist, der voll 
von Gutmuthigkeit ist, kurz Alles besitzt, was Ihn Einem lieb 
und werth macht. Robert wird mir ob dieses Gestandnisses nicht 
ziirnen, er theilt diese Gefiihle mit mir, liebt und ehrt ihn wie 
ich. 

243 Wir kamen um 1 Uhr zu Haus, nachdem uns beide Briider 
[Wielhorsky] ihre Bilder mit Unterschrift gesehenkt <643) . 
Freitag d. 22/10 Friih Besuch von Homilius und General Pesa- 
voriuSy dann mit (Graf) Michel W. [ielhorsky] in die Schereme- 
tieffsche Capelle, wo wir theilweise einem russischen Gottes- 
dienst beiwohnten, was mir aber einen widerwartigen Eindruck 
machte, denn das Hinwerfen des ganzen Korpers in einer Mi- 
nute 3—4 mal ist doch iibertrieben, wie iiberhaupt der russische 
Gottesdienst mit weit mehr Ceremonieen verbunden ist, als der 
katholische, der Einem doch schon zuweilen iibertrieben 
scheint. Wir horten hier aber einen herrlichen Chor, (nach dem 
der Hof Sanger der beste) den der Graf Scheremetieff eigends 
nur ftir sich halt. In diesem Chor erschienen mir vorzugsweise 
die Soprane herrlich, es klang wirklich oft, wie Stimmen aus ei- 
ner anderen Welt. 

Nachmittag besuchten wir Herrn von Grimm, dessen Frau San- 
gerin ist. Dieser Mann war mir immer unangenehm, wenn ich 
ihn nur sah — ich kenne nichts 

244 widerlicheres, als einen jungen abgelebten Mann. Spater be- 
suchten wir noch Herrn v. Gasser, der sich unter Anderem iiber 
die Verbesserung der Posten — beklagte, Zinovieffs und Mand's. 

o46 Sic. 



Mdrz 1844 (R) 341 

Zu Tisch waren wir bei Henselt's — Abends gingen wir mit Stock- 

hardt in das Concert der Rechtsschule, in welches uns der Prinz 

von Oldenburg (Scheff dieser Anstalt) personlich eingeladen 

hatted 47 

Das Concert wurde fast nur von Rechtsschulern ausgeflihrt, de- 

nen der Prinz Musikunterricht ertheilen lafit, damit sie in den 

MujRestunden eine niitzliche Beschaftigung haben. Molique 

spielte, mit grostem Verdrufi, das sah man. 

Der Prinz behandelte uns den ganzen Abend mit grdster Aus- 

zeichnung, 

245 begriifite uns gleich bei'm Erscheinen, und fiihrte mich zum 
SchluE des Concert's selbst an's Instrument^ 644 ), damk ich den 
Rechtsschulern etwas. vorspielen sollte. Er war zart genug gewe- 
sen mich nicht aufzufordern, durch die dritte Person erfuhr ich 
jedoch, daJft es sein Wunsch sey. Unter den Anwesenden inter- 
ressirte uns eine Georgiscbe Prinzefi sehr, die eine russische Ge- 
fangene, vom Kaiser jedoch als Furstin behandelt wird, auch 
eine (solche) fiirstliche Apanage erhielt. Robert fand sie wunder- 
schon — sie hatte viel Aehnlichkeit mit Napoleon, was Einen 
gleich frappirte. 

Lvoffzeigte sich als gleisnerischer Hofmann unter den Gasten. 
Ich lieE ihn ziemlich kalt ablaufen — er benahm sich doch gar zu 
lumpig gegen uns. 

Sonnabend d. 23/11 erhielten wir ein Billet einer Grafin Tol- 
stoy, welche um Billette zum Concert bat — vor dem ersten Con- 
cert hatten wir ein gleiches von der PrinzeE Godschakoff 

246 erhalten und die Billet geschickt, die wir aber bis jetzt noch nicht 
bezahlt bekommen hatten. Wir schickten den Diener fort und 
fanden spater, als wir beide Handschriften verglichen, dafi es 
eine und dieselbe war, und also — ein Betrug. Wie abscheulich! — 
^ % Henselt holte mich diesen Morgen zur Kammerdame der^ 49 
Kaiserin /7*:[au] Partenieff, mit der er wegen meines Spieles bei 
Derselben gesprochen hatte. Ich besuchte sie, weil sie sich so ar- 
tig und freundlich zeigte und mir (anbot) Briefe nach Moskau 
anbieten liefi. Ich war nun so lange hier, und hatte noch nicht 
bei Hofe gespielt — Wielhorsky sagte immer, ich solle nur ruhig 
warten, es werde sich schon bei Hofe machen, die Kaiserin sey 
nur immer unwohl; da hatte ich aber noch lange warten konnen, 
Henselt bemtihete sich, und ging gleich an die Quelle und das 
war gut. 



047 Danach 8 Zeilen durch Rasur und Streichung unleserlich gemacht. 

048 Davor ein nicht lesbares gestrichenes Wort. 

049 Ursprunglich »Fr«, durch »der« iiberschrieben. 



342 Mdrz 1844 (R) 

Hatte ich gleich zu Anfang bei der Kaiserin gespielt, so hatte ich 
viel 

247 bessere Concerte gemacht — in Petersburg mufi Alles vom Hofe 
ausgehen, wenn der Adel theilnehmen soil. 

Besuch von Herrn v. Seebacb, Bloomfield und Fiirst Wiasemsky, 
der ein grofier Enthusiast fiir mich war, was ich ihm gar nicht 
angesehen hatte — er bedichtete mich spater. sogar. 
Wir besuchten heute den Bazar, wo unzahliche von Kaufladen 
sind, bei denen aber gar keine Eleganz herrscht, wie man sie zu 
finden glauben sollte. 

Vor Tisch Probe zum Quintett im Saale, nachdem bei Henselt 
zu Tisch. Abend's ging ich mit Stockbardt zu Cbamheau's, Se- 
cretair der Kaiserin. Das war wieder ein schoner Streich, den 
mir Stockbardt gespielt, bittet mich um Gotteswillen mit zu die 
Leute zu gehen, da sie sehnlich meine Bekanntschaft wiinschten, 
wahrend er wahrscheinlich grofi gethan und gesagt hat »ich 
werde Ihnen Madam Schumann herfuhren«. Wie bereuete ich 
spater diesen Besuch! ich hatte den Abend auf einem Klapperka- 
sten gespielt, und obendrein 

248 die Tochter, welche sehr schwachlich ist, und kein Concert be- 
suchen darf, eingeladen, mich zu besuchen, wo ich ihr dann 
mehr vorspielen wollte. Das war wieder einmal meine dumme 
Gutmuthigkeit! — Sie kam mit ihrer Mutter, und nachdem ich 
ihr vorgespielt, sagte die Mutter zu mir, ihr Mann wiirde mir 
gute Brief e nach Moskau geben konnen, ich solle nur hin- 
kommen und ihn darum bitten. Eine solche Frechheitwar 
mir doch lange nicht vorgekommen! wahrend mir die hochstge- 
stelltesten Personen die Briefe schickten und anboten, verlangte 
diese Secretar's-Frau, ich solle ihren Mann darum bitten. Und 
man kann sich wohl denken, dafi ich so wenig Geistesgegenwart 
hatte, dafi ich dieser Frau nicht einmal eine Antwort gab, an die 
sie hatte denken sollen! Ich war dieser Dreistigkeit nicht ge- 
wachsen, wie ich in solchen Fallen iiberhaupt immer zu dumm 
bin, dafi ich mich hernach pnigeln mochte. — Ich ging natlirlich 
nicht zu Herrn v. Scbambeau® 50 . 

249 Wir entschlossen uns heute in jedem Falle noch nach dem 3ten 
ein viertes, letztes Concert im Michel-Theater zu geben, was sich 
spater als ein gliicklicher Entschlufi bewahrte. Hauptsachlich 
hatte ich Robert dazu bestimt. 

Sontag d. 24/12 gab ich um 2 Uhr mein drittes Concert (645) ; es 
war gut besucht und das Publikum ein sehr feines. Das Quintett 
ging sehr gut und fand eine aufierordentliche Aufnahme, iibri- 
gens war aber das Publikum kalter gestimt, trotzdem, dafi ich 

O50 Recte: Chambeau. 



Mdrz 1844 (R) 343 

gerade heute sehr gut spielte. Das machte aber gewifi das Tages- 
licht — bei Tag ist die Stimmung eine (ganz) viel kaltere als 
Abend, was ganz naturlich. 

Wielhorsky brachte mir eine Einladung fiir den Abend zur Kai- 
serin, Groji hatte ich auch denselben Abend in seinem Privat- 
Concert zu spielen versprochen, so war das denn ein Unruhevol- 
ler Tag. 

Zu Tisch gingen wir zu Henselt's, von da gleich wieder zu 
Haus, wo Ich mich nur ankleiden konnte um gleich zu Herrn v. 
Grimm zu fahren, wo Grofi seine Soiree gab; ich 

250 spielte Adagio und Finale aus der F moll Sonate [von Beetho- 
ven], und fuhr von da gleich mit Wielhorsky zur Kaiserin. 

Das war eine Pracht in dem Palaste! da waren Kammerherren, 
Diener, Mohren, Tscherkessen die Menge — es hatte Einem 
Angst und Bange werden konnen! — 

Die Kaiserliche Familie nahm mich auf das huldvollste auf; es 
war ein kleiner Kreis, und in dem Wohnzimer der Kaiserin (das 
goldene Zimmer genannt) versammelt, wo ich denn auch spielte. 
Ich spielte viel, unter Anderem das Mendelssohn' sche Fruhlings- 
lied 3 mal hintereinander, aufierdem noch eine Menge Stiicke. 
Die Leuchtenberg spielt selbst viel, und interressirte sich wohl 
auch am meisten fiir das, was ich spielte. Die 3 Prinzessinnen, 
Olga, Marie und Alexandrine entzuckten mich, wie lange keine 
Schonheiten. Es sind sicher die schonsten Erscheinungen, die ich 
je gesehen. Die Olga ist wahrhaft kaiserlich stolz — eine hohe 
Schonheit, die Alexandrine ist die hochste Lieblichkeit, Zartheit 
und Anmuth. 

251 Die Marie (Leuchtenberg) ist die weniger Schone, aber interres- 
sant und die lebendigste von den Dreyen. Der Kaiser war auch 
da, und sprach sehr freundlich mit mir — auch er ist ein sehr 
schoner Mann. Die Kaiserin ist sehr kranklich und mager, hat 
aber noch immer ein liebliches Gesicht, und ist so leutselig und 
liebenswiirdig, dafi ich ganz und gar meine friihere Abneigung 
gegen sie (in Weimar war sie mir so furchtbar stolz erschie- 
nen) 685 verlor — sie zeichnete mich durch die groste Freundlich- 
keit aus, safi den ganzen Abend neben mir am Klavier und 
sprach viel mit mir. Der Prinz von Hessen war auch da — ich 
freuete mich ihn wieder zu sehen. Ich kam vollkommen befrie- 
digt und entziickt von der guten Aufnahme nach Haus und er- 
zahlte dem Robert noch lange bei einer Flasche Champagner 
von meinen Erlebnissen. 

252 Montag d. 25/13 Besuch von H. Romberg, Henselt, Grimm's 
und Ghambeau's — spater gingen wir zu Stieglitz, Oldecop (Re- 
dacteur der Petersburger Zeitung) Wielhorsky und Baron v. Toiler. 
Zu Tisch waren wir bei'm General Schubert. Abends gab Moli- 



344 Marz 1844 (R) 

que sein wahrhaft armliches Abschiedsconcert. Er dauerte mich, 
so unausstehlich er auch ist. Eine, wider alles Erwarten, 
schlechte Ouvertiire von Lvqff machte den Anfang des Con- 
cert's. Molique spielte Einiges heute wunderschon, aber kalt ist 
er.<> 51 

Dienstag d. 26/14 Besuch von Versing, mit dem wir Lieder 
vom Robert durchgingen. Spater holte uns der Herr von Ribeau- 
pierre (der Diplomat) um uns in das Winterpalais zu ftihren. 
Wie herrlich, wie prachtvoll ist das! das laBt sich gar nicht be- 
schreiben! Vorzugsweise entziickten uns^ 52 das Zimmer der Kai- 
serin (wo ich gespielt hatte) mit den Malagit-Tischen und Sau- 
len an den Wanden, dann ihr Garten, in dem man sich in einen 
Feen-Garten versetzt glaubt. Die schonsten fremdartigsten 
Pflanzen schmiicken ihn, so wie Fische und Vogel drin leben 
und singen. Ich war von diesem Anblick hingerissen, und hatte 
weiter nichts sehen wollen, nur dort ein viertel Stiindchen ver- 
weilen. 

253 In der Kurze erwahne ich nur noch den grofien Georgen-Saal, 
auch den goldenen Saal genannt 686 , darin die Buvet's, die von 
unten bis oben mit goldenen und silbernen Tafel-Aufsatzen (be- 
legt sind) und Pokalen, worunter wir auch [einen] von Cellini 
fanden, besetzt sind, ferner der Feldmarschall[-] und Generale- 
Saal, wo die Bilder aller russischen Generale von der Zeit 053 Pe- 
ters an aufgehangt sind. In einem dieser Saale begegneten wir 
dem Fiirsten Wolkonsky, Secretar des Kaisers, der zum Kaiser 
ging. An das Winterpalais stofit gleich die Eremitage, der^ 54 frii- 
here Lieblingsaufenthalt der Kaiserin Katbarina, jetzt zur Auf- 
stellung beriihmter Bilder und ungeheuerer prachtvoller Vasen 
bestimmt. Wir fanden unter Anderem ein Zimer voll lauter Rem- 
brandts, so wie Eines von Wouvermann's, ferner ein Zimmer voll 
lauter in der Krimm aufgefundenen Antiken, goldenen Lorbeer- 
kranze, Armspangen ect: Zuletzt kamen wir noch in ein Zimmer 
voll von Diamanten und anderen Edelsteinen. 

254 Nie habe ich solche Pracht gesehen, solche grofie Diamanten, 
und Perlen in ZolPsgrofie! Nur einen solchen Diamant und un- 
sere Reise ware vollkommen belohnt gewesen. 

Die Begleitung des Hrn. v. Ribeaupierre war uns hochst inter- 
ressant; er zeigte uns die Schlofi-Capelle in der er unter der Re- 
gierung Katharinen's getauft wurde; er entsann sich noch deut- 
lich besonderer Festlichkeiten im Thronsaal wo er Kathar[m&\ 
gesehen, auch den Kaiser Paul I. 

051 Danach mehrere Worte gestrichen und nicht lesbar. 

052 »uns« uber der Zeile eingefiigt. 

053 Danach ein gestrichenes, nicht lesbares Wort. 

054 Urspriinglich »die«, durch »der« iiberschrieben. 



Mdrz 1844 (R) 345 

Dieser Mann war so liebenswtirdig uns voile 3 Stunden (so lange 
brauchten wir, um nur Alles im Fluge zu sehen) herumzuftihren, 
mit der grofiten Freundlichkeit und Geduld uns Alles zu zeigen, 
erklaren, und uns dabei noch viel Interressantes selbst Erlebtes 
mitzutheilen. Das war einmal wieder ein Mann von achtem 
Adel, wie man ihn bei uns nicht kennt! wo wiirde uns in 
Deutschland ein Graf von solchem Range wie R.[ibeaupierre] 
3 Stunden in einem Palaste herumfuhren? 

255 Als ich nach Hause kam, erhielt ich ein schemes Brillant- Arm- 
band von der Kaiserin. 

Abends ging ich zum Kriegsminister <Z) Tschernitschow mit Hen- 
selt, um mich zu bedanken fur die Briefe welche er mir nach 
Moskau geben wollte. Robert hatte nicht Lust mitzugehen, was 
er nachher bereuete, als er horte, dafi das der beruhmte Kriegs- 
minister war. Er war unter der Zeit in melancholischer Verfas- 
sung, wie er selbst sagt, in eine Conditorei gefluchtet und 
hatte 055 mich nicht wenig erschreckt, als ich ihn zu Hause nicht 
fand. 

Mittwoch d. 27/15 Bekam Robert einen Brief von seinem On- 
kel aus Twer, der ihm grofie Freude verursachte. 
Um 1 Uhr fuhren wir auf die Einladung des Prinzen von Olden- 
burg nach dem Kioster Smolna, wo adlige Fraulein's erzogen 
werden, denen ich, da sie nicht ausgehen diirfen, vorspielen 
sollte. 

Robert war aus Furcht vor den vielen jungen Damen nicht mit- 
gegangen, und 

256 war schon auf dem Zuhauseweg begriffen, als ihn der Prinz ho- 
len Heft, neben den er sich sogleich setzen mufke.Es waren ubri- 
gens viele Zuhorer noch da. Ich spielte viel, und muftte danach 
die Tour durch alle die Damen machen, welche mir Alle danken 
wollten — ich hatte wohl einer Konigin gleichen konnen, hatte 
nicht mein Gesicht die Verlegenheit und das ungewohnte dieser 
Rolle gezeigt. Wir machten spater die Tour durch die inneren 
Gemacher des Institut, immer begleitet von einem Trupp junger 
Madchen, welche Eine meine Handschuh, die Andere meine 
Pulswarmer, die Dritte meinen Schwal ect: trugen, und diefi 
nicht eher hergaben, als bis wir uns an der Treppe befanden, wo 
ein einstimmiger Chor von nochmaligen Dankesworten erscholl. 

So viel Verlegenheiten hier aufeinander folgten, so hatte mir die 
Sache doch viel Vergnugen gemacht, wie man denn iiberhaupt 
uber die Annehmlichkeiten leicht das Unangenehme vergifit. 

257 Zu Tisch waren wir bei dem Herrn von Gasser — ein reicher 

OS5 »hatte« iiber der Zeile eingefiigt. 



346 Mdrz 1844 (R) 

Bctnquier. Er hat eine unangenehme Frau, die (das) roh und ge- 
mein in ihrem Wesen ist, dabei aber von Brillanten strotzt. Sie 
war mir so widerwartig, dafi ich froh war, als ich ihre Stimme 
nicht mehr horte. 

Abends waren wir bei'm Prinzen von Oldenburg^^ — einer mei- 
ner angenehmsten Abende! — Ich spielte mit Henselt des Prin- 
zen Symphonie, dann Roberts Variationen fur 2 Pianoforte's, 
aufierdem noch Vieles allein, sowie auch Henselt nach vielen 
Bitten der Prinzessin Einiges spielte, unter Anderem eine Polo- 
naise von Chopin wundervoll. Vom Prinzen sang Herr Versing 
einige Lieder — der Prinz schwelgte dabei, es sind dies seine se- 
ligsten Stunden, wenn man ihm seine Musik spielt oder singt, 
daher denn auch Henselt mit groster Geduld wochentlich zwei- 
mal mit ihm componirt. Die Prinzessin ist die Liebenswlirdigste, 
die man sich nur denken kann! diese Einfachheit, und Herzens- 
giite wird man selten bei einer so hochstehenden Frau finden. 
Sie war hochst freundlich gegen mich, und auch sie verehre ich 
wie Ihn. 

258 Nach dieser Soiree gingen wir noch zusammen zu uns, und un- 
terhielten uns mit Henselt bis spat in die Nacht. 
Donnerstag d. 28/16 Bekam Robert am friihesten Morgen 
einen anonymen, unbeschreiblich(en) gemeinen Brief, der ohne 
Zweifel vom alten Stein war, der sich auch von der Zeit an nicht 
wieder bei uns sehen lieE. Er^ 56 hatte mir einen kleinen Schiiler 
von sich gebracht, der gar nichts konnte, und viel zu schwere 
Sachen spielte — Letzteres sagte ich ihm unverholen, daher wohl 
seine Wuth. Der Brief bestlirtzte mich erst, dann aber machte er 
mich lachen. 

Besuche bei Nesselrode, Ribeaupierr[e], der uns Tags vorher 

auch besucht hatte, Wiasemski ect: 

Unter dem Bazar war Palmsontag-Markt, der aber von gar kei- 

nen Interresse fiir uns sein konnte, es waren da nur sehr 

schlechte Sachen. 

Zu Tisch bei Staatsrath Meyer, — leider traf es sich so, daft wir 

nie nach Tische langer dort bleiben konnten, sondern fast jedes- 

mal gleich fort mufiten, und die Tochter hatte uns gar so gern 

imer von ihrer Mutter vorgespielt, die sie wirklich auf eine riih- 

rende Weise verehrt. 

259 Freitag d. 29/17 fruh Probe im Theater. Auf Ansuchen von 
Seiten Romberg's spielte das Orchester umsonst, dem Sanger 
[Versing] aber mufiten wir 100 Rubel banco bezahlen. 

Das Concert^ 648 ) am Abend war ganz gefiillt, und auch wieder 

056 »Er« tiber ein nicht lesbares Wort geschrieben und mehrfach nach- 
gezogen. 



Marzl April 1844 (R) 347 

vom Hof besucht. Wir hatten einen reinen Ueberschufi von 
mehr als 1000 Silber Rubel — das war hubsch! ohne das waren 
wir von Petersburg schlecht weggekomen. 
Nach dem Concert waren Henselt's und die beiden Romberg's 
bei uns zum Abendessen. 

Sonnabend d. 30/18 befanden wir uns in Folge des Nacht- 
schwarmens sehr schlecht. Um 10 Uhr ging es zur Probe bei 
Wielhorsky, der am Abend wieder eine Orchestermusik veran- 
staltet hatte. 

Zu Tisch bei Stieglitz — feines Dinee — nicht sehr feine 
Wirthsleute. 057 Dieser Mann besitzt 40,0000° 57A und nahm, 
nachdem ich ihm 4—5 Briefe gebracht zu meinem ersten Con- 
cert 10 Billets — das war Alles! — 

Abends bei Wielhorsky 's . Symphonie von Mendelssohn — 3 Leo- 
noren-Ouverturen von Beethoven. 

260 Gaste waren unter Anderen der Prinz v. Oldenburg, Lvoff, Nes- 
selrode, General Laskowski, Glinka (Componist) Herr v. Lenz, 
Robert Thai, M[usik]£):[irektor] Behling ect: Von Letzterem 
wurden wahrend Tisch einige Gesange vorgetragen, die recht 
hubsch aber nicht ausgezeichnet waren. Wir waren furchtbar er- 
miidet, blieben aber doch bis 3 Uhr Morgens. 

Sontag d. 31/19 Fruh gingen wir mit Stockhardt, um das Haus 
des Prinzen von Oldenburg genauer zu besehen. Ein prachtiges, 
dabei hochst gemuthliches Palais. Der Pnnz begriifite uns mit 
seiner Gemahlin selbst, und auch die zwei reizenden Kinder 
wurden geholt, damit wir sie sehen sollten. Der Prinz fiihrte uns 
zu seiner Orgel die neben einer kleinen Haus-Capelle steht, und 
bei'm Gottesdienst (er ist Lutheraner) gebraucht wird. Dann 
zeigte er uns eine Statue von^ 58 [Bien-Aime], die eine spanische 
Tanzerin vorstellte. In einem Eckfenster hat man eine entziik- 
kende Aussicht uber die Neva, von der wir uns schwer trennen 
konnten. 

Als wir nach Hause kamen fanden wir Michel T^[ielhorsky], Ri- 
beaupierre, H. Romberg, mit welchen Letzteren Robert spater 
zum 

261 Fruhstuck ging, und dabei dem Kaiser in einem einspannigen 
Schlitten allein begegnete. 

Henselt gab eine musikalische Matinee — wir kamen hin, als er 
eben fertig war, hatten uns durch Besuche verspatet. Zu Tisch 
blieben wir dort. 

Montag d. lten April/20 Marz Ein furchterlicher Schmutz in 
den Strafien vom Thauwetter, wobei wir theils herumliefen 

057 Danach ein Wort gestrichen und nicht lesbar. 

058 Danach freigelassen. 



348 April 1844 (R) 

theils fuhren, um eine Diligence^ 59 nach Moskau zu bekommen 
und zwar mit deutschem Conducteur. Wir waren so dumm und 
liefien uns zu einem viereckigen Kasten, mit zwei kleinen Lo- 
chern zum Heraussehen, verleiten, was wir spater bitter bereue- 
ten. Man hatte uns gesagt, es fiihre sich gut darin — welche Tau- 
schung erwartete uns! — Heute feierte Robert's Zeitung ihr 
lOjahriges Jubilaum — Robert feierte es mit Romberg. 
Wir blieben den ganzen Tag zu Haus, Abends kam Henselt zu 
uns, mit dem wir dann lange hiibsch plauderten. 
Dienstag d. 2 April/21 Marz hatten wir furchtbar viel noch zu 
thuen, Besuche zu machen bei Stieglitz, Wielhorsky's und Ande- 
ren, einzupacken, bei Henselt's noch einmal zum Mittagessen 
zu kommen, kurz 

262 bis 10 Uhr Abends, wo wir abreisten, kamen wir nicht zu Ver- 
stande. Der Prinz von Oldenburg und die Leuchtenberg s chick- 
ten mir Beide wundervolle kostbare Armbander. 

Abends fuhren wir also ab, nie aber will ich diese erste grauen- 
volle Nacht vergessen! Das war ein Weg, wie man sie in 
Deutschland nicht kennt, nichts wie Locher, aber Locher Ellen- 
tief, dafi man hineinfiel, man glaubte nicht heraus kommen zu 
konnen. Wir wurden so auf diese Weise bis Moskau fast ganz 
zerschlagen, nicht eine Minute konnten wir ruhig auf einem 
Flecke sitzen, — Robert glaubte im Anfang ohnmachtig zu wer- 
den, und ware gern wieder umgekehrt, bezahlt war aber diese 
Carrete einmal, der Onkel erwartete uns auch in Twer, so mufi- 
ten wir uns denn in unser Schicksal finden. Sehr vergniigt waren 
wir auf dieser Reise nicht, wie sich Jeder wird denken konnen. 
Zum Gluck konnen die russischen Schlitten ihrer breiten Kufen 
wegen nie umschlagen, sonst hatten wir wohl Arme und Beine 
brechen konnen. Zum Ungliick waren wir auch mit unserem 
Conducteur sehr unzufrieden — alle Augenblicke brach etwas 
am Wagen, was er nicht machen liefi, 

263 weil er meinte, es wiirde schon noch so gehen, bis wir denn 
mehrmals in Dorfern Hegen bleiben mufiten um Reparaturen 
machen zu lassen. O Gott, hatten wir doch diesen leichtsinnigen 
Menschen priigeln konnen, wie oft hatten wir diefi gern ge- 
than! — 

Mittwoch d. 3 April/22 Marz verging unter fiirchterlichen 
Reiseleiden. Abends kamen wir durch Nowgorod, interressante 
Stadt, schon etwas im Moskauischen Styl gebaut. 
Donnerstag d. 4 April/23 Marz Fortwahrend schlechte Ge- 
gend bis zum Waldaigebirge, — eine Kette kleiner Hiigel, was 
die Russen Gebirge nennen. Waldai selbst ein Oertchen mit hiib- 

059 Das »c« iiber ein »s« geschrieben. 



April 1844 (R) 349 

schen Madchen. Das Wetter war immer schon, das kortnte aber 
unsere Leiden nicht mindern. Wir fuhren auch diese Nacht wie- 
der durch. 
Freitag d. 5 April/24 Marz Zu Mittag waren wir in Torscbock 

— wegen seiner Schuhe bekannt. Da war ein gutes Gasthaus, das 
im Rufe guter Cottelets stand — wir afien natiirlich Deren, und 
fanden sie gut aber nicht ausgezeichnet. 

Nach Twer zu wurde die Gegend anmuthiger; wir fuhren lange 
an dem Flusse, die Twerza hin, auch passirten wir einen Wald 
mit einem hubschen Kloster. 

264 Gegen Abend bei schoner Beleuchtung sahen wir Twer auf einer 
Anhohe liegen. Eine eigenthiimliche Stadt, sehr weit gebaut, 
ganz romantisch gelegen. Wir fuhren (es war nun schon Abend 
geworden) bei Robert's Cousin Carl, Sohn des Alten Schnabel 
vor, fanden aber, wie Robert sagt, das Nest leer. Mann und Frau 
waren schon auf s Land, um den Onkel am Morgen seines 
71jahrigen Geburtstag's sogleich begruflen zu konnen. Es war 
zu unserem Empfange Alles auf s bequemste eingerichtet, die 
Dienstleute flogen fur uns, und damit wir uns mit Ihnen verstan- 
digen konnten kam auch ein (gut) Hausfreund, der deutsch 
sprach, hin. Die Dienstboten waren Alle Stock-Russen. Es war 
uns lieb hier erst allein zu sein, damit wir uns in Ruhe etwas in 
der Familie orientieren konnten; wir erfuhren, daE Carl die 
dritte Frau geheirathet, daE auch die alte Tante (eine Meifine- 
rin) noch lebt, und Vieles noch, was uns interressirte. Man kann 
sich wohl denken wie glucklich wir uns diesen Abend fiihlten, so 
in der Fremde in ein so nahe verwandtes Haus zu kommen, alles 
bereit zu finden, um uns die groste Gemaglichkeit zu verschaf- 
fen! 

265 Wir iiberliefien uns ganz unserem Vergnligen und schhefen 
hochst zufrieden in angenehmen weichen deutschen Betten ein 

— der Mond griiEte uns auch (seh) freundlich zum Stubchen 
herein. 

Sonnabend d. 6 April/25 Marz Friih 7 Uhr fuhren wir in On- 
kel's Schlitten mit 3 Pferden, Eines vor das^ 60 Andere(m) ge- 
spannt, nach Sescowitz bei dem schonsten sonnigen Wetter; auf 
der Mitte des Weges fnihstuckten wir im Wagen — der Bediente 
hatte Wein, Semel, Fleisch, Eier ect: mitgenommen — wo es uns 
ganz vortrefflich schmeckte. Um 1 Uhr langten wir zu Onkel's 
71jahrigen Geburtstag an — die Freude von alien Seiten war 
grofi! Der Alte hatte seit^ 61 Jahren Niemand von den Seinigen 
gesehen und kannte Robert noch gar nicht. Die jungen Scbna- 

060 Ursprunglich »dem«, durch »das« uberschrieben, 

061 Danach freigelassen. 



350 April 1844 (R) 

beVs sind nette Leute, Er ein grofier Hyphoconder^ 62 , sie aber 
eine allerliebste Frau, eine Revalenserin. Der Tag verging unter 
schwatzen; der Onkel ist korperlich sehr schwach, geistig aber 
noch sehr lebendig. 

266 Sontag als am Ostertag kamen fruh die Bauerinnen und brach- 
ten Ostereier welche Ceremonie allemal mit einem Kusse 
schliefit. Vorziiglich interressirte mich eine junge hiibsche Baue- 
rin, welche die alte Tante von einem Freunde geschenkt erhalten 
hatte; die Tante hatte sie formlich adoptirt, hatte ihr Deutsch 
gelehrt, schreiben, lesen, und sie als ihr Kind betrachtet, war mit 
ihr in Petersburg gewesen, wo sie sie in alle Gesellschaften mit- 
nahm; Diese verwarf sich auf einmal so, wurde so liiderlich, erst 
1 2 Jahr alt, dafi die Tante sie, nach dem alle Arten von Strafen 
nichts geholfen, wieder unter die Bauern liefi, wo sie denn auch 
endlich einen ganz armen Bauern heirathete. Bei Dieser, kann 
man sagen, liefi sich die Geburt nicht verlaugnen. Diefi Mad- 
chen kam nun, um auch ihre Ostereier zu bringen. Die Tante 
sagte mir, es benihre sie jedesmal schmerzlich diese Frau zu se- 
hen, an der sie so viel in den schonsten Hoffnungen gethan. 

267 Das Verhaltnifi der Bauern zu ihren Herren ist keineswegs so 
schrecklich, als man es bei uns glaubt. Ist der Herr gut, so ist er 
der Vater der Bauern, die ihn verehren und lieben, ist der Herr 
schlecht, wie mogen es unsere Bauern eben so wenig gut haben, 
als die Russischen. 

Robert mufite dem Onkel viel erzahlen und erzahlen horen; er 
zeigte ihm Briefe von seinen Aeltern, und lebte, wie es schien, 
ganz auf in der Freude, vor seinem Ende noch den Liebling sei- 
ner Schwester gesehen zu haben, die er sehr liebte. 
Montag d. 8 April/27 Marz Abschied vom Onkel, den wir 
wohl nie mehr wieder sehen werden. Die Tante fuhr mit uns 
nach der Stadt, die jungen Scbnabel's waren schon Tags zuvor 
fort. Die alte Tante fuhr in einer Kibitka* 650 ) hinter uns her, wir 
vorneweg. Sonderbar ist es — wir machten so eine grofie Reise 
ohne Unfall, und hatten auf dieser kleinen Tour unglucklich 
werden konnen. Erst fuhr der Kutscher 

268 an einen Pfahl mit solcher Heftigkeit, dafi, hatten wir uns nicht 
zufallig zuriickgebeugt, wir Beide verstummelt worden waren. 
Gleich darauf fuhr er wieder (consternirt wahrscheinlich durch 
den ersten Unfall) in eine Pfiitze, die, (zugefroren) nur leicht 
zugefroren, gleich brach, so dafi das eine Pferd sturtzte und ge- 
schleift wurde. Dann fuhren wir zwei Stunden auf dem Wasser 
bei grofier Warme auf dem Eise, und noch bei'm Herauffahren 

o62 Sic. 



April 1844 (R) 351 

vom Flufi konnte uns ein Ungluck passiren, indem ein Pferd 
scheu wurde. Das waren viel Ungliicksfalle auf einmal — Gott 
sei Dank, dessen Schutz wir hier einmal deutlich gefuhlt hatten. 
Noch bei'm Wegfahren aus Seskowitz freueten wir uns, wie sich 
Alles so gliicklich gefiigt — wir waren voreilig gewesen. 
Unterwegs auf der Halfte Weg's fruhstiickten wir in einem ganz 
armlichen Bauernhaus, das war eine gute Wirthschaft! Die 
Tante unterhielt sich viel russisch mit der Bauerfrau, die uns wie 
fremde Thiere betrachtete. Die Tante ist eine vortreffliche Ge- 
sellschafterin, und irner guter Laune. 

269 Ich habe sie recht Heb gewonnen. Wir kamen sehr verstimmt von 
den Schrecknissen in Twer an, wurden jedoch durch unsere lie- 
benswiirdigen Cousin's bald erheitert. Spater machten wir eine 
kleine Spazierfahrt; Abends spielte ich vor einigen Musikfreun- 
den. Namentlich gefiel mir ein Major mit seiner Frau sehr gut. 
Wir waren recht vergniigt und gemuthlich beisammen. 
Dienstag d. 9 April/28 Marz Morgens beschenkte uns der 
Carl, Robert mit einem schonen bugarischen Schlafrock, Miitze 
mit grofier Troddel und russische Schuh, und mich mit einer 
russischen Theemaschine, die mir viel Freude machte. 
Mittags machten wir eine Fahrt durch die Stadt, besuchten einen 
Etatsrath, und besahen uns das ehemalige Haus mit Garten der 
alten Tante. Fruher lebte der Onkel in Twer, und zog sich erst 
in spateren Alter nach Seskowitz zuriick was er mit 200 Bauern 
kaufte, und was nach seinem Tode der Carl einmal ubernehmen 
wird, der jetzt Gendarmeriehauptmann ist. 

270 Nachmittag spielte ich in Reisekleidern noch einigen von Carl's 
Freunden vor — um 7 Uhr fuhren wir dann ab, wieder in unse- 
rem Bretterkasten. Wir hatten neue Reiseleiden auszuhalten, die 
doch beinah einen Tag noch dauerten. Es bot sich nichts Inter- 
ressantes bis zum Anblick Moskau's von Petrowski aus, das uns 
auf das hochste iiberraschte. Hier war es, wo Napoleon wahrend 
des Brandes* von Moskau, das er schon zu besitzen glaubte, 
wohnte. Es ist ganz eigenthumlich gebaut, und man glaubt sich 
bei seinem Anblick wirklich in »Tausend und eine Nacht« ver- 
setzt. Von dort bis Moskau fahrt man zwischen russischen origi- 
nellen Landhausern hin, bis man denn endlich in Moskau ein- 
fahrt. Es bietet einen ganz anderen Anblick als Petersburg, die 
Hauser sind weniger grofiartig und die Strafien unregelmafiig — 
der erste Eindruck ist nicht so, wie man ihn sich denkt. Wir stie- 
gen bei 

271 Sckevaltischeff ab, ich war aber so unwohl, dafi ich Robert auf 
seiner Wanderung auf den Kremle nicht begleiten konnte. 

Er kam ganz entziickt nach Haus, ich theilte sein Entziicken, so- 
bald auch ich den herrlichen Anblick des Kremle's genossen. 



352 April 1844 (R) 

Man gelangt dahin durch ein Hauptthor, durch welches kein 
Mann bedeckten Hauptes geht (651J , komt man dann heraus, so 
tiberblickt man den Kremle mit seiner Menge goldener Kuppeln, 
die grofie Cathedrale, den grofien Glockenthurm, das neue Pa- 
lais, welches sich der Kaiser jetzt bauen lafit, den alten Czaren- 
Pallast, das grofie Zeughaus, und Vieles noch, vor allem aber 
sieht man zu Fiifien des Kreml's einen grofien Theil der Stadt, 
durch die Moskwa vom Fufi des Kreml's getrennt. Dieser An- 
blick ist nicht zu beschreiben, man glaubt man miisse in Con- 
stantinopel sein, so ganz eigenthumlich orientalisch ist diese 
Stadt mit ihren unzahligen Thiirmen. Ehe man zum Kremlin 
kommt, erblickt man eine originelle Kirche, wie ich sie nie gese- 
hen, mit 9 Thiirmen und Jeder 

272 anders, Einer sieht aus wie eine Tulipan, der Andere wie eine 
Ananas, wieder ein Anderer wie lauter schon geranderte Bander 
u. s. w. Diese Kirche heifit^ 63 [Basilius-Kathedrale] 

Auf dem Kremlin interressirte den Robert sehr die (Gl) grofie 
Glocke zu Iwan welikii, die er auch spater in Versen besang. 
Dieser Kremle war fur uns von einem neuen Reiz, so oft wir ihn 
auch sahen — wir besuchten ihn fast taglich. 
Donnerstag d. 11 April/30 Marz befanden wir uns besser — 
Robert war Abends zuvor auch unwohl geworden. Wir gingen 
gleich friih auf den Kremle, durch die Kaufladen, wo man die 
achten Russen sieht und wo der ganze Verkehr einen ganz asia- 
tischen Character annimmt, dann tiber die Moskwa, um auch 
den Kremle von unten zu sehen. Die Moskauer Kaufleute und 
Frauen haben eine sehr hiibsche Tracht. 

273 Die Manner lange Rocke in der Taille mit einem Bande zuge- 
halten, und die Frauen seidene Tiicher um den Kopf gewunden, 
nie im Hut; es sieht oft ganz sonderbar aus, wenn man so eine 
Frau im seidenen Kleid mit einem Kopftuch gehen sieht. Sehr 
auffallend waren uns die Bauerinnen (es war doch Osterwoche, 
wo Alles vom Lande hereinkommt, um sich zu belustigen) mit 
seidenen Kasanjacken [?] mit dem schonsten Pelz besetzt, und 
darunter z. B. ein ordinaires Kattunkleid. Es interressirte uns 
hier in Moskau Alles, weil Alles so ganz eigenthumlich ist — 
Moskau ist gewifi einzig in seiner Art, und findet in Europa 
nicht seinesgleichen. 

Als wir von unserem Spatziergang zuriickkamen besuchte uns 
Herr Rheinhardt, dem wir durch Wielborsky angelegentlich 
empfohlen waren. Er (ist) war fruher der erste Clavierlehrer in 
Moskau, (und) giebt seit einiger Zeit aber nur noch Unterricht 
im Findelhaus, woflir er mit Leib und Seele lebt. 

063 Danach ca. 2 Zeilen Platz gelassen. 



April 1844 (R) 353 

274 Er brachte uns sogleich in das Hotel de Dresde wo wir uns dann 
auch viel besser befanden, als vorher — wir hatten bei Scheval- 
tiscbeff so sehr von der Hitze gelitten. Unser neuer Wirt hiefi 

* Shot, und sprach deutsch. Wir zahlten fur das Zimmer taglich 
15 Rubel banco, fur den Bedienten 25 Rubel wochentlich, 
1 Couvert 4 Rubel ect: Alles war wie in Petersburg enorm 
theuer, vorziiglich aber das Fahren — wollte man einen Besuch 
machen, mufite man den Wagen auf den halben Tag nehmen 
und 3 Silber- Rubel bezahlen. 

Nach Tisch fuhren wir eine Stunde spatzieren, um den Kremlin 
und zuriick. (Bei'm nach) Um 6 Uhr kamen wir^ 64 wieder nach 
Haus und ergotzten uns an der untergehenden Sonne von einem 
Eckfenster in unserem Zimmer aus^ 65 (wo man auch etwas Stadt 
iibersah, das uns viel Freude machte, denn so wenig es war, so 
waren es doch schon Kuppeln die MengeQ]. 
Wir gingen sehr friih zu Bett, wo man hier eigentlich erst zu le- 
ben anfangt. 

275 Freitag d. 12 April/31 Marz Friih kam Rheinhardt mit Marcou 
( Violoncellist), wo wir wegen des ersten Concert's berathschlag- 
ten. Es gab eimge kleine Depatten, Robert sollte ohne mich bei 
<Ju) einigen Junggesellen Besuche machen, was er nicht wollte 
ich ging folglich mit, zu Verstowsky, Theaterdirector und Gros- 
ser, Musikhandler. Die Distanzen sind hier ungeheuer, zu Fufi 
kann man gar nicht gehen, viel weniger noch, als in Petersburg. 
Unser Bedienter Friedrich war ein Deutscher aus Bremen; er 
war mit einem franzosischen General nach Moskau (unter Na- 
poleon) gegangen, wurde dort krank und mufite bleiben, ist 
auch bis jetzt nicht fortgekomen, und dient vorziiglich Fremden, 
die das Russisch nicht verstehen. 

Nach Tisch gingen wir zu einem Conditor und lasen deutsche 
Zeitungen; Abends waren wir zu Haus. 

Sonnabend d. 13/1 April war Robert sehr unwohl. Wir bekamen 
Besuche von Mad.[ame] Rheinhardt, Villoing, Lehrer des 

276 Rubinstein, Rheinhardt und Grosser, und machten deren bei Ne- 
bolsyn, Fiirst Scberbatoff Vice-Gouverneur und Anderen. Zu 
Tisch waren wir bei Rheinhardt's. Ein Herr Doctor Nov. unter- 
hielt uns sehr angenehm indem er uns viel von Field erzahlte, 
auch Rheinhardt, der einer seiner besseren Schiiler war. Das 
mufi ein genialer Mensch gewesen sein! — 

Nach Tisch fuhren wir zur Promenade, wo wir ein ungeheueres 
Wagengewiihl fanden. Es war der Schlufi der Osterwoche, wo 

064 »wir« iiber der Zeile eingefugt. 

065 »aus« iiber der Zeile eingefugt. 



354 April 1844 (R) 

das Volk sich mit Schaukeln und Jongleurs belustigt. Um 8 Uhr 
kamen wir nach Haus. 

Sonntag d. 14/2 April gingen wir friih mit Marcou auf den 
Kreml; Derselbe ist mit einer gezakten Mauer umschlossen, an 
welcher sich eiserne Haken befinden, wie die Fabel sagt, um die 
Strelitzenkopfe dort aufzustecken, von Peter dem lten angeord- 
net (652) Gleich beim Eingang in den Kremle ist ein Sturmglok- 
kenthurmchen, das in Kriegszeiten, bei'm Anriicken der Tarta- 
ren, gebraucht wurde. 

277 Leider waren fast alle Kirchen zu, so dafi wir nur eine Runde 
um den Kremle machen konnten, bei dem schrecklichsten 
Schmutz, denn schon seit 14Tagen hatten wir den schonsten 
Sonnenschein, der aber den Schnee aufweichte. 

Besuch von Nebolsyn — netter alter Mann, der aber eine junge 

capricciose Frau geheirathet hat. 

Abends suchten wir ein Cafe, wo wir Zeitungen lasen, es war an 

der Schmiedebrucke und wir fanden dort die Berliner Vossische 

Zeitung. 

Auf dem Kremle sahen wir auch die alteste Kirche Moskau's, 

die schon halb in die Erde gesunken, und die der Kaiser nicht 

einreifien lafit.( 653 > 

Montag d. 15/3 April Machten wir viele Besuche, trafen aber 

wenige zu Hause. In Madam Siniavine fanden wir eine ange- 

nehme feine Frau, und herrlich eingerichtet. Der Postdirector 

Bulgakow scheint noch ein ganzer Lebemann, aber 

278 hat wohl nicht viel Interresse fur Musik. 

Zu Tisch waren wir bei Nebolsyn , dessen Frau mir hochst unan- 
genehm war. Er ist auch sehr schon eingerichtet und hat einen 
schonen Musiksaal, den er uns zur Disposition stellte, wir be- 
nutzten ihn aber nie, weil es uns in anderer Hinsicht immer nicht 
pafite. 

Auf der Nachhausefahrt bekam Robert einen solchen Anfall von 
Schwindel, dafi er plotzlich nicht sehen konnte, und wir in die 
angstlichsten Besorgnisse geriethen. Es ging voniber, doch war 
er wahrend unseres ganzen Aufenthalt's in Moskau immer zum 
Schwindel geneigt. Wir konnten uns diefi gar nicht erklaren, bis 
uns spater Jemand sagte, diefi sey Folge des Moskauer Bier, wel- 
ches wir taglich tranken, und gerade auf Robert's starken Kor- 
per diefie Wirkung iibte. 

Dienstag d. 16/4 April besuchte uns Fruh^ 66 der Adelsmar- 
schall Tscberkow, der sich sehr freundlich gegen uns benahm 
und dem wir Viel zu danken hatten, denn die Saison war hier 
ganz voriiber, ein grofier 

066 »F« Uber einen nicht mehr lesbaren ausradierten Buchstaben ge- 
schrieben. 



April 1844 (R) 355 

279 Theil des Adels^ 67 schon auf dem Lande, und die Wenigen wel- 
che noch da waren hatten kein Geld und kein Interresse mehr 
fiir die Concerte. In Rufiland ist Alles Modesache! es ist Mode 
bis Ostern in die Concerte zu gehen, da bestimmen denn die 
Leute eine gewisse Summe fiir derart Vergniigungen, nach 
Ostern aber kann ein Herr-Gott vom Himmel kommen, er 
macht nichts; ohne Tscherkow machte ich gar nichts, denn die- 
ser nahm eine Anzahl Billets und vertheilte sie, zog wirklich die 
Leute bei'm Haaren herein. Wie viel mehr hatte ich vor Ostern 
verdient, das ware ein anderes Ding gewesen. 

Wir wollten Besuche machen, konnten es aber wegen Robert's 
Schwindel nicht. Wir gingen in den Strafien herum, und amusir- 
ten uns dabei ganz gut. Auch den Kremle besuchten wir wieder 
und Robert machte (zwei) ein 068 schones Gedicht »Der Glok- 
kengiefier von Ivan Welikii«^ 6S ^, dem spater noch zweie 
folgten, die von Napoleon handelten, an den man im Kremle un- 
willkuhrlich immer er- 

280 innert wird. Abends schwatzten wir viel mit^ 69 Rheinhardt. 
Mittwoch d. 17/5 Die Morgen dichtete Robert immer, wah- 
rend ich spielte und Besuche empfing. Heme kamen Fischer von 
Waldheim, ein alter guter, aber fatal zudringlicher Mann, der 
m j r 070 nocn formlich Frauenzimmertoll scheint, obgleich er 
schon verheirathete Kinder hat. Baron Meyendorff, ein geistrei- 
cher, interressanter, dabei aber sehr zerstreuter Mann. 
Mittags fuhren wir zu Serge Galyzyn y an den wir durch den 
Prinz von Oldenburg empfohlen waren, der uns aber gar nichts 
nutzte, im Gegentheil mir ein Paar Handschuh, und dem Robert 
3 Silberrubel (fiir den Wagen) kostete, denn er hatte uns zu Sich 
eingeladen, nur um uns »guten Tag« zu sagen. Sind das Mos- 
kau's Grofie? und der General-Gouverneur Scberbatoff, der im 
Theater eine Loge und zu keinem Concert ein Billet nahm? sind 
das Moskau's Beschiitzer der Kiinstler? 

281 Spater fuhren wir nach der Strafie von Smolenska wo die Fran- 
zosen hergekommen waren. Wir konnten nicht Uber die 
Moskwa weil sich "Wasser unter dem Eise zeigte. 

Robert fafite Lust sich in Moskau langer niederzulassen, doch 

mufi man jede Stadt erst genauer priifen, denn spater fanden wir 

doch manche Mangel die Einem den Aufenthalt auch verleiten 

wiirden. 

Den Wasserthurm(e) besahen wir uns, durch welchen ganz 

Moskau sein Wasser erhalt. 

067 »des Adels« liber der Zeile eingefugt. 

068 »ein« iiber dem gestrichenen Wort stehend. 

069 »mit« auf dem Seitenrand hinzugefiigt. 

070 »mir« iiber der Zeile eingefugt. 



356 April 1844 (R) 

Abends gingen wir in's grofie Theater. Es ist ein schones, gro- 
fies, prachtvoll erleuchtetes Haus, war aber sehr leer. Man gab 
Cosimo von Prevost (?) — zum Theil geistreiche Musik und 
schon instrumentirt; hubsches Spiel und Gesang der Russen. 
Nach dem Theater gingen wir in die Passage Gazarin® 71 und 
tranken dort ein Glas Punsch. 

Donnerstag d. 18/6 April gingen wir viel spazieren. Morgens 
dichtete Robert immer, und dann fiihrte unser Weg^ 72 immer 
nach dem Kremle, der 

282 Roberts Fantasie immer von neuem erweckte und unseren 
Augen immer neue Reize schaffte. 

Lehnhold machten wir einen Besuch, und fanden bei ihm ein 
schones Fliigel-Magazin, meist Wirth'sche und von Stutznagel. 
Spater besahen wir den Saal de la noblesse, der ganz grofiartig ist 
und wie der Petersburger 3 — 4000 Menschen fafit. Robert fand 
ihn in seiner Ausschmuckung noch nobler als den Petersburger. 
Auf dem Riickweg nach Haus kamen wir an einem enorm gro- 
fien Haus voriiber, das beinah so lang, wie bei uns eine ganze 
Strafie war, dafi aber nur seine 4 Wande hatte. Es war bei'm 
Brande ausgebrannt, und der jetzige Besitzer hatte (ein besonde- 
rer Grund war wohl noch dabei) aus Caprice es so stehen lassen, 
zwar von Aufien angestrichen, denn es steht in der grofiten 
Strafie Moskau's, die Twerskoi, doch von innen, wie schon ge- 
sagt, ganz hohl und ode. 

283 Wie reich mufi ein Mann sein der solch ein grofies Terrain unbe- 
nutzt lafit. 

Die Abende verlebten wir immer still zu Haus — die Zeit der 

Soireen war hier schon vortiber. 

Freitag d. 19/7 April lenkte uns der Durst in eine Bierspe- 

lunce, wo wir zwei Manner schauderhaft singen hSrten. Es 

schienen Kutscher zu sein. (Zu) 

Zu Tisch waren wir bei Fischer von Waldheim. Robert schreibt 

hier »Krankungen (und Clara's Benehmen dabei) die kaum zu 

ertragen, und Klara's Benehmen dabei«! ich weifi von nidus, es 

scheint mir aber jetzt, bei Durchlesung der Notizenblatter, dafi 

ich oft Roberts Unwillen erregt habe — in boser Absicht gewifi 

nie, dann immer durch Unbeholfenheit und Mangel (an) ra- 

schen Geistes. Nach ruhiger Ueberlegung finde ich oft erst, was 

Andere Klugere im ersten Augenblick wissen. 

Sonnabend d. 20/8 April erhielten wir Besuche von Amatoff 

( Violinist) Marcou und Tscherkow, der gewohnlich 



071 Recte: Gagarin (Lesefehler Clara Schumanns). 

072 »Weg« auf dem Seitenrand hinzugefiigt. 



April 1844 (R) 357 

284 am Tage des Concert's kam um die genommenen Billete selbst 
zu bezahlen. Robert besuchte Geniscbta, erster Klavierlehrer in 
Moskau, auch fiir Composition ein talentvoller Mensch, aber er 
scheint mir sehr eingebildet, was mich jedesmai unangenehm be- 
riihrte, wenn ich ihn sah. 

Abends gab ich mein erstes Concert im kleinen Theater (655) ; es 
war leer, die grofie Theilnahme aber von Seiten des Publikums 
(ab) entschadigte mich einigermafien. Das Publikum war hochst 
enthusiastisch und eine schone Dame, Madam de Kirieff sandte 
mir sogar einen BlumenstrauE. In der Pause kam der Fiirst 
Scherbatoffy Tscherkoff und mehrere Andere auf die Biihne. 
Sontag d. 21/9 April gingen wir, nachdem wir viele Besuche 
gehabt, durch den Kaiserl[ichen] Garten am Fufi des Kremle 
und dann auf Denselben, wo wir den grofien Glockenthurm be- 
stiegen, aber bald wieder verliefien, da wir Beide keine Helden 
im Besteigen hoher Punkte sind. 

285 Dann besahen wir das Arsenal, worunter sich denn auch kleine 
sachsische Kanonen befinden, von denen Robert meinte, sie se- 
hen so friedlich, so blank und neu aus, als seien sie nie ge- 
braucht. 

Abends schwarmten wir wieder auf den Strafien herum, bis 
9 Uhr wo uns Baron Meyendorff besuchte. (Wir waren ihm 
durch Liszt empfohlen, mit dem er sehr befreundet scheint.) 
Montag d. 22/10 April einfacher Tag. Abend kieiner Spatzier- 
gang in den Kremle. 

Sehr auffallend war es mir hier nie Besuche von Damen aus der 
Noblesse zu erhalten; Madam Siniavine schrieb mir immer, wie 
sehr sie wiinsche mir ihr Entziicken iiber mein Spiel ausdrucken 
zu konnen^ 73 , ich mochte doch zu ihr komen. Diefi frap- 
pirte, und krankte mich nicht wenig, denn dies war ich nicht ge- 
wohnt; in den grofiten Stadten haben sich die Vornehmsten Da- 
men nicht zu gut gediinkt mich zu besuchen, und hier that es 
nicht eine Einzige. Rheinhardt erklarte mir spater, dafi es in 
Moskau nicht Sitte sey, Kiinstlerinnen 

286 zu besuchen, und man thate es nie. Diefi trostete mich einiger- 
maEen, obgleich es mich doch immer von neuem verletzte wenn 
Madam Siniavine schrieb, ich mochte doch zu ihr kommen. 
Und spater, als wir eine Matinee bei uns gaben, und alle diese 
ersten Damen eingeladen hatten, da kamen sie Alle — wie ging 

das zu? war das nicht gegen die Sitte? 

Dienstag d. 23/11 April. Immerwahrendes Unwohlsein von 
Robert. Zu Tisch bei TkAer^o^* (Adelsmarschali), — ein vortreff- 
liches Mahl, eine hochst liebenswiirdige Wirthin, die tibrigens 

073 »zu konnen« iiber der Zeile eingefugt. 



358 April 1844 (R) 

mir ganz originell aber seelensgut erschien.^ 74 Sie trug eine 

Brille und rauchte, sowie ihre Schwester die Furstin^ 75 

[Dolgoruky] nach Tisch Cigarren. Auch die Herren mufiten dies 
sans gene thuen, und befanden sich con amove dabei. Ich lernte 
hier auch die liebenswiirdige Graf in Bobrinsky kennen. 
Nach Tisch machten wir dem Herrn v. Strick^ 76 , Director des 
Findlingshauses einen Besuch. Das war ein liebenswurdiges Ehe- 
paarj das^ 77 uns den Aufenthalt in Moskau angenehm machte 
und vieles Unangenehme, das bei dieser ungiinstigen Concert- 
zeit, bei dem allgemeinen Musik-Ueberdrufi, nicht fehlen 
konnte, obgleich das Publikum, was ich einmal in meinen Con- 
certen hatte, mich auf jede Weise auszeichnete. 

287 Abends las Robert gewohnlich bei Pedolli Zeitungen. Zu Hause 
fanden wir Geniscbta, der in Roberts Notizen als langweiliger 
Philister bezeichnet ist, worein ich von Herzen stimme. 
Mittwoch d. 24/12 April beendigte Robert wieder ein Gedicht 
— diese Sammlung der Gedichte soil als Anhang dieses Buches 
folgen. 

Zu Tisch waren wir bei'm Baron Meyendorff y wo die Frau v. Ki- 
rieff und der junge Herr v. Zinovieff als einzige Gaste waren. 
Diese Frau ist sehr schon und sehr angenehm dabei in ihrem 
Wesen. Ihr Knabe war mit — ein bildschones Kind. Nach Tisch 
gingen wir mit Meyendorffund der Dame zum Instrumentenma- 
cher Ta{r)lornow, dessen Instrumente hiibsch aber enorm theuer 
sind; es kostet Eines 1000 Rubel Silber. 

Wir gingen zu Fufi nach Haus liber die Boulevards mit Meyen- 
dorffy der uns immer durch seine Zerstreutheit amusirte. Der 
Abend war wunderschon — unsere Pelze fingen an uns zur Last 
zu werden. 

Zu Hause fanden wir Brief von Schneeberg vor — immer unsere 
liebste Ueberraschung. 

288 Donnerstagd. 25/13 April war der erste Geburtstag unseres 
Elischens, den wir nun in der Feme feyern muEten. Mir war 
recht traurig urn's Herz. Zu Tisch waren wir bei Rheinhardt, wo 
wir uns aber nie ganz heimisch fuhlen konnten. 

Abends grofies Ballet im Theater — langweilig. 



074 Die folgenden Bemerkungen (bis einschliefilich »kennen) mit klei- 
nerer Schrift auf dem Seitenrand hinzugefiigt und durch Digamma- 
zeichen hier angeschlossen. 

075 Danach freigelassen. 

076 Recte: Stryk. Die von Schumann verwendete Schreibweise wurde 
von Clara Schumann ab Seite 301 (originale Zahlung) iibernom- 
men. 

077 Ursprunglich »die«, durch »das« uberschrieben. 



April 1844 (R) 359 

Freitag d. 26 <>78 /14 April. Heute fiel nichts von Bedeutung vor, 
und^ 79 wir amusirten uns Folge dessen an einem kleinen {Aufent- 
halt) Auftritt mit^ 80 unserem Friedrich. Dieser war so alt gewor- 
den in Pedanterie, und hatte so seine alten Ansichten, dafi wir 
ihn 2. B. nicht bewegen konnten, irgend Etwas anderswo zu 
kaufen als in den <Kra)[?] sogenannten Kaufbuden, die aber von 
uns eine halbe Stunde entfernt lagen. Er meinte nirgends das 
Gewiinschte zu bekommen als dort. Als wir nun spat Abends 
d. h. )4 10 Uhr nach Haus kamen, hatte Robert Apetit nach Ca- 
viar; Friedrich behauptete selben nur in den Kaufbuden zu be- 
komen. Wir raisonnirten, dafi man in Rufiland den Caviar nicht 
solle bei jedem Materialisten 

289 bekommen konnen, und dafi es eine Schande sei ect:^ 1 , bis es 
denn unserem Friedrich zu arg wurde und er^ 82 fortlief, wo er 
denn auch wirklich gleich welchen bekommen hatte. Er hatte 
seine Ehre gerettet. 

Diese kleine unbedeutende Avantiire moge Nachsicht in diesen 

Blattern finden — sie war heute das Bedeutenste unserer Erleb- 

nisse. 

Abends kauften wir Ansichten von Moskau. 

Sonnabend d. 27/15 April um 1 Uhr gab ich mein zweites 

Concert< 656A) im Saal der Noblesse, das wieder wenig besucht 

war, obgleich mehr als das Erste. Das Publikum aber hochst en- 

thusiastisch, trotzdem dafi das Klavier ganz und gar nicht deut- 

Hch zu horen war, da der Saal iiberhaupt fiir Musik ungtinstig 

ist, und wir das Pianoforte in die Mitte des Saales gestellt hatten, 

was uns Alle riethen, was wir aber bitter bereut haben. Ich war 

sehr ungliicklich dariiber, sowie iiber das kleine Publikum, was 

freilich in diesem ungeheueren Local noch kleiner erschien, als 

es wirklich war. 

Gegen Abend fuhren wir^ 83 — Jeder weifi nun wohin — nach den 

Kremle. 

290 Wir sahen heute Moskau in letzter Abendbeleuchtung — welch 
herrlicher Anblick! (Ich irrte mich, Robert fuhr allein, ich war 
vom Concert zu miide.) Er ging dann in eine Kirche auf dem 
Kremle und horte da abscheulichen Kirchengesang, aus nichts 
als Quinten und Octaven bestehend. Dann musterte er die Ka- 
nonen, von welchen ihn wohl am meisten die vielen mit N be- 
zeichneten interressirten, die mitunter tuchtig zerschossen waren. 

078 Ursprunglich »7«, durch »6« uberschrieben. 

079 Ursprunglich »s«, durch »d« uberschrieben. 

080 »mk« uber der Zeile eingefiigt, 

081 »ect:« iiber der Zeile eingefugt. 

082 »er« iiber der Zeile eingefiigt. 

083 »wir« iiber der Zeile eingefiigt. 



360 April 1844 (R) 

Ferner fand er deren aus der Revolution »liherte et egalite« (im 
Kremle?) (fa) dann auch Sachsische von Xaverius. 
Abends waren Rheinhardt und Marcou bei uns, mit denen wir 
viele Debatten wegen des Orchesters hatten, das wir zum letzten 
Concert haben wollten, vorziiglich urn auch Roberts Symphonie 
zu spielen. Sollte man es wohl glauben, dafi diefi in Moskau 
nicht zusammen zu bringen war? Der Af[usik]Z);[irektor] Johan- 
nes war beleidigt, dafi Robert ihn nicht besucht, desgleichen der 
Cellist Schmidt, Marcou hatte sich am Finger beschadigt, 

291 mit einem Worte, es ging^ 84 nicht. Robert wurde auch ungedul- 
dig und liefi alle ferneren Bemtihungen defihalb. 

Robert bekam heute ein Reisebuch wieder, was er auf einer Sta- 
tion liegen lassen — er war sehr erfreut/ 657 ^ 
Sontag d. 28/16 April. Wir hatten seit einigen Tagen immer 
Regen. Robert machte heute die oben erwahnten Orchester- 
Operationen, aber eben ohne Erfolg. Eine Schande ist es solche 
Leute wie Johannes und Schmidt Kiinstler zu nennen — reine 
Handwerker sind es, dabei ebenso wie Solche ungebildet. Ku~ 
delski ( Violinist) war noch der Einzige, mit dem etwas anzufan- 
gen war, und der es dann auch soweit brachte, dafi wir wenig- 
stens Roberts Quintett zusammenbrachten, wozu wir freihch mit 
einem bezahlten Cellisten, armen Teufel, der eben nur urn's 
tagliche Brod spielt, und kaum weifi, was Musik ist, Ftirlieb neh- 
men mufiten. Bei Schmidt war Robert in Folgen dessen Flegel- 
haften Benehmens plotzlich aufgestanden und gegangen. Es war 
wohl der beste Bescheid welcher ihm darnach gebuhrte. Ich war 
wiithend auf die ganze Moskauer Musik, Marcou, Rheinhardt, 
Alle mit eingerechnet. 

292 Mittags spielte ich im Findlingshause vor einer grofien Anzahl 
Waisen, von denen eine Klasse bei Rheinhardt den Unterricht 
geniefit. Nachdem besahen wir uns das ganze Institut, Eines der 
Grofiartigsten die ich je gesehen. Herr v. Strick und Frau v. Sey- 
maift %5 fiihrten uns herum, Beides Leute von herrlichem Gemtith. 
Zuerst gingen wir in die Klassen der Kinder, wo Alles auf s Pro- 
perste eingerichtet ist; hubsch sind die kleinen Zelte wo die jun- 
gen Madchen ihre Uebungen machen. Wir kamen dann in einen 
Zeichnungssaal, wo wir von der Geschickhchkeit der Madchen 
uberrascht waren. Dort uberreichten einige junge Madchen dem 
Robert eine gestickte Mappe, wie sie es mir zuvor, gleich nach 



084 Danach ein gestrichenes, nicht lesbares Wort. 

085 Vermutlich hier und S. 296 (originale Zahlung) Lesefehler Clara 
Schumanns. In Schumanns Notizen (vgl. Seite 296) lautet der 
Name: Hoymar. 



April 1844 (R) 361 

meinem Spiele, wo Robert nicht dabei gewesen war, gethan hat- 
ten. Diese Aufmerksamkeit freuete uns sehr. Wir gingen nun 
weiter, alles auf eisernen Fufiboden, eine Treppe hoher zu den 
Ammen, wo wir die hochste Sauberkeit fanden, und von alien 
540 Kindern an der Brust kein Einziges schreien horten. Die 
Ammen gingen Alle hochst proper in weifies Leinen gekleidet, 

293 und hatten rothe oder blaue Sammtmutzen auf. Jedes Kind hat 
sein Bettchen und sein Wasch[e]schrankchen mit seiner Num- 
mer, mit der dann auch die Wasche des Kindes gezeichnet ist. 
Wir sahen dann auch einige wirkliche Findelkinder, von denen 
(wuft) man die Eltern nicht wufite, was mir einen traurigen Ein- 
druck machte. Von da gingen wir in die Knabenklassen und in 
deren groften Saal wo sie einiges sangen. Ich spielte ihnen dar- 
nach auch eine Kleinigkeit, denn wo die Madchen sind, komen 
nie Knaben hin. Von da fiihrten uns die Knaben zu ihrem Turn- 
saal wo sie einige Kiinste zeigten. Wir kamen nun wieder in die 
untere Etage, wo wir die schone propere Kirche^ 86 besahen, wo 
wirklich Alles wie geleckt erschien, so blank und glanzend. Die 
russischen Kirchen sind meist Alle reich an Gold und Diamanten 
— fur seine Kirchen giebt das Volk, und ware es sein letztes. 
Zuletzt gingen wir in das unterste Parterre, wo wir den Aufnah- 
mesaal der kleinen (nur neugebornen) Kinder fanden; 

294 dort sind ein Mann und eine Frau Jahr aus Jahr ein, die, der 
Eine die Kinder in's Buch eintragt und der Mutter des Kindes, 
oder wer das Kind bringt die Nummer desselben iibergiebt, (was 
den) {welches}^ 87 welche dann auch dem Kinde umgehangen 
wird, die Andere das Kind sogleich in Empfang nimmt und es in 
das anstoEende Zimmer tragt, wo es gleich gebadet, gekleidet 
und der Amme ubergeben wird, deren jeden Morgen an 20 
kommen und auf Kinder warten. Und sogleich ist auch ein Pfar- 
rer bereit der es tauft, wenn es noch nicht geschehen. Die Mut- 
ter braucht weder ihren Namen noch sonst etwas zu sagen, sie 
wird nach Nichts gefragt, nur wie das Kind heifit oder heifien 
soil, welcher Religion es sein soil und das ist Alles. Wahrend wir 
da waren wurden zwei Kinder gebracht Nro 2359 und 2360 in 
diesem Jahre. Es kommen taglich wenigstens 20, und werden im 
Jahr 7—8000 aufgenomen. Sie bleiben dort 6 Wochen, und wer- 
den 

295 dann mit ihrer Amme auf s Land geschickt wo sie bis zum lOten 
Jahr bleiben, d. h. die Amme bekommt so lange wochentlich 
2 Silberrubel. Will sie das Kind auch spater behalten, so kann sie 

086 Recte: Kiiche (sic; vgl. die gesonderte Erwahnung der Kirche und 
Kuche in Schumanns Notizen, S. 296). 

087 »welches« uber der Zeile eingeftigt, dann gestrichen. 



362 April 1844 (R) 

das, mufi dann aber selbst dafiir sorgen. Selten geben die Am- 
men die Kinder wieder her, die dann zu Bauern erzogen wer- 
den,^ 88 wie uberhaupt alle Findelkinder. Jede vier Wochen geht 
ein Arzt auf den Dorfern herum um nach den Kindern zu sehen, 
ob sie auch gut gepflegt werden und gesund sind. 1st das letztere 
nicht der Fall, so werden sie zuriickgenommen und in dem La- 
zaret gepflegt, das sich auch im Findlingshaus befindet. Dies 
Haus ist wie eine Stadt fiir sich; es hat seine Krankensaale, seine 
Aerzte, seine Wascherinnen, Natherinnen, kurzum es wohnen 
7000 Menschen darin. Man kann sich von der Grofiartigkeit 
dieses Institut keinen Begriff [machen], hat man es nicht selbst 
gesehen. Und in diesem grofien Hause und fiir diese vielen Kin- 
der ist der 

296 Herr v. Strick der Vater und Frau v. Seymar die Mutter, Beide 
vom edelsten Gemiith, und von Allen geliebt und verehrt. Dieje- 
nigen welche bis zu ihrer Confirmation, oder wohl noch langer 
dort gebildet und erzogen werden^ 89 sind Offiziers-Waisen; die 
Madchen werden zu Gouvernanten gebildet und miissen, wenn 
sie abgehen 6 Jahr im Gouvernement dienen, ehe sie nach Mos- 
kau oder Petersburg zuriickkommen diirfen. 

Ich werde nie den Eindruck vergessen, den mir der heutige Tag 
gemacht hat! erst die Grofiartigkeit des Instituts, des Gebaudes, 
dann aber die Aufeinanderfolge von Wohlthaten die hier taglich 
veriibt und doch auch wieder das traurige dabei, dafi Alle diese 
Kinder Elternlos sind und der grofite Theil freiwillig von ihnen 
verlassen wird. Das ist sehrecklich wird aber wirklich gemildert, 
wenn man die Herzensgiite der beiden Vorsteher sieht. 
Dies Institut ist ein (2) unsterbliches Zeichen der Herzensgiite 
der Kaiserin Katharina, welche es gestiftet hat. 

297 Nach dieser starken Wanderung, die an die drei Stunden dau- 
erte, setzten wir uns bei Herrn v. Strick zu Tisch. Er hatte uns 
trotz seines einen Stelzfufies die drei Stunden herumgefiihrt; im 
Krieg ist ihm ein Bein abgeschossen worden. Wir speisten, wie 
immer bei S trick's vortrefflich, begaben uns aber um 8 Uhr nach 
Haus, wo wir gewaltig miide ankamen. 

Montag d. 29^ 90 /17 April besuchte uns fruh Dr Lehnhold und 
Clavierlehrer Lemoc, ein Bohme, der auch einmal die Cataiani 
auf ihren Reisen begleitete. Spater holte uns Baron Meyendorff 
nach dem Kremle ab, wo wir den Schatz besahen. Wir sahen da 
in sehr kurzer Zeit so viel, dafi mir wenig erinnerlich geblieben 
ist. Am meisten interressirte mich die polnische Constitution in 
einem Kastchen zu Fiifien des Kaisers (658) , ferner Kronen von 

088 Davor ein ausradiertes, nicht lesbares Wort. 

089 »werden« iiber der Zeile eingefugt. 

090 Ursprunglich »7« y durch »9« uberschrieben. 



April/Mai 1844 (R) 363 

ungeheuerer Pracht, vorziiglich die von Ivan III, dann em Scep- 
ter und Krone gleichfalls von grofiem Werthe, ein Geschenk 
eines byzantinischen Kaiser. 

298 Auch den Tragsessel Carl XII in der Schlacht von Poltawa& 59 \ 
eine menge Merkwiirdigkeiten von Peter dem Grofien sahen 
wir. Eine Schiissel von B. Cellini fiel uns auf, durch ihre so 
hochst geschmackvolle Perlmutterarbeit, die wohl den Meister 
erkennen liefi. 

Viele Sabel von merkwiirdigen Leuten, Thronsessel, augenblen- 
dente Edelsteine, zuletzt auch noch einen Saal voll lauter alter 
Kaiserlficher] und Konigl[icher] Equipagen, sahen wir, man 
kann sich aber nicht Alles merken. 

Zu Tisch war ich bei der Grafin Bobrinsky, die ich sehr wohl lei- 
den mochte; Robert begleitete mich nicht, da er nicht wohl war. 
(Sen) Sie schenkte mir einige recht nette Kleinigkeiten fur meine 
Kinder. 

Abends waren Rheinhardt und Marcou bei uns — Robert 
schreibt hier mit Recht »zwei negative Freunde, die nichts thuen, 
aber viel sprechen[«]. 

Dienstag d. 30/18 April. Zu Tisch bei'm Dr Lebnhold> dann 
zu Haus mit Kudelski einige Sonaten von Beethoven, und die 
von Gade gespielt. Genischta kam dazu — ein uns immer unan- 
genehmer Besuch. 

299 Mittwoch d. 1 Mai/19 April Friih probirte ich mit Rheinhardt 
Roberts Doppel-Variationen, die er recht gut spielte, Manches 
wenigstens mehr im Character des Sttick's als Henselt. Urn 
1 Uhr Probe vom Quintett, mit Kudelski, Kretschmann, Amatov 
und N. N. welcher Letztere gewaltig kratzte. 

Robert ging mit Herrn v. Strick in den englischen Clubb zum 
Mittagessen. Es war eine russische Mahlzeit; nach Tisch wurde 
hoch Hazard gespielt, wie in alien Gesellschaften der Art in 
Rufiland. 

Abends Soiree bei Madam Siniavine; vornehme und zahlreiche 
Gesellschaft. Ich spielte viel und schon wie Robert sagt; dabei 
aber immer Gesprach und Wistspiel der Herren im Nebenzim- 
mer. Madam Siniavine hatte zum Beschlufi der Soiree noch eine 
kleine Lotterie recht geschmackvoll arrangirt, wo auch mir ein 
hubscher Gewinnst zufiel. Robert war den ganzen Abend im 
Anschauen der Ftirstin^ 91 [Bariatinsky] versunken, die (er) auch 
in seinem Notizbuch wie in seinem Herzen als »Engel« steht. Sie 
war aber auch wirklich schon. 

300 Diesen Abend fand^ 92 Robert eine schone Beschreibung seiner 

091 Danach freigelassen. 

092 »fand« iiber der Zeile eingefiigt. 



364 Mai 1844 (R) 

Lieblings-Glocke von Ivan Welikii. Tags darauP 93 Frau v. Si- 
niavine als Geschenk meinem Manne zuschicken zu sehen. Er 
freuete sich sehr daruber, ich mich mit ihm. 
, Donnerstagd.2 Mai/20 April um 1 Uhr gaben wir eine Mati- 
nee bei uns. Wir hatten 30—40 Personen eingeladen, und hier 
war es eben, wo auch die vornehmsten Damen kamen, und gern, 
wie es schien. Das Quintett machte den Anfang und gefiel au- 
fierordentlich; gern hatte ich es in meinem letzten Concert ge- 
spieltj der Saal ist aber zu grofi fiir Quartettmusik. Dem Quin- 
tett folgten einige Solosachen von mir gespielt und zum Be- 
schlufi Roberts Var:[iationen] mit Rheinhardt. Wir waren heute 
recht heiter gestimt, bekamen auch Briefe vom Haus. 
Zu Tisch blieb Rheinhardt bei uns, was dem Robert aber nicht 
recht war, da er so wie ich sehr abgespannt war. 
Abends Spaziergang auf dem Twer'schen Boulevard. 

301 Freitag d. 3 Mai/21 April Namenstag der Kaiserin — herrli- 
ches schones Wetter. Friih 10 Uhr gingen wir in das Findlings- 
haus, wo heute der Erzbischof selbst den Gottesdienst hielt. Wir 
waren auf einer Gallerie mit Frau von Stryk, Rheinhardt und 
einem Fraulein v. Osoroff, die ich sehr gern hatte; von dort aus 
konnten wir Alles ungestort mit ansehen. Es war ein grofies Ce- 
remoniell — Theilweise barbarischer Kirchengesang, theilweise 
aber auch modern. Der Erzbischof wurde als Jesum Christum 
gekleidet, was sehr widerlich war, ferner der Handkufi am 
Schlufi, mit welchem der Gouverneur den Anfang machte. Die 
ersten der Stadt (Manner nattirlich nur) waren zugegen, und 
hatten gleich nach dem Gottesdienst ein grofies Fruhstiick in 
einem schonen Saal', wo das Bildnifi der Kaiserin mit den herr- 
lichsten Blumen geschmiickt aufgestellt war. Wahrend diese mit 
Herrn v. Stryk an der Spitze fruhstiickten, gingen wir in das 
Vorderhaus um die Entbindungsschuhle zu besehen, deren Di- 
rectrice Rheinhardt's Stiefmutter ist. Dahin konnen alle hoch- 
schwangeren Frauen kommen und finden die 

302 beste Pflege, fur das Kind gleich eine Amme, und konnen 6 auch 
mehr Wochen nach der Entbindung dort bleiben, bis sie wissen 
wohin. Wollen sie ihren Namen nicht sagen, so fragt sie auch 
Niemand darnach, und wollen sie ganz ungekannt und ungese- 
hen sein, so kommen sie in einer Maske, bekomen auch sogleich 
ein Ziiner fiir sich allein, konnen auch ihre eigene weibliche Be- 
dienung mkbringen. Alles ist so propre und schbn eingerichtet, 
dafi es Einem Freude macht zu sehen. Wie manche Frau kann 
sich zu Hause bei allem Wohlstand vielleicht, doch nicht die 

093 Danach mehrere Worte (ca. 1 Zeile) durch Rasur und Streichung 
unleserlich gemacht. 



Mai 1844 (R) 365 

Ruhe und Pflege gestatten, die hier eine Jede findet. Dies Insti- 
tut ist ein wiirdiges Seitenstiick zum Findlingshaus. 
Als wir zuriickkamen waren die Honorationen ziemlich fertig 
mit ihrem Fruhstiick und nachdem sie endlich gegangen, setzten 
wir uns^ 94 an eine kleinere Tafel, Herr v. &.[ryk] behielt das 
Musikchor da, und so verbrachten wir diesen Mittag festlich. 
Nach Tisch wurde noch ein Tanzchen gemacht. — Noch darf 
ich 

303 nicht vergessen der schdnen Erdbeeren Erwahnung zu thuen, 
die wir in Gelee zum Dessert bekamen. 

Abends gingen wir in's grofie Theater um Clinka's^ 95 Oper »A1- 
les fiir den Czaar« zu sehen. Der lte Act mit viel artiger Musik, 
namentlich hiibsches Terzett, meistens nationalanklingende 
Weisen — die Instrumentation schwach und das Blech zu vor- 
herrschend — im ubrigen entschieden gliicklich organisirte musi- 
kal[ische] Natur. Die zweite Halfte der Oper war in jeder Bezie- 
hung lahm und alles dramatischen Fortgangs baar, dazu ein 
hochst armliche dabei aber komische Sturmdecoration. Diese 
hatte aber auP 96 einer deutschen Biihne nicht erscheinen diirfen. 
Nach dem Theater gingen wir in ein Berliner Wurst[-] und 
Schinken-Magazin, das unser Friedrich ausfindig gemacht, zu 
unserem grofien Vergnugen. 

Sonnabend d. 4 Mai/22 April Herrliches Wetter wieder. Be- 
such bei Frau v. Siniavine> der Robert seine Gedichte iiber- 
g a k(660). jann p ro be im Adligen Saal unter uns. 

304 Nach Tisch mit Stryks nach Kloster Simottq^gefahren. Ein rus- 
sisches Kloster, bunte Farben uberall — Baume und Graber im 
Innern des Hofes. Wir stiegen auf die Plattform der einen Kir- 
che, wo wir eine wunderschone Aussicht iiber Moskau mit sei- 
nen unzahligen Kuppeln und Thurmen hatten. Besuch bei'm 
Abt, einem jovialen Mann, der uns mit Thee bewirthete und uns 
dann noch mit Ansichten von Simonoff beschenkte. Um 6 Uhr 
ging es in die Vesper. Der Gesang der Monche ist ganz eigener 
Art, piano, nut holer Stimme und sehr eintonig — sie singen 5—6 
Stunden imer dasselbe. Die Composition ist zum Theil barba- 
risch, zum Theil kindisch, voll von Octaven und Quinten. Ro- 
bert entwischte nach 2 Stundiger Marter durch diesen Gesang, 
(der aber beruhmt ist, eben wegen des eigenthiimlichen Klanges) 
ich folgte ihm bald und mit mir auch die Anderen. Der russische 
Gottesdienst ist der anstrengendste, den ich kenne. Er dauert 
mindestens 2 1/2 Stunden, wahrenddem Alle Anwesenden ste- 
hen mtissen, und sich jeden Augenblick zur Erde werfen. 

094 »uns« iiber der Zeile eingefiigt. 

095 Sic. Recte: Glinka. 

096 »auf« iiber der Zeile eingefiigt. 



366 Mai 1844 (R) 

305 Ich begreife nicht wie schwache Naturen das aushalten! und 
dann ist auch der Gottesdienst an sich so monoton, so einfor- 
mig, es wiederholt sich immer wieder dasselbe, und wohl 1000 
mal bekreutzigen sie sich, so auch auf der Strafie das Volk vor 
jedem Heiligenbild, deren es hier noch viel mehr gibt, als in den 
katholischen Landern. 

Robert war noch bei Zeiten genug entwischt um Moskau bei 

Sonnenuntergang zu sehen, was doch wohl erhebender war, als 

dieser schreckliche Kirchengesang. 

Wir fuhren noch mit zum Thee zu Stryks, wo Herr v. Ozoroff 

schauderhaft russische Volkslieder sang, der aber sonst ein lie- 

benswiirdiger Mann war. 

Die Sehnsucht fort von Moskau nach Haus quake uns die letz- 

ten 8 Tage unseres Aufenthaltes hier entsetzlich, wir zahlten die 

Stunden. 

Sontag d. 5 Mai/23 April um 1 Uhr mein letztes Concert in 

der Assemblee ( 66l \ Wenig Publikum aber sehr enthusiastisch. Im 

Notizenbuch steht — Klara spielte durchgangig schon — ich 

spielte auch eine 

306 neue Fantasie von Thalberg, die ich in Moskau erst einstudiert 
hatte. Auch ein Notturno von Field machte viel Gliick. 

NB: Bald hatte ich vergessen der Madam Field zu gedenken, 

welche mich aufsuchte. Sie war aber in den letzten Lebensjahren 

Field's von ihm getrennt, und soil gar nichts taugen. Ich sah sie 

nur einmal. 

Gegen Abend machten wir einen schonen Spaziergang iiber die 

Twer-Boulevards bis zur Moskwa-brucke, von wo aus wir uns 

den Kremle noch einmal recht lange ansahen, und wirklich uns 

weideten an diesem einzigen Anblick. Von da gingen wir, uns 

bei dem Conditor Pedolli, Robert bei Zeitungen, ich bei Eis zu 

erholen. 

Montag d. 6 May/24 April liefien wir uns fur den Cousin in 

Twer daguerryotipiren^ 662 ^ das Eine war ganz ahnlich, und das 

haben wir denn auch geschickt. 

Unser Fruhstuck nahmen wir heute in der Berliner Wurstbude — 

es schmeckte uns vortrefflich, wir bekamen aber auch Ziegen- 

kase — gewifi eine Seltenheit in Rufiland. 

Abschied von Tscherkow, ein liebenswurdiger Edelmann. 

Zu Tisch bei Rheinhardt mit Veb's. 

307 Dienstag d. 7 Mai/ 2 5 April Immer herrliches Wetter. Heute 
gingen unsere Vorbereitungen zur Abreise los. Zu Banquier 
Brandenburg, kleine Einkaufe bei den Armeniern und im russi- 
schen Magazin, dann ich mit Lemoc in das Cholera-Institut und 
dort gespielt. Grofier Aerger iiber das schlechte Clavier dort und 
Lemoc's Albernheit, dafi er kein Anderes hingesetzt, damit ich 



Mai 1844 (R) 367 

laut mein Urtheil liber dies Instrument, worauf kaum fortzu- 
kommen war, aussprechen sollte — er hatte mir zuvor gesagt, es 
sey ganz gut, eben nur um seinen Zweck zu erreichen. Ich war 

wtithend! 

Abschied von Villoing, dann mit Hr. v. Strick und Rheinhardt in 
den Kremle um die Kronungs<chatedrale)cathedrale und den al- 
ten CzdTW-Pallast, Terema genannt, zu besehen. In der Cathe- 
drale war besonders das Muttergottesbild sehr kostbar. Der 
Cz^rew-Pallast ist ganz merkwiirdig, in tartarischen und chinasi- 
schen Geschmack. Wir sahen auch das Fenster wo der falsche 
Demytri hinausgesprungen, und eine schone, sehr kostbare 
Hauscapelle. Die Zimer sind alle sehr bunt verziert, und Alles 
noch gelassen, wie es vor^ 97 
317 Zeiten war. Von da gingen wir mit zu Tisch zu Herr v. St:[ryk] wo 
er uns ein Spanferkel, hochst delicat, vorsetzen liefi — er wollte, 
daE wir doch diefi acht russische Essen kennen lernen sollten. 
Nach Tisch Einkaufe im^ 98 [Gostinni Dwor] und Abschied vom 
Kremle. Zu Haus fanden wir M.[adame] Rheinhardt, welche 
uns auch noch Adieu sagen wollte. 

Mittwoch d. 8 Mai/26 April Abschied von Marcou und Le- 
moc. Vor der Abfarth gingen wir noch zu einen russischen Trai- 
teur, wo wir das Volk so recht in seiner Nationalist fanden. 
Kutscher, Handwerker ect: kamen dahin und tranken Thee — 
wir afien ein Cottelets, aber mit viel Ekel, denn der Schmutz hier 
war fiirchterlich. 

Rheinhardt kam noch an den Wagen, und endlich ging es l / 2 
1 1 Uhr fort, nachdem wir noch unserem gutmiithigen Friedrich 
Adieu gesagt hatten. 

Bei dem Ausfahren sahen wir das erste Griin — wie gliicklich 
waren wir, daE es zuriick in die Heimath ging! — 
Das Wetter war herrhch! die schonste Friihlingswarme hatten 
wir die ganzen Reisetage, und herrliche helle^Nachte. 
Donnerstag d. 9^" Mai/27 April friih 6 Uhr kamen wir nach 
Twer, und trafen es so gliicklich, dafi wir so lange dort blieben 
um Carl [von Schnabel] aufzusuchen. Wir friihstlickten bei ih- 
nen und sie begleiteten uns dann iiber die Wolga im Kahn bis 
zur Diligence. Bald kamen wir nach Torscbock — Abends nach 
Wischin und Welotsckock® 100 , Letzteres artige Stadt mit vielen 
Kanalen. 

O 97 Die auf Seite 308 bis 316 (originale Zahlung) folgenden Gedichte 
Robert Schumanns sind anschliefiend an die Reisenotizen wieder- 
gegeben, vgl. Seite 375—386. 

O 98 Danach freigelassen. 

O 99 Urspriinglich »8«, durch »9« uberschrieben. 

O100 Recte: Wyschni-Wolotschok. 



368 Mai 1844 (R) 

Freitag d. 10 Mai/28 April Das Wetter immer prachtvoll, die 

Nachte entziickend, aber das Diligencewesen unausstehlich, auf 

den Stationen schrecklich lange Aufenthalte und regelmafiig 

nach einer kurzen Strecke Wegs etwas am Sattelzeug (was bei 

den Russen nur aus Stricken besteht) zerrissen. Wir geriethen 

manchmal aufier uns. 

Abends 11 Uhr nach Grofi- Nowgorod. 

Sonnabend d. 11 Mai/29 April Guter Mittagstisch in Pomme- 

ranja. Wir trafen ofters deutsche Wirthe auf den Stationen. 

Der Weg war diefimal ungleich besser als auf der Hinreise, folg- 

Hch auch die Reise wenngleich sehr lang, doch nicht so sehr er- 

mudend. Gegen Abend kamen wir durch das reizende Sophia 

und um 10 Uhr nach Petersburg. 

Wir blieben im Gasthof der Diligencen. 

319 Sontag d. 12 Mai/30 April Fruh gingen wir zu Henselts. Wie 
ganz anders fanden wir Petersburg im Sommer wieder. Auf dem 
Newski-Prospect uberraschte uns das schone Holztrottoir, auf 
dem die Wagen nur so hinfliegen. 

Bei Henselt trafen wir Grofi — hypochondrischer unerfreulicher 
Mensch. Henselt spielte aus seinem Concert, spater gingen wir 
zu Tisch mit Henselts zu Wirth, wo noch Gelink mit seiner Frau 
war. Nach Tisch bestiegen wir den Admiralitatsthurm, der eine 
herrliche Aussicht bietet — bis zur See hinaus sieht man. Die 
Treppen waren aber lebensgefahrhch zu besteigen, und wir wa- 
ren froh, als wir glucklich herunter waren. Abends promenirten 
wir an der Newa hin und dann zu einem Conditor, wo wir Zei- 
tungen (lasse) lasen. 

Montag d. 13/1 Mai Fruh Besuch von Grofi — langweilig in 
seinen Bemerkungen. Spater gingen wir zu Wielhorsky's, die uns 
mit der alten Freundlichkeit aufnahmen. 

Bei Bernard traf Robert den Haumann> der, wahrend wir in 
Moskau waren, in Petersburg Concerte gab. Bernard erzahlte 
dem Robert eine spafihafte Aventure die H[aumann] mit Stieg- 
litz gehabt. 

Spater gingen wir nach dem Dampfschiff-Contoir, fanden es 
aber nicht. Die Newa entziickte uns. 

320 Zu Tisch bei Henselt's. Madam Henselt ist zuweilen recht unar- 
tig und garstig und oft sehr geitzig. Ich spielte ihr etwas mit 
wegen ihrer Pferde, die sie so schont, dafi sie sie lieber gar nicht 
laufen lafit. 

Nach Tisch besahen wir Instrumente bei Wirth — die Wahl wird 
Einem schwer, da sie Alle so schon sind. 

Dienstag d. 14/2 Mai. Regnerischer Tag. Fruh gingen wir mit 
Madam Henselt und dem Doctor Schultz nach dem Zoologi- 
schen Museum. Wir setzten uns in eine Droschke, doch Madam 



Mai 1844 (R) 369 

Henselt mit Dr. Sch.[ultz] zog es vor iiber die Neva auf dem 

Kahn zu fahren 687 , wo sie ein fiirchterliches Regenwetter iiber- 

raschte. Auf dem Museum trafen wir uns wieder. Wir hatten 

auch eine kleine Attake mit unserem Kutscher, den ich im ersten 

Schteck zu priigeln begann. 

Das zoologische Museum ist gewifi eines der schonsten und 

grofiten in der Welt. Am meisten interressirte mich ein ungeheu- 

res Mammudthier. Wir hatten einen kleinen Streit ob die dabei 

liegenden Zahne nicht Horner seien und keine Zahne? 

Das chinasische Cabinet war auch von grofiem Interresse fiir uns 

— welch herrliche Stoffe waren da! 

321 Von dort gingen wir zu Stockhardt um Abschied zu nehmen, 
denn wir wollten nun (Petersburg) Rufiland im Ernst verlassen. 
Aber welche gegenseitigen Kampfe hatten wir! Robert konnte 
sich nicht entschliefien zur See zu reisen, und zu Land war es 
gar zu schwer fortzukommen, und wie viel anstrengender! — ^ 101 

Abends ging Robert mit Grofi zu einem Quartett-Abend bei Al~ 
brecht (ein Breslauer.) Man spielte unter Anderem auch ein 
Quartett von ihm. Abends 1 1 Uhr kehrte er zuriick. 
Mittwoch d. 15/3 Mai. Heute war der bewufite Seekrieg mit 
Robert. 

Zu Tisch bei Henselt's. Friih machte ich mit Madam Henselt 
und Madam Gelink Einkaufe — Geschenke fiir unsere Bekann- 
ten. Hornist Eisner besuchte den Robert und bat ihn doch die 
Tochter des Staatsrath Simonsen Clavierspielen zu horen, um 
einen Rath zu geben, ob es wohl der Miihe werth sei, sie (hi) 
nach Leipzig in die Musikschule zu senden. Eisner ist ein braver 
trefflicher Mensch! leider konnte Robert seinen Wunsch Hin- 
dernisse halber nicht erfiillen. 

322 Abends gingen wir zu Wielborsky (664) , wo Robert's Quartett[e]> 
leider schlecht gespielt wurden. Wir lernten heute des Michel 
W^[ielhorsky] Tochter kennen — eine liebenswiirdige Dame. Es 
war der letzte Abend heute bei unseren ausgezeichneten (Sch) 
Beschiitzern. Michel machte uns Spafi durch seine Zerstreutheit, 
die er wohl auch manchmal affectirt, oft, um gewissen unange- 
nehmen Einladungen aus dem Weg zu gehen. 

Um V2 2 Uhr kamen wir nach Haus. Die Nacht war herrlich 
hell. Hier ging jetzt die Sonne erst gegen 10 Uhr unter und um 
2 Uhr wieder auf. 

Donnerstag d. 16/4 Mai. Besuch vom Staatsrath Michelson 
mit Tochter — ich war nicht zu Haus. Um 10 Uhr fuhren wir 

OlOl Danach 4 Zeilen durch Rasur und Streichung unleserlich ge- 
macht. 



370 Mai 1844 (R) 

mit Romberg und Mattbieux W. [ielhorsky] nach ( Zz) 
Zzarskow-Selo. Der Bahnhof war gar nicht elegant, der Weg 
aber von Zcarskow nach Pawlowsky reitzend. Diefi ist das Be- 
sitzthum des Grofifiirsten Michael, steht aber dem Publikum als 
Belustigungsort of fen. Wir konnten uns gar nicht weiter umse- 
hen, weil wir gleich wieder nach Zcarskow Selo zuriickfahren 
wollten. Dort wieder angekommen nahmen 

323 wir sogleich im Haus des Grafen Wielhorsky (er mufite als Adju- 
tant der Leuchtenberg taglich hinaus) ein schdn zubereitetes 
Friihstuck ein, und fuhren dann in einer langen Linie (ein Wa- 
gen in Art eines Sofa's mit Sitzen auf beiden Seiten) im Park 
herum, eine Gunst, die auch nicht jedem wiederfahrt, denn im 
Park darf nur fahren, was zum Hof gehort. Wir waren leider so 
pressirt, dafi wir Alles nur im Flug sehen konten, denn ich sollte 
Abends noch bei der Grofifiirstin Helene spielen. 

Heute (schlwelg) schwelgten wir im Fruhling, nur war ich leider 
sehr unwohl. Wir besahen erst das neue Schlofi, aber nur von 
Aufien, da es bewohnt war. Es ist ziemlich einfach, besonders im 
Gegensatz zu dem alten collossalen, und uberladenen. Es ist un- 
geheuer breit und in unreinen Geschmack gebaut, bietet aber im 
Inneren viel Interresse. Das Interressanteste war das Zimmer des 
Kaiser Alexander, sein Schlafzimmer, wo noch Alles lag, wie er 
es verlassen. Dann ein Zimmer, oder besser gesagt Sallon ganz 
mit Bernstein belegt, Wande, Alles. Welche Summen mufien da- 
rin stecken! — 

Von da fuhren wir nach dem Arsenal, das klein, aber hochst aus- 
gewahlt, und schon erhalten ist. 

324 Die Pracht war enorm, meistens waren es Geschenke an den 
Kaiser. Mich setzten 2 Reit-Sattel in das hochste Erstaunen, de- 
ren Kanten ganz von Brillanten iibersaet waren. Der Eine war 
ein Geschenk, das der Sultan (von Adrianopel) nach dem Frie- 
den von Adrianopel (665) dem Kaiser geschenkt hatte. Vieles von 
Napoleon® 102 fanden wir auch. 

Von dort fuhren wir nach der kunstlichen Ruine, in der Dannek- 
ker's Jesu Christi (666) aufgestellt ist. Der Stand war nicht ganz 
vortheilhaf t, und die untere Halfte der Figur fast zu grofi im 
Verhaltnifi zum Kopf. Die Ruine war lacherlich. 
Um 3 Uhr fuhren wir zuriick, und urn 7 Uhr zur Grofifiirstin 
Helene mit Henselt. Robert schreibt — »schone Frau mit konigli- 
chem Anstand, sehr klug, unterrichtet und in der Unterhaltung 
liebenswurdig. (sie (f) unterhielt sich^ 103 namlich fast ausschliefi- 
lich nur mit Robert — sie soil mannliche Unterhaltung mehr lie- 



102 UrsprtingHch »el«, durch »leon« iiberschrieben. 

103 »sich« uber der Zeile eingefiigt. 



O 

O103 »si 



Mai 1844 (R) 371 

ben als weibliche.) Ich spielte gut, trotzdem dafi ich seit beinah 
14 Tagen kein Pianoforte angeruhrt hatte. 
Wir trafen einen Graf en Pahlen (Sohn des Verschwftrers gegen 
Kaiser Paul) und Fiirst Osejeff, einen freundlichen Mann. 

325 Abends bis 11 Uhr bei Henselt's. Dort hat man fortwahrenden 
Kampfen zwischen Mann und Frau beizuwohnen. 

Freitag d. 17/5 Mai Friih Abschiedsbesuche von Bohme und 
Stockhardt. Dann zu Wirth, wo ich mir ein Clavier aussuchte — 
es kostete 1200 Rubel banco. Von dort ging ich in's Findelshaus, 
wo ich dem Michel Wielhorsky zu Gefallen spielte. Mit dem Pafi 
hatten wir viele Verlegenheiten, die aber Herr Koberwein alle 
beseitigte. 

Zu Tisch bei Henselts — dort Abschied von (Hens) Gelink's — 
Madam Gelink zeigte sich die letzten 8 Tage sehr gefallig gegen 
mich, und lief taglich 3 Stunden nach Einkaufen mit mir herum. 
Wir hatten nach Tisch ein grofies Gewitter, welches uns leider 
hinderte auf die Inseln zu fahren, die so herrlich sein sollen. 
Abends Abschied von Michel W. [ielhorsky] Matthieu [Wiel- 
horsky] war in Zcarsco Selo, daher wir ihn nicht (s) mehr sahen. 
Dieser Abschied wurde uns schwer — wir hatten diese beiden 
Leute gar so lieb gewonnen! — 

Spat Abends kam noch Groft und Henselt zu uns um uns Adieu 
zu sagen. Der Henselt hat uns eigentlich mehr betnibt als er- 
freut, denn iiber dem Geldverdienen geht er als Kiinstler unter. 

326 Sonnabend d. 18/6 Mai. Friih hatte ich noch viel zu packen, 
dann ging Robert zu Stieglitz, wo er noch einen Tanz mit einem 
groben Commis hatte. Um 1 Uhr fuhren wir ab mit dem Dampf- 
boot, nachdem wir noch den beiden Rombergs und Madam 
Henselt (die eine Minute vor der Abfarth noch mit allerlei Com- 
missionen ect: kam) Adieu gesagt hatten. Wie gern ware sie 
gleich mit abgesegelt nach Deutschland. Welch ein Treiben war 
das an dem Quai! diese Menschen! 

Petersburg verschwand nun nach und nach mit seinen sch6nen 
goldenen Thiirmen, wobei uns doch etwas weichmuthig wurde. 
Die Ufer der esthlandischen Kiiste waren schon, an Peterhof (,) 
und Oranienbaum kamen wir vorbei, jedoch zu weit entfernt, 
um es sehen zu konnen. 

Um 4 Uhr langten wir in Kronstadt an, wo wir gleich am grofien 
Dampfschiff »Alexandra« landeten. Dort wartete unserer eine 
grofie Mittagstafel, die kaum alle Gaste beherbergen konte, da 
sehr Viele bios zur Begleitung ihrer Angehorigen mitgefahren 
waren. Nach Tisch gingen beide kleinere Dampfboote 

327 (es hatte auch Eines Passagiere an den »Nicolaus<( gebracht, der 
nach Liibeck mit uns zu gleicher Zeit abgehen sollte) zuriick 



372 Mai 1844 (R) 

nach Petersburg; da gab es noch viele Abschiedsscenefi, bis die 
Glocke lautete, und nun war's vorbei! wir, die wir nun auf dem 
grofien Schiffe waren mufiten bleiben. Wir waren (ich glaube) 
59 Passagiere. 

Der Hafen von Kronstadt ist grofiartig mit seiner russischen 
Flotte, mir kam er aber trotz seiner vielen Schiffe so ode vor. 
Der Abend war herrlich! wir mufiten wegen Pafi-Angelegenhei- 
ten in Kronstadt bleiben bis 

Sonntag d. 19/7 Mai Friih 3/4 4 Uhr, wo es endhch fortging. 
Wir hatten interressante Reisegesellschaft, von der wir beson- 
ders Fiirst Metscbersky aus Moskau, ein junger Clavierlehrer 
Hermes aus Moskau (ein Meklenburger) Frau und Fraulein von 
Cbambeau (die Bewufiten, in Petersburg erwahnten), ein junger 
Portugiese Nahmens^ 104 [Borges di Castro], (Roberts Cajutten- 
Genosse) mehrere russische Generate und Frau v. Scbloezer mit 
3 Kindern kennen lernten. Der Fiirst Metscbersky war der An- 
fiihrer der Unterhaltung — voll Humor und Geist. 

328 Bald trat die Kiiste ganzlich zuriick, und nur dann und wann be- 
gegneten wir Schiffen und im finnischen Meerbusen noch viel 
Eis. 

Unser Kapitain hies »SchiitU und machte die erste Fahrt nach 
Swinemunde . Vor uns her ging imer der Nicolai, bis wir ihn zur 
Seite verloren. 

Nachmittags thurmten sich die Wetterwolken zu einem Gewit- 
ter auf, in das wir zu meinem grofien Schrecken gerade hinein 
fahren mufiten — ich hatte so gern umgedreht! — Das Gewitter 
wurde sehr heftig, und kam so schnell iiber uns, dafi die (Ha- 
sten) Segel^ 105 nicht eingezogen werden konnten, und uns der 
Sturm einen Mast entzwei brach, der mit schrecklichem Gepra- 
fiel auf das Verdeck sturtzte; zum Gliick waren die Matrosen an 
der anderen Seite des Schiffes beschaftigt, sonst hatte es Welche 
todtschlagen konnen. Der Schreck war allgemein, obgleich der 
Fiirst Metscbersky der Sache einen heiteren Anschein zu geben 
versuchte. Wir (f) waren fast alle in dem kleinen Pavilion auf 
dem Verdeck zusammengedrangt, nur Einige, wo[r]unter Ro- 
bert mit bewunderungswiirdiger Ruhe, waren in den unteren 
Schiffsraum 

329 gefliichtet. Nach 3/4 Stunde liefi es nach, kam jedoch in der 
darauffolgenden Nacht mit aller Kraft wieder und dauerte 3 
Stunden, wo wir es aber Alle verschliefen. Abends hatten wir die 
Insel Hochland zur Linken und fuhren die ganze Nacht daran 
hin. 

0104 Danach freigelassen. 

0105 »Segel« iiber der Zeile eingefiigt. 



Mai 1844 (R) 373 

Mo n tag d. 20/8 Einige Seekranke — kaltes unangenehmes 
Wetter friih und totale Verstimung der Gesellschaft. Sehr star- 
ker Nebel bis 12 Uhr, wo endlich die Sonne durchbrach. Heute 
waren wir in der offenen See — vortrefflichen Apetit hat man 
immer auf dem Schiff, und zum Gliick waren wir nicht see- 
krank, obgleich Robert am ersten und zweiten Morgen nicht 
wohl war. Schoner Sonnenuntergang — 

Abends 1 1 Uhr passirten wir die Insel Gottland. Leidlicher 
Schlaf die Nacht. 

Dienstag d. 21/9 Mai immer sehr kalt — die Bewegung des 
Schiffes wurde heute bedeutender — hiibsche Gruppen auf dem 
Verdeck — die 3 Kinder der Frau v. Scbloetzer seelenvergntigt, 
spielten mit Apfelsinen — angenehm ist die Gleichheit der 
Stande auf dem Schiffe, Keines genirt sich vor dem Anderen. 
Gegen Abend wurde das Schaukeln des Schiffes so bedeutend, 
dafi ich grofie Angst bekam. Abends 1 1 Uhr kamen wir an Born- 
holm voriiber. Die Nacht mogen wohl Alle nicht den ruhigsten 
Schlaf genossen haben, denn erstlich schaukelte das Schiff so 
arg, dafi man nicht stehen konnte, und dann die Ungeduld auf 
[den] nachsten Morgen! 

Mittwoch d. 22ten Mai friih 6 Uhr standen wir auf und fan- 
den draufien die herrlichste milde Luft und herrlich ging das 
Schiff unseren lieben Deutschland zu. Die ganze Gesellschaft 
war in der heitersten Stimmung. Um 1/2 7 Uhr erstes Hervor- 
treten der preufiischen Kiiste. 
330 ^ 106 Der schGne Friihlingsmorgen, kein Wolkchen am Hiinel. 
Bald kam das Lotsenboot, der Lootse sprang auf unser Schiff 
und nun ging es gerade auf (Schw) Swinemunde los, wo wir 
endlich 1/2 11 Uhr einfuhren. Ein lieblicher Ort — gliickliche 
Landung — komische Confussion der Zollbeamten und meine 
Angst, die sehr unnothig gewesen war. Auf einem kleinen 
Dampfboot fuhren wir nun nach Stettin, durch das Haff und 
dann zwischen den anmuthigsten Dorfern hin — das linke Ufer 
der Oder reizend! — Nie will ich diese Lustfarth vergessen! 
diese begliickende Sicherheit und dabei dieses herrliche Wetter, 
ein ganz neues sauberes Dampfschiff, wo man von der Ma- 
schiene gar keine Bewegung spurte^ 107 , da es von einer Ma- 
schiene in's Schlepptau genommen war. Ankunft um 4. Uhr in 
Stettin — Absteigequartier im Hotel de Prusse, unangenehme 
Wohnung. 

Abends nahmen wir ein Bad in den Moritz'schen Badern. Unan- 
genehme schaukelnde Bewegung, die Einem auch noch bleibt, 

0106 Davor ein gestrichener, nicht lesbarer Wortanfang. 

0107 »spiirte« iiber der Zeile eingefugt. 



374 Mai 1844 (R) 

wenn man schon vom Schiff ist. In der Nacht ein starkes Gewit- 
ter, und angstlicher Zustand in unserem kleinen Zimer. 
Donerstag d. 23 Nachmittag 2 Uhr Ankunft in Berlin. Wir 
waren viel mit der Mutter [Marianne Bargiel] bis 
Freitag d. 24 Mittag, wo wir nach Leipzig abfuhren. Abends 
7 Uhr Ankunft daselbst. 

Sonnabend d. 25sten brachten wir mit Auspacken zu und 
(Sontag) 

Son tag d. 26 Mai, erstem Pfingstfeiertag Nachmittag 3 Uhr 
fuhren wir nach Schneeberg ab, wo wir Abends gegen 10 Uhr 
eintrafen. 

Unsere Kinder fanden wir schlafend — ein lieblicher, begliicken- 
der Anblick! 
331 Mariechen war ganz geblieben wie friiher, eben so lieblich und 
niedlich, aber Elise war ein derbes Madel geworden, nur war sie 
leider wahrend unseres Aufenthalt's in Schneeberg irner unwohl. 
Carl und Pauline [Schumann] hatten die Kinder mit zartlichster 
Liebe gepflegt, das sah man wohl! — 

Montag, Dienstag und Mittwoch hatten wir solch schreckliches 
Regenwetter, dafi wir nicht aus dem Haus konnten. Nur Mitt- 
woch waren wir zu Tisch bei Uhlmann's, und Abends bei Doc- 
tor Otto, wo ich auf einem Hackebret spielen mufite. 
Donnerstag d. 30ten Mai Abschied der Kinder von Schnee- 
berg. Carl [Schumann] sehr unwohl und Beide sehr betriibt die 
Kinder nun zu verlieren. 

In Zwickau besahen wir mit Mariechen die neu res taurine Kir- 
che, besuchten die alte Superintendentin Lorenz, Robert noch 
einige Bekannte, und dann ging's auf Leipzig zu, wo uns die 
Tante Carl erwartete. Wir hatten uns auch eine Wirthschafterin 
von Schneeberg Elwine Brauel mitgenomen, damit ich in Zu- 
kunft mehr der Kunst leben konne. 

Nun waren wir ja wieder mit unseren lieben Kindern in unsern 4 
Mauern! welch ein Gliick, dafi wir uns so gesund wiedergetrof- 
fen — Gottes Schutz begleitete uns auf unserer Reise und be- 
wahrte unsere Kinder. 

Freitag d. 31 Mai war unser letzter Ferientag und himlisches 
Wetter. 

308 [Gedichte Robert Schumanns aus Moskau]<> 108/688 

O108 Die beiden von Clara Schumann abgeschriebenen Gedichte (Seite 
308 bis 310 in originaler Zahlung) sind zweispaltig mit einer Mit- 
tellinie notiert; das Ende der linken Spalte wird hier durch einen 
waagerechten Trennungsstrich angezeigt. Korrekturen Schu- 
manns wurden in den Text eingearbeitet, wenn sie mit Tinte aus- 
gefuhrt sind. 



1844 375 

Die Glocke von Iwan Welikii 
I 

(1735) 

Moskau, Wunderstadt im Osten, 
Hundert Kirchen ragen aufwarts, 
Hundert Glocken nah 5 und feme 
Schweben tonend in den Hohen. 

»Christ ist auferstanden« klingt es 
Fromm von abertausend Lippen, 
»Ist wahrhaftig auferstanden« 
Tont es fort im Bruderkufie, 
Und es geht die Sonn' des ersten 
Ostertags auf uber Moskau. 

Ich auch, — spricht ein Ktinstler sinnend, — 

Zu des Hochsten Ehre mocht' auch 

Ich ein Denkmal grtinden, das mit 

Ries'ger Zunge seinen ew'gen 

Namen allerorten kunde: 

Eine Glocke sei's, wie nimmer 

Sie die Welt geseh'n; sie rage 

Von des Kreml's hochster Spitze 

Segenlautend den Geschlechtern,^ 109 

Meinen Namen auch von Jahr zu 

Jahr bescheiden fortvererbend. 

Tone, Glocke, wenn durch deine 
Pforte, Moskau, ein dein Kaiser zieht, 
Tone warnend, wenn des Aufruhrs 
Flamme dir im Innern gliiht, 
Tone, wenn der Feind sich naht, — 
Tone, tone friih und spat. 

Wie das Werk im Innern lebt, 
Der Vollendung entgegenstrebt! 
Es schafft der Meister Tag und Nacht, 
Mit Liebeswarmer Kiinstlertreu 
Die starre Masse oft umarmend. 

Schon wachsen um den Saum der Form 
Blumen hervor im lieblichen Gewinde, 

O109 Das Komma — vermutlich von Schumann — mit Bleistift hinzuge- 
fugt. 



376 1844 

Schon rundet sich der Meisterhand 
Des Czaren Bild mit Kron' und Scepter, 
Der Czarin auch, und dafi das Werk 
Gesegnet sei, in erster Reih' 
Steht auch das Bild von Jesus Christ. 

So ruht die Glocke in ihrer Gruft, 
Bald einzuathmen Himmelsluft, 
Es harrt der Meister der^ 110 sel'gen Stunde, 
Die die Form hervor^ 111 aus der Erde ruft, 
Und in der Stadt von Mund zu Munde 
Vom grofien Werk geht schon die Kunde. 
Und tausend Glocklein griifien festlich 
Den Tag, zu feiern ihrer Schwester 
Erstehungstag; in dichten Schaaren 
Zum Iwansplatz zieht das Gedrange, 
Metropolit und Priesterschaft 
Umsteh'n die Stelle, wo der Meister 
Den Gufi vollbringen soil, (da) wo^ 112 Hebel 
Und Winden schon sich zeigen, aus 
Der Tiefe in die luft'ge Hoh'<e>^ 113 
Die ungeheu{e)re <>U4 Last zu ziehen. 

309 Es knistern die Flammen; zah und weich 

Schmilzt das Metall im gliihenden^ 115 Ofen; 
Das widerstrebende^ 116 Erz zu zahmen; 
Es braucht der Zeit; es rinnt der SchweiK 
In Tropfen von des Meisters Stirn; 
Die singend an die Arbeit gingen, 
Die lustigen Gesellen auch, 
Verstummen all, stumm steht das Volk, 
Und stumm vor Allen schafft der Meister. 



OllO Urspriinglich »s«, durch »d« uberschrieben. 

Ol 1 1 »hervor« von Schumann mit Tinte iiber der Zeile eingefiigt. 

0112 »da« von Schumann mit Bleistift gestrichen, »wo« iiber der Zeile 
eingefiigt. 

0113 »e« von Schumann mit Bleistift gestrichen, statt dessen das Apo- 
stroph eingefiigt. 

Ol 14 Das »e« von Schumann mit Bleistift gestrichen. 

Ol 15 Bleistiftkorrektur Schumanns, anscheinend wieder getilgt; 

»gluh'nden«. 
Ol 16 Bleistiftkorrektur Schumanns, anscheinend wieder getilgt: 

»spanst , ge«. 



1844 377 



Nun ist's vollbracht, die Form gefiillt, 

Nun kiihle sich die gahrende^ 117 Masse, 

Die Bilder, die der Kiinstler schuf 

In reinerTreue aufzunehmen.^ 118 

Und bald in allvere inter Kraft 

Ruhren^ 119 sich die Hande, Flaschenzug 

Und Hebel greifen ineinander, 

Von seiner^ 120 Stelle, dafi er<> 121 schwebe, 

Den riesigen Kolofi^ 122 zu riicken. 

Nun hebt er^ 123 sich, der Knopf zuerst 

Mit schon gewundenen^ 124 Tragebandern — 

Doch urn des Meisters Sinne dunkelt's, 

Das Erz, es deckt ein fahles Grau 

Und halb unkenntlich springen die 

Gebilde auf der Flache vor, 

Und nun zur Halfte in die Hoh{e)'<> 125 

Die Glocke weiter aufgezogen — 

Ganz nahe des Erlosers Bild. 



Es klafft ein Sprung, es fehlt ein Stuck, 
Und unbeweglich in der Tiefe 
Ein Rest bleibt stehn^ 126 — Entsetzen 
Fafit rings das Volk und fafit den Meister. 

Und wie er trauernd seine Augen 
Abwendet, (wie)^ 127 das Gesicht verhiillt, 
Das Schreckliche nicht mehr zu schau'n — 
Die Mutter, die im stummen Schmerz 

Ol 17 Bleistiftkorrektur Schumanns, anscheinend wieder getilgt: 

»gahr'nde«. 
Oil 8 Der Punkt mit Bleistift hinzugefiigt. 

0119 Bleistiftkorrektur Schumanns, anscheinend wieder getilgt: 
»riihr'n«. 

0120 Von Schumann iiber der Zeile mit Bleistift eingefiigt: »ihrer«. 

0121 Von Schumann iiber der Zeile mit Bleistift eingefiigt: »sie«. 

0122 Bleistiftkorrekturen Schumanns, teils uber der Zeile eingefiigt: 
»die ries'ge Glocke fort«. 

0123 Von Schumann iiber der Zeile eingefiigt: »sie«. 

0124 Bleistiftkorrektur Schumanns: »gewund*nen«. 

0125 Bleistiftkorrektur Schumanns: »e« gestrichen, Apostroph einge- 
fiigt. ^ 

0126 Bleistiftkorrekturen Schumanns, anscheinend wieder getilgt: »ste- 
hen und« (»und« anstelle des getilgten Gedankenstrichs iiber der 
Zeile eingefiigt). 

0127 Mk Bleistift gestrichen. 



378 1844 



Das todtgeborne Kind betrachtet, 

Ihr Antlitz mag nicht schmerzens^ 128 voller sein ■ 

Da drangt ein Mann sich im Talar 

Zu ihm und spricht: 

Du hast versucht, was du nicht solltest, 
Mit HeiPgem niederen^ 129 Sinn beschont: 
Nicht Gott ist's, dem du dienen wolltest, 0130 
Der Eitelkeit^ 131 hast dugefrohnt: 
So sei dein Name^ 132 fortan verhohnt, 
Du, tausend Anderen^ 133 gleich vergessen. 
Soil Dir ein Werk mit Gott gelingen, 
Lern' erst zur Demuth dich bezwingen. 

Und schweigend hurt's der Kiinstler an, 
Und wie die Menge sich verlor, 
Verlor er mit sich im Gedrange. 



310 II 

(1836.) 

In Moskau, Rufilands Wunderstadt, 
Von einer Glocke ging die Sage, 
So riesengrofi, dafi sie im Sturze 
Die Kuppel, die sie trug, hernieder 
Gezogen in die Erde, wo 
Sie selber nun vergraben, jahrlich 
Sich tiefer in die Erde bohrend. 

Noch andre Sagen gab's von ihr, 
So: dafi ein Kiinstler sie erdacht, 
Der wohl den Besten beizuzahlen, 
Und dafi beim Gufie sie mifigliickt — 
Und andre noch. 

Es hort der Kaiser von dem Riesen, 
Der ihm in seinem Kremlin schlaft — 
Er spricht »ich will die Glocke sehn« 

0128 »ens« von Schumann mit Bleistift iiber der Zeile eingefiigt. 

0129 Bleistiftkorrektur Schumanns : »nied'ren«. 

0130 Das Komma mit Bleistift hinzugefiigt. 

1 3 1 Unterstreichung mit Bleistift. 

0132 Bleistiftkorrektur Schumanns: »Nam'«. 

0133 Bleistiftkorrektur Schumanns : »And'ren«. 



1844 379 



Und milden Sinnes fiigt er bei: — 
»Der Kiinstler, der das Grofite dachte, 
Sein Streben soil geheiligt sein, 
Ob audi die That es kron', ob nicht — 
Man zieh* sie an des Tages Licht, 
Die lang genug im engen Schrein 
Geschlummert, von des Kiinstlers Streben 
Der Welt ein sprechend Bild zu geben.« 689 

Und wie der Kaiser dem Entschlufi 
Die rasche That wohl angewohnt, 
Dafi,^ 133A was geschehn soil, mufi geschehen, 
Wie sich der Kleinmuth auch entgegensteine - 



So sieht man riist'ge Arme bald 
Am Werke der Befreiung schaffen, 
Dafi sie, die Sclavin niedern Bodens, 
In ihre Wiirde eingesetzt, 
Aufleb 5 im Licht lebend'gen Odems. 

Wo Moskau wie aus hundert Bachen 

Vom Kreml herab sich in das Thai 

Endlos ergiefit nach Osten zu, 

Auf seiner hochsten schonsten Stelle — 

Inmitten mancher Cathedrale 

Dem Schatz nah 5 mit den Reichs-Kleinodien • 

Dort steht sie nun, zwar schwebend nicht, 

Zwar klingend nicht — 

Doch wenn am Ostermorgen fruh 

Die jungen^ 134 Schwesterglocken all 

Dem heil'genTag entgegensingen, — 

Ein riihrend leises Klingen 

Hat mancher Glaub'ge da gehort, 

Als traumte sie ein still Gebet 

Zu Ehren Christi des Erstand'nen. 



0133 A Das Komma mit Bleistift h in zuge fiigt. 

0134 Bleistiftkorrektur Schumanns, anscheinend wieder getilgt: 
»jungen« gestrichen, »jiing , ren« iiber der Zeile eingefiigt. 



380 1844 

311 ROBERT SCHUMANN: 

III. 

Wie ahnelt, Glockengiefier, dir 
Und deinem Loos ein andrer Meister, 
Defi' Bild mir durch den Sinn fahrt, hier 
Gr'ad hier, wo mich auf Schritt und Tritt 
Verfolgt der Ruf erschlagner Geister. 

Zwar war sein Handwerk Glockengiefien nicht, 

Doch dem Metall verwandt; am liebsten mit 

Kanonenschrift dictiert' er Reichen 

Und Volkern sein<> 135 »Ich wills« (und Leichen) und daflO 136 

(Zu seinen Fiifien aufgethurmt im Blut) 

(Die sprachenfj] seines Willens^ 137 Zeugen:) 

(Ihm sich zu strauben, sei nicht gut.) 

Er wisse was er wollt' auch zju erreichen, 

Zu seinen Fiifien kiindeten's die Leichen. 

Ich seh' ihn mit verschrankten Armen, 
Kremlin auf deinen Zinnen stehn — 
{Gluth in den Thal'n, Gluth in den (Hohen) Hoh'n,) 
Ein Gluthmeer rings der Himmel, auf 
Mit neuer Kraft die Flame loderndj 
Wo kaum geloscht — die Stadt ein Grab,^ 138 
Und hie u. da ein heulnder Hund, 
Den Herren suchend und betrunkner Pobel 
Und (selten nur) ein Siegsgeschrei, 
Als (war's der Tod, den man 0139 ) . . . 
press' der Tod es aus der Kehle . . . 

Dir aber auf dem Kremlin, raunte nicht 
Ein finstrer Geist dir in das Ohr: 
Hast du auch Wort gehalten auf dem Thron, 
Hast deinen Volkern Freiheit du gegeben, 
Du, der du's kontest, du von dem ein Hauch 

0135 »sein« uber der Zeile eingefugt. 

0136 »und dajS« sowie die beiden am Schlufi der Strophe wiedergegebe- 
nen Zeilen auf dem Seitenrand hinzugefugt. 

0137 Daruberstehend, ebenfalls gestrichen: »kiindeten, gewichtge«. 

0138 Daneben auf dem Seitenrand folgende wieder gestrichene Textva- 
riante: »Die Stadt ein modernd/Gebeinhaus, hier u. da nur heu- 
lend,/Ein Hund, der seinen Herrren sucht, betrunkenes/Gesindel 
frech die Beute theilend.« 

Ol 39 Das folgende, gestrichene Wort nicht lesbar. 



1844 381 

Hinreicht, Millionen zu erheben, 
Mit deinem Geist du, deinem Adleraug' — 
Hast du gehaken auf dem Thron, 
Was du versprachst. Napoleon? 

War's auch das Volk, das du bedacht, 

Wenn siegsgewifi du sie zur Schlacht 

Anfuhrtest, war's zu s e i n e m Heil, 

Als EnghienO 140 (unterm) dem Blei der^ 141 Henker <beil) 

Du (bluten liefiest) du iibergabest^ 142 , wars zu seiner 

Erhebung, dafi du Legionen 

Aushubest, sie nach fernen Zonen 

Entsendetest — und nicht zu deiner? 

Nicht langer kann er's tragen, was 
Ihn aus den Flammen anspricht, blafi 
Und blafier wird die Wange, wie 
Die Flamme roth u. rother lodert. 
Aus alien Hausern flamt's hervor; 
Er aber mit verhangtem Ztigel 
Sprengt durch Petrowski's brenend Thor, 
Als saE' das Feu'r ihm schon am Bugel. 

IV. 

Er hat gebiifit auf hartem Stein, 

Wie du mein Glockengiefier; nein, 

Vielleicht nicht ganz rein war sein Streben — 

Was kiimert's dich — er hat gebiifit, 

Als mit gebrochnem Aug' auf Sanct 

Helena er das Bild gekiifit 

Von seinem Kinde, das^ 143 man ihm 

(Vom Herz ge) Vom Vaterherz genomen; Cherubim 

Im Himmel sahn das Leid u. sprachen: 

Was noch kein Sterblicher, er hat's getragen. 

So ruht' er lang im fernen Meer; 

Der Ruf der Schildwach nur eintonig * 

{Ertont') Erschalit 0144 am Grabe; daft ein Konig, 

0140 »Enghien« noch einmal senkrecht daneben auf den Seitenrand ge- 
schrieben. 

0141 »dem Blei der« liber der Zeile eingefiigt. 

0142 »du iibergabest« iiber der Zeile eingefiigt. 

0143 Danach ein gestrichenes, nicht Iesbares Wort. 

0144 »Erschallt« uber der Zeile eingefiigt. 



382 1844 

Ein Kaiser hier begraben war' — 
Der stille Ort verrieth es wenig. 
Und ruhte Jahrelang, Wie gleicht, 
O Glockengiefier, dir u. deinem 
Geschik das Loos des Schlachtengott's ! 

(Der) Des Lobs der Freunde satt, des Spotts 

Der Feinde iiberdrUssig, ganz 

den (ganzen)^ 145 Menschen nehmend, reicht 

(Die alles sieht im hochsten Raum,) 

Klio, des Spruchs (Vollstreckerin) Vollzieherin 

Der Weltgeschichte, (seinen) ihren^ 146 Kranz 

Dem Helden, mit gerechtem Sinn 

(Die Fehlerwie die Grofien)[?] 

Die Schatten sondernd u. den Glanz. 

Und einem Konig mafiig, weise, 
Sprach sie in's Herz: es ist die Zeit, 
Ihn, der sein Blut zu Frankreichs Preifie^ 147 
In Schlachten hundertfach geweiht, 
Zurukzufordern, die Gebeine, 
Eh' sie im fremden Land verstiebt, 
Zurukzuholen{,) zu den Borden 
314 Der Sein', in's Land (wie er mit riihr'nden Worten 

Verfiigt' in seinem Testamente) 690 
In's Land, das er so sehr geliebt . . 
Vollbring's u. Recht hast du geiibt! 

Als ob die siifie Last es konnte, 

Der Ocean ebnet sich, es ein'gen 

Sich freundlich Well und Wind', den Lauf 

Des edlen Fahrzeugs zu beschleun'gen; 

Mit seinen Masten prachtig still 

Schwebt es daher die Wassergleise — 

Brav, brav, mein Prinz v. Joinville, 



0145 »ganzen« iiber der Zeile eingefiigt, dann wieder getilgt. 

0146 »ihren« iiber der Zeile eingefiigt. 

0147 Diese Zeile ab »sein« gestrichen, dann durch Unterpunktieren 
wieder giiltig gemacht. Auf dem Seitenrand folgende (an »Ihn, 
der« anschliefiende) gestrichene Textvariante: »in Frankreichs 
schonsten Tagen/dem Tod entgegen hundertmal/die [folgt 1 
nicht lesbares, separat gestrichenes Wort] kiihne Heldenbrust ge- 
tragen«. 



1844 383 

Dies war (fuhrw) fiirwahr die schonste Reise 
Die du gethan zu (seinem) Frankreichs^ 148 Preifie! 

(Im)<> 149 

Im Dom der Invaliden 

Da steht ein Grab noch neu, 

Da regnet's frische Bluthen 

An jedem (ersten) fiinften^ 150 Mai. 

Vor alien Imortellen 
Es bringen sie in Schaaren 
Die einstens Kriegsgesellen 
Des tapfren Kaisers waren. 

Und aus dem stillen Grabe 
Ertont's mit Geisterlauten: 
[»]Habt Dank ihr meine trauten 
Kam'raden flir die Gabe. 



Und leiser sprichts u.-leiser: 
Kommt bald zu mir, wie lange 
Liefit ihr mich schon allein, 
Ihr die ihr wie der Kaiser 
Allzeit mufo fertig sein — 
Kommt bald«. Es kniet der letzte 
Gardist an Kaisers Grab, 
Die letzte Thrane netzte 
Das vielgeliebte Grab. 

Dafi er nicht wank' u. weiche, 
Man braucht's ihm nicht zu sagen: 
Er ward als stille Leiche 
Alsbald hinweggetragen. 



0148 »Frankreichs« Uber der Zeile eingefugt. 

0149 Die folgenden Strophen wieder zweispaltig geschrieben (vgl. Fufi- 
note 108), daher dieses eingeruckte Anfangswort gestrichen und 
darunter nochmals begonnen. 

0150 »fiinften« uber der Zeile eingefugt. 



384 1844 

315 Die Franzosen vor Moskau. 

Ueber der Moskwa dort von der Hon', 
Don kam sie her die grofie Armee. 

AIs sie nun ausgebreitet ganz 
Sahen die Stadt im Sonnenglanz, 
Endlos die Kuppeln am Horizont, 
Schallt' es freudig von Front zu Front: 
Moskau, Moskau, die Wunderstadt 
Die sich nun auch ergeben hat. 

Sie riickten naher, sie riefen laut: 

Das ist (fuhr) auf Ehr* die schonste Braut, 

^ 151 Die uns geschenkt der General 

Nach der verdamten Reisequal. 

Hier mag ein lustig Leben sein, 

Wir mochten je eher je lieber hinein. 

{Und) Doch^ 152 standen sie lange^ 153 wie angebannt, 
Sie dachten: Es mufit' ein Rathsherr komen 
Die Schliissel der Stadt in der Hand — 
Es that kein Rathsherr komen. 

Sie harrten zwei Stunden lang, 
Der Kaiser ward zornig; er sprang 
Zuletzt in das Thor hinein, 
AIs war' die Stadt schon sein. 

Da war kein Mensch zu schaun, 

Es^ 154 uberlief den Herr'n ein Grau'n 

Und wie er (in) auF 155 den Kreml 

Sich setzte in den Schem'l 

Vom Kaiser Alexander, 

Es war ihm da, als brannt' er. 



0151 Die folgenden 4 Zeilen anstelle von 2 mehrfach verbesserten und 
schliejSlich gestrichenen auf dem Seitenrand hinzugefiigt. Der ge- 
strichene Text lautet etwa: »Die je sich dem Kaiser ergeben [Vari- 
ante: »der Kaiser erobert hatt«] hat/Und werden des Sehn's [Va- 
riante: »Lobens«] u. Staunens nicht satt«. 

0152 »Doch« uber der Zeile eingefiigt. 

0153 »sie lange« iiber der Zeile eingefiigt. 

0154 Danach ein gestrichener, nicht lesbarer Wortanfang. 

0155 »auf« iiber der Zeile eingefiigt. 



1844 385 

Und als<> 156 in (der) weiter<> 157 Fern 1 
er sah 0158 ein lichtes Punctchen — 
Er sagt', das ist kein Stern. 
Und wie er wieder° 158A hinsah, 
Das Punctchen war ein Fiinkchen, 
Er sprach »ich seh's nicht gern«. 

Und wie zum drittenmal 
Er hinsah, da erscholl es 
Von alien Seiten »Feuer« 
Und immer grimmer schwoll' es 
Das Flamenungeheuer. 
Da war ihm klar der Rest: 
Er safi in Feindes Nest, 
Der Schwefel ihm und Feuer 
(Gelassen) Vermacht<> 159 statt<> 160 

Da rief der Kaiser laut: 

(»Rostopschin, o Rostopschin,) 

161 Und in die Dielen hakt' er 

Rostopschin, du Vertracter 

Das hast du mir gebraut 

Hatt' ich dir nie getraut 

Und deinen falschen Thoren 

Nun ist mein (Sach') Krieg^ 162 verloren« 

Und (bald) auf der^ 163 flachen[?] Hoh, 

Wo sie zuerst geschaut 

Die triigerische Fee, 

Sah bakP 164 man die (Hauptarm) (grofte) Armee 

Zuriikmarschiern. — Traut keiner Braut, 

Die sich so schnell^ 165 ergiebt, traut keiner, 

0156 »als« iiber der Zeile eingefiigt. 

0157 Ursprtinglich »n«, durch »r« iiberschrieben. 

0158 Urspriinglich »sah er«, durch Verweislinie umgestellt. 

0158 A UrsprungHch »h«, durch »r<< uberschrieben. 

0159 »Vermacht« iiber der Zeile eingefiigt. 

0160 Die folgenden Worte nicht eindeutig lesbar. Lesart Georg Eis- 
manns: »Sang u. Feier«. 

0161 Die beiden folgenden, anstelle der gestrichenen Zeile eingefiigten 
Verse am Mittelrand stehend. 

0162 »Krieg« auf dem Seitenrand hinzugefugt und durch Gammazei- 
chen hierherverwiesen. 

0163 »der« uber der Zeile eingefugt. 

0164 »bald« auf dem Seitenrand hinzugefugt. 

0165 Danach ein nicht lesbarer gestrichener Wortanfang. 



386 1844 

Wie schon sie sei; die pracht'ge 

Es wollte sie umarmen 

Napoleon; das nachtge 

Gespenst <im) mit 0166 Flamenkufi 

Erwidert es den Grufi 

Und jagt ihn ohn Erbarmen 

Den schwergepriiften Reiter 

(Von Land zu Lande) durch Stadt* und Lander weiter.^ 167 

Moskau, 

den — April [18]44.<> 168 



0166 »mk« iiber der Zeile eingefugt. 

0167 »durch Stadt* und Lander weiter« unter der Zeile hinzugefiigt. 

0168 Das Datum auf den Seitenrand geschrieben. 



Tagebuch 16 

Reisenotizen VI 

2. Teil: Harz 1844 

10.-18.9. 1844 



Reise in den Harz 
im September 1844. 

Dienstag den lOten friih um 6 Uhr mit dem DampfVagen 
nach Cothen — schoner Morgen — Ankunft in Cothen — das 
alte Schlofi — leidlicher Postwagen — gefahren bis Bernburg 
— hiibsches Saalthal — der galante Wirth mit Rosen und Trau- 
ben — nicht gutes Befinden, korperliches und geistiges — von da 
nach Aschersleben — altes Nest — der prahlerische Jude u. 
sein Extrapostgedanke — mit Extrapost nach Ballenstadt — 
unterwegs Regengufi und ziemlich heftiges Gewitter — erste 
Aussicht in den Unterharz — Ballenstadt selbst hochst lieblich — 
aber der Hiinel verfinsterte sich und mit ihm unser Reiseplan — 
gegen Abend noch Spatziergang auf das Schlofi mit wunderlieb- 
licher Aussicht von der Terasse — die nahen Regensteine und 
Quedlinburg — regnerischer Abend — hubscher Gasthof im 
Stadt Bernburg — 

Mittwoch den llten heitrer Morgen — Spaziergang in den 
Schlofigarten u. Klara's Freude — der Teich mit hubscher An- 
sicht des 

alten Theils des Schlosses — Gedanken an Zschokke's »Prinzes- 
sin von Wblfenbiittel« — um 8 Uhr mit e.[inem] Zweispaner 
(nach} iiber Meisdorf , dem sehr lieblich gelegenen Schlofi des 
Gr.[afen] v. d. Asseburg, in das <S) anmuthige Selkethal nach 
Schlofi Falkenstein — Besteigen des Berges — schone Wald[-] 
u. Bergflora — Falkenstein sehr malerisch u. ziemlich hoch gele- 
gen — oben wohlschmekendes Friihstuck — Besichtigung des 
Schlosses — die neuen Zimer fiir d. Konig v. Preufien bestimt — 
liebliche Aussicht in das Thai mit Ermsleben, nach Westen auf 
die Victorshohe — durch' das liebliche Thai nach Magde- 
sprung, tiefgelegener Huttenort — Besteigung der Felsen mit 
dem Kreuz und Blick von da in das Thai, das nach Alexisbad 
fuhrt — letzteres sehr still u. einsam u. ohhe alle Menschen u. 
Gaste — das melancholische Wetter macht den Aufenthalt noch 
melancholischer — das Schweizerhauschen des alten Fursten u. 
der geschmaklosche^ 1 tiirkische Pavilion 
ol Sic. 



388 September 1844 

69 des neuen (v. Anhalt=Bernburg, der ein Sonderling sein soil) 691 — 
liber den schon mit Eichen u. Buchen bewachsenen Ramberg 
meist zu Fufie auf Victorshohe — weite (schone) breite Aus- 
sicht vom Thurm da, obwohl mit angstlichem Gefiihl bestiegen 

— von da in der Damerung bis Stubenberg u. da iibernachtet 

— Forellen u. Wildschwein 02 — das Nachtlager im kleinen Pavil- 
ion u. Klara's Furcht und Schrecken — 

Donnerstag d. 12ten um 8 Uhr iiber Gernrode u. an e.[inem] 
Stuck der Teufelsmauer vorbei nach Thale an der Bode u. von 
da nach den lieblichen Blechhutte — der einaugige Fuhrer, 
mit ihm die Rofitrappe bestiegen — wildeste Gegend da — tief 
unten die Bode — gegeniiber der Tanzplatz — die Erzahlung^ 3 
des Fiihrers von der RoBtrappensage (v. <vo) Tags zuvor die Er- 
zahlung des Bergmansjungen v. Magdesprung) 692 — der Pferde- 
huf, die lustigen Frauen, u. der Pistolenschufi — der steile Weg 
direct in's 

70 Thai nicht von uns gewahlt — dann das wilde Bodethal mit 
merkwiirdigen Felsgruppen u. der^ 4 raschen Bode, die die Fels- 
blocke alle rund abgespult — der Ausruhort zum Waldkater 
sehr behaglich — Birkenwasser — Gedanke uns im nachsten Jahr 
einmal langere Zeit anzusiedeln — im Gasthof Legationsrath 
Gerhard aus Leipzig mit Frau begrufit — sein Zeichnen im Dorf 
unter dem weiften Sonnenschirm u. die herumstehende Dorfju- 
gend — sehr komisch — von da mit einiger Reisemelancholie 
aufgebrochen um 4 Uhr an d. Teufelsmauer vorbei in imerwah- 
rend anmuthiger Gegend nach d. Re gen stein, einer ehemali- 
gen, jetzt geschleiften Vestung — sehr sehenswerth — Fernsich- 
ten, namentlich der Brocken ganz klar, was schones Wetter ver- 
heifit — Ankunft in Blankenburg — sehr comfortabler Gast- 
hof mit schonen Zimern (weifler Adler) — 

Freitag d. 13ten September — der 25ste Geburtstag meiner gu- 
ten Klara — der grofie Blumenstraufi u. der versteckte Ring, 

71 den wir nicht finden konnen — Besehen des Schlosses, das male- 
risch liegt — die Buche im Schlofihof — dann iiber den Ziegen- 
bergO 5 nach Riibeland mit theuren Forellen u. der Baumanshohle 

— der Bergmann u. Fuhrer Schunemann — In die Baumanshohle 

— schauerliche ungewohnte Finsternifi u. Todtenstille, nur vom 
Tropfeln des Wassers unterbrochen — Gedanke an Schiller's 
»rosiges Licht« 693 und dafi dies das Element des Menschen — 

02 »W« iiber einen nicht iesbaren Wortanfang geschrieben. 

03 »E« iiber »S« geschrieben. 

04 Urspriingiich »den«, das »n« durch »r« uberschrieben. 

05 Das Wortende — ursprUnglich vermutlich »bart« — uberschrieben; 
recte : Ziegenkopf . 



September 1844 389 

Gerhards wieder begegnet — die Gegend nach u. nach rauher 
und unfruchtbarer — Elend u. Schierke — die Felsennasen »wie 
sie schnarchen wie sie blasen« (^ 6 Gothe's Faust) 694 — Schierke, 
trauriger Ort — die Fremdenbucher im Harz u. das Beklopfen u. 
Beschneiden zur Erinnerung (auf d. Ramberg fast in jedem 
Baum des Waldes auf der Strafie) dann meistens zu Fufi den 
Brocken hinan bei ganz gunstiger Witterung — die Felsblocke u. 
Bergbache — Klara's 

riistiges Aufsteigen — Ankunft um 1/2 7 Uhr am Brokenhaus — 
die letzten Strahlen der Sone — ziemliche Klarheit des launi- 
schen Patrons, u. vielversprechendes Wetter — + langweilige 
Gesellschaft oben u. deutsche Stille an d. Wirthstafel — vortreff- 
licher Wein (Boxbeutel) — gegen 1/2 9 Uhr schlafen gelget^ 7 , 
doch wenig geschlafen — ziemliche Kalte u. viel Larm im 
Wirthshause — 

Sonnabend d. 14ten Sept. [ember] Gegen 5 Uhr aufgewacht — 
Kampf der Wolken mit der Sonne — nach und nach klart sich 
der Himel ganz auf — um 9 Uhr 11° Warme — das Brocken- 
wirthhaus — der Bock u. die Kuhheerde — der Wirth Nehse er- 
zahlt, dalS in diesen Jahr 3000 Gaste weniger d. Brocken besucht 
— grofie herrliche Rundsicht, zu gut fiir die gemeinen Men- 
schen, denen sie nicht gut genug — Gegen 1/2 10 Uhr meist zu 
Fufie durch das (mir liebste) Thai der Use mit seinem (Bach) 
Wasserfallen^ 8 nach dem Flecken Ilsenburg — Erinerung an Hei- 
delberger Gegenden — der h6chst freundlich gelegene Gasthof 
»Zu den Forellen« 
(Harzreise Fortsetzung) 

Von da bald weggefahren — unterwegs Entschlufi, wieder um- 
zukehren u. einige Tage in I.[lsenburg] zu bleiben — Werni- 
gerode mit sehr reizend liegenden Schlofi — »grafliche 
Schenke« ein guter Gasthof — das SchloE bestiegen — der Lust- 
garten, Blumengarten — hochst malerische Aussicht von oben — 
der frohliche Kutscher aus Ballenstedt — in einem Einspanner 
nach Ilsenburg zurtick — eine Notiz in der Magdeburger Zei- 
tung, die mich ganz melanchohsch afficirt 695 — krankhafter Zu- 
stand — Legations] Rath Gerhard abermals begegnet; angeneh- 
mer geistreicher Dilettant in Allem, wie es scheint — unruhiger 
Schlaf - 

Sontag d. 15 ten Sept. [ember] Unsere einsame Wanderung in 
die nahen Berge — heitres Wetter, triibes Gemuth — unser Su- 
chen nach d. Fufiweg in das Ilsenthal — steile Bergrutschparthie 

06 Urspriinglich »u.«, durch die Klammer uberschrieben. 

07 Sic. 

08 »Wasserfallen« uber der Zeile eingefiigt. 



3 90 September 1844 

u. nach 2 Stunden glukliche Ankunft auf demselben Fleck, von 
dem wir ausgegangen waren — lacherliche Stimung — zu Mittag 
in 

74 Ilsenburg gegessen — Berliner Gaste — gegen Abend Spazier- 
gang in das ganz reizende Ilsenthal — der Usenstein — Abends 
mit Gerhards geplaudert — gut geschlafen — 
Mo n tag d. 16ten Sept. [ember] Schone Parthie iiber Plessen- 
burg, Ottoburg nach d. Usenstein — auf Plessenburg delicates 
Fruhsttick — sehr schoner Blick von Ottoburg in die Ebene hin- 
ter Ilsenburg — der Usenstein, grofister Granitfels im Harz — 
gute table d'hote u. Champagner nach langer Zeit zum erstenmal 
wieder — dann mit Gerhard's nach Neustadt durch anmuthige 
Waldgegenden — kleine Regenschauer — 'Spaziergang mit Ger- 
hards in der Darnerung — die Gegend hat etwas von den sieben 
Hugeln bei Bonn 696 — Kunde, dafi Clausthal in der Nacht von 
Sonntag zu Montag abgebrant, ich sah es noch Sonabend fruh v. 
Brocken aus — 

Dienstag d. 17ten September] — Umschlagen des Wetters — 
Abschied v. Gerhards — Besteigen des schonen Burgberges — 
sehr angreifend u. ich uberhaupt sehr krank — von Harzburg 
nach Wolfenbtittel — der Dampfwagen durch seine eigne 
Schwere bergab laufend u. Klara's Angst — Abschied v. Harz — 
Um 5 Uhr in Halberstadt — 

76 (Harzreise, Schlufi) 

In Wolfenbtittel die Bibliothek u. Erinerung an Lessing — das 
originelle Schlofi aus lauter Fenstern — schwiile Witterung — in 
Halberstadt herumgelaufen — der Conditor — der Dom bei 
»Nachtbeleuchtung« — 

Mittwoch d. 18 ten Sept. [ember] Fruh den interessanten Dom 
im Inern mit prachtiger Orgel besehen u. beinahe den Dampf- 
wagen versaumt — Abfarth um 9 Uhr — Ankunft in Magdeburg 
um 11 Uhr — ungeheures Gewitter — unangenehme Farth u. 
Klara's Unwohlsein — Ankunft in Leipzig um 1 Uhr, wo wir die 
Kinder gesund finden — 

nun gebe mir der Himel Gesundheit und Kraft zur Arbeit wie- 
der! - 



1844 391 

<> 9 Clara Wieck unci Beethoven. 

(.FMollSonate) 

Gedicht von Grillparzer. 

Ein Wundermann, der Welt, des Lebens satt, 

Schlofi seine Zauber grollend ein, 

Und warf den Schliissel in das Meer u. starb. 

Die Menschlein miihen sich geschaftig ab, 

Umsonst, umsonst!^ 10 Kein Sperrzeug offnet 

Das harte Schlofi u. seine Wunder schlafen wie ihr Meister. 

Ein Schaferkind^ 11 am Strand des Meeres spielend, 

Sieht zu der hastig unberufnen Jagd. 

Sinnvoll, gedankenlos, wie Madchen sind, 

Senkt sie die weifien Finger in die Flut, 

Und fafSt und hebt und hat's. Es^ 12 ist 

<Es ist) der Schliissel. Auf springt sie mit hohern 

Herzensschlagen, 
Der Schrein blinkt (ihr) wie aus Augen ihr entgegen. 
Der Schliissel pafit, der Deckel fliegt. Die Geister 
Sie steigen auf und senken dienend sich 
Der anmuthreichen, unschuldsvollen Herrin, 
Die sie mit weifien Fingern, spielend, lenkt. ~ 697 



[Notizen zur Reise nach Dresden]^ 13 

Reissiger. Wagner. Paul. Schubert. Kumer. Rokel. Lipinski. Liit- 
tichau. "Winkler, v. Falkenstein. v. Kuefstein. Baudissin. Carl 
Kaskel. Hofrath Carus. Schmieder. Major Serre's. Otto. v. Lie- 
benau. Giinz. 



An das Conservatorium. An Kriiger, Kofimaly, Hartels in Leip- 
zig - 



O 9 Die Niederschrift des Gedichts erfolgte mit Tinte. 

OlO Urspriinglich Semikolon, durch Ausrufzeichen iiberschrieben. Das 
folgende »K« aus »k« verbessert. 

Oil Am Wortanfang urspriinglich »Sf«, das »f« durch »ch« iiberschrie- 
ben. 

012 »E« auf einen Gedankenstrich geschrieben. 

013 Vermuriich letzte Eintragungen in diesem Heft, zwischen Notizen 
von der Rufilandreise stehend (Seite 96/97 in originaler Zahlung). 
Vgl. Fufinote 64 auf Seite 315. 



Tagebuch 17 



Reisenotizen VII: Bonn/Thuringen 1845 
31.7.-12.8. 1845 



Robert-Schumann-Haus Zwickau, Signatur 4871/VII A/b 7 

Das Heft hat keinen originalen Einband und besteht aus 16 Blat- 
tern im Format 14,0 cm x 11,0 cm, die fadengeheftet sind. 
Samtliche Eintragungen Schumanns wurden mit Bleistift vorge- 
nommen. Die eigentlichen Reisenotizen umfassen Bl. 1 bis 3 
(originate Paginierung: Bl. 1 unbezeichnet, Bl. 2 = Seite 3/4, Bl. 
3 = Seite 4a/4b). Im freigebliebenen Mittelteil des Heftes wur- 
den jeweils die Recto-Seiten (S. 5 bis 19) von fremder Hand nu- 
meriert. Weitere Notizen Schumanns finden sich auf S. 20 bis 
26, 28 und 30, die (mit Ausnahme von S. 28) von fremder Hand 
durchgehend numeriert wurden. 

Die Signatur ist auf S. 30 unten mit Bleistift eingetragen (Hand- 
schrift Georg Eismann). 



Juli/August 1845 393 

UNBEKANNTER: VIlO 1 
ROBERT SCHUMANN: Reise zum Beethovenfest 698 

angetreten Donnerstag d. 31sten Juli 1845.^ 2 

Donnerstag den 31 sten Juli. Abschied von den Kindern — 
von Dr. Reuter — um 4 Uhr mit dem Dampfwagen fort bei hei- 
terem Wetter, auch heiterem Sinn — Unterhaltung mit Klara — 
Ankunft in Leipzig um 1/2 8 Uhr — Carl's — die Erzahlung von 
der Berliner Mutter [Marianne Bargiel] und Lachen — Hotel de 
Baviere — Zu Poppe — Herrmann — Whistling — recht gut ge- 
schlafen — 

Freitag d. / sten August. Friih Brief an Liszt 699 — dann 
Angst- u. Schwindelanfall — Schreckliches Befinden den ganzen 
Tag — Nachmittag in's Rosenthal — Vetter Pfund — Abends 
Hermann — Graf Reufi mit der Uhr und Klara's Freude — der 
grofie Appetit bei Poppe — unruhig geschlafen — 
Sonn abend d. 2 ten August — schon sehr krank aufgestan- 
den — im schweren Gewitter fortgefahren — ebenso in Weissen- 
fels — Mad.[ame] Genast mit Tochtern — Aufheiterung — 
Naumburg — Klara's Obstkauf — Aenderung des Reiseentschlu- 
fies — Ankunft in Weimar um 1/2 8 Uhr — Montag — schlimmer 
Schwindel — 

Sonntag d. 3 ten August. Krank u. traurig aufgestanden — 
mit Montag durch d. Park v. Gothe's Somerhaus — nach Ober- 
Weimar — der Instrumentmacher N N. — Klaras Binder Gustav 
[Wieck] — hiibsches Wetter — Unentschlofienheit wegen d. Rei- 
seplanes — endlich fiir Rudolstadt entschieden — um 4 Uhr fort 

— Aufheiterung — Berka, Blankenhain liebliche Gegend — thii- 
ringischer Waldcharakter — das Schwarzburgische — romanti- 
sches Thai — Rudolstadt zwischen Baumen versteckt sehr lieb- 
lich — Ankunft um 8 Uhr — der Anger u. frohliches Leben 
darauf — Capellmeister Miiller — Gasthof zum Ritter — 
Montag d. 4 ten August — Schoner Morgen, aber entsetzli- 
che Schwache, wie vom Schwindel — Capellmeister Miiller sehr 
freundlich — Farth auf das Schlofi u. d. Schlofigarten — Friih- 
stiick bei Miiller — Auf Schillers Hohe, Volkstedt gegeniiber — 
Schillers Biiste — Um 4 Uhr fort nach Schwarzburg — schones 
Thai mit Waldbachen — das Schweizer-Forsterhauschen — 
Schwarzburg, schon romantisch, aber unheimlich — schon fiir 
den Mahler — das Stammschlofi der Schwarzburg — die Hirsche 

— die unverschamt(en) theuren Forellen — 

01 Darunter in der Seitenmitte eine weitere »VIL« mit Tinte geschrie- 
ben und unterstrichen, dann ausradiert. 

02 Darunterstehend »(Thiiringen)« mit Tinte (Handschrift Martin 
Kreisig) geschrieben, dann ausradiert. 



394 August 1845 

Rukfarth des Abends etwas angstlich — Gedankenvoll beide Rej- 
sende — Vor Saalfeld das Denkmal des Prinz Louis unvergess- 
lich 700 - der blinkende Stern - Urn 1/2 1 1 Uhr Ankunft in Saal- 
feld - 

Dienstag d. 5 ten August — Saalfeld verlafien um 10 Uhr — 
sehr krank — Posneck — Neustadt — Tripstrillen — die dumen 
Hamburger — Ankunft in Gera um 5 Uhr — 
Mittwoch d. 6 ten August — Im Regenwetter von Gera fort 
um 8 Uhr — Ronneburg — Friihstiick in Lang[en]bernsdorf — 
Aufheiterung, inere — der Deichselbruch auf d. Windberg — 
Zwickau in Wolken — Ankunft in d. Tanne — heimathliche Ge- 
fiihle — In die Bergkeller trotz entsetzlicher Schwache — Fugen- 
thema fiir Klara 701 — vortrefflicher Appetit — 
4b Donnerstag d. 7ten August — um 9 Uhr von Zwickau 
nach Schneeberg — alte bekannte Gegenden — 
Freitag d. #ten August — Etwas besseres Befinden — Ge- 
muthlicher Aufenthalt — 

Sonn abend d. 9 ten Aug[ust] — Besseres Befinden — scho- 
nes Wetter — CarPs [Schumann] Sohn — Uhlman's — 
Sonntag d. lOten August — Vaters Sterbetag — Erinne- 
rungsblatter 702 gelesen — viel besseres Befinden — Spaziergang 
nach Schlema — Carl's Sohn nach Zwickau — 
Montag d. 1 1 ten August — um 1/2 12 Uhr Abschied v. 
Carl [Schumann] pp — die Kinder v. Julius [Schumann] (Emilie 
u. Mathilde) — iiber Losnitz u. Stollberg nach Chemnitz — An- 
kunft um 5 Uhr — Spaziergang — besseres Befinden — die 
Wirthsleute im rom.[ischen] Kaiser alte Bekannte v. Klara 703 — 
Dienstag d. 12 ten August — um 10 Uhr Abfarth von 
Chemnitz — Abends 7 Uhr Ankunft in Dresden — die Kinder an 
der Post — 

20 [Wiener Bekannte] 

Vesque v. Piittlingen Frau v. Gothe 

Frau v. Cibbini Elise List. 

Fiirst Metternich. Adalbert Stifter. 

Frau v. Pereira. Dr. Frankl. 

Frau v. Baroni Ca[v]alcabo. Saphir. 

Likl. Levy. 

Jenger. Mayseder u. Merk. 

Fuchs. Rettigs. 

Nicolai. Dr. Becher. 

Haslinger. Sechter. 

Jiillich. Julie v. Webenau. 
Fischhof. . v. Sonnleithner. 

Grillparzer. Hauser. 









1845 395 


A. Schmidt. 


Graf. 


G. Barth. 


Streicher. 


Mechetti. 


Tomaschek. 


Sulzer. 


Bosendorfer. 




Lutzer-Dingelstadt. 


2 1 An Whistling Correctur . 


Sinjbnietta. 


An Franz. 


Finale zu Faust. 


An Schulze. 


1 Orgelfuge. 


Zu Paul. 


2 Clavierfugen. 


Skizzen f. Ped.falfliigel] 


Clara's Fugen. 


Zu Wehner. 


2 Hefte Lieder. 


An Hiller. 


Trio. 


Quartett v. Verhulst. 


Concert f. Clavier. 


« » in F moll v. Beethoven. Romanzen. 


Cherubini. 




An Brendel (Riehle) 




22 Friedrich Schumann. 


Henriette Weber Carl 




geb. Schumann. v. Schnabel. 


Livia Sch.[umann] 


Emilie [Weber, ver- Carl. 




heiratet mit] 




Fritzchen (Oertel) 


Carl Schumann. 


Kinder v. Julius. Robert. 




[Schumann] 




" 1 . Carl Schumann 


" Richard Schumann. 


Marie. 




Rosalie 


Emilie 


Elise. 




2. Anna 


Mathilde 


Juliet 



23 In deiner Kunst vervollkommne dich von Tag zu Tag, da giebt's 
genug zu thuen. — 



Die Thatsachen komen an's Licht, nicht aber die Motive imer 
(Zur Geschichte). 



24 Zwickauer Bekannte. 

Kuntsch . von Schlegel . Rector Hartel . M[usik]D . [irektor] 
Schulze. Flechsig. Rascher. Dr. Herzog. Klitsch. 
Bamberger. Dr. Voigt. Oberlander. Kirchenrath Dohner. 
Rudel. 



o3 Die Notizen auf dieser Seite parallel zur Heftmitte stehend. 



396 August 1845 

25 Der Wald vor Weimar. 

GSthe's Gartenwohnung. 

Rudolstadt. 

Schwarzburg. 

Prinz Louis Monument vor Saalfeld. 

Tripstrilien. 

Ronneburg. 

Zwickau. 
26 



Und die Sonne Homers siehe sie lachelt auch uns! 704/ ^ 4 



28 Dr. Herrmann — Widerspruch zwischen Cultur u. Natur — ^ 5 

Sonnabend d. 2 ten August. — Neigung zu Schwindel. 
Angst u. Unruhe namentlich in Handen u. Fiifien — Kollern in 
den Gliedern — nicht viei Appetit — Puis schwach, leicht erreg- 
bar — Schmerzen an verschiedenen Stellen im Kopfe, — nicht 
heftig aber beangstigend — 

30 Leipzig. Whistling. Hartels. Graf Reufi. 
{Staatspapier.} 
Sonntag Abend nach Jena 
Montag » »> nach Gera 
Dienstag » » nach Leipzig. 
Freitag von Leipzig nach Berlin. 
Sonnabend » nach Swinemunde. 
(Von Berlin an Brendel.}[?]° 6 

150 Th. baar mitgenomen. 



04 Darunter am Fufi der Seite eine Bleistiftskizze von Schlofi Heidecks- 
burg in Rudolstadt, siehe Abb. 8 in diesem Band. 

05 Zwischen dieser und der folgenden Eintragung zwei kurze waage- 
rechte Trennungsstriche. 

06 Zwischen dieser und der folgenden Eintragung zwei kurze waage- 
rechte Trennungsstriche. 



Tagebuch 18 

1. Teil: 
9. 3.-L 6. 1846 und Anhang 



Robert-Schumann-Haus Zwickau, Signatur 4871/VII A/a 8 

Das Tagebuch (in urspriinglicher Zahlung Tagebuch 8) hat kei- 
nen originalen Einband und besteht aus 16 Blattern im Format 
17,5 X 11,0 cm, die fadengeheftet sind. Es erhielt nach Archivie- 
rung ein Titelschild, das in Maschinenschrift die Signatur (die 
aufierdem auf S. 32 mit Bleistift eingetragen ist) und folgende 
Aufschrift tragt: 

Rob. Schumann 

Tagebuch 8 : 

1846/1847/1850 
Von fremder Hand wurden jeweils die Recto-Seiten numeriert. 

Eintragungen Schumanns, die mit Tinte in sorgfaltiger Hand- 
schrift vorgenommen wurden, finden sich auf den Seiten 3 bis 15 
sowie 25/26. Der Rest des Heftes blieb leer. 



3 98 Mdrz 1846 

1 CLARA SCHUMANN: 1846,47,50. 

Copirt.Junil879.< >1 

3 ROBERT SCHUMANN: 1846.0 2 

Sonntag d. 9 ten Marz. Abends ziemlich langer Besuch v. Ben- 
demann. Wir sprachen vieles uber Malerei und ich horte wie im- 
mer mit Ehrerbietung^ 3 (gem) zu. Ich frug, ob er glaube, daft 
den Raphael'schen Madonnen vielleicht Originale zum Grunde 
lagen, ob dariiber etwas Historisches bekannt sei pp pp. 
Bendemann verneinte dies durchaus: sicherlich waren es Ideale 
seiner Phantasie, wie denn seine Madonnen sehr leicht zu erken- 
nen waren; nur von der Madonna della Sedia sage man, daft sie 
nach dem Leben gemahlt sei, ebenso von seiner Geliebten, For- 
narina 705 , diese sei aber auch nicht eigentlich schon. — Der 
ideale Zug gehe^ 4 diirch die ganze italianische Schule. — Von 
A. Durer spricht Bendemann immer mit grofier Begeisterung; 
ich lernte durch seine Gefalligkeit die »47 Handzeichnungen« 
von ihm (zu einem 

4 geistlichen Buche) 706 kennen; sie tragen alle die Jahreszahl 1515. 
Es sind originelle, zum Theil tiefsinnige Sachen, oft auch wun- 
derliche. Man sieht, der Gedanke der Illustrationen ist ein sehr 
alter. 



Montag den 27ten Marz im gr.[ofien] Garten zufallige Be- 
gegnung mk R. Wagner. Er besitzt eine enorme Suade, steckt 
voller sich erdruckender Gedanken; man kann ihm nicht lange 
zuhoren. 

Die 9te Symphonie v. Beethoven, die am Palmsonntag gegeben 
wird, wollte er durch eine Art Programm mit Motto's aus 
Gothe's Faust dem Publicum naher zu bringen suchen 707 . Ich 
konnte ihm deshalb nicht beistiinen. 



Den 28sten Marz Besuch v. Mendelssohn, der zum Hof con- 
cert herubergekomen war. Ueber »Comala« von Gade 708 : man 

01 Mit Tinte unten rechts auf der Seite notiert. Links daneben eine aus- 
radierte Bleistiftnotiz, vermutlich ebenfalls von Clara Schumann: 
»Sehr interessant«. 

02 Auf den folgenden Seiten 4 bis 15 (originale Zahlung) findet sich die 
Jahreszahl jeweils oben in der Heftmitte. Sie wurde in der Wieder- 
gabe weggelassen. 

03 »mit Ehrerbietung« tiber der Zeile eingefiigt. 

04 Urspriinglich »geht«, das »t« zu »e« verbessert. 



Mdrz/April 1846 399 

merke, dafi sie sein erstes Gesangswerk sei, sie enthielte aber 
schone u. bedeutende Ziige, alles klange auch sehr schon; hatte 
G.[ade] Kraft, das Werk noch zwei Jahre hinzulegen, so wiirde 
ein bedeutendes herauskomen. Die Begeisterung mache es eben 
nicht allein. 

Ueber die Lind sprach er sich wieder sehr schon aus: ihr musika- 
lisches Ohr, ihr Gedachtnifi seien bewundernswiirdig — eine ein- 
zige seltene Personlichkeit Hebe sie sich, wie alle bedeutenden, 
auch zu isoliren. 

Von einer Oper, die er componiren solle, wollte er nichts wifien, 
er hatte aber die grofite Lust dazu; er schriebe (aber) jetzt^ 5 im 
vollen Feuer an e.[inem] Oratorium 709 . 

(Er componire gern in Kinderlarm, sagte er mir einmal fniher). 
Ueber Reissiger's »obligaten« Kufi. 

Den 2^sten Marz Matinee bei Bendemann. Mendelssohn 710 . 
Nur Leistungen ersten Ranges. Die F moll Sonate v. Beethoven, 
von Mendelssohn u. Clara gespielt, (und Mendelssohn's Streich 
dabei) — Einiges von Weber, von Mendelssohn gespielt — (We- 
ber's Wittwe war in der Gesellschaft, sie strahlte vor Freude) — 
Lied von Schubert u. Stiicke v. Gluck, von der Schroder- 
Devrient ges.[ungen] — , zuletzt Stucke a. d. Somernachttraum, 
von Mendelssohn u. Clara vierhandig gespielt. 
Mendelssohn iiber Liszt's Treiben »es ware ein stets Wechseln 
zwischen Skandal u. Apotheose«. 



»Hermann u. Dorothea* Singspiel am Clavier nach Gothe's 
Gedicht . Schoner Gedanke — konnt' ich ihn spater ausf iihren \ 7U — 



Das Leben ist kein Spaft, lernt man imer mehr erkenen. 



lsten April. 
»Fiirchte nimer den Tod« las ich heute, als man eine Leiche vor- 
ubertrug, auf dem dariibergedeckten Sargtuch. An dieser Stelle 
wahrhaft erhebend angebracht. 



Ein Heft »Kindermelodieen« fur Klavier allein fur Marie 712 . 



OS »jetzt« uber der Zeile eingefiigt. 



400 April 1846 

Gedichte ftir Declamation mit Begleitung des Claviers 713 . 



»Wer bist du, wir kennen dich nicht!« 
Ich aber euch. 



Den 6ten April die Frege, Bendeman u. Hiller nach der Taufe 714 

bei uns zu Tische. 

Ich frug Bendemann, ob es Maler gabe, die aus der Phantasie 

gut zu treffen verstiinden? Gewifi, 

meinte er, — aber das Naive fehlte allemal bei einem solchen 

Bilde. 



Zur gestrigen Matinee bei uns (d. 7ten [April]) hatte sich auch 
Hofrath Hand aus Jena (Pr.[ofessor] Rietschels Schwiegervater) 
anmelden lafien. Es gefiel mir alles, was er sprach; auch von ei- 
nem Hofmann hat er etwas. Viele ausgezeichnete Leute sahen 
wir bei uns^ 6 : den 6sterreich.[ischen] Gesandten Graf Kuefstein 
mit Frau, die Grafin O'donell (dieselbe, an die Gothe einige Ge- 
dichte gerichtet 715 ) mit ihrer liebenswiirdigen Tochter; auch R. 
Wagner kam, der sonst, wo Musik ist, tiberall fehlt. 
Die Dr. Frege sang von meinen Liedern, so schon, wie ich sie nie 
gehort; sie rifi auch alles hin. — 



d. 13ten April. 
Bluhende Ostern heuer! 

Meine Klara machte sich (heme) gestern^ 7 frtih nach Leipzig 
auf, die Lind dort zu horen 716 ; von ganzem Herzen gonnte ich 
ihr die Freude. Marie und ich begleiteten sie zum (Gast)Bahn- 
hoP 8 ; dann wandelten wir weiter nach Lofinkz. 
Erster Osterfeiertag — erstes junges Griin — die Kirschbaume 
schon in Bliithe — an der Hand ein sich anschmiegendes Kind — 
recht gliicklich wandelten wir. Im Waldchen waren schone 
Schmetterlinge; ich fing M.[arie] ein paar »Trauermantel«, die 
wir dann wieder losliefien. Die gliikliche Kinderzeit — man lebt 
sie von Neuem wieder in seinen Kindern. 



06 Danach Anfuhrungsstriche, die wieder getilgt wurden. 

07 »gestern« Uber der Zeile eingefiigt. 

08 »Bahn« iiber der Zeile eingefiigt. 



April/Juni 1846 401 

Mendelssohn sagte einmal halb scherzend halb argerlich: »ach! 
— es giebt keinen aesthetisch gebildeten Menschen«. — 



Als von Journalkritik einmal d. Rede war, meinte Mendelssohn: 

— »man argere sich, wenn sie lobten, argere sich, wenn sie tadel- 

ten« . 

Den 17ten April einen hubschen Tag mit Gade verlebt, der 

zum Vergniigen auf ein paar Tage von L[ei]pz[ig] hergekomen 

war. Eine scheme kraftige Natur. Parthie nach dem Plau- 

en'schen Grand, wo wir die Berge herumkletterten. Er spielt 

gern mit Kindern. 

Abends sprachen wir viel iiber die verschiedenen Arten des Ent- 

stehens von Compositionen. Er, wie er nicht eher nieder- 

schnebe, als er es bis zum kleinsten Detail herab fertig vor sei- 

nem Geiste stehen sahe. Die Kritik folge bei ihm der ersten 

Empfangnifi auf dem Fufi. — 

Ueber Andersen's kindische Eitelkeit und wie freilich andere 

(ihre) Menschen die ihrige befier zu verbergen wiifiten, ohne es 

minder zu sein. Er sage wie ein Kind alles was er dachte. — 

Ich habe in meinen Ansichten selten 

mit Jemanden so harmonirt als mit Gade. Seine Verabscheuung 

der Meyerbeer 3 schen Musik. — 



»Idealisirung der Natur, u. Naturalisirung des Ideals«. — 



Vorzuglich stark ausgebildet die Organe der Vorsicht, — 
Aengstlichkeit, die sogar meinem GlUck im Wege stunde, — 
der Musik, der Dichterkraft— edlen Strebens— grofien 
ktinstlerischen aber edlen Ehrgeizes — grofier Wahrheits- 
liebe — grofier Redlichkeit — groEen Wohlwollens — 
»Gemiith durch und durch« — Formensinn — Beschei- 
denheit — Festigkeit — 

(Phrenologische Studien v. Noel 717 an m.[einem] Kopf — 

Maxen, d. 1 Juni)^ 9 



09 Die auf Seite 12 (originale Zahlung) oben stehende Notiz vom 
28.JuIi 1846 wurde in den chronologischen Zusammenhang des 
Aufenthalts auf Norderney gestelk (siehe Seite 405). Die undatierten 
Eintragungen auf Seite 25/26 (originale Zahlung) schliefien sich da- 
gegen nach Inhalt und Schriftcharakter hier an. 



402 1846 

25 Es schadete dem rein-musikalischen Gehalt meiner fruheren 
Claviercompositionen, dafi ich glaubte, sie rmifiten auch fiir den 
Clavierspieler ein besonderes Interesse haben (durch mecha- 
nisch-neue Schwierigkeiten pp.)- — 



Ich habe das Meiste, fast Alles, das kleinste meiner Stiicke in In- 
spiration geschrieben, vieles in unglaublicher Schnelligkeit, so 
meine lste Symphonie in B Dur in vier Tagen, einen Liederkreis 
von zwanzig Stiicken 718 ebenso, die Peri in (ebenso) verhaltnis- 
mafiig ebenso kurzer Zeit. 

Erst vom Jr. 1845 an, von wo ich anfing alles im Kopf zu erfin- 
den und auszuarbeiten, hat sich eine ganz andere Art zu compo- 
niren zu entwickeln begonen. — 



26 Meine alteste, ganz fertig gemachte Arbeit war ein Psalm 
(1821 719 ); ich schame mich beinahe, wenn ich ihn jetzt ansehe; 
es fehlten mir alle Kenntnifie, ich schrieb eben wie ein Kind; 
aber auch ohne alle Anregung von Aufien. Es drangte mich imer 
zum Produciren, schon in den friihsten Jahren, war's nicht 
zur Oio Musik, so zur Poesie — und ein Gliick genofi ich, nicht 
minder grofi, als ich spater je empfunden. — 



Sehr gut erinnere ich mich einer Stelle in einer meiner Composi- 
tionen (1828), von der ich mir sagte, sie sei romantisch, wo 
{mir) ein vom der 011 alten Musik(charakter) abweichender Geist 
sich mir eroffnete, ein neues poetisches Leben sich mir zu er- 
schliefien schien (es war das Trio eines Scherzo eines Clavier- 
quartettes) . 



OlO »zur« iiber der Zeile eingefiigt. 
Oil »der« iiber der Zeile eingefiigt. 



Tagebuch 19 

Reisenotizen VIII: Norderney 1846 
6.-15.7. und 21.-25.8.1846 



Robert-Schumann-Haus Zwickau, Signatur 4871 /VII A/b 8 

Das Heft hat keinen originalen Einband und besteht aus 12 Blat- 
tern im Format 13,3 x 10,2 cm, die fadengeheftet sind. 
Von fremder Hand wurden jeweils die Recto-Seiten numeriert, 
wobei teilweise eine von Schumann stammende Numerierung 
iiberschrieben wurde. Eintragungen Schumanns mit Bleistift und 
Time finden sich auf den Seiten 1, 3 bis 13, 15, 22 und 23. Die 
Riickseite des Heftes (S. 24) tragt eine mit Tinte ausgefuhrte 
Zeichnung von Schumann sowie die von fremder Hand mit Blei- 
stift eingetragene Signatur. 



404 Juli 1846 

UNBEKANNTER: VIIlO 1 
ROBERT SCHUMANN: Reise nach Norderney 720 . 

Julil846<> 2 . 

Consul Adolf [?] Meyer. 

DomshofNro. 15. 

alter Wall Contrescarbe dtoP 1 

1846. Reise ins Seebad. 

Montag den 6 ten Juli Nacbmittag 4 Uhr Abreise von Dresden — 
Abschied von den Kindern — in Oberon [von Weber] von Bende- 
mann — Gewitterregen bis Leipzig — in L[ei]pz[ig] prdchtiges Lo- 
gis im H. [otel] d. Baviere — Dr. Renter — 
Dienstag d. 7 ten Juli. Frith bei Whistling und Dr. Hartel — zu 
Tisch beijungen Frege y s — die Sdngerin Hdhnel — Nachmittag Be- 
such von Mendelssohn — Seine feine Aufmerksamkeit mit Tristan 
und Isolde [von Immermann] 721 — Richard, mein Neveu — 
Abends bei Poppe Nottebohm, Wenzel pp pp — 
Mittwoch d. 8 ten Juli. Fruh bei Mendelssohn (uber eine Ausgabe 
von Bach) — bei Voigts zu Tisch — Abends bei Frege's — Kanzler 
Muller a. Weimar — Dr. Josephsohn — Grabau — zuletzt Mendels- 
sohn — sein »Robert« — der Fehler in der C Mollsymphonie [von 
Beethoven] 722 — Lieder von der Frege gesungen — Abschied — 
Doherstag d. 9ten Juli. Fruh Dr. Hartel u. David bei uns — Ab- 
schied am Dampfwagen v. Frege's[,] Wenzel, Dr. Reuter, Wolde- 
mar [Bargiel] — der Schnitt im Finger bei Tisch u. gutes Befinden 
— ob Einbildung 

Abfarth v. Leipzig urn 4 1/4 Uhr, Ankunft in Magdeburg um 7 
1/2 Uhr - 

Freitag d. lO.t.Juli. Inter leidliches Befinden — Langeweile in 
Magdeburg bis zum Abgang des Dampfschiffes Nachmittag 1/fl 
Uhr nach Hamburg — hubsche Gesellschafi — wenig interessante 
Farth und ofteres Sitzenbleiben die Nacht hindurch, bis endlich 
Sonnabend d. 11 ten Juli Nachmittag 2 Uhr Ankunft in Ham- 
burg — die Storche aufd. Elbe — »/. Lind« an d. Strassenecken, als 
»D6ha Anna« — unsere Freude — das neue Hamburg grossartig auf- 
gebaut — der Jungfernstieg — Hotel z. »Kronprinzen« — der Wirth 
Grube mit uns ankomend — Schone Wohnung — Abends Don Juan 
[von Mozart] mit der Lind — nicht voiles Haus — Vergleich mit 

0\ Mit starkem Bleistift geschrieben. 

02 Mit Time geschrieben, die untenstehenden Notizen mit Bleistift. 

03 Notiz Clara Schumanns am Fufi der Seite: »Copirt«. 

04 Sic. 



4 



Juli 1846 405 

der Schroder[- Devrient] zu Gunsten der Letzteren — die Schluss- 

arie vortrefflich gesungen — keine Totalwirkung — Orchester mit~ 

telmdssig und die andere Besetzung schlecht u. unwurdig — sehr 

tniide zu Bett — 

Sonntag d. 12 Juli. Die prachtige Stadt besehen — die Arcaden (in 

St. Petersburg) — die Passage im Bazar grossartig alles — Von un- 

sern Bekdhten Niemand zu Hause — gegen Abend aufd. Stintfang 

u. den Ha/en besehen — Regenwetter — um die Promenade gegen 

9 Uhr nach Hause — 

Montag d. 13 Juli. Fruh mit X/.[ara] die Strafien durchwandert 

— die neue Borse — Hr. Carl Parish — Kl. [ara] hex der Lind — um 
1 Uhr den Michaelisthurm bestiegen — leidliches Kraftgefuhl — um 

4 Uhr Besuch von der Lind — ihre Hebe Erscheinung — wie sich 
zwei Kunstlerinnen koniglich freuen uber Herausruf — um 1/2 
6 Uhr mit dem Harburger Dampfschiff fort — heitrer Abend — mit 
der Post von da um 8 Uhr nach Bremen — ein schauderhafier Weg 
(gepjlastert) —fruh {no) 

Dienstag d. 14 Juli nach 7 Uhr in Bremen angekommen — todt- 
miide — Marie Garlichs — Dr. Topken — mit Topken gegen Abend 
Spaziergang um den Wall — Einkaufefur Norderney — Dr. Klug- 
kist — Fruh zu Bette gelegt. 

Mittwoch d. 15 ten Juli friih um 3 Uhr aufgestanden zum Dampf- 
schiff »der Telegraph* — um 4 1/4 [Uhr] abgefahren — warmes, 
aber regnerisches Wetter ~~ (bei) viel Reisende — bei Vegesack vor- 
bei — in Bremerhaven um 10 Uhr — starker Wind — stdrkere Be- 
wegung des Schiffes — Seekranke — die Nachricht, dass »Clara 
Wieck« aufd. Schiffe sein solle — Ankunft in Wangeroge um 3 Uhr 

— gute Table d'hote dann — der emsige Hr. Pastor — um 7 Uhr 
noch glucklich Norde[i\ney erreicht — das Ausschiffen und die Om- 
nibus im Wasser — eine sehr freundliche Wohnung nach Morgen 
mit Aussicht aufdas Watt gefunderi 711 — 

[Aus Tagebuch 18]^ 5 »Ein Mensch aufier aller Berechnung« 
Elise Miiller uber L. Pape 
Norderney d. 28 July 1846. 

Reisen<> 6 . 

1818. Nach Carlsbad mit d. Mutter. 

1820 od. 21. Nach Dresden mit d. Vater u. d. Mutter. 

1822? Nach Leipzig zu Eduard [Schumann] 

05 Die in Tagebuch 18 auf Seite 12 (originale Zahlung) isoliert ste- 
hende Notiz wiirde hier in den chronologischen Zusammenhang 
eingeordnet. 

06 Die Notizen auf Seite 7 bis 10 (originale Zahlung) mit Tinte ge- 
schrieben. 



406 

1823? Nach Carlsbad mit Carl [Schumann] (Fufireise) 

1825. Ueber Carlsbad, Saatz, Teplitz, die Elbe zuriick nach 
Dresden (Fufireise) 

1826. Ueber Gera, Jena, Weimar, Gotha, Schnepfenthal nach 
Eisenach. (Fufireise) 

1827. Ueber Leipzig, Colditz, Dresden, Teplitz (Mutter) nach 
Prag. 

1828. Ueber Baireuth, Nurnberg Augsburg^ 7 nach Mun- 
chen, zuriick iiber Regensburg, Landshut, Amberg pp. 

1829. Ueber Frankfurt a/M. bis Coblenz dann nach Heidel- 
berg. Im August u. September nach der Schweiz u. 
Oberitalien. 

8 1830. Im August von Heidelberg nach Strafiburg 

Im September iiber Mainz, d. Rhein, Koln, Wesel, nach 
Detmold, iiber Cassel nach Leipzig zuriick. 

1838 im October iiber Prag nach Wien. 

1839 im (August) Juli^ 8 zum erstenmal nach Berlin 

1840 mehremal nach Berlin. 

1841 mit Klara nach Dresden und die sachsische Schweiz 

CJuli) 

nach Weimar (November) 

1 842 im Februar iiber Bremen nach Hamburg. 

im Juli iiber Teplitz, Carlsbad nach Schneeberg. 
1843. 
1844 Ende Januar Reise nach Rufiland. 

September Reise in den Harz. 

9 1 845. Ueber Weimar, Rudolstadt, Saalfeld nach Schneeberg. 
1846. Ende Juni kleine Fufireise mit Kl.[ara] von Maxen iiber 

d. Schneeberg nach Tetschen, u. zuriick nach Dresden. 
Juli iiber Hamburg nach Norderney in's Seebad.^ 9 

1846 Im November nach Wien (zum zweitenmal) 

1 847 Im Februar von Wien nach Berlin. 
(Im Juli nach Zwickau u. Schneeberg) 

1848. 
1849. 
1 850. Im September nach Dusseldorf . 

10 1851. Mitte Juli: Rheinreise u. dann weiter bis Genf und Cha- 

mounix. 



07 »Augsburg« iiber der Zeile eingefiigt. ^ 

08 »Juli« iiber der Zeile eingefiigt. 

09 Die folgenden Notizen auf dieser und der nachsten Seite spater 
(wahrscheinlich 1851) hinzugefiigt. 



August 1846 407 

Rtikreise von Norderney^ 10 . 

Freitag d. 2 Isten August — Vergebliches Warten auf kronprinzli- 
che Lakaien — Abschied von Mine — Fruhstuck mit Bunaus im 
Conversationsbaus — Endliche Abfartb um 1 Uhr mit Post — beitre 
Witterung — die Wattfartb und Klaras Angst — um 3 Uhr auffestes 
Land wieder (Hilgenrydersyl) — Eindruck der Bdume und des 
Laubholzes — nach 5 Uhr in Norden — originelles Stddtchen (im 
holldndischen Cbarakter) — Organist Grundmann — mit Extrapost 
bis Aurich — schoner Abend — scbauderhafter Riicksitz u. Klaras 
Aufopferung — um 9 Uhr Ankunft in Aurich — 
Sonnabend d. 22 August — Abfarth v. Aurich firuh 6 1/2 Uhr — 
schones Wetter — einformiger { Weg) aber guter Weg — Bunaus, 
angenehme 

Reisegesellschaft — das verlorne Sdckchen mit dem Geld u. Klaras 
Schreck — eigenthumliche Bauart der Hduser in d. Dorfern — deli- 
cate Mittagmahlzeit in Moorburg — Helene Biinau, talentvoll in d. 
Musik — Ankunft in Oldenburg gegen 7 Uhr — unangenebmer 
Eintritt in d. Gasthaus 3 das neugebaut wird — 
Sonntag d. 23 August — inter schones Wetter — um 8 Uhr von 
Oldenburg weg — einformiger Weg mit netten Dorfern — der 
Singsang von der kleinen Btinau — um 12 Uhr Ankunft in Bremen 
— Stadt Frankfurt — zu Tisch Dr. Topken — sonst krankhafter auf- 
geregter Zustand — Entschluss, noch heute fortzureisen — um 8 Uhr 
von Bremen weg — Abschied v. Topken — Schauderhaftes Fahren 
die Nacht hindurch bei grosser Hitze — wundervoller Sternen- 
bimmel ubrigens — der von uns angefahrne^ 11 gute arme Teufel — 
Herrlicher Morgen — Neustadt — Ankunft in Hannover 
Montag d. 24 August fruh um 8 Uhr — Britisch Hotel sehr com- 
fortabel — sonst fast imer aufd. Sopha gelegen — gutes Diner — um 
4 Uhr mit d. Dampfwagen bis Braunschweig — der Brocken in der 
Feme — um 6 Uhr Ankunft in Braunschweig — Hotel du Rhin — 
kl. Spaziergang in d. Stadt — das Schloss — Gut geschlafen — 
Dienstag d. 25 August — um 8 Uhr mit dem Dampfwagen uber 
Wolfenbiittel, Magdeburg, Leipzig nach Dresden zuruck (45 Mei- 
len in einem Tag) ohne besondere Vorfdlle — unsere Kinder alle 
wohl und gesund getrojfen — Gott helfe weiter — 



olO Alle folgenden Notizen bis zum Ende des Hefts mit Bleistift ge- 

schrieben. 
Oil Ursprunglich »A«, durch »a« tiberschrieben. 



408 August 1846 
15 Riickreise. 

Von Norderney nach Norden 

pr. Post a 2 Personen 2. 9. — 

von Norden nach Aurich 

pr. Extrapost 2. 12. — 

Von Aurich nach Oldenburg 

m. Lohnkutscher 5. — — 

Von Oldenburg nach Bremen 

mit Eilpost. 2,<> 12 20. - 

22 1.18. 1 

— 18. j Cigarren 

3. 20. //.[otel] d. Pologne 
abzuziehen. 

23 Cassa <> 13 . 

6Juli. 144. Thaler. 

7 Juli. 1 36 Thaler. 20 N[eu]gr.[oschen] 

8 Juli friih in Leipzig. 

131 Thaler. 

9 Juli fruh in Leipzig 

128 Th. 14 Gr. 
10 Juli Jrub in Magdeburg 
115 Th. 

12 Juli ./rwA in Hamburg 

94 7%. 

13 Juli Jriib in Hamburg 

93 7%. 

14 Juli^rwA in Bremen. 

63 Th?" 



012 Urspriinglich »l«,durch »2« uberschrieben. 

013 Die durch einen senkrechten Trennungsstrich abgeteilte rechte 
Spake der Seite ist unbeschrieben. 

014 Auf der folgenden Seite 24 (originale Zahlung) befindet sich par- 
allel zum Heftrand Schumanns Lageskizze von Norderney, vgl. 
Abb. 10 in diesem Band. 



Tagebuch 20 

Reisenotizen IX 

1. Teil: Reise nach Wien 1846 

24.-26. 11. 1846 



Robert-Schumann-Haus Zwickau, Signatur 4871/VII A/b 9 

Das Heft hat keinen originalen Einband; es besteht aus 14 Blat- 

tern blaulichem Papier und 4 Blattern weiflem Biitten im Format 

11,0 X 9,0 cm, die fadengeheftet sind. 

Samtliche Seiten wurden von Schumann mit Bleistift und Tinte 

beschrieben; die Bleistiftschrift ist teilweise verwischt. 

Von fremder Hand wurden die Recto-Seiten des Heftes nume- 

riert, wobei teilweise eine origin ale Paginierung getilgt und 

uberschrieben wurde. Die Signatur ist auf S. 1 unten links mit 

Bleistift eingetragen. 



410 November 1846 c 

UNBEKANNTER: IX^ 1 
ROBERT SCHUMANN: Reisebiichelchen<> 2 

vom 24. November 1846 
bis25Marzl847 



(Wien u. Berlin)<> 3 

^ 4 Nach Wien 
1846. 

24sten November friih 6 Uhr mit Marie, Lischen u. der 
Mama [Clara Schumann] aufgebrochen — heitre Hoffnungen an 
e.[inem] sch6nen Morgen — eine neue Bonne — Halt in Berg- 
giefihiibel — erster Schnee auf d. fernen Gebirge — Peterswalde 

— guter Mittagtisch — auf. d. Nollendorfer Hohe Schneewetter 

— Arbesau — Culm — um 6 Uhr in Teplitz z. Stadt London — 
guter Gasthof — 

Mittwoch d. 25sten friih 5 Uhr weiter — regnerisches Wetter 

— Freude an den Kindern — Klara imer sehr still u. nachden- 
kend — Lobositz — Mittagtisch in N. N. (oft in schlechten Gast- 
hausern gute Kiiche) — schlechter Weg — 

Angst vor Spitzbuben — um 8 Y 2 Uhr Ankunft in Prag — Schwin- 
del vom Fahren — im schwarzen Rofi hiibscher Gasthof — Er- 
inerung an 1827 724 - 

Donnerstag d. 26sten — triiber regnerischer Tag — Besuch 
von Dr. v. Kurrer (65 Jahr alt) (meinem) dem^ 5 alten theuren 
Freunde meines Vaters — dann bei Musikhandler Hofman Kittl 

— dann bei Kurrers — die Frau — die Enkelin (Tochter Klara's) 

— Eisenbahnangste u. Trouble — grofiartiger Bahnhof — um 
4 % U.[hr] abgefahren — sehr bequem eingerichtete Wagen — 
die Kinder imer sehr freundlich u. lustig — im Wagen bequeme 
Polster zum Schlafen fur sie — 

in Collin Abendessen — die Nacht durchgefahren — friih um 
4 Uhr Kaffee in Ollmiitz — Wechsel d. Wagen in Prera[u] — 
heitere Morgendamerung — mit frohen Herzen der Vergangen- 
heit gedacht — Ankunft in Wien um 12 54 Uhr — Absteigequar- 
tier in d. St.[adt] Frankfurt — 



01 Mit starkem Bleistift geschrieben. 

02 Die Unterstreichung mit Time nachgezogen, sonst mit Bleistift ge- 
schrieben. 

03 Notiz Clara Schumanns mit Time am Fufi der Seite: »Copirt.« 

04 Die nebenstehende 2. Seite blieb urspriinglich frei und wurde dann 
im Anschlufi an Seite 36 (originale Zahlung) heftverkehrt beschrie- 
ben. 

05 »dem« iiber der Zeile eingefiigt. 



Tagebuch 18 

2. Teil: 
Januar 1847 



12 Wien im Januar 1847. 

Mit Jenny Lind, der lieben herrlichen Kunstlerin, trafen wir oft 
zusamen^ 1 ; sie erbot sich von selbst, in unserem Concert am 
lOten 725 zu singen und sang auch. Die vorhergehende Probe vie- 
ler meiner Lieder will ich nicht vergefien; dies klare Verstandnifi 
von Musik und Text im ersten Nu des Ueberlesens, diese{r) ein- 
fach natiirliche und tiefste Auffassung zugleich auf das Erste- 
mal-Sehen der Composition nab' ich in dieser Vollkomenheit 
noch nicht angetroffen. Nun freuen wir uns sie auf der Biihne 
zu sehen; 

1 3 als Donna Anna haben wir sie zwar schon im vorigen Somer in 
Hamburg gesehen; doch lag es vielleicht an uns, unserer Rei- 
seermiidung, dafi sie in dieser Rolle weniger auf uns wirkte. 
Manches iiber sich, iiber ihr Inneres hat sie auch Klara offen- 
bart, an der sie viel Wohlgefallen gefunden, wie denn Klara fur 
sie schwarmt und gliiht. 

Auch liber Mendelssohn sprachen wir viel »den reinsten und 
feinsten von alien Kiinstlern« nannte sie ihn; und dafi sie Gott 
danke, dafi er diesen Kunstler ihr im Leben entgegengefuhrt; — 
(ihm) sie sprach davon, dafi sie diesmal wohl das letztemal in 
Deutschland singen wiirde und sich ganz nach Schweden zuriik- 
ziehen — aber Mendelssohn 

14 einmal wieder zu horen, ware ihr kein Meer zu breit« — *) 
Zum Abschied belud sie uns noch mit Aepfeln^ 2 und Zuckerwerk 
fiir die Kinder; wir schieden von ihr wie von einer himlischen 
Erscheinung getroffen, so lieb und mild war sie. 



*) Sie sollte ihn nicht wieder horen. 

d. 9ten November 1847.0 3 



01 Urspriinglich »bei«, durch »zu« iiberschrieben. 

02 Urspriinglich »Aepfelwerk«, das Wortende durchstrichen und »n« 
klein unter der Zeile ergSnzt. 

03 Auf dem Seitenrand parallel zu diesem hinzugefiigt. 



Tagebuch 20 



Reisenotizen IX 

2. Teil: Riickreise von Wien/Berlin 1847 

21. 1.-25.3. 1847 



^Riickreise von Wien. 
1847. 

Donnerstag d. 2 listen Januar^ 3 friih 4 Uhr aufgestanden — 
starke Kalte — Abschied v. Ignaz u. Fanny — In Briin um 
1 1 % [Uhr] angekomen — Dr. Artus, von Dr. Spina empfohlen — 
Besuch bei Baronin Chlumetzky — Abends mit 

Marie zum lstenmal im Theater — Ballet d. Schreiber'schen Ge- 

sellschaft u. Bauchrednerin — 

Freitag d. 22sten Januar Vormittag mit Dr. Artus zum Thea- 

terdirector Gloggl, dann spazieren gegangen — der Spielberg — 

sonst viel von der Kalte gelitten — schlechter Gasthof — Abends 

ziemlich voiles Concert v. Klara im Theater 726 — Marie u. Elise 

in der Loge — 

Sonnabend d. 23sten Januar langweilig fast in der Stube iiner 

zugebracht — Abends 7 Uhr mit dem Dampfwagen nach Lun- 

denburg — miserable Farth — die Nacht auf 

Sonntag d. 24sten durchgefahren — die Kinder immer munter 
u. zufrieden — Klara oft sehr nachsinnend — Ein Maler aus Prag 
— Schaden an der Maschine u. 3 % Stunden Aufenthalt auf der 
offnen Strafie — furchtbar langweilig — endlich fort — in^ 4 Col- 
lin Essen — Ankunft in Prag Abends um 9 Uhr — unbehagliche 
Gasthofe — 

Montag d. 25sten friih Dr. Ambros u. Hofmann — Concertbe- 
sorgungen — bei Kittl 

(Dienstag d. 26sten) — mit ihm zu Prof. Mildner ins Conser- 
vatorium — freundli[che] Aufnahme von Allen — 

Dienstag d. 26sten — Mit Hofmann zu Veit — der alte Rath — 
sein Vorschlag wegen Abt Vogler's Werken — zu B. Gutt — Un- 
wohlsein — Umzug aus dem Hotel de Saxe in's schwarze Rofi — 



01 Autograph Seite 5 Mitte. 

02 Urspriinglich »22«, die zweite »2« durch »1« iiberschrieben. 

03 »Januar« iiber der Zeile eingefugt. 

04 »in« iiber der Zeile eingefugt. 



Januar/Februar 1847 413 

Nachmittag zum Theaterdirector Hofman, dann zu Kurrer's — 

behagleriches^ 5 Wohnen im schw.[arzen] Rofi — 

Mittwoch d. 27sten Januar — Besuche bei Dr. Polak, A. 

Grund, Zdekauer — grofie Angegriffenheit — Besuch v. Gr.[af] 

Nostitz — dann Klara mit der Grafin Schlick viele Besuche in 

der haute volee — sehr freundliche Aufnahme v. alien Seiten — 

Abends Kl.[ara] in e.[iner] Soiree 

bei Graf L. Thun, ich mit Hofmann u. Veit — 

Donnerstag d. 28sten Januar. Friih zur Grafin Schlick — cu- 

riose Wirthschaft, aber sehr freundliche Frau — Probe mit Emin- 

ger u. mein Auffahren — Nachmittag Besuch bei Dr. Hellwinger 

— dann Probe des Quintetts mit Mildner, Trag pp — ausgezeich- 
nete Musiker — Abends Barbier von Sevilla [von Rossini] — 
Mad[ame] Hofman, Rosine — 

Freitag d. 29sten. Viel Bewegung den ganzen Tag — friih bei 
Hofmann (Theaterdirector) — Capellm.[eister] Skraup — dann 
Probe im Platteissaal — Besuch bei R. Glaser auf d. Bibliothek — 
viel Theilnahme der haute volee am Concert — 
Um 5 Uhr das Concert 727 — sehr freundliche Aufnahme — das 
Herausrufen nach dem Lied und meine lacherliche Figur — Auf- 
satz von Dr. Ambros in der Bohemia 728 — das zum Schlufi verun- 
gliickte Scarlatti'sche Stuck u, Klara's Trostlosigkek dariiber — 
Abends mit Hofmann u. Dr. Ambros frohlich zusamen geses- 
sen — 

Sonn abend d. 30sten Januar — Wirrwarr mit dem Theater we- 
gen Probe meiner Symphonie — Friihlingswitterung, aber 
schmutzig — Besuche bei Gr.[af] Nostitz, Thun, Dr. Kurrer u. 
Kreutzberg — Abends Don Juan [von Mozart] — Nach d. Vor- 
stellung im Stern mus.[ikalische] Gesellschaft — ziemlich lustig 

— der alte Pitsch — Concert v. Veit — Musikalischer Schwank v. 
Mozart — vortrefflich — 

Sonn tag den 31sten Januar — Friih Besuche bei Grafinen 
Thun und Tomaschek — letzterer ein interessanter geistreicher 
Alter — Um 4 Uhr im bohmischen Theater »Ziska's Eiche« v. 
Mazourek (Oper, schlechte Musik) — Abends bei Dr. Kurrer 
kl.[eines] Abendessen — Wir sehr verstiint iiber eine Notiz (des 
alten W.[ieck]) in den Signalen 729 — 

Februar. 

Montag den lsten — Um 9 l / 2 Uhr Probe des Concertes im 
Theater — mein schlechtes Dirigiren — den ganzen Tag melan- 
cholisch — das Diner bei Gr.[af] Thun versaumt — ein junger 
Bohme Smetana componirt a la Berlioz — 
o5 Sic. 



414 Februar 1847 

12 Dienstag den 2ten — urn 12 Uhr Concert im Theater 730 — 
mein Concert u. lebhafter Applaus — Kl.[ara] spielt sehr schon 

— Zum Diner bei Fiirst Windischgratz (dem Coinandirenden 
von Bohmen) — (ich nicht mit) — Abends mit Dr. Ambros ge- 
plaudert — 

Mittwoch den 3 ten — friih Abschied v. Kurrers, von Dr. 
Ambros — von Gr&fin Schlick, Grafin Thun — um 6 Uhr Abends 
mit der Mallepost fort — viel Schnee — Friih [?] 
Donnerstag d. 4ten um 8 Uhr in Toplitz — Mittagessen in Pe- 
terswalde — unter mannichfachen Empfindungen in Dresden 
angekomen Abends 5 Uhr, wo 

13 uns Mad.[ame] Wieck, Marie u. Cacilia [Wieck] mit Julchen u. 
Emil [Schumann] entgegenkamen. 

5 6 7 

Freitag, Sonnabend, Sonntag 
Ausruhen in Dresden 

Montag, d. 8 ten, Emils Geburtstag — der Schneefall lafit uns 
nicht fort. 

9 (10) 

Dienstag, {Mittwoch) noch in Dresden. 
(Donnerstag) Mittwoch 06 d. lOten endlich friih 7 Uhr nach 
Leipzig — Dr. Reuter — bei Dr. Frege — Therese [Fleischer] — 
Mendelssohn — Abends bei Poppe — herzliche Aufnahme iiber- 
all- 
Donnerstag den llten starke Kalte — 

14 um 7 Y 2 Uhr nach Berlin — langweilige Farth — Spannung — um 
2 Uhr in Berlin — die Mutter [Marianne] u. Eugen [Bargiel] — 
Lotz* Hotel — sehr comfortabel — Abends bei Rungenhagen 
(Hr. Grell, Neumann) — Berlin u. Wien im Vergleich — 
Freitag d. 12ten friih Besuche mit Rungenhagen bei H. Ries, 
d. Sanger Kraus, Frl. Tuzcek, u. v. Kiistner — Hr. Kullak — 
Auch bei Taubert — wakliche Besetzung der Peri — Nachmittag 
Besuche bei Schlesinger, Bote u. Bock — bei letztern H. Truhn 

— Abends gemuthlich bei der Mutter — 

15 Sonnabend den 13ten friih Laufereien wegen der Peri — Be- 
such v. Taubert, Krigar, G[eheim]Rath Lichtenstein— um 5 Uhr 
Probe bei Rungenhagen mit dem Tenorist Neumann — trauriger 
Gesang — mein Absagebrief an Rungenhagen — dann dennoch 
Orchesterprobe in der Singakademie u. iiber Erwarten gut — 
Sonntag d. 14ten — um 11 Uhr gxofie Probe in der Singakade- 
mie 731 — Frl. Tuzcek — Rungenhagens's Vorstellung — grofie 
Ermiidung — doch Freude auch im Inneren — Abends die Mut- 
ter u. Kinder bei uns — 

06 »Mittwoch« iiber der Zeile eingefugt. 



Februar 1847 415 

Montag den 15ten— frtih Besuch bei Gr.[af] Redern — dann 

Besuch v. Dreyschock — sein ausgezeichnet[es,] 

mechanisch meisterliches Spiel — dann Besuch bei Rellstab (die 

Frau) — urn 5 Uhr Extraprobe in d. S[ing]Akademie — Hiobspo- 

sten (Tuzeck, Kraus) — groftste Verstimung — der rathgebende 

Hufeland — grofie Angegriffenheit — 

Dienstag den 16ten — Wenig interessantes — Aergerliche Sti- 

mungen — um 10 Uhr Zs[ch]iesche mit s.[einer] Tochter — ich 

im Bett »der Traum ein Leben« von Grillparzer — Abends um 

6 Uhr Probe in der Singakademie — Grell, der Beleidigte — 
Klara in den »Hugenotten« [von Meyerbeer] mit Pauline V.[iar- 
dot] — 

Mittwoch den 17ten — frtih 11 Uhr noch eine Probe mit 

Quartett — Spannung u. Aufregung bis Abends — um 6 l / 2 Uhr 

Auff tinning 732 — mein Dirigiren — der Konig — der lste u. 2te 

Theil gut — der 3te sehr schlecht — 

Donnerstag d. 18ten — Frtih das Akrostichon auf mich 733 u. 

unser komischer Verdacht — Klara's nervoser Zahnschmerz — 

Besuch von Krigar — Graf Redern — Mad.[ame] Wichmann — 

Besuch bei Viardot's, Dr. Frank's — Umzug aus dem Hotel Loz 

nach dem Schweizerhof — Abends 

Soiree bei Mad.[ame] Decker — die Hensel — O. Thiesen, R. 

Wtirst, Eckert — das Bild der Prinzessin Radzivil als Peri 734 — 

Gesang von Mad.[ame] Decker — 

Freitag den 19ten — Frtih C. Gaillard, M[usik]D.[irektor] Rex 

— Gedanken wegen e.[iner] 2ten Aufftihrung der Peri — ab- 
schlagliche Antwort der Viardot — Besuch bei Lichtenstein (in 
der Universitat) — Vor d. Theater in der G. Julius'schen Zei- 
tungshalle (brillantes Unternehmen) — dann im Theater: Gisela 
[von Adam] mit der Cerito — unvermuthet Berlioz, der nach Pe- 
tersburg will — prachtiges Haus — 

Sonnabend d. 20sten — Friih Besuch von Taubert — Besuche 
bei Dr. Spiker, Schadow und Bendemann's — Nachmittag bei 
Dreischok — laue Witterung — in der Zeitungshalle Hirschbach 
u. Dr. Jacobi — Abends bei der Mutter bis 10 Uhr — 
Sonntag d. 21sten — Umzug in das Hotel du Nord (schones 
H6tel{)) <>7 mit freundlichem Wirth) — Besuch bei der Viardot — 
bei Gr.[af] Westmoreland — Besuch v. Hrn. v. Ktistner — Her- 
rendiner bei Gr.[af] Redern — A. Dreyschok u. die Zuhorenden 

— dann Barbier von Sevilla [von Rossini] (mit 

der Viardot), und Ballett (mit der Cerrito, die bezaubernd 
tanzte) 734A — Nach dem Theater die Mutter u. die Kinder mit 
in's Hotel — Ein Tag voller lauter Genufi. 

07 Die Klammer durch Bleistiftkringel getilgt. 



416 Februar 1847 

Mo n tag den 22sten — Bei^ 8 H. Ries — Besuch von Eckert u. 
sein anmafiliches Gesprach^ 9 tiber Mendelssohn — von Gr.[af] 
Westmorland — Zu Tisch bei Prof. Wichmann — das Bild der 
Lind 735 — Abends mit G[eheim]Rath Lichtenstein in den Mon- 
tagsclub — ausgezeichnete Gesellschaft (Dr. Spiker, v. Buch, 
Lohmann u. A.) 

21 Dienstag den 23sten — Friih Besuch von Dr. Frank u. Frau, 
Mad.[ame] Bendemann u. A — 

Abends Besuch bei Hofr.[at] Schmidt u. d. alten Gubitz — Vor- 
bereitungen zum Concert — 

Mittwoch d. 24sten — Besuche bei A. v. Humbold, Gr.[af] 
Trautmansdorf, Decker's u. Mad.[ame] Hensel — zu Tisch bei 
Viardot's — Louise, ihr allerliebstes Kind — 5 Jahre alt singt 
schon italienische Arien — ihr aufierordentliches Gedachtnifi u. 
sonstiges liebenswiirdiges Wesen — Truhn dort — Abends in der 
Symphoniesoiree 736 — die Eroica [von Beethoven] — schon aber 
kalt gespielt — Taubert als Dirigent originell — 

22 Donnerstag d. 25sten — sehr mattes Befinden — manchmal 
auf der Zeitungshalle — Besuche von J. P. Schmidt, Monari (ein 
italianischer Sanger) — Zu Tisch bei Dr. Frank — sehr hiibsch — 
Abends eine unheimliche Soir6e bei Bock — W. von Gothe — 
Dr. Lampe — ein Harfenspieler aus Stokholm — 

Freitag d. 26sten — friih bei Titus Ulrich — Hr. Kossak dort — 
dann bei Schlesinger — Hr. v. Tengnagel u. Hr. Gumpert — Be- 
suche bei Rellstab u. Justizrathin Burchard — Gegen Abend bei 
Gr.[af] Redern wegen 2ter Auffiihrung der Peri — Abends bei 
Lichtensteins Soiree — Klara's Trio — Frau v. Lutzow — d'Or- 
ville — Dr. Bruns — 

23 Sonnabend d. 27s ten — friih langer Besuch von Titus Ulrich — 
lieber Mensch, voller Klarheit u. Scharfe — Abends Soiree bei 
Dr. Franck — Trio v. Frank jun[ior] — Klara's wunderschones 
Spiel u. Enthusiasmus der Zuhorer — Hr. v. Keitel^ 10 , sehr musi- 
kalisch bewanderter Mensch — mit ihn sehr viel gesprochen — 
Sonntag d. 28sten — friih urn 11 1/2 [Uhr] Probe des Quin- 
tetts mit Ries pp, u. mit der Viardot — Angegriffenheit — Sici- 
lienne v. Pergolesi — Zu Tisch bei der Mutter [Marianne Bar- 
giel] — freundliche hiibsche Wirthschaft u. reichliches Mahl — 
Abends zum Fliigel d. Mad.[ame] Hensel, den Klara probirt — 
Klara's unaufhorliche (Zahnschmerzen) Zahnschmerzen — 



O 8 Ursprtinglich »Zu«, durch »Bei« iiberschrieben. 
O 9 Evtl. mogliche Lesart: »Geschwatz«. 
olO Recte: Keudell. 



Mdrz 1847 417 

Marz 1847. 

Montag d. lsten — friih noch kleine Probe in d. Akademie 
vom Quintett — um 1 Uhr Matinee bei der Gr.[afin] Rossi — ihr 
meisterlicher Gesang 737 — eine Scene von Eckert vorziiglich — 
Prinzessin Fanny Biron — Prinz v. Holstein — die Arnim'schen 

— Abends schones Concert v. Klara in d. Akademie 738 — Pauline 
Viardot — enthusiastischer Beifall — dann kleines Abendmahl 
mit d. Mutter u. d. Kindern bei uns — 

Dienstag d. 2ten — Kl.[ara] in freudiger Stimung — ich zu 
Bock wegen eines 2ten Concertes — Besuch bei der Viardot — 
ihr Anerbieten, ein 2tesmal zu singen — »Wilheim Meister« v. 
Gothe wieder gelesen — langer Besuch von Hrn. v. Keitel^ 11 

— Abends hubsches Souper bei Rungenhagen zu unsern Ehren 

— der GrelPsche Kufi — 

Mittwoch den 3ten — Frtih Klara sehr leidend an Kopfweh — 

Abrechnung mk Bock (Th. 240 reine Einnahme nach Abzug der 

Kosten) — Besuch v. Mad.[ame] Bendemann u. Gardener — viel 

Briefe geschrieben — 

Donnerstag d. 4ten — Friih in der Stadt herum — die Fresken 

am Museum 

von Schinkel herrlich 739 — Besuch von W. von Goethe u. Gr.[af] 

Trautmansdorf — Besuch bei Fiirst Felix Lichnowski — Abends 

grofie Soiree bei den Hensel — elegante Welt von Berlin — Fiirst 

Radzivil — Grafin Rossi — im Ganzen wenig musikalisches Le- 

ben — um 12 Uhr nach Hause — 

Freitag d. 5ten — friih Concertbesorgungen — Verhandlung 

mit Dreyschok — desgl. mit Tichatschek zu nichts fiihrend — 

endlich als Rettender Engel die Viardot — 

Abends bei alten Bendeman's hiibsche Soiree — Kl.[ara] spielt 

sehr schon — der alte Schadow 740 — 

Sonnabend d. 6ten — Friih Verschieben des Concertes auf den 

15ten — Besuch von Pauline Viardot — Bei Kisting — Nachmit- 

tag Spaziergang in d. Thiergarten — Abends allein zu Hause — 

SoTTtag d. 7ten — friih zu Frl. Hiissener wegen Bildes 741 — 

Ratti, ihr Schwager — zu Hause Probe mit Eckert, Wiirst u. Dr. 

Bruns — Besuch bei Tichatschek u. Gr.[afin] Rossi — mit der 

Mutter in u.[nserem] Hotel gegessen — Duprez gegenuber — 

Abends zwei 012 

Acte der Judin v. Halevy — Betrachtungen iiber die Viardot u. 

ihr Talent — dann mit Eugen [Bargiel] zu Wallmuller — »W. 

Meister — « viel gelesen — 

oil Recte:Keudell. 

ol2 Darunter mit Time 4 kurze senkrechte Striche (Federprobe, vgl. 
FufinoteU). 



418 Marz 1847 

^ 13 Montag den 8ten — um 12Uhr grofie Matinee bei uns 742 
(Rossi, Decker, Duprez, Dreyschock u. A) — Frl. Behrend aus 
Danzig — alles ziemlich hiibsch — 

Dienstag d. 9ten — friih wieder Kalte* u. Schnee — bei Tisch 
Duprez — er meinte »10 Jahre seien fiir einen Sanger ein grofier 
Zeitraum« — Abends zum erstenmal »A. Stradella« [von Flotow] 

29 gesehen und ganz ausgehalten — nach d. Theater noch Truhn 
bei uns — 

Mittwoch d. lOten — Besuch bei A. v. Humbold (seine Woh- 
nung) — Stadtrathin Klein (M.[ajor] Serre's Schwester) — zum 
Diner bei Deckers — sehr fein — angenehme Frau — Maler Ma- 
gnus — Abends bei Prof. Wichmanns Tanzgesellschaft — wohn- 
liche freundliche Raume — Klara tanzt — Erzahlung v. Magnus 
iiber Mendelssohn u. die Lind 743 — um 12 1/2 Uhr n. Haus — 
Donnerstag d. 11 ten — bei Bock Mr. Charles Voss — Besuch 
v. Walther v. Gothe u. Truhn — zu Tisch bei Coinerzienrath 

30 Behrend aus Danzig, Curschman's Schwiegervater — die Toch- 
ter Melitta sehr interessant u. musikalisch — zu Hause noch v. 
Keudell — »W. Meister's Lehrjahre« [von Goethe] — Julchens 
2ter Geburtstag — 

Freitag d. 12ten — Besuch v. W. v. Gothe — Schneewetter — 
Abends »Konig Johann« v. Shakespeare — Ron als Faulcon- 
bridge abgeschmackt — die Stich als Arthur — Daring als Hu- 
bert, Hoppe als Johann ausgezeichnet — 

Sonnabend d. 13ten — friih bei C. Beck u. C. Gaillard — Be- 
such von d. Prinzessin Fanny Biron — Abends letztes Concert v. 
Dreyschok 744 — dann bei Cordemer's — Maler Hosemann — 

31 Sonntagd. 14ten — um 12 Uhr Musik bei H. Ries — Quartett 
v. Wichman — Rellstab mit Bleistift in der Hand — zu Tisch bei 
Prof. Dirichlet — neben Mad.[ame] Hensel — der Mathematiker 
Jacobi geistreich u. sarkastisch — Prof Hensel's uberraschender 
Toast 745 — R. v. Keudell — Abends grofie Soiree bei Gr.[af] Re- 
dern — prachtvolle Zimer — die Arnim'schen Tochter — der Ko- 
nig pp pp — glanzende Versamlung — Humbold — 

32 Dreyschoks »inquietude« ohrfeigenwerth 746 — um 11 1/2 Uhr 
vof dem Schiufi der Soiree zu Haus — 

(Sonntag) Montag^ 14 d. 15ten — schones Fruhlingswetter — 
Operncompositionslust 015 — Plane — Besuch v. C. Beck — Mit 
W. von G6the gegessen — Klara Abends zu Prof. Hensel zum 
Sitzen 747 - 

013 Die folgenden Notizen bis einschliefilich 10. Marz mit Tinte ge- 
schrieben. 

014 »Montag« iiber der Zeile eingefugt. 

015 »lust« iiber ein nicht lesbares anderes Wortende geschrieben. 



Mdrz 1847 419 

(Montag) Dtenstag^ 16 d. 16ten — schones Frtihlingswetter — 

gegen Abend Spaziergang allein in entferntere Gegenden der 

Stadt — (sch) prachtige neue Strafien — 

Kiara seit einigen Tagen leidend — 

(Dienstag) Mittwoch^ 17 d. 17ten — wunderschones Wetter 

— ein 7jahriger Knabe, Gustav Wolf, der alle angeschlagenen 
Tone, ohne die Tasten zu sehen zu benenen weifi — uberra- 
schender Besuch von R. Franz aus Halle — seine u. C. Mayer's 
Meinung iiber mich — dann zu W. v. Gothe — Anfall von Ner- 
venschwache (abscheulicher) — Abends allein zu Hause, wah- 
rend Kl.[ara] bei Hensels — 

(Mittwoch) Doners tag<> 18 , d. 18ten — friih Hr. v. Keudel[l] 
u. sein Spiel d. lsten Satzes des D mo//quartetts v. Schubert — 
die Frau des M[usik]D.[irektors] Mayer aus Schneeberg in trau- 
rigen Umstanden, doch imer noch hub sch — Besuch bei C [on- 
ce rt]M.[eister] Moser — dann im Kunstverein »Napoleon in 
Fontainebleau« v. Delaroche angesehen — ausgezeichnetes Bild 
von ergreifender Wirkung 748 — nach Tisch mit Kl.[ara] Spazier- 
gang nach d. Odeon — wundervolles Wetter — R. Franz — bei 
Comerzienrath Behrend abscheulicher Anfall von Schwindel — 
Abends bei der Mutter Klopfer — 

(Donnerstag) Freitag^ 19 d. 19ten — Hypochondrie aus Ge- 
schaftlosigkeit — herrliches 

Wetter, sonst wenig bemerkenswerthes — Komische Mittages- 
senscenen — Abends mit Kl.[ara] Domino — allmahlicher Ent- 
schlufi nach Berlin zu ziehen 749 — 

Sonnabend d. 20sten — Hr. Nagiller u. sein Anliegen — R. 
Wuerst und seine Braut — zu Tisch bei Dr. Frank — angenehm, 
wie imer — R. v. Keudell — scharfe Kritik Dr. Frank's uber 
Mendelssohn — zu Hause unvermuthet Carl aus Leipzig — 
Sonntag d. 2 lsten — um Mittag mit Prof. Hensel's zu 
Gr.[afin] Rossi — 
Mus.[ikalische] Soiree fur die G[rofi]herzogin von Meklenburg 

— viele Nummern aus Faust v. Radzivil (die Sonne des Fursten 
waren in der Gesellschaft) — eine noble Musik — Konig v. 
Thule, »Meine Ruh' ist hin« u. »Neige du Gnadenreiche« von 
der Rossi sehr schon gesungen — dann zur Mutter zu Tisch — 
sehr heiter — Abends Klara u. die Mutter bei der Hensel abge- 
holt — ewige Abspannung — im Bette »der Mann von 50 Jahren« 
von Gothe 750 — 



016 »Dienstag« iiber der Zeile eingefiigt. 

017 »Mittwoch« uber der Zeile eingefUgt. 
OlS »Donnerstag« iiber der Zeile eingefiigt. 
Ol9 »Freitag« iiber der Zeile eingefugt. 



420 Marz 1847 

Montag d. 22sten — urn 11 Uhr zur Viardot — um 12Uhr 
Probe {von) des Quintettes — Abends 2tes Concert v. Klara 751 
sehr brillant — danach mit den Verwandten 0^ 20 
| CLARA SCHUMANN: Neumarkt Nro 12, 2 Treppen<> 21 . 
ROBERT SCHUMANN: kleines Souper bei uns - Anfall 
von Schwindel von^ 22 Aufregung — 

Dienstag d. 23sten Marz — Entschlufi nach Dresden zu reisen 
— (nicht nach Breslau) — Abschied v. d. Viardot, Marie Lichten- 
stein, Dr. Franks, Keudell, Hensels — Abends einige Acte in den 
»Hugenotten« [von Meyerbeer] — platte Musik — 
Mittwoch d, 24sten Marz — Abschied v. Bock u. Rungenha- 
gen — von d. Mutter u. den Kindern — um 12 Uhr mit dem 
Dampjfwagen nach Leipzig — Dr. Reuter — 
Do~nerstag d. 25sten Marz — Besuche bei Mendelssohn 752 u.. 
Gade — die alten Leipziger Bekanten — um 9 Uhr vergnugt iiber 
das Wiedersehen der Kinder angekomen in^ 23 Dresden. T 



020 Durch das Zeichen wird auf die Fortsetzung am Anfang des Heftes 
verwiesen. 

021 Mit Time geschrieben, die Notiz Schumanns mit Bleistift. 

022 »von« iiber einen Gedankenstrich geschrieben. 

023 »in« iiber einen Gedankenstrich geschrieben. * 



Tagebuch 18 

3. Teil: 
Sommer 1847/Friihling 1850 



14 Im Somer 1847. 

Eine grofie Ehre ist unserm Hause widerfahren — F. Hebbel 

besuchte uns auf seiner Durchreise 753 , Das ist wohl die genialste 

Natur unserer Tage. Auch seine Personlichkeit dem entspre- 

chend. 

Ueberspannt er seine Krafte nicht, so wird er das Hochste errei- 

chen, sein Name den Unsterblichen Kiinstlern aller Zeiten bei- 

gezahlt werden. 

15 Im Fruhling 1850. 

Wir haben uns wieder mit j. Lind begegnet — in Hamburg. Sie 
hat sich tief in meine Musik versenkt. Ich will nicht vergeften, 
was Liebes und Erhebendes sie mir alles sagte. Auch sonst spra- 
chen wir iiber Manches 754 . 

Klara war glucklich in diesen Tagen. Tief betriibt nahmen wir 
von Ihr Abschied. — 



Tagebuch 21 



Reisenotizen X: Schweiz/Antwerpen 1851 
19. 7.-5. 8. und 16.- 21. 8. 1851 



Robert-Schumann-Haus Zwickau, Signatur 4871/VII A/b 10 

Das Heft hat keinen originalen Einband und besteht aus 25 Blat- 
tern im Format 12,3 x 7,8 cm, fadengeheftet in 2 Lagen (16 und 
9 Bll.), die sich voneinander gelost haben. Das Deckblatt ist mit 
vergilbtem Buttenpapier bezogen. 

Die Pagmierung wurde von fremder Hand folgendermafien vor- 
genommen: Deckblatt unbezeichnet, Bl. 2 = S. 1/la, Bl. 3 = 
S. lb/2, ab Bl. 4 — S. 3(/4) sind jeweils die Recto-Seiten be- 
zeichnet (bis 45). Die Signatur steht auf dem Deckblatt und 
S. 46. 

Von Schumann mit Bleistift beschrieben wurden die Seiten 1, 
lb, 2, 3, 5 bis 21, 23 bis 32, 39 und 46. Die Schrift ist teilweise 
stark verwischt. 



full 1851 423 
[Reise in die Schweiz]<> 1 1851 .<> 2/755 

Sonabend d. 19ten Juli. Friih 8 Uhr fort. In Coin 03 Reinecke 
auf e.[inige] Minuten. — Auf das Dampfschiff in Bonn. — Die 
Studenten mit Musik. — Sehr frohlich. — Klara's Freude iiber 
den Rhein. — Das grofie verschiittete Trinkhorn. — Das Sieben- 
gebirge. — Wunderschones Wetter. — Ankunft in Coblenz. 
(Rheinischer Hof)- — Hr. Lenz u. seine Unverschamtheit. — 
Stolzenfels. — 

Sontag d. 20sten Juli. Bei herrlichem Wetter von Coblenz bis 04 
nach Asmanhausen. Die Ruinen. Rheinstein besonders. Mittag 
in Asmanhausen. Dann zur Zauberhohle, zur Drossel. Nieder- 
wald, schoner Buchen- u. Eichenwald. Ankunft in Rudesheim. 
Der Rhein in grofier 

Breite. Entschlufi, vielleicht auch die Schweiz zu besuchen. 
Montag d. 21sten Juli. Friih 9 Uhr v. Rudesheim. Die Ueber- 
farth. Herrliche Gegend. Das [Schlofi] Johanisberg. Mainz. 
Dampfwagen. Ankunft in Frankfurt. Englischer Hof. 
Hr. O. Dresel. Abendspaziergang. Gothe's Denkmal 756 . 
Dienstag d. 22sten Juli friih nach Heidelberg. — Der Melibo- 
cus. — Alte bekante Gegenden. — Herrlich Wetter. — Kiara imer 
gliiklich. — Ankunft im Badenschen Hofe. — Meine alte Woh- 
nung. — Der Gang auf das Schlofi u. der Glockenschlag 12 Uhr 
u. mein duiner Traum. 

Mittagessen auf dem Schlofi. — (Abends) Zu Frau Mitchell. 
Dann schoner Spaziergang auf d. Wolfsbrunn. Der Brunen. Die 
Forellenzucht. Riickweginder Abendbeleuchtungunvergefilich. — 
Mittwoch d. 23 Juli. — Besuch bei Faulhaber. — Frau Kistner 
u. Tochter aus Leipzig. — Herrlich Wetter. — Um 11 Uhr nach 
Baden-Baden u[?] Ankunft. Vergeblicher Gang zu Gr.[af] 
Wielhorski u. den alten Wieck. — Spaziergange. — Abends im 
Curhaus Kalliwoda $en[ior] u. jun[ior], Pixis u. Cofiman. — 
Furchtbares Gewitter. — 

Do~nerstag d. 24sten Juli. Friih 6 Uhr nach Basel. — Imer herr- 
liche Landschaft. — Die pretentiosen Elsasserinen. — Freiburg. 
— Ankunft in Basel (Im Storch abgestiegen) M[usik]D.[irektor] 
Reiter. — Spaziergang mit ihm. Casino. Hr. u. Frau Hausler, 
liebe Leute. — Abends bei ihnen. Die Waldscenen. 



01 Die zum Bericht iiber die Rheinreise gehorenden Notizen auf Seite, 
1, lb, 2, 3, 39 und 46 (originale Zahlung) wurden diesem ange- 
schlossen, vgL Seite 426 f. 

02 MitTinte unterstrichen. 

03 Mit Tintenstift — vermutlich von fremder Hand — unterstrichen. 

04 »bis« iiber der Zeile eingefugt. 



424 Juli 1851 

Freitag d. 25sten Juli. Frtih 7 Uhr Abfarth bei schonem Wetter. 
Das Juragebirge. Alte Burgen Hie u. da. Klara 5 s Freude liber Al- 
les. 

9 Sitz im hintern Coupe. FranzGsischer Charakter der Dorfer. 
Imer hoheres Gebirg. Bei d. Dorf »Peri« fliegt ein junger Zeisig 
in den Wagen, den ich fange. Die Berner Biirgersfrau. Dro- 
hende Griinde u. die Farth am Bergsaum. Erster Anblick der Al- 
pen vor Biel. Dann bald Verdusterung u. Regen in Biel. Farth 
langs des Bieler Seeles^ 5 , der eine wunderschone Farbe hat. Die 
Petersinsel in Abendbeleuchtung. Dann Regen. Ankunft in Neu- 
chatel gegen 9 Uhr. 

10 So~nabend d. 26sten Juli. Sehr betriibt liber das schlechte Wet- 
ter. Auf das Dampfboot iiber den Neuchateller See. Furchtbares 
Wetter. Ankunft in Yverdon. In schlechtem Omnibuswagen 
nach Lausanne. Alle Passagiere zusamengepfercht. Endlich ein- 
zelne Lichtblicke. Ankunft in Lausane gegen 4 Uhr. Hochst 
eigenthiimliche Stadt. Die granitne Thallbrucke 757 . Hotel Gib- 
bon. Die herrliche Aussicht im Garten. Spaziergang mit Klara 
nach dem Munster; sehr schone Kirche, 

1 1 das Innere besonders einfach u. edel. Herrliche Aussicht von d. 
Miinsterterafie. Im Hotel wunderschone Zimer nach dem See 
heraus. Desgl. Diner um 5 Uhr. Abends noch Gewitter. 
Sonntag d. 27sten Juli. Wunderschones warmes Wetter; die 
Berge aber theilweise verhiillt. Spaziergang mit Klara durch die 
Stadt. Glockengelaute. Gegen 06 9 Uhr mit dem Dampfschiff 
nach 

12 Genf. Die blaue Farbe des Sees. Dorfer u. Stadte am See hochst 
lieblich. Morges. Coppet. Ferney. Ankunft in Genf. Entzuk- 
kende Lage der Stadt. Eigenthiimliches Ansehen. Gasthof »des 
Etrangers« in Paquis idyllisch, nicht sonderlich im Uebrigen. — 
Die Peterskirche. — Calvin's Sterbehaus. — Rousseau's Geburts- 
haus. — Der Champagner zu 1 1/2 Frks Abends. 

Montag d. 28sten Juli. Denkwiirdigster Tag der Reise. Bei 
ganz herrlichem Wetter 

13 mit der Diligence friih 6 1/2 [Uhr] von Genf fort. Gute Platze 
im Cabriolet. Klara leider manchmal unwohl. In Annemasse sar- 
dinische Granze 758 u. Visitation, ubrigens sehr leicht. Die Natur 
wird imer grofiartiger. Ungeheure Felsmassen. Schneeberge. In 
Bonneville gutes Fruhstiick. Cluses. In St. Martin herrliche An- 
sicht des Montblanc, im tiefsten Blau hervorragend. Die reis- 
sende Arve. — Sallanche[s] 



05 Sic. 

06 Urspriinglich »Um«, durch »Gegen« iiberschrieben. 



Juli/August 1851 425 

Von da in Char a bancs weiter. Den Montblanc iiner vor Augen. 
Herrlicher Weg durch Felsenthaler, liebiich (bebaut) angebaut. 

Wasserfalle in Menge. Das Chamonythal. Die Sonenfinster- 
nifi am starksten gegen 3 3/4 Uhr. Allmahliches Wiedererleuch- 
ten der Landschaft. Ankunft in Chamouny^ 7 urn 5 Uhr. Ganz 
herrlich gelegenes Ziiner im Hotel nach dem Montblanc zu. 
Abend[-]spaziergang mit Klara. — 

Dienstag d. 29 Juli. Schones Wetter; das Gebirg wunder- 
schon. 

Parthie nach dem Montanvert. Klara zu Maulesel, ich zu Fufi. 
Sehr anstrengendj u. am Ziel nicht belohnend. Aufwarts 3 S tun- 
den, abwarts 2 1/2 Stunden gestiegen. Der Glacis des Bois. Um 4 
Uhr zuriick. Schwanken wegen der Weiterreise u. Entschlufi, 
nicht iiber Martigny zu gehen. 

Mittwoch d. 30 Juli. Bei schauderhaftem Wetter von Cha- 
mouny nach Genf zuriick. In Genf Hotel du Lac sehr freuridli- 
ches Zimer am See. — 

DolTerstag d. 31. Juli. Bei schauderhaften Wetter iiber den 
Genfer See nach Vevey. — Paradiesischer Ort. Hotel Monnet am 
See. — Die Bucht. — Der Garten am^ 8 Hotel ganz reizend. — 
Von feme Clarens, Schlofi Chillon. — Gegen Abend noch weiter 
auf dem Weg (bis) nach^ 9 Freiburg. — Unvergefiliche Land- 
schaft. Abendessen u. Nachtlager in Bulk. 
Freitag d. lsten August. Schreckliches Regenwetter. Erst bei 
Freiburg befier. Der Gasthof auf den Felsen (Zahringer Hof). 
Hochst groteske Lage. Spaziergang durch die Stadt. Die Ueber- 
schwemung der Saane. — Die herrliche Orgel u, der elende Spie- 
ler (Mr. Vogt). — Gegen 2 Uhr weiter nach Bern. — Vor Bern 
Anblick der Jungfrau. Abends wieder schlechtes Wetter. — Die 
Miinsterterasse. — 

Sonnabend d. 2ten August friih von Bern mit Post abgereist. 
Elende Wagen. Das Wetter etwas 

leidlicher, zumal in Solothurn. Der Weissenstein. Das wunder- 
schone Ober-hauensteinthal. Abends wieder schlechtes Wetter. 

Ankunft in Basel gegen 9 Uhr abends. Der Rhein furchtbar ge- 
wachsen. Im Hotel de trois wis gut logirt. 
Sonntag den 3ten August. Friih schones Wetter. Mit dem Om- 
nibus bis Haltingen. Nachrichten von fiirchterlichen Zerstorun- 
gen durch Ueberschwemung. St&rung der Dampfwagenzuge. 

<>7 Das »u« nachtraglich eingefiigt. Recte: Chamonix. 

08 Urspriinglich »im«, »a« iiber »i« geschrieben. 

09 »nach« uber der Zeile eingefiigt. 



426 August 1851 

Aufenthalt in Freiburg ,"der uns nicht reute. Der herrliche Dom 
mit seinen durchbrochenen Thurm; das Innere womoglich noch 
schoner. Sehr gute Table d'hote 

19 im »Wilden Mann«. Endlich abgereist, nur (S) wenige Stationen. 
Langer Aufenthalt in einem Dorf Emendihgen. Der reisende 
Grofiherzog. (Ei> Die Zerstorungen des Wassers an der Eisen- 
bahn. Ankunft in Offenburg; namentlich hier grofie Verwii- 
stung. Zufallig M[usik]D.[irektor] Reiter aus Basel daselbst. In 
Offenburg ubernachtet. 

Montag d. 4ten August. Mit eigenen Fuhrmann weiter gefah- 
ren bei schoner Witterung. (Carlsruhe ganz) Zu Mittag in Ra- 
stadt. Erzahlungen des Wirthes liber 

20 Corbin^ 10 u. die politischen Zustande 759 . Die Oesterreicher. Mit 
knapper Noth noch in den Eisenbahnwagen gekomen, der von 
Rastatt aus wieder regelmafiig ging, obgleich iiber lange Strek- 
ken zerstorten Weges. Ankunft im schonen Heidelberg u. unver- 
weilte Abreise nach Frankfurt. Hr. Winter. Nach 1 Uhr An- 
kunft in Frankfurt. Im Schwan abgestiegen. Keine gute Wirth- 
schaft daselbst. 

Dienstag d. 5ten Aug.[ust] bei schonem, sehr heifien Wetter 
nach CasseP 11 

21 mit d. Dampfwagen; dann auf das Diisseldorfer Dampfschiff. 
Den ganzen Rhein noch einmal durchflogen. In Coin in den 
Dampfwagen u. Ankunft in Diisseldorf nach 9 Uhr. Die Kinder 
waren alle wohl u. gesund. 

M.[it] G.[ott] 



1 [Weitere Notizen zur Rheinreise] 
Schlemer. [?] 
(Mefier.) 
B. Schmidt. 
(Dresel.) [?] 
J. Andre. 
Dr. Helmann [?] 

(Faulhaber.) Barman. 
<Nach Mitchell.) (Ritzhaupt.) 
^ 12 Lind. Dammance. 
Engelman 
Lauter. 

OlO Recte: Corvin (-Wiersbitzki). 

Oil Recte: Koblenz. 

Ol2 Der davorstehende abgekurzte Vorname nicht lesbar. 



August 1851 427 



Frankfurt. 

Dom. Ariadne 760 . Theater. Romer. 

(Uhrmacher.) 

(Pafi.) 

<Geld-Wechsel.) 

(O. Dresel.) 

(Reiserock.) 

(50 St.[uck] Cigarren) a 30-35 Th. 

Strohhut Feuerzeug 

Baden-Baden. 

Cigarren. Geldwechsel. Visitenkarten. 

Karte d. Schweiz u. Buch 

An Lorenz, Wegner. 

Wielhorski. 

Wieck. 

J. Kerner. 

Cofiman. 

Kalliwoda. 

Pixis. 

Tutein. 
Vevey = Hr. Devrient. 
Basel = M[usik]D.[irektor] Reiter. 
Bern = M[usik]D.[irektor] Edele, 

<> 13 2. 26. 
Rastatt. 2.42. u. 6. 6. 

(Heidelbg. 5. 30. Frankfurt. 8. 9. 
Manh[ei]m. 5. 47. 

Oder: 

Von Carlsruh[e] urn 7 Uhr 

Heidelberg um 8.46 

Manhm. um 9.27. 
150 Th. bar. 
300 Th. in Staatsp,[apier] — 36 Th. 





Suma: 414 Thaler; 




16Tage ^ 


10 Thaler: 160 Th. 




desgl. = 


5 Th. 80 






240 Thaler. 






brachte [?] ich zuriick: 


174 Thaler 


(414- 


Zu Hause: 


500 Th 


240 




674. 


174 Th 






240[?]) 







Ol3 Das davorstehende, evtl. abgekurzte Wort nicht lesbar. 



428 August 1851 

23 Reise nach Annverpen. (1851.) 014 

Sonnabend^ 15 d, 16ten August friih von Diisseldorf. Im 
Dampfwagen Hr. Steifensand. Koln. Zum Aachener Bahnhof. 
Gutes Wetter, sehr heifi. Aachen. Freundliche Gegend. Sehr 
iibles Befinden, Klara's wie meines. In Verviers zu Mittag. 
Aufierst schlechte D[ampf]wagen liter Classe. — Liittich. — Pro- 
saische Gegend, wenig Baumcultur, fast keine Waldung. — L6- 
wen. — Mecheln. Dom. Um 7 1/2 Uhr Ankunft in Antwerpen. 
Hr. Fester u. Eykens, uns erwartend. Freundliche Aufnahme im 
Hause des Ersteren 

24 (Rue de VEmpereur). Liebenswiirdige Frau vom Hause. Ein Bru- 
der von Dr. Mullet in Diisseldorf. 

Sonntag d. 17ten August. Leidlich Wetter. Grofier Gesangs- 
wettstreit 761 . Aufzug der Gesangsgesellschaften : C6ln, Aachen, 
Bonn, Rotterdam, Valencienes, Gent, Briissel u. A. — 
Ein furchtbarer Tag der mus.[ikalischen] Anstrengung. Sonst 
sehr anstandig aussehende Stadt, Ctfln ahnlich, aber viel schftner 
u. vornehmer. — Die Jury. — Der Manergesang (in) der belgi- 
schen Orten gut einstudirt; doch wenig klangvolle Tenor- 

25 stimen. Die von Hal und von Briissel (de la grande Royale Aca- 
demic) ausgezeichnet. Samtlich zuletzt durch die Deutschen, 
namentl.[ich] die Kolner uberfliigelt 762 . 

Schauderhafte Compositionen der Belgier. Um 111/4 Uhr vor 
Mitternacht Ende des Concours. Sonst viele artige Menschen. — 
Von sonstigen Musikern: Mr. Eykens, Mr. Simon. 
Montag d. 18ten August. Friih mit Frau Fester u. Klara einen 

26 Spaziergang nach der Schelde — reiches Ansehen der ganzen 
Stadt — Austernfruhstiick — die Glockenspiele — Zum Tisch bei 
Hr. Fester — Ein alter Hollander — dann mit Fester noch einmal 
in den Hafen — die schonen Bassins — Kathedrale — Starker 
Katholicismus — In der Jacobskirche Rubens['] Grab — sehr rei- 
che Kirche — ein merkwurdiges Hautrelief Von Stein (kolossale 
Kreuzigung Christi) — dann in den Zoologischen Garten — 
aufierordentliche 

27 Anlage — (mit dem) mit dem gr5i8sten Erstaunen sie durchwan- 
dert — Abends bei Fester kleiner mus.[ikalischer] Cirkel — Lau- 
ter Deutsche — Klara's Spiel — Ihre argen Zahnschmerzen die 
Nacht darauf — Wenig geschlafen. — 

Dienstag d. 19ten Aug.[ust] Friih mit Hrn. Fester nach dem 
Museum — herrliche Bilder v. Rubens u. van Dyk — von Rubens 
namentl.[ich] Christus am Kreuz, u. eine Kreuzigung — desgl. 
ein merkwurdiger Christuskopf 

014 Die Jahreszahl mit starkerem Bleistift hinzugeftigt. 

015 Ursprunglich »Sonnt«, durch »Son« uberschrieben. 



August 1851 429 

v. Quentin Massis — Auch in der Kathedrale ein berlihmtes Bild 
v. Rubens gesehen 763 — 

dann Abschied von unsern Wirthen — Um die Mittagstunde 
nach Briissel — die unverschamten Englander im Wagen — An- 
kunft im schonen Briissel — Hotel de Russie — 
Grofie Gemaldeausstellung — mit Entziicken durchwandert — 
vor Allen zwei Bilder von Gallait »Besuch des Serments der hin- 
gerichteten Egmont u. Horn« — u. ein italienischer 
(oder slavonischer) Violinspieler (Art et Liberie) 764 — dann von 
de Keyser zwei, sehr schon, doch den Gallaits nachstehend — 
Kohler's »Aussetzung Mosis« — Bendeman's »Frau« — Hiibner's 
»goldnes 2eitalter« 765 — »der nachtliche Fischfang« von Gude — 
viele herrliche Landschaften von belgischen, hollandischen, auch 
deutschen Malern — dann im Fiacker die Stadt besehen — der 
Park — das Schloft — der Markt — das Hotel de Ville merkwur- 
dig- 
(Pass.) 

{Nach Hause Geld.) 

Manneken-pis — Abends im Theater »Das Thai v. Andorra« mit 
vieler hubscher Musik von Halevy — doch etwas schlotterige 
Auffuhrung — »Mairose« in Schluchzen ausbrechend — 
Mittwoch den 20sten Aug.[ust] — Noch einmal auf die Ge- 
maldeausstellung — Hr. Kufferath — dann Mad.[ame] Camilla 
Pleyel aufgesucht — geistreiche interessante 
Frau — {Gegen) Nach-Mittag^ 16 von Briissel abgereist, durch 
Mecheln, Lowen bis Liittich — Abscheuliche Eisenbahn, des 
Staubes wegen — In Liittich Hotel de Paris — 
Donerstag d. 21sten Aug.[ust] Bei schonen Wetter friih v. 
Liittich fort — Gegend zwischen da u. Verviers sehr lieblich, da- 
bei bergig — Ankunft in Aachen — der Dom zum^ 17 Theil sehr 
geschmaklos restaurirt — dan in den Kaisersaal — daselbst Re- 
thel — seine Erl&uterungen 

der grofien Freskobilder (1. Karl die Gotzenbilder <ze) vernich- 
tend, 2. Karl in Spanien. — 3. Karl's Einzug in Pavia. — 4. Karl 
als Mumie aufgesucht) 766 — 

Rethel im Uebrigen sehr verstimt u. afficirt. 767 — Schlechter An- 
fall v. Schwindel. — Betriibt. — 

Um 3 Uhr von Aachen fort — Um 8V 4 Uhr Ankunft in Diissel- 
dorf — am Bahnhof die Kinder in Erwartung.— 



016 »Nach-« uber der Zeile eingefugt. 

017 »z« uber »s« geschrieben. 



Tagebuch 22 



Reisenotizen XI : Leipzig/Rhein/Scheveningen 

1852 
5.-22. 3., 26. 6.-7. 7. und 12. 8.-16. 9. 1852 



Robert- Schumann -Haus Zwickau, Signatur 4871/VII A/b 11 

Das Heft hat einen rotlichen Kartonumschlag und enthalt 
14 Blatter mit Goldschnitt im Format 14,6 x 7,4 cm, die faden- 
geheftet sind. Von fremder Hand wurden samtliche Recto-Sei- 
ten sowie die 3. Umschlagseite numeriert, so dafi die Zahlung 
bis S. 29 reicht. 

Mit Ausnahme von S. 8 wurde das gesamte Heft einschliefilich 
der unbezeichneten 2. Umschlagseite von Schumann mit Bleistift 
beschrieben. Die 1. Umschlagseite tragt die Zahl »XI«, auf der 
4. Umschlagseite wurde in der gleichen Handschrift die Signa- 
tur eingetragen. 



Marz 1852 431 



[2. Umschlagseite] 
Kohlhaas. 
Heinrich v. Kleist's gesamelte Schriften 

3ter Band. Berlin, Reimer. 
Stuck von v. Maltitz. 
1 1852. 

Reise nach Leipzig. 768 



Freitag den 5ten^ Marz Abends 11 Uhr mit dem Schnellzug 

fort. Abschied von den Kindern, von Tausch, Dietrich, Reimers, 

Wasielewski. Ankunft in Leipzig ohne weitere Vorfalle 

Sonnabend d. 6ten Marz. Winterliches Wetter. Bei Preufier's 

abgestiegen. Hr. Grabau u. Wenzel. Das kleine Stiibchen. Nicht 

ganz wohl. 

Sonntag d. 7ten Marz. Friih bei David. Nachmittag bei 

Hauptmans. Abends kleine Gesellschaft. Musiciren mit Grabau. 

Fiirst Reufi, seine liebenswiirdige Frau u. die Prinzessin Hohen- 

lohe. Meine Lieder von Letzterer gesungen, sehr inig. 

Montag den 8ten Marz. Besuche. — 

Abends Gesangprobe d. Rose in der Akademie. — 

Dienstag d. 9ten Marz. Dr. Reuter. W. Bargiel aus Berlin. 

Zu Tisch bei Fiirst Reufi. (Fiirst Schonburg. Herzog v. Ratibor 

u. Frau, Prinzessin von^ 2 Hohenlohe). — 

David's wunderschones Spiel mit Klara. Sonate (in A) u. Phan- 

tasiestiicke. 

Mittwoch d. 10 Marz. Friih Probe des Trio (N. 3) mit David 

u. Grabau. — Zu Tisch bei Preufiers. Moscheles u. A. — Abends 

bei Dr. Hartel. — Herrliches Spiel von Klara u. David. (Trio u. 

Sonate). — Hauptman's. Zimlich grofie Gesellschaft. — 

Donnerstag d. 11 Marz. Friih David mit Klara Sonate in 

D moll Besuche bei Voigt, H. Brockhaus pp. 

Freitag d. 12 Marz. Zu Tisch bei H. Brockhaus. — Angenehm. 

— Hr. Spindler a. Miinchen. Abends bei Dr. Petschke. — Trio u. 

Sonate mit David u. Grabau — ganz vortrefflich. — 

Sonnabend d. 13 Marz. Friih 9 Uhr Probe im Gewandhaus. 

(Ouverture zu Manfred. Rose). — Freude. — 

Zu Tisch mit Woldemar [Bargiel] bei Eckerlein.^ 3 — Besuch bei 

Hr. Riccius. — Abends Schwagerin Pauline [Schumann] a. 

Schneeberg. 

Sonntag d. 14t. Marz. Geburtstag unseres Wirthes Hrn. Preu- 

fier. - Auffiihrung der Rose. 769 - Sehr 

01 Urspriinglich »6«, durch »5« uberschrieben. 

02 Der folgende Name mehrfach durchstrichen und nicht lesbar. 

03 Recte: Ackerlein[s Keller]. 



432 Marz 1852 

voller Saal u. theilnehmendes Publicum. Von Fremden: der alte 
Postmeister v. Schlegel, Liszt, Joachim, R. Pohl, M. Horn, 
E. Klitsch, Meinardus, Franz, Strackerjan. Mit Liszt wegen 
Manfred. 770 — Abends Gesellschaft bei PreujRers. Musicirt. Frl. 
v. Lindeman aus Dresden. — 

Montag d. 15ten Marz. Friih Musik bei uns. Grofie Gesell- 
schaft. Auch Liszt, Franz u. A. Trio von mir. Vierhandiges Spiel 
v. Klara u. Liszt. Abends bei Moscheles. 

Dienstag d. 16ten Marz. Geschaft mit Kistner. 771 — Zu Tisch 
bei Dr. Hartel. Abschied von Pauline [Schumann]. — Die 
Raphaelkupferstichsamlung. — Abends Vorspielen im Conserva- 
torium. (von) — ^ 4 Frl. Bornchen. — Sodann mit Bekannten zusa- 
men. — 

Mittwoch d. 17ten Marz. Friih Probe im Gewandhaus. .— 
Meine 3te Symphonic — Freude. — Viel Geschafdiches abge- 
macht. — Abends bei Voigt. Musik mit^ 5 David u. Rietz. Trio v. 
Dietrich. — Ein Tenorsanger, Hr. Roder. — Lustig. — 
Donnerstag d. 18ten Marz. Fr. Meifiner aus Glauchau. — 
Abends Abonementconcert. 772 Viel Freude. Ein Lorbeerkranz. — 
Klara's Spiel. Die 3te Symphonic Betrtibende Nachricht von 
Hildebrands durch Rietz. Mit einigen Bekanten noch zusamen 

Freitag d. 19ten Marz. Friih Musik bei uns. — »Mahrchenbil- 
der« mit David. — Trio von W. Bargiel iiberraschend. Trio v. 
A. Dietrich. Sehr animirt. Abends Hr, Brendel bei Schwabc 
Sorlabend d. 20sten Marz. Bei Wasielewski's Schwester. — 
Vorbereitungen zur Abreise. — Um 6 Uhr im Conservatorium 
kleines Concert. Dann im Hotel de Baviere die »Albumler«. 
Hr. Dr. Heinze, Redacteur der illustrirten Zeitung. 
Sonntag d. 21sten Marz. Friih Mus.[ikalische] Matinee im Ge- 
wandhaus 773 — Sonate u. Trio von mir — Davids Abjagen — 
Nervoser 

Anfall — dennoch[?] zu Tisch zu David — Abends Standchen 
der Schiiler des Conservatoriums — Abschied. 
Montag d. 22sten Marz. Friih Abschied von Preufiers, Grabau, 
Woldemar [Bargiel], Dr. Jacobi. Um 6 Uhr von Leipzig, u. 
Abends um 9 1 / 2 in Diisseldorf. Die Kinder alle wohl. 



04 Ursprunglich »den« oder »der«, durch den Gedankenstrich iiber- 
schrieben. 

05 Ursprunglich »bei«, durch »mit« iiberschrieben. 



Juni 1852 433 

Reise an den Rhein 

Sonnabend, den 26sten Juni 1852, urn 3 Uhr 40 Minuten 
nach Bonn. Gewitterhimel, dann in Coin iosbrechend. In Coin 
auf d. Bahnhof Reinecke und Konig[s]low zufallig. Ankunft in 
Bonn. Schones Hotel (deutsches Haus). Wasi[e]lewski u. Rei- 
mers. Zimlich vergniigt. Leider noch am Husten leidend. 
Sonntag^ 6 d. 27sten Juni. Frtih 8 Uhr von Bonn nach Rolands- 
eck. Die jungen Begieiter, wie Tags vorher. Von Rolandseck mit 
Boot nach Honef. Don kein Logis gefunden. Von da Fufipar- 
thie nach Konigswinter durch sehr freundliche Gegend. Gieich 
mit dem Dampfboot weiter wieder nach Rolandseck. Ziemlich 
langweiliges Diner. 

Um 5 Uhr nach Remagen. Hiibsches Hotel. Nach dem Apolli- 
narisberg u. Kirche. Letztere ein ausgezeichnetes Bauwerk mit 
Freskomalerei von Deger, C. Muller u. Ittenstedt — vom Graf en 
Fiirstenberg erbaut. Schone Aussicht nach dem Siebengebirg 
vom Klostergarten. 

Montag d. 2#sten Juni friih um 8 Uhr Farth ins Aarthal. 
Gewitterhafter Himel, sehr unstates Wetter. Ahrweiler. Wal- 
portsheim. Dann wildere Felsenparthieen, etwas an das 
Miinsterthal der Schweiz erinnernd. Altenahr, der Hauptort der 
Gegend. Gutes Hotel mit originellem Garten, von der Ahr um- 
spiilt. Die Ruine von Altenahr bestiegen; sehr wild, etwas ode 
Gegend, doch von Weinpflanzungen gemildert. Nachmittag 
um 3 Uhr zuriick nach Remagen. Schone Aussicht von den Fen- 
stern unsrer Wohnung. — 

Dienstag d. 29s ten Juni. friih um 7V 2 Uhr mit Klara zu 
Fufi nach der Apollinariskirche u. dann (nach) uber 02 Rolands- 
eck nach Konigswinter. Freundlicher Weg u. Freude an Klara, 
die sehr tapfer marschirt. Ausgezeichnetes Diner in Konigswin- 
ter (Hotel de Berlin). Nachmittag zu Fufi nach Godesberg. Die 
hochst anmuthige Landschaft, von der Ruine aus gesehen. Logis 
bei dem Apotheker auf 8 Tage gemiethet. Zu Fufi nach Konigs- 
winter zuriick. 

Mittwoch d. 30sten Juni friih Parthie nach dem Oelberg mit 
Klara u. einem Fiihrer. Hochst belohnende Aussicht oben. Das 
Restaurationshauschen. Der Wirth u. der Gimpel. Auf dem 
Riickweg uber Heisterbach. Herrliche Waldung. Die Kloster- 
ruine. Zimlich beschwerlicher Weg. Um 1 Uhr zuriick. Nach 
Godesberg um 5 Uhr. Ankunft daselbst. Spaziergang durch die 
hochst reizenden neuen Anlagen. 

06 Urspriinglich »Sonnabend«, das Wortende durch »tag« tiberschrie- 
ben. 

07 »iiber« uber der Zeile eingefiigt. 



434 Juli/August 1852 

Donerstag d. lsten Juli. Grofie Hitze. Viel am »Pagen u. d. 
Konigstochter« gearbeitet, — zu viel. 
Freitag, d. 2ten Juli. desgl. 
SchliEer Anfall in Blittersdorf.<> 7A/774 

Sonnabend,d. 3ten. Marie [Schumann], Dietrich, Hr. v. Sahr, 
Verhulst, — von Dusseldorf kornend. 

Sonntag, d. 4ten. Drachenfels. Rolandseck. Verhulst zuriick- 
bleibend. 

Mo n tag, d. 5ten. Muggendorfer^ 76 Hohen. 
Dienstag, d. 6ten nach Konigswinter, 
13 Mittwoch d. 7ten zuriick nach Dusseldorf, noch sehr krank. 
In Bonn Wasielewski u. Reimers. 



17 8 Reise nach Scheveningen 1852P AK 

{Mittwoch) Donerstag d. 12^ 9 d. (ll)ten August Nachts um 
12 Uhr Abfahrth von Dusseldorf. Abschied von J. Tausch u. 
Hrn. v. Sahr auf dem Schiff. — Schoner Sternenhimel. — Liegen 
auf der Diele. — 

(Donerstag) f 17b Freitag 010 d. 13ten° u August. 
Emmerich. — Arnheim. — Echtes Holland. Ankunft in Rotter- 
dam gegen 4 Uhr. Verhulst. — Nach dem Haag in grofiem 012 
Unwohlsein. — 

(Freitag) Son abend 013 d. 14 014 Aug.[ust] Nach Schevenin- 
gen. Spaziergang im Busch. 

Son tag d. 15 ten Aug.[ust] Scheveningen. Verhulst aus dem 
Haag. — 

Montag d. 16ten. lstes Bad. — Jenny Lind u. O. Goldschmidt. 
— Verhulst mit seiner lieben Frau. — Bei Dr. Dominis 015 ; sehr 
hubscher Garten. Ein Nachdruck meines Jugendalbums. — 

18 Dienstag den 17ten. 2tes Bad. Sehr schones Wetter. Nachmit- 
tag 5 Uhr Woldemar Bargiel abgereist zu unserer Trauer. Dann 
Spaziergang bei sehr freundlichem Abendhimel nach dem Bade- 

O 7 A Recte: Plittersdorf. 
O 7 B Recte : Muffendorfer. 

O 8 Die Notizen von Seite 14 bis 16 (originate Zahlung) sind, chrono- 
logisch eingeordnet, im Anschlufi an Seite 29 wiedergegeben. 

9 »DoiTerstag d. 12« iiber der Zeile eingefugt. 
OlO »Freitag« iiber der Zeile eingefiigt. 

01 1 Urspriinglich »12«, die »2« durch »3« iiberschrieben. 

012 Urspriinglich »sch«, durch »g« iiberschrieben. 

013 »So"nabend« iiber der Zeile eingefugt. 

014 Urspriinglich »13«, die »3« durch »4« iiberschrieben. 

015 Recte: d'Aumerie. 



August 1852 435 

Hause. Spaziergang an den Strand. Hr. Heinze a. Leipzig und 
Hr. van Hartog, ein junger Saloncomponist. — 
Mittwoch d. 18ten. 3tes Bad. Im Ganzen gute Wirkung. Guter 
Appetit. Correcturen in der Ouverture zu Manfred. »Poetischer 
Hausschatz[«], von WolP 76 . Sonst im Ort sehr wenig gesorgt fur 
Amusement der Badegaste. Marie W.[ieck], ein liebenswiirdiges, 
frisches u. erheiterndes Madchen. — Sorgen wegen des Umzu- 
ges in DiisseldorF 77 . — 

Donnerstag d. 19ten. 4tes Bad. Oft heiterer Stimung, doch 
auch Eingenomenheit des Kopfes. Nachmittag um 4 Uhr zu Fufi 
mit Klara, Marie [Wieck] u. den Kindern nach dem Haag. Vor- 
nehmer Charakter der Stadt, im Uebrigen nicht sehr belebt. Der 
Busch. Gegen Abend zuriick u. Domino noch gespielt. Marie 
(unsre) etwas exaltirt. — 

r Freitag d. 20sten. 5tes Bad. Einformigkeit. Abends an den 
Strand. Fluthzeit. Ankunft der Fischer. Reges Leben am Strand. 
Nach dem Badehause. Klara u. die beiden Marien spielen eini- 
ges. — Hr. Vermeulen aus Rotterdam bei uns. 
Sonnabend, den 21sten. 6tes Bad. Plage der Langeweile. Um 
4 Uhr bei freundlichem Wetter Spa- 
ziergang nach dem Haag. — Canalstrafien u. Untersuchung der 
Wurstladen. — Um 7 Uhr zuriick. Klara sehr miide. — »Der 
Schatzgraber« vortreffliche Mahrchenerzahlung vom alten Mu- 
saus. — Etwas befierer Schlaf seit einigen Tagen. — 
Sonntag, d. 22sten August. 7tes Bad. Mahrchen von Musaus. 

— Hr. Dupont aus Rotterdam. — Pein der Langeweile. — 
Abends sogenantes Concert auf dem Badehaus. — Nerv6se Af- 
fectionen. — Zur Ueberraschung Frau Leupold aus Dusseldorf. 

— Verhulst und Frau. 

Mo n tag, den 23sten Aug.[ust] — Etwas befieres Befinden 

manchmal. — Kleine Arbeiten. — 8tes Bad. — Uebungen mit den 

Kindern. — 

Unangenehme Nachrichten aus Dusseldorf. — 

Dienstag, den 24sten August. — 9tes Bad. — Einiges am »Pa- 

gen u. der Konigstochter«. — Brief von A. Dietrich. Der Dlxxn- 

sichtbar. — • 

Mittwoch, den 25sten Aug.[ust] — lOtes Bad bei sehr stiirmi- 

schem Wetter mit machtigem Wellenschlag. — Einiges am »Pa- 

gen«. — Hr. Bremer aus Rotterdam, mich aufsuchend. — Ein^ 16 

Brief von Hrn. de Roode aus Rotterdam. — Gegen Abend zu 

Fufi nach dem Haag. — Abends Briefe, darunter die unver- 

schamten des 017 Mannergesangvereines in D.fiisseldorf] 778 , vor- 

016 »Ein« iiber der Zeile eingefiigt. 

017 Urspriinglich »aus«, durch »des« iiberschrieben.. 



436 August /September 1852 

findend. Zimlich guter Schlaf. — Tame Marien's [Wieck] Ent- 
schlufi, zu bleiben zu unserer Freude. — 

F Donnerstag, den 26sten August, lltes Bad (zur Fluthzeit 
mit machti- 

22 gen Wellen). Etwas weniges gearbeitet, doch mit Anstrengung. 
— Schoner Sonenuntergang, wie nur auf dem Meer. — Auf dem 
Badehaus ein Hr. Max aus Magdeburg^ 18 mit sehr anmuthiger 
Frau, u. eine Dame aus Leyden sich uns als musikalische 
Freunde vorstellend. Sehr hiibsche Illumination des Badehauses 
a la Chinoise. 2u Hause noch Verhulst u. Frau angetroffen. 
Freitag, den 27sten August. 12tes Bad. Wunderschoner So- 
mertag. Eine hollandische Familie bietet uns ihr Fortepiano an. 
Nachmittag um 5 Uhr zu Wagen nach dem Haag. Im Busch 
spazirt; im Ganzen etwas todte Stadt. Zu Fufi zuriick. »Hans 
Kohlhas« Er- 

23 zahlung von H. v. Kleist (ware wohl ein wirksamer Opern- 
text). 779 - 

Sonnabend, den 28sten August (Goethe[s Geburtstag]) Frtih 
allein spatzieren in die Haager Allee. 13tes Bad. Klara manch- 
mal unwohl. »Kohlhaas« von Kleist. Gewitter.^ 19 
Sonntag, den 29sten August. 14tes Bad. Die 3te Ballade des 
»Pagen« zu Ende instrumentirt. — Auf das Badehaus. Verhulst 
u. Frau, und zufallig auch Ed. Frank mit Frau(k) aus Coin. — 
Fortwahrende nervose angstigende^ 20 Aufregungen. — 
Montag, den 30sten August. — 15tes Bad. — Correctur des 
»Nachtliedes«. Friih am Strand. Gewitter u. 

24 heftige Nervenaffection. — Erzahlungen von H. v. Kleist, einige 
grafilich, doch sehr interessant. — 

Die Abende gewohnlich Dominospiel mit wechselndem Gliick. — 
Dienstag, den 31sten Aug.fust] 16tes Bad. Einiges an d. 4ten 
Ballade. »Melechsalah« von Musaus. — Abends auf dem Bade- 
hause, wo Klara einiges sehr schon spielte. Grofie Angegriffen- 
heit durch Musik. 

Mittwoch, den lsten September. Marien's [Schumann] liter 
Geburtstag. Besuch des Dr. Dominis^ 21 nach langer Pause. 17tes 
Bad. Einiges an der 4ten Ballade. Um 5 Uhr nach dem Haag. 
Den »Bazar« besucht, eine Ausstellung der elegan- 

25 testen Luxus- und Modesachen in der reichsten Auswahl. Ent- 



018 »aus Magdeburg« tiber der Zeile eingefugt. 

019 »Ge« uber einen nicht lesbaren Wortanfang geschrieben. 

020 Der Mittelteil des Wortes iiber einen nicht lesbaren Buchstaben ge- 
schrieben. 

021 Recte: d'Aumerie. 



September 1852 437 

ziicken der Frauen. Der curios-phantastische Garten neben dem 
Bazar mit allerhand aegyptischen (od. tiirkischen) Antiquitaten, 
auch einem Mammudgeripp. — Im Dunkel zuriickgewandert. — 

Donnerstag, den 2ten Sept. [ember] — 18tes Bad. liner sehr 
schones Wetter. Einiges an der 4ten Ballade. Die beiden Marien 
nach dem Haag. Elise [Schumann] imer sehr munter und aufge- 
raumt, Marie zerstreut und unruhig. — 

r Freitag, den 3ten Sept. [ember] — 19tes Bad. Sehr schoner 
Tag, das Meer ganz ruhig. Leidliches Befinden. An der 4ten Bal- 
lade. Urn 5 Uhr 

{Nervose brennende Empfindung im Hinterkopf. Bald eintre- 
tende Appetitlosigkeit. — Wechsel prickelnder nervoser Empfin- 
dungen namentlich im Rtickgrate, in den Fingerspitzen.}^ 22 
nach dem Haag. Daselbst zu Wagen in den Busch, nach dem 
Pavilion, was alles unseren Erwartungen nicht entsprach. 
Sonnabend, d. 4ten Sept.[ember] 20stes Bad. Nervose Zufalle 
im Kopf, vielleicht durch die Bader hervorgerufen. — Mit 
Freude am »Pagen« Einiges gearbeitet. — 

Sonntag, d. 5ten Sept. [ember] — In der evangelischen Kirche 
(die Manner mit den Hiiten auf den Kopfen) 21stes Bad. — 
Leidliches Be- 
finden. Einige Stunden instrumentirt. — Abends am Strand. Son- 
nenuntergang mit prachtigem Gewitter. — 
Montag, den 6ten Sept. [ember] — 22stes Bad. — Nachmittags 
etwas gearbeitet. — Gegen Abend Verhulst und Frau. Gewitter- 
himel. 2u Maafi. Recht gemiithhch. Gute hoffnungs voile Sti- 
inung. — 

Die ns tag, den 7ten Sept.[ember] Friih den »Pagen« in der In- 
strumentation beendigt. Freudiges Gefiihl. Nachmhtag 23stes 
Bad. Klara in Sorge und auch Hoffnung. Besuch von Dr. Domi- 
nis^ 23 und sein Zuspruch. 
Mittwoch, d. 8ten September] In 



»Wir essen und trinken Ihre Lieder« 

Jenny Lind zu mir am 16 Aug.[ust] 52. 



»Die Kehrseite der Productivitat« 

Verhulst. 



022 Diese wahrscheinlich friiher notierten Bemerkungen mit schragen 
Bleistiftstrichen durchkreuzt. 

023 Recte: d'Aumerie. 



438 September 1852 

»Sie konnen sich jetzt ausruhen.< 
J. Lind ebenda. 



Verhulst's sehr tref fender u. poetischer Vergleich der Wag- 
ner'schen Musik mit einem {Lavastrom) gliihenden Lavastrom, 
der des Nachts einen entziickenden Anblick gewahre, aber, so- 
bald die Sonne aufginge, widerwartig und hafilich erscheine. 



Mittwoch, d. 8 ten 024 Sept. [ember] In Klara's Zustand bedenk- 
lichere Symptome. 24stes Bad bei hochst kraftigen Wellen- 
schlag. — »Der Fluchtling«, eine Erzahliing in Mundt's Dios- 
29 kuren 780 > die mich sehr ergriff. — 

Abends mit Klara bei Maafi, wo ein junger Musiker (a. Leipzig) 
sich vorstellte. Begleitung Marien's zu einer Soiree des Dr. Do- 
minis 025 auf dem Badehaus. — 

Donnerstag, d. 9ten Sept. [ember] Schwerer Tag. Klara in 
Gefahr 781 . Krisis. Die beiden Doctoren. Nachmittags groEe Bes- 
serung in Klara's Befinden. Nachmittag 5 Uhr 25stes Bad. No- 
thigung, noch langer hier zu bleiben, vielleicht zu unsrem Gliick. — 
Freitag, d. lOten Sept.[ember] — Viel befieres Befinden 
Klara's. 26stes Bad, Clavierauszug des »Pagen« von Nro. 2 an 
angefangen. 

(Fortsetzung s. vorne) 

14 Reise nach Scheveningen. 

(Fortsetzung) 

Sonnabend, den 11 ten September. Mit den Kindern (der 
Mama zum Geburtstag etwas zu besorgen) heimlich nach dem 
Haag. Dort im Bazar. Arrangement des »Pagen« fortgesetzt. 
Gegen 6 Uhr bei sehr bewegter See 27stes Bad. Klara in der Bes- 
serung. 

Sonntag, d. 12ten Sept.[ember] Unser 12-jahriger Hochzeits- 
tag. Klara imer befier. Dr. Hoos, ihr Arzt, ein interessanter 
Mann. 28stes Bad. Die See in der grofiesten Bewegung, wie ich 
noch nie gesehen. — Besuch von Verhulst. Der Kinder Geburts- 
taggedichtchen u. meine Composition 782 . Abends Spaziergang 
an der See mit Lieschen [Elise Schumann]. 

024 Urspriinglich »7«, durch »8« iiberschrieben. 

025 Recte: d'Aumerie. 



September 1852 439 

15 Montag, d. 13ten Sept. [ember] Klara's 33ster Geburtstag. Be- 
scheidene Angebinde. Klara leidlich wohl. Nach dem Seebad 
(d. 29sten) sehr schlechtes Befinden u. Anfall von Nerven- 
schwindel. Gegen Abend Verhulst u. Frau zu Besuch. Ueberdem 
oft von dumen hypochondrischen Gedanken gequalt bei befie- 
rem korperlichen Befinden. — Spat am Abend mit den Kindern 
noch am Strand. — 

Dienstag, d. 14ten Sept.[ember] — 30stes Bad. Am Arrange- 
ment. Klara's erster Ausgang. Abends Spaziergang mit Tante 
Marie [Wieck] u. der andern [Marie Schumann]. Ofters Betrtib- 
nifi iiber die letztere. 

Mittwoch, d. 1 ten Sept. [ember] — 31stes Bad. Ziemiich flei- 
fiig, aber von schlimen Folgen. 

Dolnerstag, d. 16ten Sept.[ember] — Vorbereitungen zur Ab- 
reise. 
Frekag friih d. 17ten um 3 Uhr abgereist. — 

16 Emmerich. 
Arnheim. 
Rotterdam. Haag. 

Weidencultur. Windmiihlen. Wasserfarbenlocalton. 

Die Hauser u. die duinen [?] Fenster. 

Grofie Reinlichkeit. 

Alles sehr verhangen. 

1 Thaier<> 26 = 1 Fl. 15 Stiiber 8 1/2 

1 Stiiber = 5 Cent. 4 1/4 

20 Stiiber — 1 Gulden = 17 Silbergroschen. 

= 100 Cents. - 
Logis taglich 2 Gulden. 

Mittagtisch « » 2 Gulden 5 St. [iiber] fiir 3 Couverts. 

026 Urspriinglich »Stiiber«, durch »Thaler« iiberschrieben. 



Tagebuch 23 



Reisenotizen XII: 

Holland 1853/Hannover 1854 

24. 11.-22. 12. 1853 und 19.-30. 1. 1854 



Robert- Schumann-Haus Zwickau, Signatur 4871/ VII A/b 12 

Das Heft besitzt einen originalen Umschlag aus diinnem gelbli- 
chem Karton. Es enthalt 21 Blatter im Format 14,0 x 8,8 cm, 
die fadengeheftet sind, sowie ein ehemals mit einer Nadel befe- 
stigtes, jetzt lose inliegendes Doppelblatt im Format 16,6 x 
10,5 cm. Das letztere ist mehrfach gefalzt und an den Briichen 
eingerissen. 

Die Paginierung wurde von fremder Hand mit Bleistift folgen- 
dermafien vorgenommen: Bl. 1 unbezeichnet, Recto-Seiten 3 bis 
17 numeriert, 2 unbezeichnete Blatter, Recto-Seiten 27 bis 33 
numeriert, 4 unbezeichnete Blatter, Recto-Seiten 43 und 45 nu- 
meriert; das Einlageblatt erhielt die Seitenzahlen 19 bis 22. 
Von Schumann mit Bleistift beschrieben wurden die Seiten 1 bis 
17, 26 bis 32 und 44 bis 46, mit Time die Seiten 19 bis 22 auf 
dem Einlageblatt. 

Die 1 . Umschlagseite tragt mit Bleistift die Zahl »XII«, auf der 
4. Umschlagseite wurde in der gleichen Handschrift die Signa- 
tur eingetragen. 



November 1853 441 

1 UNBEKANNTER: XII.O 1 

SCHUMANN: Reise nach Holland. (1853)^ 2/783 

Donnerstag, den 24sten Nov. [ember] friih vergebliches War- 
ten auf das Dampfschiff(e). Um 12 Uhr 20 M[inuten] endlich 
fort mit dem Dampfwagen nach Oberhausen. Frl. Hartmann 
und Bertha als Begleiterinnen. Schones Wetter. Mit oft sehr 
langweiligen Extraposten weiter iiber Wesel. In Rees ein Gro- 
bian als Postmeister. Uebernachtet in Emerich in einen ziemlich 
altmodischen Gasthaus. Unleidliche(s) Gehoraffection, die end- 
lich verging. 

Freitag, d. 25sten Nov. [ember] Um 7 Uhr fort nach (Emme) 
Arnheim, dann mit Dampfwagen nach Utrecht (Hotel d'Anvers) . 
Echthoilandische Stadt. Hr. M[usik]d.[irektor] Kufferath. Bei 
der Table d'hote Klara's schlimer Anfall. Besuch von Hrn. Kuf- 
ferath u. Dr. Kist (lebhafter Mann). Klara's befieres Befinden. 

2 Sonnabend d. 26sten Nov. [ember] Besuch von M. Hartmann 
mit ihren Wirthen Hrn. u. Frau v. Wimsheym. Um 1 Uhr Probe. 
Das Concertallegro. Nachmittag Klara in leidendem Zustand. 
Zweifel iiber die Fortsetzung der Reise. Abends Concert 784 . Sehr 
freundlicher und schoner Concerts aal. Wir auf der Gallerie; die 
theetrinkende und schwatzende haute volee y die uns argert. Die 
Symphonie in Es. Gute Auffiihrung. Hr. Kufferath ein guter Di- 
rigent. Klara: Allegro, Sonate in C von Beethoven u. Lieder 
ohne Worte [von Mendelssohn]. Enthusiasmus. Ehre, die auch 
mir wiederfahrt — unverhoffte. Ein junger Musiker aus Amster- 
dam. 

r Sonntag d. 27sten Nov. [ember] Besuch v. Hrn. u. Frau 
Kufferath u. A. — Befleres 

3 Befinden Klara's. Um 2 Uhr mit der Diligence auf sehr guten 
Platzen und in sehr rascher Farth iiber Leyden nach Haag. 
Furchtbare Eintonigkeit der Gegend. Im Haag angekornen nach 
8 Uhr. Die grobe Wirthin im Hotel Dolen; von da zu Paulez. 
Sehr vornehmer Gasthof. — 

Mo n tag d. 28sten Nov. [ember] — Friih zu unsrer Freude Ver- 
hulst. Mit ihm u. Frl. Bertha nach Scheveningen. Alte Erinne- 
rungen. Unsre alte Wirthin u. ihre Tochter (Gorschen [?]) 785 . 
Die See. Besuch von Liibeck u. Hrn. Lagemanns. Diner im Ho- 
tel sehr glanzend. 

Dienstag d. 29sten Nov. [ember] — Erfreulicher Brief von Wi- 
gand in L.[eipzig] 786 — In's Museum; namentlich Chinesische u. 

4 Japanische Merkwiirdigkeiten; auch aus der hollandischen Ge- 

01 Mit starkem Tintenstift geschrieben. 

02 Die Jahreszahl spater hinzugefiigt. 



442 November/ Dezember 1853 

schichte: das Kamisol in dem Wilhelm III gestorben, vom Admi- 
ral Ruyter u. van d. Speyk. Uebrigens ziemlich langweiliger Auf- 
enthalt. In der alten »Restauration« zu Mittag gegessen. 
Mittwoch d. 30sten Nov. [ember] Friih Probe. Die 2te Sym- 
phonic u. Allegro. Sehr ausgezeichnetes Orchester. Verhulst. 
Abends Concert 787 . Sehr enthusiastische Aufnahme. Uebrigens 
unakustischer Saal. Hrn. van der Doos. Dann zusamen mit Lii- 
beck u. Verhulst. Der curiose Kaufmann. 

Do"nerstag d. Isten Dec. [ember] Friih um 8 Uhr mit Verhulst 
nach Rotterdam. Wunderschones Wet- 
ter imer. Um 111/2 [Uhr] Probe in der Diligentia 788 ; der Saal 
nicht sehr elegant, aber wohlklingend. Sehr trefflich u. mit gro- 
fier Theilnahme spielendes Orchester. Hr. M[usik]d.[irektor] 
Huytschenreuter^ 3 . Vermeulen. Hr. van Eyken. Hr. Nikolai. 
Verhulst' s Frau mit ihrem Kind u. ihre Bewegung. Das Concert- 
allegro u. die 3te^ 4 Symphonic Frau Offermans van Hoov{e) 
aus dem Haag, sehr eigenthumliche und ausdrucksvollsingende 
Sangerin. Eine wirkungsvolle u. anmuthige Concertarie von 
Verhulst. Wohnung im Bath-Hotel (theuer) die Umsiedelung 
von hinten nach vorne und der geheime Grund dafiir 789 . Besuch 
bei Hrn.^ 5 (Verhulsts Freund) u. seine Freude. Abends Con- 
cert 790 . Die Ouv.[ertiire] Op. 124 v. B. [eethoven] sehr kraftig v. 
Orchester gespielt; das Publi- 
cum viel enthusiastischer, als im Haag. Vortreffliche Ausfiih- 
rung meiner Compositionen. Ein ausgezeichneter Hornblaser, 
Sohn des Musikdirectors. Nach dem Concert grofie Ehrenbezei- 
gung mit Fackelzug, einem grofien Mannerchor mit Harmonie- 
musik. Herzliche Ansprache von^ 6 [Schutze van Houten], als 
Prasidenten. Um 12 1/2 Uhr zu Bett mit manchen Gedanken. 
(Der Geburtstagmarsch u. der »Waldchor« aus der Rose) 791 . 
r Freitag d. 2ten Dec. [ember] Friih 6^ 7 3/4 Uhr von Rotter- 
dam (iiber Haag, Leyden u. Harlem) nach Amsterdam. Sehr 
schemes Wetter. Einformigkeit des Landes. Ankunft in Amster- 
dam gegen 10 Uhr. Hotel de Paysbas. Grofie Stadt. Um Mittag 
Probe in Felix Mentis. Hr. v. Rinkhuysen u. Hr. v. Vofi. Scho- 
ner Saal 792 . Die 2te Symphonie, nicht sonderlich gespielt; kein p. 
und Zusamenspiel. Van Bree. Sonst sehr artige Menschen. Hr. 
Bastians. Hr. Boll^ 8 (junger Mann). Abends Concert 793 . Die Aus- 
fiihrung d. Symphonie viel befier. Clara spielt wunderschon; En- 

03 Recte: Hutschenruyter. 

04 »3« zur Verdeutlichung nochmals grofi iiberschrieben. 

05 Danach freigelassen. 

06 Danach freigelassen. 

07 UrsprUnglich »v.«, durch »6« iiberschrieben. 

08 Recte wahrscheinlich: Hoi. 



Dezember 1853 443 

thusiasmus. Mathilde H.[artmann] mit Angst singend und ohne 
Wirkung. (Die langen Programme u. Pausen^ 9 in Holland, das 
Sitzen d. Musiker in d. Probe) 

Sonnabend d. 3ten (Nov.) Dec.fember]^ 10 Besuch von Hrn. 
Boll^ 10 ^ Bastiaans, Thuyn, J. Wittering u. Fodor. Zu Hrn. 
Theune; dann eine Spazierfarth nach dem Bassin u. dem Zoolo- 
gischen Garten (der Antwerpener scheint schoner u. grofier). 
Der Gast- 

hof nicht sonderlich u. theuer. Abschied von Mathilde Hart- 
mann, die zu ihren Freunden geht. Stoning des Schlafes durch 
unverschamten Larm. — 

Sonntag,d. 4ten Dec. [ember] — Erfreulicher Brief von L. La- 
combe a. Paris Besuch von Hrn. Hoi und seiner Braut, auch 

von Hrn. Bastiaans. Dann Besuche bei van Bree, v. Rinkhuysen, 
Fodor u. J. Wittering. Spater in die Plantage (grofier Saal) Ver- 
handlungen mit Hrn. Stumpf, einem sehr gewandten Mann. Ge- 
gen Abend noch zu Wittering wegen Concertangelegenheiten. — 
Montag am 5 ten Dec. [ember] — Unverschamte Prellerei im 
Gasthof. Urn 8 1/2 Uhr abge- 

fahren nach dem Haag. Imer schemes Wetter. — Im Haag um 
11 3/4 U.[hr] angekoinen. Behagen im neuen Gasthof. Besuch 
bei Lubeck; seine Frau u. Tochter. Dann Besuche (bei) von eini- 
gen Herren des Directoriums. Klara manchmal leidend. Abends 
nach dem Bazar (Nikolastag), der glanzend erleuchtet; wunder- 
volle Ausstellung von Luxus- u. andern Gegenstanden. Grofies 
Gedrange. Dann (10 1/2 Uhr Nachts) Probe vom Quintett. Die 
Tochter von QoncertJ.M.feister] Lubeck sehr theilnehmende 
Zuhorerinnen. Um Mitternacht zu Bett. — 

Dienstag am 6ten Dec. [ember] — Friih Verhulst zu unserer 
Freude. Um 12 Uhr Solistenprobe; guter Gesang. Besuch bei 
Frau Offermans; eine interessante Frau. 

Abends Soiree von der Matschappij gegeben 794 . Die abhanden- 
gekoinenen Musikalien. Hr. Wittering u. Fodor aus Amsterdam. 
Quintett. Lieder v. Verhulst. Klara's wunderschones Spiel u. En- 
thusiasmus. Im 2ten Theil: Rose. Gute Auffiihrung bis auf einige 
verfehlte Tempis. Der Chor vortrefflich; auch die Solisten. Zum 
Schlufi Ruf nach dem Componisten, der vortritt und (zierliche 
Verbeugungen macht) mit Rosen bestreut wird^ 11 . Dann mit 
Verhulst in's Hotel. — 

O 9 »u. Pausen« iiber der Zeile eingefiigt. 

OlO »Dec.« iiber der Zeile eingefiigt. 

OlO A Recte wahrscheinlich: HOL. 

Oil »mit Rosen bestreut wird« iiber den Zeilen eingefiigt. 



444 Dezember 1853 

Mittwoch, am 7 ten Dec. [ember] Gegen 11<> 12 [Uhr] von Haag 
nach Rotterdam mit Verhulst. — Furchtbares Nebehvetter. Be- 
such bei Schutze van Houten; seine Frau nur da. 

1 1 Sehr gutes Diner im Bath-Hotel. — Dann Besuche von Verhulst, 
v. Eeyken, van Houten und Tours (ein Melancholikus) 
Donnerstags, am 8ten Dec.[ember] Besuche bei Hrn. Tours, 
Vermeulen, Smalt, Hutschenreuter. Zu Tisch bei Verhulsts; ge- 
muthliche Wohnung. Sein kleiner Robert, ein Prachtjunge. 
Abends Gesellschaft bei Hrn. Schutze van Houten, sehr zahl- 
reich. Ein Hr. Paling (Mendelssohns Concert ziemlich mittelma- 
fiig). Klara auf einem Erard; auch 4handiges Spiel (Ballscenen). 
Sehr vergniigtes Beisamensein. Eine gute (und auch anmuthige) 
Altsangerinn. Vivat auf uns am Schlufi. — 
<Do~nerstag) Freitag 013 , am 9ten° 14 Dec. [ember] Friih um 

12 um 10 Uhr Quintettprobe mit Hrn. Tours, Paling, v. Eyk u. — 
[Ganz]. Der Bratschist gut. Fr.[au] Offermans um 11 Uhr. Der 
Nebel verschwindet. Sonnenschein. Abends Soiree v. Klara in ei- 
nem kleinen, aber sehr freundlichen Saal 795 . Anfangliche Ver- 
stimmung wegen des leeren, der sich aber nachher leidlich fullt. 
Klara 1 s Alles entziickendes Spiel (namenthch F-moll-Son&te 
[von Beethoven] u. ihre Variationen) . Das Quartett (Nro 1) von 
mir nach Kraften gut gespielt. Das Rufen des Publicums. Hr. 
Smalt, ein sehr gebildeter Musikmensch. Auch einige schwarme- 
rische Enthusiasten. Nach der Soiree mit Verhulst u. v. Eyken 
noch zu Abend 

13 gegessen. — 

Nachzutragen zu diesem Tag: um 2 Uhr Orgelspiel von van Ey- 
ken; schone Orgel und meisterliches Spiel 796 . 2 Fugen von mir 
liber BACH, Abendlied u. Canon (in H dur) aus den Skizzen, 
Phantasie u. Fuge (in G molt) von Bach, lste Sonate v. Mendels- 
sohn, Stuck von Gade. — Die grofie Kalte trieb uns leider zu 
friih auseinander. — 

Sonnabend, am lOten. Friih vor 7 Uhr von Rotterdam nach 
Utrecht. Im Wagen ein junger Mann, den ich dann als den V[io- 
lon-]cellovirtuosen Romberg^ 15 erkannte. Gegen 12 Uhr in Ut- 
recht. Hr. Kufferath. Probe. Ouverture zu Genoveva; nicht son- 
derlich. Clara spielt 

14 auf einem Erard. Abends^ 16 Frl. Hartmann aus Mafien. Abends 
Concert 797 . Curioses Programm (lauter Instrumentalstucke). Ein 
Clarinettist Cavallini (als Virtuos ausgezeichnet), der Cellist 

C>12 Urspriinglich »10«, die »0« durch »1« uberschrieben. 

013 » Freitag « iiber der Zeile eingefiigt. 

014 »9« iiber eine nicht lesbare Zahl geschrieben. 

015 »Romberg« iiber der Zeile eingefiigt. 

016 »Abends« iiber ein nicht lesbares Wort geschrieben. 



Dezember 1853 445 

Romberg (desgleichen, auch mit einigem Talent zur Composi- 
tion, das er aber einem wurdigeren 2iel zuwenden miifite). 
Dann Klara. Enthusiastische Aufnahme. 

Sonntag, am 11 ten. Frtih Besuche bei Dr. Kist, Prof. Donders 
(nicht zu Hause) u. M[usik]D.[irektor] Kufferath. Fruhstiick 
beim letzteren. Um 11/2 [Uhr] von Utrecht nach Amsterdam. 
Die nicht frierenden Hollander bei offnem Wagenfenster. Von 
J. Wittering u. Hrn. Fodor artiger Weise erwartet. Das grauliche 
Zimer im Hotel Rondeel> u. 

heimliches Entfliehen nach dem Pays-has in unsre alte Stube 
No I. —Scene mit dem groben (Wirth) Kellner 017 . Zum Diner 
bei Hrn. Wittering. Sehr glanzende Einrichtung, und das Diner 
danach. Der Cellist Romberg u. seine Mutter (keine angenehme 
Frau). Nach dem Diner zu Hause. Dann wieder zu Hrn. Witte- 
ring. Grofiere Gesellschaft. Ein Streichquartett (v. Bree, ten 
Have, Bunte u. Merlen); Vortrag meines 2ten; bis auf den ver- 
griffenen 4ten Satz sehr schon zusamengespielt. Klara auf 
e.finem] Erard, der etwas sprode klang, Etudes symphoniques . 
Hr. Romberg ein Stuck v. s. [einem] Grofivater (etwas langwei- 
lig). Ganz ausgezeichnet der Vortrag einer Beriot'schen Com- 
position durch ten Have (einen jungen Burschen). 
Sehr angenehmer Abend. Zimlich spat (l/4tel vor 12) zu Hause. 
— Antrag v. Felix-Meritis und zweifelhafte Stimung in dem Ehe- 
paar. — 

f Montag, d. 12ten. Imer schones, aber kaltes Wetter. Um 
11 [Uhr] Probe d. Quintetts bei Hrn. Wittering; nicht sonder- 
lich. Begegnung mit Hrn. v. Rynkheusen^ 18 u. Annahme des An- 
trags. Besuche von Hrn. Heye, Hrn. Koch, Hr. Franco-Mendes, 
Hrn.^ 19 v. d. Vofi, Bastiaans u. R. Hoi. Abends, wahrend Klara 
bei J. Wittering ubt, mit d. Hrn. Bastiaans in eine Bayersche 
Bierstube. Ziemhch langweilige Unterhaltung. — 

Di ens tag, den 13 ten. — Um 12 Uhr Probe d. Quintetts^ 20 im 
Odeon. Schoner Saal; guter Klang. 

Van Bree ein sehr empfindungsvoller Musiker; 2te Geige ten 
Have (noch jung); Bratschist: Hr. Bunte, — Violoncellist: Hr. 
Merlen. Mathilde Hartmann von Mafien gekomen. Hr. Witte- 
ring imer sehr gefallig und dienstfertig. Abends Soiree 798 . Ge- 
fiillter Saal; freundlicher Anblick des Ganzen. Das Quintett vor- 
trefflich ausgefuhrt; auch alles Andere. Das Amsterdamer Publi- 

017 »Kellner« iiber der Zeile eingeftigt. 

1 8 Recte : Rinkhuysen. 

019 »Hrn.« iiber ein nicht lesbares Wort geschrieben. 

020 »d. Quintetts« iiber der Zeile eingefiigt. 



446 Dezember 1853 

cum kalter als das der andern Stadte. Nach d. Concert Austern- 
schmaus. — 

Mittwoch, d. 14ten. — Kalter schneidender Wind. — Besuch 
bei van Bree (mit Symphonie) u. J. Wittering. Van Bree's 
Freude. Die Concerteinnahme u. gieichfalls Freude dariiber. 
Sehnsucht nach Ruhe und nach Hause. — ° 21 

19 d. 16ten v. Amsterdam an d. Kinder 

d. 17ten an Smalt 

an v. Eyken. 

tel.[egrafische] Dep.[esche] an Smalt. 

18ten Rotterdam — an Joachim. 

Doner stag d. 15ten Telegr.[afische] Depesche v. Liibeck. Um 
4 Uhr im Haag eingetroffen. Altes Hotel (zum 2ten mal). Soiree 
bei Prinz Friedrich 799 . Unartiger Empfang u. Enttauschung. 
Vorstellung an die Prinzessin. Geplapper {bei) wahrend der Mu- 
sik und Aerger. Die Konigin und meine Harthorigkeit. Prinz 
Friedrich und seine uns in Verwunderung setzende^ 22 Frage 800 . 
Langeweile. Spat zu Bette. 

r Freitag d. 16ten. Friih nach Amsterdam zuriick. Rauche- 
freiheit. Ankunft. Zur Probe. Gutes Primavistaspiel des Orche- 
sters. Unwohlsein, das sich hebt. Abends Concert in Felix Meri- 
tis m . Frau Offermanns. Viele liebenswurdige Enthusiasten; un- 
ter den Musikern^ 23 artige u. gebildete. Nach d. Concert mit van 
Eyken in's deutsche Kaffeehaus. Berathung iiber die eben erhal- 
tene tel.[egrafische] Depesche u. Zusage, die mich spater reut. — 

20 Sonnabend, d. 17ten. Furchtbares Schwanken zwischen Ge- 
hen u. Nichtgehen nach Rotterdam. Telegraphische Depeschen. 
Ein entscheidender Brief von Verhulst. Gutes Fnihstuck bei Wit- 
tering. Gegen 4 1/2 Uhr nach Rotterdam. Verschiedene Einla- 
dungen noch in Amsterdam. Auf dem Bahnhof Verhulst. Sehr 
kaltes Wetter. Hr. J. Smalt. Verhandlungen wegen d. Soiree. — 
Sonntag, d. 18 ten. Abscheulich kaltes Wetter. Besuche von 
Vermeulen, v.^ 24 J. Smalt u. Schutze van Houten. Peinliches 
Klavierspiel iiber uns und Pfiffe. Bei van Houten zu Tisch. Liebe 
Familie. Abends van Eyken u. Smalt. — 

Montag, d. 19ten. Friih bei Verhulst. Besuch bei Hrn. von 
Kiin (?) (dem Sanger). Abends Soiree 802 , voller als das 1 sternal. 
Die Sangerbriider; namentlich der Baritonist ausgezeichnet. En- 

021 Notiz von fremder Hand am Fufi der Seite: »[Schlufi bei der Ab- 
schrift]«. 

022 Urspriinglich »setzt«, das »t« durch »e« iiberschrieben. 

023 Danach wahrscheinlich noch ein Wort folgend, durch Einrifi im 
Papier nicht lesbar. 

024 Urspriinglich »u.«, duch »v.« iiberschrieben. 



Dezernber 1853/Januar 1854 447 

thusiastisches Publicum. Nach der Soiree mit Verhulst u. A. zu 
Austern. 

Dienstag, d. 20sten. Friih 8 Uhr nach Amsterdam. Abschied 
von Verhulst. Die anscheinend^ 25 verlorengegangenen Brief- 
schaften u. mein (falscher) Verdacht. Hr. Huner, der Extenor. 
(Aben) J. Wittering. Abends Soiree im franz.[6sischen] Thea- 
ter 803 . Sehr schlechte Beitrage aufier Klara. Ich friiher zu Hause. 

Mittwochj d. 21sten tiber Utrecht nach Arnheim. Von da in 
einer miserablen Diligence mit einer ordinairen Gesellschaft 
nach Emmerich. In Emerich in unserm alten Gasthaus. Einen be- 
sonderen Hauderer 804 mit miiden Pferden genomen und mit 
Muse bis Wesel gekomen. Verandertes Leben: sehr gutes Gast- 
haus. Sonst sehr kalt. 

Donerstag, (fr) d. 22sten bei Zeit[en vjon^ 26 Wesel nach 
Oberhausen. Die miiden Pferde. 

Von Oberhausen mit d. Dampfwagen nach Diisseldorf und um 
111/2 Uhr daselbst eingetroffen. Die Kinder wohl angetroffen, 
Freude.O 27 



1854. 

Reise nach Hannover 805 



Donnerstag, den 19ten Januar bei sehr schonem Wetter friih 
7 1/4 Uhr abgefahren iiber Hamm u. Minden nach Hanover. 
Joachim u. Brahms [uns] erwartend. Hotel royal. Comfortable 
Zimer. Gegen Abend Fliigel angesehen. (Hr. Riethmiiller sehr 
schon), dann mit J.[oachim] u. B.[rahms] zusamen in ein Gast- 
haus. Spater Hr. Grimm. 

Freitagj d. 20sten. In Bettinen's Briefwechsel gesucht 806 . Um 
12 Uhr Probe. Hr. Gr.[af] v. Platen. Gr&fin Bernstorff. Joachims 
wundervolles Spiel. Symphonie und ganz vortreffliches Orche- 
ster. Hr. Capellm.[eister] Fischer." Zu Marschner, der nicht zu 
Hause. — Abends mit Joachim 

musicirt. Sonate in A^ 28 moll 807 . — Romanzen f. Violine u. 
P[iano-]f[or]te von Joachim sehr merkwiirdig. — 

025 »anscheinend« iiber der Zeile eingefiigt. 

026 Fehlende Buchstaben wegen Einrifi im Papier, vgl. Fufinote 23. 

027 Zu den Notizen der Hollandreise gehdren noch einige kleine 
Merkzahlen und eine Rechnung mit der Endsumme »2060 [?] Fl.«, 
die in sehr kleinen, schwachen Bleistiftziigen auf Seite 26 der 
Handschrift stehen. 

028 Ursprunglich »D«, durch »A« uberschrieben. 



448 fanuar 1854 

Sonnabend d. 21sten. In d. Knaben Wunderhorn 808 . — Mit 
Joachim Besuche; dann zu ihm in seine Wohnung. Brahms sehr 
still. Abends Concert 809 . Ganz vortreffliches Orchester. Clara 
Es-dur Concert [von Beethoven]; Joachim Phantasie. Die 4te 
Symphonie vorziiglich ausgefiihrt. Vorstellung an II. Majesta- 
ten. Sehr leutseHg. Dann noch mit Joachim u. Brahms im Hotel. 

f Sonntag d, 22sten. Friih bei Grafin Bernstorff (eine liebens- 
wtirdige Dame). — Hr. Musikhandler Nagel. Frl. Claus^ 29 von 
Diisseldorf komend. Abends Hugenotten von Af.[eyerbeer] — 
Kl.[ara] u. Brahms komen bald zuriick. Dann mit Brahms. 

29 Montag d. 23sten. Besuch von Gr.[af] Platen. Um 12 Uhr Mu- 
sik bei uns. D-moll Sonate, aus d. 3ten Sonate von Brahms, 
Stucke von Joachim. Frl. Claus als Zuhorerin. Aergerlichkeiten 
wegen d. Soiree. Abends mit Brahms u. Grimm zusamen. Ent- 
schlufi mit Kl.[ara] zurlickzureisen. 

Dienstag d. 24sten. Aergerliche Stimmungen. Frl. Claus^ 30 als 
Storenfried. Clara's Unmuth. Absagen der Soiree. Abends schon 
musicirt mit Joachim. 

Mittwoch d. 25sten. Ausgleichung mit Frl. Claufi. Besuch von 
Grafin Bernstorff und unvermuthete Einladung zu Hof. Gegen 
Abend Probe mit Joachim vom Concert f. Violine 810 . Abends bei 
Hofe. Sehr gnadige Aufnahme. Das aufmerksame Zuhoren der 
Herrschaften[.] 

30 Clara, die Clauss und Joachim musiciren (ein seltner Verein). 
Gegen 11 Uhr nach Haus. — 

Donnerstag d. 26sten. Friih Musik bei uns. lste Sonate f. 
Viol.pne] u. P[iano]f[or]te. Dann Wilh. KlaufiO 30 Sachen von 
Heller u. Sonate in D-moll von Beethoven (ausgezeichnet). Ab- 
schied von ihr u. ihre Gestandnifie an Klara. Joachim unwohl. 
Abends im Bett, wo wir ihn besuchten und wieder lustig mach- 
ten. Ich von der Klaufi: »ein kleiner Anmuthteufel«. — 
r Freitag d. 27sten. Klara im Schlofi, auf dem Erard spieiend. 
Die Kinder des Konigs. Besuch von Joachim. Abends bei ihm. 
Sehr frohlich. Viel getrunken (zu viel). Unruhige Nacht. 
Sonnabend d. 28sten. Clemens Brentano's Friihlingskranz 811 
gelesen. Gegen Abend 

31 Joachim. Romanzen von Klara 812 , u. die 3 Stucke von Joachim 
Op. 2 (merkwiirdiger Art) 

Um 8 Uhr zu Hof. Wie das erstemal, hochst angenehmer 
Abend. Konig und Koniginn sehr leutseHg u. freundlich. Klara 
spielt Variationen v. Mendelssohn, mit Joachim m.[eine] Phan- 

029 Urspriinglich »K«, durch »C« iiberschrieben; recte: Claufi. 

030 Recte: Claufi. 



Januar 1854 449 

tasiestiicke und ihre Romanzen, und dann viele Stiicke aus dem 
Jugendalbum u. d. Kinderscenen. 

Sonntag d. 29sten. Um 11 Uhr zu Joachim. Quartettunterhal- 
tung. Das lste von mir, das in F-mollv. Beethoven (— ), und das 
3te von mir. Gute Spieler 031 . Abends 7 Uhr Musik bei uns. Ro- 
manzen f. V[iolon]celio (m. Violine) 813 , 3 erste Satze v. d. So- 
nate von Brahms. Dann Graf in BernstorfP 32 mit Bruder. 2te So- 
nate f. V.[ioline] u. P[iano]f[or]te (wunderschdn) Noch zusa- 
men. — 

Montag d. 30 Jan.[uar] Um 10 1/2 [Uhr] zur Probe im Thea- 
terconcertsaal. Ouverture zu Manfred (gewaltig). Concert f. 
Violine, Joachim etwas ermiidet. Abschied von Grafin Bern- 
storff. Abschied von Joachim, Brahms, H. Grimm u. Wille. Um 
2<>33 1/2 [Uhr] fort. Clara('s) von Zahnschmerzen geplagt. Um 
9 1/2 [Uhr] in Diisseldorf angelangt. Alles wohl getroffen. 



Leipzig. Oct. [ober] 1—8. 

Dresden. 9-15. Wien. 

Berlin. 16-31. 

Hamburg. Nov. [ember] 1 — 15. 

Bremen. 16—25. 

[Aufftihrungen von Werken Schumanns] 814 

Cassel im Dec. [ember 1853] 4te Symph.[onie] 

Hanover d. 21 Jan.[uar 1854] » » » 

Diisseldorf 

Leipzig ■ Phantasie v. Joachim [gespielt] 

Hanover 

Berlin im Jan.[uar 1854] 4te Symph.[onie] 

Oldenburg: Rose. 

Wien: 2te Symph.[onie] 

Dessau: Genoveva, Hornerconcert 

Bonn: 1 Dec.fember 1853] Peri. 

Utrecht: d. 26/11 3te Symphonic 

Haag: d. 30 [11.1853] 2te Symph.fonie] 

Rotterdam, d. 2 Dec. [ember] 3te Symphonie 

Amsterdam, 1853 im Nov. [ember] Ouv.fertiire] zu Genoveva 

— — , 2te Symphonie. 

. d. 2 Dec.fember] dieselbe 



Paris, Nov. [ember] 27. Manfredouverture. 

031 »S« iiber einen anderen Buchstaben — vermutlich »C« — geschrie- 
ben. 

032 »B« uber einen nicht lesbaren Wortanfang geschrieben. 

033 Urspriinglich »1«, durch »2« iiberschrieben. 



450 

Haag, Dec. [ember] 6., Rose. 
Utrecht, „ 10., Genoveva. 

Hamburg, Nov. [ember] 9. Symph.[onie] III. 
Rotterdam, d. lsten Dec.[ember] Concert [op. 54] 
Utrecht, d. 26 [11.1853] ] n n r nil 

Haag, d. 30 [11.1853] ] Conce * alle S'° t°P- 134 ] 

Diisseldorf, d. 15 Dec. [ember] Ouv.[ertiire] zu Genoveva. 



451 



Anmerkungen 



Abkiirzungen und Siglen 



AfMw Archiv fur Musikwissenschaft 

Album Briefe und Gedichte aus dem Album Robert und 

Clara Schumanns, hg. von W. Boetticher, Leipzig 

1979 
AM2 Allgemeine Musikalische Zeitung, Leipzig 

AThZ Allgemeine Theater-Zeitung, Wien 

Bb Brautbuch (Aufzeichnungen und Notenskizzen Ro- 

bert Schumanns), z.T. unveroff., RSchH, Sign. 5976 

-A3/A1 
Boett. I W. Boetticher, Robert Schumann, Einfiihrung in 

Personlichkeit und Werk, Berlin 1941 
Boett. II W. Boetticher, Robert Schumann in seinen Schriften 

und Brief en, Berlin 1942 
BV Briefverzeichnis Robert Schumanns, unveroff., 

RSchH, Sign. 4871/VII C, 10; vgl. auch »K« 
BwW Clara und Robert Schumann, Briefwechsel. Kriti- 

sche Gesamtausgabe, hg. von Eva Weissweiler, Bd. I 

(1832-1838) Basel/Frankfurt a. M. 1984, Bd. II 

(1839) ebd. 1987, Bd. Ill (1840 ff.) in Vorbereitung 
CWTb Clara Wieck, Jugendtagebucher, unveroff., RSchH, 

Sign. 4877 1 " 4 - A 3 (7 Tagebucher in 4 Bdn.) 
Dorffel Geschichte der Gewandhausconcerte zu Leipzig 

vom 25. November 1781 bis 25. November 1881, im 

Auftrage der Concert-Direction verfafit von Alfred 

Dorffel, Leipzig 1884 
EQu G. Eismann, Robert Schumann. Ein Quellenwerk 

iiber sein Leben und Schaffen, 2 Bde., Leipzig 1956 
Erler Robert Schumann's Leben. Aus seinen Briefen ge- 

schildert von Hermann Erler, 2 Bde., Berlin 1887 
EStA G. Eismann, Nachweis der internationalen Stand- 

orte von Notenautographen Robert Schumanns, in: 

SbRSG (s. d.) 11/1966, Leipzig o. J., S. 7-37 
GS Robert Schumann, Gesammelte Schriften iiber Mu- 

sik und Musiker, 4 Bde., Leipzig 1854; Reprint mit 

Nachwortvon G. Nauhaus: Leipzig 1985 (Breitkopf 

& Hartel); vgl. auch »Kr« 
Hofm. K. Hofmann, Die Erstdrucke der Werke von Robert 

Schumann, Tutzing 1979 



452 
JDb 

JNF 
K 

Kinsky-Halm 
Kr 



LAZ 

Litzm. 



LT 
Mf 
Moser-Rebling 



NZfM 
PA 



Pb 

Progr.-Slg. 
RSchH 
SbRSG 



Signale 

Tb 



Die Davidsbtindler. Aus Robert Schumann's Sturm- 
und Drangperiode. Ein Beitrag zur Biographie R. 
Schumann's nebst ungedruckten Briefen, Aufsatzen 
und Portraitskizzen aus seinem Freundeskreise, von 
F. Gustav Jansen, Leipzig 1883 
Robert Schumanns Briefe. Neue Folge. Hg. von F. 
Gustav Jansen, Leipzig 2 1904 

Schumann- Korrespondenz, unveroff., Deutsche 
Staatsbibliothek Berlin, z. Zt. Biblioteka Jagiel- 
lonska Krakow; vgl. auch »BV« (die Numerierung 
der erhaltenen Briefe ist ubereinstimmend) 
Das Werk Beethovens. Thematisch-bibliographi- 
sches Verzeichnis seiner samtlichen vollendeten 
Kompositionen von G. Kinsky, nach dem Tode des 
Verfassers abgeschlossen und hg. von Hans Halm, 
Munchen 1955 

Gesammelte Schriften uber Musik und Musiker von 
Robert Schumann. 5. Auflage, mit den durchgesehe- 
nen Nachtragen und Erlauterungen zur 4. Auflage 
und weiteren hg. von Martin Kreisig, 2 Bde., Leip- 
zig 1914; vgl. auch »GS« 
Leipziger Allgemeine Zeitung 

Clara Schumann. Ein Kunstlerleben. Nach Tagebii- 
chern und Briefen von B. Litzmann, 3 Bde., Leipzig 
1902, 1905, 1908; Reprint: Hildesheim/New York/ 
Wiesbaden 1971 

Leipziger Tageblatt und Anzeiger 
Die Musikforschung 

Robert Schumann. Aus Anlafl seines 100. Todesta- 
ges, hg. im Auftrage des Deutschen Schumann-Ko- 
mitees von H. J. Moser und E. Rebling, Leipzig 
1956 

Neue Zeitschrift fur Musik 

ProzeSakten Robert Schumann/Clara Wieck gegen 
Friedrich Wieck, unver^ff., Staatsarchiv Dresden, 
Bestand Landgericht Leipzig Nr. 1 (Kopie und 
Ubertragung im RSchH) 

Robert Schumann, Projektenbuch, unverdff, 
RSchH, Sign. 4871/VIIC, 8 

Clara Wieck- Schumann, Sammlung der Konzert- 
programme, RSchH, Sign. 10463 — A 3 
Robert- Schumann-Haus Zwickau, Archiv bzw. 
Schausammlung 

Sammelbande der Robert-Schumann-Gesellschaft, 
Sitz Zwickau, Leipzig 1/1961, 11/1966 
Signale fiir die musikalische Welt, Leipzig 
Tagebuch, Tagebiicher Robert Schumanns (rdmi- 
sche Zahlen bezeichnen die Bande, arabische die 
Numerierung innerhalb der Bande) 



453 

Was. 4 Robert Schumann. Eine Biographie von W. J. v. 

Wasielewski, hg. von Dr. Waldemar v. Wasielewski, 

Leipzig 4 1906 
Wolff Robert Schumanns Lieder in ersten und spateren 

Fassungen, von V. E. Wolff, Leipzig 1914 
ZfM Zeitschrift fur Musik 

ZS Zeitungsstimmen, gesammelt von Robert Schumann, 

6 Bde., RSchH, Sign. 2067 bis 2072 - C 3/A 4 



1 Vgl. Schumanns Aufsatz »Der alte Hauptmann«, GS II, S. 116ff.; 
Krl,$.261ff. 

2 Gemeint ist die in der NZfM, Bd. V, Nr. 10vom2. 8. 1836, S. 41 f., 
veroffentlichte Rezension eines »so eben erschienenen« Trios von 
J. F. Dobrzynski. Vgl. Kr II, S. 220f. 

3 Gemeint ist die Sonate fis-Moll, op. 11. Vgl. Litzm. I, S. 104. 

4 Schumann besprach diese Werke im 1. und 3. Quartett-Morgen, 
NZfM, Bd. VIII, Nr. 46 vom 8. 8. 1838, S. 182, und Bd. IX, Nr. 10 
vom 3. 8. 1838, S. 42 (GS II, S. 248 ff. und 262 ff., Kr I, S. 335 f. 
und 342f.). Vgl. die Eintragung vom 7. August. 

5 Die Rezension erschien in NZfM, Bd. V, Nr. 12 vom 9. 8, 1836, 
S.48f. (GSI, S.292f., KrI, S. 174f.), und bezieht sich auf die 
Trios B-Dur op. 6, fis-Moll op. 7 und E-Dur op. 8 von Hitler, den 
Schumann den »Unliebenswiirdigsten unserer Lieblinge« nennt. 

6 Gemeint ist wahrscheinlich J. S. Bach. Der Name kommt von Has- 
san ben Sabbah (11./12. Jh.) und seinen Nachfolgern, die ihn als 
Beherrscher der militanten muslimischen Sekte der Assassinen tru- 
gen. — Eine Beziehung zu Ludwig Tiecks gleichnamiger Novelle 
( 1 8 2 8) ist nicht nachweisbar. 

7 Hector Berlioz hatte Schumann mit einem Brief vom 2. 8. 1836 die 
Partitur seiner Ouvertiire »Les Francs- Juges« geschickt, vgl. Album, 
S. 232 f. Das Werk war von Schumann bereits im Marz 1836 
(NZfM, Bd. IV, Nr. 24 vom 22. 3.. 1836, S. 101 f.; GS I, S. 244 f.; 
Kr I, S. 146f.) besprochen worden. 

8 Die Rezension der Trios von C. A. v. Klein und Reissiger erschien 
in NZfM, Bd. V, Nr. 13 vom 12. 8. 1836, S. 51 f. (GS I, S. 293 ff.; 
KrI,S. 175 ff.). 

9 Gemeint sind wohl die unter diesem Datum und dem 13. 8. im BV 
(Nr. 1 5 5 f .) eingetragenen Brief e an Schulz in Karlsruhe und 
Dr. Schilling in Stuttgart, in denen Schumann urn Berichte fiir die 
NZfM bat. 

10 Gemeint ist: Rahel, ein Buch des Andenkens fur ihre Freunde, hg. 
von Karl August Varnhagen von Ense, Berlin 1833. Schumann ver- 
offentlichte Passagen aus dem »kostbaren Buch« in der NZfM, 
Bd. V, Nr. 15 (S. 60 f., betr. Prinz Louis Ferdinand von Preufien), 
Nr. 20 (S. 81) und Nr. 26 (S. 104f.). 

11 Die Anspielung war nicht zu entschlusseln. Die in der Eintragung 
vom 14. August erwahnte weifie und rote Rose waren Wappenbil- 
der der englischen hochadligen Hauser York und Lancaster, die 
von 1451—1485 blutige Erbfolgekriege (»Rosenkriege«) fuhrten. 



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12 Schumann besuchte die Auffuhrung mit Henriette und Carl Voigt 
(vgl. Robert Schumanns Briefwechsel mit Henriette Voigt geb. 
Kuntze, mitgeteilt von Julius Gensel, Leipzig 1892, S. 15) und 
schrieb wahrscheinlich die folgende, unter »Vermischtes« in der 
NZfM, Bd. V, Nr. 18, S. 70 [recte: 74], erschienene Notiz: »(Der 
>Blitz< in Leipzig.) Er hat entschieden gefallen und wiirde es ver- 
kiirzt noch mehr. Eine Zug-Oper fiir das grofie Publicum ist sie 
nicht und dazu zu einfach. Die erste Auffuhrung, namentlich Steg- 
mayer's Orchester, verdient ausgezeichnetes Lob, zumal die Oper 
so schwer, wie irgend eine heroische, auszufuhren ist. Dasselbe gilt 
von den anstrengenden Gesangparthieen. Am spafihaftesten war 
Hr. Lortzing und im Spiel und Gesang trefflich. Die Spielenden 
[...] wurden sammtlich gerufen.« 

13 Das Konstitutionsfest wurde zur Erinnerung an die Aushandigung 
der Verfassungsurkunde des Konigreichs Sachsen an die versam- 
melten Landstande am 4. September 1831 begangen. Vgl. Tb III, 
S. 290, 351, 399 und Anm. 403A auf S. 732. 

14 Keferstein schrieb am 28.8. (BV Nr. 435) und 7.12. 1836 (BV 
Nr. 499 »Mit kl. Beitragen«) an Schumann; die Antwort erfolgte 
erst am 31. 1. 1837 (JNF Nr. 82, S. 83f.; Erler I, S. 104f.). 

15 Siehe auch die Eintragung unter »December.«, S. 30. Gemeint ist 
die spatere C-Dur-Fantasie op. 17. Vgl. dazu Schumanns Brief vom 
19.12. 1836 an F. Kistner (JNF Nr. 485, S. 420 f.; Erler I, 
S. 101 ff.). Die Beziige auf Beethoven im Notentext wurden of fen- 
bar erst unmittelbar vor der Drucklegung (April 1839 bei Breitkopf 
& Hartel) getilgt. Vgl. Alan Walker, Schumann, Liszt and the C 
major Fantasy op. 17; a declining relationship. In: Music and Let- 
ters, April 1979, S. 156ff. 

16 Die Briider Louis und Ernst Rakemann gaben, untersttitzt von der 
Sangerin Louise Franchetti-Walzel und der Schauspielerin Frl. 
Gunther, am 8. 9. 1836 im Saal des H6tel de Pologne ein »GroEes 
Concert«. Auf dem Programm standen: Ouverture, Concertino Es- 
Dur op. 26 fiir Klarinette von Weber (E. Rakemann), Arie aus 
»Sargino« von Paer mit obligater Klarinette (Franchetti-Walzel, 
E. Rakemann), Romanze und Rondo aus dem Klavierkonzert Nr. 1 
e-Moll von Chopin (L. Rakemann), Adagio und Allegro aus dem 
Klarinettenkonzert A-Dur KV 622 von Mozart (E. Rakemann), 
Gedicht »Die guten und die bosen Freier« von Saphir (Frl. Giin- 
ther), 7 Variationen iiber ein Thema aus »Silvana« op. 33 fiir Klari- 
nette und Klavier von Weber (E. und L. Rakemann), Arie aus 
»Alessandro nelle Indie« von Pacini (L. Franchetti-Walzel) und 
Konzertsatz fiir Klavier von F. Kalkbrenner (L. Rakemann). LT 
Nr. 252 vom 8. 9. 1836, S. 2411. 

17 Chopin kam am 12. 9. 1836 fiir einen Tag nach Leipzig und be- 
suchte Schumann, der ihm nach Marienbad geschrieben hatte (BV 
Nr. 1 59 : »Mdchte umgehend schreiben, ob er in Marienbad 
ware.*). In der NZfM, Bd. V, Nr. 23 vom 16. 9. 1836, S. 94, er- 
schien unter »Vermischtes« folgende Notiz: »Chopin war einen 
Tag in Leipzig. Er brachte neue himmlische Etuden, Notturnos, 



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Mazurken, eine neue Ballade u. A. mit und spielte viel und sehr un- 
vergleichlich. — « 

17 A Vgl. Schumanns Brief vom 14. 9. 1836 an Heinrich Dorn (JNF 
Nr.